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Ein Besuch in einem amerikanischen Kino ist für uns deutsche Nachkriegs-"Kinder" ein Erlebnis.

von Gert Redlich im Aug. 2012 - Meine ersten Kinobesuche hatte ich als 6-jähriger in damals tollen, heute völlig blöden Kinderfilmen der 50er Jahre. Wäre mein Vater Gerhard Redlich nicht mit dieser Kino-Branche so eng verbunden gewesen, (er hatte diese Kinotechnik in vielen Kinos hier bei uns und an Rhein und Mosel installiert,) wäre solch ein (Kinder-) Besuch zumindest für meine Eltern eine ganz besondere Ausnahme gewesen. 30 oder 50 Pfennige pro Kind waren damals viel Geld.

Jedenfalls durften wir Kinder (mein Bruder und ich) gratis rein ins ROXY Kino am Kohlheck (nachmittags), es wurde dunkel und ein Kulturfilm fing an. Auch dieser war belehrend und trivial blöde wie "Das Liebesleben der Maikäfer" für 6-jährige. Dann kam die Dia-Werbung (für uns Kinder !!) und endlich die Langnese Eiskrem Tante, "die wir nie vergessen werden". Und dann fing endlich der kulturell wertvolle (Kinder-) Hauptfilm an.
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Das ist (nein - "das war") in amerikanischen Kinos völlig anders.

gesehen 1986 auf dem Flug vom Atlanta nach San Francisco
gesehen 1986 im einem Privonz-Kino in Carson City

Bei meinem ersten Besuch in USA in 1986 in Carson City waren mein Mitreisender Thomas Heller und ich sichtlich erstaunt, was da abging. Jede Vorführung (jedenfalls soweit ich weiß) beginnt mit der amerikanischen Nationalhymmne, bei der die Besucher sich erheben und mitsingen. (Das sei in den USA heute im Jahr 2012 - sowie seit über 20 Jahren - nicht mehr so.)

Wir standen natürlich auch auf, sangen aber nicht mit. Der Film hieß "Topgun" und war damals der brandneue Super-Renner in ganz Amerika. Und damals auf dem 5 Stunden Flug dorthin (von Miami über Atlanta nach San Francisco) wurde uns in der alten DC10 der erste "Roger Rabbit" gezeigt. Im Flieger mußten bzw. sollten oder durften wir nicht aufstehen, und die Nationalhymne gab es auch nicht, wir waren ja über den Wolken.

Übrigens war dieser Flug damals extrem "unruhig" - nämlich direkt über einem Wirbelsturm -, doch dank der Gags in diesem 2 Stunden-Film hatten das fast niemand mitbekommen, auch als der Flieger manches Mal bis zu 5 Meter hoch schoß und gleich danach wieder in ein tiefes Wolkenloch absackte. Ein Blick ab und zu auf die sich beängstigend durchbiegenden Tragflächen des alten Fliegers ließ dennoch ein mulmiges Gefühl aufkommen.
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Erlebnisse in den USA 1986

Meine este USA Reise 1986 nach Miami und Carson City
das Carson Kino gebaut 1941
1988 geschlossen und umgebaut

In den USA (Californien) hatte ich es damals mehrfach erlebt, daß viele amerikanische Kinos innen sehr spartanisch, ähnlich einer Turnhalle, ausgestattet sind. Alleine die richtig großen Kinos und die echten Theater in den großen Super-Hotels (und vor allem in Las Vegas und in den Touristenzentren wie Miami) sind wahre Prachtbauten bzw. Paläste.

Dazu kam, daß in fast allen besuchten Vorstellungen nach dem Film mit einer riesigen fahrbaren Saugbürste das totale Popcorn Chaos beseitigt wurde, insbesondere, wenn abends um 23.oo Uhr noch Kinder unter 3 Jahren mit ins Kino "mußten". (Manche plärrten deutlich länger als 10 Minuten.) Der Kino-Genuss (zumindest für Tomas und mich) war damit relativ geworden.

Das war übrigens 1986 in Carson City so und das war 1990 in Miami auch so. Auch hatte mich etwas irritiert, viele Amerikaner drüben kennen weder Samt- oder Brokat Vorhänge vor der Bildwand und die Vorführer knipsen am Anfang das Licht (Zack) aus und dann am Ende des Films (Zack) gnadenlos und ohne Vorwarnung (volle Pulle) wieder an.

Es war damals von unserem deutschen Kino-Ambiente wenig zu sehen bzw. fast keine Spur. So kann man das Kino im Laufe der Jahrzehnte auch platt machen, denn es lebt eigentlich nur noch vom Ambiente. Das Kino in Carson City muß kurz nach 1986 schon geschlossen haben. Es wurde zu einer Milchbar umgebaut.
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Zurück zu unserem "Taunus-Theater" in Wiesbaden

Das TAUNUS Theater ist für uns Deutsche normalerweise (leider) nicht zugänglich und war von Anfang eine an militärische Einrichtung und für amerikanische Militärangehörige eingerichtet. Vielleicht würden wir Deutschen ganz schön staunen, denn vor jedem Film (sowieso in Englisch) wurde nach wie vor gemeinsam aufgestanden und die amerikanische Nationalhymne gesungen. Ich jedenfalls empfand (damals in den USA) so viel gelebten Patriotismus etwas übertrieben - fast so wie das ewige Verbeugen der Japaner vor Jedem und vor Allem. Hier im europäischen Militärumfeld der amerikanischen Armee mag das durchaus zweckdienlich sein.
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Im August 2012 - unser neuer Nachbar hat mich eingeladen . . .

Nach dem 11. September ist das Gelände völlig dicht.
Ein Bild von außen

Und wieder ist Glück mit im Spiel, denn alle meine damaligen amerikanischen Kontake (aus den 70er Jahren) sind schon lange wieder zurück in den USA. Doch in 2011 bekamen wir neue Nachbarn, eine amerikanische Familie. Und unser Nachbar wollte es arrangieren, daß ich den Vorführer im Taunus Theater besuchen und kennenlernen dürfte.

Es hat geklappt, ich durfte mit - als deutscher Gast auf das leider total abgeriegelte amerikanische Gelände. Das mit dem Abriegeln ist deshalb so schade, weil wir uns solche Nachbarn schon vor zig Jahren gewünscht hätten - so wie damals vor 30 Jahren. Ich finde, Gespräche mit modernen amerikanischen Familien bereichern das eigene Weltbild ungemein.

Ein Bild aus den 1960er Jahren
seit 50 Jahren sieht es so aus
Eingang und Kasse
Die Besucher bezahlen Eintriit

Ich kannte das Kino "Taunus-Theater" von vor 30 Jahren (von außen)

Seit 45 Jahren wohne ich in Bierstadt und fahre seit 35 Jahren fast täglich dran vorbei.

An den US-amerikanischen Militär-Einkaufszentren PX und Commissary hat sich alles verändert, nichts ist mehr so wie vor 30 Jahren. Nur das Kino, das steht noch genauso da wie die Freiheitsstatue vor New York. Vor allem der uralte Schriftzug auf dem roten Backstein-Vorbau ist nach dran - wie vor 50 Jahren.

Das war ganz erstaunlich, es scheint ein Wiesbadener Wahrzeichen geworden zu sein. Mal sehen, wann der deutsche Denkmalschutz vorstellig wird.

Der Eingang ist auch noch fast wie früher. Da ich kein Angehöriger der US- Airforce oder Army war, durfte ich damals nicht rein, auch nicht als Gast, so war das damals. Und das war schade.

Wie in Amerika wird gleich neben der Kasse Popcorn in riesigen Mengen hergestellt (wirklich in Kubikmetern - oder in cubic-inches) und von den Besuchern auch gekauft und bis aufs letzte Körnchen vertilgt.

Verblüfft hat mich jetzt, daß die Kinobesucher dort Eintritt bezahlen müssen, da es doch ein reines Militärkino ist. Viele Freizeit-Einrichtungen des amerikanischen Miltärs sind nämlich kostenfei.

Ein Blick hinter die Kulissen

Mit sehr beredter feundlicher Fürsprache meines Gastgebers, er war der Lehrer vieler der Absolventen der hiesigen Highshool, wurde ich in den Vorführraum geleitet, mit meiner Kamera sogar. Das wäre kein Problem.

Und toll, es war wirklich wie in den 50er Jahren. Warum die Betreuer die alte Technik immer noch betreiben, ist mir nicht ganz klar - wegen der bestimmt enormen Instandhaltungskosten, sie funktioniert immer noch.

Mike, der Vorführer zeigte mir alles, selbst die alten Schaltpläne in den Standsäulen der Projektoren.

Da der Film zwar schon lief, ich aber noch hochdroben die Technik bewunderte, fiel auf, daß die beiden relativ alten 35mm Projektoren erstaunlich leise arbeiteten, leiser als viele in deutschen Kinos. Wir konnten uns mühelos unterhalten.

Erneuert waren nur irgendwann mal die zwei Xenon Projektionslampen, also Bogenlampen gab es keine mehr. Dazu gehören natürlich auch die beiden Gleichrichter. Das Anamorphot für die Cinemascope-Filme, das hätte ich gerne, denn das ist ein wirklich seltenes schönes Teil und hat inzwischen historischen Seltenheitswert.
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Es hat mich verblüfft: hervorragende Technik

Nach ausführlichem "Talk" über Altes und Neues in der Kinotechnik bin ich dann erwartungsvoll wieder herrunter gegangen und saß mit meinen Nachbarn in der allerletzten Reihe, also quasi auf den teuersten Plätzen (jedenfalls in deutschen Kinos wäre das so).

Das Prokektionsbild stand die ganzen restlichen 1 1/2 Stunden wie eine "1". Das war und ist außergewöhnlich. Denn die beiden Projektoren datieren nämlich aus den ganz frühen 50er Jahren. Die beiden Standsäulen stammen "bestimmt" aus einem der vielen amerikanischen Fugzeugträger, so massiv waren die und so nostalgisch sehen die heute noch aus. Der Schaltplan ist vermutlich aus 1955 und man sieht es ihm an, er wurde mehrfach mit Bleistift korrigiert.

Doch dieser perfekte Bildstand, quasi das Qualitätskriterium eines Filmprojektors an sich, der war bewundernswert. Vor allem für diese beiden Maschinen nach über 50 Jahren.

Und Mike verstand auch sein Handwerk, die zwei Überblendungen seiner 3 Riesenspulen hatte er super im Griff. Die Amerikaner bekommen übrigens ihre Filme auf kleinen Spulen und nicht auf Bobbys, wie hier in Deutschland.

Sie benutzen zum Transport ganz merkwürdige, für uns ungewohnte achteckige Metallbehälter, keine schwarzen Kartons. Er klebt dann immer 3 kleine "Spulenwickel" zu einer großen Spule zusammen, sodaß er auch bei langen Filmen mit 3 großen Spulen auskommt.

Am Ende hat er mir seine beiden nostalgischen Anamorphote gezeigt, die ebenso alt wie die Projektoren seine müssten. Und die esten Cinemascope-Filme kamen etwa 1954 auf den Markt.
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Hier nocheinmal einen Blick auf die 1955er "heavy duty" Standsäulen mit 110 Volt vom Fabrikat "Simplex", damals installiert vom "EUCOM Motion Picture Service". Dieser Name oder Hersteller ist mir hier in Deutschland in den ganzen letzten 50 Jahren nie über den Weg gelaufen.

Das Taunus Theater ist ein erstaunlich großes Kino

Da ich den Saal erst nach Filmbeginn bei fast völliger Dunkelheit betreten hatte, waren die Dimensionen erstmal nur vage zu erkennen. Aufgefallen ist mir aber sofort das recht kleine Projektionsbild bei einer enormen Projektionsentfernung.

Das 4:3 Bild-Format für einen brandaktuellen Film, der gerade ganz neu (und nur) in amerikanischen Kinos angelaufen war ("The odd life of Timothy Green" ab 15.8.2012), ist ungewöhnlich. Fast alle amerikanischen Filme werden meines Wissens nach heutzutage zumindest im 16:9 Breitbild-Format oder in Cinemascope gedreht, dieser hier nicht.

Das Bildfenster war an allen 4 Seiten ausgefranzt, und das fiel bei dem so erstaunlich extrem stabilen Bildstand besonders auf. Später fiel mir auf, daß es in diesem Kino keine speziellen schwarzen Seiten-Abdeckungen (direkt an der Bildwand) für die verscheidenen Film-Formate gab. Das maximale Format der Bildwand war nämlich mit schwarzen Banden fest auf Cinemascope (vermutlich 2.33:1) fixiert.

Bühne, Vorhangtechnik und Bildwand müssen ebenso wie die Basis- Projektionstechnik aus den Anfängen Mitte bis Ende der 50er Jahre stammen. Bei vielen deutschen Kinos wurde nach dem Niedergang des Kinos Mitte Ende der 60er Jahre zwangsweise erheblich modernisiert und in verbesserte Technik investiert. In vielen mir bekannten Kinos wurde der gesamte Bühnenvorbau entfernt und eine extrem breite Bildwand von maximaler Saalbreite eingebaut.

Weithin sichtbar war der Einbau einer richtig dicken Soundanlage (mit 4 dicken Crown Stereo-Endstufen), die aber an der grenzwertig halligen Sprachverständlichkeit im Saal nichts änderte. Ich habe von den (natürlich englischen) Dialogen nur sehr wenige wirklich voll verstanden, weil es so hallig bzw. verhallt war.

Mein Gastgeber meinte weiterhin, eine Klimanalge wäre jetzt langsam fällig, es war doch ziemlich warm drinnen, obwohl es draußen nur noch 24 Grad waren. Man sieht an den stehen gelassenene Stand-Lüftern links an der Wand, daß diese Frage sicher öfter gestellt wurde.
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Für mich war es ein außergewöhnliches Erlebnis.

Meinem Gastgeber bin ich für diesen Besuch sehr dankbar, denn solch einen Besuch in einem amerikanischen Militärkino kann man weder kaufen oder erbitten oder gar anfordern - wie zum Beispiel den Besuch des 70mm IMAX Dome-Kinos in Speyer, zu dem ich sogar ohne Presseausweis eingeladen wurde.

Es ist eine andere Welt von unseren Amerikanern hier in Wiesbaden,
die doch seit langem in den Housing Areas "direkt neben uns" wohnen und doch so weit weg sind. Doch wir (Deutschen) sind dran, das zu ändern. Ich hoffe, daß die Amerikaner, mit denen ich Kontakt hatte, das als tolle Erinnerung mit zurück in ihre Heimat nach Amerika mitnehmen.
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Nachtrag : Februar 2013 - ein Christie Beamer kommt

Ende Februar 2013 durfte ich nochmal hereinschaun und da wurde gerade ein neuer Christe-Beamer eingebaut und justiert. Die alten Projektoren sind schon im Container und auf dem Weg ins Nichts - sehr schade.

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