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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 11
Juni 1914 - Das große Gewitter - der 1. Weltkrieg

Der gewölbte Juni-Himmel über uns war dieses Jahr wie mit einem Gespinst aus Glas verhangen, als an einem seiner letzten Tage ein Blitz niederzuckte und kurz darauf ein Donnerschlag die Welt erzittern ließ:

Der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand und seine >morganatisch< angetraute Frau Sophie waren in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo aus Rache für die Unterdrückung der Serben von einem neunzehnjährigen Studenten >feige< erschossen und derselbe (also nicht etwa ein anderer) von der empörten Menge blutig zugerichtet wordene (WIENER KRONEN-ZEITUNG)

War der Sarajewo Mörder wirklich "feige" ?

Ich weiß bis heute noch nicht, weshalb selbst die verwegensten Attentäter auch in seriösen Tageszeitungen immer wieder mit dem Wörtchen feige behängt werden. Das haut doch fürchterlich daneben, denn wer feige ist, der führt sein Vorhaben nicht vor aller Augen durch, sondern schießt aus dem Hinterhalt (wie bei Kennedy 1963) oder mordet mit Gift (wie im Vatikan des öfteren praktiziert) ...

Ich hatte nichts von allem verstanden

Aber abgesehen davon: Ich erschrak zwar, weil ich merkte, daß die Menschen um mich herum nervös und aufgeregt reagierten, wußte aber nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Schließlich war ich noch nicht einmal vierzehn Jahre alt, hatte noch nie von diesem Erzherzog gehört und hatte keine Ahnung, was das Wörtchen >morganatisch< bedeutete.

Erwarten Sie also bitte nicht, daß ich Ihnen hier vorschwindele, ich hätte auch nur die Spur von dem verstanden oder gar durchschaut, was damals vor und hinter den Kulissen wirklich passiert ist, daß ich Zusammenhänge deuten kann oder gar frevelnd versuche, die Geschichte des folgenden Krieges zu erzählen. Das ist die Aufgabe anderer.

Am 1. August : Das erschreckende Wort >Weltkrieg<

Die Presse hatte gerade über die feierliche Eröffnung des Panamakanals durch den amerikanischen Präsidenten Wilson berichtet und von seiner Bedeutung für den friedlichen Warenaustausch unter den Völkern geschwärmt, wenige Tage später aber schon ahnungsvoll und beängstigend von der drohenden Gefahr eines Krieges gesprochen. Das erschreckende Wort >Weltkrieg< erschien dann am 1. August zum erstenmal als Schlagzeile auf der Titelseite der KÖNIGSBERGER ZEITUNG.

Es kam Angst auf

Die Aufregung überflutete jedes gesunde Denken - die Menschen redeten aneinander vorbei wie beim babylonischen Sprachengewirr. Angst schnürte die Kehlen - man spürt so was auch als Kind -, doch was dann alles geschah, glitt zunächst wie hinter einer Mattglasscheibe an mir vorüber. Was man erfuhr, erfuhr man aus den Zeitungen mit ihren vielen Extrablättern.

Auf dem >Felde der Ehre< ihr Leben lassen

Ich begriff zwar im Lauf der folgenden Monate, daß wegen des Mordes an zwei Menschen Millionen andere in den Krieg geschickt wurden und dort auf dem >Felde der Ehre< ihr Leben lassen mußten, doch was ich darüber in den Schulen zu hören bekam, deckte sich nur zum Teil mit dem, was die Leute sagten, und war nur schwer mit den sorgenvollen Bemerkungen von Papa und Mama in Einklang zu bringen. Wie konnte daraus in mir ein klares Bild entstehen?

Rundheraus gesagt: Ich lebte inmitten von Geschehnissen, von deren Hintergründen ich nichts wußte. Ebensowenig wie die meisten anderen konnte ich ahnen, daß dieser unselige 28. Juni der Anfang eines gigantischen Krieges und für Abermillionen in aller Welt der Anfang vom Ende werden sollte.

Echte, rechte Patrioten und der blinde Gehorsam

Viele kampfmutige Männer wußten zwar auch nicht so recht, weshalb sie nun die Eltern, Frau und Kind verlassen und andere Männer totschießen oder mit dem aufgepflanzten Bajonett niederstechen sollten, aber viele von ihnen waren eben echte, rechte Patrioten und fühlten sich als solche zu blindem Gehorsam verpflichtet. Ihre Vaterlandsliebe überschlug sich, schien sich immer wieder an sich selber zu entzünden, artete nicht selten in blinden Hurrapatriotismus aus und zerstreute zeitweilig alle Sorgen und Bedenken.

Nach der stolz klingenden Parole des Kaisers »Viel Feind, viel Ehr«, erklärte die Reichsregierung einem Land nach dem anderen oder diese uns den Krieg. Mir schien, als wären wir - weiß der Teufel, warum - nur von mordlüsternen Feinden umgeben.

Und der Papst betete für die Gefallenen

Papst Pius X. betete zwar am prächtig geschmückten Apostelaltar des Petersdoms persönlich für die Seelenruhe der Gefallenen - ein zweifelhafter himmlischer Trost für die Hinterbliebenen -, erlitt aber - welch böses Omen! - während dieser hochheiligen und gottgefälligen Zeremonie einen Ohnmachtsanfall und starb kurz darauf. Sein Nachfolger nannte sich Benedikt XV.

Auch er betete zu Gott um Frieden und Versöhnung unter den Völkern, aber seine Gebete verhallten wie die Gebete aller Päpste aller Zeiten, unerhört im himmlischen Blau ...

Unsere Dichter und Sprüchemacher stimmten heldische Kriegslieder an

Unsere Dichter und Sprüchemacher stimmten indes, um sich auch ihrerseits der Größe ihrer Zeit würdig zu erweisen, heldische Kriegslieder an, und die Soldaten sangen sie in ihrer todesmutigen Begeisterung wie Gassenhauer. Wir Knirpse lernten sie in der Schule. Ich kenne die meisten auch heute noch:
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  • »Das Volk steht auf,
  • der Sturm bricht los,
  • wer legt da die Hände
  • noch feig in den Schoß?«

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  • »Deutschland muß leben,
  • und wenn wir sterben müssen!«

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  • »Siegreich woll'n wir Frankreich schlagen,
  • sterben als ein tapfrer Held.«

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Und erst die Kitschplakate überall

Und einprägsame Kitschplakate zeigten unsere stets siegreichen Helden im Kampf Mann gegen Mann. Überschriften:

  • »Jeder (Bajonett-)Stoß, ein Franzos'!«
  • »Jeder Tritt, ein Britt'!«
  • »Jeder Schuß, ein Russ'!«


Und Seine Kaiserlich-Königliche Majestät Wilhelm II tat den heldenhaft-markigen Ausspruch, der es wohl verdient, in das Goldene Buch der Kriegsgeschichte einzugehen:

  • »Nun aber wollen wir sie dreschen!«

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Wen und weshalb - das verriet er nicht.
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Was hatten sie uns denn getan ?

Den harmlosen Straßenfeger Pierre aus Paris? Den kleinen Fabrikarbeiter Johnny aus London? Den gemütlichen Brummbären Iwan aus Moskau?
Was hatten sie unserm braven, zipfelmützigen Michel denn getan?

Sinnlose Frage! Die Politiker hatten sie zu seinen Todfeinden erklärt - genügte das etwa nicht? Es hatte zu genügen, denn selbst unser allseits beliebter Kronprinz rief todesmutig und als waschechter Berliner schnodderig:

  • »Immer feste druff!«

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Papa liebete Paris und die Pariser(innen)

Die Franzosen erschienen in den ersten Monaten des Krieges auf dem Schlachtfeld - "Schlacht-Feld" wie "Schlacht-Hof" - zum Erstaunen unserer unaufhaltsamen Truppen tatsächlich in ihren geliebten roten Hosen - und boten den Feldgrauen ein allzu leichtes Ziel.

Papa, der Paris und die Pariser(innen) kannte und aufrichtig liebte, schüttelte verständnislos den Kopf: »Diese Vorliebe der Franzosen für rote Hosen grenzt schon an Wahnsinn!«

Die Dummheit der französischen Generalstäbler

Man sieht auch heute noch in keinem Lande der Welt so viele rote Hosen wie in Frankreich, aber ich glaube, die roten Uniformhosen waren weniger eine Dummheit der französischen Generalstäbler als ein Beweis dafür, daß sie nicht an die Gefahr eines Krieges geglaubt hatten und deshalb nicht so gründlich auf einen Krieg vorbereitet waren wie wir.

»In vier Wochen sind wir wieder da!«

. . . . hatten die scheidenden Männer ihren weinenden Frauen und Kindern aus den mit heldenhaften Sprüchen bemalten Eisenbahnzügen zugerufen, Sträußchen in ihren Gewehrläufen, doch aus diesen vier Wochen - diesem Spaziergang, wie man sie glauben machte - wurden Monate, Jahre. Und für Millionen Männer eine Ewigkeit in den Massengräbern fremder Erde.

Siegesjubel am Anfang, farbige Wimpel zum Anstecken nach jedem größeren Sieg - und deren gab es am Anfang eine stattliche Zahl - und die Kriegsanleihen, eine nach der andern, siegesfreudig und zuversichtlich gezeichnet; spendensammelnde Kinder mit klimpernden Blechbüchsen, Metallsammlungen, Lumpensammlungen, Sammlungen aller Art, und unter ihnen eine vor allem: die Goldsammlung.

>Gold gab ich für Eisen<

. . . hieß die Devise. - Mama trug schweren Herzens ihren ganzen Schmuck zur Sammelstelle. Und der österreichisch-ungarische Komponist Emmerich Kalman brachte schon im Oktober 1914 seine patriotische Operette >Gold gab ich für Eisen< in Wien zur Uraufführung.

Konrad Adenauer's Kriegsbrot

Der 1. Beigeordnete der Stadt Köln und leidenschaftliche Erfinder Konrad Adenauer erfand ein Kriegsbrot besonderer Art und ließ es sich unter dem schönen Namen >Kölner Sparbrot< patentieren: Es bestand aus Mais, Gerste und Roggen und soll ähnlich wie Schwarzbrot geschmeckt haben. In den Monaten Mai und Juni 1915 durfte es zur Einführung sogar ohne Brotmarken verkauft werden. Ob es auch später noch gekauft wurde, meldet die Chronik nicht

Brotteig mit frischem Blut

Ein anderer kam auf die Idee, dem Brotteig das frische Blut aus den Schlachthöfen beizumischen. Doch dieses >Blutbrot< erregte begreiflichen Widerwillen und fand keine Freunde. Mich graust es heute noch bei dem Gedanken. (Aber die Leute essen ja auch Blutwurst.)

Taumeln von Sieg zu Sieg.

Siege, Siege, Siege. Es war wie ein Taumeln von Sieg zu Sieg. Unter den ersten rauschhaften Siegesmeldungen fanden Gedanken an eigene Verluste keinen Raum. Doch das sollte sich ändern.

1916 - Erste größere Verlustmeldungen

Erste größere Verlustmeldungen, langsam wachsende Skepsis, wachsende Ängste, wachsende Sorgen, wachsende Sparmaßnahmen und Einschränkungen.

Dem Brot wurde auf höheren Befehl Kartoffelmehl zugesetzt, immer dringlichere Sparappelle und gleichzeitig rücksichtsloses Hamstern, immer strengere Lebensmittelrationierungen durch Lebensmittelkarten und immer mehr und immer dringlichere Durchhalteparolen unter der Devise >Für Kaiser und Reich!<

Wachsende Überlebensängste.

Viel zu viele Tote blieben auf dem >Feld der Ehre<. Viel zu viele für die Todesanzeigen in den Zeitungen ... Sie hätten eine Panik auslösen können und wurden deshalb nicht einmal mehr als bloße Namenslisten gedruckt.

Januar 1917 - die dicken gelben Steckrüben

Ab Januar 1917 gab's nur noch 50 Gramm Butter und 30 Gramm Margarine je Kopf und Woche. Statt der knapp werdenden Kartoffeln wurden die dicken gelben Steckrüben zugeteilt. Sie waren äußerst unbeliebt, als eine Art Eintopfgemüse aber genießbar. Statt der verschiedenen Marmeladen gab es nur noch >Vier-frucht-Marmelade<. Sie bestand zu 80 Prozent aus Mohrrüben und Rübenzucker.

Der Volksmund dichtete ihr zum Lobe das sehr populäre Schlagerlied um:

  • >Der Soldate, der Soldate...<
  • Es hieß jetzt: »Marmelade, Marmelade,
  • das ist der beste Fraß im ganzen Staate.
  • Drum schwärmen alle Mädchen auch so sehr
  • für das süße Marmeladenmilitär.«

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Ab jetzt Flammenwerfer und Senfgas

Die Franzosen setzten in ihrem Abwehrkampf Flammenwerfer ein. Wir reagierten mit Senfgas darauf. Die Moral der Truppe sank. An einen Sieg glaubten nur noch wenige.

1917 - Mein Großvater starb

Unsere Familie traf im letzten Kriegsjahr völlig überraschend die Nachricht vom Tode meines Großvaters. Er war gestorben, ohne sich mit meinem Vater ausgesöhnt zu haben. Seiner zweiten Frau hatte er ein Legat ausgesetzt, seinen einzigen Sohn enterbt und das ganze Vermögen uns Enkelkindern vermacht. Es blieb bis zu unserer Volljährigkeit einem tüchtigen, rechtschaffenen Vermögensverwalter und Testamentsvollstrecker unterstellt.

Papa konnte nicht enterbt werden

Enterben kann man einen rechtmäßigen Erben nur, wenn es dafür einen sehr ernsten Grund gibt. Den gab es aber nicht, und so schrieb Opa schlicht und ergreifend in sein Testament, sein Sohn hätte ihm nach dem Leben getrachtet. Das zog aber nicht. Papa erhielt das ihm gesetzlich zustehende Erbteil, das heißt ein Viertel des gesamten Vermögens.

Das war - wie sich herausstellte - sehr viel an Barvermögen, Häusern und Grundstücken. Selbst Papa war überrascht. Für die Familie bestand also kein Grund zur Sorge. Opas Witwe - es war seine zweite Frau - eine feine, immer um Ausgleich bemühte Dame, räumte das Haus und zog zu ihren Verwandten nach Bonn.

Zurück nach Königswinter

Für uns hieß das - zurück nach Königswinter. - Zurück? Für mich war es ein Umzug in ein fremdes, romantisches Städtchen, das ich schon mit vier Jahren verlassen hatte, mit dem ich also kaum verwachsen sein konnte und das ich bei den äußerst seltenen Besuchen des bäuerlich-biederen Großvaters nur flüchtig kennengelernt hatte. Die Menschen waren mir fremd, und die Jungen meines Alters, die mich hochdeutsch sprechenden, immer piekfein angezogenen Fremdling mißtrauisch bestaunten, blieben lange reserviert.

Ein Garten mit vielen Obstbäumen und Gemüsebeeten

Zur Schule und zum Konservatorium fuhr ich nun täglich mit der Bahn. Und auch das trug nicht gerade zu den wünschenswerten freundschaftlichen Beziehungen in der alten neuen Heimat bei. Sie wuchsen erst mit der Zeit.
Da zum Haus ein sehr großer Garten mit vielen Obstbäumen und Gemüsebeeten gehörte, war das Ernährungsproblem gleich wesentlich vereinfacht, aber der immer gefährlicher werdende Krieg überschattete auch die etwas leichter ertragbaren Lebensverhältnisse.

Jetzt kamen die Karbidlampen

Strom, Petroleum, Gummi und Benzin wurden knapp, aber Not macht erfinderisch: Als Ersatz für Petroleumlampen wurden Karbidlampen hergestellt, ähnlich, wie sie schon als Fahrradscheinwerfer in Gebrauch waren. Das immer knapper werdende Benzin wurde nach dem von Bergius 1913 erfundenen Verfahren durch Verflüssigen der Kohle produziert.

Spiralfedern - ein Ersatz für Fahrradreifen

Und dann gab es noch einen merkwürdigen Ersatz für Fahrradreifen: Auf den Felgen wurden etwa ein Dutzend radial stehende, etwa 5 cm hohe Spiralfedern montiert, deren freistehende Enden durch eine Lauffläche aus Lederresten zusammengehalten wurden. Eine recht holprige, knarrende Lösung, aber man sagte sich: »Besser schlecht gefahren als gut gegangen.«

Neue Schuhe und Kleider gab es nur noch gegen Rückgabe der alten; die Schuhe zum Teil mit mehrgliedrigen Holzsohlen. Trinkgläser wurden schon damals durch Pappbecher ersetzt.

Gloria Viktoria und die deutschen Wunderwaffen

Trotzdem: »Gloria, Gloria, Gloria Viktoria! Mit Herz und Hand fürs Vaterland, fürs Vaterland!«
Wir bluteten aus Millionen Wunden, aber wir siegten immer noch. Während unsere Flugzeuge - unter ihnen die berühmte Rumpler-Taube - London, Paris, Dünkirchen und andere Städte bombardierten, sangen die Kinder:

  • »Ich glaube, ich glaube,
  • da oben fliegt 'ne Taube,
  • die kommt aus einem deutschen Nest,
  • wenn die man nur nichts fallen läßt!«


Gloria, Gloria... Am 8. April 1918 verblüfften wir die Welt mit der ersten deutschen Wunderwaffe. Sie stammte aus dem Hause Krupp, ein Geschütz mit 21cm-Granaten, das aus 128 Kilometer Entfernung zielgenau das Herz der schwergeprüften Seine-Stadt traf. Die berühmte >Dicke Berta< - ein 42cm-Mörser - hatte Krupp schon 1906 entwickelt.
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Unsere Zeppeline und unsere U-Boote

Gloria, Gloria... Unsere stolzen und kostspieligen Zeppeline flogen Bombenflüge in Feindesland. Und wurden abgeschossen. Unsere U-Boote versenkten Schiffe mit Hunderttausenden von Bruttoregistertonnen. Und wurden versenkt.

Der Staat aber brauchte Geld.

Man sammelte, sammelte, sammelte. - »Der Herr, der da kommt, ist ein Freund deines Vaters. Gib ihm die Hand und mach dabei einen schönen Diener«, sagte der Empfangschef eines Abends.

Und ich? Ich tat den Ausspruch, der dann in ganz Königswinter die Runde machte und mir jahrzehntelang anhing: »Ich gehöre nicht zum Personal.«
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Der Siegfried mit erhobenem Schwert - aus Holz

In Königswinter hatten wir einen etwa vierzigjährigen Bildhauer mit wallender Künstlermähne. Er hat auf mich mit seinen Arbeiten immer einen starken Eindruck gemacht. Ich hielt ihn für einen bemerkenswerten Künstler - und hoffe heute, daß ich ihn damals ebensowenig überschätzt habe wie die patriotische Königswinterer Bürgerschaft, die ihm den Auftrag gab, aus Holz einen überlebensgroßen Siegfried mit erhobenem Schwert zu schnitzen. Als Statue, versteht sich.

Ich weiß nicht, welcher göttergleiche Königswinterer Recke ihm dazu Modell gestanden hat, jedenfalls wurde es ein allseitig anerkanntes Kunstwerk und an der Rheinallee feierlich aufgebaut, um dort - ja was wohl? - zu Spenden zu animieren.

Der >bestbeschlagene< Mann im Rheinland

Die hölzerne Monumentalfigur erhielt den Namen >Eiserner Siegfrieds denn - und nun kommt die Pointe: Man konnte einen kunstgeschmiedeten Nagel kaufen und den stolzen Recken damit zieren. Kein Wunder, daß er schon bald als der >bestbeschlagene< Mann im Rheinland galt... Heute steht der hölzerne Held im Vorhof des ehemaligen Bürgermeisteramtes.

  • »Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
  • wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
  • Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein,
  • wer will des Stromes Hüter sein?«

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Der Befehl zur Musterung

Ich etwa? Während ich Tag für Tag zur Schule fuhr, holte mich das Schicksal ein: Wie meine Schulfreunde erhielt auch ich den Befehl, mich der Musterung zu stellen.

Ich mußte >unter die Soldaten< - da gab es kein Entrinnen.

  • »Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein,
  • ob sie wie gier'ge Raben, sich heiser danach schrei'n!«


dichtete Ernst Moritz Arndt, während er in Bonn als Geschichtsprofessor tätig war. Klar, daß er mich damit nicht gemeint haben kann, denn er ist schon 1860 in Bonn gestorben.

Aber ich wußte trotzdem, was mir blühte...

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