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Die Lebensbiografie von Curt Riess - geschrieben 1977

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956/57 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrespondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den interessantesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesem Buch gibt es neben den "Aufzählungen von Tatsachen" jede Menge Hintergrund- Informationen über seinen Werdegang, seine Reisen und das Entstehen der Filme, über die Schauspieler und Stars, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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(23) Trauermarsch

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30. April 1945 - „Hitler ist tot!"

Ich hörte ungefähr zehn Takte der Musik, die aus dem Radio kam, dann sagte ich: „Hitler ist tot!" Am Abend des Tages, nachdem wir Dachau „genommen" hatten, unweit des Lagers, im Städtchen Dillingen.

Genauer: im Pressehauptquartier der Sixth Army. Amerikanische Soldaten hatten für uns eine Schule räumen lassen und uns in einem Klassenzimmer installiert. Da Verdunkelung obligatorisch war - es war ja noch Krieg -, hatten wir Kerzen entzündet. Die Kollegen saßen in ihren Mänteln vor den Schreibmaschinen.

Ein Radio lief - es konnte ja sein, daß wichtige Nachrichten durchgegeben wurden. Aber das Radio blieb lange Zeit stumm, und dann, wie gesagt, kam plötzlich diese Musik, die mich aufschnellen ließ und dazu veranlaßte zu erklären, Hitler sei tot.

Die Kollegen starrten mich an. „Woher willst du das wissen?"
Ich hörte nur auf die Musik. Eine mir, wenn auch wohl nicht den anderen wohlbekannte Musik. Als sie schließlich endete, Stille. Dann eine Stimme: „Der Führer ist tot!"
Die Kollegen bestürmten mich jetzt: „Wie konntest du das wissen?"
Und ich: „Es war doch der Trauermarsch aus der ,Götterdämmerung'!"
„Na und?"
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„Siegfrieds Tod, der Trauermarsch!"

Man mußte wohl in Deutschland aufgewachsen sein, um die Zusammenhänge zu begreifen. Und der Größenwahn noch im Untergang.
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Eine halbe Stunde später machten wir Schluß mit der Arbeit.

Wir überquerten die Straße und betraten ein kleines Hotel. Auch das war am Tag zuvor von uns requiriert worden, also leer. Ich stieg in den ersten Stock hinauf und öffnete eine Tür.

Das Bett war bereits durch einen Kollegen besetzt. Das nächste Zimmer war leer. Ich legte mich zu Bett - angezogen wie ich war, und klapperte mit den Zähnen. Es war erbärmlich kalt. Aber ich fühlte mich unendlich glücklich. Ich glaube, dies war die glücklichste Stunde meines Lebens. Daß ich das noch hatte erleben dürfen! Das Untier war verreckt. Der Spuk war zu Ende. Nun würde alles gut werden!
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Aber der Spuk war noch lange nicht zu Ende.

Der Spuk war zu Ende. Glaubte ich damals. Freilich nicht allzu lange.

Am nächsten Morgen redete mich beim Frühstück in der Kantine ein Gi an. „Sie waren doch auch dabei in Dachau, nicht wahr?" - Ich nickte.

Er sprach weiter: „Ich stamme nämlich aus Texas. Und eigentlich geht mich das alles, was sich da in Deutschland abgespielt hat, gar nichts an. Aber wenn ich das, was wir da sahen, vorher gewußt hätte" - er sprach von den ausgemergelten Gestalten -, „ich glaube, ich hätte jeden Deutschen totgeschlagen, den ich getroffen habe."

„Nicht jeder Deutsche war schuld." - „Alle waren schuld. Das denke nicht nur ich, so denken wir alle."

Weiter. München, das sich kaum widersetzt hatte, war am Vortage genommen worden. Ich konnte es kaum wiedererkennen. Hatte ich hier nicht einmal studiert? Hatte hier nicht einmal meine große Liebe Theater gespielt?

Weiter. Tegernsee, wo sich angeblich SS-Leute verschanzt hatten. Hier oder in der Umgegend. Übrigens keine Spur von ihnen. Hingegen sonnte sich auf der Strandpromenade der mir schon lange bekannte Kabarettist Wilhelm Bendow. Ich rief ihm von dem Panzer, auf dem ich hockte, zu: „Was machen Sie denn hier?"

Und er, stets ein Hitlergegner und zeitweise verboten, ironisch die Hand zum Deutschen Gruß erhoben: „Immer dem Sieg entgegen!" - Ich hatte Angst um ihn, jeder Gl hätte ihn abknallen können.
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Ein paar Kilometer weiter. Jetzt regnete es.

Drei deutsche Generale standen vor einer Wirtschaft. Einer lief auf unseren Panzer zu: „Sagen Sie bitte, wo kann man sich hier ergeben?"

„Bei uns nicht!" antwortete ich ungerührt.

Am VE (Victory in Europe)-Tag trafen wir in Berchtesgaden ein. In der Nacht besoff ich mich fürchterlich. Leider nicht mit Bier oder Wein. Ich weiß eigentlich nicht, warum. Denn in Berchtesgaden und Umgegend lagen ja die, allerdings zum Teil zerbombten, Häuser der Parteigrößen, und ihre Keller waren gut gefüllt.

Ich erwischte bedauerlicherweise nur eine Flasche Cointreau. Eigentlich mochte ich das süße Zeug gar nicht. Aber jetzt war mir alles recht. Ich trank die ganze Flasche aus.

Gegen Morgen erwachte ich aus einem todesähnlichen Schlaf. Ich hatte entsetzliche Kopfschmerzen, aber sie legten sich nach einem Spaziergang in der kalten, klaren Bergluft des Ortes. Später ließ ich mich mit einem Jeep zum halb zerstörten Berghof Hitlers fahren. Das berühmte überdimensionale Fenster war jetzt ohne Glas, aber die Landschaft, die man durch den Rahmen sah, war unverändert herrlich.
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Dorothy Thompson war auch dabei ....

Dorothy Thompson, die mit von der Partie war, konnte sich nicht sattsehen. Schließlich rief sie aus: „Was für ein Idiot dieser Hitler doch war! Dies alles zu haben und einen Krieg zu beginnen!"

Das Ganze war irgendwie gespenstisch. Auch, daß sich in der riesigen Villa und in den umliegenden Gebäuden, die wohl für Gäste und Dienerschaft errichtet worden waren, nicht eine Menschenseele befand.

Selbst auf der von Hider eigens für seine Gäste gebauten Straße nach Berchtesgaden war niemand zu sehen - der Ort war wie leergefegt. Wo sich die Einwohner wohl befanden? Waren sie geflüchtet? Und wenn, wohin?
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Der Punkt, den ich 1942 prophezeit hatte, war ja erreicht.

Es gab keinen Quadratmeter deutschen oder österreichischen Bodens mehr, der nicht besetzt war. Berchtesgaden und das benachbarte Salzburg waren unter den letzten noch nicht besetzten Orten gewesen.

Ich begriff: Die Einwohner hatten Angst. Schließlich war Berchtesgaden immer irgendwie mit Hitler identifiziert worden. Würden sie es zu spüren bekommen? Jetzt, da sie sich in der Hand des „Feindes" befanden?

Ein paar Stunden später besichtigten wir einen Zug, der auf einem Abstellgleis stand: Zehn oder fünfzehn Wagen, vollgestopft mit Kunstschätzen, die Göring sich zusammengestohlen hatte.

Wohin sollte der Zug eigentlich fahren? Auch Görings Berchtesgadener Haus war voller kostbarer und interessanter Gegenstände.
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Zwei Bettlaken mit eingewebten Hakenkreuzen

Ich requirierte - oder, wie wir damals sagten: „befreite" - zwei Bettlaken mit eingewebten Hakenkreuzen.

Schon in Paris nahm Jean Cocteau sie mir wieder ab. „Auf so was wollte ich schon immer schlafen!" begründete er lachend seinen Raub.

Viel interessanter war für mich ein Album, in dem die Frau Görings, damals noch seine Freundin, die Schauspielerin Emmie Sonnemann, ihre Theaterkritiken eingeklebt hatte. Unter anderem auch meine Kritik über ihr erstes Berliner Auftreten.

Ich bescheinigte ihr darin, keine besonders gute Schauspielerin zu sein.

Noch jetzt, nach zwölf Jahren, erschrak ich über meinen Mut, die damalige offizielle Freundin Görings zu verreißen.
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„Sie müssen Eichmann finden!"

Einige Tage später holte mich einer der jungen Männer unserer Intelligence nach Linz. Dort führte er mir einen Mann vor, der nur noch Haut und Knochen war. Kein Wunder, denn er war erst vor wenigen Tagen aus einem Konzentrationslager befreit worden.

„Wir müssen ihn von hier wegschaffen!" sagte unser Mann. „Die Linzer überhäufen ihn mit Drohungen. Sie werden ihn noch umbringen!"
„Warum?"
„Weil er mit uns zusammenarbeitet. Weil er uns Tips gibt, wo wir versteckte Nazis finden können ..."
Der Mann sagte: „Sie müssen Eichmann finden!"
„Eichmann?"
„Ja. Den Judenmörder!"
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„Eichmann?" Ich wußte nicht wer Eichmann war.

Ich muß gestehen: ich hatte damals noch keine Ahnung, wer Eichmann war. Der Mann wurde so dringlich, sprach immer nur von diesem Eichmann, daß ich schon glaubte, er sei nicht recht bei Verstand.

Auch in den nächsten Monaten - ich sah ihn immer wieder - sprach er unaufhörlich von Eichmann. Er faßte ihn dann auch - oder, genaugenommen, der israelische Geheimdienst faßte ihn, und dank der unermüdlichen Hilfe unseres Mannes viele andere Naziverbrecher. Ich sollte ihn in solchen Angelegenheiten noch oft sehen und sprechen.

Sein Name: Simon Wiesenthal, der mir ein Freund wurde.
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Klaus Mann und der amerikanische Panzer

Eine Nachricht Clays, kein Befehl, eher eine Anregung, die US-Zone zu bereisen. In meinem Jeep, der von einem Gl gelenkt wurde, nahm ich Klaus Mann mit, der gerade als Reporter der Soldatenzeitung „Stars und Stripes" - er hatte den Rang eines Sergeanten - in München gelandet war.

Beim Überschreiten einer Straße wäre er beinahe von einem Panzer überfahren worden. Er geriet ganz außer sich: „Man denke! Dann würde auf meinem Grabstein stehen: Geboren in München, gestorben in München - und kein Mensch würde ahnen, daß ich überall auf der Welt gewesen bin!"

Er meinte das ehrlich. Er war eben ein Snob.
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Wir fuhren nach Bayreuth.

Auf der Fassade des Festspielhauses ein Riesenplakat: „Tonight the master himself conducts - Heute abend dirigiert der Meister persönlich!"
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Einigermaßen verblüfft ließ ich mich zu dem Stadtkommandanten fahren, einem Colonel, der in der leicht beschädigten Villa Wahnfried residierte. Der bestätigte, mit der Ankündigung habe es seine Richtigkeit.

Auf meine Bemerkung, Wagner sei doch längst tot, machte er ein verständnisloses Gesicht. „Wagner? Ich spreche doch von ..." und er sang: „Glowworm, Glowworm, lala, lala-Glühwürmchen, Glühwürmchen ..."

„Das stammt doch von Paul Lincke!"

Und um den handelte es sich auch. Den hatte der Colonel, ein glühender Verehrer von Lincke-Melodien, in einem nahegelegenen Dorf entdeckt, wohin er von Berchtesgaden evakuiert worden war, und nach Bayreuth gebracht. Und der dirigierte heute abend seine uralten Schlager. Er und kein anderer war „the master himself".
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Die Witwe Siegfried Wagners - „Die haben wir rausgeworfen!"

Da ich nun schon einmal in der Villa Wahnfried war, erkundigte ich mich nach Winifred, der Witwe Siegfried Wagners. Sie hatte ja jahrelang die Festspiele geleitet. - „Die haben wir rausgeworfen!"

Es war nicht schwierig, von dem deutschen Hausmeister der Villa zu erfahren, wo sich Frau Winifred befand: in einem benachbarten Dorf. Dort fand ich sie auch - in einer winzigen, schlicht eingerichteten Wohnung, die ihr jemand überlassen haben mußte.

Das heißt, erst trat mir "Richard Wagner" persönlich entgegen. Jedenfalls sah der junge Mann mit dem goldblonden Haar genau so aus, wie der junge Richard Wagner ausgesehen haben mußte.

Ich war verblüfft und entsetzt, als er den Mund auftat: er sächselte nämlich entsetzlich. Es handelte sich um Wolfgang Wagner, der mich zu seiner Mutter führte.

Winifred empfing mich - ganz große Dame. So, wie sie mich vor fünfzehn Jahren empfangen hätte, wenn sie mich damals überhaupt empfangen hätte.
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Das Thema war natürlich Hitler ...

Diesmal - April 1945 - konnte sie freilich eine solche Entscheidung nicht treffen. Auch nicht, was das Thema anging.

Es handelte sich natürlich um Hitler. Sie sei ja mit ihm befreundet gewesen, nicht wahr?

„Gewiß, ich war mit ihm befreundet, und ich bin stolz darauf."
„Und das, was er getan hat?"
„Sie meinen die Politik? Ich habe mich niemals um Politik gekümmert."
„Und was haben Sie so Besonderes an Hitler gefunden?"
„Ach, wissen Sie, er war so nobel!"

Ich war nun doch verblüfft. Zum Abschied sagte ich: „Sie haben Mut. Außer Ihnen hat noch kein Deutscher oder gar eine Deutsche ein gutes Wort für Hitler übrig gehabt."

Und sie: „Ich bin keine Deutsche. Ich bin Engländerin!"

Ich kann nicht verschweigen, daß mich das beeindruckte. Inzwischen hatte sie ja, gerade während diese Zeilen (in 1977) geschrieben werden, einen Film mit sich drehen lassen, in dem sie ganz offen über ihre guten Beziehungen zu Hitler sprach.

Dieser Film hat mich weniger beeindruckt. Es braucht heute in 1977 keinen Mut mehr, zuzugeben, daß man Hitler verehrt oder gar geliebt hat.
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Weiter. Garmisch-Partenkirchen.

Ich wollte Richard Strauss besuchen, der dort lebte. Er empfing uns sofort im Garten seiner Villa. Obwohl über achtzig, wirkte er noch elastisch und, je nachdem, streitbar oder konziliant.

Was ihn jetzt noch in Wut versetzte: daß man ihm zuletzt beinahe, aber eben nur beinahe, Flüchtlinge in seine geräumige Villa setzen wollte. Es war nicht zu übersehen, daß Mitleid mit diesen armen Menschen ihm völlig fremd war.

Klaus Mann fragte, warum er, weltberühmt und überall gespielt, nicht emigriert sei. Lebhaftes Erstaunen. Er würde doch in Deutschland, Österreich und Italien an viel mehr Theatern aufgeführt als in England oder Amerika.

Emigration wäre in der Tat ein schlechtes Geschäft für ihn gewesen.
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Richard Strauss - kaum ein Wort der Kritik am Dritten Reich

Kaum ein Wort der Kritik am Dritten Reich, obwohl er ja, das war uns schon bekannt, während der Dauer des Regimes gelegentlich recht defaitistische und dem Regime nicht angenehme Briefe geschrieben hatte, von denen einige der Gestapo in die Hände gefallen waren.

Auch uns gegenüber tat er eine kritische Äußerung: Seiner jüdischen Schwiegertochter hatte man den Jagdschein vorenthalten.

Diesen Jagdschein? So nannte man früher den berüchtigten Paragraphen 51 (eine Bestätigung fürs Irrenhaus), der allen, denen er zugebilligt wurde, Straffreiheit infolge verminderter Zurechnungsfähigkeit garantierte.

Aber der hier verweigerte "Jagdschein" bedeutete im Falle der jungen Frau Strauss, daß sie nicht im Wald jagen durfte.

Man bedenke: Andere Juden wurden enteignet, vergast oder zumindest außer Landes getrieben; sie durfte nicht an Jagden teilnehmen! Wie schrecklich für Richard Strauss!

Zuletzt offerierte uns Strauss Autogramme. Klaus lehnte mit Entrüstung ab. Ich nicht - warum hätte ich den berühmten Greis, der uns eine Freude machen wollte, noch kränken sollen?
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Clemens Krauss im Schloß Leopoldskron in Salzburg

Salzburg. Zu meinem nicht geringen Erstaunen wohnte der berühmte Dirigent Clemens Krauss und seine Frau im Schloß Leopoldskron, das Max Reinhardt gehört hatte. Man hatte es diesem zwar abgenommen, aber moralisch gehörte es ihm immer noch und wurde später auch seinen Erben wieder zugesprochen.

„Ausgerechnet Sie wagen es, im Hause eines Juden zu leben?" fuhr ich ihn an. Er war ja schließlich ein engagierter Nationalsozialist gewesen - und ein übler Zeitgenosse.
„Wir sind schließlich ausgebombt."
„Und Sie müssen unbedingt in einem Schloß wohnen! Im Schloß eines Juden, wie gesagt!"
„Ich war nie Antisemit."
„Sie waren Mitglied der Partei. Und ein glühender Anhänger Hitlers."
„Ich gebe ja zu, daß Hitler Fehler gemacht hat. Besonders mit den Juden."

Ich ließ ihn stehen. Ich telephonierte mit dem nächsten amerikanischen Posten. Krauss und seine Frau wurden innerhalb von zwei Stunden aus Leopoldskron ausgewiesen.
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Gerhart Hauptmann - Agnetendorf tief in der sowjetischen Zone

Kurz darauf fuhr ich in einem amerikanischen Jeep, begleitet von dem kommunistischen Schriftsteller Johannes R. Becher, tief nach Schlesien hinein, nach Agnetendorf, um den schon sehr alten Gerhart Hauptmann zu besuchen.

Das war damals noch möglich, obwohl Agnetendorf tief in der sowjetischen Zone lag. Ein paar Monate später wäre es nicht mehr möglich gewesen.

Gerhart Hauptmann empfing uns sogleich. Er sah eigentlich immer noch so aus, wie man ihn von Bildern kannte, nur schien er sehr schwach und müde zu sein. Für mich war er eine schwere Enttäuschung. Er hatte aus den letzten Jahren nichts gelernt.

Ursprünglich, das heißt 1889 bis 1914, war er „Arbeiterdichter" gewesen - das, was man später „progressiv" genannt haben würde. Im Ersten Weltkrieg war er dann betont patriotisch gewesen, und in der Weimarer Zeit betont demokratisch.
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Gerhart Hauptmann war nie ein großer Charakter

Dieser große Dichter war nie ein großer Charakter, ja, es ist wohl kaum übertrieben zu behaupten, daß er keinen Charakter hatte.

Das zeigte sich unter Hitler. Gerhart Hauptmann hätte Hitler und alles, was er predigte, verabscheuen müssen. Wer hatte ihn zu dem gemacht, was er wurde?

Der Theaterdirektor Otto Brahm, Jude. Der Verleger S. Fischer, Jude. Der Kritiker Alfred Kerr, Jude. Der Regisseur Max Reinhardt, Jude.

Aber Hauptmann blieb in einem Deutschland, das die Juden ächtete, weil es für ihn bequemer und einträglicher war, als zu emigrieren. Nun gut, in Deutschland zu bleiben war vielleicht richtig für einen deutschen Dichter, der niemals außerhalb des deutschen Sprachbereichs wirkte. Aber den ganzen Nazirummel mitzumachen?

„Ich befand mich in einer inneren Emigration", erklärte er uns jetzt, „ich habe mehr gelitten als viele Emigranten!"

Was nicht stimmte. Er ließ sich aufführen, er nahm seine Werke aus dem jüdischen Verlag Fischer, der ihn groß gemacht und viel Geld in ihn investiert hatte, und er ließ sich feiern; und wenn dies nicht geschah, so deshalb, weil die Nazis es nicht so gern wollten - sie mochten ihn nicht - und nicht etwa, weil er ihnen zu erkennen gab, daß er sie verabscheute.
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Jetzt war es wieder einmal Zeit, umzufallen. (ein Wendehals)

„Die Russen", so sagte er leise, denn laut konnte er nicht mehr sprechen, „die Russen haben sich mir gegenüber großartig benommen!" Ich dachte an das, was ich über die Russen seit ihrem Einmarsch in Deutschland gehört hatte: Plünderungen, Vergewaltigungen, Brandlegungen.

„Das ist mir neu!" erklärte Hauptmann fast heftig. „Und davon glaube ich kein Wort. So etwas würden Kommunisten nie tun! Und ihr Respekt vor allem, was man Kultur nennen darf! Der sowjetische Oberst, der mir versprach ..."

Und so weiter, und so weiter. Wenige Wochen später warfen die Russen den greisen Dichter aus seinem Haus.

Seine letzten Worte an uns: „Ich habe noch viel zu sagen. Ich meine, zu schreiben!" - Er hat nie wieder eine Zeile geschrieben. Er starb ja auch bald darauf.
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Trude Hesterberg führte mich zu Joe Lehrmann alias Ullmann

München. Dort wurde ich durch Trude Hesterberg, eine mir seit langem bekannte Kabarettistin und Schauspielerin, die alle Welt kannte, in die Wohnung eines gewissen Ullmann geführt. Er trug eine amerikanische Uniform, aber ohne alle Insignien. Unter seinem Namen an der Eingangstür seiner Wohnung war vermerkt: „Amerikanischer Korrespondent."

Bei ihm versammelte sich täglich eine Schar hungriger Schauspieler und Schauspielerinnen, denn er hatte immer genug, um sie durchzufüttern.

Woher eigentlich? Er erzählte mir, er sei kubanischer Korrespondent, was mich sehr wunderte. Denn abgesehen davon, daß es in München um diese Zeit - etwa vierzehn Tage nach Kriegsende - nur US- und britische Korrespondenten gab, ein echter Kubaner hätte sich nie Amerikaner genannt.
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Ich fragte den Sergeanten nach unserem Kubaner.

Und warum wohnte er nicht, wie wir alle, im Pressehauptquartier - übrigens einer Villa der Schwester der verewigten Eva Braun, am Rande der Stadt, sondern in einem normalen Münchener Mietshaus?

Er deutete auf einen hohen Haufen Manuskripte. „Das habe ich diese Woche geschrieben!" Und seine hübsche deutsche Sekretärin bestätigte es.

Geschrieben, gut. Aber wie fanden seine Meldungen ihren Weg nach Kuba? Es gab noch keine Flugverbindungen - noch lange nicht, es gab nur Armeeflugzeuge. Es gab noch keinen regelmäßigen Bahnverkehr. Wir, das heißt die anderen Korrespondenten, sandten unsere Meldungen und Artikel via Radio, das ein Sergeant bediente - es befand sich im Hof des Pressezentrums. Jede abgegebene Meldung wurde in einem Buch eingetragen.

Ich fragte den Sergeanten nach unserem Kubaner. Nein, der hatte nie etwas senden lassen.
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Also war der Mann - Ullmann - ein Betrüger.

Und zwar, wie sich später herausstellte, ein deutscher Jude, der Direktor eines Berliner Theater-Unternehmens, das alle paar Wochen Sonntagvormittagsvorstellungen veranstaltet hatte - höchst dubiose, die sich allgemeiner Lacherfolge erfreuten.

Sein Name war Joe Lehrmann. Unter Hitler hatte er im KZ gesessen, und begreiflicherweise war er voller Ressentiments gegen die Deutschen.

Nur Schauspieler und Schauspielerinnen bildeten für ihn eine Ausnahme. Er ließ sie mit seinem Auto, das er weiß Gott woher hatte, abholen und nach Hause fahren. Er verköstigte sie. Er war immer für sie da. Er war stolz, daß sie ihn ausnahmen.

Seine wahre Identität herauszukriegen wäre kinderleicht für unsere Intelligence gewesen. Aber amerikanische Stellen brachten diesen angeblichen Ullmann sogar zum Münchener Radio, in dem er in regelmäßigen Abständen sprach.

Fataler noch - ihm wurde ein paar Monate später die alleinige Radio-Berichterstattung über die Nürnberger Prozesse überlassen. Die hätte dazu dienen sollen, die Deutschen über die furchtbaren Verbrechen ihrer „Führer" aufzuklären.

Sie war aber derart antideutsch gehalten, daß die beschimpften Zuhörer bald abschalteten. Ullmann wurde später entlarvt, floh nach Paris, wo man ihn verhaftete, und brachte sich schließlich in seiner Zelle um.
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A propos Nürnberger Prozeß.

Natürlich war ich, wie etwa zwei- oder dreihundert Korrespondenten aus den Vereinigten Staaten, aus England, Frankreich und aus vielen anderen Ländern, zum Prozeßbeginn in Nürnberg. Der Verhandlungsraum - die meisten haben ihn wohl später einmal in Wochenschauen gesehen - war ein riesiger Saal.

An der einen Breitseite - gegenüber dem Gericht - saßen die Angeklagten, lauter berühmte Männer, die Prominentesten des Dritten Reichs, soweit sie sich nicht umgebracht hatten, deren Gesichter man aus tausend Zeitungen, Wochenschauen und Zeitschriften kannte.

Sie alle hatten etwas Imponierendes, um nicht zu sagen Pathetisches an sich gehabt. Jetzt sahen sie eher aus wie ertappte Sünder. Vielleicht mit Ausnahme von Göring, der, nachdem er in der Haft und wohl als Folge einer Entziehungskur - glaube ich - etwa vierzig Pfund verloren hatte, halbwegs menschlich wirkte, obwohl er in der schlotternden Uniform einen ziemlich lächerlichen Eindruck machte.

Generalfeldmarschall - oder wie immer sein Titel lauten mochte - Keitel glotzte wie ein Vollidiot vor sich hin, Streicher wirkte wie aus einem Verbrecheralbum geschnitten.

Die Verhandlungen waren gespenstisch - fast lautlos

Das gespenstische daran war, daß die Verhandlungen ganz leise, fast lautlos vor sich gingen, einem Stummfilm nicht unähnlich.

Richter, Ankläger, Anwälte, Angeklagte sprachen alle in Mikrophone, die ihnen umgehängt waren, ihre Worte wurden in die Zentrale der Dolmetscher und Dolmetscherinnen übertragen, die den Text simultan in vier oder fünf Sprachen weitergaben. Man sah die Beteiligten sprechen, man hörte sie nicht, wenn man seinen Kopfhörer nicht auf Deutsch einstellte, man hörte immer nur die Stimme des jeweiligen Dolmetschers.
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Das Ganze wirkte wie aus einem Roman von Kafka.

Natürlich wohnte ich nicht allen Sitzungen bei, das tat wohl keiner der Kollegen; aber die letzte, die Urteilsverkündung, ließ ich mir nicht entgehen.

Die Reaktionen auf die Urteile - jeder der Angeklagten wurde einzeln vorgeführt - waren ganz verschieden. Heß wirkte, als verstünde er überhaupt nichts, Keitel, als nähme er einen militärischen Befehl entgegen.

Am meisten interessierte mich der Angeklagte Hjalmar Schacht, der ein angeekeltes Gesicht machte, so, als gehöre er nicht in diese Gesellschaft.

Und ob er dahin gehörte! Denn für ihn als fast einzigen traf zu, daß er an den ganzen Hitler-Irrsinn nicht geglaubt hatte. Heß war dumm genug, Göring eitel genug, Streicher verbrecherisch genug, um alles mit einer gewissen Überzeugung mitzumachen.

Aber Schacht?
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Hjalmar Schacht hatte geholfen, Hitler in den Sattel zu heben ...

...., und sich erst zurückgezogen, als er den Krieg kommen sah, von dem er wußte, daß Hitler ihn nicht gewinnen konnte. Er hatte sogar ein wenig in Opposition gemacht, was Himmler veranlaßte, ihn einzusperren - noch ganz zuletzt. Er war zwar von den Amerikanern „befreit", aber wieder in Haft genommen worden. Mit Recht.

Ich hatte ihn damals besucht. Er steckte in der Zelle eines Gefängnisses in Oberursel, nahe Frankfurt, das von der Gestapo für Regimegegner errichtet worden war und in dem jede einzelne Zelle - zu Folterungszwecken - beliebig erhitzt werden konnte. Überflüssig zu sagen, daß wir Schacht nicht schmoren ließen.
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Hjalmar Schacht schäumte vor Empörung.

Ihm, dem Widerständler, dieses! Er packte aus, ermutigt, mit einem amerikanischen Offizier sprechen zu können, der Deutsch verstand und sprach. Ob ich nicht veranlassen könne, daß man ihn freiließ?

„Nicht vor dem Prozeß."
„Prozeß? Zusammen mit den Naziverbrechern?"
„Wir halten Sie auch für einen Naziverbrecher!"
„Ich habe nie an den Unsinn geglaubt!"
„Eben deshalb."
„Aber man wird mich nicht verurteilen!"
„Ich weiß es nicht. Wenn es nach mir ginge, würde ich Sie zum Tode verurteilen."

Er glotzte mich fassungslos an. Dann: „Das wäre ungeheuerlich! Und mir völlig unerklärlich!"

Ich erinnerte mich der Worte, die er vor nunmehr zwölf Jahren meinem Onkel Max zugerufen hatte, und ich wiederholte sie: „Denken Sie einfach, Herr Schacht, Sie seien im Krieg gefallen!"

Er war sprachlos. Erinnerte er sich seiner eigenen Worte? Ich half nach: „Ich bin nämlich ein Neffe von Max Straus."

Er starrte mich noch immer an.

Viele Jahre später, als er seine Memoiren schrieb, schilderte er diese Szene zum Beweis dafür, wie grausam er behandelt worden war. Wie immer es um sein Gedächtnis bestellt sein mochte, es funktionierte, wenn ihm selbst, wie er glaubte, Unrecht geschah.

Er wurde in Nürnberg freigesprochen.
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Das Todesurteil - Göring zuckte zusammen

Göring zuckte zusammen, als habe er einen Schlag ins Gesicht erhalten - nicht, als er sein Todesurteil hörte, sondern dessen Begründung, die wahrhaft vernichtend für ihn war.

Ich hatte Göring übrigens kurz nach seiner Verhaftung, als er in einem Landhaus in der Umgebung von Augsburg der Presse vorgestellt wurde, gesehen. Man hatte ihn in der Nähe von Berchtesgaden festgenommen und dorthin gebracht.

Und wieder ein paar Wochen später, als man ihn in ein Lager irgendwo in Luxemburg gebracht hatte. In Augsburg war er noch durchaus optimistisch gewesen, ja, er benahm sich als Herr der Situation.

Daran waren viele unserer (amerikanischen) Generäle nicht unschuldig. Sie luden ihn zum Abend- oder Mittagessen ein, sehr zur Verwunderung der Soldaten, die ihn bewachten. Die Generäle taten sich etwas darauf zugute, mit dem berühmten Göring an einem Tisch sitzen zu dürfen.

Und er sah in diesen Handlungen eine Bestätigung seiner Hoffnung, man werde ihn gut behandeln, ja, man werde ihm Deutschland gewissermaßen auf einem Silbertablett überreichen. Eisenhower persönlich stoppte den Unfug.
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In Luxemburg hatte Göring schon begriffen .......

....., daß es schwierig für ihn werden würde. Trotzdem flüsterte er mir zu: „Wenn Sie meine Frau treffen, sagen Sie ihr, es gehe mir gut ..." - Was ich später auch tat.

Jetzt in Nürnberg machte er zwar einen gesünderen Eindruck - das Fett war, wie gesagt, weg -, aber nun wußte er, daß es für ihn um Kopf und Kragen ging.
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Vor denen hat die Welt Angst gehabt?

Ich starrte die Angeklagten an und dachte immer nur: „Vor denen hat die Welt Angst gehabt? Vor denen bist du davongelaufen?"

Jetzt taten sie mir eher leid - oder hätten mir leid getan, wenn ich nicht um ihre furchtbaren Verbrechen gewußt hätte.

Ich konnte beim besten Willen nicht mehr jene Freude nachempfinden, die ich nach Hitlers Tod in dem eiskalten Hotelzimmer in Dillingen verspürt hatte.

Der Nürnberger Prozeß begann im November 1945. Nach Berlin war ich schon vorher - am 2. Juli - gekommen. Ich hatte mich vor diesem Wiedersehen gefürchtet.
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