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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 45
1933 - Schlag auf Schlag

Im Verlag spürte ich seit Tagen eine seltsam nervöse Betriebsamkeit, ein selbst in diesem Ameisenhaufen auffälliges Hinundhergerenne. In den Korridoren immer wieder kleine Gruppen, die mit besorgter Miene zusammenstehen und tuscheln.

Der Reichstagsbrand

In der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1933 ging das Reichstagsgebäude in Flammen auf. Der Schein der riesigen Brandfackel war bis an die Grenzen der Millionenstadt zu sehen.

Der am Tatort festgenommene junge holländische Kommunist van der Lubbe gestand die Tat. Für die Nazis ein willkommener Anlaß, das Verbrechen den deutschen Kommunisten in die Schuhe zu schieben und noch in derselben Nacht mit riesigem Propagandageschrei eine Verhaftungswelle gegen Mitglieder der KPD zu starten.

Estmalig ein Gefühl des drohenden Unheils

Den gewaltigen Fackelzug, den die Nazis anläßlich der Machtübernahme veranstaltet hatten, habe ich dank eines schweren Migräneanfalls buchstäblich >verschlafen<. Der Reichstagsbrand hingegen hatte den Himmel über uns gerötet. In dieser Nacht überfiel mich zum erstenmal ein Gefühl drohenden Unheils.

Verdunkelte Gesichter.

Manchmal bekomme ich erst nach minutenlangen Versuchen eine freie Amtsleitung - das hat es noch nie gegeben. Dann dringen die ersten Gerüchte von einem unmittelbar bevorstehenden Militärputsch zu uns durch.

Der 30. Januar 1933 wird zum Schicksalstag der deutschen Nation: Benno, unser Bote mit der leicht melancholischen Note, legt mir schweigend eine druckfeuchte BZ auf den Tisch. Er ist Jude. Er ist auffällig blaß.
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Adolf Hitler Reichskanzler!

Was? Ich glaube nicht recht zu sehen. In mir krampft sich alles zusammen. Vorboten einer drohenden Migräne ...
»Der Reichspräsident v. Hindenburg empfing heute vormittag den Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Adolf Hitler, sowie Reichskanzler a. D. von Papen zu einer längeren Besprechung. Der Reichspräsident hat Herrn Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und auf dessen Vorschlag die Reichsregierung neu gebildet.«

»Was hat das zu bedeuten?«

Ich stürzte zu Kapeller. Die andern Redakteure sind schon bei ihm. Gespannte Betroffenheit auf allen Gesichtern.
Ich starre sie an - einen nach dem anderen - und sehe in versteinerte Grimassen.
»Was hat das zu bedeuten?« frage ich.
Kapeller ruhig, fast zu ruhig - er kann es ja sein, er ist Österreicher: »Weitermachen - arbeiten, als ob nichts geschehen wäre. Wir haben mit Politik nichts zu tun. Je weniger Aufregung, um so besser.«
Jacoby, der Luxemburger, schimpft wie ein Rohrspatz: »Das mußte ja kommen!« - Von der Decken, ruhig und besonnen: »Ich geh mal runter, mal sehn, was da los ist.« - Kapeller nickt, Decken geht.

SA marschiert, mit ruhig festem Schritt . . .

Dann kommt ein Telefonanruf. Kapeller nimmt ab, steht auf: »Ich muß zur Direktion. Bewahrt die Ruhe, das ist jetzt am wichtigsten.«
Wir gehen wieder an die Arbeit. Ich zurück in mein Büro. Die Sekretärin liegt im offenen Fenster.
»Schließen Sie das Fenster, und dann bitte zum Diktat.«
Vor mir ein Berg Arbeit. Ich fange an, Post zu diktieren, um mich abzulenken.
Durch die Fensterscheiben höre ich, langsam näher kommend, das unverständliche Durcheinander aufgeregter Stimmen. Dann herangewehte Fetzen des Horst-Wessel-Liedes:
»Kam'raden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschiern im Geist, in unsern Reihen mit. . .« Marschtritte, Heil-Rufe und Marschmusik.
»SA marschiert, mit ruhig festem Schritt . . .«

Zurück an die Arbeit.

Ich rufe zu Hause an. Klaus ist nicht da. Er sei in die Stadt gegangen.
Dann bittet Kapeller uns zu einer kurzen Unterredung.
Er sagt: »Unten ist der Teufel los. Wir verhalten uns ruhig, als ob nichts geschehen sei! Strikte Anweisung der Direktion. Kann sein, daß wir aktuelle Fotos bringen müssen - aber das hat Zeit bis kurz vor dem Druck, also noch zwei volle Tage.« Zurück an die Arbeit.

Die Migräne beginnt.

Ich gehe so bald wie möglich nach Hause und lege mich ins verdunkelte Schlafzimmer. Kalte Umschläge auf die Stirn.

Klaus kommt erst gegen Abend. Mir geht es schon etwas besser. Er setzt sich zu mir ans Bett und wechselt von Zeit zu Zeit die kalten Umschläge.
»War in der Stadt was Besonderes?« frage ich. Er schüttelt den Kopf: »Die Berliner rennen wie immer. Zeitungsleute schreien Extrablätter aus. Aber du wirst ja besser wissen, was uns bevorsteht...«

Aufstehen kann ich erst abends gegen acht. Essen kann ich nichts. Wir setzen uns in mein Arbeitszimmer im ersten Stock, das von meinem Schlafzimmer nur durch einen Vorhang getrennt ist. Ich in Schlafanzug und Hausmantel, damit ich mich notfalls gleich wieder hinlegen kann, und mit nur wenig Licht von einer kleinen Lampe. Wenn ich Migräne habe, stört mich das kleinste Geräusch, und jeder Lichtstrahl brennt in meinen Augen. Irgendwann bin ich dann - von den Medikamenten halb betäubt - wankend ins Bett zurückgekrochen ...
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Die NSDAP feiert die Machtübernahme

In dieser Nacht feiert die NSDAP die Machtübernahme mit einem riesigen Fackelzug durchs Brandenburger Tor. Ich lese es erst am nächsten Morgen in den Zeitungen. Goebbels schreibt über diesen Fackelzug:

»Revolutionäre Nationalsozialisten sind damals ohne Amt und Auftrag in das Funkhaus gegangen, haben Mikrofone und Apparaturen auf Autotaxen geladen, sind in die Reichskanzlei gefahren und haben von dort aus über Atherwellen das ganze deutsche Volk am nationalen Aufbruch der Reichshauptstadt teilnehmen lassen.«
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Klaus ist nun schon vier Tage hier.

Von Berlin habe ich ihm in dieser Zeit nicht viel zeigen können, denn ich bin praktisch ununterbrochen eingespannt. Ein Wochenende gibt es für mich nicht. Klaus hat mit Nachdruck gesagt, daß er für immer in Berlin bleiben will. Er ist ein heller Kopf - aber kein Mann für eine Weltstadt wie Berlin. Keiner, der sich durchkämpfen, durchbeißen könnte. Ich merke das täglich deutlicher, und das macht mir Sorge.
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Der Haupteingang des Ullstein Verlagshauses wird "bewacht"

Vor dem Haupteingang des Verlagshauses stehen sechs SA-Männer Posten. Sollen sie Übergriffe allzu verhetzter Parteigänger auf den jüdischen Verlag verhindern oder symbolisch andeuten, daß die Partei jetzt Herr im Hause ist? Wir können ungehindert an unsere Arbeit gehen. Einige Chefredakteure sind, wie man hört, schon durch andere ersetzt worden. Genaues ist jedoch nicht zu erfahren.

Den ganzen Tag herrscht in unserem Trakt eine erstaunliche Ruhe. Von Gewaltmaßnahmen innerhalb des Hauses ist nichts zu hören, wohl aber gerüchteweise, daß die Partei die Macht über den gesamten Rundfunk übernommen und verdiente Männer in ein Konzentrationslager nach Oranienburg geschafft hätte.

Scheinbar läuft alles wie bisher

Uns läßt man ungeschoren. Auch in den folgenden Tagen läuft alles wie bisher. Scheinbar. Das Auswechseln politisch unliebsamer Redakteure und jüdischer Angestellter geschieht schnell und lautlos. Kapeller muß zwar ein paarmal zu Besprechungen, die ihn und seine Mitarbeiter betreffen, doch dann ist Ruhe.

In der Redaktion herrschte gedrückte Stimmung. Kapeller hielt sorgfältig eine Linie, die vertretbar war: Er stieß nicht ins Jubelhorn, sondern bemühte sich um eine streng sachliche Berichterstattung in den "SIEBEN TAGEN".

Die Repressalien kommen

Lehnow, unser Programmredakteur, erzählte uns, bei seinem Hausarzt seien in der letzten Nacht gegen zehn Uhr drei SS-Männer erschienen und hätten ihn dringend gewarnt, seine Praxis weiter auszuüben. Für Juden sei im Dritten Reich kein Raum mehr.

Der Exodus - der Anfang

Nachmittags erschien Meyer-My, der ständige Mitarbeiter der ILLUS, um sich von uns zu verabschieden. Er sitze bereits auf gepackten Koffern.

Das war der Anfang. Nun erfuhren wir täglich von Menschen, die sich ins Ausland absetzten. Vor allem Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler, Arzte, Rechtsanwälte - Juden, über deren Rassenzugehörigkeit wir uns bis dahin nie Gedanken gemacht hatten.

Mendelsohn, der beste Pressechef, den Telefunken je gehabt hat, rief mich mit tränenerstickter Stimme an, um mir zu sagen, er gehe nach Osterreich. Viele gingen schon damals nach Österreich und der Schweiz, der Sprache wegen.
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Einer seiner übelsten Kreaturen: Joseph Goebbels

Hitler brauchte ein Ministerium für >Volksaufklärung und Propaganda< und legte es in die Hände einer seiner übelsten Kreaturen: Joseph Goebbels.

Dann ging es weiter, Schlag auf Schlag:

Der 1. Mai wird zum Nationalfeiertag ernannt. An diesem Tag hält Hitler auf dem riesigen Tempelhofer Feld vor Hunderttausenden seine Rede, die er mit den Worten begann: >Der Mai ist gekommen! < - Wir mußten seine Rede gemeinsam in der Redaktion hören. Schon bei den einleitenden Worten überlief mich ein Frösteln. Es war eine raffiniert gesetzte Rede mit großartigen, ja kühnen Versprechungen und überdeutlich ausgesprochenen Drohungen.

»Unsere Gegner wärden wir värnichten!« Dazu seine charakteristische Armbewegung: die nach unten stoßende Faust. Es ging kurz darauf los:

  1. Das Rassegesetz gegen die Juden,
  2. Auflösung der Gewerkschaften,
  3. Auflösung der Parteien
  4. und Verhaftungen über Verhaftungen.

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Das erste Konzentrationslager

Als alle Gefängnisse mit >Schutzhäftlingen< überfüllt sind, errichtet der Politische Polizeikommandant in Bayern, Heinrich Himmler, in einer alten, leerstehenden Munitionsfabrik bei Dachau das erste Konzentrationslager.
Außerdem sollen zugunsten einer produktiven Beschäftigung< der Häftlinge Arbeitslager im Emsland angelegt und für die Belegung mit 10.000 Gefangenen ausgebaut werden ...

Wir alle sind dem Terror ausgeliefert und wissen es. Jeden Tag gibt es neue Schreckensmeldungen - ich nehme sie schon nicht mehr zur Kenntnis und vergrabe mich in meine Arbeit.

10. Mai 1933 - Goebbels großer Tag

Am 10. Mai 1933 veranstaltet Goebbels seinen großen Tag: In allen größeren Städten werden die Bücher unerwünschter Autoren zu Scheiterhaufen getürmt und öffentlich verbrannt. Goebbels hält dabei in Berlin eine seiner >Brand<-Reden. Der Börsenverein deutscher Buchhändler erklärt die unerwünschten Bücher für >undeutsch< und fordert seine Mitglieder auf, sie nicht mehr zu verkaufen.
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Die Massenflucht aus Deutschland beginnt.

Die Massenflucht aus Deutschland beginnt. Bis 1939 haben 60.000 Unerwünschte das Land verlassen ... Im Haus des Rundfunks ist der SA-Mann Hadamovsky eingezogen. Seinen Auftritt schildert er später mit den Worten: »Ich knallte dem Intendanten mein Parteibuch auf den Tisch!« Dann begann er >aufzuräumen<. Viele gefährdete Mitarbeiter hatten das Haus schon vorher verlassen, und er besetzte ihre Posten mit Parteigängern.
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Der Vandalismus des Pöbels beginnt

Schon im März hatten sich SS-Männer in Einzelaktionen Übergriffe auf jüdische Geschäftshäuser erlaubt. Als dann Streicher am 1. April den Boykott jüdischer Geschäfte anordnete, kannte ihre Zerstörungswut keine Grenzen mehr.
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