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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 92
Die Toteninsel - Mißerfolg vorprogrammiert ???

In Reader's Digest und in einigen medizinischen Fachzeitschriften erschienen damals auffällig viele Veröffentlichungen über eine Krankheit, von der wir zwar alle Abstoßendes in der Bibel gelesen, aber sonst nie etwas gehört hatten: den >Aussatz< oder, wie man es heute nennt, die Lepra.

Gab es diese Bibelkrankheit denn überhaupt noch?

Erschreckende Daten rüttelten auf:

Tausende und Abertausende dieser vom Schicksal schwer Geschlagenen werden auch heute noch von der Gemeinschaft ausgesetzt, daher der Name Aussätzige. Sie müssen zum Teil außerhalb der Stadtmauern vegetieren oder auf kleinen Inseln im Indischen Ozean und in der Südsee. Dort leben sie in Gemeinschaften - wie Dorfgemeinden - mit ihren eigenen Gesetzen und Regeln.

Zum erstenmal erfährt die breiteste Öffentlichkeit durch diese Berichte ein wenig über die Lepra, diese rätselvolle Krankheit, die nur unter bestimmten Voraussetzungen ansteckend, in dieser Hinsicht also keineswegs mit Pest und Cholera vergleichbar ist.

Erschreckend und abstoßend sind dagegen die körperlichen Veränderungen im Gesicht und an den Gliedmaßen dieser Kranken, für die nur wenig - oft viel zuwenig geschieht.

Nur in den USA gibt es eine Organisation . . . .

. . . . die sich dieser Menschen angenommen hat und sogar eine eigene Zeitschrift für sie und ihre Probleme herausgibt. Es gibt gesunde Arzte, die auf diesen Inseln mit den Kranken leben und dabei gesund bleiben ... Kranke dürfen ihre Insel nicht verlassen, wohl aber zeitweilig gesunde Familienmitglieder und Freunde empfangen.

Und wie unter einem Zwang entsteht in mir beim Lesen dieser sachlich-kühlen Berichte die Vision eines großen dramatischen Geschehens. Wie von selbst wachsen in meiner Phantasie Gestalten, Charaktere, ergreifende Schicksale und verflechten sich zu einem Drama von unerhörter Spannweite.

Ich glaube, ich "muß" diesen Roman schreiben

Ich weiß auf einmal, daß ich diesen Roman schreiben muß - trotz oder gerade wegen des makaberen Themas. Doch alle - ausnahmslos alle -, denen ich von diesem Plan spreche, heben erschreckt die Hände:

  • »Um Himmels willen, nicht dieses abstoßende Thema! Glauben Sie denn im Ernst, daß sich auch nur einer unserer Leser für einen solchen Roman interessieren wird? Für einen dieser Menschen mit dem >Löwengesicht<?«

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Ich stand allein.

Aber ich dachte: Ich werde meine Leser durch eine spannende Handlung dazu zwingen, mir auf die Insel ohne Wiederkehr zu folgen, weil ich Menschen schildern werde, nicht Schachbrettfiguren, die man hin- und herschiebt.

»Wie gefällt Ihnen denn der Titel >Insel ohne Wiederkehr< oder gar >Die Toteninseh?« fragte ich.
»Mir gefällt das ganze Thema nicht«, sagte einer nach dem anderen. Nur Will fragte nach einer Weile: »Haben Sie denn die Handlung schon skizziert?«
»Ja - aber nur in meinem Kopf, und da ist sie gut aufgehoben.«
»Aber diese riesige Arbeit - und das bei Ihrer Migräne!«
»Das ist mir egal; meine Leser und Leserinnen werden diesen Roman noch gespannter verfolgen als seinen Vorläufer.«

Große Worte; mir schwirrte der Kopf.
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Soll ich - soll ich nicht?

Zum erstenmal frage ich in Redaktionsangelegenheiten meine Mutter um Rat.
»Es ist ein gewagter Stoff«, sagt auch sie, »aber laß dich nicht beirren. Wenn du den Anfang so schreibst, wie du ihn mir erzählt hast - dann sind die Leser schon gepackt.«

Damit ist die Entscheidung gefallen ...

Im ziemlich letzten Heft von 1950 die Vorankündigung

In Heft 52 in 1950 kündige ich den neuen Horster-Roman >Die Toteninsel< an, nachdem ich vorher mit dem Chef der Romanredaktion, Dr. Claus, eine Regelung besprochen habe, die einen nochmaligen >Ritt über den Bodensee< vermeiden soll.

Ich skizzierte auf fünfundzwanzig Seiten den Gang der Handlung und übergab ihm diesen Aufriß für den Fall, daß ich einmal wegen meiner Migräne für mehrere Tage ausfallen sollte.

Eine ganz besondere Autoren-Logistik wird festgelegt

Und noch eine Sicherheitsmaßnahme wird beschlossen: Sobald eine Fortsetzung in Druck ist, erzähle ich den Herren der Romanredaktion bis in alle Einzelheiten, wie ich die nächste Folge schreiben will.

Anschließend wird festgelegt, welcher Redakteur in einem Notfall einen bestimmten Abschnitt übernehmen soll. Jeder kennt also die ganze Folge und weiß genau, welchen Teil er notfalls zu schreiben hat. Das ist für jeden die Arbeit von höchstens einer Stunde. Die stilistischen Ungleichheiten auszubügeln, soll dann Dr. Claus übernehmen.

Endlich weniger Angst und weniger Druck

Ich war über diese vorgesehene Lösung sehr glücklich, denn sie entlastete mich von der Angst vor einer sonst immer drohenden Gefahr.
Der Anfang des Romans machte mir allerdings erhebliche Schwierigkeiten, weil ich die nächtliche, geheimnisumwitterte Ausfahrt eines Überseedampfers schildern mußte, auf dem sich eine Gruppe Gesunder zusammenfindet.

Doch nicht, um unter der traumhaften Schönheit des Tropenhimmels einen schwerelosen Urlaub zu verbringen. Sie fahren heimlich zu ihren Angehörigen, die auf einer einsamen Insel das Leben der Ausgestoßenen führen.

Und natürlich ist die "Liebe" wieder mit dabei . . .

Eine junge Frau aus Westfalen und ein junger, von der Zeit hin und her geworfener Mann aus Schlesien begegnen sich an Bord dieses Schiffes.

Liebe ist es, was die beiden einander fremden Menschen zu dieser Insel führt - aber Liebe ist es auch, was die Frau und den Mann in ihre deutsche Umwelt zurückbegleitet und einander nahebringt.

Die Hafenszene sollte/mußte nach "See" riechen . . .

Ich war nur zweimal am Hamburger Hafen gewesen und außerstande, die nächtliche Atmosphäre einer solchen Ausreise zu schildern. Das konnte aber jeder meiner Hamburger Redakteure. Einer tippte die kurze Szene gleich in die Maschine. Sie roch förmlich nach See. Ich las die zwei Seiten - las sie noch einmal - und legte sie beiseite. Dann las ich sie wieder - und warf sie in den Papierkorb.

Ich mußte es selber schreiben

Jetzt hatte ich's gepackt. Jetzt konnte ich die wichtige Szene in meinem Stil schreiben:

  • »Die Dämmerung sinkt an diesem letzten Abend des Jahres früh über Stadt und Hafen Antwerpen. Sie kommt mit einem dichten Schneetreiben vom Meer über die flandrische Ebene gezogen. Ganz plötzlich verschwinden die Docks und Schiffe im dichten Flockenwirbel, und es wird dunkel. Der Hafenlärm klingt verschwommen wie unter einer riesigen Wolldecke. Von der Stadt her dröhnt zuweilen dumpf die Detonation eines Feuerwerkskörpers herüber. Auf der Scheide draußen, irgendwo hinter den grauen Schleiern, erhebt sich der röhrende Ruf eines Ozeandampfers. Ihm antworten die hellen, spitzen Schreie der Flußschiffe.
  • An einem der Scheide-Kais, am Ende der eigentlichen Hafenzone, flammen Scheinwerfer auf. Sie gießen ihr grelles Licht über die Decks eines mittelgroßen Dampfers. Kai und Schiff sind von einer stummen, gespenstischen Geschäftigkeit belebt. Rund um die Ladeluken arbeiten Matrosen und Hafenarbeiter mit lautloser Hast. Ein Kran reckt seinen Arm über das Deck und läßt in den gähnenden Schlund des Laderaumes auf dem Vorschiff riesige Kisten sinken.
  • >Verdammtes Sauwetter! < knurrt einer der Matrosen im breiten Flämisch, ein vierschrötiger Bursche, dem die Bartstoppeln wie schwarze Schatten um Kinn und Wangen stehen. Er stemmt sich mit dem Rücken gegen eine Schneebö und schlägt sich die erstarrten Hände gegen den Oberkörper ...«

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Besuch im Hamburger Institut für Tropenkrankheiten

Es gibt in Hamburg ein großes Institut für Tropenkrankheiten. Ich rufe an, bitte den Leiter des Instituts um ein Interview und finde offene Türen. Schon das erste Gespräch ist außerordentlich ergiebig. Ich finde nicht nur großzügige und freundliche Hilfsbereitschaft bei allen auftauchenden Fragen, ich erfahre sogar zu meiner Überraschung, daß das Institut einen Leprakranken beherbergt. Er ist isoliert, und zwar in einem kleinen Pavillon.

Ich darf ihn sehen und mit ihm sprechen, finde einen erschreckend verunstalteten, aber aufgeschlossenen Menschen, erzähle ihm von meinem Plan und verspreche ihm und dem Institut, daß sie HÖR ZU laufend erhalten werden.

Große Skepsis im Verlag

Im Verlag bin ich von einer Mauer der Skepsis umgeben. Alle sehen schon der ersten Folge mit Spannung entgegen. Der Roman beginnt in Heft 1 des neuen Jahres 1951. Dabei hilft mir als Illustration das weltbekannte, millionenfach reproduzierte Gemälde des Schweizer Malers Arnold Böcklin: >Die Toteninsel<.

Gibt es jemanden, der dieses düster-romantische Bild nicht schon gesehen hat? Ein Nachen, in dem eine weißverhüllte, stehende Gestalt zu der geheimnisvollen Pinieninsel im Hintergrund gerudert wird. Es gibt keinen Menschen, der von diesem Bild nicht gepackt wird. Böcklin selber mußte mehrere, jeweils leicht veränderte Kopien herstellen.

Unser Vertriebschef Szimmetat ruft mich an

Szimmetat ruft mich an, nachdem er das Anfangskapitel gelesen hat, und gratuliert.

»Offen gestanden - nach der Ankündigung habe ich ein wenig Sorge gehabt: der makabre Titel, das Thema ... Aber jetzt, nachdem ich den Anfang gelesen habe, bin ich sicher, daß dieser Roman unsere Leser ebenso packen wird wie der erste.«
»Und damit Sie sich keine Sommersorgen zu machen brauchen: Der Umfang ist schon festgelegt. Er läuft bis Heft 42.« Szimmetat strahlt durchs Telefon.
»Zweiundvierzig Folgen? Das hat die Welt noch nicht gesehen; der vorige hatte vierzig.«
»Und dann kommt ein Roman für die Sternenkieker: >Venus auf der Waage<. Den schreibt Berndorff nach einer Idee von mir.«
»Wird sich da Herr Springer freuen!«
»Soll er auch.«
»Wenn das nur keinen Krach gibt!«
»Darauf laß ich's ankommen.«
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Wir hattte eine "Propaganda-Abteilung" . . .

Der Start der >Toteninsel< war gut vorbereitet. Die Propaganda-Abteilung
- auch wohl ein bißchen besorgt - hatte ganz dick betont: >Vom Verfasser des Romans >Ein Herz spielt falsch<.< Selbst beim Start sah ich sorgenvolle Gesichter. Szimmetat dagegen meldete erstaunt und erfreut mehr Vorbestellungen als je zuvor! Die Leser hatten also stärkeres Vertrauen zu mir als alle Mitarbeiter im Verlag.

Großes Rätselraten bei den anderen Zeitschriften

Und die anderen Zeitschriften hatten wieder einmal allen Grund, über den Erfolg der HÖR ZU-Romane und den geheimnisvollen Autor zu rätseln ...

Die Auflage steigt - "Ja, die Ullsteiner!"

Die Toteninsel - in einem Meer der Skepsis schon versunken, eh' sie aufgetaucht - wird zum Tagesgespräch von Millionen. Szimmetat ist der erste, der den Erfolg an einem raschen Steigen der Auflage registriert und voll Stolz im ganzen Hause verkündet: »Ja, die Ullsteiner! - Gelernt ist gelernt, und Gespür ist Gespür!«

Das "Wachstum" dreht den Spieß um - kleine Probleme

Nur eine Stelle fing nach ein paar Monaten an zu stöhnen: »Bei einem so schnellen Wachsen der Auflage setzen wir bei einigen Inseraten schon zu!«
Na und? Soll ich die Auflage bremsen, weil die Reklamechefs der Firmen mehr Vertrauen in HÖR ZU gesetzt haben als die eigene Anzeigenabteilung - und nur zu gerne auf deren >besonders günstige Langzeitabschlüsse< eingegangen sind?

Wo liegt die machbare Grenze der Auflage der HÖRZU ?

Welche Grenze war überhaupt erreichbar? Dafür gab es keine
Meßlatte. Ich schätzte sie auf 6 Millionen und war sicher, sie zu erreichen, wenn ich ein paar Ideen verwirklichen konnte, die ich schon lange mit mir herumtrug.

Zündende Ideen müssen auch verwirklicht werden können.

An zündenden Ideen hatte es mir nie gefehlt. Aber was nützen die schönsten Ideen, wenn man nicht die Macht hat, sie zu verwirklichen? Ich hatte sie. Ich brauchte mir kein Einverständnis zu holen. Und das war meine wahre Stärke.

Dazu ein Blick auf dieses Nachspiel

Ein Nachspiel möchte ich nicht unerwähnt lassen. Die letzte Folge war längst erschienen, und die Buchausgabe lag bereits vor, da sagte meine Sekretärin eines Tages mit hörbarem Staunen in der Stimme: »Hier ist ein Geistlicher, der Sie unbedingt persönlich sprechen möchte; es handle sich um eine vertrauliche Angelegenheit.«
»Wenn er mich nicht vom Saulus zum Paulus bekehren will, lassen Sie ihn rein.«
Der Mann trug eine schwarze Soutane, war sehr schlank und etwa fünfundvierzig.

Bitte die Adresse von Miß Ellen Whistler

»Gestatten, mein Name ist Vinzent. Ich komme mit einem etwas heiklen Anliegen. Ich möchte Sie nämlich im Namen meiner Brüder um die Adresse von Miß Ellen Whistler bitten.«

»Tut mir leid, aber ich kenne keine Miß Whistler.« Der Pater schwieg eine Weile und sah mich mit einem verlegenen Lächeln an.

»Herr Chefredakteur, ich weiß, daß es überall auf der Welt Regeln gibt, sagen wir Gesetze, die man nicht ohne Not verletzt - aber hier liegt wirklich ein Sonderfall vor. Unsere Gemeinde ...«
»Verzeihung, von welcher Gemeinde sprechen Sie?«
»Ich komme direkt von Lampur - vielleicht genügt Ihnen das.«

War das ein Aussätziger, der vor mir stand ?

Ich erschrak. Ein Aussätziger? Er muß wohl mein Erschrecken bemerkt haben, denn er setzte lächelnd hinzu: »Ich bin der Seelsorger der Kranken.«
Ich konnte immer noch nicht begreifen, was ich mit dieser Miß Whistler zu tun haben sollte, und schüttelte den Kopf. Der Pater erhob sich und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab.
»Entschuldigen Sie meine Aufdringlichkeit - aber meine Mission ist zu ernst, als daß ich nicht alles versuchen müßte, um die Adresse...«
»Mein Herr, ich kenne keine Miß Whistler.«
»Sollte sich die Dame denn auch Ihnen gegenüber mit diesem Pseudonym getarnt haben?«
Mir ging langsam ein Licht auf.
»Wenn es sich um Hans-Ulrich Horster handelt...«
»Ja!« Das Gesicht des anderen hellte sich auf.
»... dann muß ich Sie enttäuschen. Der Verfasser unseres Romans >Die Toteninseh bin ich.«

Jetzt starrte mich der Pater völlig entgeistert an.

»Das ist allerdings die größte Überraschung meines Lebens.«
»Wer ist denn das Fräulein Whistler?«

»Die Dame ist mit allen Anzeichen einer Erkrankung zwei Jahre auf unserer Insel gewesen und gehörte zu den sehr seltenen Glücksfällen, die geheilt entlassen werden konnten. Sie ist Schriftstellerin und hat uns wohl hundertmal versprochen, ein Buch über unsere Gemeinde zu schreiben. Die Echtheit der Milieuschilderung und der Menschen zwang uns zu dem Schluß, daß sie es war ... Sie verstehen!« - »Ich verstehe. Und Sie sind nun gekommen, um sich bei ihr zu bedanken!«

»Nicht nur das. Ich wollte Miß Whistler bitten, mich auf meiner Vortragsreise durch Europa zu unterstützen. Wir wissen, daß das Interesse an dem Los meiner Brüder und Schwestern durch diesen Roman aufgerüttelt worden ist, und haben beschlossen, Gott für seine Gnade durch Errichten einer kleinen Kapelle zu danken. Sie steht kurz vor ihrer Vollendung. Fremde Hilfe haben wir dazu nicht benötigt. Nun fehlt uns nur noch etwas ...« Er rang hilflos die Hände. »Jede noch so kleine Kapelle braucht eine Glocke. Und mich hat die Gemeinde nun beauftragt, durch eine Vortragsreise Spenden für diese Glocke zu erbitten. Die >Glocke von Lampur< soll ein Zeichen dafür sein, daß auch die Gesunden ein Herz für meine Brüder haben.«
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Und was kann Frau Whistler oder ich tun ?

»Welche Art von Unterstützung haben Sie sich denn von Frau Whistler erhofft?«
»Sie sollte unsere Aktion durch Zeitungsartikel und eventuell auch durch Mitwirken bei meinen Vorträgen fördern.«

»Hoffentlich gelingt es Ihnen, Frau Whistler in England zu finden. Aber unabhängig davon werde ich gerne über Ihren Besuch in HÖR ZU berichten, denn eine Welle von Briefen hat uns nicht nur das Interesse, sondern auch die Hilfsbereitschaft unserer Leser gezeigt.« - Der Pater drückte mir gerührt die Hände.

»Außerdem«, fuhr ich, einem Impuls folgend, fort, »werden wir Sie bei Ihrer Vortragsreise durch 3.000 Exemplare des Buches unterstützen, das Sie dann bei Ihren Vorträgen signieren und den Spendern überreichen können.«
Am Abend dieses Tages saß ich noch lange mit dem asketischen Pater und einigen Herrn des Tropeninstituts zusammen.
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Und dann gab es die Glocke von Lampur wirklich

Zwei Jahre später klang die > Glocke von Lampur< zum erstenmal über das südliche Meer.

Wenn Lö >nüchtern< war . . . .

Lös Erfolg mit seinem ersten Tatsachenbericht - mochte es auch eine Zangengeburt gewesen sein - brachte die Warner rasch wieder zum Verstummen. Daß er nebenher auch seinen Schuldenberg hatte abtragen können, war ein befreiender Nebeneffekt.

Wenn er >nüchtern< war, war er bescheiden und ein echter Kumpel, den man einfach mochte - ob man wollte oder nicht. Und er war ehrgeizig. Er wollte weitermachen. Er verehrte Hans Fallada und eiferte ihm nach.
»So wie der möchte ich auch gern schreiben! Und ich habe auch schon eine Idee.« Ich horchte auf. »Titel: >Der Saufen.«
Ich erschrak - er sah es mir leider an.

Jetzt hätte ich normalerweise gefragt, wie er sich den Handlungsverlauf dachte, doch mich fröstelte. Um Himmels willen, ein Alkoholiker und dieses Thema!

Ein Roman ist kein Tatsachenbericht

»Halten Sie das jetzt nicht für eine Schnapsidee; den Plan trage ich schon seit zwei Jahren mit mir herum. Bei Ihnen sehe ich endlich die Möglichkeit, ihn neben meiner normalen Redaktionsarbeit zu verwirklichen.«
Ich sagte: »Ein Roman ist kein Tatsachenbericht. Der Unterschied ist gewaltig. Im Tatsachenbericht sind alle Figuren, ist jedes Handlungselement genau vorgegeben, auch die Umwelt und ihre Einflüsse. Und sogar der Charakter jeder wichtigen Figur. Da braucht man nichts zu erfinden. - Aber beim Roman muß das alles erst erfunden werden, jede Figur genau definiert, jede ihrer Reaktionen und Handlungen bestimmt und dann völlig glaubwürdig sein.«

Ein Bericht aus meinem Leben

Er nickte Zustimmung: »Genau das habe ich mir auch gesagt. Und gerade deshalb habe ich diesen Stoff gewählt, denn es soll ein Bericht aus meinem Leben werden. Ein selbsterlebter Tatsachenroman, mit dem ich mir gewissermaßen meine eigenen Nöte von der Seele schreiben möchte.«

Ich sah in seinen Augen, daß diese Idee sich in ihm festgebrannt hatte. Ihn davon abbringen zu wollen wäre sinnlos und unverantwortlich gewesen. »Glauben Sie, daß ein solcher Roman auch für unsere Leser geeignet wäre?« - »Ja!«

»Das würde mich freuen. Also gut: Schreiben Sie zur Probe die ersten drei Folgen nebenbei, so daß Sie nicht in finanzielle Schwierigkeiten kommen - und dann sprechen wir weiter.« Überschwenglicher Dank. Echte Freudentränen.
»Ich werde Ihnen das ewig danken!«

Leider habe ich voll daneben gegriffen, ein Flop

Eines Tages trug er sich mit Aus- oder Umbauplänen seines Hauses. Dazu brauchte er etwa 10 000 Mark. Ob ich ihm die nicht als Vorschuß auf seinen großen Lebensroman geben könne?

Das war nach allen Erfahrungen mit ihm unmöglich. Als ich ihm das sagte, legte er eine große Jammerszene hin. Er hätte doch nach unserer >Absprache< schon alles angelassen, Verträge mit Architekten, Baufirmen und Behörden, die Arbeiten seien schon im Gange ... Wenn ich ihn jetzt im Stich ließe, könne er sich nur noch einen Strick nehmen.

Ein heulender Mann ... ich war entsetzt. Das grenzte doch an Erpressung. Und dann tat er mir wieder leid: ein begabter Süchtiger. Durfte ich ihn fallenlassen? Ich hätte mir zeitlebens Vorwürfe machen müssen. »Ich werde ihnen die 10 000 Mark privat vorstrecken. Zahlen Sie sie mir in Raten zurück.« Er hat nie eine erste Folge vorgelegt ... Lö verbaute nicht nur 10.000 Mark, sondern 15.000. Ich habe sie nie wiedergesehen.
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