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Die Lebensbiografie von Curt Riess - geschrieben 1977

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956/57 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesem Buch gibt es neben den "Aufzählungen von Tatsachen" jede Menge Hintergrund- Informationen über seinen Werdegang, seine Reisen und das Entstehen der Filme, über die Schauspieler und Stars, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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Teil IV • KRIEG

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(20) Wie man Spion wird

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Mitte 1941 - Eine "unwahrscheinliche" tolle Geschichte ......

Das Leben kann "unwahrscheinlicher" sein als die "unwahrscheinlichsten" Geschichten; ich hätte es wissen müssen. Schließlich war das Heraufkommen von Hitler, vor allem aber das, was er nach der Machtergreifung unternahm, unwahrscheinlich genug - um es milde auszudrücken.

Aber was ich nun erlebte, als ich ein paar Tage nach dieser seltsam endenden Party in New York nach Washington kam, war der Gipfel des "Unwahrscheinlichen".

Ich kann es niemandem, der das liest, verübeln, wenn er kein Wort davon glaubt. Ich selbst würde es kaum glauben, hätte ich es nicht selbst erlebt.

Ich fuhr also nach Washington ......

Ich fuhr also nach Washington und traf dort Mr. Coggins, wie immer in Zivil, in der Halle eines Hotels. Es war alles sehr „konspirativ". Als ich auf ihn zuging und ihm die Hand reichen wollte, schüttelte er unmerklich den Kopf.

„Sie gehen mir einfach nach, als ob wir uns gar nicht kennen würden!"

Es war schon Abend. Wir nahmen ein Taxi.
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Und nun wie im Film : Wir fuhren irgendwohin .....

Wir fuhren irgendwohin, wir betraten irgendein Gebäude und dann irgendein Büro. Es war spärlich beleuchtet, ich konnte nicht mehr erkennen, als daß zwei Männer anwesend waren. Wie sie aussahen, war nicht auszumachen, und ihre Namen nannten sie auch nicht, wenigstens vorläufig nicht.

Einer der Herren kam gleich zur Sache. Ich wisse wohl, worum es sich handele. - Ich erwiderte: „Nein, ich weiß es eigentlich nicht." - „Lieutenant-Commander Coggins sagte es Ihnen doch." - Ich schwieg.

„Kurz und gut: wir wollen Sie in der Naval Intelligence haben." (das ist die Marine-Nachrichtenabteilung der USA".) Und als sei damit alles erledigt, fuhr er fort. Natürlich könnte man nicht viel zahlen (deutliche Untertreibung) , er schlage vor, daß ich mich mit dem Rang eines Lieutenant-Commander (ähnlich einem Kapitänleutnant) zufrieden gebe.

Das bedeute so und so viel pro Monat (???). Und Uniform solle ich nicht tragen - nein, dürfe ich nicht tragen, wenigstens vorläufig nicht.

  • Anmerkung : Eine Recherche (in 2021) zu den Navy Gehältern von1941/1942 ergab, daß es bestimmt zwischen 2000 und 3000 Dollar - im Monat !! - gewesen sein müssten. Und das war für 1941 wirklich nicht so wenig.

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Und alles ist streng geheim .....

Niemand dürfe erfahren, daß ich für die Naval Intelligence tätig sei, allenfalls meine Frau. Den anderen gegenüber würde ich ja mein gewohntes Leben weiterführen können und eben jede Woche zweimal für je zwei Tage nach Washington kommen.

Und ich könnte doch sehr gut sagen, das geschehe, um mir Informationen zu holen, was bei einem Journalisten ja nicht weiter auffällig sei.

Ich nahm einen Anlauf: „Ich glaube, hier liegt ein Mißverständnis vor. Ich bin wirklich nicht der richtige Mann für Sie. Kein Fachmann!"

Einer der Herren zündete sich eine Zigarette an, und ich sah im Licht des Streichholzes, daß er lächelte.
„Sie glauben mir nicht. Dann sagen Sie mir wenigstens, was ich tun soll."
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„Dann sagen Sie mir wenigstens, was ich tun soll."

Das tat niemand. Indessen wurde ich vereidigt. Ja, in diesem Raum, den ich, soviel ich weiß, nie wiedergesehen habe, den ich nicht beschreiben könnte, denn dazu war es viel zu dunkel, sprach mir einer der Herren eine Eidesformel vor.

Ich sollte schwören, daß ich nie über meine Tätigkeit in Washington zu Dritten sprechen, vor allem auch nie erwähnen würde, mit der Naval Intelligence in Verbindung zu stehen. - Ich schwor.
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Man wird sich jetzt vielleicht fragen, warum ich heute (wir sind inzwischen in 1977) darüber rede.

Dazu muß ich einen Sprung nach vorn tun, in die 1950er Jahre. Damals erzählte mir jemand in New York, der ehemalige Chef der Naval Intelligence, Captain - später Admiral - Zacharias, habe seine Memoiren geschrieben und ich käme darin vor.

Und richtig, ich fand in diesen Memoiren erwähnt, daß ich für die Naval Intelligence während des Krieges tätig gewesen sei. Zacharias hatte sicher auch geschworen, aber in den fünfziger Jahren nahm er das wohl nicht mehr so genau.

Während ich dies (in 1977) niederschreibe, und das ist nun mehr als dreißig Jahre später, ............
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..... bleibt mir zweierlei unklar.

Das eine: daß die Naval Intelligence damals, 1941, so völlig unfähig, ja geradezu grotesk unfähig war.

Das zweite: daß man das nicht erkannte und eigentlich sehr wenig unternahm, um die Naval Intelligence zu einem brauchbaren Apparat auszubauen.

Wahrscheinlich hatten die beiden Mißstände einen tieferen Grund: Die Naval Intelligence war seit Menschengedenken nicht mehr eingesetzt worden, nämlich weil sie nicht gebraucht wurde.

Im letzten Krieg, den Amerika mitgemacht hatte, dem Ersten Weltkrieg, war die Navy nur ein Transportunternehmen gewesen. Sie hatte Truppen von Amerika nach Europa zu bringen oder zu geleiten - nichts sonst.

Den Seekrieg führte Großbritannien, das ja auf diesem Gebiet Deutschland, von Österreich ganz zu schweigen, weit überlegen war.
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Damals, 1917-1918, existierte zwar eine Naval Intelligence

....., aber allenfalls dem Namen nach. Selbst wenn sie über gute Spione oder Agenten verfügt hätte - was konnte sie mit den Ergebnissen einer wie auch immer gearteten Spionagetätigkeit anfangen? Allenfalls sie den Engländern übermitteln, die so schon mehr wußten, als die Amerikaner je herausbekommen würden.

Warum dachte man in Washington nie daran, wenigstens nach dem Ersten Weltkrieg, und insbesondere nach Hitlers Machtergreifung, als sich also zumindest die Möglichkeit eines neuen Weltkrieges abzeichnete, etwas zu unternehmen, um eine einigermaßen funktionierende Naval Intelligence aufzubauen?

Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten. Viele in Washington glaubten nicht an einen neuen Krieg mit amerikanischer Beteiligung, weil sie nicht daran glauben wollten.
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Es gab in Washington nämlich die "Isolationisten" ....

Die Isolationisten - ein Wort, das heute längst vergessen ist, aber in den 1920er und 1930er Jahren eine große Rolle spielte - die Isolationisten also waren stark, und wenn es nach ihnen gegangen wäre, würde Amerika in den Zweiten Weltkrieg nie eingetreten sein.
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Nun ist aber Spionage etwas, das von langfristiger Planung lebt.

Ein Mann der britischen Naval Intelligence hat mir einmal gesagt, daß man in London im allgemeinen Agenten irgendwohin schicke, sie zehn Jahre völlig ruhig ihrem bürgerlichen Beruf nachgehen lasse und dann erst einsetze.

Um 1940 oder 1941 eine brauchbare Naval Intelligence zu besitzen, hätte Washington sie nach dem Ersten Weltkrieg aufbauen müssen. Dies war nicht geschehen.

Schlimmer noch: die amerikanischen Militärs, die Navy eingeschlossen, hielten die Naval Intelligence für unwichtig und für leicht lächerlich. Niemand in Washington kam auf die Idee, daß sie einmal wichtig werden könnte. Übrigens auch niemand in London.
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Dank dem amerikanischen Talent zur Improvisation ....

Daß die Naval Intelligence sich schließlich doch noch im Zweiten Weltkrieg bewährte, freilich erst ab 1943/44, ist dem amerikanischen Talent zur Improvisation zu verdanken.
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Aber ich greife den Ereignissen voraus.

Nach meinem Schwur wurde etwas mehr Licht gemacht, die Herren stellten sich vor, und der Mann, der mir den Eid abgenommen hatte, war Zacharias. Meine Frage, was ich jetzt tun solle, beantwortete er nicht, auch keiner der beiden anderen Männer. Wir trennten uns, ich fuhr mit dem Nachtzug nach New York zurück und besuchte drei Tage später wieder Coggins.

Diesmal ging ich sogleich in sein Büro bei der Naval Intelligence - damals übrigens kein sehr imposantes Gebäude.

Coggins wies mir ein Büro zu. Vor diesem stand ein Matrose und salutierte. Er stand nun immer da, wenn ich erschien, es mochte sich jeweils auch um einen anderen handeln. Sicher war nur: ich wurde bewacht, und wer immer mir an Leib und Leben wollte, hätte über die Leichen der Wächter schreiten müssen. Aber wer, um Himmels willen, sollte irgend etwas von mir wollen?
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Was nun? Coggins starrte mich an, ich ihn.

Schließlich meinte er, es sei wohl das beste, wenn ich mich ein wenig umsähe. Das tat ich unter seiner Führung.

Ich sah eine Menge Büros. Männer, meist in Uniform, die irgendwelche Akten studierten; Mädchen, alle in Uniform, die irgendwelche Stenogramme aufnahmen. Ich starrte sie neugierig an und sie starrten mich neugierig an. Als der Rundgang, der sich über den ganzen Vormittag erstreckte, beendet war, wußte ich soviel wie zuvor.

Die Akten studierenden Männer, die tippenden Mädchen, sie hätten auch für eine Schokoladenfabrik oder für eine Export-Import-Firma arbeiten können.

Unser Hauptgegner war .... die US-Army-Intelligence

In den nächsten Tagen erfuhr ich doch das eine oder andere, zum Beispiel, daß der Hauptgegner unseres Unternehmens nicht die deutsche Wehrmacht war, sondern die US-Army-Intelligence.

Wir hätten so gern erfahren, was die natürlich ebenfalls in Washington installierten Konkurrenten trieben - aber wir erfuhren nichts. Nur, daß sie eine Spionageschule, das heißt eine Schule für Spione eingerichtet hatten.

Und unser zweiter Gegner war die British Naval Intelligence. Unsere Alliierten? Die Leute, mit denen wir zusammenarbeiteten? Keineswegs.
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Die Londoner trauten uns nicht über den Weg.

Und zu Recht. - Was waren wir denn? Soweit ich es übersehen konnte, waren wir eine Art Ableger eines Tennis- oder Golfklubs. Die Mehrzahl der Offiziere setzte sich aus den jüngeren Brüdern von höheren Marineoffizieren zusammen, die vermutlich wegen ihrer mangelnden Fähigkeiten hierher abgeschoben worden waren.

Sie gaben sich liebenswürdig, sie hatten Manieren und wußten von dem, was sie tun sollten, noch weniger als ich. Dabei war das nur schwer möglich.

Ich saß also an meinem Schreibtisch.

Ich hatte erstaunlicherweise eine Idee. Vielleicht stammte diese Idee auch von meiner aus New York mitgebrachten Sekretärin oder von meinem ebenfalls von mir angeforderten New Yorker Mitarbeiter Ladislav Farago, einem Ungarn.
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Mein New Yorker Mitarbeiter Ladislav Farago, ein Ungar

Das Groteske an der Situation war, daß beide sich nicht ganz legal in den Vereinigten Staaten aufhielten, sondern auf Grund eines längst abgelaufenen Visums für Besucher. Aber das war bei vielen Emigranten so.

Farago blieb übrigens auch nach Kriegsende in der Naval Intelligence. Er veröffentlichte mehrere Bücher, basierend auf Photokopien, die er sich von Akten gemacht hatte. Das war vielleicht auch nicht ganz legal, aber vieles, was er in seinem Leben tat, war nicht ganz legal.

Er war intelligent und geschickt und gerissen und nicht gerade von moralischen Skrupeln heimgesucht.
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Aber zurück zu meiner Idee.

Die hatte zwar mit Intelligence, will sagen Spionage, eigentlich nur indirekt zu tun. Immerhin . . .

Ich diktierte ein langes Expose über das, was nach meiner Ansicht gemacht werden sollte, besser: was ich machen wollte. Als ich mit meinem Diktat fertig war, fragte mich meine uniformierte Sekretärin, wie diese Arbeit „klassifiziert" werden sollte.

Auf meinem Schreibtisch lagen eine Reihe von Stempeln: „Confiden-tial", „Secret", „Top Secret".

Mehr aus Ulk als aus Wichtigtuerei stempelte ich mein Geisteskind „Top Secret". - Es verschwand in einem Safe.
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Und jetzt begann die Odyssey der eigenen Beamten

Am nächsten oder übernächsten Tag sollte ich Captain Zacharias Vortrag halten. Ich verlangte mein Expose als Unterlage. Bedauerndes Kopfschütteln.

Ein als „Top Secret" bezeichnetes Papier durfte ich nicht in die Hand bekommen. Vergebens mein Einwand, es handele sich ja schließlich um etwas, das ich selbst verfaßt hätte.

Selbst Zacharias meinte, es würde ihn einige Zeit, mindestens ein paar Stunden kosten, die Erlaubnis zu erhalten, das Papier aus dem Safe herauszuholen. Er riet mir, meinen Vorschlag noch einmal zu Papier zu bringen.

Das tat ich und klassifizierte ihn diesmal als „Confidential". Das erlaubte mir, mein Expose in meiner eigenen Schreibtischschublade aufzubewahren.
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Meine Vorschläge handelten sich um Folgendes:

Die US-Flotte machte bereits Gefangene. Es handelte sich um Überlebende versenkter U-Boote, manchmal auch von Kriegsschiffen, die gekapert worden waren, oder um Besatzungen gekaperter Handelsschiffe. Die wollte ich interviewen.

„Ausgeschlossen! Die Befragung von Gefangenen ist einer bestimmten Abteilung vorbehalten. Aber wir können vielleicht die Ergebnisse solcher Befragungen übermitteln."

„Das wäre für meine Zwecke völlig nutzlos", erklärte ich, nachdem ich einige Seiten solcher Befragungen gelesen hatte. „Ich will ganz andere Fragen stellen." Und ich erklärte Zacharias, was ich beabsichtigte.

Er schien interessiert. „Das ist eigentlich nicht ganz orthodox", bemerkte er schließlich, „aber dieser ganze Krieg ist es ja nicht. Und auch die Engländer haben so etwas Ähnliches gemacht."

Schließlich arrangierte er einige Befragungen durch mich - übrigens in seiner, später in Coggins' Gegenwart. Beide machten große Augen über meine Informationswünsche.

„Warum wollen Sie gerade das wissen?"

„Sie werden schon sehen . . ."

Auch die Kriegsgefangenen selbst waren erstaunt. Ich wollte nämlich wissen, wo einer gelebt hatte, wo er zu Hause war, ob er verheiratet war, was man sich so in seiner Stadt oder in seinem Dorf erzählte.

Ich wollte Informationen über seine Kameraden und Vorgesetzten. Besonders interessierte mich, was so in Kiel oder Wilhelmshaven oder in anderen Häfen vor sich ging, wo viele der hohen und höchsten Marineoffiziere lebten. Und wie sie lebten. Man hätte glauben können, ich wollte eine Klatschspalte schreiben - und genau das wollte ich auch.

Etwa so: Kapitän X hatte ein Verhältnis mit der Tochter von Admiral Y? Ja, ganz Kiel wisse es, mit Ausnahme des Admirals. Oder: Korvettenkapitän A sei mit der Frau eines anderen Korvettenkapitäns namens B liiert und habe ihr zu Weihnachten einen Pelz geschenkt, der aus Polen stamme und den sie - wie sie ihrem Mann gegenüber sagte - von ihrer Mutter erhalten habe. Ich erfuhr eine Menge Intimitäten und die dazu gehörenden Namen.

Und jetzt kam meine böse Seite zum Vorschein :

Und nun verfaßte ich rund fünfzehn Minuten lange Radioansprachen. Sie enthielten neben dem, was wir den deutschen Matrosen auf hoher See mitteilen wollten - nämlich in den verschiedensten Varianten, daß und warum Deutschland den Krieg verlieren müsse und sie selbst somit auf verlorenem Posten stünden -, neben Sachlichem also, das erfragte Geschwätz aus Kiel, Wilhelmshaven, Hamburg, Berlin et cetera.

Meine Idee war, daß sie sich sagen mußten, diese Informationen könnten doch nur aus Marinekreisen selbst stammen, aus Kiel oder Hamburg oder Bremen.
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Und es mußte glaubwürdig klingen ...

Um die Verwirrung vollständig zu machen, wählte ich einen New Yorker Anwalt aus, der in der Naval Intelligence Dienst machte, er solle die Rolle des Sprechers „Kapitän Albrecht" zu spielen. Er sprach Deutsch mit starkem amerikanischen Akzent.

Und damit erreichte ich genau, was ich wollte. Die Hörer und auch diejenigen, die von Amts wegen herauskriegen wollten, wer hinter den Sendungen steckte, vermuteten einen deutschen Geheimsender - keine Engländer oder Amerikaner, denn die hätten doch zur Tarnung Sprecher eingesetzt, die Deutsch ohne geringsten Akzent beherrschten, während ein deutscher Sender einen Mann mit Akzent einsetzen würde, um die deutschen Hörer irrezuführen.
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Die Ansprachen von „Kapitän Albrecht" wurden ein fulminanter Erfolg.

Man kann sich unser Vergnügen vorstellen, wenn uns „frische" Gefangene von den geheimnisvollen Sendungen berichteten und über die Verwirrung, die sie in hohen und höchsten Marinekreisen angerichtet hatten. Im Falle des besagten Korvettenkapitäns war es sogar zu Ohrfeigen im Kasino und nachfolgender Trennung oder gar Scheidung gekommen. Ich gestehe, daß mich das nicht gerade zu Tränen rührte.

Ich verhörte Gefangene manchmal zwei oder drei Tage lang - die Schwierigkeit dabei bestand nicht darin, sie zum Sprechen zu bringen, sondern eher darin, daß sie sich nicht vorstellen konnten, daß mich „so was" interessierte.

Ich schrieb dann an einem einzigen Tag bis zu sechs Broadcasts (Sendungen), die in ebensovielen Wochen gesendet wurden. Ich hatte auch noch andere Obliegenheiten in Washington, versteht sich, über die ich hier nicht sprechen möchte und die auch niemanden, die Russen vielleicht ausgenommen, heute noch interessieren könnten.
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In Hollywood schien etwas "anzubrennen" ....

Eines Tages sagte Coggins zu mir: „Sie haben ja hier nicht allzu viel zu tun. Würden Sie gern mal wieder an die Westküste fahren? Nach Los Angeles, ich meine nach Hollywood? Sie sind ja wohl seit Kriegsbeginn nicht dort gewesen?"

„Wie kommen Sie denn auf die Idee?"
„Wir wissen, daß Sie dort Freunde haben. Ja, wir wissen eine ganze Menge über Sie."
„Daß ich in der Filmmetropole Freunde habe, ist doch schließlich kein Geheimnis."
„Eben. Und viele von ihnen sind feindliche Ausländer."
„Feindliche Ausländer? Sie sind gebürtige Deutsche oder Österreicher, aber doch keine feindlichen Ausländer! Sonst wären sie doch in Deutschland geblieben."
„Man kann nie wissen!"

„Ich soll also herausfinden, ob Ernst Lubitsch, der seit 1923 in den USA lebt, oder Fritz Lang, ein Flüchtling vor Hitler, oder Vicki Baum, die schon vor der Machtergreifung der Nazis hier eintraf, für Hitler arbeiten? Das ist doch grotesk!"
„Es gibt auch andere. Man lernt Menschen kennen und durch diese wieder andere, und durch die anderen wieder Dritte ... Außerdem haben viele der prominenten Filmleute von Hollywood japanische Butler oder Gärtner."

„Und sie glauben, die arbeiten für Japan? Die leben doch auch schon seit Menschengedenken in Kalifornien."
„Man kann nie wissen. Aber Hand aufs Herz: Was wissen Sie denn über die politische Einstellung Ihrer Freunde und Bekannten?"
„Ziemlich wenig, außer daß sie alle gegen die Nazis eingestellt sind."
„Wissen Sie eigentlich, daß viele von ihnen Kommunisten sind?"
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Der Kommunismus war in Washington nicht populär .

Um diese Zeit befand sich die Sowjetunion zwar schon mit Hitler im Krieg, aber Kommunismus war nicht populär in Washington.

„Nein", antwortete ich wahrheitsgemäß, „das wußte ich nicht. Und ich halte es auch für unwahrscheinlich. Die Leute in Hollywood verdienen doch alle schweres Geld!"
„Sie zahlen schweres Geld für die kommunistische Sache. Zum Beispiel an einen gewissen Otto Katz, den Sie ja kennen."

Sie wußten wirklich eine Menge, wenn schon nicht das, was sie eigentlich hätten wissen müssen, so doch zumindest über mich.
„Wie werden Sie es Ihren Freunden gegenüber begründen, daß Sie nach Hollywood kommen?"
„Ich bin ja schließlich noch Journalist."
„Gut. Sogar sehr gut. Das ist immer eine Tarnung."
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Also ab nach nach Hollywood sogar mit dem Flieger

Ich fuhr, will sagen flog also nach Hollywood. Da es meinen Chefs in Washington so sehr auf Tarnung ankam, nahm ich wieder einmal ein Vertragsangebot an, Drehbücher zu schreiben, freilich mit der Klausel, daß ich nicht immer im Atelier der Twentieth Century Fox arbeiten müsse, sondern sogar außerhalb von Hollywood arbeiten könne, zum Beispiel in Washington oder New York.

Die Twentieth Century Fox, genaugenommen Mr. Daryl Zanuck, hatte die vage Idee, ich solle meine Bücher in Filme verwandeln, und war sichtlich erstaunt, als ich mitteilte, die meisten seien keine Romane, sondern Sachbücher. Es kam auch nicht viel bei dem Unternehmen heraus außer eine Menge Geld, jedenfalls für mich.

Und ein Film, der ein Jahr später auf der Basis eines Kapitels aus meinem Buch „Underground Europe" gedreht wurde - von mir geschrieben, aber keineswegs nur von mir.
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1942 - In Hollywood traf ich viele alte Freunde wieder:

Ernst Lubitsch, Billy Wilder, die Massary. Etwa zwei Dutzend sehr namhafter deutscher Schriftsteller waren inzwischen eingetroffen - über die Pyrenäen, Spanien, Portugal -, darunter auch Franz Werfel und Heinrich Mann, die sich selbst ironisch „Hundert-Dollar-Sträflinge" nannten. Sie hatten zuletzt im Süden Frankreichs gelebt und waren dort natürlich äußerst gefährdet gewesen.

Roosevelt persönlich hatte ihnen, wohl nicht zuletzt dank leidenschaftlicher Fürsprache seiner Frau, Visa ausstellen lassen, obwohl das nicht ganz den amerikanischen Bestimmungen entsprach. Die Sache wurde erleichtert durch die Versprechen der großen Filmfirmen, alle diese Schriftsteller ein Jahr lang für hundert Dollar pro Woche zu engagieren.

Sicher kaum mehr als ein Trinkgeld nach Hollywooder Maßstäben, aber man erwartete ja nicht von ihnen, daß sie nun tatsächlich Drehbücher verfassen würden - und sie taten es auch nicht. Mit einer Ausnahme: Hans - jetzt Jan - Lustig.
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Es hatte sich einiges verändert ....

Ich sah viel von Fritz Lang, der nun zu den ersten Filmregisseuren von Hollywood gehörte, und ich sah natürlich Vicki Baum, die ganz sachlich feststellte, daß sie ziemlich schnell in Vergessenheit geriete. Eben noch war sie eine Weltberühmtheit gewesen, jetzt kam es nur noch selten vor, daß etwa eine Verkäuferin in einem Warenhaus sie fragte: „Miss Baum? Waren Sie nicht einmal beim Film?"

Vicki hatte zuviel Humor, um sich darüber zu ärgern. Es gab überhaupt nur eines, das sie ärgerlich machen konnte, das war die Dummheit der Menschen.

Es war modern geworden, links zu sein ..

Dafür gab es viele Paradebeispiele in Hollywood. Dort war es jetzt - das hatte man mir ja in Washington gesagt - modern geworden, links zu sein.

Fast jeder, der 2000 bis 2500 Dollar pro Woche verdiente, war „eigentlich" ein Kommunist. Oder tat doch so, als ob. Um ihren Swimmingpool gelagert und an ihren Cocktails nippend, erklärten sie voll tiefer Befriedigung, die Weltrevolution stehe vor der Tür.

Es war eben eine Traumwelt in einer Traumfabrik

Natürlich hatten sie längst vergessen, daß Stalin mit Hitler einen Pakt geschlossen hatte und daß Stalin dann über das wehrlose Polen hergefallen war.

Sie ereiferten sich um so heftiger über die Engländer, weil diese den bedrängten Sowjets nicht zu Hilfe eilten, und später aus dem gleichen Grund über Roosevelt und seine Ratgeber. Sie schrien mindestens ebenso heftig und hysterisch wie die Russen nach der sogenannten „zweiten Front".

Die Sowjetunion war zu jeder Tages- und Nachtzeit Gesprächsthema.
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Irgendwie hatte es sich herumgesprochen ......

...., daß ich eine „geheime Tätigkeit" in Washington ausübte. Rolf Nürnberg hatte sogar die Behauptung aufgestellt, ich stehe in ständigem Kontakt mit den Russen.

Ich erfuhr davon, als mir ein bekannter Regisseur vertraulich auf die Schulter klopfte und fragte: „Nun, was erzählt man sich so in Moskau?"

„Das mag Gott wissen", antwortete ich. Was mir wenig half. Der Mann nickte nur verständnisvoll. „Ich weiß ja, darüber dürfen Sie nicht reden."

Später wurde ich einmal über ihn und seine politischen Ansichten befragt. Ich konnte mit gutem Gewissen antworten, er wisse vielleicht, wie man das Wort Politik buchstabiere, viel mehr wisse er darüber nicht. Und: „Ach, das ist so einer, der glaubt, daß eine Untergrundbewegung im Keller stattfindet!"
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