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Historisches Wissen aus Heften, Zeitschriften, Magazinen

Artikel, Zitate und Infos stammen aus der Funk-Technik, der Funkschau, den RTMs, Kameramann, der FKT, den Schriften von Philips und Zeiss Ikon und Anderen. Mehr über die verfälschten historischen Informationen ab 1933 über 1945 bis weit in die 80er Jahre.

aus der FUNK-TECHNIK Nr. 23/1947 (1. Dez. Heft)
Das Editorial

Nr. 23 /1947 - 2. JAHRGANG

BERLIN - Elektro- und Radiozentrum

Es war ein tiefer Sturz, den die Elektro- und Radio-Industrie Berlins mit dem Zusammenbruch von der Höhe ihrer international angesehenen Leistung zur primitiven Notfertigung einfachster Bedarfsartikel tat, und es war ein steiler, mit Schwierigkeiten aller Art gepflasterter Weg, der von den Kochherden und Transportwägelchen jener wirren Zeit zu der Auswahl elektro- und radiotechnischer Erzeugnisse aller Art führte, mit denen sie jetzt wieder aufwarten kann.

Kleinste Gruppen von Arbeitern und Technikern machten in den demontierten Betrieben den Anfang, das noch vorhandene Material irgendwie praktisch zu verwerten, ohne einen anderen Lohn als die Genugtuung über das Gelingen zu erwarten. Keiner fragte damals, ob die Arbeit seiner auch würdig sei, aber der Motor des Pflichtgefühls lief weiter, wie er immer gelaufen war.

In alle Winde zerstreut

In alle Winde waren zunächst die rd. 250.000 Arbeitskräfte zerstreut, die 1939 in der elektrotechnischen Industrie Berlins beschäftigt waren. Bald aber kam eine gewisse Planung in die Aufräumung und den Aufbau. Maschinenteile wurden aus den Trümmern geborgen, um die demontierten Drehbänke, Bohrmaschinen usw. wenigstens einigermaßen zu ersetzen. Schon in den ersten Tagen kamen dringende Anforderungen nach fachlicher Arbeit in Gestalt elektrischer Reparaturen in den Verkehrs- und Versorgungsnetzen sowie in lebenswichtigen Betrieben für die Ernährung, über die Notfertigung hinaus war es von vornherein klar, daß das Ziel aller Arbeit wieder die Elektrotechnik in ihrer vielfältigen Verzweigung sein müsse.

Was in Jahrzehnten gewachsen war, mußte nun im „Zeitraffer-Tempo" durchgeführt werden und konnte es zu einem wesentlichen Teil dank der Erfahrungen und des unentwegten Arbeitseifers, der ein zunächst unerreichbares Ziel durchaus als erreichbar ansehen wollte.

Berlin, das war die Hälfte der Produktion Deutschlands

Fast 1,5 Milliarden Mark hatte in den Jahren vor dem Kriege die gesamte elektrotechnische Erzeugung ganz Deutschlands einschließlich der der Radioindustrie betragen, und von dieser stammte die Hälfte aus Berlin. Wie gering die Produktion zu Beginn wieder war, läßt sich nicht sagen, aber die Kurve stieg schon bald. Für das erste Vierteljahr 1947 wird trotz der Behinderung durch die Kälte eine Werterzeugung der Elektroindustrie Berlins in Höhe von 46 Millionen ausgewiesen, von denen etwa 7 Millionen auf Reparaturen und Lohnarbeiten entfallen. Da die Steigerung trotz aller Schwierigkeiten angehalten hat, wird für 1947 mit einer Produktion von rd. 300 Millionen zu rechnen sein, an der über 80.000 Beschäftigte beteiligt sind. Um einen Vergleich mit den Preisen der Vorkriegszeit zu ermöglichen, muß man diesen Wert auf etwa 200 Millionen reduzieren und ersieht daraus, daß der Erzeugungswert - auf den Kopf der Belegschaften gerechnet - auf 65% zurückgegangen ist.

Das könnte Anlaß zu pessimistischen Auffassungen über die Arbeitsleistung der Berliner Elektro-Industrie geben, besagt aber genau das Gegenteil. Der Industriezweig ist in Berlin hauptsächlich nach den Großbetrieben und den für diese typischen Erzeugnisse ausgerichtet. Die Anlaufzeit für Konstruktion und Fertigung ist in diesen länger und darf es auch sein, weil die Mengenherstellung sie mehrfach wieder einholt. Daher erklärt es sich, daß zunächst kleinere Firmen auf dem Markt hervortraten, nun dagegen die Großbetriebe im Vordringen sind. Gerade jetzt muß man den Lieferanten den Vorzug geben, die große Stückzahlen zu erzeugen in der Lage sind.

Die Anführer waren Blaupunkt, Siemens und Telefunken

Der beste Beweis dafür ist die Leistung der Rundfunkindustrie. Die Monatserzeugung Berliner Größfirmen wie Blaupunkt, Siemens und Telefunken erreicht schon wieder je 2.000 bis 4.000 Stück und übertrifft damit die Zahlen anderer Landesteile Deutschlands erheblich.

Die Universalität der Berliner Elektro- und Radio-Industrie war seit jeher ein wichtiges Aktivum und ist es auch jetzt wieder geworden. Sie bildete den Anlaß, daß die Abeitskräfte vielseitig ausgebildet und überall verwendbar wurden. Es muß schon eine sehr große Auswahl von Arbeitskräften vorhanden sein, damit aus ihnen die Spitzenkönner herauswachsen können, wie es z. B. die Werkzeugmacher für die komplizierten Werkzeuge der Massenfertigung sind.

Führend bei den Unis

Die Technische Hochschule, jetzt als Technische Universität wieder auferstanden, die Gauß-Schule für feinmechanische Technik sowie andere Lehranstalten und viele Kurse sorgen für die gründliche wissenschaftliche Ausbildung des Nachwuchses. Der Forschung dienen u. a. das Heinrich-Hertz-Institut für Schwingungsforschung, die Physikalisch-Technische Reichsanstalt, die Dahlemer Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und die vielen technisch- wissenschaftlichen Gesellschaften. Gleichgültig, ob es sich um Fragen der Hochfrequenztechnik, der Elektromedizin, der Wählertelefonie, des Großmaschinenbaus, der feinmechanischen Massenfertigung, der Meßtechnik, der Werkstoffkunde usw. handelte, in Berlin saß und sitzt mindestens einer der maßgeblichen Fachleute.

Auch auf dem Gebiet des technischen Buch- und Zeitschriftenwesens hat Berlin frühzeitig wieder eine führende Rolle erlangt. Bücher, Broschüren, Tabellen und Bauanleitungen geben dem Bastler und Techniker das wichtige geistige Rüstzeug. Auf ein einjähriges Erscheinen kann mit dieser Ausgabe nun auch die FUNK-TECHNIK zurückblicken, die als erste regelmäßig in größerer Auflage herauskommende technische Zeitschrift in allen Teilen Deutschlands den Ruf Berlins festigt, daß diese Stadt das geistige Zentrum des elektrotechnischen Fortschrittes geblieben ist und seine technische Potenz erhalten konnte.

Im Export muß wieder her

Im Export der deutschen Elektro- und Radio-Industrie, der schon zu schönen Erfolgen geführt hat, spielt Berlin wieder die führende Rolle, wenn auch die Vergleichszahlen von 1939, als Berlin allein für 125 Millionen Mark elektrotechnische Artikel ausführte, wohl vorläufig nicht wieder zu erreichen sein werden.

Keinesfalls darf man bei dieser Übersicht den Fachhandel und das Handwerk vergessen, die sich ebenfalls mit großer Energie an dem Aufbau der Elektro- und Radio-Industrie beteiligten. Besonders der Reparaturdienst wurde weitgehend ausgebaut, und der Radiokaufmann, der Rundfunkmechanikermeister und der Elektromeister scheuten keine Mühe, Rohstoffe selbst in kleinsten Mengen heranzuschaffen und zu verwerten. Dem Fachhandel und dem Handwerk ist es vor allem zu danken, daß viele Kriegsschäden in so kurzer Zeit überwunden und ausgebessert werden konnten. Mit Tatkraft und Ausdauer haben sie sich dieser schwierigen Aufgabe unterzogen.

Wir hoffen, daß Berlin seine führende Stellung als Zentrum der Elektro- und Radiowirtschaft beibehalten und weiter festigen wird.


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