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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 70
... Greif das Symbol heraus ...

Das Symbol des Rundfunks waren (bislang) die schlanken, blau und rot gestrichenen Gittermasten, die Träger der Antennen. Ein solches Gitterwerk - quer über die Titelseite, auf dunkelblauem, sternenübersätem Nachthimmel - und über die ganze Seite leuchtend gelb, in klarer, unverschnörkelter Schrift: HÖR ZU.

Senkrechtstehende Buchstaben. Und dahinter als Charakteristikum ein schrägstehendes Ausrufungszeichen. Darunter klein, aber anspruchsvoll: >Die Rundfunkzeitung<.

Auf einem Briefbogen skizziert

Ich warf das mit ein paar Strichen auf einen Briefbogen, zeigte es meinem Bildredakteur und schilderte die Farben: »Was halten Sie davon?«
»Sehr originell - aber der dunkelblaue Nachthimmel? Wie wär's, wenn wir die Farben vertauschten: Sonnengelb der Himmel, und darüber nachtblau HÖR zu! Denn wenn es dunkel wird, ist sonst das ganze Plakat nicht mehr zu sehen.«

Es soll ein Plakat werden

»Das Plakat? Das soll unsere erste Titelseite werden!«

»Um Himmels willen!« entfuhr es dem Bildredakteur. »Das fällt doch völlig aus dem Rahmen!« »Wer könnte uns ein solches Plakat malen?« - »Ich würde sagen, der Münchner Professor Hohlwein, wenn er noch lebt.« - »Und sonst?« - »Es gibt einen jungen Grafiker außerhalb Hamburgs - der würde das können.«

»Dann soll er mal reinkommen!«

Ein junger Grafiker kommt dazu

Zwei Tage später stand ein schlanker blonder Bursche vor mir. Ich zeigte ihm meine Skizze, erklärte ihm die Farben, gab ihm ein paar Fotos von Sendemasten und fragte: »Wie lange brauchen Sie, um mir drei oder vier Skizzen in dieser Größe zu liefern?« Ich zeigte auf den SOLDIER.

»Im Grunde eine einfache Sache. Sagen wir eine Woche. - Wie groß soll das Plakat denn in Wirklichkeit werden?« - »Ein paar Skizzen in dieser Größe genügen mir - dann werden wir sehen!« wich ich seiner Frage aus.

Und wieder zwei Tage später : Eine phantastische Arbeit

Zwei Tage später war er schon wieder da. Er packte seine Skizzen aus. »Ich habe zunächst nur einen Entwurf ausgeführt, denn ich glaube...« Er hielt mir seinen Entwurf hin. Eine phantastische Arbeit.
»Ja«, ergänzte ich seinen Satz. »Das sitzt, und da fummeln wir auch gar nicht mehr lange dran herum. Das bleibt so.« - Unser Grafiker strahlte.
»Und in welcher endgültigen Größe wünschen Sie das Plakat?«
»In genau dieser Größe. - Und nun brauchen wir uns nur noch über das Honorar zu verständigen.«
Wenige Minuten später trennten wir uns. Er war mehr als zufrieden, und ich wußte, daß ich mein erstes As gezogen hatte...

Doch der Grafiker hieß MORDHORST - unmöglich

Erst etwas später sah ich, daß er in die rechte untere Ecke seinen Namen geschrieben hatte. Nicht zu groß, nicht zu aufdringlich, einfach, wie es sich gehört: MORDHORST.
Mich überrieselte es kalt.

Wie kann ein Mensch nur Mordhorst heißen! Und das gleich auf unserer ersten Titelseite! Mörderwald - das war unmöglich!

Am nächsten Morgen rief ich ihn an: »Sie haben Ihren hübschen Entwurf mit MORDHORST signiert. Ist das ein Pseudonym?«
»Nein. Wie kommen Sie denn darauf?«
»Ach, nur so... Ich meine, es klingt ein bißchen beängstigend. Können wir das nicht ändern?«
»Aber ich heiße wirklich so!«
»Sehn Sie mal: Sie sind Norddeutscher. Ein Horst hier oben kann doch nur ein Nordhorst sein. Das M ist bestimmt ein Schreibfehler des Paßamtes.«
Schweigen im Walde.

Dann nach einer Weile. »Nordhorst - ja ... Daß ich bisher nie darauf gekommen bin. Jetzt gehe ich gleich zum Amt. Die müssen das ändern. Herzlichen Dank für Ihren guten Rat!« - Er hieß von da ab NORDHORST.

Es wurde schwer mit den völlig unbelasteten Journalisten

Je sorgfältiger ich die Bewerbungsschreiben studierte, um so schwerer fiel mir die Wahl, denn woher sollten die völlig unbelasteten Journalisten kommen?

Gab es überhaupt noch einen, der dem Heldenklau entschlüpft war? Die guten und die halbwegs brauchbaren hatte Goebbels ohnehin für seine Propagandakompanien vereinnahmt. Und wenn ich tatsächlich einen geeigneten Mann finden würde, wie und wo sollte ich ihn in Hamburg unterbringen?

Ich mußte meine Auswahl unter Hamburger Journalisten treffen, doch auch unter ihnen fand ich keinen völlig kittelreinen.

Anmerkung : Das ist imBuch bereits die Seite 301
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Hugh Carleton Greene erklärte das mit dem "Gift der Nazis"

In dieser Not ging ich zu Hugh Carleton Greene ins Funkhaus. »Was ist der Sinn dieser strengen Siebung - und was ist ihr Zweck?« fragte ich ihn. Er war viel zu sehr Journalist, um nicht sofort zu merken, auf was ich hinauswollte, und stieß mit seiner Antwort direkt auf den Kernpunkt meiner Frage vor.

»Sie soll unter keinen Umständen Rachegelüsten Vorschub leisten oder gar politischen Zwecken dienen; sie soll nur sichern, daß sich das "Gift der Nazis" nicht wieder in die Presse einschleicht.«

»Kann beispielsweise ein Programm-Redakteur, der nur für einen korrekten Abdruck unserer Rundfunkprogramme und die Übersetzung der Auslandsprogramme zu sorgen hat, in dieser Hinsicht Unheil anrichten? Oder ein Bildredakteur, der lediglich die vom Chefredakteur genehmigten Bilder einzuspiegeln hat?«

»Das kann ich mir kaum vorstellen, denn die Verantwortung liegt voll und ganz beim Chefredakteur. Er hat für alles geradezu-stehn, was in seiner Zeitung erscheint, indirekt also auch für die Auswahl seiner Redakteure und seiner freien Mitarbeiter.«

Ich atmete auf. Damit war mir ein gewisser Spielraum zugestanden worden.

Ich wollte und durfte keinen ehemals aktiven Nazi einstellen oder beschäftigen

Daß ich keinen ehemals aktiven Nazi einstellen oder auch nur als Mitarbeiter beschäftigen würde, war ohnehin klar. Aber es gab Mitläufer und einfach organisationsmäßig Vereinnahmte, bei denen ich diese Verantwortung tragen konnte, denn in HÖR ZU würde nicht ein Wort erscheinen, daß ich nicht vorher gelesen hatte.

Ein Grundsatz, dem ich von der ersten bis zur letzten Stunde -also zwanzig Jahre lang - treu geblieben bin, so schwer das mitunter auch war.

Und wenn Sie Horoskope bringen wollen, dann . . . . .

Nun konnte ich meine Redaktion besetzen. Daß ein ausgefüllter Fragebogen kein einwandfreies Alibi war, lag auf der Hand.

Außerdem: Was hatte HÖR ZU mit Politik zu tun? Und Springer mit solchen Fragen zu befassen, kam mir nicht in den Sinn; außerdem widersprach das unseren klaren Vereinbarungen. Er selber hat auch in all den Jahren bis auf einen einzigen, völlig bedeutungslosen Fall nie versucht, Einfluß auf den Inhalt von HÖR ZU oder gar auf die Zusammensetzung meiner Redaktion zu nehmen. Es gab während der ganzen Zeit nicht einen Mitarbeiter, der sich etwa mit einer >Empfehlung< von Springer oder Voß vorgestellt hätte.

Und daß ich keine Horoskope bringen oder aus HÖRZU gar ein Kirchenblättchen mit frommen Sprüchen und Bibelzitaten machen würde, hatte ich Springer schon bei unserem ersten Gespräch mit aller notwendigen Deutlichkeit gesagt. »Wenn Sie Horoskope bringen wollen - dann bringen Sie sie im Anzeigenteil, und auch dort müssen sie ausdrücklich als >Anzeige< deklariert sein. Zur Volksverdummung - gleich welcher Art - trage ich nicht bei.«

Axel Springer würde mir nie dreinreden (dachte ich)

Springer war viel zu intelligent, mir dreinzureden. Er war eben ein äußerst geschickter und in finanziellen Fragen ungewöhnlich großzügiger Verleger.

Später hat er mir oft bestätigt, daß ich ihm mit dem gigantischen finanziellen Erfolg von HÖR ZU und meinen vorbereitenden Arbeiten an BILD das Fundament seines Verlages geschaffen und ihm >den Rücken für seine anderen Pläne freigehalten< habe.

Entwicklung und Gestaltung von HÖR ZU hat er nicht beeinflußt. Sich um den inneren Aufbau der Zeitschrift zu kümmern, hielt er nicht für nötig - er hatte mich sehr schnell kennengelernt, wußte, daß er mir vertrauen konnte, und war mit mehr als genug Sorgen um unsere Unterbringung, die Lizenz und die leidige Papierbeschaffung befaßt.

Ein Mitarbeiter kam zum anderen

Die Redaktion begann zu existieren, und ich tat mir bitter schwer dabei. Nur langsam, sehr langsam kam ein Mitarbeiter zum anderen. Und alle saßen zusammen in dem einzigen Saal, der Wohnung, Schlafraum, Speisezimmer und Büro zugleich sein mußte.

Heute wird man kaum verstehen, wie bereitwillig sich alle in das Unabänderliche fügten und bedingungslos mitmachten. Jeder war glücklich, wieder Arbeit zu haben und mit aufbauen zu dürfen.

Mein Geschmack >wohl etwas zu modern<

Alle fanden mich und meinen Geschmack >wohl etwas zu modern< oder zu gewagt, meinen Stil zu >nackt<, meine Sätze zu kurz. Alle waren sprachlos über die Verwegenheit, als erste Titelseite ein >Plakat< zu bringen - ich halte es heute noch für eine der besten Titelseiten von HÖR ZU -, doch sie fanden sich damit ab, und als sie erst den Erfolg sahen, waren sie stolz auf ihre Zugehörigkeit zur Redaktion.

»Ja - Ullstein!« sagten sie mitunter teils kritisch, teils bewundernd.
Wann werden wir endlich starten können? - Das war die Frage, die jeden von uns gleichermaßen quälte, während Woche um Woche verstrich.

Will kämpft mit einem unsichtbaren Gegner

Keuchen, Fluchen, Schimpfen, Stöhnen - mitten in der Nacht -, was ist los? Ich richtete mich auf und starre in die Finsternis. Dann springe ich zum Lichtschalter. Will liegt im Clinch mit einem unsichtbaren Gegner. Nachts hat sich ein Haken unseres >Übereck-Kleiderschrankes< gelöst und seine Last mit voller Wucht auf ihn geworfen.

Will wickelt sich aus den Polypenarmen, ordnet die herumliegenden Kleider, wirft sich schließlich eine Zigarette zwischen die Lippen und setzt sich aufatmend auf den Rand der Couch. »Mann, war das ein Schreck!« Ich muß trotzdem lachen.

Der Verleger ließ sich fast nie sehen.

Ich entsinne mich nicht, daß er den kleinen Redaktionsstab in dieser Aufbauzeit auch nur einmal besucht hat. Wenn er kam, kam er abends, und auch dann nur, um uns trotz der entnervenden Wartezeit Mut zuzusprechen. Unser ständiger, immer gleichermaßen rühriger Helfer war Moische Covents.

Er war es auch, der uns nach dem Telefonanschluß eines Tages eine gut erhaltene Schreibmaschine brachte. Telefon und Schreibmaschine - braucht man mehr, um eine Zeitschrift aus der Taufe zu heben? - Ja - zum Beispie ... Kohlen.

Damit komme ich zum bittersten Kapitel des Beginns.
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Kapitel 71
Eine Redaktion überwintert

Denn das Schlimmste stand uns noch bevor: der Winter 1946. Er kam fast über Nacht und brach mit noch nicht dagewesener Urgewalt über uns herein. Sollte dieser Winter vernichten, was uns nach dem Nazikrieg mit seinen Folgen an jämmerlichen Über-lebenschancen noch geblieben war?

Es war der grausamste Winter seit Menschengedenken, und wir waren ihm in dem freistehenden Haus an der Außenalster rettungslos ausgeliefert. Hatte die Kälte uns schon seit Wochen so zugesetzt, daß wir die meiste Zeit in Mänteln herumlaufen und uns immer wieder Pfefferminztee aufbrühen mußten, um uns einigermaßen warm zu halten - jetzt war das Maß des Erträglichen erreicht.

Nov. - Dez. 1946 - Wir schnatterten vor Kälte.

Unter diesen Umständen zu arbeiten war undenkbar und unzumutbar. Ich bat deshalb meine Mitarbeiter, zunächst zu Hause zu bleiben, aber jeden Tag einmal anzurufen.

Will und ich blieben allein in diesem Eispalast und sannen auf Abhilfe. Das Schlimmste waren die riesigen, zur Alster führenden Fenster, deren Glasscheiben zum Teil durch Pappe ersetzt worden waren. Und dann die breiten Risse und Fugen zwischen Fensterrahmen und Mauerwerk, durch die der eisige Wind von der Außen-alster heulend hereinblies und uns mitunter die Manuskriptblätter vom Tisch fegte.

Das schwarze Ofenbiest, das wir bis dahin tagsüber spärlich mit zusammengesuchten Ästen und Holztrümmern gefüttert hatten, blieb kalt.

Auch der Strom setze immer wieder aus

Ein elektrischer Ofen war nicht aufzutreiben; bei dem immer wieder aussetzenden Strom und der zu geringen Spannung wäre er ohnehin sinnlos gewesen: ein Feuerzeug in einem Eiskeller.

Covents rang hilflos die Hände. Kohlen - wo gab es Kohlen in einer Zeit, in der verzweifelte Menschen die Kohlenzüge der Eisenbahn plünderten und die Polizei hilflos, aber verständnisvoll zusehen mußte.

In diesen Wochen kämpfte jeder um das nackte Überleben, während immer neue Jammergestalten ruhelos durch die vernichteten Straßen ihrer Stadt irrten: Heimkehrer aus russischer, französischer, englischer Gefangenschaft. Oder Frauen mit Kindern, die an den Ruinen Suchzettel anbrachten und sich dann irgendwo verkrochen.

Dann war die Bettwäsche weg

Eines Tages wurde die geliehene Bettwäsche abgeholt ... aber nicht durch frische ersetzt. Die "Waschanstalt" hätte zur Zeit kein heißes Wasser, hoffe aber ...

Sie (die"Waschanstalt") hoffte vergebens; die Leihbettwäsche war weg, und frische wurde nicht wieder geliefert.

Nicht einmal eine leere Badewanne

Mir war damit endgültig klar, daß wir in unserem Tanzsaal nicht mehr übernachten konnten. Doch wo wir auch anklopften, überall dieselbe Antwort: Wir sind überfüllt, wir haben nicht einmal eine leere Badewanne, die wir notdürftig als Bett herrichten könnten.

Will gelang es schließlich, bei einer ehemaligen Berlinerin auf dem Dachboden unterzukriechen. Als Bett diente eine durchgelegene Matratze. Ich blieb notgedrungen im Tanzsaal.

Wärmen mit einer 40Watt Glühbirne

Covents lief - von einer Art Panik erfaßt - von Geschäft zu Geschäft, um Bettzeug zu beschaffen. Schließlich hatte er Glück: In einem Trödlerladen war eine wunderschöne weiße Wolldecke zu haben. Aber nicht einfach zu kaufen. Zu haben hieß: im Tauschhandel zu haben.

Für ein paar verqualmbare Raritäten aus meinen Care-Paketen und einen ansehnlichen Geldbetrag wechselte die Decke ihren Besitzer. Ich legte sie über meine Couch, hängte eine elektrische 40Watt-Lampe als >Wärmestrahler< ganz dicht darüber und lief zur Apotheke, um mir gegen meine rasenden Kopfschmerzen eines der vielen kaum wirksamen Schmerzmittel zu holen.
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Der 20cm große graue "Fleck" - frierende Läuse

Als ich wiederkam, sah ich unter dem Lichtkegel einen etwa 20cm großen grauen Fleck. Ich schnipste mit dem Finger dagegen, der Fleck gab einen Augenblick nach, floß aber gleich wieder zusammen.

Ich holte mein Vergrößerungsglas und sah, was bis dahin wohl keines Menschen Auge je gesehen: Unter dem wärmenden Lichtkegel hatten sich an die tausend ... frierende Läuse versammelt.

Mein Entsetzen ließ mich sogar die Migräne vergessen. Ich packte die Decke angeekelt zusammen, stopfte sie in einen Eimer und stellte ihn hinaus in die klirrende Kälte.
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Der Junge aus Hamburg-Alton mit dem Eimer Kohlen

In dieser Nacht habe ich mich mit Kaffee aus den USA wach gehalten, denn an Schlaf auf der bis dahin stubenreinen Couch war nicht zu denken. Die schöne weiße Decke war am nächsten Morgen verschwunden.

In diesen unvergeßlichen Tagen der Hoffnungslosigkeit kam ab und zu ein sympathischer junger Hamburger und brachte uns einen Eimer Kohlen. Anschließend ging er dann in den Keller. Ich dachte mir nichts dabei ...

Erst zwanzig Jahre später (1965) gestand mir der "junge" Mann aus Hamburg-Altona - erst damals gestand er mir bei dem (meinem ???) beschämend >schlichten Abschied<, den er mir im Anschluß an die Verabschiedung eines pensionsreifen Druckers vor einem kleinen Kreis von Mitarbeitern, Christian Kracht und einigen anderen leitenden Herren des Hauses gab, daß er ab und zu in meinen Bretterverschlag eingestiegen war und mir ein paar Büchsen Trockenmilch für den kleinen Aggeli geklaut hatte ...

So versuchte er die Bitterkeit der Stunde durch das Geständnis einer kleinen Episode aus der Zeit des Anfangs aufzulichten. Alle lachten darüber - alle bis auf Will und ich. Welch bitteres Ende nach dem bitteren Beginn!
Vergessen wir's!
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Dieser verdammte, gnadenlose Winter!

In unserm Tanzsaal hielten wir es täglich nur ein paar Stunden aus. Zu arbeiten war unmöglich, doch wir machten aus der Not eine Tugend: Wir machten Besuche, die längst fällig waren.

Dr. Wagenführ, Leiter der Pressestelle des NWDR

Zum Beispiel im Funkhaus. Dr. Wagenführ, seit August Leiter der Pressestelle des Nordwestdeutschen Rundfunks und einer der besten Kenner der gesamten Rundfunkgeschichte, führte mich mit den leitenden Männern des neuen Rundfunks zusammen. Sie alle erwarteten ungeduldig das Erscheinen einer Programmzeitschrift.

Dr. Werner Nestel, der technische Direktor

Einer der wichtigsten war der technische Direktor Dr. Werner Nestel, den ich schon seit Jahrzehnten kannte. Wir wußten, was wir fachlich und charakterlich voneinander zu halten hatten.

Er hatte sich schon vor Anbruch des tausendjährigen Hitlerismus dafür eingesetzt, daß meine beiden Bücher >Wunder der Wellen< und >Du und die Elektrizität< in Blindenschrift herausgebracht wurden und mir schon damals bei meinem Kampf um die >quasioptischen< Ultrakurzwellen zur Seite gestanden.

Fernsehen - die Begeisterungsfähigkeit wieder wecken

Wir waren in allen Fragen, die den technischen Fortschritt des Rundfunks - und des Fernsehens! - betrafen, gleicher Meinung und fest entschlossen, jeder auf seinem Sektor, nicht nur gegen die bestehende katastrophale Wellenverteilung zu opponieren, sondern auch das Fernsehen wieder in Gang zu bringen.

»Das alles können wir nur erreichen, wenn Sie Ihren Lesern erklären, um was es geht - und wenn Sie ihre Begeisterungsfähigkeit wecken!«

Diese unausgesprochene heimliche Komplizenschaft sollte, wie sich noch zeigen wird, weitreichende Folgen für die technische Entwicklung des Rundfunks und des Fernsehens haben.

Beim NWDR war wenigstens ein wenig geheizt

Solche Besuche waren nicht nur für die künftige Zusammenarbeit wichtig, sie verhinderten auch, daß wir im Kampf gegen die Kälte das Handtuch werfen mußten, denn alle andern saßen in - mäßig - geheizten Räumen.

Daß wir uns in diesen Tagen bei Paul L'Arronge besonders wohl fühlten und oft erheblich länger blieben, als zum Essen nötig war, liegt auf der Hand, zumal wir dort mit erstaunlicher Regelmäßigkeit immer neue >brotlose Bekannte< von Rundfunk, Film und Bühne trafen, die noch in der Luft hingen und auf Mitarbeit beim Rundfunk hofften.

Mit Willy Fritsch zu Max Schmeling und anderen

Mit Willy Fritsch, seiner Frau Gisela Griffel und den beiden Knirpsen Thomas und Michael fuhren wir eines Tages sogar hinaus nach Wedel, dort betrieb Max Schmeling seine Nerzfarm und hatte sich mit seiner Anny behaglich eingerichtet.

Anny sagte damals: »Ich habe mich vom Film für immer verabschiedet.«
Wir konnten und wollten es nicht glauben - doch sie ist trotz vieler Filmangebote, bis auf eine Ausnahme (1950), bei ihrem Entschluß geblieben.

Viele Jahre später hat dann Thomas Fritsch, der jüngere der beiden Knirpse, seine Laufbahn als Film- und Bühnendarsteller in dem Film >Das schwarzweißrote Himmelbett< nach dem Roman von Hans-Rudolf Berndorff begonnen und nach einer geglückten Nasenkorrektur in dem Film >Das große Liebeskarussell< mit Hildegard Knef erfolgreich fortgesetzt. (>Das hab ich von Papa gelernt< und >Eins und eins, das macht zwei ...<)

Gisela Griffel sang noch ab und zu ihre Schlagerlieder im Rundfunk, nachdem die Partnerschaft mit ihrer Schwester in die Brüche gegangen und die bis dahin sehr beliebte Firma >Geschwister Griffel< aufgelöst worden war.

Ihre Kollegin Gitta Lind lernte damals den neunzehnjährigen späteren Film- und Fernsehdarsteller Joachim Fuchsberger kennen. Mit ihm erschien sie 1946 bei unserem ersten großen Betriebsfest.
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Mit meiner 40 Watt-Lampe unter der wärmenden Bettdecke liegend . . .

Zur Untätigkeit war ich trotz allem nicht verdonnert. Da ich unter meinen wenigen Redakteuren keinen >Schreiber< hatte, mußte ich alles selber schreiben, und dazu hatte ich - mit meiner 40 Watt-Lampe unter der wärmenden Bettdecke liegend - Zeit im Überfluß. Als wir endlich loslegen konnten, waren alle Seiten längst umbrochen und bebildert. Dem Kölner Sender hatte ich - um die wellenbedingte Zusammengehörigkeit sofort deutlich zu machen - gleich eine Doppelseite gewidmet.

Mein früherer Ullstein-Kollegen Hans Liska

Für meinen ersten, reichlich aggressiven Aufsatz >Das brennende Problem< hatte ich meinen früheren Ullstein-Kollegen Hans Liska, den ehemaligen Zeichner der BERLINER ILLUSTRIRTEN, gewonnen. Seine große, farbige Zeichnung war ebenso aktuell und dramatisch wie der Aufsatz. Er sollte meine Visitenkarte sein.

Liska lebte irgendwo in einem süddeutschen Nest. Um ihn zu gewinnen, hatte Will eigens auf >Weltreise< gehen müssen. Leider ist es mir nie gelungen, diesen Könner nach Hamburg zu locken. Er hatte sich bei Kriegsende endgültig von der aufregenden Pressearbeit gelöst und arbeitete für Daimler Benz. Dabei sind zwei herrliche Bildbände entstanden.

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