Die Ausstellung der Ufa-Lehrschau 1941
Die architektonisch mit größter Sorgfalt ausgeführten Räumlichkeiten der Ufa-Lehrschau befinden sich auf dem Betriebsgelände der Universum-Film A.-G. in Potsdam-Babelsberg 2 bei Berlin, unweit des S-Bahnhofes Babelsberg - Ufastadt und der Zubringerstrecke der Reichsautobahn.
Die Räumlichkeiten können nur nach vorheriger Anmeldung (Fernruf Berlin 80 75 21) besucht werden. Schon diese Lage gewährleistet eine enge Verbindung mit der Filmpraxis, so daß die Ufa-Lehrschau vor der Gefahr behütet bleibt, ein lebensfremdes, rein historisches Museum zu werden.
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Die Vorhalle
versammelt die Besucher um die Modelle der Ufa-Betriebe von Babelsberg und Berlin-Tempelhof. Sie geben eine Orientierung über Anlage, Größe und Vielseitigkeit eines modernen Filmherstellungs- und Atelierbetriebes. Sie zeigen gleichsam das äußere Gewand für die Arbeitsvorgänge, welche im Hauptraum der Ausstellung entwickelt werden.
Die historischen Grundlagen des Filmwesens vermittelt die nachfolgende Entwicklungsgeschichte der Kinotechnik.
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Die Entwicklungsgeschichte der Kinotechnik
Die Originale und Modelle der wichtigsten Apparaturen für Aufnahme und Wiedergabe aus der Vorgeschichte und den Anfängen der Kinematographie dürfen als die umfangreichste Sammlung dieser Art in Deutschland angesprochen werden. Bekanntlich beruht die Erfindung der Kinematographie *1) auf der Konstruktion von Geräten, die es ermöglichen, aus dem lebendigen Geschehen fortlaufend photographische Aufnahmen von Bildern so herzustellen, daß einzelne Momentbilder in regelmäßigen Abständen auf ein Filmband fixiert werden, sich ohne Zwischenarbeit entwickeln und kopieren lassen und bei einer Vorführung tatsächlich in Bewegung wahrgenommen werden, und diese mit Tonaufnahmen aus dem lebendigen Geschehen so zu verbinden, daß eine synchrone, wirklichkeitsgetreue Wiedergabe von Bild und Ton möglich wird.
Diese Erfindung basiert für die Bildphotographie auf dem 35mm-Filmband von A. Edison (1891), auf dem Greifer-Mechanismus der Gebrüder Lumiere (1894/95) und dem Malteserkreuz-Mechanismus von Oskar Messter (1896), für die Tonphotographie auf den Arbeiten von Engl, Massolle und Vogt, dem sogenannten Triergon, und den Männern, deren Erfindungen den Lichttonfilm ermöglichten.
*1) Vgl. hierzu auch Bd. 2 der Schriftenreihe „Filmschaffen - Filmforschung": Als man anfing zu filmen.
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Die Darstellungen an den Treppenwänden
Um sich einen Gesamtüberblick über die Entwicklung der Kinematographie zu verschaffen, sind an den Treppenwänden Darstellungen der Entwicklung des Stummfilms (rechts vom Eingang), des Tonfilms (links vom Eingang) in Leuchtschrift angebracht.
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Die Entwicklung des Stummfilms beruht auf der Projektion, eingeführt um 1660, der Entwicklung des Lebensrades (Stroboskopie) 1832, der Photographie 1839 und des Filmbandes 1887/88. Die wichtigsten Erfindungen in der Zusammenfügung dieser Erscheinungen sind 1845 das Projektionslebensrad, 1868 das Abblätterbuch, 1877 die Photographische Reihenaufnahme, 1879 die Wundertrommel, 1889 Edisons Kinetograph (Wiedergabegerät: Kine-toskop), 1894 der Kinematograph.
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Der Tonfilm
Die erste Verbindung zwischen Ton und Bild wird 1889 von Edison mit seinem Kinetophonograph erzielt. Von 1902 bis 1912 erscheinen verschiedene Konstruktionen zur Herstellung synchroner Tonbilder, welche mit großem Erfolg zur Vorführung kamen.
Mit der Verbindung von elektrischer Lautverstärkung und Nadelton entsteht der moderne Tonfilm, vorübergehend als Nadel-tonfilm und bald darauf unter Anwendung lichtelektrischer Zellen als Lichttonfilm.
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Die Entwicklung des Nadeltonfilms beruht auf der Verbindung zwischen Phonograph (1877) und Film (1889), zwischen Grammophon (1887) und Film als Chronophon und Biophon (1902), sowie auf der Verbindung zwischen Schallplatte und elektrischer Lautverstärkung (1903/1907).
Die Entwicklung des Lichttonfilms beruht auf der Verbindung der elektrischen Laut-Verstärkung mit den Lichtsteuergeräten (1900 bis 1924), welche in den Jahren 1918-1924 zu den verschiedenen Aufzeichnungsverfahren (Intensitätsschrift, Zackenschrift, Vielzackenschrift) des Lichttonfilms führt.
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Die Art des Bewegungssehens
Aus der Vorgeschichte der Kinematographie kann man den stroboskopischen Effekt und die Nachbildwirkung als die Grundgesetze psychologischer und physiologischer Art des Bewegungssehens an beweglichen Modellen studieren.
Außerdem sieht man Originalstreifen der ersten Reihenphotographien des Amerikaners E. Muybridge (1877), Lebensräder des Deutschen Ottomar Anschütz (1884), ein Kinetoskop mit Filmband von A. Edison (1893).
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Die Reihenbilder bringen durch die Lebensräder nur einen sich ständig wiederholenden Ausschnitt aus einer Bewegung von Tieren und Menschen erst als „lebende Zeichnung", später als „lebende Photographie" in einem Betrachtungsapparat und seit den 18fünfziger Jahren auch in Projektion zur Wahrnehmung.
Das Edison-Kinetoskop dagegen zeigt bereits fortlaufendes Geschehen als Film, allerdings ohne die Möglichkeit der Projektion.
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- Die Anfänge der Kinematographie - Eine Originalkamera der Gebrüder Lumiere und ein Modell des ersten Vorführgerätes von Oskar Messter in der Ufa-Lehrschau. - Der Filmtransportmechanismus des Lumiereschen Apparates wurde maßgebend für alle Aufnahmekameras, der Filmtransport- mechanismus des Messter-Gerätes für alle Vorführmaschinen
Während Lumiere (1894/95) und O.Messter (1896) mit der Konstruktion einer ruckweisen Fortschaltung des Filmbandes Bild für Bild durch einen Greifer- und einen Malteserkreuz-Mechanismus eine Filmvorführung möglich machen, versucht man auch mit einem kontinuierlich bewegten Bildträger den gleichen Effekt zu erzielen durch Einspiegelung der fortlaufenden Bildphasen in gegeneinander versetzte auf einem Kranz befestigte Spiegel.
Über diesen Optischen Ausgleich unterrichtet ein Modell der Erfindung des Franzosen E. Reynaud, welcher 1887 ein Betrachtungsgerät für gezeichnete Phasenbilder konstruierte (Praxinoskop).
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Die moderne Kinematographie bedient sich des Optischen Ausgleichs bei Zeitdehneraufnahmen hoher Frequenz. Man sieht die erste Zeitlupe von Ernemann-Lehmann und einen Mechau-Projektor.
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Folgende Geräte sind ausgestellt:
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- Vorläufer der Kinematographie: Originalbilder von E. Muybridge.
- Modell eines Schnellsehers von Anschütz mit senkrechter Trommel und Originalbildern.
- Modell eines Schnellsehers von Anschütz mit waagerechter Trommel in Kleinformat und Originalbildern.
- Ein Original-Mutoskop.
- Modell eines Praxinoskops.
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Stummfilm:
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- Originalmodell der ersten Vorführmaschine von Oskar Messter 1896 mit fünfteiligem Malteserkreuz-Gesperre.
- Ein Schläger-Laufwerk von Ed. Liesegang, Original „Mentor-Kinematograph".
- Vollständige Pathe-Vorführapparatur mit Metalltisch, Lampengehäuse und Motorantrieb, etwa aus dem Jahre 1903.
- Laufwerk eines „englischen Pathe-Apparates", nach amerikanischer Bauart in Paris nachkonstruiert.
- Laufwerk eines Pathe-Apparates, wie er in Wien verbreitet war unter dem Namen Kastl (Kästchen)-Pathe.
- Vollständige Mtzsche-Saxonia-Vorführungsapparatur mit Metalltisch, eingeführt 1905 in Anlehnung an den Buderus-Apparat.
- Ein Nockenapparat.
- Ein Buderus-Apparat 7 Typ: Patent-Kinematograph Original Buderus, Modell 1910.
- Original-Versuchsmodell 1911 „Messters Panzer-Kino-Modell 1914".
- Vollständige Ernemann-Imperator-I-Apparatur mit Metalltisch 1911.
- Laufwerk der Krupp-Ernemann-Magnifizenz-Apparatur 1922.
- Vollständige Ernemann-Imperator-II-Apparatur mit Metalltisch 1927.
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Tonfilm:
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- Erstes Tonzusatzgerät Tobis für Lichttonfiim.
- Erstes Tonzusatzgerät A.E.G. für Lichttonfilm.
- Ein Messter-Plattenspieler für Nadeltonfilm.
- Ein Siemens-Plattenspieler für Nadeltonfilm.
- Ein Breusing-Plattenspieler für Nadeltonfilm.
- Ein vollständiger Tonfilm-Projektor „Mechau 4U.
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Kamera:
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- Original Lumiere-Kinematograph 1894.
- Original Prestwich 1900.
- Original Newman-Sinclair-Reflexkamera 1910.
- Original-Gillon-Kamera 1920.
- Eine Original-Kamera der Reihe 4 des Bamberger Werkes (Askania-AG.)-
- Eine moderne Original-Unterwasser-Kamera.
- Eine Ernemann-Zeitlupe aus dem ersten Baujahr.
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Filmplakat
Außerdem wird in der Vorhalle die Entwicklungsgeschichte des deutschen Filmplakates an 80 bis 100 typischen Beispielen seit 1915 in farbiger Projektion vorgeführt.
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Praktische Beispiele im Ausstellungsraum - Der Rohfilm
Die Schau zeigt die Entwicklung eines Films von Rohfilm und den ersten Vorarbeiten für die Filmgestaltung bis zur Vorführung im Filmtheater. Um alle wichtigen Arbeitsgebiete des Filmschaffens dabei zu berühren, wird in der Mittelvitrine die Entstehung eines mit dem Wanderpreis der Reichsregierung ausgezeichneten Films an Hand von praktischen Beispielen gezeigt, während in den Seitenvitrinen die prinzipiellen Fragen und der organisatorische Aufbau der Filmwirtschaft und der Filmtechnik dargestellt sind. Außerdem sind einzelne Kojen der Herstellung des Rohfilms, der Kopieranstalt, des Kulturfilms, der Wochenschau, des Werbefilms und des Zeichenfilms gewidmet.
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Bildtafeln zeigen Originalreproduktionen aus der Entwicklung des Normalfilms vom Edison-Film bis zum modernen Tonfilm und verdeutlichen an dem Beispiel der „lebenden Photographie" der Gebrüder Skladanowsky den Unterschied zwischen Reihenbildaufnahmen auf Filmfolien und Filmaufnahmen. Die verschiedenen Filmformate, sowohl aus der Stummfilmzeit wie aus der des Tonfilms, sind in Originalen vorhanden.
Die Herstellung des Rollfilms zeigt ein bewegliches Modell der Agfa, welche seit 1896 Planfilm, seit 1908 Kinefilm herstellt und über die größte Weltproduktion neben der amerikanischen Firma Eastman-Kodak verfügt. Das Modell veranschaulicht die Herstellung der Zelluloid- oder Azetat-Unterlage des Films, die Entstehung der lichtempfindlichen Schicht (Emulsion), den Guß der Emulsion auf die Unterlage, die Trocknung der Filmbahn, den Schnitt, die Perforation und die Verpackung des fertigen Rohfilms.
Über die Grundlagen zu den verschiedenen Farbfilmverfahren: Bipack, Technicolor, Agfacolor u. a. m., unterrichten Originalfilmstreifen und schematische Darstellungen. Auch die früher üblichen Kolorationen und Viragen werden berücksichtigt.
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Auszeichnungen der Ufa
Eine Photographie zeigt den Wanderpreis der Reichsregierung, welcher am 1. Mai 1934 vom Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda gestiftet wurde (Entwurf und Ausführung K. B. Berthold). Er wurde erstmalig dem Ufa-Film „Flüchtlinge" zuerkannt.
Die Ehrenpokale und Plaketten, welche der Ufa auf den Internationalen Film-Kunstausstellungen der Biennale, Venedig, verliehen wurden, sind im Original vorhanden, ebenso die Goldene Plakette der Internationalen Ausstellung für Kunst und Technik, Paris 1937, der Weltausstellung zu Brüssel 1935 und die Auszeichnung der Kaiser-Wllhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Aus der Vorgeschichte der Ufa sieht man Medaillen der Weltausstellung St. Louis 1904 und der Internationalen Kinoausstellung Amsterdam 1920. Besonders originell ist ein Preis der japanischen Filmzeitschrift Kinema Junkpo.
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