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Die Lebensbiografie von Curt Riess - geschrieben 1977

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956/57 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesem Buch gibt es neben den "Aufzählungen von Tatsachen" jede Menge Hintergrund- Informationen über seinen Werdegang, seine Reisen und das Entstehen der Filme, über die Schauspieler und Stars, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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Teil l • DAS PARADIES

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(1) Sprung "in die Vergangenheit"

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Riess schreibt in der "ich" Form - die Geschichte beginnt so ....

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  • Anmerkung : Der Schriftsteller Curt Riess nutzt das Erlebnis eines Fallschirmabsprunges irgendwann in Nov. 1943 über der Schweiz - mitten in der Nacht - ins Ungewisse, um den Leser auf einen Vorab-Rückblick auf sein bisheriges Leben einzustimmen.

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Der blutjunge englische Pilot hatte in unserem Transport-Flieger die Klappe für mich geöffnet. Ich starrte hinunter, das heißt, ich sah eigentlich nichts als tiefe Nacht. Man kann auch sagen, ich sah schwarzen Samt. So ist es mir wenigstens in der Erinnerung stets vorgekommen.
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Es war in den letzten Novembertagen 1943.

Nein, ich hatte keine Angst. Ich hatte bisher keine Zeit gehabt, Angst zu bekommen. Wir flogen, wie gesagt, durch schwarzen Samt. Kein Licht, nirgendwo. Auch kein Stern. Ich konnte nur immer denken: In diesen schwarzen Samt mußt du dich stürzen.

Wie war es nur so weit gekommen?

Das alles hing mit dem Gesandten Robert Murphy zusammen, den ich Bob nennen durfte; wir waren befreundet, seit Ende 1942, als er die amerikanische Landung von Algier aus vorbereitete. Wir trafen uns wieder in London. Das war wohl sechs Monate danach oder noch später.

Wir sprachen von dem und jenem. Er sagte beiläufig: „Hättest du Lust, mit Allen zusammenzuarbeiten?" Allen, das war Allen Dulles, im Privatleben Anwalt wie sein Bruder John Foster in New York. „Er ist einer der führenden Männer in der OSS - Office of Strategie Services, eine zweite Army Intelligence."


„Aber ich bin doch bei der Navy, Bob!" „Vielleicht würde die Navy dich ausleihen." Was er nicht sagte, war, daß er dies bereits veranlaßt hatte. Auch nicht, wo Allen Dulles sich zur Zeit befand.
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  • Anmerkung : Es ist hier etwas unverständlich bzw. undurchsichtig erklärt, was hier abgeht. Denn Curt Riess war 1940 bereits amerikanischer Staartsbürger und mit seinen exzellenten deutschen Sprachkenntnissen Mitarbeiter des amerikanischen Marine-Geheimdienstes OSS, dess Chef Allen Dulles war - das ist zum weiteren Verständnis wichtig. Im Rahmen seiner sprachlichen und kulturellen Fähigkeiten sollte er von der Schweiz aus in Deutschland doe Stimmungslage der Bevölkerung "erkunden" bzw. ausspionieren - ein gefährliches Unterfangen.

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Ich bereite mich seelisch auf meinen Absprung vor

Das erfuhr ich etwa zwei Wochen später. Anruf in meinem Londoner Hotel in der Half Moon Street. „Ziehen Sie einen Zivilanzug an. Stecken Sie Ihren Paß und Ihre Zahnbürste ein. In einer halben Stunde werden Sie abgeholt."

Der Pilot sagte: „Zehn!"

Eine halbe Stunde nach dem Telefonanruf in London, also vor wenigen Stunden, es dämmerte schon, holte mich ein Jeep ab und brachte mich in eine Vorstadt, im Norden Londons. Wir hielten vor einer Villa. Ich wurde in einen Raum geführt, in welchem zwei junge Mädchen in amerikanischer Uniform auf Schreibmaschinen hämmerten.
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Einkleidung - Für alle Fälle

Ein Sergeant kam herein, salutierte eher lässig, maß mich mit Blicken, ging wieder, kam mit einer Uniform zurück und sagte: „Probieren Sie das, Sir. Ich denke, es sollte passen. Über Ihren Zivilanzug."

Ich erwiderte, ich hätte ja meine eigene Uniform. „Nein, ziehen Sie diese Uniform an, und zwar über Ihren Anzug. Für alle Fälle, Sir", fügte er unheilverkündend hinzu. Die Uniform über dem Zivilanzug war eng, aber es ging.

Drei Minuten später wurde ich in ein anderes Zimmer geführt, wo ein junger Mann auf mich wartete, der sich als Colonel vorstellte. Er sah auf die Uhr. „Wir haben nicht viel Zeit. In zwei Stunden startet die Maschine."
Ich fragte nicht, wohin. Ich hatte längst gelernt, keine unnötigen Fragen zu stellen.

Der Pilot: „Neun!"
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„Ich bin noch nie abgesprungen."

Der Colonel in London sagte, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt: „Sie wissen natürlich mit einem Fallschirm umzugehen?"
Diesmal fragte ich doch. „Warum?"
Der junge Colonel war erstaunt. „Weil Sie nicht zu Fuß in die Schweiz kommen können. Die ist nämlich von Hitler und Mussolini eingekreist." - „Ich bin noch nie abgesprungen." - „Aber Sie haben es gelernt?" - „Nein."

Der Colonel sah jetzt besorgt drein und ging zum Telefon.
Wer immer es war, mit dem er sprach: auch der schien erstaunt, daß ich kein gelernter Fallschirmspringer war. Aber wie sich aus der kurzen Konversation ergab, schien das nicht ausschlaggebend zu sein.

„Wir müssen den Plan, wie vorgesehen, durchführen. Mr. Allen Dulles hat Sie angefordert. Es ist viel zu spät, um mit ihm jetzt noch in Verbindung zu treten. Er ist vermutlich schon auf dem Weg."
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In 15 Minuten Abspringen mit dem Fallschirm lernen

Dies alles war Chinesisch für mich. Der junge Colonel ging. Der Sergeant kam wieder herein, mit einem Fallschirm. „Es ist alles ganz einfach!" beteuerte er und zeigte mir dann, wie der Apparat funktionierte. Besser: er erklärte es. Dann übten wir. Ich bestieg die Couch und sprang etwa zwanzig oder dreißig Zentimeter hinunter. „Im Grunde kommt es nur auf die Landung an, nicht auf die Höhe . . ."

Er ließ mich mehrmals springen, seinem Gesicht war nicht zu entnehmen, ob er befriedigt war oder nicht. Als er ging, nahm er den Fallschirm wieder mit. „Ihrer liegt schon im Flugzeug, Sir."

Der Colonel sah noch einmal herein. Er konnte auch Deutsch sprechen, freilich mit starkem Akzent. Er lächelte wieder. „In Deutschland würde man Ihnen wohl Hals- und Beinbruch wünschen!"

Ich sagte ihm nicht, daß ich solche Wünsche bei einem angehenden Fallschirmspringer nicht für ganz angezeigt hielte.

Beim Geheimdienst ist eben alles geheim

Ich wollte nun doch etwas mehr über das wissen, was er als „Ihre Mission" zu bezeichnen beliebte. Es war, wenn man ihm glauben durfte, alles ganz einfach. Allen Dulles säße in der, wie gesagt, eingekreisten Schweiz, genauer in Bern. Er habe mich angefordert. Wozu? Das wisse er nicht, sagte der Colonel, das sei nicht seine Sache.

Die Navy habe mich bis auf weiteres freigestellt. Ich würde nach Einbruch der Dunkelheit in die Schweiz geflogen werden. Blind, natürlich, und ohne Lichter, verstehe sich.

„Wir wollen den Nachtschlaf der ,Krauts* (das waren die Deutschen) nicht stören." An einer bestimmten Stelle müsse ich abspringen. Dort würde Allen Dulles mich erwarten. Es wäre natürlich möglich, daß wir uns verfehlten. Das sei sogar gar nicht so unwahrscheinlich. Dann sollte ich meinen Fallschirm vergraben oder doch bestens verstecken, und meine Uniform ebenfalls. Und beim Morgengrauen bis zum nächsten Dorf wandern. Und einen Zug nach Bern nehmen. Und von dort aus, nicht etwa von dem Dorf, sollte ich in Bern eine bestimmte Nummer anrufen. Nein, ich dürfe sie nicht aufschreiben! Ich müsse sie mir schon merken. Das Weitere würde ich dann von Dulles erfahren.
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Es wird ernst - Der Pilot sagte: „Sechs ... fünf ..."

Ich äußerte meine Bedenken, als ich erfuhr, was über mich beschlossen worden war. Und wenn ich nun sehr weit von Bern landete? Oder auf einem Gletscher, in der Schweiz gab es ja viele Gletscher?
Der Colonel lächelte abermals. Dies sei nicht zu befürchten.
„Und wenn ich in Deutschland lande?"
„Dann behalten Sie natürlich Ihre Uniform an. Dann sind Sie eben ein Kriegsgefangener. Die Zivilkleidung, die Sie darunter anhaben, muß natürlich weg, sonst kostet es Ihren Kragen ..."

Er lächelte nicht mehr. - „Machen Sie sich keine Sorgen. Sie haben einen sehr guten Piloten."

Mein Pilot sagte: „Vier . . . drei!"
Und dann in unendlich schneller Reihenfolge: „Zwei ... eins ... los !"

Und er setzte hinzu, während ich schon im Springen war: „Viel Glück, Sir!"
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Ich ließ mich fallen - ins schwarze NICHTS

Ich hatte nicht gedacht, daß man so schnell fallen kann. Und trotzdem war es nicht so schlimm wie die Stunde vorher. Ich zwang mich, langsam zu zählen. Bei „zehn" zog ich vorschriftsmäßig die Leine. Der Fallschirm mußte sich geöffnet haben, denn der Fall wurde viel langsamer. Zuerst schien es mir, als fiele ich gar nicht mehr. Dann bemerkte ich, daß es ganz gemächlich nach unten ging. Wäre es nicht finster gewesen, ich hätte mich wahrscheinlich ganz wohl gefühlt.

wie es ist .... noch einmal sein ganzes Leben durchlebt .....

Ich habe oft gehört - wer hat das nicht? -, daß man in den Augenblicken vor dem Tod noch einmal sein ganzes Leben durchlebt. Nun, so war es nicht bei mir, aber ich dachte seltsamerweise an Dinge, die eigentlich so wichtig für mich gar nicht gewesen waren.

An Ereignisse ... an Menschen, die ich gut gekannt hatte oder auch nicht so gut, mit denen ich befreundet gewesen war oder die ich immer noch als meine Freunde ansehen konnte. Sie standen ganz plötzlich klar vor mir, zum Greifen nahe.

Ewald, der Schulfreund . . . der junge Werner Krauss . . . Friedrich Gundolf, der große Universitätsprofessor ... die einmalige Fritzi Massa-ry . . . Franz Werfel . . . Thomas Mann . . . Gustaf Gründgens . . . Max Reinhardt . . . Jean Louis Barrault . . . Sascha Guitry . . . Josephine Baker . . . Roosevelt ... De Gaulle . . . Ernst Lubitsch . . . Fritz Lang . . . Elisabeth Bergner . . . Franz Lehär . . . Richard Strauss . . .
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Ewald, mein ältester Freund, wo war er?

Ich dachte an Würzburg, an die kleinen, schmalen Gäßchen ... die Barockkirchen ... an Berlin, das Berlin meiner Jugend, mit sauberen Straßen ... die großen Kinos ... an Hollywood mit seinen unsagbar luxuriösen Villen, den Swimmingpools, den Tennisplätzen, an New York, an ein bestimmtes chinesisches Restaurant dort, an eine Kneipe in Paris, in der man gut und auch nicht zu teuer aß, an London mit seinem immergrünen Rasen, an die Place Pigalle ... den Picadilly Circus ... an den Times Square, von dem es hieß, man würde, wenn man nur lang genug ausharrte, alle Menschen der Welt dort vorbeigehen sehen ... an den Sunset Boulevard, der sich bis zum Pazifischen Ozean erstreckt, an viele deutsche Städte, die ich gekannt hatte und von denen ich wußte, daß sie jetzt zerbombt waren ... an Wien ...

Es schien, als hätte ich das alles in den letzten Sekunden gesehen und erlebt . . . Ich dachte an die Emigration, eigentlich die Flucht aus Deutschland unter einigermaßen dramatischen Umständen ... meine Eltern waren erst später nachgekommen, sie hatten noch ausreisen können, obwohl es nicht lange vor Beginn des Krieges war, so Ende 1938 ...
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Meine Mutter sprach immerfort von dem, was gewesen war.

Meine Mutter war damals, als sie in die Vereinigten Staaten kam, schon siebzig Jahre alt oder sogar noch älter, und sie saß dann in ihrer New Yorker Wohnung und sprach immerfort von dem, was gewesen war. Sie war in Sicherheit, ihr konnte nichts geschehen, aber glücklich war sie doch nicht, und das gleiche galt von ihrer Schwägerin, Tante Hede.

Und ich sah mich, wie ich die beiden besuchte, schon Anfang des Krieges, in dem sich die Vereinigten Staaten mit Deutschland, besser mit Hitler befanden, als ich den Auftrag hatte, nach London zu fliegen, und nicht genau wußte, wann ich wiederkommen würde oder ob ich überhaupt wiederkommen würde.
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Irgendwie kamen sie auf meinen Vater zu sprechen

... , von dem ich eigentlich sehr wenig wußte. Er war gestorben, als ich knapp zehn Jahre alt war. Ich wußte nur noch, daß ich ihn sehr schön fand mit seinem langen, täglich von einem ins Haus kommenden Friseur mit der Brennschere bearbeiteten Schnurrbart. Er war übrigens wirklich das gewesen, was man damals einen schönen Mann nannte. Er trug sich sehr elegant und besaß unter anderem siebenunddreißig bunte, seidene Westen, zum Teil auch aus Brokat, wie meine Mutter nie müde wurde, mir fast vorwurfsvoll mitzuteilen. Welche Verschwendung!

Aber die beiden alten Damen gingen in ihren Erinnerungen viel weiter zurück.
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Als die Mädels einen heiratsfähigen Mann im Blick hatten ....

Ich sah sie förmlich vor mir, wie sie wieder junge Mädchen waren, die sich über einen jungen und - natürlich - heiratsfähigen Mann ereiferten, meinen Vater eben. Sie wußten, wie sie betonten, „alles" über ihn, und dies „alles" erfüllte sie mit einer Art verruchtem Enthusiasmus.

Man bedenke: Dieser junge, zumindest für Würzburger Verhältnisse elegante Herr, Mitinhaber des von seinem Vater gegründeten Herrenschneider-Geschäfts, dem besten am Platze - Steinam & Co. -, Bernhard Steinam also, besuchte fast allabendlich das Stadttheater.

Er hatte ein Jahresabonnement für den Sitz No. 1 in der ersten Reihe Parkett. Schlimmer noch, er hatte ein Verhältnis mit der Soubrette.

„Sie war eine Französin!" - „Nein, sie war nur Belgierin!"
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Mein Vater muß sehr traurig gewesen sein

Die beiden alten Damen, wieder in Backfische verwandelt, konnten sich nicht einig werden. Wohl aber darüber, daß die Soubrette eines Tages Würzburg verließ, um nach Brüssel zu gehen oder nach Paris; und mein Vater sandte ihr zum Abschied ein unerhörtes Blumenarrangement von ungefähr einem halben Meter Durchmesser, eine Uhr darstellend; und statt der Stundenziffer war jeweils eine seiner Photographien zwischen den Blumen zu finden.

Das Blumenarrangement wurde der betörenden Dame nicht nur auf die Bühne gebracht, sondern schon vorher von dem nicht gerade diskreten Blumengeschäft in seine Auslage gestellt, wo die beiden Mädchen, meine Mutter und meine Tante, es nach Lust betrachten konnten, wie alle, die nicht ins Stadttheater gehen durften oder konnten. - Das war etwa 1890.

Was die Blumenuhr anging - bis Brüssel oder Paris dürfte sie kaum gelangt sein. Durch welches Coupefenster sie wann und wo geworfen wurde, vermag wohl niemand mehr zu sagen.
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Die Stimme des Piloten: „Zwei ... eins ... los! Und viel Glück!"

Ein oder zwei Minuten nach meinem Absprung wußte ich, daß der Pilot, dessen Namen ich nie erfahren sollte, nicht irgendein Pilot war, sondern ein Genie. Ich kann nur hoffen, daß er eine hohe Auszeichnung erhalten hat.

Unter mir eine weite schneebedeckte Fläche. Ich sank langsam auf sie zu, ich sank vielleicht einen oder zwei Zentimeter in sie ein. Als ich mich aufrichtete, sah ich, in etwa zehn bis zwanzig Meter Abstand, einige Lichter, die einen Kreis um mich bildeten. Und ich hörte aus allernächster Nähe eine Stimme: „Sind Sie das, Curt?"

Es war Allen Dulles mit einigen seiner, unserer Männer, die mich hier, ganz genau hier, erwartet hatten. Wenn man so etwas im Kino sieht, sagt man: Zu unwahrscheinlich! Aber ich war nicht im Kino. Ich war im Berner Oberland. Ich fuhr mit Allen und drei seiner Assistenten im Auto nach Bern - die anderen folgten in anderen Wagen, die sich bald hinter uns verloren.

Der unsrige hielt vor einer kleinen Villa. Allen schloß die Tür auf und führte mich - in die Küche. In der ganzen Zeit unserer Zusammenarbeit sollten unsere Verhandlungen immer in Küchen stattfinden. Das war eine von vielen Eigenarten Aliens.
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"Die Deutschen wissen das natürlich."

„Diese Villa und die beiden zur rechten und die drei zur linken sind von uns gemietet. Die Deutschen wissen das natürlich. Deshalb werden Sie auch hier nicht wohnen können. Sie steigen in einem Hotel ab. Die sind ja alle recht leer jetzt.

Kennen Sie ein Hotel hier? Was sagen sie zum ,Metropole'? Ist anständig und nicht zu prominent. Hier ist das Berner Telefonbuch. Und hier ist ein Block und ein Bleistift. Schreiben Sie Ihren Namen, die Telefonnummer und die Adresse darauf."

Und während ich das tat, erklärte er mir, warum er mich in die Schweiz hatte kommen lassen. Dann ergriff er den Block, riß die von mir beschriebene Seite ab, steckte sie ein, nahm ein Gefäßchen vom Tisch, streute daraus irgend etwas Sandartiges auf die nächste Seite des Blocks.

Und siehe da - mein Name, die Telefonnummer, die Adresse des Hotels, alles wurde sichtbar. - „Und das, zum Beispiel, dürfen Sie nie wieder machen", bemerkte Allen trocken. Ich hatte meine erste Lektion in Spionage erhalten.
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Seit zehn Jahren wieder deutschsprachiges Theater

Am nächsten Abend in Bern ging ich - ins Stadttheater. Mein Hotelportier hatte mir, nicht ohne Schwierigkeiten, wie er behauptete, eine Karte besorgt. Man gab eine Oper von Lortzing - aber es handelte sich um eine geschlossene Vorstellung, Volksbühne, glaube ich, die sich möglicherweise auch anders nannte.

Es war das erste Mal seit zehn Jahren, daß ich wieder deutschsprachiges Theater sah, und ein halbes Leben, seitdem ich eine so schlechte Aufführung gesehen hatte.

Das war damals in Würzburg zu einer Zeit gewesen, als ich noch nicht in die Schule gehen mußte. Ich liebte das Theater- offenbar eine Erbschaft meines Vaters - und ich liebte vor allem die Schauspieler des Würzburger Stadttheaters. Sie verkehrten nämlich viel bei uns.

Mag sein, daß, wie gemunkelt wurde - in einem Städtchen wie Würzburg wird immer gemunkelt -, daß also meine sehr gut aussehende Mutter den männlichen Darstellern besonders gut gefiel. Zurückblickend glaube ich heute allerdings, daß ihnen vor allem unsere Küche zusagte.

Schauspieler und Schauspielerinnen in Würzburg

In den ersten Jahren unseres Jahrhunderts waren Schauspieler und Schauspielerinnen eines so kleinen Theaters wie das in Würzburg nicht besonders gut honoriert. Man bedenke: ein Stück, das durchfiel, brachte es auf zwei Aufführungen, ein Erfolg lief etwa fünf- oder sechsmal. Nur ausgesprochene Schlager wie etwa „Die lustige Witwe" oder „Der Walzertraum" wurden zehnmal und öfter gespielt.

Das bedeutete für die meisten Schauspieler und Schauspielerinnen, daß sie fast täglich auftreten mußten und auch noch Proben hatten, pro Stück zwei Proben und eine Hauptprobe, auch die letztere noch ohne Kostüm und Maske.

Übrigens : 1911 oder 1912, der erste Theaterstreik der Welt ?

Übrigens: In Würzburg brach, das war, glaube ich, im Jahre 1911 oder 1912, der vermutlich erste Theaterstreik der Welt aus. Dabei gelangte an die Öffentlichkeit, wie stark beschäftigt die einzelnen Darsteller waren. Einer konnte nachweisen, daß er in fünf Spielzeiten a zehneinhalb Monate nur sechsmal nicht mitgewirkt hatte, Sonntagnachmittagsvorstellungen eingerechnet.

Er war zwar als Komiker engagiert, aber fand natürlich auch in Operetten und klassischen Dramen Verwendung, ja er mußte sich selbst bei „Carmen", „Tannhäuser" und „Lohengrin" unter das Volk mischen.

Und die Gagen waren eben so, daß die Künstler sich allenfalls ein möbliertes Zimmer leisten konnten, vielleicht sogar deren zwei. Bei den Oberkellnern jedes Restaurants und wohl auch jedes Cafes, wo sie sich des öfteren mit zwei Eiern im Glas verköstigen mußten, hatten sie Schulden.

Bei uns aßen sie besser und brauchten nicht zu zahlen. Ich sehe noch den Tisch - oder war es eine Kommode? -, auf dem ständig ein paar kalte Speisen hergerichtet waren: Schinken, Roastbeef, Gänseleber, denn die Künstler kamen infolge ihrer Oberbeanspruchung durch das Theater zu allen Tages- und zu vielen Nachtzeiten.
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Hans Fürst, der Liebling zahlloser Würzburger Damen und Mädchen

Mein Liebling war der Operettentenor Hans Fürst, ein gutaussehender junger Mann, übrigens auch der Liebling zahlloser Würzburger Damen und Mädchen, soweit sie Operette sehen durften.

(Nebenbei: Er mußte auch sonst mitspielen, zum Beispiel den Spiegelberg in den „Räubern" und natürlich in allen Boulevardkomödien.)

Nun durfte ich zwar schon mit etwa vier oder fünf Jahren ins Theater, natürlich nur in Sonntagnachmittagsvorstellungen, aber ich bekam dennoch so ungefähr alles zu sehen, sogar Stücke, die man damals für gewagt hielt, wie etwa besagte „Lustige Witwe" oder den „Walzertraum", und deren sogenannte erotische Pointen - ach, du lieber Gott! - ich keineswegs verstand, ja nicht einmal begriff, daß es da etwas zu begreifen gab.

In jener Zeit war es an Provinztheatern - und wohl nicht nur auf solchen - üblich, zu improvisieren; und improvisieren bedeutete in neun von zehn Fällen, auf jemanden im Publikum anzuspielen, was jedes Mal ungeheure Heiterkeit auslöste.
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In der „Lustigen Witwe" geschah es auch mir.

Der Held, Graf Danilo - sprich Hans Fürst - ist - Gott mag wissen, warum - in eine peinliche Situation geraten. Und bevor er abgeht, um anderen Platz zu machen, hat er etwa zu sagen: „Ich weiß gar nicht, was ich jetzt tun soll - ich muß mir das überlegen."

Stattdessen sagt er mit Bezugnahme auf mich kleinen Jungen, der in der Proszeniumsloge vor Entzücken ganz außer sich gerät - und dabei lächelt er mir zu: „Was soll ich bloß tun? Ich werde meinen Freund Curt Steinam fragen!" Allgemeines Gelächter.

  • Anmerkung : Hier fehlt die Erklärung, daß Curt Riess damals noch den Nachnamen seines leiblichen recht früh verstorbenen Vaters "Steinam" hatte.

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Ich war damals im Theater gewissermaßen zu Hause.

Ich kam, natürlich tagsüber, oft hinter die Bühne oder in den sogenannten Schrannensaal, vis-a-vis des Bühneneingangs, in welchem die Dekorationen aufbewahrt wurden. Wohlgemerkt, es gab niemals, wirklich niemals für ein neues Stück eine neue Dekoration.

Gleichgültig, ob es sich um „Wallenstein", „Carmen" oder die „Dollarprinzessin" handelte: alles wurde dem Dekorationsfundus entnommen. Und es bereitete mir diebischen Spaß, festzustellen, daß die Wartburg im „Tannhäuser" identisch war mit dem Palais der „Lustigen Witwe". Und dasselbe Verwendungsprinzip galt auch für Kostüme. Man akzeptierte mich hinter der Bühne und im Schrannensaal, ich war ja noch so klein - und die Büfetts meiner Mutter waren so schmackhaft.
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Eine Art professionelle Einstellung oder auch Aufmerksamkeit

Ich hatte auch schon eine Art professionelle Einstellung zum Theater, die sich durchaus nicht auf die Entdeckung bereits bekannter Dekorationen oder Kostüme beschränkte. Zum Beispiel gab man einmal, möglicherweise auch zweimal, ein ziemlich albernes Stück von Theodor Körner mit dem Titel „Zriny".

Zriny ist - vor hunderten von Jahren - ein ungarischer Burgbesitzer, der sich gegen die anstürmenden Türken zur Wehr setzt. Das Ende: Man sieht die Türken gegen die Burg stürmen. Es öffnet sich das Tor und Zriny nebst den wenigen überlebenden Ungarn stürzt heraus. Sie werden Mann für Mann niedergemacht.

Als auch Zriny fällt, erscheint seine Frau auf dem Pulverturm und wirft eine brennende Fackel in diesen. Explosion. Sämtliche Türken sterben. Aus. Das wußte ich aus der damals selbstverständlichen Lektüre von Theodor Körners Gesammelten Werken.
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Soetwas geht doch im Theater gar nicht ....

„Das können die nicht machen!" prophezeite ich in meinem reifen Alter von neun Jahren. Und um dies festzustellen, ging ich also ins Theater.

Ich sollte recht behalten. Als Gräfin Zriny die Fackel in den natürlich gemalten Pulverturm warf, geschah überhaupt nichts. Infolgedessen rappelten sich die toten Ungarn wieder auf. Zriny und die Seinen begannen von neuem zu kämpfen, zu fallen, die Dame schleuderte von neuem die Fackel, die ihr wohl der Inspizient inzwischen gereicht hatte, in den Pulverturm, der, ach, so unversehrt geblieben war. Wieder nichts. Noch einmal das Ganze von vorn. Als auch das drittemal nichts passierte, fiel der Vorhang.

„Ich hab's mir gleich gedacht!" konstatierte ich befriedigt. Rückschauend vermute ich, daß die meisten Würzburger bis auf den heutigen Tag nicht wissen, wie „Zriny" eigendich ausgehen sollte.
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Was mir im Nov. 1943 noch alles so durch den Kopf ging

Erstaunlich ist, daß mir in meinen Erinnerungen an Würzburg immer zuerst das Theater einfällt, das, wie immer man zum Theater auch stehen mag, so wichtig nicht war. Daß mir in frühester Jugend die Architektur dieser herrlichen Stadt nicht einmal bemerkenswert vorkam; auch nicht, daß Würzburg, weil es so klein war, auch behaglich und bequem war.

Man war überall, wohin man nur wollte, zu Fuß in ein paar Minuten. Dieser Umstand kam mir damals so selbstverständlich vor, daß ich ihn gar nicht zu schätzen wußte. Es war eine Selbstverständlichkeit.

All das ging mir durch den Kopf, als ich an jenem Novemberabend 1943 einer Vorstellung von Lortzings „Waffenschmied" im Berner Stadttheater beiwohnte. Die Erinnerungen stimmten mich ein wenig traurig - ich weinte sogar ein bißchen, sehr zum Erstaunen der Zuschauer in meiner Nähe, denn so traurig war die Oper gar nicht.

Und dann dachte ich an die Rolle, die ich nun in den nächsten Tagen, Wochen oder vielleicht auch Monaten auf einer anderen, viel gefährlicheren Bühne spielen würde - in Deutschland, mitten im Krieg.
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