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Sept. 2010 - Vorab zur Person von Peter W. Boegels

Pieter Boegels

Pieter Boegels war als Holländer von Philips Broadcast in Breda in dieses wichtige Eureka Gremium entsandt worden, weil er als Fernsehfachmann überall mitreden konnte. Zum Präsidenten des Eureka 95 Direktorates wurde er berufen, weil er außer seiner Muttersprache fließend Englisch, Französisch und Deutsch sprach, eine außergewöhnliche Persönlickeit.

Dazu hatte er die seltene Gabe,
zwischen den Deutschen und Engländern auf der eine Seite und den sehr eigenen und nationalbewußten Franzosen immerwährend den Ausgleich zu suchen und auch zu finden. Er schaffte es, die auftretenden Probleme elegant und ohne Kollateralschäden oder Gesichtsverlust für alle Seiten gerade zu rücken und zu schlichten.

Zitat: „Je länger die Japaner stur bleiben, desto größer werden die Chancen für unseren Vorschlag." Pieter Boegels, Präsident des HDTV-Direktorats bei Eureka 95.

Übrigens war Pieter Boegels - etwa 10 Jahre vorher - maßgeblich (hinter den Kulissen) an der Zusammenarbeit von Philips und Sony bei der Entwicklung der CD beteiligt:

Pieter Boegles ist am 20. Juli 2009 leider viel zu jung und ganz plötzlich an Herzversagen in seiner Heimat Holland verstorben. Wir suchen nach wie vor Infomationen über die letzten Jahre von Peter Boegels und seine letzten Aufgaben bzw. sein Werken. Jede Hilfe ist willkommen.

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aus der Funkschau Heft 20/1988
Mit einem Kraftakt zum Erfolg

Heft 20/1988 - Pieter Boegels

Die International Broadcasting Convention IBC '88 in Brighton ist ein wesentlicher Meilenstein auf dem Weg zum europäischen Standard für das Hochzeilenfernsehen. Wenig mehr als zwei Jahre nach Stapellauf des Eureka-Projektes HDTV (Anmerkung: das war die Eureka Nr.95) wird in Brighton die komplette Kette von der HDTV-Produktionskamera bis zum HD-Mac-Empfänger ausgestellt werden. Dieser entwicklungstechnische Gewaltakt war nur durch intensive Zusammenarbeit aller an dem europäischen Projekt Beteiligten möglich. Pieter Bögels, Präsident des projektsteuernden HDTV-Direktorats bei Eureka, stand der Funkschau Rede und Antwort.

Als er 1986 mit der Planung des HDTV- Projektes Eureka 95 begann, unterdrückte Pieter Bögels persönliche Zweifel, ob die gesteckten Entwicklungsziele für ein europäisches HDTV- Konzept mit den 30 Mitgliedsorganisationen zeitlich und technisch überhaupt erreichbar wären.

Nach zwei Jahren harter Arbeit aller an diesem Projekt beteiligten europäischen Firmen und Institutionen seien die Bedenken bei ihm gewichen. In Brighton wird Europa jetzt seinen HDTV-Vorschlag präsentieren können, die komplette Bild- und Tonverarbeitungskette von der Produktionskamera bis hin zum HD-Mac-Videorecorder für den Konsumenten.

Der Zeitplan für das HDTV-Projekt Eureka 95. Das Direktorat strebt eine Verlängerung bis 1992 an.

Der heute erreichte Entwicklungsstand beim Eureka-Projekt findet in Europa, aber auch in Nordamerika mittlerweile höchstes Interesse. Auch die intensiven Anstrengungen, mit denen das Eureka-Projekt bearbeitet wird, verdrängen Zweifel an seiner Durchsetzbarkeit. Rund 130 Millionen Mark pro Jahr läßt sich Europa derzeit die Entwicklung und Realisierung der europäischen Variante für das Hochzeilenfernsehen kosten.

In der Zeit vom Start des Eureka-Projektes Mitte 1986 und seinem anvisierten Ende zur Jahresmitte 1990 werden rund 550 Millionen Mark dafür ausgegeben worden sein. Die Japaner sollen in ihre HDTV-Entwicklung seit 1970 rund 750 Millionen ECU (Europäische Verrechnungseinheiten; 1 ECU = 2,08 Mark), also mehr als 1,5 Milliarden Mark gesteckt haben.

Heute stehen sie vor dem Problem, ihren isolierten HDTV-Vorschlag neu überdenken zu müssen, wenn sie auf ihrem „Home Market" Nordamerika Interessenten dafür finden wollen.

Fernsehanstalten sind die Bremser

HD-Mac-Signale können auch mit Mac-Empfängern wiedergegeben werden.

Die heftigsten Zweifler am Eureka-Projekt HD-Mac sind unter den bundesdeutschen Fernsehanstalten auszumachen. Noch im März diesen Jahres schössen ARD und ZDF gegen das europäische Projekt mit einer scheinbar gemeinsam abgestimmten und verfaßten Denkschrift, deren Inhalt in der Tat zu denken geben sollte. Aber auch dieser Widerstand weicht auf; das von beiden öffentlich-rechtlichen Systemen betriebene Institut für Rundfunktechnik (IRT) in München soll sich um eine Teilnahme am Eureka-Projekt bewerben. Diese Information wollte Bögels auf Befragen weder bestätigen noch dementieren. Seine Zurückhaltung läßt vermuten, daß er das Einschwenken von ARD und ZDF nicht zusätzlich belasten will.

Ein weiteres Zeichen für die Kooperationsbereitschaft einiger Broadcaster setzte der Technische Direktor des Norddeutschen Rundfunks, Gerhard Lahann. Er ließ sich von den an Eureka beteiligten Firmen HD-Mac-Equipment reservieren, um rechtzeitig zur Internationalen Funkausstellung 1989 Demonstrationsprogramme produzieren zu können.

Die Unterhaltungs- Elektronikindustrie

Zweifler sitzen aber auch mitten in der deutschen Unterhaltungs- Elektronikindustrie. Nicht gänzlich ohne Grund behaupten Fachleute, daß die neue Übertragungsnorm für Direktempfangssatelliten, D2-Mac, wohl überflüssig sei. Zur Stützung ihrer Feststellung zeigen sie demonstrativ akzeptablen Empfang von TV-Programmen, die von Fernmeldesatelliten ausgestrahlt und mittels einer flüchtig eingestellten 60-cm-Parabolantenne empfangen werden.

Mit dieser technisch glaubwürdigen Demonstration kollidieren die Techniker aber zunehmend in den oberen Firmenetagen mit Strategen, die über den Tellerrand hinaussehen und D2rMac nur als sinnvolle Zwischenstufe zur Kompatibilitätssicherung und Einführung des europäischen Hochzeilen-Standards einstufen. Auch für diese Kritiker hat man bei Eureka eine passende Antwort parat: „Wir gehen von einer kurzfristigen Einführung von Mac aus - mit TDF1, TV-Sat2 und anderen Satelliten. Selbst wenn die Mac-Einführung auf der Sendeseite in Europa Probleme bereiten sollte, so bleibt HD-Mac davon weitgehend unbehelligt", versichert der oberste Eure-ka-HDTV-Direktor. „Wenn die HD-Mac-Ausstrahlung beginnt, werden die Konsumenten jedenfalls Mac-Geräte kaufen und schon damit das Programm verfolgen können."

Die Bewährungsproben

Bis es soweit ist, hat Euro-HDTV noch einige wichtige Bewährungsproben abzuhaken. Eine ist die IBC (International Broadcasting Convention), die gerade im englischen Seebad Brighton abgehalten wird. Auf Sand gebaut, direkt am Strand, steht der Eureka-Pavillion, in dem alle Basiskomponenten der Informationskette für HD-Mac gezeigt werden sollen.

Im wesentlichen sind das folgende Komponenten und Themenschwerpunkte .

Produktionsbereich:
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  • Produktionskamera 1250 Zeilen/50 Hertz/1 : 1;
  • Diagonal- oder Quincunx-Filterung, mit der das 2,3-GBit/s-Signal der
  • Produktionskamera auf 1,2 GBit/s gebracht wird;
  • Studiokameras 1250 Zeilen/50Hertz/2 : 1;
  • Digital-Videorecorder für 1250 Zeilen/50 Hertz/1 : 1 bei 1,2 GBit/s, nachgebildet mit vier Digitalrecordern heutiger Bauart (4:2:2);
  • Analog-Videorecorder für das Studiosignal mit 1250 Zeilen/50 Hertz/ 2:1;
  • Filmabtaster mit 1250 Zeilen/50 Hertz/2 : 1;
  • Diaabtaster mit 1250 Zeilen/50 Hertz/2 : 1;
  • Studiomischer mit 1250 Zeilen/50 Hertz/2 : 1;
  • HD-Mac-Encoder.

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Übertragung:
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  • eine Glasfaser-Übertragungstrecke mit Satelliten-Simulator für Uplink und Downlink.

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Wiedergabe und Aufnahme:
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  • Projektionsgeräte für 1250 Zeilen/ 50 Hertz/2 : 1;
  • Direktsichtgeräte (HD-Mac);
  • Heim-Videorecorder (HD-Mac);
  • Laser-Bildplattenspieler (HD-Mac);
  • Algorithmus zur Bandbreitenreduzierung für das HD-Mac-Signal;
  • Kompatibilität zwischen (D2-, D-)-Mac und HD-Mac.

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Lücken in der Studiotechnik sind noch zu schließen

Der BTS Gigabit Recorder kam dann 1991 von Dr. Ing. Rolf Hedke

Ein Digital-Recorder für einen Datenstrom von 2,3 GBit/s wird weder zur IBC noch in absehbarer Zeit realisierbar sein: „Die Entwicklung solcher Recorder ist mühsames Treppensteigen", weiß Stephan Peitzmann, Chef der Bosch - (und seit 1985) Philips-Tochter BTS (Broadcasting Television Systems GmbH), „augenblicklich haben wir Recorder für 250 MBit/s im Lieferprogramm, und wir stecken eine Menge Arbeit in die Entwicklung eines Recorders für 1,2 GBit/s; aber 2,3 GBit/s für den Produktionsstandard ist mit heutigen Technologien nicht zu schaffen."

Auch die Kamera für den Produktionsstandard, die Thomson in Brighton 1988 vorstellen will, ist für Peitzmann bisher nicht mehr als ein Forschungsprojekt. „Mit heutigen Bildaufnahmeröhren ist die dafür erforderliche Videobandbreite von über 30 MHz wahrscheinlich nicht zu schaffen." Andererseits läßt er aber keinen Zweifel daran aufkommen, daß bis zur geplanten Aufnahme des HD-Mac-Sendebetriebs im Jahr 1992 ebenso Digitalrecorder für 1,2-MBit/s-Videosignale wie auch entsprechende Produktionskameras verfügbar sein werden.

Trotz der heute noch sichtbaren technologischen Lücken verspricht die Eureka-Präsentation große Aufmerksamkeit bei der weltweiten TV-Prominenz aus Industrie, Fernmeldegesellschaften, Regierungen oder auch bei den Broadcastern zu finden. Erstmalig können die Entwickler in Hardware zeigen, was sie sich unter Eureka-HDTV vorstellen. Auch wenn noch nicht alle Gerätetechniken so weit entwickelt sind, daß sie funktionieren, so können an den Stellen Computer eine vergleichbare Simulation übernehmen.

Der japanische Vorschlag in zunehmender Isolation

Ein direktes Kräftemessen zwischen dem europäischen und dem japanischen Vorschlag für HDTV wird wohl auch anläßlich der IBC in Brighton ausbleiben. Boegels hofft, „daß die Japaner noch lange Zeit stur bleiben, dann wachsen die Chancen für den von uns vorgeschlagenen Weltstandard". Zu hart erscheint die Position der Nordamerikaner zugunsten eines NTSC-kompatiblen Systems als daß die Japaner mit ihrem inkompatiblen Vorschlag Anklang finden könnten; noch ablehnender ist die Position der Europäer, wenn man die Position einiger Rundfunkanstalten ausnimmt. Die Eureka-Vertreter aus der Industrie geben sich ob ihres internationalen Erfolges zuversichtlich: „Philips und Thomson haben für Nordamerika HDTV-Vorschläge mit 1050 Zeilen/59,94 Hertz gemacht, und wir haben den europäischen HDTV-Vorschlag mit 1250 Zeilen/50 Hertz gemacht." klopft sich Boegels auf die Brust. „Das könnten zwar die Japaner auch, aber sie sind gezwungen, 1125 Zeilen/60 Hertz beizubehalten, weil es die staatliche japanische Rundfunkgesellschaft NHK aus politischen Gründen so will." Chancen für Mac und HD-Mac sieht Boegels auch in 50-Hertz-Ländern außerhalb Europas, auch wenn diese heute für einen Wechsel noch nicht so weit seien.

Selbstsicher stellt sich der Eureka-HDTV-Chef auch der versuchten Aufweichung einiger Rundfunkanstalten zur Eureka-Position 50 Hertz. Sie schlagen nämlich vor, programmabhängig und wechselweise Mac-Programme mit 50 oder 60 Hertz auszustrahlen. Zwar sei es einfach, so Boegels, TV-Geräte für den Empfang von Signalen mit unterschiedlichen Bildwechselfrequenzen auszurüsten. Aber spätestens bei der Aufzeichnung auf Videorecordern oder bei Wiedergabe mit Bildplattenspielern würden die Mehrkosten für die Verarbeitung unterschiedlicher Bildwechselfrequenzen den Konsumenten schnell abschrecken. Und sollten die Broadcaster bei ihrem Vorschlag weniger an die Bedürfnisse der Konsumenten als an ihre Interessen als Programm-Verkäufer und -Einkäufer gedacht haben, so stehen die Konsumenteninteressen bei der Geräteindustrie im Vordergrund.


Anmerkung: Das Interview wurde imHerbst 1988 geführt.


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