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Die Lebensbiografie von Curt Riess - geschrieben 1977

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956/57 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesem Buch gibt es neben den "Aufzählungen von Tatsachen" jede Menge Hintergrund- Informationen über seinen Werdegang, seine Reisen und das Entstehen der Filme, über die Schauspieler und Stars, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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(16) Erfolg

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Als Korrespondent oder Reporter muß man viel Glück haben.

Als Korrespondent oder Reporter - was oft auf dasselbe hinausläuft - muß man Glück haben. Glück haben heißt, daß etwas passiert, wenn man in nächster Nähe ist und daher darüber berichten kann. Glück für einen Korrespondenten kann auch ein großes Unglück sein.

Da war die furchtbare Zeppelin-Katastrophe in Lakehurst, New Jersey, damals noch eine knappe Autostunde von New York entfernt. Ich war hinausgefahren, um den Kapitän Lehmann zu interviewen. Es schien mir nämlich, als würden - das war die zweite oder dritte Zeppelinfahrt - von nun an viele Zeppeline zwischen Deutschland und den USA verkehren.
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In war gerade in Lakehurst, als der Zeppelin explodierte ....

Und so war ich in Lakehurst als einziger Zeitungsmann anwesend, als der Zeppelin nur wenige Meter vom Erdboden entfernt -ich glaube, es waren ungefähr zwanzig bis dreißig Meter - zu brennen begann und abstürzte und viele Passagiere absprangen, um sich aus dem brennenden Koloß zu retten.

Ein unbeschreibliches Durcheinander. Feuer, Krach, als der Zeppelin auf dem Boden aufschlug, Hilferufe, Schreie und Wimmern von Verletzten.

Das alles sah ich als einziger, der darüber schreiben konnte. Und mein Interview mit Kapitän Lehmann - ja, das hatte ich auch, mitten in dem Chaos, denn sonst wäre ich nie zu ihm vorgestoßen.

Ich sprach mit ihm, als er im Sterben lag mit grausamen Verbrennungen dritten Grades, aber er ahnte nichts, er wußte nichts, man hatte ihn mit Morphium vollgepumpt. Ich wußte übrigens auch nicht, wie schlimm es um ihn stand.

Das war eine Weltsensation - und alle europäischen Zeitungen druckten den „ Paris-soir" nach, sogar einige in den Vereinigten Staaten.

Freilich, die deutschen Nachdrucke wurden weder honoriert noch wurde mein Name erwähnt. Oder soll man sagen, er wurde unterschlagen?
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Dem Bericht von mir wurde viel hinzugedichtet ...

Übrigens stammte nur der Bericht von mir. Die Schlußfolgerungen, die gezogen wurden, so unter anderem, daß es sich um einen Sabotageakt handle, entstanden in den verschiedenen Redaktionen.
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Ich konnte mich vieler "Scoops" rühmen ......

Viele meiner Berichte waren das, was man in der englischen Fachsprache - im Deutschen gibt es kein Wort dafür - einen „scoop" nennt. Ein "Scoop" ist eine Nachricht, die man als erster bringt.

Nun, ich konnte mich vieler solcher "Scoops" rühmen. Ich entwickelte eine Art sechsten Sinn für solche Scoops, wie etwa im Fall Lakehurst. Oder bei der Entwicklung der Lindbergh-Hauptmann-Affäre.

Man erinnert sich: Das Lindbergh-Baby war gekidnapt und später tot aufgefunden worden. Ein gewisser Bruno Hauptmann, geborener Deutscher, war auf Grund zahlreicher Indizien verhaftet worden und stand schließlich vor Gericht.

Und ich war, zumindest in den ersten Wochen dieses Prozesses, der sich über Jahre hinziehen sollte, neben zwei englischen Kollegen der einzige europäische Berichterstatter, der diesem Prozeß persönlich beiwohnte - und ganz Paris sprach plötzlich von der Affäre Lindbergh.
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Mein Interview mit der Frau Al Capones

Ein anderer Scoop, der durch unzählige Zeitungen Europas ging, war mein Interview mit der Frau Al Capones. Der war damals noch ein Begriff: der prominenteste Gangster einer Zeit, in der es von Gangstern wimmelte, wenn nicht gar, wie viele behaupteten, ganz Amerika überhaupt von Gangstern regiert wurde.

Al Capone war dann schließlich zu einer hohen Zuchthausstrafe verurteilt worden - nicht auf Grund der Morde, die auf sein Konto gingen, sondern wegen Verletzung der Steuergesetze. Er kam in das gefürchtete Zuchthaus auf der Insel Alcatraz, dessen Insassen recht brutal behandelt wurden.
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Al Capone, ein Mann mit Familie

Aus den Prozeßberichten, zum Teil noch in Europa, hatte ich erfahren, daß er im Gegensatz zu den meisten Gangstern ein Mann mit Familie war, zumindest eine Frau besaß.

Die meisten Gangster erfreuten sich der Gesellschaft sogenannter „Molls", das waren die Gangsterbräute, hübsche, oft schöne Mädchen, sehr elegant, mit denen man sich sehen lassen konnte, ja sehen lassen mußte.

Die Frau Al Capones, auch das erfuhr ich aus den Zeitungsberichten, war früher Lehrerin gewesen. Und nun, da ich in Amerika war, hatte ich die Idee, sie aufzusuchen.

Wo wohnte sie denn? Das zu erfahren war schon schwieriger. Schließlich brachte ich heraus, daß sie nicht mehr in Chicago lebte, das einst ihr Mann beherrscht hatte, nicht in Cicero, einem Vorort Chicagos, das die eigentliche Festung Al Capones gewesen war, sondern - in San Francisco. Und ich bekam auch ihre Adresse.
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Von Hollywood nach San Francisco fährt man 6 bis 7 Stunden

Ein Jahr später, vielleicht war es auch etwas kürzer oder etwas länger, war ich wieder einmal in Hollywood und fuhr nach San Francisco hinauf - das dauerte damals sechs oder sieben Stunden.

Die Adresse von Frau Capone war ein Haus, das an der letzten Straße vor der Küste zur Bay oder zum Ozean stand. Jedenfalls mit Blick auf das Wasser.

Ich läutete, und die Haustür öffnete sich sofort. Und dann stand ich einer Frau gegenüber, die so ganz anders aussah, als ich mir die Frau Al Capones vorgestellt hatte.

Sie war nicht besonders hübsch, mittelgroß, eher etwas dicklich und, was damals noch eine Seltenheit war und durchaus nicht als schick galt: sie hatte eine Brille auf der Nase.
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„Sie sind Journalist? Sie wollen mich interviewen?"

Sie sagte, gewissermaßen zur Einleitung: „Sie sind Journalist? Sie wollen mich interviewen?"

Ich gebe zu, daß ich die Absicht hatte, dies nicht einzugestehen. Ich hatte mir sogar eine Story zurechtgelegt, die ich vorbringen wollte, aber diese Frau wirkte so natürlich, so ehrlich, daß ich einfach nicht den Mut fand, sie zu belügen.

Ich sagte: „Ja, ich bin gekommen, um ein Interview von Ihnen zu bekommen."
Sie nickte und führte mich ins Zimmer. Ich sah wie gebannt durch das Fenster, das sich in Richtung Meer öffnete. Und ich wußte nun alles. Zum Greifen nah lag in der Bucht die Insel Alcatraz.

Sie lächelte: „Sie sind der erste Zeitungsmann, dem ich gegenüberstehe. Das mag komisch klingen, aber mein Mann legte den größten Wert darauf, daß ich sozusagen im Hintergrund blieb. Ich war ja auch nie dabei, wenn er seine großen Feste gab. Dann, nach seiner Verurteilung, war ich ja völlig uninteressant."
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Ich fragte sie, warum sie nach San Francisco gezogen sei.

Sie machte eine Bewegung in der Richtung des Fensters. „Deshalb." Sie lächelte wieder. „So bin ich wenigstens in seiner Nähe."

Ich fragte, ob sie ihn besuche.
„Manchmal, aber sehr selten. Es ist nur zweimal im Jahr erlaubt. Ich versuche es trotzdem öfter. Manchmal gelingt es mir."

Ob sie wisse, wie es ihm auf der Insel ergehe?
„Schlimm. Er sagt zwar nichts darüber, er ist zu stolz. Aber ich glaube, die meisten der anderen Gefangenen sind nicht gerade seine Freunde. Und wenn sie auf ihn einschlagen, dann schauen die Wächter in eine andere Richtung."

Ich wußte nicht recht, was ich sagen sollte, und sie fuhr fort: „Sie wundern sich vielleicht, daß ich hier bin. Ich kenne keinen Menschen in der Stadt. Ich bin ganz allein. Aber ich bin eben seine Frau. Und jetzt, da er niemanden mehr hat, der zu ihm hält ..."

Und dann erzählte sie mir von früher. Er hatte ihr alles geboten, was man einer Frau bieten kann. Aber sie wollte keine schönen Kleider, keinen Schmuck, nichts. Ob sie gehofft habe, ihn zu ändern, vielleicht gar zu reformieren?"
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„Sie kennen Alphonse nicht ..."

Sie schüttelte den Kopf. „Sie kennen Alphonse nicht ...". Sie nannte ihn immer Alphonse. Das war ja wohl auch sein richtiger Name.

Das Interview währte nicht allzu lange. Eine knappe halbe Stunde, würde ich sagen. Der „Paris-soir" brachte es auf der ersten Seite ganz groß. Und auch einige englische Zeitungen brachten es und einige belgische.

Auch amerikanische Zeitungen übernahmen den Inhalt, der ihnen durch die großen Agenturen wie AP und UP übermittelt wurde ... Die Sache war ein Riesenerfolg.

Es ist ja bekannt, daß Al Capone noch vor Ablauf seiner Strafzeit entlassen wurde. Er war schon ein sehr kranker Mann. Beginnende Gehirnerweichung, wohl die Folge einer verschleppten Syphilis. Er zog dann mit seiner Frau in eines seiner Häuser in Florida und starb bald darauf. Was aus ihr geworden ist? Ich weiß es nicht. Ich habe nie wieder von ihr gehört, allerdings auch gar keinen Versuch gemacht, mit ihr in Verbindung zu treten.
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„Eigentlich solltest du Hitler dankbar sein!"

Gaston Benac sagte einmal während eines meiner jetzt zahlreichen, wenn auch nur kurzen Aufenthalte in Paris: „Eigentlich solltest du Hitler dankbar sein!"

Und da ich nicht gleich verstand: „Ohne ihn säßest du immer noch in Berlin - und in Paris würde dich niemand kennen!"
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Die Welt der Korrespondenten änderte sich nach 1945

In Europa, Hitler-Deutschland natürlich ausgenommen, war meine Beliebtheit, die ich meinen großen Reportagen und Sportberichten verdankte, weiterhin gewachsen.

Es ist vielleicht - von den 1970er Jahren aus gesehen - kaum verständlich, wie einfach es damals noch war, mit Reportagen aus den USA Europa zu erobern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen immer mehr Korrespondenten nach drüben, und bald war es nicht mehr oder doch nur mit großem Glück möglich, etwas zu schreiben, was nicht andere gleichzeitig oder auch schon vorher geschrieben hatten.

In den 1930er Jahren gab es wenige europäische Korrespondenten drüben, und bei diesen handelte es sich im wesentlichen um politische Korrespondenten. Die drahteten oder schrieben ihre Beurteilung der jeweiligen politischen Situation.

Das interessierte eigentlich nur die Leser der seriösen Zeitungen, und auch die nur mit Maßen. Amerika war ja so weit weg!
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Amerika war ja so weit weg!

Für Paris, für London, für Zürich war wichtiger, was Hitler sagte oder tat, als was etwa in Washington geschah. Das von mir erwähnte Desinteressement der ausländischen Presse an dem, was etwa Cordell Hüll äußerte, war ja nicht Zufall, sondern symptomatisch.

Oder da war die Affäre der Mrs. Simpson, die der junge englische König liebte und die er schließlich nach Thronverzicht heiratete. Diese Story - sie dehnte sich über Wochen und Monate aus - war die Traumstory aller Journalisten der westlichen Welt.
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Die Affäre der Mrs. Simpson mit dem englischen König

Durch Zufall kannte ich einen Vetter der Mrs. Simpson recht gut - sie war ja gebürtige Amerikanerin. Und der schrieb einen Bericht von unzähligen Folgen, während die Affäre sich entwickelte und ihrer Klimax zusteuerte.

Diese Berichte erschienen - nicht in England, das wäre undenkbar gewesen, nicht in Deutschland oder Österreich oder Skandinavien, sondern nur in den Vereinigten Staaten - und im „Paris-soir". Damals pendelte ich einige Male zwischen London und New York hin und her, um die nötigen Arrangements zu treffen.

Das war nicht so einfach, wie es heute klingen mag. Die britische Regierung hätte überall interveniert, wo ein solcher Abdruck, der ja - o Protokoll! - wörtliche Zitate des Königs enthielt, geplant wurde.
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Die Zeitung, die Journalisten bekamen einen wohlmeinden Tip

Es gab zwar weder in Frankreich noch in den Vereinigten Staaten eine Zensur, wohl aber Außenministerien, die einem nahegelegt hätten, die Finger von dieser Geschichte zu lassen.

Nun, ich schaffte es, und eine große Nachrichtenagentur in New York schaffte es auch - die Reihenfolge war eigentlich umgekehrt. Der Sicherheit halber schrieb der Vetter von Mrs. Simpson seine Geschichte dann nicht in London, sondern in New York.

Und ich mußte jeden Tag einige tausend Worte - etwa die Länge von zwanzig Druckseiten - an den „Paris-soir" kabeln, Tag für Tag, besser Nacht für Nacht. Zuerst bemühte ich mich, Geld zu sparen, indem ich die Kommata, die Artikel und die „und" strich.

In Paris wurde ja doch alles übersetzt. Später wurde mir das zu langweilig. Ich las die einzelnen Kapitel nicht einmal mehr durch, ich schickte sie, wie sie waren, zu der French Cable Company, und die kabelte alles nach drüben.

Und dort wurde diese übrigens keineswegs furchtbar aufregende Geschichte - aber sie war eben „authentisch" - den Zeitungsverkäufern buchstäblich aus den Händen gerissen.
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Und dann die Sturmfluten und Orkane und Hurrikanes

Da ich über alles schreiben durfte, nein sollte, was sich in Amerika begab, flog ich auch in den mittleren Westen, wenn dort, es war wohl 1936/37, tage- und manchmal wochenlang die Sturmfluten und Orkane oder, wie man sie nannte, die Hurrikane, tobten.

Wir von der Presse - es waren weit über hundert Journalisten aus allen Teilen Amerikas zusammengekommen - wurden von den militärischen Stellen - in Notzeiten wurde in Amerika immer alles, zumindest vorübergehend, dem Militär unterstellt - in Flugzeuge geladen, die über dem Sturmflutgebiet kreisten - in einer gewissen Höhe, ein Risiko war ausgeschlossen.

Ich unterstreiche dies absichtlich, denn obwohl ich wußte, daß ich nicht ein Opfer eines solchen Hurrikans werden würde, war ich doch, als ich sah, wie er tobte, oder sollte man sagen wie sie tobten, denn es handelte sich um mehrere, aufs tiefste erschrocken und verängstigt.
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Einem Hurrikan kann man nicht mehr davonlaufen

Als Zeitungsleser erfährt man, daß irgendwo ein Hurrikan gewütet hat oder wütet, daß es soundso viele Tote und Obdachlose gegeben hat, daß Städte verwüstet worden sind. Man liest es und bleibt einigermaßen gelassen.
Aber wenn man das mit ansieht!

Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich bei der Lektüre bloßer Zahlen, zum Beispiel, daß ein Hurrikan die Schnelligkeit von einhundertfünfzig Kilometer pro Stunde erreichen kann oder auch mehr, besonders erschrecken.

Aber wenn man es mit ansehen muß, traut man seinen Augen nicht. Man bedenke: hundert Kilometer, hundertfünfzig Kilometer pro Stunde ! Also so schnell wie ein schnelles Auto.

Das kommt herangebraust in der Höhe eines vierstöckigen, fünfstöckigen, zehnstöckigen Hauses. Ich hatte mich vorher, bevor ich einen zu sehen bekam, immer gefragt, warum die Leute auf Sturmzeichen nicht sofort das Nötigste zusammenrafften und flohen.

Als ich die Sturmfluten sah, war die Antwort klar: Sie hatten keine Zeit mehr dazu. Ein Hurrikan nähert sich so schnell, daß man nicht mehr davonlaufen kann.
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Der Blick aus dem Flieger hatte etwas Unwirkliches an sich

Es war schrecklich zu sehen, wie ganze Ortschaften sozusagen innerhalb von Sekunden k. o. geschlagen wurden oder in den Fluten versanken. Es war schrecklich zu sehen, wie die Menschen sich auf die Dächer ihrer Häuser zu retten versuchten - aber da war keine Rettung, auch wenn die Wellen nicht höher waren als die Dächer, so waren sie doch stark genug, die Häuser unter den Dächern zusammenzuschlagen. Und dann versanken die Dächer natürlich mit den Häusern.

Das Ganze hatte etwas Unwirkliches an sich, das es nur noch unheimlicher machte. Der Hurrikan kam von einer Stunde, was sage ich, von einer Minute auf die andere. Er war da, tobte, und ganz plötzlich war alles wieder ruhig.
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Als Thomas Mann mit seiner Frau Katja in New York eintrafen

Als ich seinerzeit 1934 in New York mit dem Schiff ankam, war ich ja einer der ersten Hitler-Emigranten, die amerikanischen Boden betraten.

Inzwischen trafen immer mehr Emigranten ein, und viele, die wenigstens etwas Geld hatten, kamen ins „Bedford".

Unter ihnen Klaus Mann mit Schwester Erika und kurz darauf auch der Vater Thomas Mann mit seiner Frau Katja, allerdings immer nur für ein paar Monate, um im Sommer nach Europa zurückzukehren.
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Mit Erika Mann verband mich bald eine tiefe Freundschaft.

Sie war eine bemerkenswerte Person. Nach New York kam sie zuerst, um dort mit ihrem Kabarett „Die Pfeffermühle" zu gastieren. Man bedenke: Ein politisches Kabarett in deutscher Sprache in New York! Dort war - und ist heute noch - der Begriff des politischen Kabaretts so gut wie unbekannt; und dann noch eines, das Bezug nahm auf unzählige Gegebenheiten, die den New Yorkern nicht geläufig waren.

Und das alles in einer Sprache, die kaum einer von dreihundert Besuchern verstand. Es mußte schiefgehen, und es ging entsetzlich schief. Und wenn ich von dreihundert Besuchern spreche, so muß hinzugefügt werden, daß „Die Pfeffermühle" an den zwei oder drei Abenden, die sie in New York überhaupt spielte, in allen Vorstellungen zusammen sicher nicht mehr als dreihundert Zuschauer anlockte.

Erika und ich sprachen sehr ausführlich über diesen Fall, der für mich eigentlich ein „Fall Eri" wurde. Sie war nicht nur eine attraktive, sondern auch eine außerordentlich begabte junge Dame geworden. Ihr Problem bestand darin, daß sie so viele Begabungen hatte, nur nicht die, es irgendwo in einer Stadt oder gar auf dem Land lange auszuhalten.
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Die hochbegabten Geschwister Klaus und Erika Mann

Blutjung hatte sie als Schauspielerin begonnen, aber, obwohl durchaus nicht ohne Erfolg, diesen Beruf nur sporadisch ausgeübt. Mitten in einer Saison erfaßte sie plötzlich der Wunsch, Ski zu fahren, und sie fuhr eben los.

Ihr Vater würde das schon mit dem jeweiligen Theaterdirektor in Ordnung bringen, was er auch tat. Oder es interessierte sie, mit ihrem Bruder Klaus eine Weltreise zu unternehmen. Sie fuhr und schrieb dann mit ihm zusammen ein recht amüsantes, obschon hoffnungslos dilettantisches Buch.

Dann spielte sie wieder Theater. Dann machte sie Kabarett. Dann veröffentlichte sie ein Buch gegen Hitler und dann - das war nach der „Pfeffermühle"-Pleite - hielt sie Vorträge in allen großen amerikanischen Städten gegen das Dritte Reich.

Dann Vorträge über das Leben im Hause von Thomas Mann. Später wurde sie eine Art rechte Hand ihres Vaters. Und noch später schrieb sie über ihn ein Buch - oder waren es mehrere?
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Trotz der Flops kamen meine Ratschläge nicht an

Ich sagte ihr schon damals in New York, sie müsse doch wohl eine Entscheidung treffen. Schauspielerin oder Schriftstellerin? Sie könne sehr viel, vermutlich alles, was sie sich vornehme, aber sie müßte dann eben am Ball bleiben. Gerade das war aber das einzige, wozu sie nicht imstande war.

Oft sprachen wir über ihren Bruder Klaus, nur ein knappes Jahr jünger als sie, unser aller Sorgenkind. Ein reizender Mensch, gescheit, amüsant, maßlos leichtsinnig.

Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich mitteile, daß er homosexuell war. Er gab das nicht nur zu - er hielt es geradezu für eine Ehre, andersartig zu sein, und unterstrich es bei jeder Gelegenheit. Es ging vielen von uns auf die Nerven, daß er immer, immer wieder darauf zu sprechen kam.

Erikas Bruder Klaus war homosexuell .........

Einmal saßen wir in der „Bedford"-Bar, als er wieder davon anfing. Es handelte sich wohl um einen jungen Mann, den er kennengelernt hatte und den er für „so" hielt.

Ich sagte ungefähr: „Mein lieber Klaus, du hältst alle für ,so'. Wenn wir jetzt beide als Japaner in Tokio säßen und hätten den ,Tod in Venedig' gelesen, würdest du doch erklären, der Autor sei sicher homosexuell."

Und er nach kurzem Schweigen: „Nun ja, ganz normal ist mein Vater wohl auch nicht."
Und ich: „Du bist hoffnungslos. Dein Vater ist schließlich vierzig Jahre mit derselben Frau verheiratet und hat mit ihr sechs Kinder gezeugt."

Wir sprachen dann über anderes. Schließlich von Hollywood - ich war erst vor einigen Tagen aus Kalifornien zurückgekehrt.
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„Mit welcher Frau lebt die Garbo jetzt eigentlich?"

Klaus wollte wissen: „Mit welcher Frau lebt die Garbo jetzt eigentlich?"
„Mit keiner, soviel ich weiß. Ich weiß nur von einem Mann."
Protest: „Aber die Garbo ist doch lesbisch!" Auf meinen negativen Bescheid wurde er geradezu wütend. Jeder wisse doch, daß die Garbo nicht normal sei.
„Ich, zum Beispiel, weiß das nicht. Ich weiß allerdings, wie übrigens ganz Hollywood, von einigen Männern ..."
„Du willst mich reinlegen!"
„Warum sollte ich?"
„Also gib endlich zu, daß die Garbo . . ."
„Klaus, ich kann beim besten Willen die Garbo nicht ändern, nicht einmal dir zuliebe!"
Darauf er: „Also gut. Wenn du zugibst daß die Garbo lesbisch ist, will ich zugeben, daß Thomas Mann normal ist."
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Die amerikanische Armee akzeptierte keine Homosexuellen.

Er hatte später gewisse Schwierigkeiten, als er sich nach Eintritt Amerikas in den Krieg freiwillig zur Armee meldete. Man wies ihn ab. Die amerikanische Armee akzeptierte prinzipiell keine Homosexuellen.

Er schwor Stein und Bein, er sei es nicht. Und wir alle, die er als Referenzen angab, taten das gleiche. Die Armee war schließlich bereit, ihre Entscheidung von dem Gutachten eines Psychiaters abhängig zu machen. Alle seine Freunde drillten Klaus, wie er sich zu verhalten habe.

Das Examen verlief dann so: Der Psychiater unterhielt sich eine Weile mit Klaus, der ihm von zahlreichen Verhältnissen mit Frauen erzählte, von denen er keines gehabt hatte. Dann ging der Psychiater zum Fenster, winkte Klaus heran, deutete auf ein gegenüberliegendes Fenster und sagte: „Sehen Sie die Frau dort drüben? Die hat sicher tolle Brüste, was?"
„Tolle Brüste!" bestätigte Klaus und war damit in der Armee.
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Thomas Mann hatte endgültig mit dem 3.Reich gebrochen

Wie schon erwähnt, traf Thomas Mann jeden Herbst im „Bed-ford" ein, begleitet von seiner Frau Katja. Er bewohnte ein geräumiges Apartment im obersten Stock. Man sah einander oft, entweder dort oder beim Lunch, beim Abendessen in diesem oder jenem Restaurant.

Manchmal las Thomas Mann auch vor uns aus einem Werk, das er gerade schrieb, zum Beispiel aus „Lotte in Weimar", im engsten Kreis natürlich, zu dem - und ich vermerke das nicht ohne Stolz - auch ich gehörte.

Um diese Zeit hatte er endgültig mit Deutschland, will sagen mit dem Dritten Reich, gebrochen. Er war ausgebürgert worden, und irgendein idiotischer Dekan hatte ihm mitgeteilt, daß er dadurch des Ehrendoktorats der Universität Bonn verlustig gegangen sei.
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Ehrendoktor der Universität Bonn - völlig unwichtig

Eine für Bonn weitaus größere Blamage als für Thomas Mann. Er hatte diese kurze Mitteilung veröffentlicht mit einer sehr ausführlichen Antwort, einer Art Abrechnung mit dem Hitler-Regime. Das war ein ganzes Pamphlet geworden. Es wurde gedruckt, zuerst von Emil Oprecht in Zürich und dann fast überall in der Welt.
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Und Thomas Mann wollte keine Tantiemen ... trotz Geldnot

Thomas Mann kam gar nicht auf die Idee, Geld dafür zu verlangen, obwohl die verschiedenen Verlage die Broschüre für Geld verkauften. Frau Katja unterhielt sich mit mir, und ich sagte: „Natürlich muß er seine Tantiemen bekommen."

„Er will das nicht", sagte sie. „Dabei könnten wir das Geld brauchen. Wir haben ja schließlich in Deutschland alles verloren!"

Und er hatte ja nicht nur seine Kinder zu ernähren oder mitzuernähren, sondern unterstützte auch seinen Bruder Heinrich und eine Reihe von Freunden. Er hatte überhaupt kein Verhältnis zu Geld. Man kann auch sagen, er war eben sehr großzügig.

Bei den Mann's war immer Leben im Haus

Später, so um 1938 oder 1939 herum, zog Thomas Mann, der auf die Dauer dem New Yorker Betrieb entgehen wollte, nach Princeton, dort hatte er ein schönes, geräumiges, aber doch wohl viel zu teures Haus gemietet. Ich kam oft über das Wochenende hinaus, es waren nicht einmal zwei Stunden mit der Bahn. Und auch dort gab es einigen Betrieb, oder sagen wir lieber, es war immer Besuch da oder doch fast immer.
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Erika Mann brauchte einen Mann, wegen ihres Passes

Zum Beispiel der englische Dichter W. H. Auden, der Erika pro forma geheiratet hatte, um ihr einen englischen Paß zu verschaffen, nachdem Hitler sie ausgebürgert hatte.

Auch Therese Giehse, Erikas Freundin und scharfe Gegnerin des Hitler-Regimes, mußte um einen neuen Paß besorgt sein, und Auden versprach, einen passenden Mann für sie zu suchen.

Als die beiden Damen verabredungsgemäß an einer kleinen ländlichen Bahnstation aus dem Zug stiegen, erwarteten sie nicht zwei, sondern drei Männer. Auden stellte der Giehse ihren Zukünftigen vor. Und der wies mit einer entschuldigenden Geste auf den Dritten : „Ich mußte ihn mitbringen. Ich kann ihn nicht allein lassen." - Der Dritte war nämlich ein Patient. Er selbst - Irrenwärter.
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Albert Einstein lehrte in Princeton die Relativitätstheorie

Noch ein interessanter Professor, den ich oft traf, war Albert Einstein, der auch in Princeton lebte und dort lehrte. Ich hatte ihn einmal ganz flüchtig kennengelernt, bei einem Bankett, und zu meinem Erstaunen erinnerte er sich daran.

Wie alle hatte ich ein wenig Angst vor ihm; schließlich wußte ich ja nicht das geringste über die (seine) Relativitätstheorie.

Was, wenn er voraussetzte, daß ich etwas davon verstünde und mich in fachliche Gespräche verwickelte? Er tat es nicht und - wie ich durch seine Frau erfuhr - auch nicht mit anderen. Nicht etwa, weil er uns für unfähig hielt, diese so komplizierte Sache zu begreifen, sondern im Gegenteil: er hielt seine Theorie für so einfach, für so allgemeinverständlich, daß er sich gewissermaßen genierte, sie auch nur zu erwähnen.

Einstein interessierte sich eigentlich für alles

Er interessierte sich eigentlich für alles, vor allem aber für Musik. Er strahlte, wenn Bruno Walter kam - auch ein Freund von Thomas Mann - und ein bißchen Musik machte. Einstein selbst spielte leidenschaftlich gern Violine, aber ich kann nicht behaupten, daß wir ihm leidenschaftlich gern zuhörten.

Er war wohl der gutmütigste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Er konnte nie nein sagen. Das ging bis ins Absurde.

„Stellen Sie sich vor", erzählte uns Frau Einstein eines Tages, „da hat er sich doch jetzt einen Lift für unser neues Haus auf schwätzen lassen. Es handelte sich um einen Emigranten, der eine Empfehlung von einem anderen Emigranten mitbrachte. Und mein Mann hat ganz vergessen, daß das Haus, das wir bauen, ein Bungalow ist. Was macht man mit einem Lift in einem Bungalow?"
So war Einstein.
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Thomas Mann ging gerne spazieren

Es war eine große Auszeichnung für mich, daß er mich gelegentlich bat, mitzukommen. Und er verlangte keineswegs, daß man schweigend neben ihm hertrottete. Im Gegenteil, er wollte unterhalten werden.

Manchmal ging es um Politik. Immer wieder tauchte die Frage auf, ob und wie Hitler zu vermeiden gewesen wäre. Ich bemerkte einmal: „Wenn Deutschland den Krieg 1914/1918 gewonnen hätte ..."

„Aber das sage ich ja immer!" Er hatte während des Krieges ein Büchlein geschrieben, „Friedrich und die große Koalition", das erschreckend nationalistisch war, und gegen Ende des Krieges „Die Betrachtungen eines Unpolitischen", in denen er auch einen, gelinde gesagt, „rechten " Standpunkt bezog. Erst Mitte der zwanziger Jahre bekehrte er sich, wenn man so will, zur Republik, zum demokratischen Denken.

„Vielleicht habe ich damals doch nicht so unrecht gehabt!" sagte er mit leiser Ironie, und er wiederholte es oft, obwohl er es doch besser wissen mußte.
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Nur eine Weihnachtsgeschichte schreiben - für 5000 Dollar

Eines Morgens beim Frühstück las er uns einen Brief vor. Ein großes Magazin hatte ihm das Angebot gemacht, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Vier bis fünf Tippseiten lang. Dafür wollte man fünftausend Dollar zahlen. Wir alle, auch Frau Katja, ermunterten ihn.

Er war skeptisch: „Das kann ich doch gar nicht!" Klaus erinnerte sich einer kleinen Geschichte, die sein Vater irgendwann einmal geschrieben hatte, in der es sich um die Gedanken des Knaben Thomas handelte, der sich den Kopf darüber zerbrach, was er wohl am nächsten Morgen zu seinem Geburtstag als Geschenk erhalten würde. „Das kannst du doch leicht umschreiben!" Thomas Mann bezweifelte es.

„Ich mache es gern für dich. Noch heute morgen."
Thomas Mann winkte ab. „Ich müßte es wohl selbst versuchen." Er verschwand in seinem Arbeitszimmer.
Um ein Uhr mittags kam er zögernd wieder zum Vorschein. Er sah gelb im Gesicht aus, als habe er einen Gallenanfall überstanden.

„Ich kann nicht . . .", sagte er. „Ich kann nicht. Ich kann an der Geschichte nicht ein Wort ändern. Nicht einen Satz hinzufügen."
Ich war, ich gestehe es, erschüttert. So schwer hatte es ein großer Dichter . . .
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1940 feierte Thomas Mann seinen 65. Geburtstag

Es war irgendwo in einem kleinen Haus auf dem Lande; er war im Begriff, nach Kalifornien zu ziehen. Und keines seiner Kinder konnte bei ihm sein.

Ich weiß nicht mehr, welche Gründe da vorlagen, sondern nur noch, daß Erika und Klaus, die sich weiß Gott wo befanden, mich baten, ihre Eltern an diesem Tag zu besuchen.

Ich tat es natürlich. Für Thomas Mann war es ein Tag wie jeder andere. Er frühstückte, er arbeitete und ging dann mit mir spazieren. Diesmal sprach er, was übrigens selten vorkam, über die Arbeit, an der er gerade war.

Er hatte irgendwo abgebrochen. Ich fragte ganz naiv: „Und wie geht es weiter?"
„Wenn ich das wüßte!"
„Sie wollen sagen, daß Sie nicht wissen, wie die Geschichte weitergeht?"
„Nein, ich weiß es nicht. Das wird sich zeigen."
„Dann wissen Sie also auch nicht, wie die Geschichte ausgeht?"
„Natürlich nicht."

Ich war aufs tiefste betroffen. Ich hatte vermutet, daß bei Thomas Mann, dem so Systematischen, alles festgelegt sei, auf Wochen, auf Monate hinaus, und was den Inhalt der Geschichte anging, an der er schrieb, vielleicht auf Jahre hinaus.

Ich sagte: „Ich könnte nicht so arbeiten, so ins Blaue hinein. Ich würde mir vorkommen wie auf einer Schiffsschaukel."

Und er mit leichter Ironie: „Nun, man muß eben immer mal wieder einen Einfall haben."
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Viele Jahre später im Foyer des Züricher Schauspielhauses

Das erinnert mich an unser letztes Gespräch, viele, viele Jahre später im Foyer des Züricher Schauspielhauses. Ein paar Monate vorher war sein „Felix Krull" herausgekommen.

Am Schluß des Buches fand sich die Bemerkung, dies sei das Ende des ersten Teils. Ich fragte, wie es weitergehen sollte. Er antwortete: „Keine Ahnung . . . keine Ahnung ..."

Das Buch sollte ja dann auch keinen zweiten Teil bekommen.
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Besonders illustres Publikum auf der neuen „Normandie"

In den letzten Jahren vor Kriegsausbruch, also in den späten dreißiger Jahren, wurde viel gereist - nach Amerika. Nicht nur Emigranten kamen, es war Mode geworden, die USA zu besuchen. Und es gab neue und sehr elegante Schiffe, die mit viel Pomp eingeweiht wurden.

Das heißt, gelegentlich der sogenannten Jungfernfahrten befand sich dort immer ein besonders illustres Publikum.
Ich erinnere mich noch an die erste Fahrt der „Normandie" von Le Havre nach New York.

Der „Paris-soir" hatte eine Anzahl von Prominenten mitgeschickt, das heißt ihre Passagen bezahlt, um von ihnen Reportagen zu bekommen. Und ich mußte natürlich wieder einmal in die Quarantäne hinausfahren, um diese Gäste des „Paris-soir" zu begrüßen.
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Die berühmte Colette und der kleine Franzose des „Paris-soir"

Die für mich wichtigste Persönlichkeit war die berühmte Colette, die den amerikanischen Reportern und Photographen vor allem dadurch auffiel, daß sie unbestrumpft und unbeschuht einherging, eine Angewohnheit, die für sie zu einer Art Weltanschauung geworden war.

Sie sagte, sie sei erlöst, als ich in der Quarantäne erschien, denn ihrer Obhut war ein kleiner Junge von zehn oder zwölf Jahren anvertraut, Sieger in einem Wettbewerb, den der „Paris-soir" in den Schulen von Paris - oder in ganz Frankreich ? - veranstaltet hatte, um zu ermitteln, wer die erste Fahrt der „Normandie" gratis mitmachen dürfe.
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Dreimal hatte gewählt werden müssen - wegen der jüdischen Namen

Dreimal hatte gewählt werden müssen. Zweimal war die Wahl - den Leistungen entsprechend - auf sehr begabte Jungen mit prononciert jüdischen Namen gefallen.

Sie wurden zwar fürstlich entschädigt, aber sie nach Amerika zu schicken, gewissermaßen als offizielle Botschafter der französischen Jugend, nein, das wollte der „Paris-soir" doch nicht.

Der schließlich entsandte Knabe mit gebührend neutralem französischen Namen war ein rechter Tunichtgut. Colette und auch die anderen Passagiere der „Normandie" befanden sich seinetwegen in ständiger Nervosität.

Er war immer im Begriff, auf eine Reling zu klettern, er wollte immer in den Swimmingpool springen, obwohl er gar nicht schwimmen konnte. Colette übergab ihn mir.
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Der Franzose "Pierre" und die New Yorker Boy Scouts

Und ich sollte ihn den New Yorker Boy Scouts übergeben. Mindestens rund hundert von ihnen warteten bereits ungeduldig am Pier - die „Normandie" hatte Verspätung. Geplant war eine Fahrt zum Lafayette Square, wo Pierre, so hieß der Schlingel, einen Kranz vor der Statue des großen Franzosen niederlegen sollte, der im amerikanischen Befreiungskrieg eine so bedeutende Rolle gespielt hatte.

Endlich waren wir an Ort und Stelle. Der weite Rasenplatz war geräumt und umsäumt von, ich schätze, zweitausend bis dreitausend Boy Scouts. Jubelschreie empfingen uns respektive Pierre.

Jemand drückte mir den besagten Kranz in die Hand. Jemand hielt eine Rede, von der unser kleiner Pariser kein Wort verstand, denn der Redner sprach natürlich englisch. Plötzlich flüsterte mir der Knabe zu: „Il faut que je fasse pipi!"

Wir standen zu exponiert, als daß dies an Ort und Stelle möglich gewesen wäre. Überdies waren aller Augen auf uns gerichtet. Es hätte ja diplomatische Zwischenfälle geben können. Der Redner unterbrach sich: „Was sagte unser junger Kamerad?" wollte er wissen.

Und ich: „Er sagt, er ist glücklich, daß Lafayette ..." Weiter kam ich nicht. Ich sah die Zeichen an der Wand - aber ich sah leider keine Wand.

Ich packte den Knaben und rannte los. Wo ich den Kranz dann schließlich los wurde? Ich kann nur hoffen, daß ihn dort niemand gefunden hat.
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Viele Prominente kamen nach New York .....

..... oder wurden mir vom „Paris-soir" gemeldet, und ich mußte mich um sie kümmern - vielleicht waren sie eine Story wert.

Tristan Bernard kam, der vorzügliche französische Komödienschreiber. Ich eilte ins Waldorf-Astoria, um ihn und seine Frau zu begrüßen. Er war amüsant und schlagfertig und wußte hundert Geschichten aus Paris zu erzählen.

Aber er war auch traurig, da sich seine Verhandlungen mit einem Impresario zerschlagen hatten. „Ich hätte es wissen müssen! Meine Sachen sind für Paris und nicht für New York, eher noch für Berlin oder Wien. Diese Stadt hier ist viel zu groß. Man kommt sich ganz verloren vor."

In der Tat, schon in diesem geräumigen Salon seines Hotel-Apartments wirkte er, der doch dicke und imposante bärtige Mann, wie ein Häufchen Elend.

Ich habe ihn nie wiedergesehen, aber noch oft von ihm gehört. Während des Krieges setzte er sich - er war Jude - in das sogenannte unbesetzte Südfrankreich ab, das nicht zu okkupieren Hitler versprochen hatte.

Aber eines Tages kam dann doch die deutsche Armee und mit ihr oder vielleicht auch vor ihr die Gestapo, und Tristan Bernard wurde verhaftet. Seiner untröstlichen Frau rief er noch von dem ihn entführenden Lastwagen herunter zu: „Mut, meine Liebe! Bisher haben wir in Angst gelebt. Jetzt werden wir in Hoffnung leben!" Er überlebte.
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Es kam die einst so gefeierte Mistinguett.

Sie empfing mich am späten Nachmittag, es dämmerte schon, in ihrem Hotel-Apartment. Ich wußte gleich, was sie wollte. „Sie haben so hübsch über die Baker geschrieben!"

Josy, wenn man will, ihre Nachfolgerin im Pariser Revueleben, war ihr, um es gelinde auszudrücken, nicht gerade sympathisch.

Ich kannte die Mistinguett aus Paris, ich kannte sie auch aus früheren, viel früheren Jahren von der Bühne her. Ich gehörte - wie übrigens halb Paris - zu ihren Verehrern.

Und ich erklärte jetzt, ich sei mit Vergnügen bereit, über sie zu schreiben. Sie hätte ja sicher einiges zu erzählen.

„Ich habe mir ein paar Notizen gemacht." Sie knipste die Lampe an, neben der sie saß, um ein paar Papiere durchzusehen.

Ich starrte ungläubig. Wie, diese Dame vor mir, mit den knallroten Haaren und einem Gesicht, das keines mehr war, weil man so oft an ihm herumoperiert hatte, war die gefeierte Mistinguett ?

Es war ein schauerlicher Anblick. Ich war fasziniert - als hätte ich das "Haupt der Medusa" erblickt. Ich weiß nicht mehr, was sie mir an diesem Spätnachmittag vorlas. Ich weiß nur, daß ich keine Zeile über sie schrieb und sie auch nie wiedergesehen habe.
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Und dann war da noch die Marianne O. aus Paris gekommen

Oder da war - da wir gerade beim Showbusiness sind - die in Paris recht bekanntgewordene Marianne O., die Chansons sang. Pierre Lazareff hatte mir gekabelt, sie habe in Paris eine unglückliche Liebesaffäre gehabt und gehe daher nach New York, um zu vergessen.

Sicher sei es mir ein Leichtes, sie in einem der zahlreichen New Yorker Kabaretts oder Nightclubs unterzubringen.

Das war aber nicht so einfach, denn auf diesem Gebiet hatte ich wenig Beziehungen, und so viele Kabaretts, in denen man französische Chansons vortragen konnte, gab es auch wieder nicht. Aber sie schaffte es selbst.

Sie, die Verzweifelte, die am Leben Verzagende, besaß eine erstaunliche Energie und die Gabe, sich überall vorzudrängen.
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Wir wurden vorübergehend gute Freunde.

Einmal, als sie noch kein Engagement in Aussicht hatte, fragte sie, ob sie nicht ihr Album mit Zeitungsausschnitten vorlegen sollte. Ich blätterte es durch. Ich sehe noch den ersten aufgeklebten Ausschnitt vor mir.

Er lautete: „Marianne O. hat sich das Leben genommen!" Es folgten ähnlich makabre Berichte, die von ihrem hoffnungslosen Zustand, von leichter Besserung, von Rückfall, von Verzweiflungsausbrüchen, von Drohungen, den Selbstmordversuch zu wiederholen, handelten.

Ich starrte sie verblüfft an. Woher kamen diese Berichte? Hatte irgendein Freund, eine Freundin sie vorsorglich gesammelt, während Marianne zwischen Leben und Tod schwebte? Sicher schien mir, daß die Auferstandene sie später selbst eingeklebt hatte. Sie gab es auch zu, war sogar erstaunt, daß ich das nicht recht verstand. „Das ist doch gute Publicity!" meinte sie.
Es gibt eben mehr Dinge zwischen Himmel und Erde . . .
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Kurz vor dem Krieg waren einige Familienmitglieder zu unterstützen

Natürlich gab es auch weniger prominente Leute, die zu mir kamen, meist mit Empfehlungen von gemeinsamen Bekannten in Berlin, London oder Paris. Da waren vor allem die Emigranten, die den in ihren Augen Alteingesessenen um Rat baten, und manchmal auch um mehr.

Später, kurz vor dem Krieg und während der folgenden Jahre, mußte ich einige Familienmitglieder unterstützen, die zum Teil nur sehr weitläufig mit mir verwandt waren.

Es war nicht viel, was ich dem einzelnen geben konnte, aber immerhin: es gab Jahre, in denen ich insgesamt vierzehn Menschen ernährte oder miternährte. Das war nicht immer einfach. Gewiß, ich verdiente gut, sehr gut sogar, aber ich lebte auch gut, sehr gut sogar.
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Mein alter Freund Rolf Nürnberg kam aus Berlin

In fast regelmäßigen Abständen kam mein alter Freund Rolf Nürnberg aus Berlin. Er reiste stets erster Klasse und stieg im „Ritz Carlton" ab, einem der exklusivsten Hotels New Yorks. Ich verstand nicht recht, wie er das finanziell schaffen konnte.

Gewiß, in Deutschland war er reich oder noch reich, oder zumindest galt sein Vater als reich, der ja am „12-Uhr-Blatt" beteiligt war. Aber die Ausfuhr von Geld war schwierig oder bereits verboten.

Hatte er Geld in New York? Er sagte, er sei eingewandert und könne - das war zumindest technisch mittels eines sogenannten Re-enter-permits möglich - immer wieder für kürzere oder längere Zeit nach Berlin zurückkehren.

Warum er das sagte, weiß ich nicht. Später sollte ich erfahren, daß dies alles ein Gewebe von Lügen war.
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Rolf Nürnbergs Geschichten - alles ein Gewebe von Lügen

Damals ahnte ich es nicht. Wir verbrachten viele Abende miteinander. Er konnte manches aus Deutschland berichten, und nicht wenig davon fand seinen Weg zu Churchill und Vansittart - was übrigens auch für die Erzählungen der anderen Emigranten galt.

Schließlich erschienen auch Ilse und Michael, der damals noch nicht ganz sechs Jahre alt war. Sie lebte mit Rolf in seinem Hotel - getrennte Zimmer, versteht sich - und Michael bei mir.

Meine Idee war, daß er ein wenig Englisch lernen sollte, bevor er in die Schule kam. - Nach zwei bis drei Monaten begann das gesamte Personal des „Bedford" ein wenig deutsch zu sprechen, Michael aber sprach kein Wort englisch.
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Erfahrungen mit Folgen - ein Dame war nicht abgeneigt ...

Ursprünglich wollte ich im „Bedford" bleiben, und es wäre wohl auch so geschehen, wenn ich mich nicht eines Tages in eine Dame verliebt hätte, die nicht abgeneigt war, mir aber klarmachte, in einem Hotel könne sie mich nicht besuchen. Und das, obwohl ich drei Zimmer bewohnte, das Büro eingeschlossen.

Ich suchte sofort nach einer passenden Wohnung in der Umgebung und fand auch eine. Und stellte die Möbel hinein, die meine Eltern mir vor langer Zeit nachgesandt hatten und die bisher auf einem Speicher abgestellt gewesen waren. Bis alles bereit war, vergingen immerhin so an die fünf Monate. Und dann existierte der eigentliche Grund nicht mehr. Das heißt, die Dame existierte natürlich noch, aber nicht mehr für mich - oder ich für sie.

Übrigens: Sie hatte sich schon vorher geneigt gezeigt, mich zu besuchen, sogar im Hotel „Bedford".
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Michael sollte doch irgendwie Englisch lernen

Auf den Rat von Freunden hin fuhr ich mit Michael in die Umgegend nach Rye im Staate Connecticut, etwa eine Autostunde von New York entfernt. Dort gab es eine am Meer gelegene Schule mit einem angeschlossenen Kindergarten.

Die Leiterin meinte: „Er wird es am Anfang nicht ganz leicht haben, der Kleine. Wenn Sie auf mich hören wollen, kommen Sie in den nächsten zwei Wochen nicht, warten Sie lieber drei Wochen. Er muß sich eingewöhnen."

Am dritten Sonntag fuhr ich hinaus. Viele Autos der Eltern, die ihre Kinder besuchten. Ich sah sie auch im Garten mit ihren Sprößlingen auf und ab gehen oder zusammensitzen. Und dann sah ich Michael in seinem kleinen Kamelhaarmantel - ganz allein.

Begrüßung. Er schien sehr glücklich, daß ich gekommen war. „Nimmst du mich mit?"
„Aber nein. Du mußt doch englisch lernen! Gefällt es dir denn nicht hier?"
„Doch . . . nur ... ich bin ein bißchen allein."
„Aber da sind doch so viele Kinder! Hast du denn keine Freunde?"
„Doch! Alle vier Jungens, mit denen ich zusammen schlafe, sind meine Freunde. Aber sie wissen es nicht. Ich kann es ihnen doch nicht sagen!"
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