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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 110
Der Rausschmiß

Meine Sekretärin sagte durch die Sprechanlage - ihre Stimme klang leicht pikiert: »Hier ist die Vorzimmerdame von Herrn Springer mit einem Brief.«

»Na und? Bringen Sie ihn rein!« - »Sie möchte ihn Ihnen persönlich übergeben.«
»Verrückt, lassen Sie sie rein!«.
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Nov. 1964 - Ein Brief mit einem sauersüßen Lächeln

Die Buhre. Sie überreichte mir den Brief mit einem sauersüßen Lächeln: »Und einen schönen Gruß von Herrn Springer.«
»Auch Einschreiben quittiert Fräulein Brandes. Was bringen Sie mir denn besonders Wertvolles?«
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Ein himmelblauer Umschlag

Sie zuckte die Schultern.
Es war ein himmelblauer Umschlag. Himmelblau, wie dieser ganze Vormittag. Ich drehte das Kuvert ein paarmal um und um. Dabei beschlich mich ein seltsamer Gedanke: >»Ein blauer Brief <«, sagte ich sinnend. »Sie wissen doch, was das bedeutet?«
»Natürlich. Aber himmelblau ist nicht blau!«
»Stimmt, Mädchen, und rosarot nicht rot. Also ein >Billet doux<! - Danke schön!«
Es war eine weiße Karte.


Lieber Herr Rhein, ich würde mich freuen, wenn wir uns am kommenden Sonntag (15.11.) bei mir draußen am Falkenstein treffen könnten. Hinzukommen sollte nur Herr Voß. Lassen Sie mich wissen, ob Sie können? Ich gehe heute nach Berlin. Herzlich: Ihr Axel S.


»... nur Herr Voß«, das hieß: ausnahmsweise ohne Will. Da war also was gegen ihn im Busch.

Weshalb sollte Will nicht dabei sein ?

Man hatte mir in den letzten Jahren mehrmals berichtet, daß Will spät nach Mitternacht auf der Reeperbahn > stark angeheitert < gesehen worden war und dort als >Presse-Peter< bekannt und beliebt sei.

Ich wußte, daß Wills Vater Alkoholiker war und daß die Polizei seinen zwei Jahre jüngeren Bruder schon ein paarmal zum Ausnüchtern in Verwahr genommen hatte. Doch Randalierer waren beide nicht.

Ich hielt die nächtlichen Eskapaden Wills also nicht für bedenklich, zumal er immer pünktlich in der Redaktion erschienen war. Dort hatte er dann meist mehrere Tassen sehr starken Kaffee getrunken und geraucht.
Mich hatte man in der Redaktion geachtet, bewundert und verehrt, - Will aber - liebte man. Wer Sorgen hatte, wandte sich an ihn.

Als mein Stellvertreter erhielt er mit weitem Abstand das höchste Redakteursgehalt. Wirtschaftlich ging es ihm also glänzend. Springer und Voß schätzten ihn sehr.

Weshalb also sollte er wohl bei dem Sonntaggespräch nicht zugegen sein?
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Was sie denn am Sonntag zu besprechen ?

Voller Sorge rief ich den Chef der Hamburger Polizei an - wir kannten uns durch die Zusammenarbeit persönlich gut - und fragte, ob dort etwas gegen Will vorläge.
Antwort: Nicht das geringste.

Ich stand vor einem Rätsel, witterte aber Unrat, denn der Zeitpunkt und die Gegenwart von Voß beunruhigten mich. Das war ganz und gar ungewöhnlich.

Am Samstag nachmittag rief ich Voß an: Was denn am Sonntag besonderes zu besprechen sei. »Das weiß ich auch nicht.«

Voß war immer präzise und ehrlich

Wenn einer präzise und ehrlich war, dann war es Voß. Er wußte also ebensowenig wie ich, um was es ging. Irgendwelchen Ärger, irgendwelche Differenzen hatte es nicht gegeben. Die Auflage lag bei 4 1/4 Millionen Exemplaren und stieg und stieg. Wir hatten gerade die letzte Preiserhöhung und die damit allgemein übliche kurze Auflagensenke gut verkraftet.
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  • Anmerkung : Das stimmt so nicht mehr. Die Auflage schien zu sinken, wie andere Informationsquellen berichten.

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Ich hatte einen Plan - die beste journalistische Idee meines Lebens - und war völlig sicher, damit in spätestens vier Jahren die von mir geschätzte Höchstgrenze von 6 Millionen zu erreichen. Dann wollte ich als Chefredakteur zurücktreten.
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Trotzdem war ich beunruhigt.

Und irgend etwas hat mich zu dem höchst seltsamen Entschluß veranlaßt, statt meiner neuen Corvette oder des verlagseigenen Buick einen ... Volkswagen zu nehmen. Es muß etwas von Protest darin gelegen haben, denn die Einladung - dieses steife >Lieber Herr Rhein - war äußerst befremdend.

Sollten etwa die Sterne ...? Unmöglich! - Springer öffnete mir selber die Tür und empfing mich mit gewohnter Höflichkeit.
»Sie kommen im VW?« - »Ich nehme ihn manchmal, um mich bei meinem Höhenflug wieder auf die ersten Jahre zu besinnen und nicht größenwahnsinnig zu werden.«
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Voß saß schon da

Er führte mich in einen kleinen Raum. Voß war schon anwesend. Er erhob sich und grüßte mich mit verschlossenem Gesicht. Das war nicht seine Art. In mir verkrampfte sich etwas.

Als wir saßen, fragte Springer stereotyp: »Wie geht es Ihnen?« - Ich war völlig konsterniert, überhörte die belanglose Phrase und erkundigte mich höflich kühl: »Um was geht es?«

Ich bin gefeuert

Damit hatte ich ihn offensichtlich aus seinem Konzept gebracht, denn diese Frage war so direkt, daß er seine sicher vorbereitete diplomatisch-süße Umrede nicht anbringen konnte. Er mußte sofort Farbe bekennen.

Ich hatte bis zu diesem Augenblick immer noch geglaubt, es ginge gegen Will, und war entschlossen, jeden Angriff gegen ihn kurz und hart zu parieren. Doch was dann kam, war wie der Einschlag einer Bombe:

»Herr Rhein - hm - wir möchten die Chefredaktion von HÖR ZU in andere Hände legen.« - »In welche?« - Keine Antwort.
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Wenn einer zu groß geworden ist . . .

Ich sah Voß an. Er wich meinem Blick aus. Diese Stunde lag sehr schwer auf ihm - ich fühlte es.

Aus Erfahrung wußte ich nur zu gut, wie oft Springer sich von Männern getrennt hatte, wenn sie ihm zu groß geworden waren -und daß er sie dann wieder zurückgerufen hatte. Dieses Spiel würde er mit mir nicht machen.

Ich war allein durch mein Füllschriftverfahren und meine Bücher finanziell von keinem abhängig. Das wußte auch Springer, und das ärgerte ihn. Was sollten da lange Redereien?

Johanna geht, doch nimmer kehrt sie wieder.

Ich erhob mich sofort.
»Dazu sind Sie berechtigt, aber eines müssen Sie wissen«, ich hob die Finger zum Schwur und bewegte sie dabei wie zu einer Warnung: »Johanna geht, doch nimmer kehrt sie wieder.«
Eine solche Reaktion hatte er nicht erwartet. - Fassungsloses Schweigen. Und ein frostiger, wortloser Abschied.

Ich atmete tief durch.

Wenige Augenblicke später trug mich der VW zurück in mein Haus an der Alster. Wie würde diese Nachricht Will treffen?

Während der VW in die Auffahrt rollte und sich drei Tore nacheinander wie von Geisterhand öffneten und wieder schlössen, wußte ich bereits, daß ich dieses Haus so bald wie möglich verkaufen und Hamburg verlassen würde.

Ich bekam Springer nur noch einmal sehr kurz zu sehen. Die anschließenden Verhandlungen ließ Springer von seinen Sachbearbeitern mit mir abwickeln; wie immer ließ er peinliche Dinge von anderen erledigen. Keiner von ihnen konnte fassen, was geschehen war.

Vorsichtige Verhandlungsversuche mit Will als meinem Nachfolger prallten schon im Ansatz auf beißende Ablehnung. - »Wenn Rhein geht, gehe ich mit ihm!«
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Keine Feier um Rhein!

Ich hätte schon bald mein zwanzigstes Jahr bei Springer beschließen können. Aber nein: Keine Feier um Rhein! Ich sollte meinen Tisch so bald wie möglich räumen.

Die >amtliche< Verlautbarung sprach vom Erreichen der Altersgrenze und großzügigem Urlaub. Meine Romane und Meckibücher wurden verramscht: Den Angestellten wurden die Romane für 1 Mark angeboten, die Meckibücher für 50 Pfennige.
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Eines der finstersten Kapitel in der Geschichte des Hauses Springer

Was an dem Tag geschah, an dem ich meine letzten Sachen packte, war eines der finstersten Kapitel in der Geschichte des Hauses: Man gab mir den >schlichten Abschied<.

Kurz bevor ich das Haus verließ, wurde ich gebeten, der Verabschiedung eines bewährten Setzers von HÖR ZU beizuwohnen. Das war üblich, und ich wollte mich dieser wohlverdienten Zeremonie nicht entziehen.

Springer hatte es so ganz nebenher "verkündet"

Ich nahm mitten unter den anderen Platz. Springer erschien, hielt eine menschenfreundlich klingende Lobrede auf den braven Setzer und sagte anschließend so nebenher - mit einem verbindlichen Dankeschön für treue Dienste -, auch ich würde das Haus nun verlassen. Das war's, noch ehe ich's begriffen hatte.

Fassungslosigkeit in allen Verlagen.

Ist Springer verrückt geworden, oder hat der Rhein goldene Löffel geklaut?
Einer glaubte es zu wissen: »Als ich Rhein einmal fragte, ob er denn so einfach über Hunderttausende verfügen könne, sagte er: >Ja, weshalb denn nicht? Das ist doch nur Sache des Vertrauens. Ich könnte Springer mit der Zeit um Millionen erleichtern<«

Er hat Springer dann einmal vorsichtig auf den Zahn gefühlt: »Man munkelt, daß bei HÖR ZU gewisse Unregelmäßigkeiten ...«
Springer schaltete blitzschnell, sagte unwillig »Quatsch« und ließ den >rasenden< Reporten stehen.

Freude bei der Konkurrenz ...

Ich konnte es nur zu gut verstehen ... Kurz nachdem ich gegangen war, ging auch Voß. Springer hatte ihn gegen eine Abfindung von 10 Millionen aus dem Verlag gedrängt.

Er besuchte mich wenige Wochen später überraschend in meinem Haus, offensichtlich um mir zu sagen, daß meine Verabschiedung nicht mit seiner Zustimmung erfolgt war; das hatte ich ohnehin nicht angenommen und an seinem Verhalten auch gespürt. Aber weshalb der Rausschmiß?

Wollte Springer mit Rudolf Augstein gleichziehen ?

HÖR ZU, das HAMBURGER ABENDBLATT, die WELT, die WELT AM SONNTAG und das von Anfang an heftig umstrittene Boulevardblatt BILD hatten Springer mit ihren gigantischen Auflagen zu einem der größten Zeitungsverleger Europas gemacht und ihm damit bei den Politikern zu hohem Ansehen verholfen.

Sie versuchten, ihn für ihre Ziele zu interessieren, ohne in ihm selbst - trotz all seiner redlichen Bemühungen - einen >Politiker< zu sehen.

Dazu fehlte es ihm - im Gegensatz zu dem wissenschaftlich vorgebildeten und politisch hochbegabten Vollblutjournalisten Rudolf Augstein - an allem.

Warum wurde ich gefeuert ?

Er war zwar einer der mächtigsten Zeitungsverleger Europas, aber man wußte auch, daß er auf das größte, überall hoch angesehene Objekt seines Hauses praktisch keinen Einfluß hatte. Mußte das einen >Mammutverleger<, wie er sich manchmal scherzhaft nannte, nicht ärgern?

Wäre es nicht menschlich verständlich, daß er sich eines Tages das unbestreitbare Recht nahm, einen anderen Chefredakteur einzusetzen? Und außerdem: Fuhr dieses Riesenschiff nicht ganz von selbst seinen Kurs?

Würde es nach dem Schwungradeffekt nicht auch ohne den Rhein weiterlaufen? Bestimmt! Fragte sich nur, wie lange...
War diese Entlassung überhaupt ein Risiko?

Wußte Springer bereits von seinem eigenen Abgang ?

Ich bin sicher, daß Springer ein erkennbares Risiko dieser Art nie eingegangen wäre und daß Voß ihn davor energisch gewarnt hätte, wenn... ja, wenn er in diesen Tagen nicht selber schon vor seiner >Entlassung< gestanden hätte. Doch das erfuhr man erst etwas später. Und das war nicht weniger sensationell.

Heute, nach Einsicht in die Horoskope der Hetzel und in das, was dann noch geschah, sehe ich die Sache anders.

Und dann sank die Auflage der HÖRZU

Gewiß - es hat dann wohl keinen Mann des Springer-Verlages gegeben, der meinen Rausschmiß mehr bedauert hat als Springer selbst, denn das ständige Sinken der Auflage und der damit verbundenen Inseratenpreise machte sich immer deutlicher bemerkbar, und der peinlichen Frage nach dem >Warum< konnte auch er nicht dauernd ausweichen.

Waren das Krokodilstränen ?

Verständlich, daß er Jahre später die sich bietende Gelegenheit ergriff, vor der Öffentlichkeit ein gutes Einvernehmen zu demonstrieren.

Bei einer Einladung des Verlages, der ich mich nicht mit Anstand hätte entziehen können, sah er mich von seinem erhöhten Rednerpult aus. Scheinbar überrascht unterbrach er seine Rede - und begrüßte und umarmte mich vor der ganzen Gesellschaft, den Spitzen der Behörden und des Verlages mit einer Herzlichkeit, die sogar mich überraschte.

Manche mögen das für Theater gehalten habe - ich fühlte, daß ihm diese Geste ein echtes Bedürfnis war, denn auch seine besten Freunde hatten auf meinen Rausschmiß mit Verständnislosigkeit und Kopfschütteln reagiert ...

Noch ein Freund und Berater Springers triit ab

Walter Schultz-Dickmann ist seit seinem achtzehnten Lebensjahr ein zuverlässiger und diskreter Freund Springers und in vielen privaten Dingen sein unersetzlicher Berater und Helfer gewesen. Er bezog ein hohes Gehalt, und hatte im Verlag verschiedene Vertrauensstellungen. Aber er wurde erschreckend dick. »Mein Gott, Walther, was wirst du fett!«

Eines Tages ging er mit einem Übergewicht von etwa 10 kg in ein Krankenhaus, um abzuspecken und ein Herzleiden auszukurieren. Dort starb er im März 1977 nach vier Wochen an Herzversagen.

Springer hat an der Beerdigung nicht teilgenommen.
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Kapitel 111
Springers Sohn Aggeli gibt auf

Der bitter enttäuschte Vater kümmerte sich immer weniger um ihn. Aggeli war früher dann und wann zu mir in die Redaktion gekommen und hatte begonnen, sich langsam für unsere Arbeit zu interessieren. Ich schlug Springer deshalb vor, ihn versuchsweise in meine Redaktion zu geben.

Er lehnte leider ab. Der Zeitungsverleger wollte aus seinem Sohn keinen Zeitschriftenverleger machen. Das schien ihm zu begrenzt. Er schickte ihn in die Redaktion der WELT.

In der Schule mit Deutsch auf Kriegsfuß gestanden

Aggeli hatte schon in der Schule mit Deutsch und mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuß gestanden. Und überhaupt: Das >Klugschnacken< mochte er nicht. Dann schon eher eine Tätigkeit als Reporter. Nein, nein, nicht als Textreporter. Als Bildreporter! Schreiben sollten zu seinen Schnappschüssen die anderen.

In der Nähe des Vaters fühlte er sich nicht wohl - ihn fröstelte unter seinem kritischen Blick. Er zog deshalb weit weg nach München ins Arabellahaus, in dem auch ich damals wohnte. Ich hatte ihm diese Bleibe fürs erste empfohlen, weil er dort Menschen kennenlernen konnte, die nicht Bücklinge machten, wenn sie ihm begegneten, und er nicht in die Gefahr weiterer Vereinsamung geriet.

Weder Stolz noch Begeisterung für die Arbeit

Wir sahen uns in dieser Zeit recht oft. Er erzählte mir - wenn ich ihn fragte - zwar von seiner Arbeit, aber ohne jede Spur von Stolz oder gar Begeisterung. Wenigstens blieb er so in Kontakt mit dem Verlag. Mit der Zeit verlor ich ihn aus den Augen.

Januar 1980 - Sohn Aggeli begeht Selbstmord

Am 4. Januar 1980 meldete Springers Presse in riesiger Aufmachung den sensationellen Tod Aggelis. Er hatte sich in der Nacht vom 2. auf den 3. in einem öffentlichen Park erschossen.

Die Artikel würdigten ihn dabei in einer Weise, die die Kenner der wahren Verhältnisse recht seltsam anmutete und die in einem peinlichen Mißverhältnis stand zu der Bedeutung, die Springer und seine Zeitungen dem zukünftigen Thronfolger bis dahin hatten zuteil werden lassen. Dieser Bericht war für alle Redaktionen ein peinlicher Eiertanz.
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Die Mutter eine berlinerin von herzerfrischender Geradheit

Ich hatte Aggeli zum erstenmal gesehen, als ich nach Hamburg gekommen war und Springer in seiner Mietwohnung an der Elbchaussee besucht hatte. Seine Mutter war die zweite Frau Springers, ein ehemaliges Mannequin aus Berlin und eine Frau von herzerfrischender Geradheit.

(»Na, ha 'ck mir nich wieder mal fein hinjekricht?«) Die Ehe war zerbrochen. Sie lebte mit unserem Zeichner G. T. Schultz zusammen. Wir trafen uns ab und zu in der Stadt zu einem Kaffeeklatsch. Dabei verriet sie mir eines Tages das Ergebnis einer Röntgen-Aufnahme: Krebs. Am 2. Dezember 1969 ist sie daran gestorben.

Aggeli, Springers stolze Hoffnung begann zu zerbröckeln

Springer hatte den Sohn nach der Ehescheidung nicht zu sich genommen, sondern in ein Schweizer Internat gegeben. Aber wie die Gene, die Würfel des Lebens, nun einmal fallen: das Große Los hatte der Sohn eines großen Vaters nicht gezogen. Das wurde von Jahr zu Jahr deutlicher. Springer sah es, und eine stolze Hoffnung begann zu zerbröckeln. Seine Enttäuschung wuchs um so mehr, je mehr sein Imperium wuchs.

Aggeli - er hatte die Basedow-Augen seines Vaters geerbt - war ein braver, liebenswürdiger Junge, aber das war auch alles. Daß er seine Mutter so früh verloren hatte, war der Anfang einer wachsenden Vereinsamung.

Auch Aggelis Ehe ging zu bruch

Seine Ehe - zwei Kinder - besserte daran nichts und ging zu Bruch. Er aß und trank übermäßig - zum Teil wohl aus Verzweiflung - und wurde fett. Auch das noch! (»Die Dicken usw....)

Noch kurz vor seinem Tode hatte er die Absicht geäußert, zum Abspecken ein bekanntes Sanatorium aufzusuchen. Was ihn zu seinem aufsehenerregenden, schrecklichen Entschluß getrieben hat, kann man nur ahnen.

Ich empfand seinen Freitod als einen öffentlichen Protest gegen den Vater und schrieb Springer einen Brief, aus dem er dann womöglich aufgrund früherer Gespräche einen leisen, kaum beabsichtigten Vorwurf herausgelesen hat. Sein Dankesbrief schloß mit den Worten: »Ihm fehlte wohl der Vater.«
Genau das war es. Eine schreckliche, schmerzliche Bestätigung meiner Sorgen.

Kapitel 112
Springers Tod

Am 22. September 1985 berichtete die Presse - für viele völlig überraschend - Springers Tod. Die ihm näherstanden, wußten schon seit langem, daß er immer öfter Ärzte, Heilpraktiker und Wundertäter konsultiert hatte. Das Ende sollen schließlich Frischzellen verursacht haben.

Von den Sorgen um die Nachfolge aufgefressen

Springer hatte sich - nicht erst nach dem Tod seines Sohnes Axel - in wachsendem Maße Sorgen um die Zukunft seines Unternehmens gemacht. Mir sagte er einmal, ihm mache sein Testament schlaflose Nächte. Kein Wunder, denn er hatte fünfmal geheiratet und es gab in seiner Familie keinen, dem er die Führung des riesigen Verlages anvertrauen konnte und wollte.

Er hat deshalb sein Testament immer wieder geändert, immer wieder Berater hinzugezogen und trotzdem nicht verhindern können, daß manches später doch ganz anders lief, als er gewollt und geplant hatte.

Wenn der Löwe stirbt, kommen die Hyänen ...

Ein arabisches Sprichwort sagt: >Wenn der Löwe stirbt, kommen die Hyänen .. .< Er hat es gekannt, und das hat ihn bis in die letzten Stunden gequält.
Die große Trauerfeier fand in der Berliner Gedächtniskirche statt.

Der Mann war mir fremd geworden

Ich hatte schon den kleinen Handkoffer gepackt, als mir die Post das neueste Heft jener Zeitschrift brachte, die ich einundvierzig Jahre vorher unter schwersten Bedingungen und Entbehrungen aus der Taufe gehoben und in zwanzig Jahren harter Arbeit zu einsamer Auflagenhöhe entwickelt hatte ...
Als ich dieses neue Heft in Händen hielt, kamen mir Tränen der Trauer: Der Mann, für den ich zwanzig Jahre meines Lebens wie für einen Freund gearbeitet hatte (»Ich gehöre nicht zum Personal«), war mir fremd geworden.
Ich packte den kleinen Koffer langsam wieder aus.

Springer wurde nicht in seiner Geburtsstadt beigesetzt, sondern in Berlin. Obwohl er in seinem Fühlen und Denken nie ein echter Berliner geworden, sondern ein Sohn seiner Heimatstadt Altona geblieben war...

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