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Die Lebensbiografie von Curt Riess - geschrieben 1977

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956/57 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesem Buch gibt es neben den "Aufzählungen von Tatsachen" jede Menge Hintergrund- Informationen über seinen Werdegang, seine Reisen und das Entstehen der Filme, über die Schauspieler und Stars, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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(9) Mein Zauberberg

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Im Waldsanatorium in Davos „Viel zu spät . . . viel zu spät."

Ich war vom leitenden Arzt des Waldsanatoriums in Davos gründlich untersucht worden. Dann sollte ich mich im Nebenraum wieder anziehen. Es war dem Professor nicht aufgefallen, auch nicht der Schwester oder dem Assistenten, daß sich die Tür hinter mir nicht ganz geschlossen hatte.

So hörte ich denn, meinen Ohren kaum trauend, die doch besorgniserregenden Worte: „Diese Berliner Ärzte sind ja alle Verbrecher! Da schicken sie uns diesen sterbenden Jungen herauf! Viel zu spät . . . viel zu spät ..."

Ich höre ihn noch, als hätte er diese Worte erst vor einer Stunde gesprochen. Und ich weiß auch noch, daß ich mich mechanisch fertig anzog und eigentlich gar nichts Besonderes verspürte.

Als ich wieder in das Untersuchungszimmer trat, räusperte sich der Arzt ein paarmal - auch das habe ich noch genau im Ohr - und eröffnete mir dann, eher beiläufig, ich müsse vor allem erst einmal ins Bett, ein paar Tage vielleicht, dann werde man weitersehen.

Mir war, als sei mir Stimme und Syntax seiner Rede wohlbekannt, und das war ja wohl auch so. Er glich so sehr dem Arzt in Davos, der von Thomas Mann im „Zauberberg" treffend geschildert, ja, man darf ruhig sagen kopiert worden war.

Das war Anfang 1928.

Die Jahre zuvor, also die nach meiner Rückkehr aus New York, hatte ich in Berlin verbracht - die berühmten Berliner zwanziger Jahre.

Die zwanziger Jahre. Man hat sie sogar die „goldenen" genannt; und es war in den 1950er Jahren Mode, viel über sie zu schreiben, und doch weiß man eigentlich wenig über sie.

Es waren tolle Jahre, gewiß, man kann auch sagen, erregende, und in solchem Maße, daß sich niemand den Kopf darüber zerbrach - ich schon gar nicht -, warum sie eigentlich so toll, so erregend, so atemberaubend waren. Hatten die Berliner, die doch im wesentlichen identisch mit den Berlinern früherer Jahre waren, sich so verändert?
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Hatten die Berliner sich so verändert?

Sie hatten sich so verändert. Heute weiß ich, warum. Was damals jeder hätte wissen können, der sich die Zeit dazu genommen hätte, darüber nachzudenken: Die Berliner waren vergnügungssüchtig, genußsüchtig geworden - und das sind noch milde Worte für ihren kollektiven Zustand.

Das wiederum war die Folge davon, daß sie einen langen Krieg hinter sich hatten, der in immer steigendem Maße sie jeder Möglichkeit beraubte, das Leben zu genießen. Nicht nur, daß in unzählige Häuser Trauer einzog, weil der Vater oder der Sohn gefallen war, nicht nur, daß die Nicht-Gefallenen täglich und stündlich um ihr Leben zittern mußten, man war stets hungrig, oder zumindest die meisten waren es.
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Und dann kam die Inflation.

Und sie lehrte die Berliner schneller als die übrigen Deutschen, daß es sinnlos war, zu sparen. Was man heute nicht ausgab, war morgen schon viel weniger wert und übermorgen so gut wie nichts mehr. Das bedeutete geradezu eine Aufforderung, Geld aus dem Fenster zu werfen, das heißt, das Leben zu genießen, auf welche Art auch immer.

Eine veritable Tanzwut ergriff die Stadt. Überall wurde Musik gemacht, und überall tanzte man. Die Musik war neuartig, man nannte sie - übrigens fälschlicherweise - Jazz, und die Tänzer ge-bärdeten sich, verglichen mit denen, die vor dem Krieg genüßlich, gemütlich Walzer tanzten, wie aus dem Tollhaus entsprungen.

Es gab kaum noch eine Straße, in der sich nicht ein Nachtlokal etablierte, manchmal nur mit sechs oder acht Tischchen.
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Und es blieb natürlich nicht beim Tanzen.

Die sogenannte „freie Liebe" nahm erstaunliche Dimensionen an. Man verstehe recht: Nicht, daß Menschen, die einander liebten, nun miteinander ins Bett gingen, obwohl sie vielleicht gar nicht oder anderweitig verheiratet waren. Das hatte es früher auch gegeben, es wurde freilich nach Möglichkeit totgeschwiegen.

Jetzt gehörte es dazu, „miteinander zu schlafen" - gleichgültig, ob man den Partner oder die Partnerin liebte oder auch nur zu lieben glaubte. Es gehörte einfach dazu. Es war schick, Verhältnisse zu haben. Es war schick, Rauschgifte zu nehmen.

Gemessen an den sechziger (1860 oder 1960 ??) oder siebziger (??) Jahren, handelte es sich freilich um bescheidene „Ausschreitungen", die wir damals als „toll" und „verrückt" empfanden. Kokain war eine Zeitlang Mode. Man bekam es in jedem zweiten Nachtlokal bei der Toilettenfrau.

Perversionen wurden Mode. Auch hier muß gesagt werden, daß es natürlich immer Menschen gegeben hat und wohl auch immer Menschen geben wird, die bestimmten, wenn man so sagen will, abartigen Neigungen frönen. Aber damals war es Mode. Mit seiner Frau zu Bett zu gehen, gar Kinder zu zeugen - wie spießig! So hatten die Großeltern gelebt.
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Oder da war die Homosexualität.

Natürlich hatte es immer Homosexuelle gegeben. Aber darüber sprach man nicht. Darüber sprachen am allerwenigsten sie selbst, denn es war ja groteskerweise strafbar, sich homosexuell zu betätigen.

Aber in den 1920er Jahren, in denen das immer noch gesetzlich verfolgt wurde, sprach alle Welt davon. Der und der, die und die waren „so"!

Damit waren sie viel interessanter als diejenigen, die nicht „so" waren. Viele machten mit - auch das ein Berliner Ausdruck -, die im Grunde stinknormal waren.

Die viele Leute erschreckende Tatsache, daß die Homosexuellen, die sich und ihre Neigungen bis vor kurzem getarnt hatten, jetzt ganz unverhohlen auftraten (Anmerkung : Die Motzstrasse bis zum Nollendorfplatz war die Berliner Schwulen-Ecke), ließ mich gleichgültig.

Ich interessierte mich nicht und sollte mich ein Leben lang nicht dafür interessieren, wer mit wem. Der Grund war wohl, daß ich zu früh in die andere Richtung verführt worden war. Ich glaube übrigens, daß ich in jenen Jahren meiner Lehrerin vom Kino alle Ehre machte.
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Hans Heinrich von Twardowsky und Walter Steinthal

A propos Homosexuelle: Ich muß da immer an ein Gespräch im Nachtlokal Schwannecke denken, das erst gegen zehn Uhr abends geöffnet wurde und bis sechs oder sieben offen blieb, Schauspielern, Filmleuten und Journalisten vorbehalten.

Die Unterhaltung fand statt zwischen dem als homosexuell bekannten Schauspieler Hans Heinrich von Twardowsky und dem Herausgeber der Boulevardzeitung „Das 12-Uhr-Blatt". Er hieß Walter Steinthal und war für seine amourösen Abenteuer mit schönen Frauen bekannt.

Walter Steinthal sagte gerade, wie mir schien, eher zögernd:

„Nun ja, ich könnte es ja auch mal mit einem Jungen versuchen. Aber er müßte sehr jung sein. So vierzehn oder fünfzehn."
„Warum nicht?"
„Er müßte natürlich blond sein."
„Warum nicht?"
„Und er dürfte kein einziges Haar auf dem Körper haben ..."

Darauf verließ Twardowsky angeekelt den Tisch. Seine letzten Worte: „Zum Donnerwetter, schlafen Sie doch mit einer Frau!"
Das war Berlin, damals.
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Rudolf Nelson, Marcellus Schiffer und Friedrich Holländer

Da waren die frechen kleinen Revuen von Rudolf Nelson, des Texters Marcellus Schiffer oder von Friedrich Holländer, der herrliche und schmissige Musik und Texte machen konnte, und auch Werke des ausgezeichneten Musikers Mischa Spoliansky.

Da waren Revuen, nicht im althergebrachten Sinn, sondern mit wenig Ausstattung, ohne Chor, ohne Ballett, mit vier, fünf Schauspielern, etwa Marlene Dietrich, damals noch fast unbekannt, Hans Albers und der Chansonette Margo Lion. Da war auch Gustaf Gründgens, da waren die Stummfilmstars, die wenige Jahre später'in der Versenkung verschwanden.

Das Kino war übrigens gesellschaftsfähig geworden

...... - neben den großartigen Theateraufführungen durch Max Reinhardt, Leopold Jessner vom Staatstheater, mit der Massary, Elisabeth Bergner, Käthe Dorsch.

Berlin war damals ohne Zweifel die Theaterhauptstadt der Welt. Und trotzdem stand neben den unvergeßlichen und doch vergessenen Theateraufführungen fast gleichberechtigt das Kino; nicht durch die bereits erwähnten großen Filme von Lubitsch und auch von Fritz Lang, vor allem durch die Kinopaläste, nach amerikanischem Muster gebaut - aber das wußten nur wenige -, mit Bühnenschau und großem Orchester.

Vorbei die Zeiten, da ein Klavierspieler oder ein Mann am Harmonium krampfhaft versuchte, seine Musik mit der Handlung in Einklang zu bringen. Das Kinoorchester spielte eigens für den Film zusammengestellte, oft sogar für diesen komponierte Musik.
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Mein Freund Hanns Brodnitz

Das hatte einer meiner Freunde aus der Zeit, da wir jeden Sonntag früh vor der Oper oder einem Theater um Karten anstanden, eingeführt: Hanns Brodnitz.

Eine seltsame Karriere. Er war Nachhilfelehrer beim Sohn des bekannten Berliner Theaterdirektors Rudolf Bernauer gewesen.

Als der das Operettenhaus „Theater am Nollendorfplatz" kaufte - während der Inflation für einen Spottpreis -, hatte er das im selben Gebäude befindliche Kino „Mozartsaal" miterworben (das gesamte Gebüude hieß auch mal so und später bis heute ist es das Metropol); und, da er vom Film keine Ahnung hatte, es Brodnitz überlassen, der auf dem Gebiet des Films ebenfalls nicht Bescheid wußte, aber ganz neue Ideen und mit ihnen Erfolg hatte.

Er brachte in dem von ihm geleiteten Kino vor allem amerikanische Filme. Das war neu für Berlin und auch für Deutschland.
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Die Überleitung zu Charly Chaplin, Buster Keaton usw.

Man bedenke: Noch viele Jahre nach dem Kriegsende 1918 war der Name Chaplin nur ein vager Begriff für die meisten Deutschen; nur die aus der Branche ahnten, wer das war.

Brodnitz zeigte als erster Chaplin, Buster Keaton, Douglas Fairbanks, die Pickford, Jackie Coogan, kurz, Filme, mit denen die deutschen Erzeugnisse selten konkurrieren konnten.

Er war der erste, der ein großes Kinoorchester einführte und einen Mann herausstellte, dessen Beruf es bis dahin überhaupt nicht gegeben hatte: den Kinodirigenten.

Sein Name war Willy Schmidt-Gentner, und er war bald von einer sagenhaften Popularität. Er führte ein recht ungezügeltes Leben, und es kam mehr als einmal vor, daß er zu betrunken war, um das Dirigentenpult zu erklimmen.
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Es gab in Berlin viel zu erleben

Viel Theater, viele Bücher, viele Freundinnen, eine Skatrunde jede Samstagnacht, meist nach einer Bettgeschichte, mit Ewald natürlich und anderen ehemaligen Schulkameraden.

Und da war der Sport. Ich hatte eigentlich nur wenig Sport getrieben, ich dachte auch gar nicht daran, mich jetzt sportlich zu betätigen.
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Mich interessierten Sportereignisse :

Boxkämpfe, Radrennen, und von denen wieder am meisten die Sechstagerennen. Sportereignissen beizuwohnen interessierte mich bald mehr, als Theater zu besuchen, und das wollte bei mir viel heißen.

Warum eigentlich? Ich stellte mir damals die Frage nicht, aber hätte ich sie mir gestellt, würde ich ein Dutzend Antworten dafür gefunden haben, warum ich mich nicht für Sport interessieren sollte.

Ich hatte ja wenig Sinn oder Verständnis für die Qualität einer sportlichen Leistung. Mich interessierte kaum, wie etwas vor sich ging, nur daß etwas vor sich ging.

Mich interessierte die Spannung an sich. Mir kam ein Sportereignis vor wie eine Theatervorstellung, deren Textbuch erst geschrieben wurde, während sie abrollte.
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Sechstagerennen ...

Rein technisch gesehen ein Mannschaftsrennen. Die vierzehn oder zwölf Mannschaften, die da mitwirkten und von denen im Verlauf der sechs Nächte die einen oder anderen aus dem Rennen genommen werden mußten oder aufgaben, bildeten jede für sich eine Einheit.

Einer der beiden Partner mußte immer im Rennen sein, der andere ruhte sich in seiner Koje aus - die Kojen waren in der Bahn, den Zuschauern sichtbar, aufgestellt. Der Witz war, daß eine Mannschaft möglichst viele Spurts gewann und so Punkte sammelte, und nach Möglichkeit eine oder mehrere Runden vor den übrigen lag.

Das änderte sich natürlich ständig, und während einer „Jagd" ging alles wild durcheinander. Keiner wußte mehr, wo er im Rennen lag, und die Zuschauer wußten es auch nicht.
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Ein Spektakel für die "Minderbemittelten"

Sechstagerennen ... Das war in Berlin, ganz wie in Paris, ein Spektakel für die Minderbemittelten, die für wenige Mark in den Kurven standen oder hoch oben im Rang zu finden waren und einen Höllenlärm veranstalteten.

Das war aber auch eine Gelegenheit für Prominente, sich zu zeigen: in den Logen, in denen nur Sekt serviert wurde, oder in den vorderen Reihen. Stars, Politiker, berühmte Ärzte und Anwälte. Man mußte einfach dabeigewesen sein.

Sechstagerennen ... Sie bedeuteten sechs Tage und vor allem sechs Nächte voller Spannung. Im Gegensatz zu, sagen wir, einem Hundertmeterlauf, konnte das Bild sich hundertmal ändern.

Unzählige Momente kamen ins Spiel. Erkältungen der Fahrer, bei der zugigen Halle eigentlich eine Selbstverständlichkeit, Stürze mit Bein- oder Armbrüchen, Magenverstimmungen, andere Ermüdungserscheinungen, Verschwörungen einiger Mannschaften für oder gegen eine Mannschaft - in der Fachsprache damals Kombinen genannt.

Kurz, was der Engländer die „glorious uncertainty of sport" - die glorreiche Ungewißheit des Sports - nennt.
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Heute in 1977 den Zauber des Sechstagerennens zu erklären ?

Es ist sehr schwer, heute (in 1977) den Zauber des Sechstagerennens denen zu erklären, die keine Sechstagerennen gesehen haben oder allenfalls solche, wie sie noch in der deutschen Provinz ablaufen und die gar nicht mehr den Namen eines Rennens verdienen.

Sechstagerennen waren sportliche oder doch semisportliche Veranstaltungen. Mannschaften fuhren gegeneinander, und wer zuletzt vorn war, hatte gewonnen. Er war meistens den anderen eine Runde voraus, die er ihnen in Jagden, die oft Stunden dauerten, abgerungen hatte.

Natürlich wechselte die Führung dauernd. Einmal war die holländische Mannschaft vorn, dann wieder die belgische, dann eine Nacht die französische, dann wieder eine deutsche - je nach der augenblicklichen Form der einen oder anderen Mannschaft.
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Was faszinierte an den Rennen Männer und Frauen ?

Was eigentlich faszinierte an den Rennen dergestalt, daß selbst wohlgesittete Männer und Frauen ganz aus dem Häuschen gerieten?

Genau könnte ich das auch heute, nach so vielen Jahren, nicht erklären. Was die Sechstagerennen an Spannung etwa einem Fußballspiel oder Eishockeymatch voraus hatten, war, daß nichts endgültig war.

Wenn ein Fußballspiel vorbei war, nach neunzig Spielminuten, dann war eben die Entscheidung gefallen. Wenn eine Sechstagenacht zu Ende war, dann konnte noch alles geschehen - nämlich in der nächsten Nacht oder in der übernächsten.

Warum die Leute, denen es doch gleichgültig sein konnte, ob nun der eine oder andere, die eine oder andere Mannschaft vorn war und dadurch das Rennen gewann, sich so furchtbar aufregten, ist gar nicht erklärlich. Es war eben die besondere Faszination des Sechstagerennens.
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Man kann diese Faszination auch geschichtlich nicht erklären.

Denn als die Sechstagerennen - in New York natürlich - aufkamen, in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, war das Rad das schnellste Fortbewegungsmittel für einen Menschen. Autos gab es ja noch keine, Motorräder gab es auch keine, oder es gab doch nur ganz wenige.

Die Geschwindigkeiten, die Radrennfahrer erzielten, waren also sozusagen eine Klasse für sich. Aber 1920, 1930, als man schon Auto fuhr? Da waren die besten Radrennfahrer der Welt eigentlich schon so etwas wie hochgezüchtete Rennpferde, in der Art wie, wenn man so will, auch Sänger und Sängerinnen es waren.

Das Publikum hatte seine Lieblinge. Es regte sich furchtbar auf, wenn diese Lieblinge vorn waren oder wenn sie - wie ungerecht! -zurückfielen. Es hatte auch seine Anti-Lieblinge, das heißt Fahrer, die es mit großer Leidenschaft auspfiff.

Man soll nicht glauben, daß das Publikum etwa das Ausscheiden dieser Fahrer wollte oder, noch besser, daß sie gar nicht erst engagiert würden. Keineswegs!

Man wollte sie vor sich haben, um sie verlieren zu sehen, um sie stürzen zu sehen, jawohl: stürzen, um mitzuerleben, wie sie blutend zum Arzt geschafft wurden - das gehörte dazu.
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Das alles war völlig irrational und sollte auch so bleiben

...., bis Hitler, zumindest für Deutschland, die Sechstagerennen verbot, weil sie unsportlich waren. Na ja!
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1929 - „Warum schreibst du nicht darüber?" .........

..... fragte mich mein Freund Rolf Nürnberg, der inzwischen Leiter des Sportteils des „12-Uhr-Blattes" geworden war. Ich winkte ab. Schreiben - das hatte ich einmal gewollt, daran hatte ich einmal mein Leben hängen wollen.

Professor Gundolf aus Heidelberg ! Was würde er wohl zu Sechstagerennen gesagt haben? Aber das war vorbei. Wie ich glaubte, ein für allemal. Ich zählte immerhin schon siebenundzwanzig Jahre ...

Außerdem hatte ich ja jetzt einen Beruf. Man erinnert sich, ich hatte schon in Heidelberg beschlossen, Kaufmann zu werden, ich hatte es mit wechselnden Mißerfolgen in New York probiert.

Trotzdem hatte sich dort in Amerika, einem Land, in dem ja alle Welt Geld verdiente, meine eigentlich aus Panik vor der Inflation entstandene Meinung, man müsse Geld verdienen, nicht geändert, eher noch verstärkt, weil ich eben nur unter gewissen Schwierigkeiten welches verdienen konnte.
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Berlin 1929 - Nun wurde es also ernst.

Mein Vater steckte mich zuerst einmal zu einem Stoffgrossisten, einem seiner Lieferanten, in die Lehre. Meine Arbeitsstätte war irgendein Zollamt, in wlchem ich Papiere für die aus dem Ausland, wohl vor allem England, eintreffende Ware auszufüllen hatte.

Ich glaube, der Inhaber der Firma, der mich überhaupt nur akzeptierte, weil er meinem Vater einen Gefallen tun wollte oder mußte, und sehr bald jeden Mangel an Begeisterung meinerseits feststellte, hatte mich gewissermaßen an das Zollamt abgeschoben.

Ich blieb dort ungebührlich lange, das heißt, täglich bis zum Ende der Geschäftszeit, weil ich nämlich den Mangel an Kontrolle zu stundenlangem Aufenthalt in einem nahegelegenen Cafe benutzte, in dem ich in verhältnismäßiger Ruhe mitgebrachte Bücher las.
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Nächste Station: eine große Firma ....

Eine Firma, die Herrenkonfektion herstellte. Dort verliebte ich mich in die bildhübsche Prokuristin, die wesentlich älter war als ich. Verführte ich sie? Ich glaube eher, es war umgekehrt. Da wir uns beide nicht sehr diskret benahmen, kam es schließlich zu dem, was man einen Eklat nennt.

Ich mußte kündigen, und tat es um so lieber, als die Dame mir auch weiterhin außerhalb der Geschäftszeit ihre Gunst gewährte. Ein paar Wochen noch, ein paar Monate? Ich habe es längst vergessen .....

Die Schlacht ums Erbe begann

Dritte kaufmännische Station: Firma G. Benedict, das Geschäft meines Vaters (er war dort Teilhaber). Das war, wie schon erwähnt, ein offener Laden, also Geschäftszeit 8 bis 13 Uhr und 15 bis 19 Uhr.

Vom ersten Tag an, wie schon in New York, begann ich die Stunden zu zählen, denn ich durfte mich ja erst am Abend frei fühlen. Ich war gar nicht gern bei G. Benedict. Zwar benahm sich das übrige Personal sehr nett zu mir, kein Wunder, ich sollte ja einmal Chef werden.

Auf der anderen Seite waren die beiden Mitinhaber mir natürlich feindlich gesonnen. Der eine war ein gescheiter, nicht unamüsanter Mann, der seine Frau, eine intime Freundin meiner Mutter, mit einer sehr eleganten Dame holländischen Geblüts betrog.

Grund seiner Abneigung gegen mich war der, daß er sich in seiner Erwartung getäuscht sah, sein Sohn, ebenfalls in der Firma tätig, würde einmal „alles" erben.

Dem anderen Kompagnon war ich nicht vornehm genug. Er war ein kleiner, feingliedriger Herr mit einem Bärtchen, der eigentlich nur adelige Kunden bediente, einer aus der sogenannten guten alten Zeit, ein unerträglich dummer und eingebildeter Fatzke.

Der Zufall wollte es, daß er - ausgerechnet er! - die elegante Holländerin kennenlernte und heiratete, bevor er wußte, daß sie gewissermaßen schon Firmeneigentum war.

Als er das erfuhr, redete er jahrelang nicht mehr mit seinem Vorgänger. Und mit meinem Vater redeten beide nur ungern, ich fürchte, meinetwegen und aus der berechtigten Befürchtung heraus, ich könne der Firma nicht guttun.
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Ich war nicht lange bei G. Benedict.

Ich fühlte mich nicht wohl - körperlich nicht wohl. Ich war immer wieder müde. Man wird vielleicht sagen, das sei kein Wunder bei dem Nachtleben, das ich führte. Aber früher war ich ja auch nie so müde davon geworden.

In der Mittagspause schlief ich so tief, daß man mich kaum wecken konnte. Meine Eltern nahmen zuerst an, ich versuchte mich von den mir auferlegten Geschäften zu drücken, was ich auch herzlich gern getan hätte. Aber selbst dazu brachte ich nicht mehr genug Energie auf. Ich schleppte mich schließlich nur noch so dahin.

Die Ärzte-Rundreise begann ....

Und mein Vater begann, mich zu allen möglichen Ärzten zu schicken, und sie waren alle sehr prominent. Und ich begann, Ärzten zu mißtrauen, was ich für den Rest meines Lebens beibehalten habe.

Man bedenke: Der mich in New York behandelnde Arzt hatte bei meiner Entlassung aus der Typhusquarantäne geäußert, er höre etwas in der rechten Lungenspitze. Mein Vater teilte dies allen Ärzten mit, zu denen ich nun geschleppt wurde. Aber trotz der sehr eindeutigen Symptome konnten sie nichts finden.

Nachtschweiß? Das würde sich geben! Bleierne Müdigkeit? Ich solle mich zusammennehmen! Ständige Gewichtsabnahme? Die Damen fanden, ich sähe interessant aus, und das tat ich wohl auch - aber um welchen Preis! Auch das würde sich geben. Mehr frische Luft! Die mich untersuchenden Ärzte redeten viel Unsinn.

Alles Kapazitäten! Kapazitäten! oder waren es Pfeiffen ?
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Ein junger Arzt aus Stuttgart machte ein bedenkliches Gesicht

Bis ein junger und gar nicht so prominenter Arzt, Sohn eines Freundes meines verstorbenen Vaters, aus Stuttgart, glaube ich, nach einer Untersuchung ein bedenkliches Gesicht machte und eine Unterredung mit meinen Eltern hatte.

Darauf fuhren wir alle nach St. Moritz, zum Beginn der Olympischen Spiele. Dort sagte mir mein Vater, vielmehr meine Mutter, es sei wohl besser, wenn wir nach Davos weiterfahren würden. Wir? Ich!

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