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Edy Dengel und seine frühen Filme ab 1918

Sie sind hier auf den Seiten eines ganz frühen Filmpioniers, der bereits 1918 mit 17 Jahren einen ersten 35mm Kinokrimi produziert hatte. Es war in dem kleinen selbständigen Städtchen Biebrich am Rhein - später ein Vorort südlich von Wiesbaden.
Diese Aufarbeitung des deutschlandweit einmaligen Engagements eines 17jährigen ist mit einer Menge originaler Unterlagen aufgearbeitet und hier nach Jahreszahlen aufzufinden.
Am besten beginnen Sie auf der einführenden Seite hier.

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WIESBADENER KURIER - 1957

Als Biebrich noch eine Filmstadt war:

Die Bachgasse wird zur Bowery-Street

... und die Villa Germania zum Schloß des Schreckens - Edwin Georg Dengel unter den Pionieren der Leinwand

„Der Mann mit der Todesmaske". Dieser neueste Film der Axa-Film GmbH. Biebrich bildet zur Zeit die Sensation des hiesigen Kinopublikums. Am Samstag fand die erste Aufführung statt. Der Zudrang ist geradezu enorm. Das Theater kann die erscheinenden Zuschauer kaum fassen.

So wurde es 1920 in Biebrich bekanntgegeben. Der ganze Ort war „aus dem Häuschen". Die Darsteller in dem abenteuerlichen Film stammten durchweg aus Biebrich. Alle waren gute Bekannte. Jeder wollte sie jetzt auch auf der Leinwand sehen. Das war doch ganz klar. Edwin Georg Dengel war Drehbuchautor, Hauptdarsteller und Filmmann.

„Dieser junge Bengel mit seinen 19 Jahren ist ein Hans-Dampf in allen Gassen." Das wußten die Biebricher längst. Etwas von oben herab hatte man seinem Treiben in der kleinen Stadt bisher zugeschaut. „Dummer-Jungen-Streich", sagten die einen - „in dem Jungen steckt etwas", die anderen. Aber jetzt, da sein zweiter Film aufgeführt wurde, wollten alle dabei sein.

Wie ging es damals vor 30, 40 Jahren zu? Wir sprachen mit zahlreichen Biebrichern, wälzten alte Journale und unterhielten uns natürlich auch mit Edwin Dengel selbst. Der WK (WIESBADENER KURIER) blendet zurück in das Jahr 1915 ...

Der Kinderzirkus wird eingestellt

„Jungens, alle mal herhören! Ich habe euch zu verkünden, daß ihr ab sofort euren Zirkus hier an der Hinkeiszucht ordnungsgemäß auf dem Bürgermeisteramt anmelden und ab sofort auch Steuern bezahlen müßt. Tut ihr es nicht, war das jetzt eben die letzte Vorstellung. Habt ihr verstanden...?

Der Schutzmann Schmidt schnauft hörbar und stiefelt wieder los. Eigentlich tun ihm ja die Bengels leid. So viel Mühe geben sie sich mit ihrem Kinderzirkus, und die Biebricher haben ihre Freude daran. Er selbst hat schon einmal eine ganze Stunde dabeigestanden und zugeschaut, wie der Ernst Jütte auf einem Brett voller fünfzölliger Nägel lag und ein anderer mit einem Hammer einen Riesenstein auf seiner Brust zertrümmerte. Auch die Indianergruppe war einfach toll!

Ihr Häuptling ist Georg Brand. Und der Schindele-Jakob als Schlangenmensch und Edwin Dengel als Trapezkünstler, also man muß schon sagen, die Jungen haben was los. Aber es nützt alles nichts. Befehl von oben: Der Kinderzirkus wird eingestellt.

Gestrenger Vater: Alles Krimskram

Traurig schlich an diesem Abend Edwin Dengel nach Hause in die Weihergasse 15. Er und seine Klassenkameraden sollten nicht mehr Zirkus spielen dürfen? Das wollte ihm nicht in den Kopf. Daheim durfte er sich von seiner Enttäuschung nichts anmerken lassen. Vater Dengel war ohnehin gegen diesen „Krimskram", wie er es nannte. Oft genug mußte sich Edwin zu den „Vorstellungen" heimlich aus der Wohnung stehlen. In dieser Nacht konnte er keinen Schlaf finden.

Ein grauer Oktobertag im Jahre 1916. Zirkus wurde in Biebrich schon seit drei Monaten nicht mehr gespielt. Draußen regnete es. Edwin Dengel saß in seiner kleinen Bastel-Kammer. Auf dem Tisch verstreut Schraubenzieher. Zangen, Blech und eine kleine Schleifmaschine. Mitten drin ein primitiver Filmapparat für 3,95 Mark. Edwin hatte sich ihn letztes Jahr zu Weihnachten gewünscht und schließlich auch bekommen. Eben hat er mit Hilfe einer weißleuchtenden Karbidflamme ermöglicht, daß die Bilder im abgedunkelten Raum auf eine weiße Leinwand projeziert werden konnten, da hörte er auf der Stiege schwere Schritte. Der Vater! Zum Zusammenpacken war es zu spät. Vater Dengel sah sofort, daß sein Filius wieder einmal über dieser „verflixten Filmerei" saß. „Diese Spinnerei werde ich dir ein- für allemal austreiben", hörte er ihn noch sagen. Zwei kräftige Männerhände packten den kleinen Filmapparat - ein Aufschlag und die Trümmer lagen verstreut im Raum.

Dengel sen. war an sich eine Seele von Mensch. Er wollte aber, daß sein Edwin sich endlich ernsthaften Dingen zuwenden und nicht immer - wie er meinte - diese Flausen im Kopf haben sollte.

Viele andere hätten unter diesen Umständen längst aufgegeben. Sie wären brav in die Lehre gegangen und Schlosser oder Tischler geworden. Nicht so Edwin Dengel. Der Film! Das war das, das ihn mit Leib und Seele gepackt hatte.

1916: Die erste Kinovorstellung

In Gedanken handeln ist leicht - nach Gedanken handeln ist unbequem. Edwin handelte nach Gedanken. In Wiesbaden gabelte er einen damals schon uralten „Edison"-Vorführapparat auf. Er war fast ganz aus Holz. Für ein paar Pfennige wurden Teile alter Filmkopien erstanden. Und dann ging es los. In seinem Zimmer veranstaltete er 1916 die erste Kinovorstellung. Gegen Eintritt versteht sich. Zwei Pfennig pro Kopf. „Kinder und Militär die Hälfte."
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Die Erfindung des Films hatte damals nicht nur den jungen Dengel erfaßt. Ganz Biebrich war versessen darauf, vor der flimmernden Leinwand zu sitzen und gruselige Kriminalstücke zu sehen. Und geflimmert hat es damals noch, das kann man glauben!
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Drehbuchautor, Hauptdarsteller und Regisseur

All das waren aber nur tastende Versuche gegenüber dem, was 1920 kommen sollte. Der blonde Edwin fing an, selbst Filme zu drehen. Er schrieb Drehbücher, er war Hauptdarsteller, er führte Regie. Das war die Zeit, in der Biebrich zum erstenmal „Filmstadt" wurde. „Fred Repps", der schneidige Detektiv, der immer wieder in den Biebricher Filmen erschien - wer im Städtchen kannte diese Gestalt damals nicht! Diese Rolle war Edwin Dengel auf den Leib geschrieben.

Vater Rhein als Hudson-River

Klappe auf zur ersten Szene für den Film „Das Schloß des Schreckens".
Die Außenaufnahmen entstanden in Biebrich. Als „Schloß des Schreckens" diente die alte Villa „Germania" in der Weinbergstraße, die Bachgasse wurde zur „Bowery-Street". Am Eisenbahnübergang an der Hammermühle spielte sich die aufregende Verbrecherjagd mit Fahrrad, Motorrad und Auto ab, und „Sokrates", das damalige Motorboot der Badeanstalt Ezelius, brauste mit Paul Ezelius am Steuer über den zum Hudson umgetauften guten Vater Rhein. Es wurde ohne Genehmigung des Bürgermeisters, aber mit tatkräftiger Unterstützung der Polizei gedreht. Bei der anschließenden Uraufführung dieses Streifens in Biebrich war der Andrang so groß, daß Polizisten zur Absperrung gerufen werden mußten.

Die große Mode: Detektiv-Filme

Weitere Filme folgten. „Im Newyorker Scheunenviertel", „Bob Chelton, der Ansiedler", „Strandonkel Tom". Detektiv-Filme waren die große Mode, und Amerika gab das Vorbild hierzu.

Mit den primitivsten Mittel wurde gearbeitet. Beim Film „Der Mann mit der
Todesmaske" zum Beispiel schrieb das Drehbuch vor, daß der Verbrecher mit der Straßenbahn flüchten mußte. „In letzter Sekunde erreicht er die Bahn, springt auf und entkommt", lautete der Untertitel.

Die Handlung spielte wie immer in den USA. Tatsächlich sah man auch die Straßenbahn ankommen und den Verbrecher aufspringen. Auf der Bahn stand jedoch das Richtungsschild „Nach Mainz mit Anschluß nach Kostheim". Der Kameramann hatte das übersehen. Heute wäre so etwas ein Ding der Unmöglichkeit. Die damaligen Biebricher aber klatschten sich die Hände wund.

Dann kam der Tag, an dem Edwin Dengel seine Filme in ein Köfferchen packte und nach Berlin fuhr. Ganze 20 Jahre war er alt. Bei den Filmgewaltigen in der Reichshauptstadt wollte er seine Streifen loswerden.

Ein Streifen für 20.000 Mark

„Na, Herr Dengel, nun zeigen Sie mal, was sie in der Tasche haben", wurde er begrüßt.
„Ich habe nur Kitschfilme gedreht", sagte Edwin ein wenig unsicher aber sonst unbekümmert. Und das Wunder geschah. Die Berliner kauften seine Filme ab. Stück für 20.000 Mark! Edwin wurde schwarz vor den Augen. Etwa 5.000 „Emmchen" hatte er in jeden seiner Reißer gesteckt. Das vierfache holte er jetzt heraus.

Berlin lockt vergebens

Man schlug ihm vor, in Berlin zu bleiben und dort Filme zu drehen. Edwin lehnte ab: „Ich bin Wiesbadener und möchte weiter in Wiesbaden arbeiten", meinte er schlicht und treuherzig. Die weltgewandten Filmbosse konnten ihn nicht verstehen. Wie kann ein junger Mann mit ausgesprochener Filmbegabung nur so an seiner kleinen Heimat hängen! Sagt der 57jährige Dengel heute: "Wäre ich damals nur in Berlin geblieben. Wieviel Kummer wäre an mir vorbeigegangen."

Das Atelier im Glashaus

Das in Berlin einkassierte Geld wurde nicht verjubelt. In der Weihergasse 15 entstandt ein „Glashaus", wie man damals noch ein Atelier nannte. Mit Hochdruck wurden neue Filme hergestellt, eine eigene Kopieranstalt erstand. Reißer über Reißer wurde aus der Taufe gehoben, dazu noch Dokumentar- und Kulturfilme. Das ging bis 1934 ...

Die Filmherstellung hatte sich verfeinert, wurde moderner. Der Tonfilm eroberte das Feld. Kein Mensch wollte mehr Stummfilme sehen. Tonfilme aber konnte man damals in Wiesbaden noch nicht drehen. Stiller wurde es in der Weihergasse, immer stiller.

Der Gendarm als Sittenwächter

In den Jahren zuvor hatten auch die Biebricher Kinos einen grandiosen Aufschwung genommen. Viele der älteren Einwohner erinnern sich noch heute sehr genau an jene Zeiten. Mit dem „Elektro-Biograph" hatte es begonnen. 120 Plätze standen dem Besitzer Kubbe zur Verfügung. Später kam das Union-Theater mit 100 Plätzen und schließlich in Dengelscher Regie das Monopol-Kino mit weiteren 150 Plätzen hinzu.

An jedem Sonntag gab es damals schon Jugendvorstellungen. 10 Pfennig Eintritt! Stets saß auch ein Polizist mit Pickelhaube im Raum. Er hatte darüber zu wachen, daß die Kinder nicht „verdorben" wurden. Die Kleinen hatten vor dem hinter ihnen sitzenden Gendarm mehr Angst als vor den schaurigen Gestalten auf der Leinwand.

Das stumme Filmgeschehen wurde von einem Klavierspieler, einem Geiger und einem Bläser musikalisch untermalt. Das galt als ganz besonderer Luxus.

Biebrichs junge Kinogänger von heute würden die Köpfe schütteln, wenn sie jene Filme sähen, über die noch ihre Eltern Tränen lachten oder sich zu Tode ängstigten. So ändern sich die Zeiten!

Mit Herz und Idealismus

„Dem Film bleibe ich mein ganzes Leben verschrieben", sagt Edwin Georg Dengel heute noch. Er will weiter Dokumentar- und Kulturfilme drehen und neuerdings auch Filme für die Jugend. Kein Bundesfinanzminister stellt ihm Bürgschaften bereit, kein kurvenreicher Star ist von ihm verpflichtet. Viel Herz, große Erfahrungen und ein beneidenswerter Idealismus allein stehen ihm zur Verfügung. wg

Bildunteschriften

Filmleute vor dreißig Jahren: Nach erfolgter Uraufführung des Reißers „Der Mann mit der Todesmaske" entstand diese Gruppenaufnahme. Es sind Darsteller aus jenen Tagen, die den Biebrichern auf der Leinwand Angst und Schrecken einjagten. Obere Reihe zweiter von links Edwin Dengel.

Szene aus dem Film „Das Schloß des Schreckens" mit Edwin Dengel als Hauptdarsteller.

„Glashaus" wurden früher noch die Ateliers genannt. Auf dem Hof dieses Grundstückes in der Weihergasse 15 entstanden damals zahlreiche Szenen der spanungsgeladenen Kriminalfilme.

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