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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 113
Neue Ufer - Hamburg - Genf - München

Mein Entschluß, Hamburg so schnell wie möglich zu verlassen, war durch nichts zu erschüttern - auch nicht durch den Gedanken, daß ich damit mein Traumhaus aufgeben müßte.

Aber wohin? An die französische Riviera ?

Ich besaß damals schon seit vielen Jahren ein sehr schönes Haus an der französischen Riviera, das ich Freunden zeitweilig kostenlos überlassen hatte. Dort hatte u. a. Frau Rosemarie Springer mit ihrer Freundin Hulda Seidewinkel einige Wochen zugebracht, dort hatte Hans Dependorf, ein Jugendfreund Springers, ein paar Monate vor seinem Freitod gewohnt, dort hatten Christian Kracht und Frau und Freundin manchen Urlaub verlebt, dort haben mich Freunde und Bekannte aus aller Welt besucht - aber dort, mit dem weiten, auf die Dauer langweiligen Blick über das Mittelmeer und den von amerikanischen Kriegsschiffen bevorzugten Hafen Villefranche, über Cap d'Antibes und Nizza - konnte ich nicht ständig wohnen. Ich brauchte pulsierendes Leben!

Also nach Genf.

Petit Paris, wie die Schweizer meinen. Zunächst einmal mußte mir ein Fachmann sagen, daß ich wohl eine befristete Aufenthaltserlaubnis erhalten könne, weil ich als wohlbestallter Rentner in der Schweiz kein Geld verdienen, sondern nur ausgeben, ihr also finanziell nicht zur Last fallen würde, daß ich aber keinen Schweizer Paß, sondern erst nach zehn oder fünfzehn Jahren einen ... Fremdenpaß bekommen könne und daß selbst der an eine Reihe unabdingbarer Bestimmungen geknüpft sei.

"Herr Springer ist nicht der Staat . . . . ."

»Sie bleiben also Deutscher, behalten Ihren deutschen Paß, müssen aber den kleinen Bundesausweis abliefern, denn den gibt nicht der Staat, sondern die Stadt aus, in der Sie Ihren festen Wohnsitz haben. Und den wollen Sie ja aufgeben.«
»An einem Land, in dem man mir mit einem >schlichten Abschied< den Stuhl vor die Tür gestellt hat, liegt mir nicht mehr so viel.«

»Herr Springer ist nicht der Staat. Sie sollten als Deutscher in Deutschland wenigstens einen sogenannten zweiten Wohnsitz behalten, denn Sie verdienen hier ja auch weiterhin mit Ihren Büchern und Erfindungen Geld.«

Dann ziehe ich eben nach München

»Dann ziehe ich in eine andere Stadt; vielleicht nach München, der Geburtsstadt meiner Mutter. Ich bin schließlich ein halber Saupreuß und ein halber ... Saubayer. Meine Mutter meint, dort würde ich mich wohl fühlen.«

Also doch in die Schweiz

Ganz so einfach war es dann nicht. Die Schweiz nahm noch lange nicht jeden. Ich sprach sofort mit dem Schweizer Konsul darüber. Er meinte, man würde meinen Antrag sicher besonders wohlwollend behandeln, und schickte mir ein Antragsformular mit vielen Fragen. Vor allem nach der politischen Vergangenheit. Daß die Schweizer sich keine Läuse in den Pelz setzen wollten, war einzusehen. Ich füllte alle Fragen aus und gab den Antrag zur Post.

Ich solle mich in Genf vorstellen

Wochenlanges Schweigen. Dann der Bescheid, ich solle mich in Genf vorstellen.
Ich nahm mir dort den nobelsten Anwalt und fing an zu verhandeln. Alles schien gut - aber es würde doch noch etwa ein bis zwei Jahre dauern. Immerhin wollte mich der Chef der Finanzbehörde sprechen.

Termin am übernächsten Tag. - Das geht nicht . . .

»Um Himmels willen, das geht nicht, da erwartet mich der Präsident des Roten Kreuzes in Bonn, um mir das Ehrenkreuz des Roten Kreuzes zu überreichen.«
»Was? Und das sagen Sie mir erst jetzt?«
»In Deutschland hängt man so was nicht an die große Glocke.« - »Bei uns auch nicht - aber das ist doch im Zusammenhang mit Ihrem Antrag, nach Genf zu ziehen, von entscheidender Bedeutung ... Nach Genf, der Stadt des Roten Kreuzes! Entschuldigen Sie!«

Er führte ein längeres Telefongespräch. Dann legte er den Hörer auf:
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Und dann : »Ihr Antrag ist genehmigt!«

Ich mietete mir noch am selben Tag in einem Hochhaus-Neubau eine große Wohnung, die der Bauherr eigentlich für seine Tochter als Hochzeitsgabe vorgesehen, elegant möbliert und bis ins letzte eingerichtet hatte. Doch die Hochzeit war geplatzt. Für mich ein Glücksfall.

Ich bekam das Ehrenkreuz des Roten Kreuzes

Ich reiste nach Bonn, holte mir dort das selten verliehene Ehrenkreuz des Roten Kreuzes - ein Trost nach dem unverdienten Rausschmiß - und flog weiter nach Hamburg, um sofort den nötigen Papierkrieg zu erledigen.

Bald darauf flog ich nach München.

Auf dem Weg vom Flughafen sah ich fast am Stadtrand einen riesigen Neubau. Das sei das Arabellahaus, aber bestimmt nichts für mich, sagte der Taxifahrer. »Eine von reichen Studenten und ihren Liebchen bewohnte Mietskaserne. Ein Puff!«

Ich mietete mir ein Appartement im vornehmen >Regina< und ging sofort auf Wohnungssuche. Erfolg negativ.
»Warum versuchen Sie es denn nicht einmal im Arabellahaus?«
»In diesem Puff?« Man belehrte mich eines Besseren. Ich sah mir den modernen Neubau an und war begeistert.
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Der Versuch, mein Haus in Hamburg zu verkaufen

Telefongespräch mit Will: Ich soll auch eine Wohnung für ihn sichern. Ich zog ein und sagte Will, er müsse gleich kommen und sich um seine Wohnung kümmern. Ich wolle sofort zurück nach Hamburg, um den Verkauf des Hauses mit aller Energie voranzutreiben.

Das aber war - wie mir mein Berater sagte - keine leichte Aufgabe. Die nächsten Monate bewiesen es.
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Aber wer zieht denn nach Hamburg ?

Ich ließ mir von einem Grafiker einen großen farbigen Prospekt über das Haus, das Grundstück und seine Lage im Herzen der Stadt anfertigen. Es wurde eine mustergültige, verlockend aussehende Arbeit mit kopierbaren Grundrissen für etwaige Umbaupläne der Interessenten und allen nötigen Angaben. Preis für die tausend Exemplare 20.000 Mark. Sie wurden an gut betuchte Leute der Bundesrepublik verschickt.

Ergebnis? Einer nach dem anderen schrieb: »Welch ein wunderschönes, kultiviertes Haus in einzigartiger, märchenhafter Lage! - Aber wer zieht denn nach Hamburg, wenn er nicht muß?« - Das war's!

Ich fand keinen Käufer, hatte mir aber eisern vorgenommen, Hamburg nicht zu verlassen, bevor das Haus an den Mann gebracht war.

>Mausi< wolle sich das Haus einmal ansehen

Da meldete sich eines Tages Christian Kracht: >Mausi<, Vorname Helga, Springers vierte Frau, wolle sich das Haus einmal ansehen. -
Mausi? Nanu! Merkwürdig ... Sie kam, war begeistert und sagte: »Jetzt kann ich meine beiden Söhne aus dem Schweizer Internat zu mir nach Hamburg holen, denn sie sind ja schließlich Hamburger!« - Wenige Tage später unterschrieb Kracht bei mir den Scheck über 3,5 Millionen Mark.
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Sie hatte das Haus nie wieder betreten ... Wer weiß, weshalb?

Daß "Mausi" es sich dann anders überlegt und das Haus nie wieder betreten hat ... Wer weiß, weshalb? Das schönste Haus an der Außenalster stand leer, der Garten verwahrloste, man stahl wertvolle Pflanzen, am Ufer legten Boote mit Liebespärchen an - und eines Tages - wurde dann eingebrochen...

Was aus dem berühmten, überaus wertvollen grasenden Fohlen der Renee Sintenis geworden ist, das auf einem schweren Betonsockel befestigt war, wissen die Götter.

Kapitel 114
Neue Aufgaben und flacher Bildschirm - Hochzeilen-Fernsehen

Mit dem Verkauf des Hamburger Hauses waren alle Verbindungen zum Verlag abgebrochen. Mich gab's nicht mehr.
Ein paar sehr nüchtern denkende Verleger streckten vorsichtig über Mittelspersonen die Fühler aus und winkten mit verlockenden Angeboten.
Meine Antwort: »Ich bin zwangspensioniert, also verlagsgebunden.«

Ein Fortsetzungsroman für die BILD-Zeitung ? Nein.

Außerdem war mir klar, daß mir kein anderer noch so großzügiger Verlag die einzigartigen Rechte einräumen konnte, die allein es mir ermöglicht hatten, die Erfolge zu erzielen, die nun hinter mir lagen.

Der erste, der trotz Springer den Mut hatte, mir für einen Fortsetzungsroman eine bisher noch nie gezahlte Summe zu bieten, war ... der Chef von BILD, Peter Boenisch. Ich lehnte ab, empfahl ihm aber den Versuch mit Lö.

Lö versagte gleich zweimal

Diesem bedauernswert süchtigen Mann habe ich immer wieder zu helfen versucht, weil er mir leid tat. Ich schenkte ihm eine sauber durchdachte Idee zu einem für BILD geeigneten Roman mit allen Rechten, er fing an ... und versagte. Ein zweiter Versuch mit einem anderen Stoff ging auch in die Brüche.

Alle Versuche mit Lö - hoffnungslos

Einziger Trost: Er hatte durch meine Hilfe von Boenisch großzügige Honorare bekommen. »Lassen Sie weitere Versuche mit Romanen; schreiben Sie harte Tatsachenberichte, das ist Ihre Stärke!«

Ich nante ihm mehrere brennend interessante Fälle, riet ihm unter anderem zu einer Serie: Was ist aus den berühmten Lebenslänglichen geworden?

Zum Dank dafür überfiel er mich immer wieder mit schrecklich klingenden Verzweiflungstelegrammen, angeblich notwendigen Nieren- und Raucherbeinoperationen und Selbstmorddrohungen.

Die Lust zu schreiben war mir vergangen

Ein Lichtblick war die zufällige Bekanntschaft mit einem angesehenen Pariser Verleger, der mich ab und zu einlud, um meine Ansicht über seine Verlagsobjekte zu hören.

Die Lust zu schreiben war mir vergangen. Ich bezog aber alle interessanten physikalischen, elektro-, funk- und fernsehtechnischen, biologischen und medizinischen Fachzeitschriften, um geistig nicht ins Abseits zu geraten.

Daß es mir dabei oft in den Fingern kribbelte, wenn ich die nur allzu behäbig fortschreitende technische Fernsehentwicklung verfolgte, sollte sich bald auswirken ...

Eine Art Vagabundenleben voller Unrast

Ansonsten lebte ich in Genf, reiste in der Welt herum, war wiederholt in den USA, in Nordafrika, Spanien und Portugal, ließ mich dann und wann für einige Wochen häuslich auf Cap Ferrat und in München nieder, ging zu allen Berliner und Düsseldorfer Rundfunk- und Fernsehausstellungen - eine Art Vagabundenleben voller Unrast.

Für mich ganz schlimm - ein Leben ohne Ziel und Aufgaben

Ich hatte kein Ziel mehr, keine Aufgabe, ich kam mir überflüssig vor. Als ich eines Tages auf der Funkausstellung den Saba-Stand betrat, hörte ich eine bekannte Stimme: »Ah, da kommt er ja, der Hecht im Karpfenteich!« Ich sah mich erschreckt um, aller Augen waren auf mich gerichtet, während der alte Schwer (es muß Hermann Brunner-Schwer gewesen sein) mit ausgebreiteten Armen auf mich zukam:

"Mein lieber Rhein, wohin sind Sie bloß so sang- und klanglos verschwunden ?"

»Mein lieber Rhein, wohin sind Sie bloß so sang- und klanglos verschwunden? Wenn Sie nur wüßten, wie Sie uns heute fehlen, mit Ihrer Kritik, Ihrem ständigen Drängeln - sosehr es uns manchmal auch geärgert hat, weil Sie der Zeit immer ein paar Schritte voraus waren. Noch heute denke ich an Ihren aufrüttelnden Brief über unsere altmodischen Gehäuse. Wie haben sich meine Kaufleute und Techniker damals über ihn und Ihren angeblichen UKW-Fimmel geärgert. Und wie haben Sie trotzdem recht behalten! Was heute geht - was uns heute aus den Händen gerissen wird, ist Ihre > Welle der Freude<! - Wann kommen Sie wieder? Wir brauchen Sie.«

Ich war beschämt. Ich hatte es der Industrie doch wirklich nicht immer leichtgemacht, wenn es um den Fortschritt ging... Und nun das.

Und auch Herr Mende (Normende) schrieb mir einen Brief

Nicht viel später erhielt ich von Herrn Mende, dem Gründer und Inhaber von Nordmende, einen langen handgeschriebenen Brief gleichen Inhalts.

Und der in Ehren ergraute ehemalige Telefunken-Direktor Michael Lock - ein guter Freund - schrieb mir zum Geburtstag: »Mensch, Rhein! Schade, daß Sie mit Ihrem Wissen, Ihren Einfällen und Ihrer Energie zu den Ullsteinern gegangen sind statt zur Industrie!«

Kapitel 115
Dann - 1975 - habe ich etwas gesehen
Hochzeilen-Fernsehen

Bei einem Bummel durch die Berliner Funk- und Fernsehausstellung 1975 sah ich etwas, was mich stutzig machte: In einer Ecke, mehr versteckt als ausgestellt, stand ein Fernseher mit besonders großer Bildröhre, und etwa einen Meter entfernt von ihm drehte sich eine kostbar gekleidete japanische Puppe im Licht eines Scheinwerfers. Links und rechts von ihr Farbaufnahmen aus Japan. Ein elektronisches Auge, das automatisch hin- und hergeschwenkt wurde, machte alles auf dem Bildschirm in prachtvollen Farben sichtbar.

Nun, das war nichts Besonderes. Auffällig - sehr auffällig aber war die Struktur des Bildes, das nicht aus 625 Zeilen, sondern aus 1250 Zeilen bestand.

Es war ein echtes HDTV Bild mit 1250 Zeilen !

Ein junger Mann, der als Aufsicht daneben stand, konnte mir keine Auskunft geben, wohl aber ein Prospektblatt, auf dem das Bild einer Katze zu sehen war: einmal aus 625 Zeilen aufgebaut, und einmal aus 1250 Zeilen. Ich sah das Fernsehbild, das ich nie wieder vergessen sollte.

1250 Zeilen! Das war die Qualität des farbigen Kinobildes! So weit waren die Japaner also schon in der Technik der Braunschen Röhren und der elektronischen Fernsehaugen fortgeschritten! Aber an eine praktische Anwendung im Fernsehen dachte trotzdem noch kein Mensch.

Ja, wäre ich noch Chefredakteur von HÖR ZU . . .

Wäre ich damals noch Chefredakteur von HÖR ZU gewesen, hätte ich diesen Aufbau sofort fotografieren lassen und als das herausgestellt, was er war: die technische Sensation des Jahres.

Keiner hatte gesehen, was es da zu sehen gab: einen Blick in die Zukunft. In keiner Tageszeitung, in keiner Fachzeitschrift fand ich einen Bericht darüber.

Und mir waren die Hände gebunden. Doch das Wissen um die neuen Möglichkeiten ließ mich nicht mehr los ...

Hochzeilen-Fernsehen müßte man haben!

Ich begann zu überlegen, wie ich diese Entwicklung wohl fördern könnte ... Schon 1966 hatte Professor Schröter von Telefunken auf die Notwendigkeit hingewiesen, das 625-Zeilen-Bild durch den Übergang auf 1250 Zeilen der Güte des farbigen Kinobildes anzugleichen.

Das Problem war der Transport zum Empfänger

Die dabei auf der Sender- und Empfängerseite auftretenden Probleme wären ohne weiteres zu lösen gewesen, große Schwierigkeiten dagegen bereitete der Transport dieser Bilder durch den Äther, denn die verfügbaren Fernsehkanäle waren unter den Ländern Europas verteilt worden und für die Übertragung hochzeiliger Fernsehbilder viel zu eng.

Würde es möglich sein, sie auf der Senderseite zu komprimieren und im Empfänger wieder auf ihre ursprüngliche Breite zu dehnen? Oder mußte man andere Wege gehen? Zehn Jahre waren seit Schröters Anregung vergangen - und was war inzwischen geschehen? So gut wie nichts.

Gedacht war es ja nur für die Hörsäle der Medizinstudenten

Daß die Japaner Bildröhren für 1250 Zeilen herstellten, hatte andere Gründe: Sie wurden nicht für drahtlose Fernsehsendungen benötigt, sondern u. a. für drahtgebundene Übertragungen von Operationen in die Hörsäle der Medizinstudenten.

Weshalb hatte sich inzwischen nichts bewegt?

Die Braunsche Röhre war zwar dreißig Jahre lang ständig verbessert und ihre Herstellung durch Automation verbilligt worden, aber den entscheidenden Schritt hatte man nicht getan. Auch nicht in Japan. Weshalb sollte man - wo auch immer -neue, ungeheuer kostspielige Entwicklungen veranlassen, für die keinerlei Interesse bestand? Es ging doch, so wie es ging, ganz gut! Und was der Mensch nicht kennt, vermißt er nicht. Ein derartiges Interesse war nirgends geweckt worden.

Und wieder erzählt Eduard Rhein aus dem "Nähkästchen"

Wo in der Welt saß denn ein Chefredakteur, der genug von den immer schwerer durchschaubaren physikalischen und technischen Möglichkeiten verstand und außerdem bereit war, sich mit der öffentlichen Forderung nach dem längst überfälligen Fortschritt Läuse in den Pelz zu setzen?

Nirgends. Meine vorsichtige Fühlungnahme mit der berufenen Fachpresse blieb aus Engstirnigkeit oder - Angst vor den Werbeabteilungen der allmächtigen Industrie ungehört. Verdammt!
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  • Anmerkung : Erneut spricht Rhein hier über Erfahrungen mit den Gehimnissen, die eigentlich nie ans Licht kommen sollten, nämlich der Abhängigeit der (einer) Zeitschrift vom Wohlwollen der professionellen Inserenten.

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Man müsste es "vorantreiben".

Je mehr ich mich mit solchen Gedanken quälte, um so deutlicher wurde mir, daß auch in einem anderen Punkt nichts getan wurde, um die Entwicklung voranzutreiben.

Anfangs waren die Fernsehgehäuse vollgestopft gewesen mit notwendiger Technik. Doch man hatte den Aufwand immer mehr verkleinert.

Öffnen Sie doch einmal einen modernen Fernseher, und sehen Sie hinein! Sie werden dabei leicht den Eindruck gewinnen, eine Mogelpackung gekauft zu haben - denn drin ist nicht mehr viel ... außer Luft.

Und in der Braunschen Röhre ist ja auch nur Luft

Und stellenweise nicht einmal das, sondern sehr viel weniger: völliges Vakuum, das von dem bauchig gewölbten riesigen Hinterteil der luftleer gepumpten Braunschen Röhre umschlossen wird.

Deshalb - nur deshalb - immer noch die häßliche und lästige raumfressende, mehr oder weniger geschickt kaschierte Bautiefe der Empfänger.
Weshalb schneidet man dieses scheußlich sperrige Hinterteil der Bildröhre denn nicht ab? Weil das unmöglich ist, denn dieses Weniger als ein Nichts ist leider notwendig. Das liegt am Prinzip der Braunschen Röhre.

Aber glauben Sie nun nicht, die Techniker hätten das einfach wie Gottes Segen oder Fluch hingenommen! Schon vor - es ist kaum zu glauben, und deshalb muß ich die Zahl wie auf einem Scheck in Buchstaben angeben - schon vor fünfzig Jahren haben verwegene Techniker und Physiker bei Philips den Mut besessen, den Hals der Röhre - wenn auch aus einem anderen Grund, einfach rechtwinklig nach der Seite umzuknicken.
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Und es ging!

Weshalb man diesen in der Philips-Hauszeitschrift gezeigten Versuch nicht weiterverfolgt und in ihm die Möglichkeit gesehen hat, die Bautiefe der Gehäuse zu verkürzen, hat einen Grund: Damals waren die Gehäuse mit dem anderen Kram noch so vollgestopft, daß das Umknicken des Röhrenhalses praktisch nichts gebracht hätte. Doch - man lese und staune - fünfzig Jahre später hat SONY bei seinem flachen Taschenfernseher Walkman genau dasselbe getan ...

Man muß den flachen Bildschirm entwickeln!

Als ich das 1976 zu erstenmal sagte und schrieb, hielten mich einige für verrückt, aber das war ich gewöhnt und nahm ich keinem übel. Mit welchem Fachmann ich auch über das Thema sprach, man zeigte sich überrascht und ... skeptisch. Wenn schon; auch Rom ist ... Aber das wissen Sie ja!

Endlich wieder ein Ziel - nein gleich zwei

Jetzt hatte ich also zwei hohe Ziele, um die zu streiten sich lohnen würde. Erreichen konnte ich sie nur, wenn ich die gesamte Fachwelt zum Nachdenken anregte und die breiteste Weltöffentlichkeit auf die Bedeutung dieser Entwicklung hinwies.

Dazu gab es nur eine einzige Möglichkeit: die alle zwei Jahre in Berlin beziehungsweise Düsseldorf stattfindende Internationale Funkausstellung. Dort mußte ich mit meiner Forderung auftreten. Mit Unterstützung durch die Tages- und Fachpresse hatte ich dabei zunächst nicht zu rechnen.

1976 - Die Idee einer Stiftung reift

Aus der Erkenntnis, daß einem nichts geschenkt wird, gründete ich 1976 eine Stiftung mit Sitz in Hamburg. Ihr erklärtes Ziel: Das Hochzeilen-Fernsehen und der flache, nur wenige Zentimeter dicke Bildschirm, also eine Verringerung der monströsen Gehäusedicke um 40 bis 50 Zentimeter. Der Fernseher wird schlanker.

Inzwischen wurde das Startkapital in mustergültiger Zusammenarbeit mit der Hamburger Stiftungsbehörde auf 6 Millionen erhöht. - Die Stiftung steht.
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