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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 6
Manche müssen, ich darf ...

Eines Tages war es soweit: Ich durfte in die Schule gehen. Mit einem großen Tornister nebst Schiefertafel, Schwamm und Griffel, dem hellblauen Märchenbuch der Brüder Grimm und meinen noch größeren himmelblauen Zukunftsplänen betrat ich den Schulhof. Rudi hatte mich dort abgesetzt und stehenlassen.

Wir wurden alle von einem freundlichen Mann begrüßt. Er sagte, er sei unser zukünftiger Klassenlehrer. Dann mußten wir einzeln in sein Zimmer kommen und eine Reihe von Fragen beantworten.

Großes Staunen - Ich konnte bereits lesen

Das Warten fand ich langweilig. Ich holte mein Märchenbuch heraus und begann darin zu lesen. - Staunen bei den andern.

»Kannst du das denn lesen ?«
Ich schlug die erste Seite auf und las ihnen vor ... Bis plötzlich der Lehrer neben mir stand.
»Liest du da wirklich, oder...?« Er verstummte, denn die Frage war eigentlich überflüssig. »Du kannst schon lesen ?«

Erstaunen, Kopfschütteln, dann hörte er noch eine Weile zu und führte uns in unser Klassenzimmer. Dort sangen wir gemeinsam das Lied >Guter Mond, du gehst so stille«, und dann durften wir nach Hause gehen.

Endlich ging es los - das mit dem Lernen

Die erste Unterrichtsstunde war zu Ende. Und ich war enttäuscht. Doch als wir am nächsten Tag unsere Schiefertafeln hervorholen sollten und der Lehrer mit Aufabauf-Pünktchen-obendrauf sofort mit dem Schreibunterricht begann, war ich restlos glücklich ... - Bald würde ich auch schreiben und all das zu Papier bringen können, was da in meinem Kopf vorging ... !

Ich ging gern zur Schule, obwohl mich manche Fächer nicht oder nur halbwegs interessierten. In ihnen wurde ich deshalb auch nur braver Durchschnitt, in Physik und Biologie aber Spitze, und im deutschen Aufsatz fiel ich sogar schon sehr früh auf. Meine Aufsätze wurden zuweilen eine Klasse höher als Musterbeispiele gepriesen. - Aber in Geschichte versagte ich total, denn ich warf alle Geschichtszahlen durcheinander.
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Ich wollte nämlich Geschichtenschreiber werden

»Ohne das Fundament der Geschichtszahlen hängen Ihre Geschichtskenntnisse in der Luft und sind nur als Geschichten zu werten«, sagte man bei meinem Abschlußexamen mit Recht.

Ich antwortete darauf, ich wollte ja auch nicht Geschichtsschreiber werden, sondern Schriftsteller, also Geschichtenschreiber.

Das löste zwar ironisches Schweigen aus, da ich aber in Deutsch, Rechtschreibung und Aufsatz zwar etwas eigenwillig, aber auffallend gut war, drückte man bei meinen Schwachstellen ein Auge zu; man nannte das >kompensieren<.

Grausam, das mit der Chemie

Ach, und dann gab es eines Tages auch noch die Chemie! In ihr wurde ich zum Vollversager.

Das einzige, das ich von dem ganzen qualvollen Chemieunterricht behalten habe, ist die Formel für Wasser. Das aber auch nur, weil uns der Lehrer schon in der ersten Stunde den Vers beigebracht hat:

»Lebe glücklich, lebe froh, wie der Fisch im H2O.«

Die Visionen des Jules Verne anstelle vom Sport

Ansonsten war ich ein gesunder, kräftiger Junge - aber kein athletischer Typ. Sport oder Gymnastik schienen mir zu anstrengend. Ich hielt das für Quälerei und Zeit- und Kraftverschwendung. In dieser Zeit las ich lieber Jules Verne.

Für Fußball und ähnliches hatte ich nichts übrig. Und selbst heute stehe ich der Sportbegeisterung der Massen zuweilen verständnislos gegenüber.

Ich habe mein ganzes Leben lang nie irgendeinen Sport getrieben, mich nie massieren lassen und bin trotzdem kein dickbäuchiger Fettwanst geworden.
Sport ist gewiß eine gute Sache - für die, die ihn nötig haben. Mir hat er nie gefehlt...

1908 - Schwimmen lernen

Rudi, der Rowdy, war da allerdings anderer Ansicht. Als ich acht war, meinte er, jetzt sei es aber an der Zeit, schwimmen zu lernen. Und da Papa derselben Ansicht war, schleppte er mich in eine der schwimmenden Rheinbadeanstalten und brachte mich rücksichtslos in das viel zu kalte Wasser. Daß ich dabei vor Kälte schnatterte und sich alles in mir verkrampfte, rührte ihn nicht.

Mit >Einsundzwei und einsundzwei< brachte er mir die nötigen Bewegungen bei, und nach einer Woche sah es tatsächlich so aus, als sollte ich wenigstens diesen lebensrettenden Sport erlernen. Stromabwärts konnte ich mich schon bis zu den jenseitigen Gitterstäben über Wasser halten.

Beinahe ertränkt

Ich brauchte heute also nicht schamvoll zu gestehen, daß ich weder Zahlen behalten noch schwimmen kann, wenn nicht...

Als mein großer Bruder einmal nicht da war, duckten mich ein paar Bengels verspielt unter Wasser und ließen mich nicht mehr hochkommen.

Ich ertrank - anders kann ich das wohl kaum nennen, denn die Ärzte von der Bonner Universitätsklinik brauchten dann zwei Stunden, um mich wieder in diese Welt zurückzurufen.

Ergebnis : Mein Zahlengedächtnis war weg - für immer

Man brachte mich zu meinen entsetzten Eltern, und alles schien in bester Ordnung.

Daß dem nicht so war, merkte zuerst meine Mutter, dann merkte ich es selber: Ich hatte plötzlich ein Loch im Kopf. Ich war zwar nicht ertrunken, wohl aber mein Zahlengedächtnis. Ich konnte plötzlich keine Zahlen mehr behalten — und das ist bis heute so geblieben. Geburtsdaten, Formeln, Telefonnummern vergesse ich mitunter von einer Minute zur andern.

Meine Verleger verlege ich zum Ärger der Post immer wieder in falsche Zustellbezirke; den eigenen kenne ich nicht. Und wenn mich einer nach meiner Telefonnummer fragt, muß ich sie erst in meinem Register suchen.
Dafür - welch ein Trost! - behalte ich die blödsinnigsten Schlagertexte bis zurück in meine Pubertätsjahre.

Daß ich unter diesem Dummjungenstreich mein ganzes Leben lang gelitten habe, ist wohl zu verstehen. Jede Zahl in jedem meiner vielen Bücher und Aufsätze muß ich vor dem Druck sorgfältig überprüfen oder von Freunden kontrollieren lassen.

So zeichnet beispielsweise Professor Dr. Fritz Schröter, einer der größten Fernseherfinder unserer Zeit, für die Zahlen in meinem Buch >Wunder der Wellen< verantwortlich.

Doch zurück in die Schulzeit . . .

Kaum daß ich alle Buchstaben des Alphabets mit der rechten Hand schreiben konnte - und das trotz der vom Vater ererbten Linkshändigkeit -, kaufte ich mir eine dicke Kladde mit kariertem Papier und begann mit der Niederschrift meines ersten Romans.
Mein Manuskriptbuch wurde mein ständiger Begleiter.

Der erste Roman ist nie >vollendet< worden. Ihn hat unser Bernhardiner HARDI eines Tages zerfleddert, bevor er im Museum kindlicher Genies den ihm gebührenden Platz finden konnte.

Ich - und meine krausen Gedanken

Einige Leute - sogar einige Lehrer - hielten mich für besonders helle; mein Vater dagegen hielt mich für >überspannt<. Sogar meiner Mutter machte ich mit meinen krausen Gedanken zuweilen Sorgen. Vor allem mit meinem unerschütterlichen Plan, auf der Bonner Universität die >Dichtkunst< zu studieren. Daß es ein solches Studium nicht gäbe, konnte man mir nicht einreden, denn ich wußte, daß alle damals berühmten Schriftsteller Doktoren waren: von Walter Bloem über Hanns-Heinz Ewers - der doch auch in Bonn studiert hatte - bis zu Rudolf Stratz.

Dichter "führten" nie ihren Doktortitel

Woher ich das wußte? Wahrscheinlich aus Kritiken, denn nie hat einer von ihnen den Doktortitel auf seinen Romanen im Schilde geführt, weil sich das wohl für Dichter nicht schickt. Selbst mein eitler Düsseldorfer Landsmann Hanns-Heinz Ewers hielt sich daran. Was hätte auch sein Jurastudium mit seiner >wider alle Natur aus dem letzten Samenguß eines Gehenktem durch Fremdbesamung gezeugten und trotzdem — oder gerade deshalb — weltberühmt gewordenen Alraune zu tun gehabt?

Wer hätte wohl ahnen können, daß ich mit einundachtzig und fünfundachtzig Jahren die Romane >Klonkind Uli< und >Haus der Hoffnung< schreiben würde? Romane, mit denen ich mich in dieser Hinsicht noch sehr viel weiter vorwagte ...

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