Sie sind hier : Startseite →  Fachzeitschriften→  (2) Die Funk-Technik→  Funk-Technik 1947 *→  FT 1947/17 Editorial

Historisches Wissen aus Heften, Zeitschriften, Magazinen

Artikel, Zitate und Infos stammen aus der Funk-Technik, der Funkschau, den RTMs, Kameramann, der FKT, den Schriften von Philips und Zeiss Ikon und Anderen. Mehr über die verfälschten historischen Informationen ab 1933 über 1945 bis weit in die 80er Jahre.

aus der FUNK-TECHNIK Nr. 17/1947 (1. Sept. Heft)
Das Editorial

Nr. 17 / 1947 - 2. JAHRGANG

Wird Deutschlands Elektroindustrie leben ?

Während die deutsehe Schwerindustrie der Krise um die Jahrhundertwende durch die Aufrüstung der Flotte zu begegnen versuchte, nahm die deutsche Elektroindustrie einen vollkommen anderen Standpunkt ein. Emil Rathenau von der AEG vertrat den Standpunkt, seine Industrie würde nicht mit den schweren Kanonen der Kriegsschiffe, sondern mit wohlfeilen Waren die chinesischen Mauern der Länder in Grund schießen!

In friedlicher Weise ging die Elektroindustrie daran, ihre Fertigung zu rationalisieren und immer wieder neue Arbeitsgebiete aufzunehmen, um das herzustellen, das das Ausland gebrauchen könne. Wie richtig diese Auffassung war, beweist die Entwicklung dieses Industriezweigs. 1913 betrug die Produktion der deutschen Elektroindustrie rund 1,3 Milliarden Mark, während die der USA bei 1,4 Milliarden und die Englands bei 600 Millionen Mark lag.

Von diesen 1,3 Milliarden wurden für rd. 330 Millionen ausgeführt, und damit war Deutschland am Welthandel in Elektrotechnik mit fast 50% beteiligt und konnte seine im Export führende Stellung nach nur kurzer Unterbrechung durch den ersten Weltkrieg und seine Folgen bis zum Ausbruch des letzten Krieges halten. Zwar war der Anteil gesunken, aber mit rd. 25% lag er noch vor den USA und England mit rd. 22 bzw. 21%. Man ersieht daraus, daß die Elektrotechnik-Kunden besonders „treu" sind und ihren alten Lieferanten gern beibehalten, wenn er selbst mit der Zeit geht und immer up to date ist.

Siemens und AEG im Mittelpunkt

Man soll sich das als tröstendes Moment merken, wenn man die jetzige Lage des Industriezweigs betrachtet. In letzter Zeit standen die Elektrokonzerne Siemens und AEG im Mittelpunkt. Man hat den Großfirmen vorgeworfen, daß sie ihre kapitalmäßige Machtstellung dazu mißbraucht hätten, die konkurrierenden kleineren und mittleren Firmen zu unterdrücken und unter ihre Macht zu bringen.

Dazu ist zu sagen, daß man gerade in der Elektroindustrie den Vorteil des Wettbewerbs immer erkannt hat - schon Werner Siemens meinte, daß man die Konkurrenz geradezu erfinden müsse, wenn sie nicht schon da wäre - und das, was andere leisteten, wohl zu schätzen wußte.

Immerhin gab es bis zum Kriege rd. 3.000 elektrotechnische Unternehmen verschiedenen Umfangs, die sich durchaus nicht unterdrückt vorkamen, ihre Spezialentwicklungen mit Erfolg betrieben und sich auch wirtschaftlich nicht schlecht standen. Die Konzentration bei Osram war zum großen Teil darin begründet, daß die Glühlampenfabrikation einen umfangreichen und kostspieligen Maschinenpark erfordert. Aber dabei soll nicht vergessen werden, daß die Glühlampe immer billiger und besser geworden ist.

Der Vergleich mit dem Ausland

Ferner war ebenfalls wegen des erheblichen fabrikatorischen Aufwandes der Bau von Großmaschinen und Großapparaturen sowie von Kabeln in der Großindustrie spezialisiert, aber auf fast allen anderen Gebieten erwiesen sich die mittleren und kleinen Unternehmen als durchaus vollwertige Wettbewerber. Sie erschienen genau wie die Großfirmen am Weltmarkt als leistungsfähige Lieferanten und, wenn das nicht der Fall war, hatten sie als Zulieferanten wichtige Funktionen.

Immerhin kann man wohl behaupten, daß die Aufteilung der Fabrikation auf mehrere, technisch und organisatorisch miteinander verbundene Fabriken für die Elektroindustrie geradezu typisch ist, denn in allen Industrieländern gibt es solche elektrotechnischen Universalbetriebe, wie es in Deutschland AEG und Siemens, in der Schweiz Brown-Boveri, in Amerika die General Electric und Westinghouse, in England die English Electrical Cie, in Schweden die Asea sind.

Über die Sowjetunion

Über die Organisation der Elektroindustrie in der Sowjetunion liegen keine genauen Angaben vor, jedoch ist bekannt, daß z. B. die Stalin-Metallwerke in Leningrad den Großmaschinenbau intensiv pflegen und hier bedeutende Leistungen, z. B. durch den Bau von 100.000 kW Generatoren vollbracht haben. Andererseits kann die sowjetische Elektroindustrie den Bedarf des im Aufbau begriffenen Landes nicht decken, denn allein Schwedens Elektroindustrie erhielt im Rahmen des Handelsabkommens mit der Sowjetunion Aufträge über 120 Millionen Kronen.

Man muß diese Verhältnisse kennen, um die Aussichten der deutschen Elektroindustrie auf dem Weltmarkt für eine fernere Zukunft beurteilen zu können, denn das interessiert ja über die gegenwärtige Situation hinaus. Sie läßt beinahe vergessen, daß Deutschland seine Elektro-Kunden früher einmal in aller Welt hatte.

Von 1936 zu 1946

1936 war der Produktionswert der gesamten Elektroindustrie Deutschlands etwa 1,5 Milliarden Mark, von denen rd. 250 Millionen auf die Ausfuhr entfielen. Berlin war daran jeweils mit etwa 50% beteiligt. Für 1946 errechnet sich ein Produktionswert von 175 Millionen Mark, wenn man die Preise auf das Niveau von 1936 reduziert. Berlin konnte seinen Anteil daran mit etwa 45% halten, mußte dazu allerdings rd. 65.000 Arbeiter beschäftigen, die früher für etwa den vierfachen Betrag produziert hätten. Daraus geht hervor, in welchem Maße die Arbeit hochwertiger Maschinen durch wesentlich primitivere Handarbeit ersetzt werden mußte.

Über die Ausfuhr liegen noch keine zusammenfassenden Statistiken vor, jedoch sind einzelne Aufträge bekanntgeworden. So haben z. B. die Siemens-Reiniger-Werke die Lieferung von Röntgenanlagen und anderem Gerät für Krankenhäuser und Ärzte in Höhe von 6 Millionen Mark übernommen. Bemerkenswert ist dabei, daß für diesen Auftrag nur Einfuhren an ausländischen Rohstoffen für etwa 250.000 Mark erforderlich sind. Das wirft ein Schlaglicht auf den Veredlungswert des Industriezweigs, der wie kaum ein anderer dazu beitragen kann, die Grundlage einer Devisenwirtschaft zu schaffen. Vorläufig fehlt es - das gilt wohl für die Unternehmen in allen Zonen - an Maschinen, Menschen und Material, um die Chancen der Ausfuhr wahrnehmen zu können, ja nicht einmal der Aufbaubedarf des Inlands kann gedeckt werden. Die beachtlichen Anfänge in der Herstellung zeigen immerhin, daß der Kern der Unternehmen erhalten geblieben ist.

Wo sind großen Aufträge ?

Was noch fehlt, sind die großen Aufträge, die früher das ganze Gebiet so interessant machten und weitaus mehr hervortraten als die Verkäufe über den Ladentisch, wie sie jetzt die Regel sind. Dabei sind solche Aufträge nicht nur innerhalb unserer Grenzen, sondern in der ganzen Weit reichlich zu vergeben, wobei nur an die zahlreichen Kraftwerke gedacht sei, die den wachsenden Stromhunger befriedigen sollen. Deutschlands Elektroindustrie könnte hier wertvolle Hilfe leisten, wenn man sich nur entschließen könnte, sie zur Mitarbeit heranzuziehen. Es sei die Hoffnung ausgesprochen, daß die Messen in Hannover und Leipzig eine Bresche in die vorläufige Abgeschlossenheit gelegt haben. G. H. N.


- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2007 / 2017 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.