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Die Lebensbiografie von Curt Riess - geschrieben 1977

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956/57 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesem Buch gibt es neben den "Aufzählungen von Tatsachen" jede Menge Hintergrund- Informationen über seinen Werdegang, seine Reisen und das Entstehen der Filme, über die Schauspieler und Stars, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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Im Waldsanatorium „Zauberberg" mein Todesurteil

Und so kam ich ins Waldsanatorium, dem „Zauberberg" von Thomas Mann - das Buch kannte ich natürlich längst -, und es kam zu der (in denKapiteln weiter vorne im Buch) bereits erwähnten Untersuchung mit anschließendem Todesurteil - dafür mußte ich ja den Ausspruch des Arztes halten.

Er hatte von ein paar Tagen Bettruhe gesprochen. Es wurden zwei Monate und ein paar Tage. Und während dieser Zeit und übrigens auch später wurde ich geradezu mit Essen vollgestopft.

Erstes Frühstück, zweites Frühstück, Mittagessen, Nachmittagskaffee, Abendbrot und dann noch eine Kleinigkeit, bevor ich einschlief. Unmäßige Portionen von allem, Teller bis an den Rand gefüllt mit dicken Suppen, großen Mengen Fleisch, Saucen, Gemüse, Kartoffeln, Kuchen mit Schlagsahne. Und immer wurde ich gefragt, ob ich noch mehr essen wolle.

Jeden zweiten Tag wurde ich gewogen. Aus dem Benehmen der verschwiegenen Schwester wurde mir erst klar, daß ich viel zu wenig wog, nicht nur ein paar Pfund. Sie war ernst, wenn ich trotz der Mastkur nicht zunahm, lächelte, wenn sie auch nur ein paar armselige Gramm Mehrgewicht verzeichnen durfte.
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Irgendwann dufte ich sogar auf den Balkon

Dann kam der Tag, an dem mir der Arzt erlaubte, eine Stunde auf dem Balkon wohlverpackt in einem Liegestuhl zu verbringen. Aus der Stunde wurden schließlich ganze Tage, und dann kam der Tag, an dem ich ausgehen durfte. Zehn Minuten am Vormittag, zehn Minuten am Nachmittag, gemessenen Schritts auf dem vollkommen ebenen Weg hinter dem Sanatorium.

Dann je zwanzig Minuten, dann je dreißig. Um diese Zeit durfte ich auch schon in den Speisesaal, saß an einem Tisch zwischen fünf oder sechs anderen Patienten, an einem von etwa fünfzehn Tischen, wo wir alle in der beschriebenen Weise gefüttert wurden.
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Es war eine schöne Zeit im Waldsanatorium „Zauberberg"

Ich schreibe diese Worte ganz bewußt nieder. Angst hatte ich keine, nie in der ganzen Zeit in Davos und auch später in Arosa nicht; ich war nicht einmal besorgt.

TB ist eine Krankheit ohne Schmerzen, die sich möglicherweise in der letzten Phase einstellen. Aber wir bekamen die Mitpatienten nicht näher zu sehen oder zu hören, die in die letzte Phase eingetreten waren.

Sie verschwanden vom gemeinsamen Tisch, aus den Gesellschaftsräumen. Waren sie abgereist? Lagen sie unpäßlich zu Bett? Es gehörte sich nicht, nach ihnen zu fragen, es gehörte nicht zum guten Ton.

Ihren endgültigen Abtransport sah keiner von uns, der fand nachts statt und, wie ich aus dem „Zauberberg", aber keineswegs durch eigene Erfahrung wußte, über irgendwelche Hintertreppen.
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Einige hatten die TB nicht überlebt - ganz still und heimlich

Da war zum Beispiel der junge Engländer im Nebenzimmer und auf dem Nebenbalkon. Er besaß ein Koffergrammophon, spielte fast unaufhörlich einen damals beliebten Schlager, der, wenn ich nicht irre, „Blue Moon" hieß. Eines Tages verstummte das Grammophon, die Tür zum Nebenzimmer war geschlossen, der Engländer kam auch nicht mehr auf den Balkon, und einige Wochen später stellte ich fest, daß nun eine sehr junge Französin sein Zimmer bewohnte.

Oder da war der kleine Junge aus Belgien - oder war es Holland? Ich hörte, er sei immer ganz allein, seine Mutter komme allenfalls alle halben Jahre, um ihn für ein paar Tage zu besuchen. Ich öffnete seine Tür, ich ging in sein Zimmer, ich sagte, ich wolle ihm ein wenig Gesellschaft leisten.

Er hustete ganz gottserbärmlich, und wie mir nicht entgehen konnte, war sein Taschentuch, das er sich dann vor den Mund preßte, mit Blut befleckt; übrigens waren es kaum ein paar Tropfen. Ich mußte meine Besuche bald einstellen. Die Oberschwester meinte, nicht ohne Strenge, der Junge vertrage keine Aufregung. Schon ein paar Tage später hustete er nicht mehr.

A propos Husten: Zu meinem Erstaunen wurde im Sanatorium fast nie gehustet. Schließlich erfuhr ich, daß auch TB-Kranke nur dann husten, wenn sie erkältet sind - immer abgesehen von der bewußten letzten Phase. Hustete doch einmal einer, sei es auch nur, weil er sich verschluckt hatte, so drehten sich alle eher indigniert nach ihm um. So etwas tat man nicht, zumindest nicht in Davos.
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Dafür tat man etwas anderes.

Ich hatte ja, weiß Gott, ein nicht gerade züchtiges Leben geführt, aber was war das alles im Vergleich zu Davos und insbesondere dem Nachtleben im Waldsanatorium! Eigentlich sprach ja vieles dagegen.

Wir alle waren krank, und manche von uns litten -zumindest einige Zeit - an offener TB, das heißt, wir waren ansteckend. Außerdem war uns fast jede Bewegung, vor allem aber jede körperliche Anstrengung strengstens untersagt. Aber ...

Dagegen stand wohl bei allen von uns ein Lebenshunger, der unersättlich war, zumindest bei denjenigen, die Grund hatten zu der Vermutung, sie würden nie wieder von Davos fortkommen.

Übrigens gehörte ich nicht zu denen, die dergleichen befürchteten. Trotz der düsteren Prognose des Chefarztes. Und ich befolgte auch alle Anweisungen, zählte die Schritte und die Minuten, die ich außerhalb des Bettes verbringen durfte.

Ich war der gehorsamste Patient, den man sich vorstellen kann. Die niemals ausgesprochene, aber wohl für selbstverständlich gehaltene Regel, abends im eigenen Zimmer und im eigenen Bett zu bleiben, befolgte ich freilich nicht.
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Im Waldsanatorium wußte jeder von jedem alles.

Es war in Davos nahezu so etwas wie Gewohnheitsrecht, daß jeder mit jeder und oft mit verschiedenen Partnern ... Da war auch nicht ein Fünkchen Gefühl dabei, kaum ein Minimum an persönlichem Interesse. Wir wußten ja sowieso fast alle fast alles voneinander.

Dieses wochen-, monate-, oft jahrelange Miteinander-eingepfercht-Sein ließ jedes Gefühl der Scham verebben. Wir sprachen offen miteinander über unsere Krankheit respektive das augenblickliche Stadium unserer Krankheit, als seien wir alle Ärzte oder zumindest Krankenschwestern.

Wir erzählten uns gegenseitig, was wir zu- oder abgenommen hatten oder ob uns der vielbenutzte Trick gelungen war, die Schwester dadurch zu täuschen, daß wir in irgendwelchen Taschen mehrere Fünffrankenstücke mitführten - sie wogen nicht unerheblich.

Interessanterweise versuchten wir alle, die anderen glauben zu machen, es wäre schlecht um uns bestellt, schlechter jedenfalls, als es in Wirklichkeit der Fall war. Wer, wie zum Beispiel ich, ganz deutlich auf dem Wege der Gesundung war, wurde bei solchen Gesprächen fast mit Verachtung angesehen.
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Neben den sexuellen Freuden gab es .......

Neben den sexuellen Freuden gab es für mich nur eines: Lesen, lesen, lesen! Zum ersten Mal seit meinen Universitätsjähren kam
ich wieder dazu, systematisch zu lesen, und in weitaus größerem Ausmaß als je zuvor.

Acht Stunden pro Tag war der Durchschnitt, den ich auch einzuhalten versuchte. Ich bevorzugte die großen Werke, denn ich hatte instinktiv das Gefühl - und es sollte mich leider nicht trügen -, daß ich später doch nicht mehr „dazukommen" würde.

Die Bibel, der Koran, noch einmal die alten Griechen, immer wieder Shakespeare - ach, was las ich nicht! Und stets mit einer nicht ganz unterdrückten Angst, dies sei vielleicht morgen schon nicht mehr möglich, obwohl ich wußte, daß dies nicht der Fall sein würde.
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Der Arzt sprach auf einmal vom „Davos-Koller

Eine gewisse geheime und eher unterschwellige Nervosität fiel dem Arzt auf. Er mißdeutete sie. Dergleichen sei ihm nicht unbekannt, nach geraumer Zeit, früher oder später, würden viele von diesem Koller - er sprach vom „Davos-Koller" - gepackt.

Was tun? „Ins Flachland kann ich Sie nicht entlassen, noch nicht. Aber wie wäre es mit einem kleinen Tapetenwechsel? Sagen wir Arosa?"

Am Tage meiner Abreise - die Fahrt Davos-Arosa, per Luftlinie nur wenige Kilometer weit, war damals noch eine umständliche, ja mühsame Reise - hatte ich eine abschließende Unterhaltung mit dem Arzt, der mir für den in Arosa bestimmten Kollegen die Papiere aushändigte.
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Letzte Fragen vor der Abreise

„Haben Sie sich eigentlich je Gedanken darüber gemacht, wie und warum das mit Ihnen so gekommen ist? Ich meine die Gründe und Ursachen Ihrer Erkrankung? Ich will Ihnen sagen, was mich bei Ihrer Aufnahme bestürzte. Sie waren sozusagen fertig! Sie hatten keine Widerstandskraft mehr. Wie ausgelaugt! Wie soll ich Ihnen das verständlich machen? Sagen wir, Sie wirkten wie einer, der viele Jahre lang, jawohl, Jahre, weit über seine Kräfte gelebt hat. Haben Sie sehr viel getrunken? Oder vielleicht waren es die Frauen! Obwohl Sie ja eigentlich zu jung dafür sind ..."

Ich dachte an mein großes Kinoerlebnis. „Ach, wissen Sie, dafür ist man eigentlich nie zu jung, Herr Professor!"
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Und dann war da Ilse ....

Ich traf Ilse am zweiten oder dritten Tag in Arosa, das heißt, ich suchte sie in einem nahegelegenen Sanatorium auf; ich brachte ihr einen Brief von jenem jungen Arzt, der meine Krankheit sozusagen entdeckt hatte und der, wie sie mir später einmal erzählte, mit ihr befreundet gewesen war.

Arosa war vielleicht noch weniger von Kultur beleckt als Davos. Es gab dort fast ausschließlich Lungensanatorien, wenige Pensionen und noch weniger Hotels, überhaupt sehr wenig anderes als Schnee, der mir in der Erinnerung noch immer als gewissermaßen frisch gewaschen erscheint, nie zermatscht, nie schmutzig.

Oder ist das nur in der Erinnerung so? Und hier durfte ich ja auch, ich sollte sogar, Spazierengehen. Das Waldsanatorium war etwa so, wie sein Namensvetter in Davos gewesen war, nur ein bißchen moderner und wohl auch etwas größer.
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Ich verliebte mich in Ilse.

Sie war klein, mit einem schönen, fast klassisch schönen Gesicht, umrahmt von rötlichbraunem Haar, eher braun, aber später ließ sie es rot tönen. Nur war sie viel, viel zu dick. Als wüßte sie, daß mir das sofort auffiel, erklärte sie mir, das sei alles „angefressen" auf Befehl des Arztes.

Sie war vor ein paar Monaten hierhergekommen, nicht mit einer Lungen-TB, sondern mit einer, die mit irgendwelchen Drüsen zu tun hatte. Und die fünfzehn Pfund, die sie jetzt zuviel wog, würden, wenn sie erst wieder in Berlin war, sehr schnell von ihr abfallen.

Sie war Tochter eines Industriellen, der dies oder das im Rahmen der Chemie - ich glaube, es hatte mit Gummi zu tun - erfunden und eine auf dieser Erfindung basierende gutgehende Fabrik aufgebaut hatte.

Vor kurzem - es war noch nicht einmal ein Jahr her - war er gestorben, die Aufregung hatte sie aufs Krankenlager geworfen, und um sich auszukurieren, war sie hierhergekommen.

Der Vater hatte sie sehr geliebt, er hatte ihr in jeder Beziehung nähergestanden als die Mutter. Er war eine Art unbürgerliches Genie gewesen, während die Mutter, betont bürgerlich, zwar zufrieden war mit dem Lebensstandard, den er ihr garantierte, weniger jedoch mit seinem „unmöglichen" Benehmen, das Ilse gar nicht so unmöglich fand. Und ich übrigens auch nicht.
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Es gab da ein "ganz ganz schlimmes" Ereignis

Das Schlimmste, was ich erfuhr: daß er ein Wasserklosett auf einem offenen Boot quer durch Berlin bis nach Friedrichshagen geschafft hatte, zum Gaudium seiner Kinder, Ilses, ihres jungen Bruders Karl Werner und der noch jüngeren Margot, zum Mißbehagen seiner Frau, die fand, daß man so etwas eben nicht tue. Ein WC, das über Kanäle oder die Spree seinen ungewöhnlichen Weg nahm!

Ihr Mann mußte sehr viel Geld verdient haben, denn er besaß ein Grundstück am kleinen Wannsee, ein Stadthaus mit parkähnlichem Garten, direkt am Knie, jetzt Ernst-Reuter-Platz, also im Zentrum des Berliner Westens, das besagte Haus in Friedrichshagen, in dem die Familie mehrere Monate im Sommer verbrachte, ein Geschäftshaus in der Leipziger Straße, Ecke Friedrichstraße, wohl der teuersten Gegend der Berliner City, das sehr hohe Mieten abwarf, und die Fabrik in Köpenick.

Daß wir heiraten würden, war Ilse und mir schon nach kurzer, aber leidenschaftlicher Bekanntschaft - wenn man das Bekanntschaft nennen konnte - absolut selbstverständlich. Wir wußten sofort, daß wir zueinander gehörten.
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Ich war auf einmal ein Anderer - über Treue hatte ich nie nachgedacht

Das kam vielleicht deshalb so schnell, weil wir beide gewissermaßen in Arosa „ausgesetzt" waren, fern von den Einflüssen unserer Familien, unserer Freunde, fern von der Stadt, in der es so viele Ablenkungen gab, fern von unseren Welten überhaupt, die doch sehr verschieden waren.

Das begriff ich sofort, als ich fast ein halbes Jahr später nach Berlin zurückkam. Ilse war etwa nach drei oder vier Wochen bereits geheilt aus Arosa abgefahren. Und als ich sie wiedersah, hatte sie ihr Wort wahrgemacht. Sie war schlank und zierlich geworden.

Die wenigen Monate, die ich allein ohne Ilse in Arosa verbracht hatte, waren anders als die in Davos allein verbrachten, anders als irgendeine Zeit in meinem erwachsenen Leben.

Über das, was Treue war, hatte ich bisher nie nachgedacht, jedenfalls hatte ich diese Tugend nie ausgeübt oder doch nur jeweils ein paar Wochen lang.
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Auf mich wartete ein "kleines" Mädchen Namens Ilse

Nun wußte ich, daß ein Mädchen auf mich wartete, und ich wartete darauf, Ilse wiederzusehen.

Wir trafen uns schon am Abend meiner Rückkehr. Ich erinnere mich noch, daß wir einander erst einmal von den Widerständen der diversen Familien erzählten, die ernst zu nehmen wir nicht gewillt waren.

Ihre Mutter hatte sogenannte Auskünfte über mich eingeholt - das tat man damals, das war in bürgerlichen Kreisen fast selbstverständlich - und nicht viel Gutes über mich erfahren.

Nicht etwa über meine Damenbekanntschaften aus früherer oder gar nicht so früherer Zeit, sondern über meine Qualität als Arbeitskraft hatte sie Bescheid wissen wollen.

Die negativen Auskünfte stammten durchwegs von den Sozien meines Vaters. Das bewies nichts als ihren Neid auf die sogenannte „gute Partie", die ich machen würde, also ihren letztlich schlechten Charakter, oder sollte man sagen, ihren Mangel an Charakter.

Ich erzählte meinem Vater, wer so wenig Erfreuliches über mich verraten hätte, und er wollte es zuerst nicht glauben. „Woher weißt du das denn?" Meine Antwort: „Wir haben eben auch eine Auskunftei eingeschaltet, und die hat das sehr schnell herausbekommen!"
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Also : Ich war die schlechte, Ilse war die gute Partie

Mein Vater hatte keine Auskünfte einziehen müssen, oder jedenfalls keine bezahlten, um herauszubekommen, daß Ilse ein sehr, sehr reiches Mädchen war. Durch ihn erfuhr ich es überhaupt erst.

Er stand auf dem Standpunkt, ich könne es mir nicht „leisten", ein so reiches Mädchen zu heiraten. Warum? Ich verdiente doch, wenn auch nicht sehr viel, ich hatte noch Vermögen von meinem verstorbenen Vater, wenn auch nicht mehr sehr viel. Und wenn sie ebenfalls Vermögen hatte, um so besser.

„Nein, im Gegenteil! Sie ist verwöhnt. Sie wird in einem Stil leben wollen, der himmelweit entfernt ist von unserem. Übrigens wird ihre Familie dieser Heirat nie zustimmen."

Ilse kümmerte sich nicht sehr um ihre Familie, in diesem Fall um ihre Mutter und um einige Onkeln und Tanten, die überhaupt nichts gegen die Millionenerbin unternehmen, sie auch nicht beeinflussen, ja nicht einmal beeindrucken konnten.

Und mich ließen die Bedenken meines Vaters kalt - die übrigens von meiner Mutter nicht geteilt wurden. Sie meinte, ihr Sohn sei auch noch für das reichste Mädchen gerade gut genug.
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Wir waren verliebt ... aber reicht das ?

Ich habe mich später natürlich oft gefragt, warum wir eigentlich so darauf versessen waren, schnell oder überhaupt zu heiraten. Sicher, wir waren verliebt. Was mich anging, so war das wohl nichts ganz Neues. Aber ich glaube doch, daß Ilse mich mehr fesselte als irgendein Mädchen zuvor.

Entscheidender war wohl, daß wir beide, aus völlig verschiedenen Gründen, wenn sie überhaupt Gründe genannt zu werden verdienten, etwas Neues wollten. Ilse verstand sich nicht mit ihrer Mutter, sie wollte fort aus dem Haus, in dem sie ihr bisheriges Leben verbracht hatte.

Ich war gelangweilt, vielleicht sogar unglücklich in meinem Beruf, der, das wußte ich jetzt schon, der meine nicht war. Grund genug zum Heiraten? Später sollte ich, sollten wir beide feststellen, daß das nicht Grund genug war.

Wir waren eben beide zu jung. Ich hatte, trotz meiner „Erfahrungen", doch wohl keine Erfahrung darin, wie man mit einem Menschen, wirklich nur einem, lebt. Sie hatte überhaupt keine Erfahrungen ...
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Alle unsere Freunde waren erstaunt, daß wir heiraten wollten.

Erstaunt, nicht unbedingt dagegen. Die große Ausnahme: Rolf Nürnberg, mit dem ich durch die Sportereignisse, über die er schrieb und die mich mehr und mehr fesselten, sehr engen Kontakt hatte. Er fand Ilse unmöglich. Sie fand ihn unmöglich. Dies war das Verdikt, das beide mir gegenüber lautwerden ließen mit der Bitte, ja der Beschwörung, sie nicht wieder zusammenzubringen.

Die Entschiedenheit, mit der - jeder für sich - den anderen ablehnte - „Der kommt nicht zu uns ins Haus!" oder: „Was willst du eigentlich mit dieser Ziege?" -, war erstaunlich und, im Lichte späterer Entwicklung gesehen, eher komisch.

Ich heiratete ein reiches Mädchen Names Ilse ....

Wir heirateten - in sogenanntem kleinsten Kreis übrigens, sehr zum Schmerz meiner Mutter, die große gesellschaftliche Veranstaltungen über alles schätzte. Wir fuhren nach Davos, wo wir vier oder fünf Wochen blieben - der Arzt hatte uns dazu geraten, sicher ist sicher.

Aber wir gingen nicht ins Sanatorium zurück, sondern in ein Hotel. Dann ein bißchen Italien, Rom, und schließlich Paris, das ich ein wenig kannte und Ilse zeigen wollte.

Und es war sicher kein Zufall, daß wir dort gerade rechtzeitig zum Beginn eines Sechstagerennens eintrafen, das traditionell letzte der jeweiligen Saison und das wichtigste, zumindest in Europa. Hier bekämpften sich die Elitefahrer aller Nationen - oder bildeten Kombinen, das heißt, inszenierten Schiebungen, was freilich das große Publikum nicht ahnte.
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Rolf Nürnberg war bereits bei der Zeitung - Abteilung Sport

In unserem Hotel fand ich ein Telegramm Rolf Nürnbergs. Sein Pariser Korrespondent sei erkrankt, ob ich nicht die Berichterstattung des Sechstagerennens übernehmen wolle? Dies war, was ich damals noch nicht wußte, ein Schwindel, denn das kleine Berliner Boulevard-Blatt hatte in Paris natürlich keinen Sportkorrespondenten. Aber es war der Versuch Rolf Nürnbergs - der gelingen sollte -, mich für den Journalismus einzufangen.

Ob ich wollte? Natürlich wollte ich. Aber konnte ich? Ich hatte noch nie einen Bericht verfaßt oder gar in Windeseile um ein Uhr morgens telefonisch von Paris nach Berlin durchgegeben, ich hatte keine Ahnung, wie man das alles anpacken sollte.

Ich war sicher, ich würde mich und Rolf blamieren. Schon weil ich so unsicher war, schon mit Rücksicht auf meinen Vater und auf G. Benedict, natürlich, stellte ich die Bedingung, unter einem Pseudonym publizieren zu dürfen. CR. Martin. Martin ist mein zweiter Vorname.
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Paris war eine Weltmetropole - auch zum Spazierengehen

Nun saß ich sechs Nächte lang im Pariser Palais des Sports, nicht gerade zum Entzücken meiner jungen Frau, die schließlich gar nicht mehr mitkam. Paris hatte andere Reize. Natürlich nicht nur für sie. Auch mich begeisterte die Stadt, in der ich später noch einen Teil meines Lebens verbringen sollte und die damals soviel schöner war als später, weil weniger überlaufen, weniger von Autos überfüllt, liebenswürdiger, umgänglicher, intimer, sorgloser.

Gewiß, Weltmetropole, aber eine, in der man Spazierengehen konnte, wo man beschauliche Stunden vor oder in Cafes verbrachte, als es noch - verhältnismäßig - wenig Hast gab. Aber in dieser Pariser Woche war nur das Sechstagerennen wichtig, für mich wichtiger als der Bois de Boulogne, der Louvre, die Comedie, die großen Revuetheater, die Schönheiten zahlloser Plätze und der breiten Avenuen, der großen repräsentativen Gebäude und Schlösser.
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Ich begriff, was mich am Sport so faszinierte

Und hier im Pariser Sportpalast war es, daß ich mit einemmal verstand, was mich am Sport so faszinierte. Ich begriff es eigentlich erst beim Schreiben darüber, besser, als ich mich vor das Problem gestellt sah, diese Faszination anderen deutlichzumachen.

Problem ist ein großes Wort für die Abfassung eines Sportberichts, der nicht einmal sehr lang sein durfte. Aber als ich nun schreiben mußte, wußte ich auch, worüber und wie ich schreiben wollte. Was mich erregte, war die Erregung, die der Sport, nicht an sich, sondern als Ereignis, der Sport, in Leben umgesetzt, auslöste. Die Erregung, die den Menschen verwandelte.

Die Zuschauer in der Halle bis hinauf zur letzten Reihe der Galerie, in der schon alles im Nebel und Rauch verschwand, die eleganten Damen und Herren, Champagner trinkend in ihren von der Bahn umsäumten Logen, vor allem aber die Fahrer.

Ihre Gesichter waren Masken der Erregung, der Verbissenheit, der Erschöpfung, des Schmerzes - denn immer wieder stürzten sie, wurden fortgetragen und rasten doch einige Minuten später mit verbundenen Knien und Armen um die Bahn. Dies war es, was mich nicht losließ: die Gesichter, die vom Rennen gezeichnet waren und sich stets veränderten. Und dies schrieb ich auch, oder versuchte zumindest, es zu beschreiben.
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Zurück in Berln - dieser C.R.Martin war auf dem Weg nach oben

Und als ich etwa zehn Tage später mit meiner Frau und einem in Paris erstandenen bildschönen und saudummen Scotchterrier nach Berlin zurückkehrte, war C. R. Martin ein gelesener Sportjournalist, obwohl mit Ausnahme von Rolf Nürnberg keiner wußte, wer das eigentlich war.

Es begannen wieder die öden Tage bei G. Benedict, und sie erschienen mir langweiliger denn je. Und der Gedanke, daß dies nun immer so weitergehen sollte, bis ans Ende meines Lebens, wurde mir schier unerträglich.
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Mein Vater war traurig über mein Desinteresse an der Firma

Mein Vater war traurig, daß ich so gar nicht verstand, wie interessant das Geschäft war. Diese Worte sind nicht ironisch gemeint. Der Betrieb war auf seine Weise durchaus interessant, nicht zuletzt deshalb, weil wir im bitteren Konkurrenzkampf standen.

Vorbei die Zeiten, in der die Firma als vielfacher Hoflieferant unzählige hochherrschaftliche Haushalte ausstatten und dafür Phantasiepreise machen durfte. Die Höfe existierten nicht mehr, die unzähligen Grafen und Barone, die sich bei uns ausgestattet hatten, mußten genauer rechnen als früher, und wir mußten damit rechnen, daß sie zur Konkurrenz gingen.

Ich glaube, die Zeit bei meinem vater und G. Benedict war die bisher unglücklichste Zeit meines Lebens.
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Ich hätte der glücklichste Mensch der Welt sein müssen ...

Ich hatte eine schöne Frau, eine herrliche, viel zu große Wohnung, wir fuhren - damals ein großer Luxus - ein Buick-Cabriolet, wir gingen viel ins Theater oder in Cabarets oder Kinos -, aber war dies das Leben, das ich erträumt hatte?

Um ehrlich zu sein: ich hatte mir vieles und nichts erträumt, ich hatte immer geglaubt - auch das ist schon ein zu positives, ein zu aktives Wort -, alles werde schon irgendwie werden. Und nun war ich in einer Sackgasse und sah keinen Ausweg.

Ich spürte das jeden Tag stärker. Aber ich spürte es nur, und Ilse war es, die es mit Klarheit sah und Entscheidendes tat, indem sie mich stellte. Sie sehe, sagte sie, wie wenig zufrieden ich sei.

Warum ich meine Stellung bei Benedict nicht aufgebe, wenn sie mich nicht befriedige? Das sagte sie nicht so geradeheraus, nicht an einem Tag oder Abend, sie fragte nur so leichthin, schließlich direkter, sie begann zu bohren, sie wollte, daß ich mir über mich selbst und meine Situation klarwürde - und so wurde ich es.

Man weiß später nie, was geworden wäre, wenn ... oder wenn nicht ... Aber ich glaube doch, daß Ilse durch ihre Entschlossenheit entscheidend bestimmte oder zumindest mitbestimmte, was aus mir wurde.
Mein Vater fiel aus allen Wolken, als er von mir erfuhr, daß ich mich mit dem Gedanken an eine Demission trug.
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„Ich will schreiben."

Damit verdiene man doch nichts, war die Antwort, oder zumindest verdiene man nicht genug. Er war auch nicht besänftigt, als ich ihm sagte, ich wolle ja keine Bücher oder Dramen schreiben, ein gewiß sehr unsicheres Unterfangen, sondern ich wolle Journalist werden.

Mein Vater wurde geradezu zornig: Journalismus, das müsse ich doch zugeben, sei in neun von zehn Fällen ein bißchen anrüchig. Ihm kam eine Idee. Ob ich wisse, wer der höchstbezahlte Zeitungsmann in Deutschland sei?

Das war wohl der Chefredakteur des „Berliner Tageblatts", Theodor Wolff, übrigens ein guter Bekannter meines Vaters, Mitglied eines Klubs, in dem auch mein Vater öfter ein paar Stunden verbrachte.

Ob ich wisse, was Wolff verdiene? Ich wußte es natürlich nicht, vermutete aber - oder hatte ich es gehört? -, Theodor Wolff verdiene so um hunderttausend Mark im Jahr.

„Siehst du", triumphierte mein Vater. „Und als mein Sozius wirst du in Bälde annähernd ebensoviel verdienen. Und wenn ich nicht mehr bin, sogar wesentlich mehr!" Ein Argument, gewiß, wenn auch nicht ohne Komik - oder Tragik - im Lichte dessen, was sich in der nahen Zukunft ereignen sollte.
Trotzdem verfing das Argument bei mir nicht.
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Ich wurde Theodor Wolff "vorgestellt", als Sohn von Herrn Riess

Ein paar Tage später nahm mich mein Vater in seinen Klub mit und stellte mich Theodor Wolff vor als seinen Sohn, der gern Journalist werden wolle. Theodor Wolff, der vermutlich bedeutendste deutsche Journalist jener Tage - für mich ist er es auch heute noch -, ein kleiner Mann mit kleinem ergrauenden Schnurrbart, mit durchdringenden Augen hinter einem altmodischen Kneifer, stets am letzten Zentimeter einer Zigarette saugend, schien eher amüsiert.

Schließlich meinte er, wohl meinem Vater zuliebe, man könne es ja mal versuchen. Ich solle ruhig bei G. Benedict bleiben, aber als Volontär beim „Berliner Tageblatt" eintreten. Ein paar Wochen lang. Man werde dann sehen ...
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Ich möchte zum "Sport"

Er war doch etwas verwundert, als ich, mich ein paar Tage später bei ihm vorstellend, auf seine Frage, in welches Ressort ich eintreten wolle, mit dem Wort „Sport!" antwortete.

Das „Berliner Tageblatt" war eine bedeutende Zeitung, vielleicht die bedeutendste Deutschlands, der Sportteil aber existierte kaum dem Namen nach, er bestand aus wenigen und meist unzulänglichen Berichten über Autorennen oder andere sogenannte elegante Sportarten wie Tennis und Polo.

Nun, ich kam also in die Sportredaktion, die aus einem Zimmer bestand und deren Chef, der nur an Autorennen und Autos interessiert war und dem nichts hätte gleichgültiger sein können als meine Existenz, mich gleich am ersten Sonntag auf die Radrennbahn Plötzensee schickte, wo ein sogenanntes Steherrennen, ein Radrennen hinter Motoren, stattfand.
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Ich gab mir richtig Mühe ...

Ich gab alles. Ich kam mit einem Bericht zurück, der es in sich hatte. Es war mir, da gab's für mich keinen Zweifel, gelungen, die einmalige Stimmung des Renntages einzufangen. Die gemächlich ziehenden Wolken am blauen Himmel; den plötzlich einsetzenden Wind, der dann wieder nachließ; die Sonne, die auf das Auditorium niederbrannte; die erregten Zuschauer, die ihre Lieblingsfahrer schreiend und johlend anspornten; die Fahrer in ihren bunten Trikots, die verbissen an den Motorrädern zu kleben versuchten ...

Ich war sehr stolz, als ich mein Manuskript abgab, das irgendein Redakteur, ohne einen Blick hineinzuwerfen, in die Setzerei hinunterschickte.
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Eine knappe Stunde später kam der Telefonanruf.

Ich möchte doch zu Dr. Wolff kommen. Erstaunte Blicke der anderen. Seit wann kümmerte sich der Chef um Sport? Ich ging - nicht ohne Stolz.

Theodor Wolff sah von irgendeinem Manuskript auf. Ich hätte da ja etwas ganz Vorzügliches geschrieben, begann er. „Vorzüglich!" wiederholte er, am letzten Zentimeter seiner Zigarette saugend. „Und nun sagen Sie mir mal, Her Riess : Wer hat eigentlich gewonnen?"

Das zu melden hatte ich nämlich vergessen.
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