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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 87
Eine der genialen Ideen : > Fortsetzung folgt <

KRISTALL hatte ich zwar als >Chefredakteur auf Zeit< gemacht, wollte diese Arbeit aber so bald wie möglich an einen anderen Chef abgeben. Ihn fanden wir eines glücklichen Tages: Dr. Ivar Lissner. Er war Halbrusse. Ein sehr kluger, gebildeter Mann und ein glänzender Stilist, der mehrere Sprachen beherrschte. Ihm konnten wir KRISTALL anvertrauen.

Die Sorge um gute Fortsetzungsromane . . .

Es war auch höchste Zeit, denn HÖR ZU nahm mich voll und ganz in Anspruch. Allein die Sorge um gute Fortsetzungsromane... Die Buchausgabe des Romans >Bis ins dritte Glied< wurde für Erich Kiesel ein großer Erfolg, auch finanziell. Ein alter, fast vergessener Autor, von dem man kaum noch viel erwartet hatte, war plötzlich wieder da.

Es wunderte mich deshalb auch nicht, daß er sich eines Tages wieder meldete und mir einen neuen Roman anbot, von dem schon über hundert Manuskriptseiten vorlagen. Titel: >Die unverzagte Stadt<.

Ein breitangelegter Erlebnisbericht über die vernichtenden Luftangriffe auf Hamburg. Und ein wertvolles Stück Zeitgeschichte - aber nicht, wie Kiesel meinte, ein zweites >Vom Winde verweht<. Außerdem zu hamburgisch. Nichts für unser riesiges Verbreitungsgebiet. Wir hatten uns ohnehin mit unseren Romanen und Tatsachenberichten etwas zu > nördlich < bewegt, unser nächster Roman mußte unbedingt in unserem westdeutschen Verbreitungsgebiet spielen.

Bezüglich des Inhaltes - von der Hand in den Mund leben

Der laufende Roman ging in drei Wochen zu Ende, ein neuer war noch nicht in Sicht. Ich hatte mich zwar daran gewöhnt, von der Hand in den Mund zu leben, aber nun wurde es allmählich doch zu brenzlig. Vielleicht konnte ich Erich Kiesel dazu bewegen, mir einen anderen Roman zu schreiben? Ich bat um seinen Besuch. Da er schon etwas schlecht zu Fuß war, kam seine Frau mit.

Kiesel war fest davon überzeugt, ich würde ihm seinen großen Hamburg-Roman aus den Händen reißen, und stellte mir gleich ein paar unakzeptable Bedingungen. Ich sagte ihm, daß das angebotene Manuskript für HÖR ZU ungeeignet sei, außerdem verstünde ich nicht, daß er sich nicht vor Beginn der neuen Arbeit mit mir in Verbindung gesetzt hätte.

Er verließ die Redaktion grußlos.

Was Kiesel mir darauf antwortete, will ich hier nicht wiedergeben. Seine Frau rang verzweifelt die Hände. Er verließ die Redaktion grußlos. Eine Stunde später rief mich seine Frau weinend an. Ihr Mann sei nun mal ein alter, eigensinniger Hitzkopf.

Damsl bei Ullstein - wollte einen dritten Krimi schreiben

Gut, aber damit hing ich nach wie vor in der Luft. Woher einen neuen Roman nehmen? Die Hilfe kam diesmal von Will, während wir in der kurzen Mittagspause unsere Zwiebelsuppe mit gerösteten Brotbrocken löffelten. Er wußte natürlich von meinem Kummer und spürte auch meine wachsende Nervosität.

»Sie haben doch mit Kap (Kapeller,. mein ehemaliger Chef) einmal über einen dritten Krimi gesprochen, der in Königswinter spielen sollte und den Sie für Ullstein schreiben wollten ...« Ich erinnerte mich nicht gleich.

»Sicher eine von tausend aufgeworfenen und weggeworfenen Ideen!«
»Kap und ich fanden sie hervorragend - es war nur, wie Kap mit Recht sagte, kein richtiger Krimi.«

Spannende Handlung und viele packende Szenen

Langsam erinnerte ich mich: an einen menschlich hochdramatischen Stoff mit spannender Handlung und viel packenden Szenen. Und was nicht weniger wichtig war: Der Roman spielte in unserem >Wilden Westen<. Wenn mir den einer wie Hollander schriebe, könnte das ein ganz großer Erfolg werden.
Hollander? Davon riet Will ab.

Frag doch nochmal bei Erich Kiesel an

»Hollander ist für diesen harten Stoff zu zart besaitet. Dieser >Held< ist doch im Grunde ein Lump. Das wäre eher was für Kiesel!«
»Kiesel? Nach dem vielen Ärger?«
»Aber seine Frau meinte doch ...«

Eine Woche verging. Notfalls würde ich - kommt Zeit, kommt Rat - neben dem laufenden Tatsachenbericht einen kurzen Krimi bringen.

Dann geschah Überraschendes:

Kiesel schrieb mir voll Stolz, er hätte für seinen zweibändigen (!) Hamburg-Roman schon einen Hamburger Verleger gefunden, der einen Vorabdruck nicht wünsche, so daß er sein sehr umfangreiches historisches Werk unterbrechen könne und für eine weitere Mitarbeit frei sei.

Es drängte. Ich rief trotzdem erst zwei Tage später an. Frau Kiesel war am Apparat. Ich sagte ihr, ich hätte einen besonders schönen Stoff. Wenn ihr Mann bereit sei, ihn unter den gleichen Bedingungen wie den ersten zu schreiben, möge er mich besuchen. »Aber bitte mit Ihnen!«

Frau Kiesel atmete hörbar auf.
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»Sogar die Filmrechte!«

Nachmittags saßen wir dann zusammen. Ich erzählte den beiden die inzwischen weiter gereifte Idee des Romans, und sie waren begeistert. Nichts von den früher angedeuteten Bedingungen. Es konnte also nichts mehr schiefgehen. Ich bat Kiesel, sich die Sache gründlich zu überlegen und eventuell schon am nächsten Vormittag zu kommen, um die erste Folge zu besprechen.

Kiesel beim Abschied: »Sie wollen mir die Idee also wie bei unserem ersten Roman mit allen Rechten überlassen?«
»Sogar die Filmrechte!« setzte ich noch drauf. »Mir liegt nur daran, daß die erste Folge in drei Tagen druckreif vorliegt.«
»Kein Problem - bei diesem Stoff«, sagte Kiesel begeistert. »Der Roman schreibt sich ja von selbst!«
Frau Kiesel drückte mir beim Abschied dankbar und gerührt die Hand: »Das wird der schönste Roman von allen!«

Am Freitag kam schon das Manuskript

Kiesel erschien am nächsten Vormittag schon um acht. Es war ein Donnerstag. Wir saßen eine Stunde zusammen, in der ich ihm den Inhalt der ersten Folge in allen Einzelheiten bis zum Wörtchen Fortsetzung folgt< erzählte und jede Figur genau charakterisierte. Am Freitag erschien Frau Kiesel und gab in meinem Sekretariat das saubere Manuskript ab.
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Anstelle von 24 Schreibmaschinenseiten waren es 70

Als ich es entgegennahm, erschrak ich. Statt der üblichen vierundzwanzig Schreibmaschinenseiten hatte Kiesel etwa siebzig geliefert. Ich begann zu lesen und bekam das Schlucken: Kiesel hatte die Handlung, die ich für die erste Folge gedacht und mit ihm vereinbart hatte, auf drei Folgen ausgedehnt. Ich rief ihn sofort an:

»Um Himmels willen, Herr Kiesel, das geht nicht. Bitte kürzen Sie das Manuskript schnellstens auf die vereinbarte Länge!« Was ich gefürchtet hatte, geschah: Kiesel weigerte sich zu ändern. Das müsse ich schon ihm überlassen. Das sei ja nicht der erste Roman, den er schriebe usw. Er war nicht zu belehren oder zu bekehren. Ich bat ihn dringend, sich an unsere Vereinbarungen zu halten. Er blieb stur und legte auf.
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Kiesel will nicht - Die Katastrophe war komplett.

Der Samstag verging. Am Sonntag nachmittag rief ich an, ob ich die neue Fassung am Montag morgen haben könne. Das sei der allerletzte Termin. Kiesel legte wortlos auf. Wir erreichten seine Frau auf Umwegen. Sie weinte: »Mein Mann hat wieder einmal auf stur geschaltet. Wenn ich nur den Mund aufmache, brüllt er mich schon an.« Aus. Die Katastrophe war komplett.

Wir hatten kein Ersatzmanuskript besorgt und hätten den freien Raum nur mit Kleinkram füllen können. Kiesel kannte den Ernst der Lage und glaubte, sich mit Sturheit durchsetzen zu können. Ich schickte ihm ein Telegramm: »Falls erste Folge nicht am Montag vormittag bis 11 Uhr vorliegt, muß ich auf Ihre weitere Mitarbeit verzichten.« Anruf von Frau Kiesel: »Es tut mir in der Seele weh - aber mein Mann will nicht!«

Eine Galgenfrist von etwa zwanzig Stunden

Ich hatte noch eine Galgenfrist von etwa zwanzig Stunden. Will hatte vorsorglich veranlaßt, daß meine Sekretärin, eine weitere Schreibkraft und zwei Mitarbeiter der Romanredaktion ständig telefonisch erreichbar waren und zur Verfügung standen. Einer von ihnen war Lö (der ehemalige Suffkopf).

Um sechs Uhr nachmittags - ich werde diesen Augenblick nie vergessen - saßen wir zusammen; meine Sekretärin startbereit vor ihrer Schreibmaschine. Ich begann mit dem Diktat:
»Langsam gleitet der Wagen über die Rheinpromenade. Die blanke Sonne des Aprilvormittags schimmert mit tausend Reflexen auf dem dunkelblauen Lack, blitzt im Chrom und funkelt in den breiten Scheiben ...« Die Sekretärin nickte zustimmend.

»Der Strom zur Rechten ist ein grünschimmernder Spiegel. Die Gärten und die kleinen Parks zur Linken tragen ihr erstes zartes Grün. Die Welt badet im neuen Licht...«
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Lö mußte Korrektur lesen und verbessern

Immer wenn eine Seite des Rohmanuskripts aus der Maschine kam, riß Lö sie an sich. Er sollte den Inhalt hart und kritisch überprüfen, den ordnungsgemäßen Ablauf der Handlung überwachen, mögliche Verbesserungen vorschlagen und Wortdoppelungen beseitigen. Wir standen alle unter Hochspannung, denn jeder wußte, daß dieser Romananfang für die Weiterentwicklung der Auflage von großer Bedeutung war.
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Richtig Stress die ganze Nacht

Aber ich selber war in dieser Nacht - wie Will mir nachher sagte - unausstehlich, ein gereiztes Nervenbündel voller Ungeduld und Unduldsamkeit, mich dauernd beim Diktat verbessernd, zeitweilig schimpfend und fluchend, ganze Seiten zerfetzend, eine Nervensäge, wie er mich nie zuvor erlebt hatte.

Lö selber wirkte wie Brom, blieb gelassen, scheinbar unbeteiligt ... und sorgte für Kaffee in beliebigen Mengen. »Der ist in Fahrt - der schafft es«, hörte ich ihn einmal beruhigend sagen. Die Sekretärin nickte zustimmend. Lö hatte sich in eine Ecke verkrochen, ganz der harte, kritische Arbeiter. Er sagte kein Wort.

Morgens um 9 gings weiter

Gegen fünf Uhr morgens legte ich mich total erschöpft hin. Ich hatte sogar das Wörtchen >Fortsetzung folgt< mit diktiert. Dabei wußte ich zwar genau, wie die Handlung weitergehen würde - aber wer den Roman nun weiterschreiben sollte, wußten wohl nur die Götter. Sie wußten es wirklich. Nur ich selber wußte es nicht.
Will weckte mich um neun.

»Ich habe Lö um sieben nach Hause gebracht. Er meint, die Länge würde ungefähr hinhauen.« Die Redaktion lief bereits auf vollen Touren.

Das Manuskript war eine Zangengeburt . . .

Ich wischte mir mit einem nassen Handtuch über das Gesicht, setzte mich wieder an das Manuskript und fing an zu verbessern ...

Ergebnis: Das Manuskript sah schließlich verheerend aus. Eine Korrektur überdeckte die andere. Streichungen waren durch Unterpunkten wieder aufgehoben, Sätze und Wörter wie Sprachblasen in Comics an den Rand geschrieben und durch verschlungene Linien zugeordnet. Seiten waren zerschnitten und anders zusammengeklebt, getippte Streifen angeheftet.

Wie heißt denn der Roman?

Dieses Manuskript war eine Zangengeburt, eine einzige Sauerei. Das der Setzerei zuzumuten? - Ich bekam es mit der Angst. Um elf fuhr Will mit dem VW vor und brachte mich in die Setzerei.

»Wie heißt denn der Roman?« fragte mich der Metteur. Verdammt noch mal, war denn noch keine Ruhe? Ich überlegte. Er zeigte mir ein paar Schriften. Ich wählte eine aus und sagte: »Setzen Sie bitte über die ganze Breite:

>Ein Herz spielt...<« Punkt?«
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Das Herz spielt - - - - - "falsch" !!

»Hinter Überschriften kommt auch bei mir kein Punkt, es geht nämlich weiter.«
Ich nahm einen dicken Stift und schrieb groß - "falsch".
»Soll das so kommen? In einer ganz anderen Schrift?«
»Ja, in einer falschen Schrift. Das ist symbolisch. Macht das so, und dann haben wir in letzter Sekunde auch noch einen originellen Kopftitel gezaubert.«
Nebenbei: Mit diesem falschen >falsch< sind später auch fast alle deutschsprachigen Buchausgaben erschienen.
»Und der Untertitel?«
»Sagen wir: >Der Roman einer tragischen Wandlung<.«

»Von?«
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Und der Autor ? »Von?«

Jetzt wird's brenzlig? Doch das Kind muß einen Namen haben, egal, was daraus wird:
»Setzen Sie: Hans-Ulrich Horster.«

So kam ich zu dem Namen, der mir ein ganzes Leben lang anhängen sollte. Und das bei einem Roman, von dem gerade die erste Folge mit Hängen und Würgen in Satz gegangen war...

»Der Titel ist ein Schlager für sich«, sagte Will auf der Heimfahrt. »Den hätten wir aber auch schon tagelang vorher zeichnen lassen können.«
»Richtig, aber er ist mir erst in der Setzerei eingefallen.«
»Und wer ist Hans-Ulrich Horster?«
»Irgendein armer Federfuchser, der von seinem zweifelhaften Glück noch nicht einmal träumt.«

Das war also der Beginn meines dritten Romans

Ohne es zu wissen und zu wollen, hatte ich mit der Arbeit an meinem dritten Roman begonnen. Aber noch ahnte ich nicht, daß mit dem Erscheinen der ersten Folge eine Entwicklung beginnen würde, die in der Geschichte des Zeitschriftenromans auf der Welt nicht ihresgleichen hat.

Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn fortzusetzen. Denn der Erfolg des Romans war sensationell und steigerte sich von Heft zu Heft. Ich schrieb die Folgen meist Samstags und Sonntags in aller Ruhe. Montags gab ich sie dann in die Romanredaktion zur Überprüfung auf Flüchtigkeitsfehler, Wortdopplungen und zum Einpassen in den vorgesehenen Raum.

Der Zeitschriftenverkauf ist schon seit langem saisonabhängig

Der Zeitschriftenverkauf ist saisonabhängig. Viele verzichten auf ihre Programmzeitschrift, wenn sie ihre Urlaubsreise antreten. Was sollen sie mit einem Programm, das sie weder hören noch sehen können?

Das einzige, das sie - und vor allem die Frauen - veranlassen kann, ihre Zeitschrift trotzdem zu kaufen, ist der Roman, wenn...

... ja, wenn er so spannend und interessant ist, daß sie keine Folge versäumen möchten.

Redaktion und Vertrieb sind immer getrennt

Die Redaktion merkt davon nichts. Wohl aber der Vertrieb, denn der kriegt den sommerlichen Rückgang in harten Zahlen zu spüren. Es ist also zu verstehen, daß unser Vertriebschef Szimmetat gern gewußt hätte, wie viele Folgen des Romans noch zu erwarten seien. Diese Frage direkt an die Redaktion zu stellen, hätte allen guten Gepflogenheiten widersprochen und als Versuch einer Einflußnahme auf die Redaktion gedeutet werden können.

Szimmetat war pfiffig

Szimmetat fing es also anders an. Er bat Springer, eine Sitzung der Verlagsleitung anzusetzen, um ein paar Worte über die Auflagenentwicklung von HÖR ZU und KRISTALL sagen zu können. Er begann mit einer großen Lobeshymne auf HÖR ZU, lobte den, wie er sagte, >sensationellen Erfolg< des laufenden Romans und äußerte die zuverlässige Gewißheit, daß dieser Roman auch über die Sommerflaute hinweghelfen würde. Damit hatte der schlaue Fuchs genau angedeutet, was er wissen wollte. Ich grinste ihm augenzwinkernd zu.

Und dann Szimmetats "Fangfrage"

Springer: »Wie lange läuft denn der Roman noch?« - »Drei Wochen.«
Szimmetat, der das wohl heimlich herausbekommen hatte, spielte den Erschreckten: »Hoffentlich hat die Redaktion dann einen ebenso spannenden Roman auf Lager, denn es wäre doch zu schade, wenn die geradezu sensationelle Auflagenentwicklung durch einen schwächeren Roman schockartig gebremst würde!«

Ich sagte freimütig, daß wir mit unseren Romanen und Tatsachenberichten - wie meist mit den Titelseiten - buchstäblich von der Hand in den Mund lebten und daß ich selber einen so sensationellen Erfolg des laufenden Romans nicht erwartet hatte.
Ringsum betretenes Schweigen.

»Wenn der Roman wenigstens über die restlichen Urlaubsmonate gereicht hätte ...« sagte Szimmetat.

Könnte man nicht noch etwas . . . . .

Ich sah seine sorgenvollen Augen und fragte mich, ob er wohl erfahren hatte, daß ich diesen Roman selber schrieb, obwohl die Redaktion weitab vom Verlag saß und es zwischen uns keinerlei Verbindungen gab.

»Mir dreht Ihr Kummer die Luft ab«, sagte ich. »Wie lange müßte der Roman denn laufen, damit Sie über den Berg wären?«
Diese Frage ließ alle aufhorchen. Sollte es eine solche Möglichkeit tatsächlich geben?

Szimmetat zeigte keinerlei Überraschung und sagte ohne Überlegung: »Noch ungefähr sechs Wochen.« - »Das heißt, daß er von zwölf auf achtzehn Folgen verlängert werden müßte«, sagte ich zum Erstaunen aller so sachlich gelassen, als sei das die einfachste Sache der Welt.
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Maßstab wäre die Beliebtheit von HÖR ZU

Ich hatte während der ganzen Unterhaltung schlagartig erkannt, wie vorteilhaft sich eine solche Verlängerung des Romans nicht nur auf die Sommerauflage, sondern auch auf die Beliebtheit von HÖR ZU auswirken würde - und schon schemenhaft eine Verlängerungsmöglichkeit gesehen.

»Na gut«, sagte ich, »wenn ich Ihnen damit helfen kann!« Szimmetat strahlte. Springer und Voß starrten mich überrascht an.

Mitinhaber Voß in seiner etwas steif wirkenden Art:

Voß glaubte, ich wollte mich über unseren Vertriebsleiter lustig machen, und sagte in seiner immer etwas steif wirkenden Art: »Herr Rhein, Sie haben das eben so leichthin zugesichert. Ich meine - bitte verstehen Sie das jetzt nicht als Kritik -, man kann doch einen solchen Roman nicht einfach wie Gummi in die Länge ziehen, denn damit würden wir doch genau das Gegenteil von dem erreichen, was wir anstreben.« Springer pflichtete ihm kopfnickend bei.

Ich blieb gelassen: »Ich schätze Herrn Szimmetat aus unserer Ullstein-Zeit viel zu hoch, um mir eine solche Antwort zu erlauben, wenn ich mir über die Folgen nicht klar wäre. - Aber nun muß ich sofort in die Setzerei, um die schon umbrochene Folge entscheidend zu ändern.« Voß schüttelte sprachlos den Kopf.
Szimmetat sagte mit einem gewissen Stolz: »Tja - Ullstein-Schule!«
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Genau 3 Stunden hat es gebraucht

Ich stürzte in die Setzerei. Drei Stunden nervöse Arbeit. Es war nicht leicht, aber gerade das hatte mich gereizt - zu zeigen, daß man sich auf mich verlassen konnte.

Als die nächsten Folgen erschienen, merkte keiner den Übergang. Selbst Voß nicht, der ebenso interessiert wie belustigt zu ergründen versuchte, wie ich dieses Kunststück wohl zuwege gebracht hatte.

Das Format von HÖR ZU vergrößern ?

Bei einer Verlagskonferenz ging es um die Frage, ob man das Format von HÖR ZU nicht vergrößern solle - Springer war dafür, um auf dem Markt mehr aufzufallen, Voß aus wirtschaftlichen Überlegungen dagegen.

»Dazu brauchten wir neue Druckwerke, die Millionen kosten und frühestens in einem Jahr lieferbar wären. Außerdem kostet das mehr Papier, aber die Inserenten werden für die Anzeigenseite deshalb nicht einen Pfennig mehr zahlen.«

Springer sah mich fragend an. Ich hatte noch das lästige Großformat der SIEBEN TAGE in Erinnerung und winkte ab:
»Eine Programmzeitschrift liegt im allgemeinen da, wo sie gebraucht wird, also beim Empfänger, und da ist nicht überall der Platz, auf dem man sie ausbreiten kann. Sie muß handlich bleiben.«

Mir kamen fast die Tränen.

Springer wandte sich an Szimmetat. Der war wie immer hellwach: »Genau das haben wir gemerkt, als wir - wenn auch notgedrungen - auf das kleinere Format von HIER BERLIN umschalteten. Das gab damals einen prächtigen Ruck in der Auflage. Außerdem sehe ich keinen Grund, an HÖR ZU etwas zu ändern, zumal der Roman von Herrn Rhein einen so großartigen Aufschwung gebracht hat.«

Seine Haare leuchteten fuchsrot. Ich dachte: "Nachtijall, ick hör dir trapsen!" und wunderte mich deshalb auch nicht, als er mit einem bemitleidenswerten Seufzer fortfuhr: »Schade, schade, daß dieser wunderbare Roman jetzt wohl zu Ende geht!« Dabei sah er mich an ... Mir kamen fast die Tränen. »Hoffentlich haben Sie jetzt einen ebenso spannenden Roman!« fuhr er fort. - Eine Frage, die alle aufhorchen ließ.

Getretener Quark wird auch nicht stark.

»Ich habe mit Berndorff einen sehr spannenden Stoff besprochen, der in Marseille spielen soll - einen modernen >Graf von Monte Christo<. Das wird auch was für unsere Männer sein.«
Springer, Voß und der Leiter unserer Anzeigenabteilung hörten gespannt zu. Sie kannten ihren Vertriebschef und ahnten schon, was er im Schilde führte.

»Schade, schade! Gerade jetzt wären ein paar Fortsetzungen mehr von >Ein Herz spielt falsch< ein wahrer Segen.«
Voß schüttelte unwillig den Kopf: »Aber Herr Szimmetat, man kann einen solchen Roman doch nicht endlos auswalzen. Getretener Quark wird auch nicht stark.«
Den letzten Satz hätte er sich besser gespart, denn nun mischte sich Springer ein, der sofort eine meiner gefürchteten Blitzreaktionen erwartete.
»Lieber Herr Voß, wir alle wissen, daß Sie den Ausdruck Quark nicht so gemeint haben, aber...«
»Verzeihung, das ist mir auch nur so herausgerutscht!« - »... aber ich glaube auch, daß wir das Herrn Rhein überlassen sollten!«

Ihr Herz wird wunschgemäß noch weitere sechs Wochen falsch spielen

Das war nun wieder ein zweiseitiger Angriff auf meinen Ullstein-Kollegen Szimmetat, den ich nicht hinnehmen konnte, und ich fragte ihn im Ton eines Fleischers: »Wieviel darf's denn mehr sein?« Alle lachten - nur Szimmetat nicht. Er sagte trocken: »Wenn ich nicht aus Erfahrung wüßte, wie oft Sie früher einen müden Gaul über die Hürden gehoben haben, hätte ich mir nie erlaubt...«
Ich mußte laut lachen:
»Erst der Quark und nun der lahme Gaul! Also gut: Ihr Herz wird wunschgemäß noch weitere sechs Wochen falsch spielen.« Allgemeines Aufatmen. Wir gingen auseinander, und Szimmetat drückte mir heimlich die Hand.
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Dann endlich das Wörtchen "Ende"

Als in Heft 40 unter meinem Roman das eigentlich überflüssige Wörtchen Ende gestanden hatte, atmete ich auf. Eine schwere Bürde hatte ich nun ans Ziel gebracht, aber ein zweitesmal würde mir das nicht passieren.

Zu meiner Verwunderung erhielt die Redaktion nun aber Hunderte von Briefen, in denen nicht nur nach der Buchausgabe gefragt, sondern ein zweiter Teil des Romans angeregt wurde, denn man wollte nun allzu gerne wissen, was aus den anderen Menschen geworden war. >Menschen<, die die Leser mit ihren Namen nannten, also nicht Romanfiguren im üblichen Sinne.

Unser Sketch in der Straßenbahn

Wie sehr sich meine Leser mit den Figuren des Romans verbunden fühlten, haben Jürgen Roland und ich in der Straßenbahn erlebt.
Als ich den Wagen betrat, rief er mir vom anderen Ende durch den ganzen Wagen zu: »Haben Sie das gelesen? Die Sybilla heiratet doch tatsächlich den Peter, dieses Schwein!« Ich war überrascht, antwortete aber schlagfertig: »Unsinn, das glaube ich nicht!«

Und was geschah daraufhin zu meiner größten Verwunderung? Die Frauen im Wagen sahen Jürgen entsetzt an: »Na, so was! Das darf doch nicht wahr sein!« - »So dumm wird doch die Sybilla nicht sein!« - »Ausgeschlossen, das wäre ja, das wäre ja...« - »Die müßte man doch warnen!« Unglaublich, aber wahr!

Die schönen Vornamen Peter und Sybilla

Und noch etwas, was man mir heute nur schwerlich glauben kann: Die schönen Vornamen Peter und Sybilla waren damals im Rheinland wenig beliebt. Wer hieß schon Pitter? Wer Billa? Die Karnevalsjecken sangen gerade:

  • »Jetz hat dat Schmitze Billa ze Poppeldorf en Villa,
  • et hat e eije Hus, et Bill is fein eruhs!«


Falschere Namen hätte ich also wirklich nicht nehmen können. Und weshalb nahm ich sie doch? Es war ein Experiment; solche Experimente mit meinen Romanlesern habe ich später öfter gewagt.

Ich hatte festgestellt: Wenn mir jemand von einer reizenden Helene oder einem netten Winfried vorschwärmte, konnte er gleich aufhören - denn mit diesen Namen verband sich die Erinnerung an höchst unsympathische Menschen; die Vornamen machten mich unwillkürlich voreingenommen, obwohl ich mir jedesmal sagte, das sei doch verrückt.

Wie wäre es denn nun, wenn ich meinen strahlenden Helden Vornamen gäbe, die zwar nicht wie die Vornamen Wilhelm und Adolf vorbelastet, wohl aber - sagen wir verschlissen waren? Sollten die beiden Vornamen nicht dadurch geedelt werden können? Sogar in ihrer Dialektform? Sybilla nennt ihren Peter, wenn sie besonders zärtlich ist, tatsächlich Pitter und er sie Billa.
Der Erfolg war überzeugend.

Erstaunlich - ein Wandel bei den Taufnahmen

Man hieß plötzlich Peter, ja sogar mit Künstlernamen Pitter. Noch nie sind so viele Jungen auf den Namen Peter und Mädchen auf den Namen Sybilla getauft worden wie während der Laufzeit des Romans und auch nachher. Der Vorname Peter wurde geradezu modern. Später erlebte ich dasselbe mit dem Vornamen Martina.

Sie wollen einen Film "machen"

Die letzte Folge des Romans war noch nicht erschienen, da meldeten sich zwei Herren vom Film und erklärten mir, sie hätten den Mut, ihn zu verfilmen, obwohl...

Geld war damals knapp, und allzuviel Mut konnte die neue deutsche Filmindustrie damals auch noch nicht aufbringen.

Außerdem mußten sie sich erst vergewissern, ob die Kinobesitzer an einem solchen Film genügend interessiert waren, um eine bestimmte Mindestzahl von Aufführungen zu garantieren. Das aber konnten sie nur, wenn sie außer dem Stoff auch die wichtigsten Mitwirkenden kannten.

Meine Besucher waren keine arrivierten Filmgewaltigen, sondern zwei verhältnismäßig junge Herren, die sich mit viel Begeisterung, Elan und... wenig Geld in das Abenteuer stürzen wollten. Doch sie machten einen seriösen Eindruck. Ich bat deshalb um Bedenkzeit, um mich über sie und das ganze Unternehmen zu erkundigen. Dabei hörte ich nur Gutes, so daß ich mir schließlich sagte: Die Hauptsache ist, daß sie einen erstklassigen Film drehen; dann ist das eine unbezahlbare Propaganda für HÖR ZU und nicht zuletzt für die Buchausgabe.
Ich erklärte mich also kurz entschlossen mit dem finanziellen Teil ihres Angebots einverstanden.

Von Springer nie ein Honorar für meine Romane erwartet

Übrigens in diesem Zusammenhang eine Feststellung, die gewiß viele meiner Leser und Kollegen überraschen wird:

Ich bin nie auf die Idee gekommen, von Springer für den Zeitschriftenabdruck meiner Romane ein Honorar zu erwarten, obwohl für so lange und so erfolgreiche Romane ohne weiteres bis zu fünfhunderttausend Mark gezahlt werden konnten und gezahlt worden wären. Ich habe meinen vollen Einsatz stets für selbstverständlich gehalten.

Nimm, soviel du kriegen kannst! - Nein, dieser Typ bin ich nie gewesen. Über Honorare habe ich grundsätzlich nie verhandelt. Man hat mir sowieso immer die besten gezahlt.

Die Story von dem Teppich in der Johnsallee

Genauso widerstand es mir, >Spesen< in Rechnung zu setzen.
Ganz anders, wenn es nicht um mein Geld, sondern um die Interessen des Verlegers ging. Er selber war äußerst großzügig - Herr Voß dafür um so genauer. Und in diesem Zusammenhang fällt mir die Story von dem Teppich ein.

In der Johnsallee waren alle Wände, Decken und Böden schon vor unserem Einzug schwer mitgenommen gewesen. In meinem Büro knarrte der Boden bei jedem Schritt. Das störte mich, wenn ich Migräne hatte, oft unerträglich. Leider hätte man den Schaden nur durch Auswechseln des ganzen Bodens beheben können - und das Holz dazu gab es nicht. Ich ließ den Boden deshalb mit Pappe bekleben und darüber den billigsten braunen Boucle legen. Covents hatte mir das schon oft geraten. Gesamtkosten 600 Mark.

Es ging um 600.- DM

Ich zeichnete die Rechnung ab, Covents zeichnete sie ab - und alles schien in Ordnung ... Bis sie auf den Schreibtisch von Herrn Voß kam, der gerade viel Geld für den Aufbau des HAMBURGER ABENDBLATTES brauchte. Er rief Covents an: »Wenn Herr Rhein in seinem Zimmer einen Teppich haben will, möge er ihn auch bezahlen!«

Dieser Satz machte die Runde im ganzen Haus und wurde auch bei anderen Anlässen gern zitiert. Ich fand ihn museumsreif und habe die 600 Mark selber gezahlt, aber dafür gesorgt, daß Springer davon nichts erfuhr. Der Verlag schuldet mir die 600 Mark mit Zinsen und Zinseszinsen also noch heute . . .
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Der Film mit Ruth Leuwerik und O. W. Fischer

Von den Filmleuten hörte ich einige Zeit nichts. Dann hatten sie auf einmal alles zusammen: den Regisseur, das Drehbuch und die Hauptdarsteller - bis auf die Sybilla. Ihre Wahl fiel allen schwer.
Da machte mich eines Tages ein Theaterkritiker auf Ruth Leuwerik aufmerksam, die allabendlich im Hamburger >Deutschen Schauspielhaus< auftrat.

Ich ging in die Vorstellung und sah in ihr tatsächlich genau die Sybilla des Romans. Regisseur und Produzent kamen zwei Tage später nach Hamburg. Am nächsten Tag wurde der Kontrakt mit ihr perfekt. Für die schwierige Rolle des Peter hatten sie O. W. Fischer gewonnen. »Oh Weh Fischer«, stönten einige. »Keiner spielt diesen zwielichtigen Typ besser!« sagte der Regisseur.

Man konnte mit den Dreharbeiten beginnen, und ich brauchte mir um den Film keine Gedanken mehr zu machen.
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