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Edy Dengel und seine frühen Filme ab 1918

Sie sind hier auf den Seiten eines ganz frühen Filmpioniers, der bereits 1918 mit 17 Jahren einen ersten 35mm Kinokrimi produziert hatte. Es war in dem kleinen selbständigen Städtchen Biebrich am Rhein - später ein Vorort südlich von Wiesbaden.
Diese Aufarbeitung des deutschlandweit einmaligen Engagements eines 17jährigen ist mit einer Menge originaler Unterlagen aufgearbeitet und hier nach Jahreszahlen aufzufinden.
Am besten beginnen Sie auf der einführenden Seite hier.

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Der Pionier des Wiesbadener Films ist gestorben

Edy Dengel war 86 Jahre alt geworden und in den letzten Jahren kamen divese Rückblicke mit den unterschiedlichsten Informationen über sein Werken ans Licht der Öffentlichkeit. Wie bei vielen anderen befragten Zeitzeugen ist die verklärte Wahrheit der Erinnerung ein schillerndes Spiegelbild einer langen Zeit und in jedem Artikel bzw. Nachruf steht es etwas "abgewandelt", was damals alles so passiert "sei".

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Monate vorher in der Wochenpost - Taunusstein 30. Juli 1987

Diese Wochenpost- Taunusstein-Wehen war ein kleines lokales Anzeigenblättchen ähnlich dem Biebricher oder Erbeheimer Anzeiger, nur halt auf der anderen Seite des Taunus.
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Erinnerung an Biebrich

Daß Wiesbaden in der Nachkriegszeit als Filmstadt galt, wird zur Zeit in den Wiesbadener Reisingeranlagen dokumentiert. Neben klassischen, alten schwarz-weiß-Spielfilmen werden an vier Freitagen vom 24.7. bis 14.8.1987 auch alte Wiesbadener Produktionen im Vorprogramm gezeigt. Eine Biebricher Filmproduktion, die noch heute existiert, spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle.

Bereits im letzten Jahr 1986, als die „Wiesbadener Filmnächte" zum ersten Mal stattfanden; mehr als 10.000 Zuschauer hatte diese erste Freilicht-Kino- Veranstaltung zu verzeichnen; erregten die historischen Filme des Produzenten Edy Dengel Aufsehen. Dengel ist mit der Biebricher Zeitung von Anfang an eng verbunden.

In der dritten Filmnacht am 7. August 1987, ab 22 Uhr werden wieder zwei eigens dafür überarbeitete Filme der Dengels (Anmerkung : der Familie Dengel) gezeigt. Ein Dokumentarfilm über den zugefrorenen Rhein, aus dem Jahr 1929, mit dem Titel „Der Rhein in Eisfesseln". Ein Naturschauspiel, zu dem tausende Schaulustiger geeilt waren und daß sich durch die vielen Menschen zum Volksfest mit Würstchenbuden entwickelt hatte.

Edy Dengel verkaufte Ausschnitte dieses Filmes an die Wochenschau, die die Szenerie in ganz Deutschland in den Kinos präsentierte. Der zweite Filmbeitrag ist ein spannender Stummfilm-Krimi mit Edy Dengel als Detektiv in der Hauptrolle. Besonders die Biebricher Bürger werden da einige Überraschungen erleben, wenn sie erkennen, daß die Bovery-Street sich als Bachgasse entpuppt und der Rhein laut damaligem Drehbuch zum Hudson River „umfunktioniert" worden war.

Bildunterschrift
Drei Generationen Dengel-Filmproduktion waren bei der Wiederaufführung ihrer Produktionen bei den Wiesbadener Filmnächten im letzten Jahr 1986 persönlich anwesend, (von links: Fred Dengel, Fredy Dengel und Edy Dengel). Sie trafen an diesem Abend mit einem berühmten Wahlwiesbadener zusammen. Eddy Constantins Film „Lemmy Caution" wurde am selben Abend im Open-Air-Kino gezeigt. Begrüßt wurden sie von einem der Organisatoren der Filmnächte U. Schriefer und der Wiesbadener Kuturdezernentin Goldmann.

WIESBADENER KURIER - DONNERSTAG, 6. AUGUST 1987 - Wiesbadener Filmnächte - Action aus der Stummfilmzeit - Rekonstruierter Dengel-Krimi

Im Vorprogramm der Wiesbadener Filmnächte 1987 darf das Publikum am Freitagabend einen besonderen Leckerbissen erwarten. Im Open-Air-Kino in den Herbert-Anlagen wird ein Krimi gezeigt, der 1919 in Biebrich entstanden ist. Es ist der erste in Wiesbaden produzierte "Spielfilm" überhaupt. Edwin Georg Dengel hatte ihn ersonnen. Auch die Hauptrolle hatte er gespielt, den todesmutigen Detektiv Fred Repp, der in Amerika am Hudson-River einen schurkischen Mädchenhändler zur Strecke bringt. Nur die Regie wagte sich Dengel damals noch nicht zu führen, was in dem Alter, das er vorweisen konnte, leicht verständlich war. Er war gerade 18 Jahre alt ...

H. Schleicher, U. Schriefer und M. Schmitz haben sich in den vergangenen Monaten um die Rekonstruktion des Stummfilms bemüht. Von der Taunus-Film und dem Trickstudio Mettmann unterstützt, die beide nur die Selbstkosten der auszuführenden Arbeiten berechneten, und mit dem Entgegenkommen des Bundesfilmarchivs in Koblenz ausgestattet, können sie nun eine Kopie vorweisen, die dem vor fast 70 Jahren entstandenen Original durchaus entspricht - sieht man einmal von der Colorierung ab, die bei Produktionen der Stummfilmzeit allgemein üblich war.

Die „Axa-Film", wie Dengel seine Firma genannt hatte, sorgt so noch einmal für eine Wiesbadener „Sensation". Ulrich Rügner, Musikwissenschaftler und Experte für die musikalische Ausgestaltung von Stummfilmen, wird auf der ElektroOrgel die Handlung begleiten.
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Anmerkung : Laut der Unterlagen der Filmfirma von Fred Dengel jun. hat die Dengel Film GmbH diese Film-Fragmente in ihren Schnittstudios zusammengestellt. Offensichtlich sind die alten Nitrofilme vom Bundesfilmarchiv in Koblenz zum Kopieren zur Verfügung gestellt worden, weil seit Ende der 1960er Jahre das Lagern und Aufbewahren von Nitrofilmen aus Sicherheitsgründen (extrem explosiv) verboten war.
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1919 wurde „Schloß Devils Hood" gedreht

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  • Anmerkung : Laut der Dokumente der Originalunterlagen wurde bereits 1918 gedreht, der Film konnte aber nicht aufgeführt werden, weil die AXA Film noch nicht gegründet war. Edy Dengel war erst 18 und nicht volljährig.

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Viel wurde über das „Schloß des Schreckens", wie Dengel seinen Erstling genannt hatte, bereits geschrieben. Man weiß, daß die Biebricher Bachgasse zur Bowery-Street geworden war und die Villa Germania in der Weinbergstraße zum „Schloß Devils Hood", wo sich die entsetzlichen Dinge ereigneten. Die Villa gab allerdings nur den Hintergrund für die Außenaufnahmen ab.
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Dengel drehte vor der Villa, ohne die Eigentümer(in) davon zu unterrichten. Diese waren (verständlicherweise) deshalb auch keineswegs erfreut, als sie nach der Uraufführung erfuhren, in welche Gruselstätte der Biebricher Filmemacher das Gebäude (virtuell) verwandelt hatte.
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  • Anmerkung : Hier steht es ganz deutlich, es wurde immer "vor" der Villa - aber nie "in" der Villa - gedreht.

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Als Produzent entwickelte Dengel damals überhaupt eine wahre Meisterschaft der Verwandlungskunst. Aus dem Rhein vor der Haustüre wurde der Hudson-River und aus dem Wiesbadener Museum das New Yorker Polizeipräsidium. In der Biebricher Allee fand eine Verfolgungsjagd zwischen einer Luxuslimousine und einem Fahrrad statt, und auf den Bahngleisen vor unserer Stadt geschah ein grauenhafter Mord. Auch der Eisenbahnübergang an der Hammermühle wurde Ort dramatischer Ereignisse und das Motorboot der Badeanstalt Ezelius wurde Schauplatz der abschließenden Sequenz. Dengel nutzte, was immer zu nutzen war, für das selbstersonnene Geschehen ...

Die filmische Qualität des „Erstlings", so scheint es heute, konnte sich durchaus mit anderen Detektiv-Filmen der Stummfilmzeit messen. Spannung wird gekonnt aufgebaut. Und genüßlich kostet es die Kamera aus, wie die Gehilfin des Meisterdetektivs in eine hoffnungslose Situation gerät.

Verpackt in eine Kiste, wird sie auf dem Dach eines Automobils in eine dunkle Zukunft transportiert. Auch die Kletterpartien, die Repp über die Dächer der Vorstadt unternimmt, verraten frühes Gespür für das Action-Kino. In der Weihergasse 15 baute Dengel Jahre später ein richtiges Filmatelier, ein „Glashaus", wie man die Aufnahmehalle damals nannte. Und ein eigenes Kopierwerk leistete er sich.
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Edwin Georg Dengel war schon nicht mehr dabei

Mit der Rekonstruktion und der Aufführung des Films schafft sich die Projektgruppe Wiesbadener Filmnächte ein respektables Verdienst. Gebrauchen kann sie das sicherlich. Schade allerdings, daß Edwin Georg Dengel, dem es augenblicklich gesundheitlich recht schlecht geht, die Aufführung auf der Freilichtleinwand wahrscheinlich nicht miterleben kann. Dort wird am Freitagabend übrigens auch seine 1929 entstandene Dokumentation „Der Rhein in Eisfesseln" wieder zu sehen sein.
HG

Bild1
Feuergefecht am Eisenbahnübergang an der Hammermühle - Szene aus dem Dengel-Film „Schloß des Schreckens", der in der rekonstruierten Fassung am Freitag in den Herbertanlagen aufgeführt wird.
Bild2
Edwin Georg Dengel, aufgenommen bei den Wiesbadener Filmnächten 1986
Fred Repp (E. G. Dengel) und seine Gehilfen in dem Erstling „Schloß des Schreckens".

Edwin Georg (Edy) Dengel †
4. Februar 1901 - 28. September 1987

In liebem Gedenken trauern um ihn :

Emilie Dengel geb. Maxeiner
Fred Dengel und Frau Rosl
Rolf Georg Dengel und Frau Ingrid
Günter Dengel und Frau Uschi
Dieter Achtel und Frau Karin geb. Dengel
Horst Monath und Frau Ingrid geb. Dengel
Enkel, Urenkel und alle Angehörigen
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6238 Hofheim 5 (Wildsachsen), An der Kleewiese 4 - Die Trauerfeier findet am Montag, dem 5. Oktober 1987, um 11.15 Uhr, auf dem Südfriedhof, Wiesbaden, statt.

Presseinformation/Programmvorschau SEPTEMBER 1987
Ein Filmpionier aus Wiesbaden

(Samstag, HR III, 21.45 Uhr)
Unter dem Titel „Der Rhein als Hudson - die Bachgass' als Bowerey" hat Harald Schleicher ein Porträt des Wiesbadener Filmpioniers Edy Dengel geschaffen. Schließlich kann neben Berlin, Hamburg und München auch Wiesbaden auf eine Tradition als Filmstadt hinweisen. Die ersten Kapitel dieser Geschichte sind fest mit einem Namen verbunden: Edy Dengel.

Die Werke des Wiesbadener Filmpioniers galten lange Zeit als verschollen; erst vor einem Jahr sind einige Filmbüchsen wieder aufgetaucht, darunter sein 1919/20 entstandenes Hauptwerk „Das Schloß des Schreckens". Seine Wiederentdeckung stellt eine kleine Sensation dar, erlaubt er doch einen Einblick in das Alltagskino jener Zeit und die Herkunft des Films von Jahrmarkt und Zirkus.

Edy Dengel besaß bereits mit 17 Jahren sein erstes eigenes Kino, das „Metropol" in Wiesbaden. Er drehte bis in die 1950er Jahre hinein hier Filme.

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DRITTES PROGRAMM von HR3 - Anfang SEPTEMBER 1987

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16.00 Gespräch und Unterhaltung
16.30 Computerclub
17.00 Herrchen gesucht - Herrenlose Tiere suchen ein Zuhause
17.30 Expeditionen zum Merresgrund - Oase der Tiefsee
18.15 Der Sternenhimmel im Oktober
18.30 Programmtips
18.33 Neuer Mut zum Kirche
19.00 Sport-Journal
19.30 Hessenschau
19.57 Drei aktuell
20.00 Ingmar-Bergman-Retrospektive (9) Schande (sw) Spielfilm, Schweden 1968
21.40 Drei aktuell Telegramm
21.45 Menschen in Hessen - Der Rhein als Hudson - die Bachgass' als Bowery
22.30 2. Schleswig-Holstein Musikfestival 1987: Abschlußkonzert
ca. 24.00 Uhr Sendeschluß
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WIESBADENER TAGBLATT - 28. September 1987
Edy Dengel gestorben †

Der Altmeister des Wiesbadener Filmgewerbes ist tot. Im Alter von 86 Jahren starb Georg Dengel, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Edy Dengel, in seiner Heimatstadt. Seine künstlerischen Ambitionen hatte der Sohn eines wohlhabenden Kohlehändlers in der Biebricher Gibb schon früh ausgebildet.

Als Kind scharte er Kinder der Nachbarschaft für Zirkusvorstellungen um sich und experimentierte wenig später mit dem noch jungen Medium Film. Mit einer mit Petroleum gespeisten Laterna magica zeigte er ein „Theater der lebenden Bilder". Nach dem Ersten Weltkrieg eröffneten die Eltern im Saal des Gasthofs „Zum Goldenen Roß" in der Bleichwiesenstraße das erste Kinematographentheater Wiesbadens, die damaligen Monopol-Lichtspiele, wo der junge Georg Dengel erste Erfahrungen mit der Projektionstechnik sammelte.

Als 18-jähriger gründete er seine „Axa-Film-Company", mit der er auf dem Gelände der heutigen Grundstücke Weihergasse 15 und Gaugasse 17 in Glasateliers die Serie seiner Fred-Repp-Kriminalfilme drehte.

Zudem produzierte er die „Axa-Wochenschau". 1933 erhielt Dengel Berufsverbot, konnte aber nach 1945 die alte Tätigkeit wieder aufnehmen. Sein Sohn und sein Enkel führen heute die Ateliers in der Biebricher Henkellstraße, in denen Kurz-, Werbe- und Industriefilme hergestellt werden, weiter.

Besondere Aufmerksamkeit erregten die frühen Stummfilme Edy Dengels, deren Schauplätze am New Yorker Hudson-River an der Biebricher Rheinfront nachgestellt wurden, während der „Wiesbadener Filmnächte", für die das fast siebzig Jahre alte Material restauriert werden konnte.
red
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Edwin Georg Dengel gestorben †

Wiesbadens Filmpionier - Zum Tode des Produzenten

Am vergangenen Wochenende war im Dritten Programm des Hessischen Rundfunks noch ein Porträt des Wiesbadener Filmpioniers Edy Dengel zu sehen, das Harald Schleicher im vergangenen Jahr erstellt hatte. Nun erreicht uns die Nachricht, daß der Produzent, Regisseur und Darsteller im Alter von 86 Jahren gestorben ist. Bereits seit Monaten war sein gesundheitlicher Zustand sehr bedenklich geworden. Zur Aufführung seines rekonstruierten Kriminalfilms „Schloß des Schreckens" bei den diesjährigen Wiesbadener Filmnächten in der Herbertanlage konnte er schon nicht mehr anwesend sein.

Das Medium Film hatte Edwin Georg Dengel, der am 4. Februar 1901 in der Biebricher Weihergasse 15 zur Weit gekommen war, ab seinem 15. Lebensjahr in Bann gezogen. Mit einem alten Edison-Projektor führte er damals in seinem Zimmer die ersten Filme vor. Am 31. Dezember 1918, kurz vor seinem 18. Geburtstag stieg dann der tatenlustige Gibber Bub als Produzent ins Filmgeschäft ein. Er gründete die Axa-Film-Gesellschaft m.b.H. Und erfand die Figur des Detektivs Fred Repp, der als James Bond der Stummfilmzeit in zahlreichen Dengel-Krimis das Publikum in Atem hielt.

„Der Mann mit der Todesmaske", „Mottstreet 68", „Das Nest der gelben Spinne", „Bob Chelton der Ansiedler", „Der Mann mit der Narbe", „Im New Yorker Scheunenviertel" und das bei den diesjährigen Filmnächten gezeigete „Schloß des Schreckens" zählten zu den herausragenden Erfolgen. Seine Filme, die mit bescheidenen Mitteln hergestellt wurden, brachten bald so viel ein, daß er das erste Wiesbadener Filmatelier errichten konnte, ein „Glashaus", wie man damals die Produktionsstätten nannte. Auch ein Kopierwerk wurde angeschlossen. Ein Reißer nach dem anderen entstand. Aber auch Lustspiele wurden produziert. Dokumentar- und Kulturfilme gehörten ebenfalls zum Axa-Programm. Bis der Tonfilm kam, der eine kompliziertere, kostspieligere Ausstattung erforderte. Ab 1934 wurde es in der Weihergasse stiller.

Was nicht heißen soll, daß Dengel sich nun aus dem Filmgeschäft zurückzog. Er blieb der Kamera treu. In seinem Studio gingen die Scheinwerfer nicht aus. Kurzproduktionen entstanden, Dokumentationen, Werbefilme. Als der Bildschirm in den Wohnzimmern seinen Platz fand, kamen auch Fernsehproduktionen dazu.

Dengel war jedoch nicht nur Filmemacher. Auch als Kinobesitzer bleibt er in Erinnerung. Hier trat er in die Fußstapfen seines Vaters, der 1914 in der Rheinstraße 41 das erste Wiesbadener Filmtheater, das „Kaiser-Kino" eröffnet hatte. Jahre später führte er in Biebrich das „Monopol-Theater".

Edwin Georg Dengel gründete die „Kurlichtspiele" in Bad Schwalbach und in Rambach das „Central-Theater". In seinem letzten Lebensjahrzehnt hatte er sich allmählich zurückgezogen und die Filmarbeit seinem Sohn Fred überlassen. Aber in Erinnerungen schwelgte er gerne und manchem, der es hören wollte, erzählte er von den Tagen, in denen er die Gibber Bachgasse in die New Yorker Bowery-Street verwandelt hatte ...
HG

Zum Tod von Edy Dengel †
Bob Chelton alias Edy Dengel alias Fred Repps

2. Oktober 1987 - Hofheimer Zeitung - Hofheim-Wildsachsen.

Edy Dengel, einer der letzten Stummfilmstars Deutschlands, damals auch bekannt unter dem Künstler-Namen Bob Chelton, der Draufgänger, Cowboy und Sherriff, ist tot. 86 Jahre wurde er am 4. Februar dieses Jahres (1987). Am letzten Montag (2.Okt.) ist er gestorben.

Seit 13 Jahren lebte er in Hofheim-Wildsachsen, in seinem hübschen Haus an der Kleewiese. Edy Dengel hatte mehrere Leidenschaften. So sammelte er altes Werkzeug in seiner prächtig ausgestatteten Werkstatt. Selbst die Schubladen für Schrauben und Nägel wurden von ihm selber gebaut. Schöne, alte Drehbänke und sonstige nostalgische Maschinen waren sein Eigentum.

Bis zuletzt noch begeisterte er sich für Film, Theater und Fußball. Seine größte Leidenschaft war seit frühester Jugend der Zirkus. Mit ihm und dem Stummfilm ist Edy Dengel groß geworden. Über alles liebte er seine Zigarren. Eine spezielle Sorte, die es seiner Meinung nach nur an einer Stelle in Wildsachsen zu kaufen gibt. Edy Dengel hatte so seinen eigenen »Dickkopf«, und schon immer hatte er es verstanden, diesen auch durchzusetzen. Ohne dieses Durchsetzen seiner oft grandiosen Ideen hätte der Künstler nicht so bezaubernde Stummfilme drehen können.

Doch nun einige Stationen aus seinem reichen Künstlerleben, die großen Eindruck auf die Mitglieder des Künstlertreffs Wildsachsen hinterließen, in dem er seit seiner Gründung Ehrenmitglied war.

Im letzten Jahr

Die wenigen Besucher, die Edwin Dengel nur noch empfangen konnte, führte der Stummfilmer in sein Büro, das ausgestattet ist mit alten Karteien, Schreibmaschinen aus der Erfinderzeit, Utensilien für Filmtricks. Da liegen noch die Handschellen des Bob Chelton, und die Filmplakate aus den 20iger Jahren schmücken die Wände.

»Hier Dengel, nicht Bengel«, so meldete er sich vor seiner Erkrankung am Telefon.

Aus seinem Leben als Darsteller, Regisseur, Stuntman, Kinobesitzer und Filmverleiher wußte er dem Künstlertreff viel zu erzählen.

Als »Zirkusdirektor« begann der Wiesbadener Junge im Alter von nur 10 Jahren seine Laufbahn und somit große Karriere. Nachbarjungen hatte er als Gaukler und Artisten engagiert und zog mit ihnen einen kleinen Zirkus auf. Er selber betätigte sich als Kletterer und stieg sogar auf die Kirchturmspitze eines Biebricher Gotteshauses. Im Zirkus spielte er außerdem den »Dummen August«.

Auf Wiesbadens Kurpromenade wurden Gäste gegen einen kleinen Obulus unterhalten. Auch die Promenade am Rhein in Biebrich diente den Einnahmen. Dieses Zeit ging abrupt zu Ende, als die Polizei eines guten Tages versuchte (Anmerkung : ankündigte !!), die Steuern einzutreiben, die bei dem gut florierenden Geschäft fällig geworden waren.

Edwin Georg Dengels Lebensphilosophie

»Wenn andere für die Schule lernten, so lernte ich für's Leben«, so Edy, der Stummfilmstar. Schon mit 18 Jahren gründete er seine eigene Filmfirma, die Axa Filmgesellschaft. Zunächst drehte er nur Detektivgeschichten. Hauptdarsteller war Dengel selber, Detektiv Fred Repps.

Die Drehbücher schrieb das Allroundtalent selber. »Das Haus des Schreckens«, hieß sein erster Film, der in einer Villa in Wiesbaden gedreht wurde. Wohlweislich hatte Edy Dengel der Besitzerin des kleinen Schlößchens den Titel des Films bis zur Uraufführung verschwiegen. Darüber war sie noch längere Zeit ein wenig verärgert. Wie konnte man ihr hübsches Haus als Haus des Schreckens bezeichnen?

Damals befanden sich die Axa-Filmstudios in Wiesbaden-Bieberich gegenüber der Kohlenhandlung seines Vaters. Der Ruhm des Jungfilmers Dengel eilte schnell bis nach Berlin. Er bekam ein Angebot der Imperator-Film-Gesellschaft und drehte nun Filme in der Reichshauptstadt. »Hier war das Filmen viel zu teuer, außerdem hing ich an meiner Mutter«, so Edy Dengel. »Während in Berlin ein Drehtag 5000 Reichsmark kostete, konnte ich ein komplettes Werk in Wiesbaden für den gleichen Preis herstellen.«

Immer besser ins Geschäft kam seine Axa-Filmgesellschaft. Rückschläge gab es auch zu verzeichnen. So konnte sein Film »Der Mann mit der Todesmaske« nicht aufgeführt werden, weil er für damalige Verhältnisse zu reißerisch gedreht war.

Immer weiter ging es aufwärts.

Edy Dengel kaufte 12 oder 13 Lichtspielhäuser im Rhein-Main-Gebiet und drehte weitere Filme im Auftrag der anderen Kinobesitzer. Der Filmgesellschaft und den Lichtspielhäusern folgte bald ein eigener Filmverleih. Doch bei all den Geschäften vergaß er nie das Filmen an sich. Neben Western und Detektivgeschichten verfaßte er auch Lustspiele, wozu er viele Gags selber entwickelte. Da konnte die ganze breite Palette seines auch komischen Talents voll zur Geltung gebracht werden. Damals war Edy Dengel mit Kitty Corvin verheiratet, einem Stummfilmstar, die oft Hauptdarstellerin seiner Filme war.

In der Rolle des Westernhelden »Bob Chelton« gelang Edy Dengel der große Durchbruch. Das war 1925. Ende der zwanziger Jahre kam der Tonfilm auf, und viele Schauspieler und Akteure, die mit dem Stummfilm groß geworden waren, konnten sich mit der neuen Art des Films nicht so recht anfreunden. So ging es auch Edy Dengel, der sich etwas ganz Neues einfallen ließ.

»Ich fing an, die ersten Rennen auf dem Nürburgring zu filmen und zeigte sie in meinen Kinos. Der Besucherstrom in den Lichtspielhäusern nahm immer stärkeres Ausmaß an. Andere Kinos kauften meine Filme zum Zeitgeschehen«, (daw waren Nachrichten) berichtet der Künstler auch heute noch nicht ohne Stolz. In keiner Weise sei der heutige Film mit dem damaligen zu vergleichen, meinte der Künstler. Das zeigt die Tatsache, daß ein Mann wie Dengel, Regisseur, Schauspieler, Autor, Kinobesitzer und Stuntman in einer Person war. »Damals war ich fähig, von einer fahrenden Straßenbahn aus auf einen Bus und dann auf ein Auto zu springen.«

Für seine Zeitgenossen bedeuteten die laufenden Bilder eine Sensation, und besonders begeistert reagierten sie, wenn sie sich selber auf der Leinwand entdeckten. Das war eine große Attraktion für jedes Kino, so auch für das Hofheimer Lichtspielhaus, das 1928 einem gewissen Herrn Herr gehörte. (Vorname ist mir unbekannt). »Im Jahre 1928 habe ich das Feuerwehrfest in Hofheim abgelichtet und 1.50 Reichsmark pro laufenden Meter Film erhalten. Auch die 650-Jahr-Feier von Idstein hielt Edy Dengel mit der Kamera fest. Die Leute lachten sich halb tot, wenn sie sich selber sehen konnten.«

Edy Dengels Filmkunst zog immer weitere Kreise.

Besonders Hindenburg gefielen die Kunstwerke, und er ließ sein Leben von Edwin Dengel verfilmen. Ein Stück Zeitgeschichte. Später interessierte sich Adolf Hitler für seine Werke, und noch später beklagte der Stummfilmstar: »In der Hitlerzeit ging alles so hektisch zu, denn der Führer weilte jedes Wochenende in einer anderen Stadt. Alle habe ich aufgenommen, und meine Filmsammlung hat heute sicherlich einen geschichtlichen Wert. Noch während der Nazizeit bekam ich keine Aufträge mehr, denn ich war nicht bereit, in die Partei einzutreten.« Damit war Edy Dengel heraus aus dem Geschäft.

Auch nach dem Krieg hatte Edy Dengel keine Gelegenheit mehr, eigene Filme zu drehen. Zur Zeit des großen Fernsehbooms mußte er seine Lichtspielhäuser verkaufen. Die Axa-Filmgesellschaft aber hat heute einen anderen Namen und wird von seinem Sohn geleitet. Mit seiner zweiten Frau, die auch in seinen Filmen mitwirkte, hatte Edy Dengel fünf Söhne. Leider verstarb sein Lieblingssohn frühzeitig. Er war ein guter Fotograf.

Als alter Stummfilmer hing Dengel noch sehr an seinem Werk, das teilweise historischen Wert hat. So konnte er beispielsweise Filme über Pferderennen auf dem Rennplatz Erbenheim zeigen, heute landen Hubschrauber auf dem Gelände. Eigentlich sollten Edy Dengels Filme einmal in der Wildsachsenhalle aufgeführt werden. Das war wohl nicht der Wunsch der Familie. Im letzten Jahr konnte sich Edy Dengel doch noch an der Aufführung seiner Stummfilme erfreuen, nämlich in Wiesbaden im Sommer auf der Freilichtbühne gegenüber dem Wiesbadner Hauptbahnhof im Park.
Karin Schehler

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