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Die Lebensbiografie von Curt Riess - geschrieben 1977

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956/57 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesem Buch gibt es neben den "Aufzählungen von Tatsachen" jede Menge Hintergrund- Informationen über seinen Werdegang, seine Reisen und das Entstehen der Filme, über die Schauspieler und Stars, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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(13) Unbegrenzte Möglichkeiten?

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Im November 1934 fuhr ich rüber nach Amerika

Der treue Edgar begleitete mich bis Le Havre, auch Ilse, meine ehemalige Frau, die aus Berlin herübergekommen war. Ich war niedergeschlagen, als ich von ihnen Abschied nahm, denn ich glaubte, daß ich nie wieder nach Europa zurückkommen und sie daher auch nie mehr wiedersehen würde. Amerika - das bedeutete damals noch eine Schiffsreise von mindestens einer Woche.

Das Schiff, das ich benutzte, war nicht gerade ein besonders teures - es benötigte neun Tage (anstelle von 7 Tagen). Das Reisegeld hätte ich gerade noch bezahlen können. Eine Rückreise würde ich mir in absehbarer Zeit nicht leisten können.

Wozu auch? In Europa war nirgends Platz für mich - es sei denn, daß Hitler abtrat oder beseitigt wurde. Aber ich gehörte ja nicht zu denen, die das für wahrscheinlich hielten. Um diese Zeit glaubte ich, das Naziregime werde ungefähr vierzig Jahre dauern.

„Warum vierzig?" wollte Edgar wissen.
„Hitler, Göring und Goebbels und wie sie alle heißen- das sind Kämpfer. Sie werden sich nicht abservieren lassen. Die Opposition, wenn sich eine solche heranbildet, hat erst eine Chance bei der nächsten Generation der Nazis. Bei denen, die schon in gemachte Betten kommen und daher keine Kämpfer, sondern eher verweichlicht sind."
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Hitler selbst bezeichnete es als Fehler, einen Krieg zu führen

Es hätte durchaus so kommen können. Denn wer konnte vermuten, daß Hitler, der anfangs sein Spiel so gerissen gespielt hatte, später genau das tun würde, das er in seinem Buch "Mein Kampf" als den entscheidenden Fehler des Kaisers angeprangert hatte: einen Krieg zu führen, ja einen Zweifrontenkrieg!

Wir sagten einander adieu. Sie warteten, bis das Schiff ablegte. Ich winkte noch lange. Sie auch. Wie war es eigentlich zu dieser Reise gekommen? Im Grunde genommen war Edgar an allem schuld. Er teilte meinen Pessimismus hinsichtlich einer Karriere in Paris.

„Du mußt fort. Du mußt es anderswo versuchen. Warum nicht in Amerika? Du sprichst und schreibst Englisch. Drüben ist doch im Sport viel mehr los als hier."

Es war eine Idee. Er dachte freilich an eine amerikanische Karriere. Ich dachte und sagte: „Wenn mich der ,Paris-soir' hinüberschicken würde! Sie haben ja keinen Sportkorrespondenten drüben!"
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Sie hatten in der Tat keinen. Aber sie hatten Paul Kruyt.

Das war ein ältlicher, schrulliger Holländer - sicher etwa fünfundfünfzig Jahre alt, der in einem Vorort von Paris mit noch viel älteren Schwestern lebte.

Der lange, hagere Mann mit den sandfarbenen Haaren stand täglich um vier oder fünf Uhr auf, kam nach Paris herein und kaufte sich an einem Kiosk, oder auch an mehreren, die letzten Ausgaben englischer, italienischer und holländischer Blätter.

Dann suchte er sich alle Sportberichte heraus, die meisten waren wohl nur ein paar Zeilen lang - und übersetzte sie ins Französische. Das war eine Art Monopol, denn von den Kollegen bei der Zeitung sprach oder las kaum einer Englisch oder gar eine andere Sprache.
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Kruyt wurde a la piege, das heißt nach Zeilen, bezahlt, aber da er pro Tag mindestens fünf bis zehn Meldungen anbrachte, jeweils gekennzeichnet „von unserem Spezialkorrespondenten", verdiente er nicht schlecht.

Bis eines Tages ein neuer Kassierer seine Forderungen zurückwies, denn die Meldungen trugen ja nicht seinen Namen. Er bekam sein Geld dann doch, dafür sorgte natürlich Gaston Benac, aber er zog die Lehre aus dem Vorkommnis.
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Ab jetzt „von unserem Spezialkorrespondenten Paul Kruyt"

Von nun an zeichnete er jede noch so belanglose Meldung mit seinem vollen Namen. Und so konnte man auf einer Seite des „Paris-soir" oder des „Paris-midi" eine Boxmeldung aus San Francisco lesen „von unserem Spezialkorrespondenten Paul Kruyt", und eine Leichtathletikmeldung aus Zürich „von unserem Spezialkorrespondenten Paul Kruyt", und eine Tennismeldung aus London „von unserem Spezialkorrespondenten Paul Kruyt".

Es gab Tage, an denen dieser Tausendsassa aus zwei oder drei Erdteilen, aus fünf oder sechs Städten „berichtete". Und das Beste: es fiel niemandem auf, zumindest niemandem in der Redaktion.
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Kollege Benac rechnete mir keine große Zukunft in Paris ein

Trotzdem nahm ich mir ein Herz und fragte Gaston Benac:
„Wie wäre es, wenn Sie mich in die USA schickten? Wir haben doch niemanden dort."

Benac hörte das gar nicht ungern, denn er begriff, vielleicht besser noch als ich selbst, daß ich keine Zukunft in Paris hatte. Aber wer sollte die Reise bezahlen? Das konnte ich nicht, wollte ich nicht meine letzten Reserven angreifen. Die Unterhaltung endete ohne Entscheidung. Und ich hatte nicht das Gefühl, daß aus meinem Amerika-Plan viel werden würde.

Dann kam der Zufall und ich begann zu pokern ....

Am späten Nachmittag ging ich wie so oft in das Bistro Chope du Negre, in welchem sich die Journalisten, vor allem die Sportjournalisten, zu treffen pflegten; es war ein kleines, verrauchtes, an der Rue Montmartre gelegenes Lokal, vis-a-vis vom Gebäude der Sportzeitung „L'Auto".

Dort traf ich den netten, noch sehr jungen Felix Levithan vom „Intransigeant", einer Konkurrenzzeitung des „Paris-soir", ihm noch vor ein paar Jahren weit überlegen, aber längst von ihm überholt, der dort den Radsport betreute.

Ich weiß nicht, warum, aber ich sagte so nebenbei: „Ich fahre übrigens nach New York!", und hatte mit diesen Worten über meine Zukunft entschieden.
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Felix Levithan vom „Intransigeant" wurde hellwach:

„Ah, du fährst zum Sechstagerennen?" Ich wußte gar nicht, daß in der nächsten Zeit ein solches Ereignis in New York stattfinden würde. Aber ich nickte. Ja, ich würde für den „Paris-soir" über das Rennen berichten. Sonst hüllte ich mich in geheimnisvolles Schweigen. Was hätte ich auch sagen sollen?

Am nächsten Tag erklärte mir Levithan triumphierend, er habe mit seinem Chef gesprochen. Und: „Ich fahre auch nach New York, um über das Rennen zu berichten!"

Drei Stunden später war ich bei Gaston Benac. „Der ,Intransigeant' schickt Levithan nach Amerika, um über das New Yorker Sechstagerennen zu berichten."

Und Benac: „Wann fahren Sie?"
Und ich: „Wir waren uns doch noch gar nicht einig!"
Und er: „Selbstverständlich fahren Sie. Die Zeitung wird die Fahrtspesen tragen." Diesmal einigten wir uns sehr schnell.
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Und pro Monat ein Fixum von fünfundzwanzig Dollar

Außer den Spesen für die Überfahrt war der „Paris-soir" großzügig genug, mir pro Monat ein Fixum von - sage und schreibe - fünfundzwanzig Dollar zu garantieren. Damit konnte man drüben allenfalls eine Woche lang leben.

Daß New York doppelt so teuer war wie Paris, wurde nicht in Rechnung gestellt. Benac tröstete: „Natürlich werden Sie weiter ä la piege bezahlt." Zeilenhonorar also. Aber wieviel würde dabei schon herauskommen?

Ich entwickelte nun in den letzten mir verbleibenden Wochen eine fieberhafte Tätigkeit. Ich schrieb an alle deutschsprachigen Zeitungen, die außerhalb des Nazi-Machtbereichs erschienen.

War man interessiert, Artikel von mir zu erhalten? Das Echo war erfreulich. Fast alle Zeitungen - die „Neue Zürcher Zeitung", die eben erst gegründete „Weltwoche" in derselben Stadt, das „Prager Tagblatt", das „Neue Wiener Tagblatt", sogar die „Haagsche Post" und eine polnische Zeitung und viele, viele andere antworteten: „Schicken Sie ruhig Ihre Arbeiten. Wir können natürlich keine Garantie zahlen, aber ..."
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Ich mußte natürlich ein USA-Visum beantragen

Ich ging zum amerikanischen Konsulat, um ein Visum zu beantragen. Nicht ohne Skepsis. Inzwischen schrieben wir das Jahr 1934, und es war schon Herbst. Ich fürchtete, das Konsulat würde überschwemmt sein mit Anträgen.

Vor dem betreffenden Schalter wartete - überhaupt niemand. Ich trug zögernd meinen Wunsch vor. Ich dachte an ein Besuchervisum oder - gab es das überhaupt? - an ein Pressevisum.

Die Dame am Schalter fragte: „Warum beantragen Sie kein Einwanderungsvisum? Das ist doch viel einfacher für Sie. Dann können Sie kommen und gehen, wie Sie wollen, und schließlich auch Amerikaner werden."

Ich starrte sie an. Wir schrieben, ich wiederhole es, 1934. Hitler war mehr als anderthalb Jahre an der Macht. Und man konnte immer noch, so ohne viel Formalitäten - in meinem Fall genügte die Garantie des „Paris-soir" - ins „Gelobte Land" einwandern?

Ein, zwei Jahre später drängten sich Tausende danach, ein US-Visum zu erhalten; 1938, 1939 Zehntausende - und ohne Erfolg. Mir fiel das wichtige Papier in den Schoß. Ein Beweis dafür, wie wenig die bedrohten Europäer, vor allem natürlich auch die Juden, begriffen, was da heraufzog.
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Eigentlich war ich fast oder nahezu pleite

Ich besaß noch etwa fünfhundert Dollar. Damit wäre ich neben dem, was ich beim „Paris-soir" und beim „Sport" verdiente, in Paris noch ein Jahr ausgekommen. Aber in New York?

Erschwerend war meine Überzeugung, ich müsse drüben „auftreten". Vor allem, so hatten mir Kenner geraten, sollte ich um eine gute Adresse besorgt sein. Ich hatte eine Empfehlung an den Manager des „Algonquin", West Fourty-fourth Street, unweit des Broadway.

Das war wirklich ein sehr gutes Hotel, vor allem für Schauspieler, Schriftsteller und - allerdings nur sehr arrivierte - Zeitungsleute. Hätte ich das gewußt, wäre ich niemals in dieses Hotel gegangen.
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Der Manager war ein geborener Deutscher, Hans Naegel.

Der dicke, gutmütige Mann begriff sehr schnell meine Situation. Er gab mir ein Zimmer im ersten Stock, das weitaus billigste des Hotels. Es war so klein, daß man sich kaum darin umdrehen konnte. Im Badezimmer konnte man nicht einmal das. Auch in der Mittagszeit mußte man das elektrische Licht brennen lassen, um etwas zu sehen. Um festzustellen, ob die Sonne schien oder ob es regnete oder gar schneite, mußte man sich sehr weit aus dem Fenster lehnen.

Aber das Zimmer kostete nur zwei Dollar pro Tag, und dafür hatte ich eine „Adresse". Es ist natürlich überflüssig zu sagen, daß sich kein Mensch in New York - weder damals noch später - dafür interessierte, wo ich wohnte.
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A propos Fenster - Leslie Howard und seine Liebesschwüre

Im „Algonquin" wohnten, wie gesagt, sehr berühmte Leute, unter anderem auch der englische Schauspieler Leslie Howard, der mit viel Erfolg am Broadway tätig war. Während der sehr heißen Sommertage und -nächte ließen fast alle Bewohner des Hotels ihre Fenster offen, besonders wenn diese nach dem stillen Hof hinausgingen - Klimaanlagen gab es damals (1934) noch in keinem Hotel.

Und so konnte ich denn sehr oft berühmte Stimmen hören, was mich im Theater zuviel Geld gekostet hätte.

Eines Nachts hörte ich auch die Stimme des bekannten Schauspielers Leslie Howard. Er sprach mit London, wo er ja zu Hause war, was ihn wohl dazu veranlaßte, seine Stimme zu erheben; transatlantische Verbindungen waren damals noch nicht das, was sie heute sind. Das Gespräch dauerte schätzungsweise fünfundvierzig Minuten.
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Er war wirklich überzeugend und dann kam der Applaus

Howard versuchte mit der ganzen Überzeugungskraft seiner herrlichen Stimme einer Dame in London, vielleicht seiner Frau, wenn er eine hatte, klarzumachen, ja ihr zu schwören, daß er sie in New York nicht betrogen habe und ihm nichts ferner läge, als es künftig zu tun.

Die Dame ließ sich schließlich überzeugen, man hörte noch, wie er sich in glühenden Liebesschwüren ergoß, und dann war es zu Ende.

Nein, nicht ganz. Dann hörte man aus sicher vierzig oder fünfzig Fenstern des „Algonquin" das begeisterte Händeklatschen der Zuhörer, die wie ich dieser Gratisvorstellung beigewohnt hatten.

Übrigens blieb ich nur etwa ein Jahr im „Algonquin".
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Hans Naegel wechselte als Manager in das Hotel „Bedford"

Dann nahm Naegel eine Stelle als Manager in dem viel kleineren und weniger prominenten Hotel „Bedford" an der East Thirty-eight Street an, und ich zog mit ihm mit.

Und da ich - zumindest in meinem Beruf - einer der ersten Emigranten in den USA gewesen war, ergab es sich, daß viele, die später erschienen, bei mir auftauchten, um Rat fragten und ganz automatisch im „Bedford" hängenblieben. Schauspieler, Journalisten, Schriftsteller - das „Bedford" wurde bald das Emigrantenhotel par excellence.
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Einer der ersten Emigranten sein ... Vorteile und Nachteile

Das hatte keine besonderen Vorteile, aber gewisse Nachteile. Die wenigen Bekannten, die ich noch von früher hatte, diejenigen, an die ich mich mit Empfehlungsschreiben wandte, empfingen mich fast alle mit einem gewissen unverhohlenen Mißtrauen.

Gewiß, sie hatten in den Zeitungen gelesen, was sich im Hitler-Deutschland abspielte, aber sie konnten es sich doch nicht so recht vorstellen. Ob es nicht voreilig von mir gewesen sei, so plötzlich abzureisen?

Manche versuchten, die eigentlichen, „wahren" Gründe herauszufinden. Ich mußte wohl etwas angestellt haben, daß ich mich so eilig aus dem Staube gemacht hatte. Es war lange Zeit fast unmöglich, gegen dieses Mißtrauen anzukämpfen.

Hitler lebte damals, wie ja auch später, nicht zuletzt von der Unfähigkeit der Menschen, zu begreifen, daß einer ein Verbrecher sein und doch ein großes Land regieren kann. Immerhin, noch wurde nicht vergast - aber es gab eben doch schon Konzentrationslager.
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Ich beschloß eine hehre Aufgabe zu übernehmen

Damals in USA beschloß ich: Ich mußte alles tun, um die Welt über Hitler aufzuklären. Ein großes Wort! Wer war ich denn?

Sportkorrespondent des „Paris-soir". Und ein Journalist, der es schwarz auf weiß hatte, daß diese oder jene europäische Zeitung seine Einsendungen wohlwollend prüfen würde.

Ich hatte natürlich keine Ahnung, was diese Zusicherungen wert waren. Da ich von Natur aus Optimist bin - vielleicht sollte ich sagen: damals noch war -, blieb ich davon überzeugt, daß man mich schon drucken würde.

Und ich träumte "meinen" Traum

Schließlich befanden sich ja alle Zeitungen, an die ich herangetreten war, in der Situation des „Paris-soir" - sie hatten keine Vertreter in Amerika. Sie waren also, wenn man es so sagen dürfte, auf mich angewiesen.

Daß sie viele, viele Jahre lang ohne meine Dienste ausgekommen waren, übersah ich großzügig, ja großmütig. Das würde sich nun ändern.

Wie gesagt, ich war einer der ersten Hider-Emigranten in New York - wenn man von einigen sehr berühmten Politikern absieht und von denen, die wie Billy Wilder sehr schnell in Hollywood untergekommen waren.

Das hatte, wie bereits erwähnt, Nachteile: ich wurde etwas über die Schulter angesehen. Es hatte aber schließlich den Vorteil, daß ich in New York keine Konkurrenz hatte. Und dann: daß ich niemals in Gefahr geriet, mich in Gesprächen mit anderen Emigranten zu verzetteln.
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Ich wollte nicht mehr einer von vielen Emigranten sein

Genau das war ja die Gefahr in Prag, in Wien und ganz besonders in Paris gewesen. Und ich wollte auf gar keinen Fall mehr einer von vielen Emigranten sein. Ich wollte Amerikaner sein oder doch zumindest werden. Ich bin es ja dann auch geworden - nicht, wie die meisten Emigranten, die nach mir kamen, erst nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, sondern schon bevor Amerika in den Krieg eintrat, also nach den vorgeschriebenen fünf Jahren Aufenthalt.

Inzwischen war ich ausgebürgert aus dem 3. Reich

Ich spreche hier nicht davon, daß ich einen neuen Paß wollte, den ich übrigens auch brauchte, denn mein deutscher Paß wurde nicht mehr erneuert, ich war bereits ausgebürgert.

Warum? Das hat mir der "Beamte" des Deutschen Generalkonsulats in New York nie gesagt, der mich eines Tages "aufs Amt" bestellte, um mir diese Mitteilung zu machen.

Ich gab ihm zwar trotz seiner Aufforderung meinen Paß nicht zurück, aber in den nächsten Jahren machte ich meine Reisen mit einem Papier, das das State Department, das Auswärtige Amt in Washington, den Staatenlosen zur Verfügung stellt, die durch den Akt der Einwanderung und die Eintragung in eine Liste - auch das hatte ich besorgt - zu erkennen gegeben hatten, daß sie Bürger des Landes werden wollten.

Aber wie gesagt, es ging mir nicht um den Paß, es ging mir nicht um ein Papier, es ging mir um ein Prinzip.
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"Die Deutschen" wollten mich nicht ....

"Die Deutschen" - oder diejenigen, die in ihrem Namen sprachen, was für mich auf dasselbe herauskam - wollten mich nicht, und ich wollte daher auch kein Deutscher mehr sein.

Dorthin gehörte ich nicht mehr, hierher wollte ich gehören. In Paris hatte ich gespürt, daß ich nicht würde bleiben können. In New York war ich zu bleiben entschlossen.

Selbst wenn man mir damals, zu Beginn meines Aufenthalts in Amerika, mitgeteilt hätte, Hitler sei gestürzt worden, wäre ich nicht nach Deutschland zurückgekehrt. Außerdem glaubte ich ja nicht an einen baldigen Sturz Hitlers. Ich glaubte ja an vierzig Jahre Dauer des Regimes - viel zu lange für mich.
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Ich fühlte - früher oder später knallte es mit Deutschland

Aber dies war nicht Resignation. Ich war überhaupt nicht resigniert. New York hatte mich bei meinem ersten Besuch vor zehn Jahren fasziniert, und nun faszinierte es mich von neuem.

Ich liebte New York, ich liebte seine Straßen, seine Avenuen, seine kleinen, sehr europäischen Lokale, seine vorzüglichen Theater, die ich mir leider nur zu selten leisten konnte, ich liebte die Met, in der ein Stehplatz immer erschwinglich war, ich liebte vor allem auch die amerikanischen Zeitungen, die ich für die besten der Welt hielt und die es wohl auch waren, und ich spürte ganz instinktiv, und das habe ich später immer wieder gespürt und gewußt, daß ein demokratisch regiertes Land sehr stark ist und auf die Dauer eigentlich unbesiegbar.
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Und daß früher oder später eine totale Diktatur wie die Hitlers mit dieser reinen Demokratie würde zusammenstoßen müssen. Wie gesagt, vielleicht erst in vierzig Jahren.
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Ich fing mit kleinen Nadelstichen gegen die Nazis an

Aber auch bis dahin konnte man etwas tun. Die vorzügliche Ausgangsposition Hitlers, die unbegreifliche Dummheit der Welt ihm gegenüber war kein Grund, ihn und die Nazigangster nicht zu bekämpfen. Auch nicht der Umstand, daß ich ja fast hilflos war.

Ein kleiner Journalist, sonst nichts. Und doch: ich mußte es eben versuchen, wo und wie immer ich dazu imstande war. Kein Feuilleton, das nicht irgendeinen Nadelstich gegen diese Nazi-Gangster enthielt.

Sogar meine Sportberichte bildeten da keine Ausnahme. Jeder jüdische Boxer - und es gab deren viele in den USA - wurde von mir besonders herausgestrichen, und kein Neger konnte einen Rekord aufstellen, ohne daß ich darauf hinwies, daß er nicht der „Herrenrasse" angehörte ...
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Der Sport sei doch schließlich unpolitisch

Ich erinnere mich noch eines besorgten Briefes des Chefredakteurs vom Zürcher „Sport". Der Sport - nicht die Zeitung, sondern die Institution - sei doch schließlich unpolitisch. Ich antwortete eher keck, das solle er doch lieber Hitler schreiben.

Sicher wurde vieles gestrichen, was ich in dieser Beziehung schrieb, aber manches blieb doch stehen.

Im Zürcher „Sport" war ich ein Erfolg, die Kollegen in Zürich konnten mich wirklich gut brauchen. Auch meine Arbeit für den „Paris-soir" lief von Anfang an gut, ich darf fast sagen ausgezeichnet.

Es war nicht schwer für mich, Sportneuigkeiten zu entdecken, die drüben interessieren würden. Radrennen, Boxen, Tennis, Eishockey, Leichtathletik - nicht nur in New York, sondern auch in anderen amerikanischen Städten. Interviews mit Sportgrößen.

Ich telegraphierte jede Nacht - das war in Paris schon frühmorgens - und war recht zufrieden mit mir selbst, bis mich die ersten Exemplare des „Paris-soir" und des „Paris-midi" erreichten.
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Ein kurzzeitig böses Erwachen - sie hatten es nicht gedruckt

Keines meiner kostbaren Worte war abgedruckt. Ich verstand die Welt nicht mehr. Auch nicht einen Brief Edgars, meine Sachen kämen in Paris gut an. Es dauerte Wochen, Ewigkeiten für mich, bis sich herausstellte, daß ich stets die falschen Ausgaben erhielt - nämlich die sogenannten Troisièmes, in denen meine Ergüsse eben noch nicht erschienen.

Die kamen dann in den Sixièmes heraus - übrigens groß aufgemacht. Bis die „richtigen" Ausgaben mich erreichten, dauerte es etwas, aber dann konnte ich aufatmen.

Konnte ich aufatmen ?

Schließlich war es kaum ein erstrebenswertes Leben, am Abend die Morgenzeitungen, am Vormittag die Nachmittagsblätter durchzusehen, zu allen möglichen Sportereignissen zu eilen, um dann ein paar Zeilen oder auch ein paar Absätze zu telegraphieren. Schließlich war ich ja schon in Berlin aus meinen Sport-Schuhen herausgewachsen.
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Ich schrieb daher nicht nur über Sport, ich schrieb über alles

Aber da waren ja die anderen Zeitungen, in denen ich über andere Themen schreiben durfte, über interessante Ereignisse, über Theater und Film. Ich schrieb also. Ich schrieb von früh bis spät.

Ich schrieb mindestens zwei bis drei Sachen pro Tag und mit vielen, vielen Durchschlägen. Damals gab es natürlich noch keine Flugpost nach Europa. Aber schnelle Dampfer, die nach Le Havre oder Cherbourg oder Southampton nur sechs Tage brauchten.

Ein Vermerk auf dem Kuvert sicherte den Versand des Briefes durch den betreffenden Schnelldampfer. Die stachen gewöhnlich am Donnerstag in See. Am Tage vorher erschien ich dann auf dem Postamt mit zehn oder zwölf unsagbar dicken Briefen.

Daran erinnere ich mich noch genau. Denn an diesen Tagen fastete ich. Das wa nicht religiös ebdingt. Ja, das Porto, das ich ausgeben mußte, "verschlang" das, was ich für Essen ausgeben durfte.
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Die leckeren "Sandwiches" auf den Cocktailpartys

A propos Essen: Als dem Verband ausländischer Presse zugehöriger Korrespondent wurde ich oft zu Cocktailpartys geladen, die irgendein Konsul gab oder sonst ein wichtiger Mann, und ich erschien natürlich immer, um mich an den Sandwiches gütlich zu tun.

Anmerkung : Hier merkt man, Curt Riess schreibt dieses Buch in 1977. Denn im Deutschland von1935 kannte man das Wort "Sandwich" nicht.

In Glücksfällen wurde ich sogar zu offiziellen Abendessen eingeladen, etwa zum Geburtstag des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Benesch, oder vielleicht war es auch ein Jubiläum seiner Regierung oder des Landes überhaupt.

Ich saß am sogenannten Pressetisch und haute tüchtig ein. Das bedeutete immerhin, daß ich am nächsten Tag nicht viel essen mußte, wenn überhaupt. Bei solchen offiziellen Dinners war es immer so, daß erst nach Tisch oder frühestens zwischen Dessert und Kaffee und Likören die Reden gehalten wurden, deretwegen ich ja eingeladen war.

Ich und andere - denn ich saß, wie gesagt, immer am Pressetisch. Ich weiß es noch wie heute, daß ich mir die ganze Zeit überlegte, wie ich diesen Reden, über die ich ja doch nichts schreiben würde, entgehen konnte. Etwa fünf Minuten bevor sie begannen, entschuldigte ich mich für ein paar Augenblicke: ich hätte ein wichtiges Telephongespräch zu führen. Ich ging hinaus und führte auch irgendein Telephongespräch, und als ich zurückkam, war der Pressetisch leer.

Ich begriff: meine Kollegen waren auch nicht begieriger auf diese Reden als ich. Später merkte ich, daß es keiner besonderen List bedurfte, sondern daß es allgemein Brauch bei den Presseleuten war, zu verschwinden, bevor die Reden gehalten wurden, deren Texte sie übrigens hektographiert schon vorher bekommen hatten.
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Vier Wochen vergingen und meine Artikel kamen zurück

Aber zurück zu den Tagen, an denen ich meine Meisterwerke nach Europa verfrachtete und infolge der Portospesen nichts zu essen hatte. Trotzdem war ich frohgemut. Ich rechnete mir aus, was ich für diese rund zwanzig oder dreißig Artikel, Durchschläge natürlich eingerechnet, wohl bekommen würde, und war sogar sicher, daß der eine oder andere Redakteur mich beloben würde.

Wenn ich richtig kalkulierte - eine Woche, bis meine Arbeiten an Ort und Stelle waren, eine Woche, bis man sie, begeistert natürlich, gelesen und gedruckt hatte, eine Woche für die Rückantwort - dann mußte ich in drei Wochen sehr viel besser dastehen als jetzt.

Drei Wochen vergingen. Vier Wochen vergingen. Und dann kamen die Briefe der Redaktionen. Die waren genau so dick wie die von mir gesandten. Aus gutem Grunde, denn alle meine Arbeiten kamen zurück - alle, ohne Ausnahme. Mit einem - meist vorgedruckten - Bescheid, leider wäre der Artikel nicht geeignet ... Übermaß an eingereichten Arbeiten ... Notwendigkeit, auf ältere Mitarbeiter Rücksicht zu nehmen ...
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Hatte ich mein Talent verloren?

Inzwischen hatte ich ja weitere Artikel abgesandt und immer wieder welche, und sie kehrten alle zu mir zurück. Wie war das möglich? Wie erklärlich? Hatte ich mein Talent verloren? Hatte ich vielleicht nie sehr viel Talent besessen?

Ich erinnere mich noch einer sehr stürmischen Winternacht, als - wieder einmal - eine große Anzahl dieser Briefe an mich zurückkam.

Naegel hatte mir diese veritablen Pakete lächelnd überreicht: „Nein, wieviel Post Sie doch bekommen!" Er dachte, mich würde das erfreuen. Ich mußte die Briefe gar nicht öffnen, um zu wissen, was sie enthielten. Und ich ließ sie liegen und ging aus dem Hotel.

Ich war in jedem Sinne fertig.
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