Sie sind hier : Startseite →  Fernseh-Literatur→  1990 - Ein Jahrhundertmann→  Ein Jahrhundertmann-116/119

Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

.

Kapitel 117
1976 - Meine erste Stiftung

Den Anstoß zur Verwirklichung meines Vorhabens gab ein zufälliges Zusammentreffen mit Walter Bruch am Südrande des New Yorker Central-Parks. Dieser international anerkannte Experte wäre natürlich der ideale Vorsitzende meiner geplanten Stiftung!

Ich erzählte ihm von meinen Absichten. Er fand meine beiden Hauptziele verlockend, wenn auch reichlich kühn, meinte aber, in zehn Jahren ließe sich das wohl schaffen. Als wir uns wenig später trennten, hatte ich seine Zusage und die Stiftung ihren prominenten Vorsitzenden. Sie konnte installiert werden.

Walter Bruch macht mit - Der Sitz ist in Hamburg

Kurze Verhandlungen mit den Hamburger Behörden. Festlegung der Statuten und Gründung des Beirats aus den bedeutendsten Experten Frankreichs, Englands, Italiens, Japans und den USA.

Das Zusammenstellen des Beirats war nicht leicht, denn seine ehrenvolle, aber unparteiliche Aufgabe war mit Arbeit und Reisen verknüpft. Wir bekamen Zusagen und Absagen, doch schließlich hatte Bruch seine Expertengruppe zusammen.
.

Zur Presseveranstaltung kam sogar Axel Springer mit Frau

Ich lud zu einer Presseveranstaltung nach Hamburg. Die Spitzen der Behörden, der Technik und der Wissenschaft erschienen, und ich hatte nun die nicht ganz leichte Aufgabe, auch den Laien die hochgesteckten Ziele zu erklären und als erreichbar darzustellen.

Daß zu dieser Veranstaltung auch Axel Springer und Frau Friede - von zwei bewaffneten >Schutzleuten< begleitet - kamen, erregte nicht nur in Journalistenkreisen verständliches Aufsehen.
.

Ein großes Echo

Tags darauf brachte die Fach- und Tagespresse zum erstenmal groß die bis dahin nie gehörten Begriffe: Hochzeilen-Fernsehen und flacher Bildschirm
Die Forderung stand plötzlich anspruchsvoll im Raum, und die Fachleute der ganzen Welt waren gezwungen, darüber nachzudenken, wenn sie nicht von der Konkurrenz überrollt werden wollten.

Die erste Preisverleihung

Die Stiftung erhielt ein repräsentatives, gut ausgestattetes Sekretariat und sorgte für den nötigen Wind. Schon die erste Preisverleihung in der Berliner Funk- und Fernsehausstellung zeigte, daß das Interesse geweckt und das Ziel der Stiftung nicht nur in den Kreisen der Wissenschaftler, der Industrie und der Fernsehanstalten, sondern auch in der breitesten Öffentlichkeit erkannt worden war. Überall in der Welt berichteten Fach- und Tagespresse über das neue Thema. Das Hochzeilen-Fernsehen und der flache Bildschirm wurden schlagartig populär und zum Inbegriff des erstrebenswerten Fortschritts.

Feierlich wurden Erfolge bekanntgegeben

Schon die ersten eingereichten Arbeiten zeigten, daß das Stichwort gezündet hatte. Die Theoretiker an den Hochschulen und die Praktiker in den Laboratorien meldeten Erfolge.

Sie wurden feierlich bekanntgegeben, erläutert und die Namen und Fotos der Preisträger veröffentlicht. Ich hielt bei dieser Gelegenheit jedesmal einen kurzen Fortschrittsbericht.

Die Veranstaltungen wurden zur Regel und von den Ausstellungsleitungen durch das Bereitstellen geeigneter Versammlungsräume großzügig unterstützt. Mein Plan, die Entwicklung entscheidend voranzutreiben, war mir auch diesmal geglückt.
.

1986 - Das sogenannte analoge 1250 HDTV war geboren

Nach zehn Jahren waren alle technischen Probleme des Hochzeilen-Fernsehens gelöst. Seine Bilder können jetzt - in der bisherigen Qualität - sogar mit den vorhandenen Geräten empfangen, seine Technik weltweit eingesetzt werden ... Sobald man sich über einige Rechtsfragen einig ist.

Und da sprechen nicht nur die inzwischen erteilten Patente, sondern auch die Manager ein wichtiges Wort mit. Sie können den Fortschritt bremsen, verursachen damit aber nur bei der eigenen Industrie und dem Handel, bei dem nun die neuen, besseren Geräte verlangt werden, erhebliche Absatzschwierigkeiten und Verwirrung...

1989 - Und der flache Bildschirm?

Auch er wird schon zu Millionen Exemplaren für Computer, Meßeinrichtungen und Miniaturfernseher gefertigt. Den enormen Ansprüchen des Hochzeilen-Fernsehens wurde er erst in den letzten Jahren gerecht. Auf der Funkausstellung 1989 zeigte die japanische Firma SHARP ein nur 3cm dickes Muster in der Größe zweier Briefbogen, das keine Wünsche mehr offenließ.

Schon sind in Japan und Europa die ersten Spezialfabriken für die neuen Bildschirme im Entstehen. Sie werden den ganzen Empfängerbau von Grund auf beeinflussen: halb so dicke Empfänger entstehen, und durch den Raumgewinn kann man auch noch den Zusammenbau mit Zusatzgeräten wie Video-, Band- und Plattenspielern zu kompakten Einheiten erheblich fördern.

Sogar der etwa 1,20 m breite Flachschirm, der wie ein Gemälde an der Wand hängt und nach einem Vorschlag von mir als >Pausenzeichen nach Einstecken eines billigen Chips von Briefmarkengröße die Reproduktionen beliebiger Gemälde zeigt, ist schon einem kleinen Kreis gezeigt worden.

Der Ehrenring der Eduard Rhein Stiftung

1979 beschloß der Beirat einen Ehrenring für noch lebende Persönlichkeiten zu stiften, die sich um die Entwicklung des Fernsehens besondere Verdienste erworben haben. Die Zahl der noch lebenden Ringträger sollte aber die Zahl zehn nie übersteigen.

Träger des Eduard-Rhein-Ringes sind bisher (1990)

  • 1980 Dr. Vladimir Zworykin
  • 1981 Prof. Dr. Walter Bruch
  • 1982 Max Grundig
  • 1983 Prof. Dr. Karl Holzamer
  • 1984 Herbert von Karajan
  • 1985 Sir Hugh Greene
  • 1986 Sony-Gründer Masaru Ibuka 1887 Werner Höfer
  • 1988 Dr. Ray Dolby
  • 1989 Hans Abich


Der Ring ist eine Schöpfung des Hamburger Juweliers Renatus Wilm. Er trägt unter einem durchsichtigen Mondstein den Ausruf des Archimedes: HEUREKA.
.

Der erste, der mir einfiel, war Wladimir Zworykin

Ich dachte sofort an Wladimir Zworykin, den in Amerika lebenden Erfinders des Ikonoskops (es sollte korrekt Iconscope genannt werden), das - obwohl laufend verbessert - bis heute die ideale Lösung des schwierigen Prinzips geblieben ist, das von der Kameraoptik aufgefangene Bild in Millionen mikroskopisch kleiner Fotozellen zu zerlegen, dort in elektrische Impulse zu verwandeln und diese dann Zeile für Zeile auszugeben.

Bruch und ich flogen im Mai 1980 nach New York, um dem 88-jährigen großen Fernsehpionier als erstem diesen Ring zu überreichen. Die Feier fand im RCA-Building an der 5th Avenue statt.
.

New York faszinierte mich

New York faszinierte mich; ich wäre am liebsten monatelang dort geblieben. Sorgenvoll betreut - wie ein Huhn sein Entenküken am Rande eines Sees betreut - hat mich dort vierzehn Tage lang Werner Baecker (New York/New York), der die Stadt bis in ihre dunkelsten Winkel kannte und mich ständig vor tödlichen Gefahren aller Art warnte.

Ich hielt das für übertrieben ... bis ich dann erlebte, wie zwei rüde Burschen am hellen Tage versuchten, während der Fahrt durch die 5th Avenue aus ihrem Wagen in mein Taxi zu springen...

Eine Einladung zu Marta Eggerth

»Wir haben eine Einladung zu Marta Eggerth«, sagte Werner Baecker. »Als ich ihr von Ihnen erzählte, hat sie sich sofort an Ihr erstes Gespräch bei Senta Söneland erinnert. Sie würde sich sehr freuen, wenn wir morgen nachmittag ...«

Wehmütige Erinnerungen an Marta Eggerth

Wehmütige Erinnerungen an meine Berliner Zeit, an den Tag, an dem ich ihr zum erstenmal begegnet bin. Ich glaube, sie war damals etwa zwanzig, ich Feuer und Flamme. Unvergeßlich mein erstes viel zu langes und viel zu privates Interview mit ihr bei den Aufnahmen zu ihrem ersten Tonfilm >Leise flehen meine Lieder< in den Ateliers der UFA, das schließlich zu unser beider Kummer von ihrer immer anwesenden ungarischen Mutter hart unterbrochen wurde ...

... unmöglich: vor der Tür saß Mama ...

Sie war mein erster Schwärm und ist mein Schwarm bis heute geblieben. Wir haben oft zusammen telefoniert. Beruflich natürlich. Und in jedem ihrer Musikfilme habe ich sie bewundert. Als sie dann im Hamburger Operettentheater die Titelrolle in Kaimans Operette >Das Veilchen vom Montmartre< spielte und sang, saß ich schon bei der Premiere im Parkett ... und wie ein Pennäler an den drei folgenden Abenden auch. Ein Besuch in ihrer Garderobe ... unmöglich: vor der Tür saß Mama ...

Der polnische Tenor Jan Kiepura

Sie hat später den polnischen Tenor Jan Kiepura geheiratet, (»Ich war sterblich verliebt in ihn«) und ist dann mit ihm (und natürlich Mama!) nach New York emigriert. Dort haben beide mit der >Lustigen Witwe< drei Jahre lang den Broadway beherrscht. Die Kiepuras sind steinreich geworden. Zwei Söhne. Jan Kiepura ist 1966 gestorben.

>Herzlich willkommen in New York.<

Wir fuhren hinaus in den Vorort Ryin. Ihr Haus liegt in einem großen Park. Marta war von bezwingender Herzlichkeit und überrascht, daß ich alle Lieder aus allen ihren Rollen kannte. Arm in Arm bummelten wir singend durch den Park ... »Besuchen Sie mich immer, wenn Sie nach New York kommen!« Als ich zwei Jahre später wieder dort war, fand ich als Begrüßung in meinem Hotelzimmer einen herrlichen Strauß Blumen: >Herzlich willkommen in New York.<
Ihre Marta.

Kapitel 117
Mein "Gespeichertes Leben"

Hamburg, die Stadt meiner großen Erfolge, war auf einmal in weite Fernen entrückt; der zweite große Abschnitt meines Lebens war abgeschlossen.

Aus der Stadt meiner Jugendträume - Berlin - hatten mich die Folgen des Hitlerwahns vertrieben - aus Hamburg die Folgen des unheilvollen Glaubens an die Macht der Sterne. Und das alles in den letzten Jahren eines Jahrhunderts, das man einst das Jahrhundert des geistigen Fortschritts genannt hatte.

1978 - Springer hielt eine glänzende Rede

Nicht, daß Hamburg mich enttäuscht hätte. Als das HAMBURGER ABENDBLATT im Oktober 1978 in den riesigen Kongreßhallen mit rund 4000 Betriebsangehörigen sein dreißigjähriges Bestehen gefeiert und dazu alles eingeladen hatte, was im Kulturleben, in Politik und Wirtschaft Ruf und Rang hatte, fand ich meine Platzkarte in der ersten Reihe neben Heinz Rühmann.

Springer hielt eine glänzende Rede; es war einer der größten Tage seiner Verlegerlaufbahn. Nach ihm sprach der alte, ehrwürdige Hamburger Bürgermeister Professor Herbert Weichmann.

Hamburg hatte mich nicht vergessen

Bürgermeister Professor Herbert Weichmann hatte mich nie gesehen. Keiner der anwesenden Prominenten hatte mich je kennengelernt - aber dann sagte Weichmann in seiner Rede etwas, was alle aufhorchen ließ und dem Verleger bestimmt nicht geschmeckt hat:

  • »Ihr Aufstieg, bei dem Sie das unerhörte Glück hatten, den genialen Eduard Rhein nach Hamburg zu holen und an Ihr Verlagshaus zu binden ...«


Zustimmender, lang anhaltender Applaus. Ich war aufs höchste überrascht: Hamburg hatte mich nicht vergessen. Vergessen haben diesen Teil der Rede nur die Berichterstatter des Verlages ...

Die öffentliche Anerkennung vor einem so riesigen Auditorium machte mir wieder Lust an der Arbeit. Ich begann, mich mit dem Plan eines neuen Romans zu beschäftigen ...
.

Kapitel 118
Themen der Zukunft - Menschen durch ihr Erbgut klonen . . . . ?

In den biologischen Fachzeitschriften wurde immer öfter über Versuche angesehener amerikanischer Forscher berichtet, die sich mit dem brisanten Thema beschäftigten, Pflanzen und Tiere durch Eingriffe in ihr Erbgut zu verändern bzw. völlig neues Leben zu schaffen. Pflanzen und Tiere, die es bis dahin überhaupt noch nicht gab. Ja sogar Menschen ohne das Zusammenkommen weiblicher und männlicher Samenzellen durch Klonen zu kopieren: einen Menschen also nach seinem Ebenbild zu erzeugen.

Unvorstellbare Möglichkeiten ...

Biologen von Weltruf - unter ihnen Nobelpreisträger - bestätigten die Richtigkeit der Überlegungen und die Ergebnisse ihrer grundlegenden Versuche ... ohne sich indes mit allen angestrebten Zielen kritiklos zu identifizieren.

»All das wird man eines baldigen Tages können - und wenn man es kann, wird man es auch ohne Skrupel tun.«

Aber weshalb ?

Aber weshalb sollte man es denn tun? Der technische Vorgang ist leicht zu verstehen, aber in der Praxis äußerst schwierig. Ich fragte mich deshalb - was kann einen Menschen veranlassen, diesen Eingriff in den natürlichen Ablauf der Dinge zu wagen?

Hier beginnt der Stoff für eine spannende Handlung. Ich weiß genau, wie gefährlich dieses Thema ist und daß man über mich herfallen wird, wenn ich mir auch nur den kleinsten Lapsus leiste.

Für ein paar Wochen nach San Francisco

Aber war es denn bei der >Toteninsel< oder bei dem Thema Bruder-Schwester-Liebe anders? Es hat nie Ärger gegeben. Im Gegenteil: Man hat die Präzision der Darstellung auch in Fachzeitschriften gewürdigt. Eines Tages sehe ich die ganze psychologisch sauber geführte Handlung des Romans vor mir, und damit weiß ich auch, daß ich ihn schreiben muß und schreiben werde. Die Genforscher sitzen in San Francisco. Weshalb sollte ich nicht einmal für ein paar Wochen statt nach Rio oder Acapulco nach San Francisco fliegen?

Wenige Tage später bummle ich schon über die kilometerlange Market Street der westlichsten Stadt der USA.
.

Klonkind Uli, ein Sohn nach seinem Ebenbild

Knapp zwei Jahre später, 1980, liegt der Roman fertig vor: >Klonkind Uli, ein Sohn nach seinem Ebenbild<. Seit ich die Chefredaktion niedergelegt habe, hat man bei HÖR ZU mit Romanen kein Glück mehr gehabt. Es lag nur an den Romanen, aber in solchen und ähnlichen Fällen gibt es immer und immer wieder dieselbe einfältige Ausrede: Das wollen die Leute heute nicht mehr lesen!

Am Tag meines Ausscheidens muß sich die Leserschaft also schlagartig verändert haben! Die Buchausgabe wurde mit dem Verlag F. A. Herbig vereinbart, die Taschenbuchausgabe mit dem Bertelsmann-Goldmann Verlag.
.

Als man bei HÖR ZU davon erfährt

Als man bei HÖR ZU davon erfährt, bittet mich der Chefredakteur um das Manuskript ... Dann: »Wir könnten einen so aktuellen Roman vielleicht bringen, wenn wir hier und da ein wenig straffen.«

Das wird ohnehin im Hinblick auf die vielen Schnitte notwendig sein, denn der Roman ist nicht - wie alle anderen - mach Maß< geschrieben, und der verfügbare Raum wechselt von Heft zu Heft. Auf wie viele Folgen wird man es bringen?

22 Folgen werden gedruckt

Die Leser verschlingen den neuen Horster genau wie früher und gehen gespannt mit, obwohl man emsig geschnitten hat. Es werden zwölf, es werden achtzehn, es werden zweiundzwanzig Folgen. Dann muß aber Schluß sein, denn dann muß vertraglich ein anderer Roman gestartet werden. Vieles ist herausgefallen. Ich ärgere mich, das Abenteuer gewagt zu haben.

»Nun, wie ist der viel zu lange Roman denn angekommen?« frage ich den Chefredakteur. - »Ausgezeichnet! Er hätte getrost noch etliche Folgen länger sein können!«
.

Noch einer - jetzt mit Computer und Textverarbeitung

Ich habe schon einen neuen Stoff >unter der Feder<, die sich inzwischen in einen überaus hilfreichen Computer für Textverarbeitung verwandelt hat. Jetzt macht das eigentliche Schreiben, Korrigieren, Schreiben und wieder Korrigieren nur noch den zehnten Teil Arbeit.

>Haus der Hoffnung< heißt der Roman.

Thema: heterologe Insemination. Kinder durch Fremdbesamung. Nach vielen Gesprächen mit einem der berühmtesten New Yorker Gynäkologen und seinen hilfesuchenden Patienten eine Überfülle erschütternder Menschenschicksale. Stoff für zehn Romane! Das größte New Yorker Institut, in dem Männer Samen spenden, zeigt mir, was sonst niemand zu sehen bekommt ...

Ich durfte das fünf Stockwerk unter der Erde liegende Institut nicht nur besuchen, sondern erfuhr und sah über das medizinisch, menschlich und rechtlich höchst interessante und sorgfältig abgeschirmte Gebiet mehr, als wohl je ein Romanschriftsteller in einem solchen Institut erfahren hat. (Horster: Haus der Hoffnung, Bertelsmann/Goldmann)

Briefe aus dem Jenseits

Und nun noch ... Nein, nicht noch ein Thema dieser Art, so nahe es auch liegt und so leicht es zu schreiben wäre. Mich interessiert eine heimtückische, immer noch unheilbare Erbkrankheit, an der bei uns jährlich 6.000 Menschen leiden: die Chorea Huntington, im Volksmund Veitstanz genannt. Bei den Nazis wurden viele der damit geplagten Menschen vergast.

>Unlebenswertes Leben< hat man es damals genannt . . . Der Roman erschien 1986 unter dem Titel >Briefe aus dem Jenseits<.
.

Kapitel 119
Wilhelm Theden - Der Tod eines Getreuen

Will rauchte zu meinem Kummer eine Zigarette nach der anderen und brachte es als Kettenraucher im Durchschnitt auf sechzig, oft auch auf achtzig am Tag. Es war eine unheilbare Sucht, gegen die ich vierzig Jahre lang immer wieder mit guten Worten anzukämpfen versucht habe. Erfolglos...

Lassen Sie mich mein Leben leben, wie ich will!

Als ihm meine Ermahnungen schließlich zuviel wurden, sagte er - und das mit solchem Nachdruck, daß ich mir nie wieder erlaubt habe, etwas gegen das Rauchen einzuwenden: »Lassen Sie mich mein Leben leben, wie ich will!« Mich hat das Rauchen nicht gestört, obwohl ich selber Nichtraucher bin. Wenn ich meinen Freunden das Rauchen verbieten wollte, wäre ich bald allein.

Eines Tages - Lungenkrebs und Metastasen

Eines Tages stellten die Ärzte bei Will Lungenkrebs und Metastasen fest. Dann folgte drei qualvolle Jahre lang eine schwere Operation nach der anderen. Doch auch die besten Chirurgen Europas konnten ihm nicht helfen - in Hamburg nicht, nicht in Nizza, nicht in Berlin.

Zweiundvierzig Jahre Freundschaft - sind gegangen

Ich hatte ihm noch während eines Krankenhausaufenthaltes im Arabellahaus eine andere, schöner gelegene und größere Wohnung herrichten lassen und in seinem Sinne modern ausgestattet. Er weinte damals vor Freude wie ein Kind ... aber lange konnte er sich über dieses Geschenk nicht mehr freuen. Er wußte es. Eines Morgens - fanden wir ihn tot im Bett.

Er hatte den Wunsch geäußert, eingeäschert und in der Ostsee beigesetzt zu werden. Wir fuhren - ein kleiner Kreis seiner besten Freunde - nach Heiligenhafen, begleiteten ihn bis weit hinaus aufs Meer, eine Musikkapelle spielte eines seiner Lieblingslieder, und dann nahmen wir Abschied von einem Unvergeßlichen.

Noch lange sahen wir schweigend den großen Kranz auf dem leicht gekräuselten Meer ... Zweiundvierzig Jahre einer unverbrüchlichen Arbeitsgemeinschaft und Freundschaft waren viel zu früh zu Ende gegangen.

Ein schmerzlicher Verlust für uns alle. Einen zweiten Will würde es nie geben, denn mit jedem Menschen stirbt Unwiederbringliches ... Er fehlt mir heute mehr denn je. Und nicht nur mir... Doch die Uhren dieser Welt laufen nicht alle im gleichen Schritt und nicht alle gleich lang...
.

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2007 / 2017 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.