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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 93
Eine Puppe wird zum Star gemacht

Als unser Bildredakteur Thoms ihn mir vorstellte, tat er es mit allen Zeichen des Bedauerns: »Was Besseres haben wir nicht«... während ich mich Hals über Kopf in ihn verliebte, ihn zärtlich an die Brust drückte und ihm ewige Treue schwor.
»Sowas von süß! Wo habt ihr den denn entdeckt?« - »In einer besseren Müllkiste.« - »Wo kommt er denn her? Der wird sofort adoptiert und für alle Zeiten mit allen Rechten eingekauft.«

Erstaunte Gesichter. Keiner nahm mich ernst.

Sie hatten keine oder nicht genügend Phantasie

»Nein, wirklich, wir haben nur noch eine uralte, auf zwanzig getrimmte Ballerina, und die wage ich Ihnen gar nicht erst anzubieten.«
»Wozu auch? Den nehmen wir. Und schnellstens klären, wem das gute Stück gehört, denn wenn ich den erst zum Star gemacht habe, wird er unbezahlbar.«

Daß mich meine Redakteure trotz aller Disziplin zuweilen für ein bißchen spinnert hielten und das gelegentlich auch durch ein verständnisloses Kopfschütteln zu verstehen gaben, war ich gewohnt. Ich legte es mitunter sogar darauf an.

»Wenn ich mich nicht irre, habe ich ihn mal in einem Spielfilm gesehen«, sagte mein jüngster Volontär. »Und zwar in der Schule. - Ja, jetzt fällt es mir wieder ein: Da spielte er sogar die Hauptrolle.«
»Wie hieß denn der Film?« - Alle spitzten die Ohren.

»Der Wettlauf zwischen dem Swinegel und dem Hasen. Und da war er der Swinegel.« - »Großartig; so pfiffig sieht er auch aus. Den werden wir künftig in jeder Nummer bringen, und da soll er über die Verrücktheiten im Programm meckern. Zum Beispiel über die Wasserstandsmeldungen an Rhein und Ruhr.«
»Als Swinegel?«

Wir werden ihn Mecki taufen

»Nein - wir werden ihn Mecki taufen.« - »Sie wollen ihn also tatsächlich auf...«

»... auf der Titelseite bringen und gleich dazu sagen, was unsere Leser von ihm zu erwarten haben.«

Und also geschah es.
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Dieses Püppchen sollte zum Star von HÖR ZU werden

Ein Püppchen unbekannter Herkunft sollte zum Star von HÖR ZU werden. unächst (!) unbekannter Herkunft. Meine Redakteure suchten, wir fragten immer wieder in HÖR ZU - unser Mecki schien ein Waisenkind zu sein.
Wehe, wenn sich da eines Tages doch ein Vater melden sollte! Das würde Probleme geben.

Und er meldete sich tatsächlich. Jahre nach dem Auftreten Meckis aus einem entlegenen bayrischen Dorf, in das HÖR ZU noch nicht gedrungen war: Ferdinand Diehl, Maler und Anstreicher. s war leicht, ihm zu beweisen, daß wir fleißig nach ihm gesucht hatten, aber es war schwer, ihn von seinen millionenschweren Forderungen auf den Boden der Wirklichkeit herunterzuholen.

Es kam zu einem Vertrag. Er war zufrieden, drehte einige leider sehr schwache Mecki-Kurzfilme für die Kinos und gab die Lizenz zur Herstellung der Puppe an die weltbekannte Firma Steiff.

Von ihr aus wanderte Mecki in die ganze Welt.
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Ein Brief aus Washington, dazu ein Raffzahn

Peter von Zahn schrieb mir aus Washington: »Der erste Deutsche, der mir hier überall begegnete, war Ihr Mecki.« - Der Anstreicher Ferdinand Diehl schrieb im MÜNCHNER ABENDBLATT: »Mich hat Mecki zum vielfachen Millionär gemacht.«

Eine Puppe, die ihre winzige Schmalfilmrolle schon längst ausgespielt und verstaubt in einer Kiste gelegen hatte. Er fand leider nie ein Wort der Anerkennung oder gar des Dankes für mich ...

Und wieder kam mir ein verwegener Gedanke

Als ich eines Tages wieder einmal bei meinem Friseur saß, kam mir ein verwegener Gedanke. - »Sie haben doch sicher so was wie eine Friseurinnung?«
»Ja, das ist der Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks.«
»Wer ist ihr Leiter, und wo sitzt er?«

Ich ließ mir die Adresse geben und rief ihn an: »Wenn Ihre Leute auf Draht sind, möchte ich mit Ihnen eine Idee verwirklichen, die nicht mit Gold aufzuwiegen ist. Aber das geht nur, wenn alle Mitarbeiter Ihres Verbandes mitmachen.«

Und was sollen wir tun?

»Und was sollen wir tun?« - »Allen Frauen die Haare abschneiden.«
»Und die lassen sich das gefallen?«
»Wenn Sie mir folgen, werden Sie eines Tages in Bergen von Haar waten.«

Der Herrscher aller Haarkunstgewerbler mußte mich für verrückt halten - das war mir klar. Es wunderte mich also nicht, daß er fragte: »Spreche ich wirklich mit dem Chefredakteur von HÖR ZU?«
»So ist das. Rufen Sie mich also in Hamburg an und überzeugen Sie sich, daß Sie es mit einem einigermaßen vernünftigen Menschen zu tun haben.« - Ich legte auf, und er rief zurück.
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Kennen Sie Mecki?

»Kennen Sie Mecki?«
»Klar. Sollen wir ihm die Haare schneiden?«
»Nein. Ich wollte Ihnen aber vorschlagen, unter Ihren Mitgliedern zusammen mit HÖR ZU einen Wettbewerb um die schönste Meckifrisur zu veranstalten.«
»Hm ... Was stellen Sie sich denn darunter vor?«
»Einen sehr kurzen Haarschnitt - wie Mecki.«
»Das ist eine kühne Idee - aber ich will gerne mit einigen besonders wichtigen Mitgliedern unseres Verbandes darüber sprechen.«
Und dann ging alles ganz zügig.

Die Friseure waren von der Idee begeistert

Endlich einmal etwas ganz Neues! Man gründete eine Jury, alle Friseure schickten Fotos der von ihnen geschaffenen Frisuren, die Herren der Jury trafen sich in unserem Verlagshaus und wählten unter Tausenden die fünf besten aus.

Und dann wurden sie nach Hamburg eingeladen, um im Fernsehen ihre Kunst zu zeigen. Sie hatten 15 Minuten Zeit. Sieger wurde ein junger Berliner. Er erhielt eine Sonderprämie von 1.000 Mark.
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Die Meckifrisur erfuhr ihren beispiellosen Siegeslauf

Und nun begann die Meckifrisur ihren beispiellosen Siegeslauf durch die Bundesrepublik und übertraf dabei sogar den Bubikopf. Wer modern und schick sein wollte, ließ sich die Meckifrisur schneiden. Es gab bald kaum noch Frauen, die sich mit einer anderen Frisur auf die Straße wagten. Sogar meine Mutter.
Die Meckifrisur wurde zum Schlager des Jahres - und Mecki Ehrenpräsident der Innung.
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"Den möcht ich sehn" - die meinten "mich"

Daß unsere Leser sich in der Reihe >Den möcht ich sehn< immer wieder Dutzende Persönlichkeiten aus Film und Funk wünschen würden, hatte ich erwartet. Kein Wunder, daß diese Serie endlos weiterlaufen mußte. Aber daß manche sich diese Kurzbiographien ausschneiden und in kleinen Heftchen sammeln würden, hatte ich nicht erwartet.

Noch mehr überraschte mich dabei, daß auch immer wieder der Wunsch geäußert wurde, den Chefredakteur zu zeigen; er kam wohl vor allem von Lesern, die mich von meiner Tätigkeit als Ullstein-Redakteur und als Verfasser populärwissenschaftlicher Bücher und Romane kannten. Ich fühlte mich zwar geschmeichelt, aber sich in der eigenen Zeitschrift abzubilden war bei uns Ullsteinern nicht üblich, und so weit ging meine Eitelkeit auch nicht.

Es gab nie ein Bild von mir in HÖRZU

HÖR ZU hat deshalb in den zwanzig Jahren meiner >Herrschaft < nicht ein einziges Mal (!) ein Bild von mir gebracht. Sollte ich etwa - wie das heute schlechter Brauch ist - in jeder Nummer mit einem ... Jugendbildnis für meine Popularität sorgen? Ich war arrogant genug, das nicht für nötig zu halten.

Außerdem hatte ich doch schon meinen >Star<, und der durfte in keiner Nummer von HÖR ZU fehlen. Seinen Charakter hatte ich in einer Redaktionsnotiz sehr genau festgelegt; an ihm durfte nichts geändert werden. Mecki war HÖR ZU - und HÖR ZU war Mecki.
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Ein Meckibuch - nach dem anderen - für unsere Kinder

Jedes Jahr schrieb ich ein Meckibuch für unsere Kinder. Es sind dann vierzehn geworden. Eines Tages brachten wir eine farbige Doppelseite über Meckis Werden und Wirken - sogar mit einer Röntgenaufnahme seines Innenlebens.

Und Mecki verloste an diesem Festtag 1.000 Meckibücher an seine Freunde bis zu zwölf Jahren. Sie brauchten nur die abgedruckten bunten Papierschnitzel zu einem Meckibild zusammenzusetzen, auf eine Postkarte zu kleben und uns unfrankiert zu schicken.
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Kapitel 94
Blutschande - ein gewagtes Romanthema

Durch die schweren Bombenangriffe der Engländer und Amerikaner, die ganze Städte und Stadtteile vernichtet und ihre Menschen unter den Trümmern begraben hatten, waren Millionen und Abermillionen Deutsche obdachlos geworden - eine Flut verzweifelter Menschen, die hilflos und ziellos umherirrten und irgendwo notdürftig Unterschlupf suchten.

Dazu kamen die Millionen, die vor den Russen aus Ostpreußen geflüchtet waren und das wenige, das sie retten konnten, mit sich herumschleppten. Ihnen gesellten sich dann die aus der Gefangenschaft entlassenen Männer und ... Frauen bei. ie zuvor hat es in Deutschland eine so gewaltige Flut umherirrender Menschen gegeben.

Städte und Dörfer, zerstört oder hoffnungslos überfüllt

Doch die Städte und Dörfer, in die sie kamen, waren zerstört - oder schon hoffnungslos überfüllt. ie zuvor sind in solchem Ausmaß Familien auseinandergerissen und durcheinandergewirbelt worden. Nie zuvor kamen infolgedessen aus Unkenntnis so viele gesetzlich verbotene Eheschließungen zwischen Blutsverwandten zustande.

Immer wieder meldeten die Zeitungen von derartigen Eheschließungen, die der Staat zu verhindern suchte und die man - wo sie bestanden - gewaltsam trennte, weil man mißgebildete Kinder befürchtete.

Viele solcher Eheschließungen wurden oft erst nach Jahren entdeckt. Kaum vorstellbar die menschlichen und wirtschaftlichen Probleme, die dadurch entstanden und welche die Verzweifelten zuweilen nur einen einzigen Ausweg sehen ließen ...

Ein menschlich ungeheur brisantes Thema

Als ich mich mit dem Gedanken trug, dieses menschlich brisante Thema zur Grundlage eines neuen Romans zu machen, sah ich auch sofort die handelnden, also die vom Schicksal hart getroffenen Personen: ein junges sympathisches Ehepaar mit zwei Kindern, dem eines Tages klargemacht werden muß, daß sie Bruder und Schwester sind. - Also Blutschande.

»Schon wieder so ein heikles Thema!« warnten mich meine Freunde. Doch ich stand und stehe auch heute noch auf dem Standpunkt, daß es kein heikles Thema gibt - wohl aber eine heikle Darstellung selbst harmlosester intimer Beziehungen.

Mit einem Staatsanwalt die Rechtslage klären

»Das ist für mich keine Hürde«, entgegnete ich. »Wenn ich einen solchen Roman schreibe, kann ich ihn auch vor meinen Lesern verantworten. Aber ich sehe eine andere Gefahr: die rein rechtlichen Fragen. Auf diesem Gebiet bin ich genauso unwissend wie jeder meiner Durchschnittsleser. Ich muß mir also einen Rechtsberater hinzuziehen, und zwar einen Staatsanwalt, der mich aus seiner Sicht ständig über die Rechtslage aufklärt und vor Entgleisungen warnt.«

Diesen Staatsanwalt habe ich gefunden.

Er war etwa vierzig Jahre alt und besuchte mich jede Woche in der Redaktion, um mich zu beraten. Später half er mir auch bei meinem Kriminalroman >Herz ohne Gnade<.

Wie der biblische Engel vor den Pforten des Paradieses, so sollte in meinem fünften Roman das Gesetz wie ein Engel mit dem Flammenschwert die biologisch besorgniserregende Vereinigung von Blutsverwandten verhindern. Der Roman sollte aber auch zeigen, mit welcher Härte, ja Grausamkeit das Gesetz in einem solchen Fall durchgreift.

Dann bekam ich den zweiten Porsche, den es gab

Während der Arbeit an diesem Roman konnte ich den ersten vierwöchigen Urlaub machen. Porsche lieferte mir den zweiten Wagen aus der eben angelaufenen (Nachkriegs-) Fertigung direkt nach Hamburg; den ersten bekam der Hamburger Filmarchitekt Dudek.

Ich fuhr in die Schweiz. Der schwarze Porsche wurde wie ein Wundertier bestaunt und war überall sofort von Menschen umlagert.

Ich fuhr nach Montreux, denn dort hatte ich mir eine besonders aufregende Szene auf dem Rochers de Nuye vorgestellt, ließ mich von der Zahnradbahn hinaufbringen und machte mit meiner neuen Leica Dutzende von Aufnahmen.

Nachmittags schrieb ich dann den noch offenen Teil der Fortsetzung wie einen Erlebnisbericht mit einer Schilderung markanter Einzelheiten und gab ihn per Eilboten zur Post. Meine vielgeplagte Sekretärin muß sich verzweifelt um die Reinschrift bemüht haben ...

Springer lächelte: »Lassen Sie nur"

Ich vergesse nie, wie Voß mich bei der Ankündigung des Romans fast erschreckt ansah. Springer lächelte: »Lassen Sie nur - der macht das schon!« Es gab nicht eine einzige Beanstandung.

Ein kurzer Nebenschauplatz - der Buchverlag

Die Buchausgabe meines ersten HÖR ZU-Romans war bei Ullstein erschienen und hatte eine enorme Auflage erreicht. Klar, daß Ullstein auch die >Toteninsel< herausgeben würde, doch da regte sich Herr Voß. »Weshalb wollen Sie die Buchausgabe einem Konkurrenzverlag geben? Wir können Ihre Romane doch auch im eigenen Verlag (Hammerich & Lesser) herausbringen.«

Ich war aber mit den Ullsteinern vom Buchverlag

Mir war das etwas peinlich, denn mit den Ullsteinern vom Buchverlag verband mich doch immer noch so etwas wie Freundschaft. Außerdem hatte der Verlag nach dem Zusammenbruch als erstes Buch die inzwischen stark überarbeitete zweite Fassung von >Wunder der Wellen< herausgebracht und damit, wie man mir schrieb, gleich das nötige Anfangskapital erzielt.

Also nicht bei Ullstein oder doch ?

Daß ein Autor bei verschiedenen Verlegern erscheint, ist oft von Nachteil. Doch was sollte ich Voß entgegnen? Die >Toteninsel< und >Der Rote Rausch< kamen also bei Hammerich & Lesser heraus.

Springer kauft den Ullstein-Verlag

Doch dann ereignete sich etwas, das die Situation umdrehen sollte: Springer erwarb den Ullstein-Verlag! So konnte ich denn den >Engel mit dem Flammenschwert< wieder an Ullstein geben.

So sehr mich die Figuren dieses Romans auch gefesselt haben, es war eine harte, mitunter bitter schwere Arbeit. Die letzte Folge habe ich während des Flugs in meinen dringend nötigen Urlaub schreiben und meiner vielgeplagten Sekretärin mühsam telefonisch durchgeben müssen ...
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