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Menschen und Schicksale im Deutschen Nachkriegsfilm
Teil II - Wiesbaden als Filmstadt

Im Wiesbadener Tagblatt vom 20. Januar 1968 finden wir auf Seite 14 im Feulleton einen fast ganzseitgen Artikel über:

II. Wiesbaden als Filmstadt
von Horst G. Feldt

Helmut Käutner entfachte mit sei­ner Satire „Der Apfel ist ab" mehr kirchliche Proteste als Publikums-Interesse. Jesuitenpater Max Gritschneder rang dem Regisseur damals den Verzicht auf die Szenenfolge einer „Sündenstraße" ab.

Trotzdem gab es nach der Fertigstellung des Films Privatklagen gegeneinander, die erst nach langem Hin und Her in einem Vergleich beigelegt wurden. Immerhin be­wegten diese Auseinandersetzungen die Öffentlichkeit in steigendem Maße. Filme wie „Sag die Wahrheit", „Große Freiheit Nr. 7" und der alte Eichberg-Film „Das Indische Grabmal" hatten in kirchlichen Kreisen schon vorher Proteste und lokale Verbote ausgelöst.

Der Ruf nach einer Filmzensur war nicht mehr zu überhören und Curt Oertel begann mit den Vor­arbeiten für eine Selbstkontrolle des Films. Sie sollte als ein „Prinzip der Ord­nung und Sicherheit" entgegengesetzte Kräfte binden.
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Die FSK, die "Freiwillige Selbstkontrolle der Film Wirtschaft"

HILDEGARD KNEF erregte mit dem Film „Die Sünderin" Aufsehen. Später sah man sie als Piraten- Jenny in der „Dreigroschenoper".

In mühevoller Kleinarbeit mußten die unterschiedlichen Auffassungen der Kul­tusminister von elf Ländern und der Alliierten mit den Interessen dreier ame­rikanischer Weltfirmen koordiniert wer­den. Kein Wunder, daß es zwei Jahre dauerte, bis das Statut einer "Freiwilligen Selbstkontrolle der Film Wirtschaft" im April 1949 von der Kultusministerkonferenz angenommen wurde.

Am 18. Juli - kurz vor der Konsti­tuierung der ersten Bundesregierung in Bonn - nimmt die FSK mit der Prüfung der 1944 gedrehten Verwechslungskomödie „Intimitäten" ihre Tätigkeit auf. Bis zur Übergabe in deutsche Verantwortung am 10. September 1949 bedient sie sich des Siegels der Militärregierungen. Eine Woche später wählen die Abgeordneten Dr. Konrad Adenauer mit einer Stimme Mehrheit - seiner eigenen - zum ersten Bundeskanzler.

Bis zum Jahresende hat die FSK bereits drei Spielfilm-Verbote ausgesprochen: Geza von Bolvarys „Stradivari" (wegen Romantisierung des Krieges), eine neue österreichische Produktion „Der Leber­fleck" (der teilweise geeignet sei, das na­türliche Schamgefühl zu verletzen) und der englische Film „Vier Federn" (weil er im Augenblick geeignet sei, militaristische und imperialistische Tendenzen zu för­dern).

Diese drei Kriterien waren damals wesentlicher Bestandteil der inzwischen wiederholt geänderten FSK-Grundsätze. Wie sich seitdem auch die Spruchpraxis erheblich geändert hat.

Das Jahr 1949

War Wiesbaden als Sitz der Freiwilligen Selbstkontrolle, einiger Fachverbände und Filmfirmen im Laufe des Jahres 1949 mehr und mehr zum organisatorischen Mittelpunkt der deutschen Filmwirtschaft geworden, so reiften jetzt weit kühnere Pläne. Schon lange hatten Erich Pommer und einige deutsche Fachleute um einiges noch vorhandene UFA-Geld gebangt. Um es vor einer möglichen Beschlagnahme durch die Alliierten zu bewahren, sprang Pommer als amerikanischer Filmoffizier über seinen Schatten: „Geld kann man transferieren, Ziegelsteine nicht!", meinte er.

Und so wurde nach kurzer Suche ein Teil des Luft- und Sonnenbades „Unter den Eichen" zur Filmstadt ausgebaut. Mit dem vorhandenen Geld konnte der ersten Atelierhalle sogar eine Kopieranstalt an­geschlossen werden. Zwei weitere Hallen folgten in kurzer Zeit.

Während sich Curt Oertel und der Verfasser (Horst G. Feldt) im Schloß Biebrich noch die Köpfe über die FSK-Beisitzer zerbrachen - wer würde sich schon wöchentlich 60 und mehr Stunden prüfenderweise in die „Dunkelkammer" setzen - begannen zwei alte Filmhasen bereits die Vorbereitungen für den ersten Wiesbadener Film.

Heinz Rühmann kommt nach Wiesbaden

Es wa­ren Heinz Rühmann und der Drama­turg Alf Teichs, die mit ihrer rühri­gen Firma „comedia" unter den Eichen einzogen.

Natürlich war es ein Krimi, hieß „Mord­prozeß Dr. Jordan" und hatte sich - einem on dit zufolge - 1912 in Wiesbaden er­eignet. So saß denn Wiesbadens Haute­volee als Statisten in der gepflegten Mode von damals und folgte unter Erich Engels Regie der spannenden Verhand­lung gegen Dr. Jordan, den der Intelligenz-Verbrecher „vom Dienst" Rudolf Fernau spielte.

Diesem optimistischen Start folgte die erste große Filmkrise in Deutschland auf dem Fuße. Die Wiesbadener Filmhallen standen leer. Bis im März 1950 ein nicht weniger erfolgreicher Filmmann aus den guten UFA-Zeiten wieder aktiv wurde und nach Wiesbaden kam: Dr. Heinrich Jonen.

Für seinen 48. Film verpflichtete er Wolfgang Liebeneiner zu einem Re­make seines früheren großen Erfolges „Versprich mir nichts". Dessen Hauptrol­len hatten einst Luise Ullrich und Viktor de Kowa verkörpert. Nun spielten Hilde Krahl und Johannes Heesters die gleichen Rollen. Nur daß die Komödie jetzt „Me­lodie des Herzens" hieß und dann - einem schönen Branchebrauch folgend - später in „Wenn eine Frau liebt" umge­tauft wurde. Hinter diesen Titeln konnte dann auch niemand mehr das einst so rei­zende Liebesspiel vermuten und entdecken. Der mutige Frankfurter Theater­direktor Fritz Remond stand hier übrigens zum erstenmal vor einer Filmkamera.

1950 - Die Stadt Wiesbaden verbürgte sich für 275.000 Mark

Es verdient festgehalten zu werden, daß diese beiden Filme in Wiesbadens Hallen nur mit einer Finanzierungsspritze der Stadt zustandekamen. In einer (fast fil­misch) dramatischen Sitzung hatten die Stadtverordneten am 22. März 1950 den Antrag auf eine Rückbürgschaft durch Stimmengleichheit praktisch abgelehnt. Bei einer wegen eines Formfehlers wie­derholten, geheimen Abstimmung ergab sich dann doch eine knappe Mehrheit für die beantragten 275.000 Mark. „Unter den Eichen" atmete man auf: mit dieser Zu­sage kam auch die lange erwartete Lan­desbürgschaft zum Tragen und der Pro­duktionsbetrieb endlich wieder in Gang.
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HANS ALBERS hat einen Sprung vom Atelier ins Biebricher Schloß getan und Curt Oertel einen Besuch gemacht.

So waren in den folgenden Jahren viele namhafte Filmkünstler und Darsteller in den Wiesbadener Atelierhallen zu Gast. Rudolf Forster und Will Quadflieg spielten die Hauptrollen eines fantasti­schen E.T.A. Hoffmann-Stoffes. Harry Piel drehte seinen ersten Nachkriegs­film - er verstarb einsam und völlig ver­armt Jahre später in Berlin.

Sonja Zie­mann und Fita Benkhoff waren „Die Frauen des Herrn S."(okrates). O. W. Fischer, Francoise Rosay, Lise­lotte Pulver, Hans Albers, Ehepaar (da­mals) Eva Bartok/Curd Jürgens, Gustav Fröhlich, Willy Birgel, Attila Hörbiger mit Tochter Christel, Marianne Koch, filmten unter bekannten Regisseuren. So Rolf Hansen, Helmut Käutner, Luis Trenker und Karl Anton. Dieser inszenierte 1955 den ersten Farbfilm „Unter den Eichen": „Bonjour Kathrin" mit Caterina Valente und Peter Alexander.

1954 - „Unter den Eichen" brennt es :

Große Aufregung gab es, als im Oktober 1954 lodernde Flammen viele Neugierige zum Filmstudio lockten. Dort stand ein Riesenvergnügungszelt in Flammen. Über­all nächtliches Durcheinander. Nur die zahlreichen Feuerwehrmänner behalten die Ruhe - und die Schläuche untätig in der Hand. Das Zelt bricht mit Riesenge­töse zusammen und beendet damit eine Episode aus dem mutig-zeitnahen Film „Die goldene Pest", die Moral und Gesetz löst im Zusammenprall von Besatzersol­daten und leichten Mädchen rund um Ka­sernen, Lager und Depots in einem bisher verschlafenen kleinen Dorf.

Die Hauptdarsteller sind Gertrud Kückelmann, Ivan Desny, Karlheinz Böhm - und Wilfried Seyfferth. Der sympathische Charakterdarsteller konnte seine Rolle nicht mehr zu Ende spielen. Auf der Straße von Frankfurt zum Wies­badener Atelier war er tödlich ver­unglückt. Am Abend zuvor hatte er sich noch für den Beifall des Films „08/15" an­läßlich der Frankfurter Premiere bedankt.

Die Jahre von 1954 bis 1959

Auch das Schicksal der Wiesbadener Studios blieb wechselhaft. Waren 1954 noch sieben Filme entstanden, darunter die ersten Auslands-Coproduktionen, so sank die Produktionsziffer in den näch­sten beiden Jahren auf je vier Filme ab. In diese Zeit fallen die schwierigen, zum Teil dramatischen Verhandlungen um die Reprivatisierung des ehemals reichseige­nen Filmvermögens. Zum UFA-Komplex gehörig, gerieten auch die Wiesbadener Anlagen in den widersprechenden Streit zahlreicher Kompetenzen und Ausschüsse. 1956 stand der vor Jahren unter der verdienstvollen Leitung Richard Steppachers geschaffene Komplex sogar vor der völligen Stillegung.

Dabei hatte Produzent Karl Schulz, mit eigenen Produktionen verschiedentlich hervorgetreten, das Gelände bereits frü­her käuflich erworben. Aus dieser guten Ausgangsposition blieb er lange Zeit der einzige ernsthafte Bewerber um die Stu­dios, mit seinem Angebot jedoch finanziell unter den Vorstellungen der Liquidatoren. So zogen sich die mühsamen Verhandlun­gen noch bis zum April 1959 hin. Dann endlich konnte Karl Schulz den Gesamt­komplex erwerben. Spielfilme entstanden hier nicht mehr und erst mit der Belegung durch das Fernsehen hörten die Sorgen langsam auf.

Doch wir haben den sonstigen Ereig­nissen etwas vorgegriffen.

Rückblick auf 1948 - die Währungsreform - leere Kinoplatze

Inzwischen hatte die Währungsreform im Juli 1948 das Leben nicht nur in West­deutschland von Grund auf verändert. Dort gab es wieder zu essen und über Nacht konnte man alles kaufen, was für Reichs-Mark nicht zu haben gewesen war. Trümmer und Not geraten rasch in Ver­gessenheit und es gibt - nach Jahren der Scheinblüte - wieder leere Kinoplätze.

Weit schmerzlicher ist die Situation im Ostsektor von Berlin. Die Schwierigkeiten wachsen mit der Parallelwährung und der Undurchsichtigkeit der politischen Situa­tion. Die Ateliers in Tempelhof und Johannistal stehen nahezu leer. Die wenigen Filme können nur nachts und je nach Stromzuteilung stundenweise gedreht werden.

Bewohner des Ostsektors und der Zone erhalten in den Westkinos gegen Ostmark zwei Eintrittskarten. Ganz Schlaue finden rasch den doppelten Boden der doppelten Währung. Sie zahlen mit einem großen Ostschein und erhalten das Wechselgeld in West. (Für eine DM wurden bis zu 40 Ostmark geboten). Mit der Blockade er­reicht die allgemeine Nervenkrise ihren Höhepunkt.

Weiter geht es : Autark in Göttingen

Um so optimistischer gehen drei junge Männer in Göttingen ans Filmwerk. Rolf Thiele, Hans Domnick und Hans Abich bauen dort eine Flugzeughalle in ein Filmatelier um. Mit einer kleinen Kopieranstalt, einem Kartoffelacker und einem Gästehaus machen sie sich autark. Im August 1948 startet man unter Wolfgung Liebeneiners Regie mit dem Film „Liebe 47" nach dem Bühnenstück „Draußen vor der Tür" von Wolfgang Bordiert.

Die optimistisch firmierte „Filmaufbau" gilt bald als Gütezeichen für den deutschen Film jener Jahre. Ihr zu­sammen mit der Münchner Neuen Deut­schen Filmgesellschaft produzierter Film „Nachtwache" rührt ein Jahr später (bei vollen Kassen) das deutsche Publikum er­heblich. Außerdem macht dieser Film einen jungen Schauspieler weithin be­kannt: Dieter Borsche, bald der be­liebteste Schauspieler in den deutschen Kinos.
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Ende des Teil II des Aufsatzes.
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Wir suchen noch die anderen Artikel (Teil 1 und eventuell folgende Teile) von Horst G. Feldt aus 1968.

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