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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 46
Allerlei Kontakte

Ernst von der Decken (Redakteur bei der MONTAGSPOST) war - im Gegensatz zu mir - eine Nachteule. Er war ein Mann der Kontakte und immer in irgendeiner Nachtbar zu finden. Was aber nicht heißen soll, daß er trank. Ich habe ihn nie angeheitert gesehen. Er kannte und duzte Gott und die Welt, und alle kannten und duzten ihn, sogar die Halbwelt. Und natürlich die Leute von Bühne und Film. Mich rief er eines Nachts gegen zwölf an: »Du schläfst doch nicht etwa schon?« - Ich jammerte: »Mensch, Decken, was ist?« - »Du mußt sofort zu mir kommen. Wir sind in heller Aufregung!«

Es mußte etwas ganz Besonderes sein

Jeden andern Anrufer hätte ich zu fragen gewagt, wo's brennt, aber bei Decken wagte ich das nicht, dazu war er ein zu vernünftiger Kollege. Ich sprang aus dem Bett und war zehn Minuten später bei ihm. - Wir - damit meinte er sich und Zarah Leander, die damals gerade aus Wien geholt worden war.

Zarah Leander machte ein finsteres Gesicht

Die sonst immer menschlich-gütige Zarah machte ein finsteres Gesicht, wies auf Decken und sagte: »Erzähl du ihm das - ich finde keine Worte!«
In ihrem Film sollte Zarah eine Habanera singen. Die Musik hatte Lothar Brühne geschrieben.

(Von ihm hatte die viele Jahre später wegen Mordes zu >Lebenslänglich< verurteilte Vera Brühne den sauberen Familiennamen, denn er hatte sie geheiratet und sich dann wieder von ihr abgesetzt.)

Der Text zu der Melodie stammte von dem bewährten Schlagertexter Bruno Balz. Und dieser Text war der Zankapfel zwischen der Ufa und der Zarah.

Zarah Leander spielt ihre Habanera und singt dazu

Einer der Direktoren fand, der Text passe nicht zu der Szene. Damit hatte er nicht ganz unrecht. Er wollte einen anderen Text. Die Zarah aber war nicht nur in die Habanera, sondern auch in den Text verliebt und streikte. »Sie sind doch so ein Musikgenie, wie der Decken sagt - also - was meinen Sie dazu? Ich muß heut noch zu einer Entscheidung kommen, denn morgen vormittag wollen die darüber mit mir sprechen.«

Sie setzte sich ans Klavier und spielte und sang: »Der Winnnnnnnnd hat mir ein Lied errrzählt, von einem Glück - un-saaaaaagbaaarrr schöööööööön ...«

Diese Habanera und der Text - das war ein ganz großer Wurf. Sie auseinanderzureißen wäre eine Barbarei gewesen. Zarahs Weigerung war zu verstehen.

Durchsetzen - auf Biegen und Brechen!

»Und nun sagen Sie: Soll ich den Text durchkämpfen oder soll ich nachgeben? Der Ufa-Trottel versteht doch nichts davon!«

Ich war von dem Lied so begeistert, daß es für mich nur eine Antwort gab: »Durchsetzen - auf Biegen und Brechen!«
Das hat sie dann auch getan, zur Freude von Millionen.
Zarah, die Konsonanten-Sängerin, hatte sich durchgesetzt.

Derrrrrr Winnnnnnnnd, der Winnnnnnnnd ... hat mir ein Lied erzählt

Na weißt du, wenn die Zarah kocht

»Nett, daß du gestern noch gekommen bist!« sagte von der Decken am nächsten Vormittag in der Redaktion.
»Du meinst diese Nacht!«
»Na weißt du, wenn die Zarah kocht, dann kocht alles über. Eben rief sie mich an, weil sie von den ersten Aufnahmen entsetzt ist. Sie sähe aus wie eine Nachteule. Das Gesicht, die Haut - das käme nicht im entferntesten so gut wie in amerikanischen Filmen. Und die Kameraleute gäben ihr sogar recht.«
Die Geschichte hat damals einiges Aufsehen erregt und Rätsel aufgegeben.

Das Geheimnis mit der "Schminke"

Woran mochte das wohl liegen? Einer tippte auf die Schminke. Vielleicht hätten die Amerikaner eine geheimnisvolle

Spezialschminke?

Nein: Die Amerikaner benutzten nur die Schminken und die Abschminke der deutschen Spezialfirma Dr. Leichner. Dann ist es vielleicht das Licht, das weicher zeichnet, oder es sind die Effektscheinwerfer, die das Spitzenlicht geben? Untersuchungen, Austausch von Lampen, Scheinwerfern, Reflektoren - Ergebnis Null.

Die Zarah rauft sich die Haare.

Oder klammheimlich ein spezieller FIlm ?

Benutzen die Amerikaner vielleicht klammheimlich einen speziell für sie hergestellten Negativ- oder Positivfilm? Nein, bestimmt nicht! Peinliches Herumspionieren, Herumschnüffeln und Herumhorchen bei Kodak beweist es.

Dann kann es nur noch am Objektiv liegen!
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Die "Spione" schwärmen aus - ein >Abgesandter< . . .

Ein >Abgesandter< stellt in Hollywood fest, daß die Amerikaner für Großaufnahmen tatsächlich ein besonderes Objektiv benutzen.

Bestimmt eine raffinierte Spezialkonstruktion! Wie heißt es? Wer liefert es? Wie können wir schnellstens eines kriegen? Kommt es von Zeiss?
Nein. Es ist ein Objektiv der Firma ASTRO.

Sofort eines besorgen und schnellstens auf den Weg bringen, egal, was es kostet! - Überraschende Feststellung: Die ASTRO ist eine Berliner Firma und sitzt in unmittelbarer Nähe.
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Es ist der chromatische Fehler eines Objektives

Fassungslosigkeit: Und davon wissen wir nichts? Man holt das Objektiv.
»Ja, das beziehen die Amerikaner immer wieder«, sagt die Firma, »obwohl es unseren und "bestimmt" auch Ihren Ansprüchen nicht genügt.«
Kopfschütteln. Dr. Lagorio, der Objektivspezialist der Ufa, nimmt das Objektiv auf die optische Meßbank und stellt fest: Das Objektiv ist im Gelben total fehlkorrigiert. Es zeichnet Gelb unscharf. Gelb, die Hautfarbe!

Das war's.

Wunderschön scharf gezeichnete Lippen, Augen, Wimpern, Haare - aber die Haut, liebevoll gesoftet . . .

Später gab es dann die gelben Farbfilter

Später, als man den ersten Farbfilm drehte - Frauen sind doch bessere Diplomaten -, gab es heftigen Streit zwischen UFA und AGFA, weil die goldgelbe Opern-Brüstung völlig unscharf kam.
Schließlich stellte sich heraus, daß das >Wunderobjektiv< schuld war. Also zurückmarschmarsch zum guten alten Zeiß-Tessar!
Übrigens: Es gibt jetzt sehr teure (!) Spezialfilter, die Gelb soften.

Wenn ein Redakteur einen "Füller" braucht

Ernst von der Decken war ein gutmütiger G'schaftelhuber. Er half, wo er konnte, und hatte dabei fast immer Erfolg. Als Chefredakteur der MONTAGSPOST lud er mich manchmal zur Mitarbeit ein. Sei es, weil er gerade einen >Füller< brauchte oder etwas Sensationelles über die Zukunftsaussichten des noch nicht geborenen Fernsehens bringen wollte.

Ich ließ ihn dabei selbstverständlich nie im Stich, obwohl er mir seinen >sehr geschätzten Auftrag< manchmal erst in allerletzter Minute gab und ich in der Hast dann Blut und Wasser schwitzte.

Regelmäßig fehlte der letzte Absatz

Mit der Zeit fiel mir aber auf, daß er fast immer den letzten Absatz meines Berichtes wegließ. Das kann in der Eile des Umbruchs nötig sein, und deshalb wird sich kein vernünftiger Journalist umbringen, doch auf die Dauer ärgerte es mich, denn da saß fast immer eine Schlußpointe.

"Der letzte Absatz kann immer gestrichen werden!"

Als ich ihn einmal zur Rede stellte, erhielt ich dafür eine verblüffende Erklärung: »Merk dir, mein Süßer«, - er sagte zu jedem seiner Gesprächspartner mein Süßer - »der letzte Absatz kann immer gestrichen werden! Das geht am schnellsten und macht die wenigste Arbeit.«
Ich glaube, er hatte recht, aber da ich nun seine Ansicht kannte, baute ich vor: Ich hängte von da ab jedesmal einen >Streich<-Absatz an ... Das war dann, selbst wenn er einmal stehenblieb, das geringere Übel.

Sehr "kreative" Geschichten aus Nebraska

Wenn Decken beim Umbruch der MONTAGSPOST irgendwo sechs, acht oder zwölf Zeilen fehlten, das warf ihn nicht um. Ich stand einmal neben ihm, als er folgende Meldung dichtete: Überschrift: »Zwei Köpfe - zwei Schwänze.«

Text: »In Nebraska wurde einem Bauern eine Kuh mit zwei wohlentwickelten Köpfen und zwei Schwänzen geboren. Die abergläubischen Nachbarn stürzten beim Anblick dieses Ungeheuers in die Kirche und baten den Priester, die Kuh >auszusegnen<, wie das zu früheren Zeiten bei uns nach jeder Geburt eines Menschenkindes geschah.«

Ich sagte: »Mensch Decken, zuzzelst du dir das einfach aus den Fingern?« Decken, rotblond und unumwunden: »Klar. Das mach' ich immer. Die Leute wollen so was lesen.«

Bei mancher Zeitungsmeldung dieser Art kommen mir auch heute noch wehmütige Erinnerungen an ihn, besonders, wenn die sensationellen Dinge irgendwo in Amerika bzw. Nebraska passieren ...
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Will, ein 18-jähriger aufgeweckter Berliner - als ewig hungriger Knirps kannte er alle Stadtteile und Straßen von Berlin

Kurz vor seiner Hochzeitsreise mit Dorothea Wieck wollte er aber noch ein gutes Werk tun: Er brachte Kapeller einen achtzehnjährigen sehr aufgeweckten Berliner und sagte, er wolle sich für seine MONTAGSPOST schon seit langem einen Volontär zulegen, und nun hätte er den Richtigen gefunden. Ihm dürften wir während seiner Reise die ersten Schritte beibringen. Der >Richtige< sah sehr gut aus, war ein waschechter Berliner und sprach als solcher alle i als ü aus. Beispiel: »Er hat ün der Kürche Kürschen gegessen.«

Ehrensache, daß er als Berliner >brauchen< ohne >zu< gebrauchte. Seine Augen verrieten wache Intelligenz und schnelle Auffassungsgabe. Seine Ortskenntnisse waren einzigartig: Er hatte schon als ewig hungriger Knirps alle Stadtteile und Straßen von Berlin durchstreift und stets genau gewußt, wann der nicht strafbare >Mundraub< zum gefährlichen Delikt werden konnte ...

Will's Vater soff. Die Mutter trank.

Er kam immer tipptopp in Schale, hatte gute Manieren - paffte aber zu meinem Entsetzen wie ein Schlot, obwohl er keiner war. Daß er die höhere Schule besucht hatte, war wohl einem edlen Gönner zu verdanken, denn die Eltern lebten in bedrückten Verhältnissen. Der Vater soff. Die Mutter trank.

Seine zwei jüngeren Brüder wuchsen als Berliner Pflanzen auf und gediehen dabei ganz gut. Einer wurde sogar Tänzer. Als wir Will probeweise auf eine kleine Reportage ansetzten, lieferte er gleich ein satzfertiges Manuskript.

»Den könnten wir selber gut brauchen«, verkündete Kapeller harmlos, und ich dachte im stillen: Den Hübschen lache ich mir an, den kriegt der Decken niemals wieder ... sofern die Hollywooder ihn nicht ohnehin samt seinem >Mädchen in Uniform< dabehalten.

Will hieß eigentlich Wilhelm Theden

Unser Neuer hieß Wilhelm Theden. Wilhelm, da zu Kaiser Wilhelms Zeiten geboren. Damals nannten viele patriotischen Eltern ihre Jungen Wilhelm. Und später Adolf. Am >Wilhelm< stieß ich mich. »Bei uns heißt du Will!« kommandierte ich. »Dieser kaiserlich-königliche Vorname paßt nicht zu einem ordinären Zeitungsmann.«

Er stutzte einen Augenblick und sagte dann: »Danke, find ick jut!« - So kam auf seltsame Weise ein Mitarbeiter zu uns, ein heller Berliner, der mit der Zeit unentbehrlich wurde. Mit seinem guten Aussehen und seinem lümmelhaften Charme kam er überall an.

Mit der Politik - und vor allem mit der Partei - hatte er nichts im Sinn. Vor allen Aufmärschen und ähnlichen Belästigungen drückte er sich mit bewundernswertem Geschick, indem er vorher dringend zu irgendeiner Reportage oder einem Interview mußte.

Kapitel 47
Zertrümmerte Atome und der jüngste zerstreute Professor

Nur hundert Meter von meinem Haus entfernt lag das berühmte Kaiser-Wilhelm-Institut. In ihm arbeitete einer meiner besten Freunde, der junge Wiener Physiker Dr. Hannes v. Hartel. Er arbeitete bei Professor Hahn, dem damaligen Direktor des Instituts, auf dem Sektor Atomforschung. Ein gutmütiger und gutaussehender, aber immer etwas schlamperter Typ. Mit seinen 25 Jahren der jüngste zerstreute Professor, den ich je erlebt habe.

Wenn er mit seiner Arbeit fertig war, stellte er seinen halbzerfallenen Opel vor mein kubisches Haus und kam >nur auf einen Sprung< herein, um mit uns zu Abend zu essen und bis zehn, halb elf zu bleiben. Er trank dabei jedesmal eine halbe Flasche Rotwein. Ich trank Apollinaris.

Hannes v. Hartel war ein Genie

Wir hatten ihn gerne bei uns, und ich verdankte ihm manche Kenntnis aus seinem Spezialgebiet, das mir zwar immer reichlich theoretisch vorkam, aber als Grundlagenforschung zweifellos von unschätzbarer Bedeutung war. Immerhin war er einer meiner seltsamsten und interessantesten Freunde, genial, aber völlig weltfremd, fast weltabgewandt.

Was er allein beim Erscheinen des Lichttonfilms an patentfähigen Ideen aus dem Ärmel schüttelte und an die damalige TOBIS verkaufte, war ebenso überraschend wie sein >Geldschrank<.

Seine Patente wurde oft als nur >Sperr-Patente< gekauft

Die Schublade war meist vollgestopft mit halbzerknüllten Hundertmarkscheinen.

Seine Patentanmeldungen verkaufte er einfach mit allen Rechten ... Ob sie sich alle in die Praxis umsetzen ließen, war damals nicht entscheidend: Man kaufte sie schon als >Sperr-Patente<. Er wollte nicht einmal als Erfinder genannt werden, seine Nebeneinnahmen in Deutschland nicht zur Bank bringen, sondern heimlich nach Wien schaffen. Das tat er von Zeit zu Zeit, indem er die Innenverkleidung seines Schrottautos abschraubte und mit Hundertmarkscheinen vollstopfte.

Professor Hahn hat ein Atom kaputt gemacht

Eines Abends erzählte er während des Essens, Hahn wäre es gelungen, ein Atom zu zertrümmern. Und dann rechnete er mir vor, welch ungeheure Energie allein in einem Stück Kohle von der Größe eines Zuckerwürfels steckte.

Mir schien das alles so unirdisch. Wenig später am 28. Dezember 1938 veröffentlichte dann Max Planck in den von ihm herausgegebenen >Naturwissenschaften< den in der ganzen Welt sensationell wirkenden Forschungsbericht seines Mitarbeiters Fritz Straßmann.

Entsetzen bei den Nazis.

Daß man eine so fundamentale Entdeckung gleich fromm und gottesfürchtig an die große Glocke hängen mußte! Straßmann hatte vorgerechnet, daß man mit der Energie aus einem Stückchen Kohle einen Riesendampfer von Europa nach Amerika befördern könne.

Und wenn man statt dessen ein U-Boot ... ?

So weit dachte man aber noch lange nicht. Man baute irgendwo eine kleine, versteckte Versuchsanlage, und dabei blieb es. Interessant, daß damals offenbar kein Physiker daran gedacht hat, die ungeheuren Kräfte zum Bau einer Bombe zu mißbrauchen, und daß keiner von den schrecklichen Gefahren sprach, von denen heute jedes Kind weiß.

Hannes spielte Gitarre und sang dazu. Wiener Lieder natürlich. Dabei fiel an einem Sonntag nachmittag plötzlich sein Kopf vornüber. Gehirnschlag mit 28 Jahren.
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