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Erich "von Stroheim" - sein Leben - eine Biografie

"Erich von Stroheim" (1885-1957), gebürtiger Österreicher, gilt als das »enfant terrible« unter den Hollywood-Regisseuren der 1920er Jahre und als einer der bedeutendsten Schauspieler der Filmgeschichte. Die vorliegende Bildmonographie stellt sein Gesamtwerk erstmals im deutschen Sprachraum vor.

Es umfaßt neun, zwischen 1919 und 1928 entstandene gigantische Hollywood-Filme, die meist schon während der Dreharbeiten für Aufsehen und Skandale sorgten, und - daran anschließend - eine internationale Karriere als Schauspieler.

Stroheims Verkörperungen der Rolle des blasierten, galanten und skrupellosen Offiziers jedweder Nationalität haben ihn als Prototyp und Vater aller Filmbösewichte und Dämoniaks und als Partner berühmter Schauspielerinnen von Greta Garbo bis Hildegard Knef unsterblich werden lassen.
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Eines Abends im Jahr 1942 - David Wark Griffith klopft an die Tür

Eines Abends im Jahr 1942 - er war gerade mit "Arsen und Spitzenhäubchen" auf Tournee in Philadelphia - hatte Erich Stroheim (geboren 1885 in Wien - verstorben 1957 in der Nähe von Paris) eben die Bühne verlassen und war im Begriff, sich abzuschmincken, als es leise an die Tür seiner Garderobe klopfte.
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Herein trat ein alter, hochgewachsener und hagerer Mann in einem viel zu weiten Anzug, mit gebeugtem Rücken, nur mehr spärlichem Haarwuchs und Adleraugen in einem ausgemergelten Gesicht. Ein Mann, den er seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gesehen hatte: David Wark Griffith.

Stroheim erbleichte, holte tief Luft, schlug die Hacken zusammen und ging sprachlos vor dem Besucher in die Knie. Eine großartige Begegnungsszene zwischen zwei »Großen«, die beide in die Geschichte eingehen sollten, von denen der eine von einer mageren Rente leben, der andere ständig irgendwelchen Nebenrollen hinterherlaufen mußte.

Alle beide gescheitert an Hollywood, gedemütigt, verkannt, vergessen ...
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Begonnen hatte es in "Universal City"

Stuntman in "Birth of a Nation", Statist in "Intolerance", Gelegenheitsrequisiteur: Alles hatte in Universal City begonnen, in jener Studiostadt, die der Württemberger Carl Laemmle - Onkel Karl für seine Umgebung - nördlich von Los Angeles gebaut hatte und die zu einer der Hochburgen des amerikanischen Kinos werden sollte.

Die gewundene Straße, die Los Angeles mit Universal City verband, verlief über den Cahuenga Paß zwischen Hügeln, die die letzten dort ansässigen Indianer erst vor kurzem verlassen hatten. Der Ort ist berühmt, weil dort im Juni 1867 der Marquis Melchior de Polignac ermordet wurde; bei sich trug er ein Lösegeld von einer halben Million Dollar in Gold und Edelsteinen, die das Leben Kaiser Maximilians retten sollten. Einige Jahre später gestand sein Mörder, er habe den Schatz am Fuß eines Baumes vergraben. Man fand die beiden Ledersäcke, aber sie waren leer.

Noch in unseren Tagen graben manchmal Schatzsucher in dem Hügel - in der Hoffnung, jenes Vermögen zu entdecken, das Maximilian das Leben retten sollte und Monsieur de Polignac das Leben kostete. Stroheim hat erzählt, bei der Überquerung des Cahuenga Passes, während der er die Hand nie von seiner Pistole nahm -die Highway-Banditen hatten die Indianer abgelöst -, habe ihn auf der Fahrt zum Studio eine Zigeunerin angesprochen: - »Dort«, sagte sie und zeigte mit der Hand auf Universal City, »dort wirst du deinem Ruhm begegnen.«
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Erich Stroheim setzte seine Reise fort.
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Erich "von Stroheim", seit zehn Jahren in Hollywood

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  • Anmerkung : Erich Oswald Stroheim war der Sohn des aus Gleiwitz stammenden jüdischen Hutfabrikanten Benno Stroheim und dessen Frau Johanna, geborene Bondy. Er hatte sich dieses aldelige "von Stroheim" als seinen neuen Künstler-Namen bei der Einwanderung in die USA selbst ausgestellt bzw. als Namen angegeben.

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Er war in Österreich geboren, in die Vereinigten Staaten emigriert, seit zehn Jahren in Hollywood und befand mit vierunddreißig Jahren, daß sein Ruhm ganz schön auf sich warten ließ. In der Tat hatte er einen Vorstellungstermin im Studio: Er sollte sich um militärische Uniformen kümmern, und zwar gemeinsam mit einem anderen samtäugigen »Experten«, einem gewissen Italiener namens Rudolfo Valentino.

Das Studio war umgeben von einem riesigen Freigelände, auf dem Außenaufnahmen gedreht wurden, mit Ausnahme einer Parzelle, auf der Carl Laemmle riesige Hühnerhöfe unterhielt.

Samstags, wenn die Techniker, Arbeiter und Künstler mit ihrer Lohntüte das Studio verließen, bot der Torwächter Eier zum Verkauf und führte genauestens Buch über die Einkäufe eines jeden einzelnen. Beförderungen und Gehaltserhöhungen hingen nämlich davon ab.

An jenem Tag zog Erich von Stroheim den obersten Chef in den Bann seiner Konversation - die natürlich auf deutsch geführt wurde - und erhielt seine erste Filmregie nach einem eigenen Drehbuch: The Pinnacle. Zugleich war er Hauptdarsteller in diesem Film.

Das war im Jahr 1919. Der große Erich von Stroheim war geboren.
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Er war der Nachfolger von Griffith

Als Nachfolger von Griffith sollte er Hollywood erschüttern und als tyrannischer Despot und unvergeßlicher Künstler dem Kino eine neue Dimension und Richtung erschließen. Von den neun Filmen, die Stroheim inszeniert hat, sind fünf unbestreitbare Meisterwerke. Aber als Stummfilme, die nur schlecht und nur in unvollständigen Fassungen erhalten blieben, sind sie zu einem langsamen Tod in den Kinematheken verurteilt.

Es gilt um so mehr, lautstark darauf hinzuweisen, daß das heutige Kino das Erbe jenes Kinos angetreten hat, das von Stroheim geprägt worden ist, eines Kinos, dessen Bilder in den Worten Blaise Cendrars »die mehr oder weniger dauerhaften Gefühle, die Leidenschaften, die fixen Ideen einer Zeit festhalten und gleichsam >durchscheinend< werden lassen«. Eine einfache Definition, dabei von magnetischer Dichte, ein spontaner Reflex jener Ströme von Bildern, die ganz unvermittelt dem Film ein Leben verliehen, das ihm bis dahin gefehlt hatte.

Wer war er wirklich, jener Mann, der nach dem Scheitern seiner Militärlaufbahn endlich aus der mittelmäßigen Existenz des unbekannten Statisten, des armen Teufels mit den Aristokratenallüren ausbrach?
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Der Bann von Hollywood den allein Stroheim ausgelöst hat

Es war ein Stratege, ein Angreifer, ein Ulan, der mit eingelegter Lanze vorwärts stürmte und alles niederwarf, was sich ihm entgegenstellte; ein alles versengender Wind, eine Naturgewalt. Zugleich ein reines Herz, eine schneidende, raffinierte, fast wirre Intelligenz. Ein Macho mit einer Leidenschaft für Uniformen, harte Drinks, sinnliche Frauen, ja vor allem für streitbare, nur schwer zu bezwingende Amazonen in Ledertunikas. Er hatte in sich eine unterschwellige Wildheit, eine verhaltene Kraft, einen reißenden Zugriff, wie ein Löwe sie hat; Noblesse in Gang, Haltung und Blut. Trotz seiner zierlichen Erscheinung und eher kleinen Statur, die er auf der Leinwand durch hohe Kopfbedeckungen, durch Tschakos und Helme mit Federbüschen zu verbergen suchte . . . Und trotz seines mächtigen, gewaltigen Nackens.

Gesten eines Tänzers, das Lächeln eines romantischen Verführers, ironisch gebrochen durch einen Raubkatzenblick. Man dachte, ein Wagnerheld, und alsbald verwandelte er sich in eine Gestalt von Johann Strauß. Ja, er war ein Siegfried, der an der schönen blauen Donau den Drachen jagt. Im Herzen, in der Seele, auf der Zunge, im Blick, in der kleinsten Bewegung, in der unscheinbarsten Gebärde eine überschäumende Erotik, die wie ein Orkan über eine Nation hinwegfegte, die gerade ihr Mittelalter hinter sich hatte, die geblendet und beherrscht war von einem puritanischen Klüngel, der sich plötzlich geohrfeigt, entblößt, vergewaltigt sah. Weit entfernt von einem konventionellen Realismus bewegen sich Stroheims Helden in einer obsessiven Atmosphäre von Begehren und Leidenschaft.

Die Faszination des Fleisches, ein ständiger Eroberungsdrang, eine rauschhafte Sucht nach Lust gestalten sich zu einem teuflischen Spiel von Liebe und Tod; zu einem Spiel, dessen Faszinationskraft die untergründigsten und unentwirrbarsten Regungen des Zuschauers wachruft. Diesen Bann, der Hollywood explosionsartig zu Ansehen verhalf, hat allein Stroheim ausgelöst und als begnadeter Zauberer ins Werk gesetzt. Mit seinem dritten Film Foolish Wives lüftete er endgültig das Visier: Die Aufzeichnung des Lichtes fand endlich einen Stil. Hollywood war nicht mehr nur ein einfaches Bilderalbum, es fand zu seiner Bestimmung. Diesen wilden Umsturz erlebten die Herren des Ortes fasziniert wie einen Orgasmus, aber zugleich schreckten sie davor zurück. Sie spürten in sich Skrupel und Schuldgefühle. Plötzlich rochen die Studios nach Schwefel.

Will Hays, der Tartuffe vom Dienst - als neuer »Zar«

Angesichts dieser Turbulenz griffen die »verantwortlichen« Mächte der Vereinigten Staaten ein und bestellten zum Tartuffe vom Dienst einen gewissen Will Hays, der unter Präsident Harding Postminister gewesen war. Als neuer »Zar« des Kinos hatte er die Aufgabe, »das Image des amerikanischen Kinos zu heben«.

Trotz des Erfolges, der in der ganzen Welt dem eine Million Dollar teuren Film "Foolish Wives" zuteil wurde, brach die Universal mit Stroheim, der daraufhin zur Metro Goldwyn wechselte und beschloß, dort noch schwereres Geschütz aufzufahren.

So entstand Greed mit seinem perversen und morbiden Realismus und seinem pompösen Miserabilismus. Die Zensur von Will Hays, die "Foolish Wives" schon verunstaltet hatte, zerstörte Greed, verstümmelte den Film bis zur Unkenntlichkeit. Die Jagd hatte begonnen. Verbittert und verletzt brach Stroheim mit MGM. Der Fangschuß war nicht mehr fern.
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Stroheim - das Raubtier ?

Zwar entstanden noch "The Merry Widow" und dann "The Wedding March", aber die Arroganz und die Selbstherrlichkeit ihres Autors trafen von nun an auf die offene Feindseligkeit der Jäger, die um jeden Preis das Raubtier erlegen wollten.

Das gelang ihnen bei Queen Kelly, einem Film, der fast ausschließlich von Gloria Swanson finanziert war, aber der Kontrolle von Joseph Kennedy (dem Vater des zukünftigen Präsidenten) unterlag. Die Dreharbeiten waren begonnen worden, als der Tonfilm seine ersten Worte sprach und die Kinoszene umgestaltete. Unvermittelt ließ Joseph Kennedy Queen Kelly abbrechen, ruinierte Gloria Swanson und entließ ohne ein Wort der Erklärung ihren Regisseur.

Erich von Stroheim, der Große, der Einzigartige, war gestürzt. Seine Herrschaft hatte zehn Jahre gedauert. Nie wieder würde man ihm erlauben, einen Film zu drehen: Alle Studios verpflichteten sich dazu. Noch nie war ein so unwiderrufliches Urteil gefällt worden, und nie wird ein ähnliches ergehen. Als einzigem sollte vielleicht Orson Welles ein ähnliches Schicksal widerfahren, das in manchem an dasjenige Stroheims erinnert .....
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Stroheim durfte noch als Schauspieler agieren

Als Zeichen des Entgegenkommens erlaubte man ihm, als Schauspieler zu agieren, aber nicht als der Filmgewaltige - der er war -, sondern in Nebenrollen. Damit er nicht verhungerte.

Die schockierenden Werke dieses von einem tragischen Schicksal heimgesuchten Künstlers sind, wir sagten es schon, nur in bruchstückhafter Form erhalten. Es sind faszinierende Bruchstücke, die aber nur schwer verfügbar und nur schwer verwendbar sind.

Des weiteren existieren noch die persönlichen Alben Stroheims, die Denise Vernac, seine Gefährtin in den schlimmsten Tagen, wie durch ein Wunder in einem New Yorker Speicher gefunden hat. Die meisten Fotografien dieses Bandes entstammen jenen Archiven; sie sind noch nie vorher veröffentlicht worden. Sie erlauben es, die Entwürfe der von ihm gedrehten Filme genau zu verfolgen, ihre Kernszenen, ihre Schlüsselpersonen, den Zauber der Situation zu entdecken.

Der große Stroheim, der berühmte Regisseur, den Hollywood zermalmt, besiegt, gedemütigt hatte, der Mann, den wir kurz vor dem Krieg in Paris eintreffen sahen, war ein verletztes Wesen, das in Frankreich eine Art Revanche suchte.
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Zurück nach Frankreich nach Paris

Zu seiner Ankunft organisierte man im Salon seiner Suite im Hotel George V. ein Treffen mit den Vertretern der Presse. Er bat, man möge ihn einen Augenblick entschuldigen, sprach leise mit seinem Butler und vertraute ihm den Schlüssel zu seinem Koffer an.

Als der Mann zurückkam, trug er behutsam ein Lederköfferchen, das Stroheim mit einem kleinen goldenen Schlüssel öffnete und aus dem er sein Monokel hervorzog. Er erntete natürlich schallendes Gelächter. Er begriff, daß das Zeremoniell Hollywoods auf den Champs-Elysees nicht funktionierte und antwortete, nachdem so das Eis gebrochen war, gut gelaunt auf alle Fragen.

Jahrelang hatte dieser isolierte, vor Wut kochende Mann, dieser gestürzte Kaiser, aus Paris rührende Blätter erhalten. Eine junge Frau, die hingerissen war von seinen schauspielerischen Glanzstücken, hatte ihm unermüdlich sehr schlichte und sehr rührende Briefe geschrieben, in denen ein bewundernder Zuspruch ein zärtliches Gefühl keineswegs verbarg. Manchmal glaubte ich sogar, einen Zwanzigdollarschein in ihnen vermuten zu dürfen.

Zwar hatten ihn ihre Briefe gerührt, er hatte sie jedoch nie beantwortet. Dies war in Hollywood die Regel, wo Possenreißer und Hochstapler schon allzu lange gewütet hatten. Aber er hatte sie aufgehoben und bei seiner Abfahrt nach Paris eingepackt. Man kann ja nie wissen.

Am Tag nach seiner Ankunft rief trotz seiner strengen Weisungen der Portier des Hotels bei ihm an:

»Eine junge Frau besteht darauf, Sie zu sehen. Sie behauptet, sie würde erwartet.«

»Das ist sie«, sagte er zu mir, »das ist ganz bestimmt sie . . .« Er betrachtete sich prüfend in einem hohen Spiegel. Ohne Schwäche, befreit von seinen prächtigen Uniformen, von seinen Helmen mit den Federbüschen, mit abstehenden Ohren, deutlich als Fünfziger zu erkennen. Sein Gesicht drückte Enttäuschung und Hoffnung gleichzeitig aus. Sie war es: schlicht, offen, unbedeutend. Er küßte ihr die Hand.

Eine ganze Weile schaute sie ihn an, schweigend, überrascht. Dann wich sie zurück und verschwand, ohne ein Wort.
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Das Glück, zu seinen Freunden zu gehören

Ich (Maurice Bessy) hatte das Glück, zu seinen Freunden zu gehören, einen unerwarteten Stroheim zu kennen, der unsere Streifzüge teilte, auf der Suche nach dem, was er mit zwanzig Jahren gewesen.

Unserer lebenslustigen Journalistenclique hatte sich eine noch ausgelassenere Clique angeschlossen, die aus Akademiestudenten bestand. Es waren zwei Dutzend Jungen und Mädchen, die so viel Lärm machten wie ein ganzes Fahrradstadion. Von Stro stieß zu uns, nahm an unseren turbulenten Wochenendexpeditionen, unseren Possen und unseren Streichen teil.

Ich erinnere mich, wie er mitten in der Nacht auf der Straße nach Etampes, seinen Canotier verwegen in der Stirn, meinen alten streikenden Rosengart mit anschieben half. Aus allen Hotels hatte man uns hinausgeworfen - die Hoteliers warnten einander telefonisch vor unserer Ankunft - und waren schließlich um zwei Uhr morgens in einer Familienpension gelandet, die nicht eben eine Pension für junge Mädchen war . . .
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Der erste Heilige Abend, den er in Frankreich verbrachte

Am Heiligen Abend - dem ersten Heiligen Abend, den er in Frankreich verbrachte - schlug er tausend und eine mondäne Einladung aus, um unserem Trupp von Feuerköpfen die Treue zu halten. In einem offenen »5 CV« begleitete er uns durch milchigen und eiskalten Nebel zu der Kaschemme, die wir hundert Kilometer von Paris entfernt mitten auf dem Land ausfindig gemacht hatten und wo wir für elf Francs pro Kopf Weihnachten feierten. Nach dem Abendessen wurde von Stro plötzlich sorgenvoll und nervös. Unaufhörlich spielte er mit seiner Uhr.

Schlag zwölf stand er auf, schlug die Hacken zusammen und sagte uns feierlich:
»Am anderen Ende der Welt gibt es eine Frau und einen Jungen: meine Frau, meinen Sohn. Werden Sie mir die Ehre erweisen, mit mir auf ihre Gesundheit anzustoßen?«

Ich kannte die Geschichte seiner Frau Valerie, die sich bei einem unvorsichtigen Friseur durch brennenden Äther schreckliche Brandwunden im Gesicht zugezogen hatte. In Hollywood, wo sie mich einmal zum Abendessen eingeladen hatte, war sie immer im Halbdunkel geblieben, aber der geringste Lichtschein verriet das seltsame, leicht violette Rosa ihrer Haut.

Spät in der Nacht reagierte Stroheim unter dem Alkoholeinfluß plötzlich mißgelaunt und zog sich aufsein Zimmer zurück. Eine Delegation erklärte sich bereit, Unterhandlungen zu führen; torkelnd verwickelte er uns in einen Boxkampf.
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Die wunderbarste Blondine der Erde

Am folgenden Tag hatten wir große Schwierigkeiten, ihn zum weiteren Bleiben zu bewegen:
»Man hat mich so oft als brutalen, gewissenlosen Offizier dargestellt... Sie werden noch glauben, das sei die Wahrheit...« Zur Wiedergutmachung erzählte er uns ein Liebesabenteuer, das er bei den Dreharbeiten zu The Merry Widow gehabt hatte.

Im großen Bühnenbild des Hofballes war die siebte Stufe der riesigen Treppe unter dem Marmorlöwen plötzlich zu einem Attraktionspunkt geworden. Beleuchter, Elektriker, dann Techniker aller Art entdeckten irgendeinen Grund, weswegen sie unbedingt dorthin mußten; die Kameramänner ordneten an, die stärksten Scheinwerfer auf diese Stelle zu richten; die Bühnenbildner änderten ständig grundlos die Position des Löwen, und dem ständig hin- und hergeschobenen Pappmachetier wurde es schließlich ganz übel.

Aufgebracht über dieses Durcheinander hatte Stroheim sich schließlich selber auf die siebte Stufe unter dem Marmorlöwen begeben und war geblendet. Dort stand, ruhig und lächelnd, völlig gleichgültig gegenüber der Aufregung der Männer, die wunderbarste Blondine, die je der Erdboden getragen hatte.

Sie war bezaubernd und so verführerisch, daß er sie unter allen nur erdenkbaren Gesichtspunkten examinierte, sie durch den Sucher betrachtete, sie zum Mittagessen, zum Abendessen einlud und sie schließlich auch dazu überreden konnte, die Nacht an seiner Seite zu verbringen.

Sie war - von Stro dixit - anschmiegsam, zärtlich, und hatte ein unvergleichliches Gespür in den Händen: Es waren Feenhände. Am anderen Morgen gestand sie ihm, sie sei Gelegenheitsstatistin, um ihr monatliches Gehalt aufzubessern. Denn sie hatte einen Beruf, einen richtigen Beruf, einen seltenen Beruf: Sie war die einzige diplomierte Einbalsamiererin in ganz Kalifornien. Und berühmt für ihr Geschick, Leichen herzurichten.
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Eine Gruppe von Pfauen - und die düstersten Vorahnungen

Dieser kleine Mann, der alles ausstrahlte, Genie, Maßhalten, Leichtsinn, Chaos, der Säcke voll Gold aufgeschlitzt hatte wie man Hafersäcke aufschlitzt, der jene verachtete, die ihre Macht an den Dimensionen ihrer Tresore messen, der einmal Puck und dann wieder Hamlet war, der die Magnaten Hollywoods, die seinen Sturz beschlossen, amüsiert, verführt, verblüfft und dann erschreckt hatte, behielt ein Omen in Erinnerung, das seinen Sturz voraussagte.

Als er denjenigen seiner Filme beendete, der sein letzter sein sollte, hatte er eines Morgens auf dem Weg ins Studio eine Gruppe von Pfauen erblickt, die ihr Rad schlugen. Der abergläubische Stroheim hatte daraus die düstersten Vorahnungen abgeleitet.

Unglücklicherweise hatte er sich nicht getäuscht, und die Erinnerung an diesen unglückseligen Vogel verfolgte ihn. Eines Abends wurde ich in Paris während der Dreharbeiten zu La Grande Illusion Zeuge dieses seines Aberglaubens.

Wir saßen in seiner Wohnung in der Rue Georges-Ville zusammen, deren Wohnzimmer mit nichts als Whiskyflaschen möbliert waren. Von Stro, der tief ins Glas geschaut hatte, glaubte in den Stuckrosetten an der Decke die Silhouette des Vogels der Juno zu erkennen. Schon am folgenden Tag zog er aus, ohne auch nur die Möglichkeit zu erwägen, daß die Alkoholnebel oft die Sinne täuschen.

ZaZu Pitts - seine Lieblingsdarstellerin

Während er im Hotel George V. wohnte, hatte ich die große Freude, ihn mit ZaZu Pitts auszusöhnen, die seine Lieblingsdarstellerin und wahrscheinlich eine sehr zärtliche Freundin gewesen war. ZaZu war im Prince-de-Galles abgestiegen, das bekanntlich unmittelbar neben dem George V. liegt. Ich teilte Erich die Nachricht mit und rief mit seinem Einverständnis die Schauspielerin  an.   

Es war ein  seltsames und verwickeltes Telefonat, denn beide wollten sich gerne sehen, aber jeder verlangte, der andere solle darum nachsuchen. Ich umschrieb diplomatisch die Wahrheit und erwirkte so innerhalb der nächsten Viertelstunde ein Treffen. Vor der Tür zum Apartment von ZaZu Pitts stellte Erich uns - ich habe vergessen zu sagen, daß wir zu viert waren - in Schlachtordnung auf. Er klingelte. Die Tür öffnete sich.

ZaZu Pitts hatte dieselbe Idee gehabt und begrüßte Stroheim an der Spitze einer Eskadron von vier »Töchtern der Revolution«, die sie im Hotel rekrutiert hatte. Der Versöhnungskuß war feierlich und lang.
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Und plötzlich zückte er seine Buntstifte

Im Bann maßloser, extravaganter Wünsche, die gezügelt wurden durch Gefühle einer urtümlichen Noblesse, erzählte Erich mir ganze Nächte lang Novellen von Maupassant, den er tief bewunderte, oder halsbrecherische Vorkommnise, von denen sein Leben nur so strotzte. Er, »den man zu hassen wünschte«, war eine Art brüllender, verschmähter, anmaßender und unmenschlicher Engel.

Man konnte sich ihn als Türken vorstellen, als hartherzigen Pascha. Er verteilte Handküsse wie ein Aristrokat, er schlug die Hacken zusammen, daß es klang wie Kastagnetten. Er konnte Tannhäuser dirigieren, ein passionierter Schriftsteller sein, beten wie ein Heiliger, lieben wie Casanova, beleidigen wie ein Grandseigneur.

Und plötzlich zückte er seine Buntstifte und begann, mit der Hingabe eines Schülers zu zeichnen. Erotische Zeichnungen. Immer dasselbe Thema: wilde Tiere, Affen, Löwen, Elefanten, Nashörner, Giraffen beim Liebesspiel in den ausgefallensten Positionen. Er vernichtete sie alle an einem Abend der Mutlosigkeit.

Konnte der große Erich von Stroheim - nach dem Empfang in Frankreich, nach seinem großartigen Auftritt in La Grande Illusion - mit zweiundfünfzig Jahren noch auf ein besseres Schicksal hoffen? Die französischen Regisseure rissen sich um ihn. Mittellos, wie er war, nahm er fast blind alle Rollen an: fünfzehn Filme in drei Jahren! Unter anderem Alibi, Les Disparus de Saint-Agil und Gibraltar.

Aber das  Schicksal  lag auf der  Lauer,  ein  unerbittliches Schicksal. Die Kriegserklärung zwang Stroheim, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, wo er sich wieder mühsam seinen Lebensunterhalt verdienen mußte: mit Theatertourneen und Unterhaltungsfilmen von der billigsten Sorte. Bestenfalls noch spielte er eine Rolle als Marschall Rommel. Immer wieder les boches, immer wieder les chleuhs.

Nach der Befreiung von den Deutschen - wieder zurück nach Frankreich.

Nach der Befreiung Rückkehr nach Frankreich. Wieder folgt Film auf Film. Meist sind es mittelmäßige Produktionen, die viertklassige Regisseure zu retten versuchen, indem sie auf seine Mitwirkung spekulieren.

Manchmal trägt eine von ihm vorgeschlagene Szene seine Handschrift, aber die meisten Regisseure sind mißtrauisch; sie sind auf seine Ratschläge nicht angewiesen und wissen zu verbreiten, er sei unerträglich.

In der Tat hat sich sein Charakter nicht geändert, er bleibt kompromißlos, geifert gegen die Dummheit, ist verbittert, nicht noch einmal eine grande Illusion zu finden. Eine traurige Serie von Filmen, die schon vor ihrer Aufführung vergessen sind und in denen er unvermeidlich immer dieselbe Rolle spielt, die des »Bösen« oder des preußischen Offiziers.

Die Hoffnung, eines Tages hinter die Kamera zurückzukehren, gab er nie auf; zumindest behauptete er es. Vielleicht um sich selbst zu überzeugen. Als er mir 1956, ein Jahr vor seinem Tod, mein Exemplar seines Romans Polo Poto überreichte, ließ er seine Widmung mit folgenden Worten enden:

»Dieses Buch wird beweisen, daß man mich zwar daran hindern kann, Kino zu machen, aber nicht, darüber nachzudenken.« Letzte Grausamkeit des Schicksals: Kurz zuvor hatte ihn Hollywood zurückgerufen, er sollte eine seiner größten Rollen spielen, seine eigene, die eines entthronten Regisseurs.
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Maurice Bessy schreibt : "meine Freundschaft mit Stroheim"

Noch in der Erinnerung ist meine Freundschaft mit Stroheim für mich faszinierend. Seine brutale Offenheit, seine merkwürdige Hellsicht, seine Sucht nach Erotik, all das bildete eine einzigartige Persönlichkeit, die ihre innere Verzweiflung mit Grandezza zu bändigen verstand.

Er hatte in mir die Lust geweckt, mich auf das Leben einzulassen, und heute, da er tot ist, stellt er andere Anforderungen an mich.

Hätte er seine eigene Beerdigung zu inszenieren gehabt, der Ablauf jener ländlichen Zeremonie, bei der ein bunt zusammengewürfelter Zug sich über die grünen Wiesen von Maurepas schob, hätte ihm nicht besser gelingen können.

An der Spitze trug Jacques Becker auf einem Samtkissen das Kreuz der Ehrenlegion, das ihm wenige Tage zuvor in extremis auf seinem Krankenbett verliehen worden war:

Es war die einzige Auszeichnung, die er nie zwischen die Ordensspangen der Medaillen gehängt hatte, mit denen er seine Dolmane schmückte.

Ein Zigeunerorchester, von einem berühmten Kabarett abgeordnet, spielte seine Lieblingsmelodien. Und ein ganz in Schwarz gekleideter, langer, hagerer Zeremonienmeister schwirrte mit der Grazie und den ruckartigen Bewegungen einer Libelle von einem zum anderen.

Da kam in den von Butterblumen übersäten Frühlingswiesen plötzlich eine dumpfe Bewegung auf. Als stumme und unerwartete, schwerfällige Besucher, die das Schauspiel angelockt hatte, als unverhofftes Ehrenspalier, reglos dann wie wie das erstarrte Bild, das abrupt den Ablauf eines Filmes unterbricht, schauten alle Kühe der Nachbarschaft zu, wie der Leichenwagen vorbeifuhr.

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