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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 77
Der erste Fortsetzungsroman und KRISTALL

Die Nachfrage nach HÖR ZU stieg trotz aller ärgerlichen Einschränkungen und Unregelmäßigkeiten von Nummer zu Nummer. Leider kamen die Papierzuteilungen nicht immer mit, und ich versuchte deshalb, unseren Lesern mehr zu bieten, indem ich anregte, zwei verschiedene Ausgaben zu bringen: eine für den norddeutschen, eine für den westdeutschen Sendebereich. Das bedeutete zwar mehr Redaktions- und Setzarbeit und eine Änderung der Vertriebsorganisation, doch der Plan war so überzeugend, daß wir ihn schon in Heft 36 verwirklichen konnten.

Klar, daß mir dabei auch schon weitere Verbreitungsgebiete einfielen, doch dazu war die Zeit noch nicht reif.

Ab jetzt jedesmal einen spannenden Roman

Reif war sie inzwischen aber für die Zusage geworden: »Von jetzt an bringt jede Nummer nicht nur sechzehn Seiten, sondern auch einen spannenden Roman.«

Die Zeit der fast legendär gewordenen HÖRZU-Romane begann mit dem nach Maß geschriebenen Roman >Paranon< meines Kollegen Hans Rudolf Berndorff, der schon in der BERLINER ILLUSTRIRTEN mit seinen Tatsachenberichten und Romanen - zuletzt >Der Libellenkrieg< - große Erfolge geerntet hatte.

Und wieviel Zeilen zu wieviel Anschlägen

Ich sagte zu Berndorff »nach Maß«. Er stutzte einen Augenblick, begriff aber sofort: »Das hat zwar noch keiner von mir verlangt, aber ich werde es versuchen. Wieviel Seiten mit wieviel Zeilen zu wieviel Anschlägen?«
Ich rechnete kurz.

Er kratzte sich die haarlose Verlängerung seiner Denkerstirn und meinte nach einer Weile: »Das ist eine verdammt harte Nuß!«
»Nicht für einen mit so gesunden Zähnen wie Sie.«
»Sie sind ein Schelm!« brummte er und drückte mir die Hand. »Wann brauchen Sie den Anfang?«
»Gestern.«
»Erst? Und das tödliche Wörtchen >Fortsetzung folgt< muß ich wohl auch selber schreiben?«
»Dürfen Sie ... solange die Leute brennend darauf warten. Dafür starte ich Ihr Meisterwerk auch mit einer Titelzeichnung von Hans Liska.«
»Ist das ein Wort?« fragte er zwischen Tür und Angel. Ich tat überrascht: »Sie sind noch hier? Ich dachte, Sie säßen schon schweißtriefend vor Ihrer Schreibmaschine!«

Angeblich sei ich ein Tyrann

Die Zusammenarbeit mit Berndorff gehört trotz des scheinbaren Gezankes - er nannte mich seinen Tyrannen, ich ihn meinen schreibenden Massenmörder - zu den erfreulichsten Stunden meiner HÖR ZU-Zeit.
"Wat dem een' sin Not, is dem annern sin Brot."

Ich hatte von Anfang an damit gerechnet, Springer hatte es befürchtet, Voß hatte es zu heftigem Nachdenken angeregt: Von dem Tag an, an dem es HÖR ZU gab, ging die Auflage der NORDWESTDEUTSCHEN HEFTE langsam zurück und fing an, ein Verlustgeschäft zu werden.

Damals ungeheuer wichtig : die Papierzuweisungen

Man hätte sie ja einfach eingehen lassen und HÖR ZU als ihre Nachfolgerin bezeichnen können, aber damit hätte der Verlag auch die regelmäßigen Papierzuweisungen verloren. Sollte man mit dem Papier, das infolge der sinkenden Auflage übrigblieb, nicht etwas anderes anfangen können?
Voß überlegte nicht lange und druckte unter der Verlegermarke Hammerich & Lesser Ganghofer-Romane in stattlichen Auflagen.

Ich erfuhr davon, und mir war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, daß die Engländer von dem Romangeschäft hören und womöglich das Papier für HÖR ZU sperren könnten.

Machen wir aus den NORDWESTDEUTSCHEN HEFTEN die KORALLE

Es müßte doch möglich sein, die NORDWESTDEUTSCHEN HEFTE vorsichtig umzubauen und in eine neue populärwissenschaftliche Zeitschrift im Stil der ehemaligen KORALLE zu verwandeln, um auf diese Weise die Lizenz und die Papierzuteilung zu retten!

Ich ging zu Axel. Auch ihm muß wohl bei dem Voßschen Geschäft nicht ganz wohl gewesen sein, denn er atmete tief durch und sagte - wie von einem Alp befreit: »Das ist die Idee!«

Er sagte nicht: die rettende Idee - und nach einer Weile: »Aber das kann der gute Hansemann doch nicht, und wie soll ich in der Eile eine völlig neue Zeitschrift aus dem Boden stampfen?«

»Eine neue Zeitschrift soll und darf das auch nicht werden, schon wegen der nötigen Lizenz, nur eine lobenswerte Verbesserung gegen die die Engländer wohl kaum Einspruch erheben werden.

Ich mache das nebenbei

Und den erfahrenen Chefredakteur und Autor hätten wir ja fürs erste; ich mache das nebenbei, bis wir einen geeigneten Chefredakteur aufgetrieben haben.«
»Um Himmels willen - auch das noch? Sie stecken doch ohnehin schon bis über die Ohren in Arbeit.«
»Heute ist Samstag. Ich werde bis Montag einen Entwurf ausarbeiten. Den legen wir Voß und Vertriebsleiter Szimmetat vor, und wenn Ihnen allen das Layout gefällt - fangen wir schon beim nächsten Heft vorsichtig mit dem Umbau an. Wir hätten dazu fast zwei Wochen Zeit.«
Axel stöhnte: »Wenn nur HÖR ZU nicht darunter leidet!«

Eine neue KORALLE.

Am Montag nachmittag erschien die >Kommission<. Will und ich hatten die NORDWESTDEUTSCHEN HEFTE auf das HÖRZU-Format gebracht, Seiten und Bilder aus allen möglichen alten Zeitschriften wirkungsvoll zusammengeklebt und den Titel unauffällig durch den Untertitel FÜR UNTERHALTUNG UND WISSEN ergänzt. Das Ganze lag ausgebreitet auf dem Tisch und machte einen guten Eindruck.
»Das wär's«, sagte ich schlicht.

Springer blätterte das Ergebnis fieberhafter Arbeit langsam und bedächtig durch und nickte immer wieder beifällig. Voß hielt sich bedeckt, Szimmetat meinte trocken: »Eine neue KORALLE.«

Szimmetat war unser neuer Vertriebsleiter

Szimmetat war unser neuer Vertriebsleiter. Ein Fünfziger, rothaarig und sommersprossig, den ich von Ullstein her kannte und Springer dringend empfohlen hatte. Ein >Rotfuchs<, über dessen äußere Erscheinung sich Springer zwar heimlich lustig machte, dessen Können ihm aber Respekt einflößte.
»Gewiß«, sagte ich, »aber aus taktischen Gründen zunächst noch verhältnismäßig stark rundfunkgebunden.« Voß war unschlüssig, aber er hatte wohl auch das Gefühl, daß man den weiteren Druck der Ganghofer-Romane einstellen sollte.

Können Sie das verkaufen?

Szimmetat sah mich sorgenvoll an: »Wollen Sie sich das auch noch aufbürden?«
»Vorläufig. Aber das ist nicht die entscheidende Frage. Die müssen nämlich Sie beantworten: Können Sie das verkaufen?«
Szimmetat, der tüchtigste Vertriebsleiter, den ich je kennengelernt habe, sagte sofort: »Kinderspiel! Nur der Titel ... aber den müssen wir leider wohl so lassen.«
»Meinen Sie? Den ändere ich im Lauf der nächsten drei Hefte selbstverständlich so, daß es keinem auffällt. - Ich dachte schon mal an >Kolibri<... das erinnert phonetisch an KORALLE. Fragt sich nur, ob der hübsche Titel noch frei ist, sonst muß ich mir einen anderen einfallen lassen.«

Das Blättchen heißt dann eben KRISTALL

Voß nickte. Springer sagte: »Das lassen wir sofort klären.« Er wandte sich an Szimmetat und Voß: »Wenn Sie keine Bedenken haben, sollten wir das wohl machen. Ich habe bei dem ganzen Plan nur Angst um HÖR ZU.«
»Die hatte ich auch«, sagte Szimmetat, »aber« - mit einem Seitenblick auf Voß - »wegen der Ganghofer-Romane fällt mir ein Stein vom Herzen.«

Schon am nächsten Tag erfuhr ich, daß Kolibri nicht mehr frei war, eine kleine Rätselzeitschrift hieß so. Wir hätten den Titel kaufen können, aber für 50 000 Mark.

»Verrückt«, sagte ich, »ich habe schon einen besseren, der noch mehr nach KORALLE klingt: KRISTALL. Was halten Sie davon?«
»Wenn der frei ist«, sagte Springer.
»Und wann starten wir KRISTALL?«
»Nicht überstürzt. Sie müssen sich dazu noch ein paar tüchtige Mitarbeiter suchen, aber bestimmt im Lauf der nächsten vier bis sechs Wochen.«
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Der Umbau hatte sich gelohnt.

Kurz darauf lag die erste Nummer der kristallisierten NORD-
WESTDEUTSCHEN HEFTE FÜR UNTERHALTUNG UND WISSEN im HÖR ZU-Format mit einem aufsehenerregenden Titelbild auf dem Markt.
Die erste Auflage wurde in zwei Tagen verkauft und gefiel auch den Engländern. Der Umbau hatte sich gelohnt.

Kapitel 78
Juni 1948 - Währungsreform

Am 18. Juni 1948 - man hatte natürlich, wie immer in ähnlichen Fällen, einen Samstag gewählt - geschieht dann das von allen so sehnsüchtig erwartete Wunder: die Währungsreform!

Die "Bank Deutscher Länder" gibt bekannt, daß jeder Bewohner der Westzone am 20. Juni gegen Rückgabe von 40 Reichsmark 40 Deutsche Mark erhält und im August noch einmal 20 neue Mark für 20 alte.

Die neuen Banknoten sind vorsichtshalber in den USA gedruckt und in Frankfurt gelagert worden und sehen auf den ersten Blick in Format und Farbe wie amerikanische Dollar aus. Ein kostbarer Besitz in der Hand eines jeden.

Völlig irre - Deutschland(West) verwandelt sich

Schon am Sonntag sind plötzlich alle Schaufenster und Lager mit den bisher zurückgehaltenen Verbrauchsgütern gefüllt.

Bankguthaben werden im Verhältnis 100 RM = 6,50 DM umgewertet, alle Schulden dagegen müssen in gleicher Höhe mit RM beglichen, alle Leistungen, Löhne und Gehälter in gleicher Höhe mit DM gezahlt werden.
Westberlin wurde in die Währungsreform einbezogen. Ein verzweifeltes Volk atmet auf...

Voß verkaufte nun den ganzen Block Ganghofer-Romane einem zahlungskräftigen Buchgroßhändler gegen bar. Zauberei! Für den Verlag eine enorm wertvolle finanzielle Stütze.

Was Herr Voß kann, ..... dachte ich

Haha, was Herr Voß kann, kann ich auch: Die Kugellager! Die werden jetzt zu Geld gemacht! Ich schrieb meinem Kompagnon: »Kümmern Sie sich um den Kram. Verkaufen Sie! 25% für Sie!« Da mußten doch mindestens 250 000 treudeutsche Mark herauskommen!

Entsetzlicher Irrtum.

Nichts - gar nichts kam heraus. Die Herstellerfirma Hahn schrieb uns sehr nobel und hilfsbereit, sie wolle gern versuchen, für diese Lager einen Interessenten zu finden, gab aber zu bedenken, daß es sich nicht um leicht verkäufliche Modelle handle, sondern um - Speziallager für schwere Militärfahrzeuge ...

Und mein leidgeprüfter >Kompagnon< schrieb mir, bei der Entnahme einiger Muster hätte er feststellen müssen, daß alle Lager ... Rost angesetzt hätten. Ich schrieb an Hahn und bat um Rat. Bestürzende Antwort: Schrott.

In diesem Augenblick tat mir nur mein Teilhaber leid, der in Köln als Kellner untergekommen war und in den Stunden der Not von seinem verborgenen Reichtum geträumt hatte. Weg mit dem Zeug. Ich weinte ihm keine Träne nach.

Sei dem Schicksal nicht undankbar.

Meine Mutter schrieb: »Sei dem Schicksal nicht undankbar. Du hast einen sauberen Namen, Du kannst was - und Du hast eine Zeitschrift, um die sich die Leute reißen. Viele andere haben Blutopfer bringen müssen und alles verloren. Vergiß das nie!«

Vermögen - nein, Vermögen hatte ich keines mehr. Die beiden Häuser in Berlin, gewiß, aber Berlin war weit ...
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Also dann doch wieder das Füllschriftverfahren

In dieser Stunde entschloß ich mich, mein halbfertiges Füllschriftverfahren wiederaufzugreifen und zu Ende zu führen. Wenn mir das gelang, würde ich die Schallplattenindustrie der ganzen Welt umkrempeln und Millionen verdienen.
Ich machte einen Raum meiner Wohnung zum Labor, packte meine Laborkisten aus und fing wieder an, verzwickte technische Probleme zu wälzen ...

Kapitel 79
Menschen und Romane

Der Fortsetzungsroman >Paranon< begann in Heft 37 (in 1948) und bewies schlagartig die hohe Könnerschaft Berndorffs. Millionen hatten seine dramatischen Tatsachenberichte und Romane in der BERLINER ILLUSTRIRTEN verschlungen und wurden nicht enttäuscht. >Paranon< endete, getreu der alten Ullstein-Regel: Ein Roman darf nicht mehr als acht Folgen haben.

Mit diesem Roman begann in HÖR ZU eine noch nicht dagewesene Serie ausgezeichneter Unterhaltungsromane, deren Erfolge auch erfahrenen Zeitungsmachern Rätsel aufgaben.
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Eine Idee war mit besonders zuwider

In dieser Situation, mit dem endlich feststehenden Mindestumfang, mußte ich mich entscheiden, ob ich aus HÖR ZU ein Blättchen nach dem Grundsatz machen wollte: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.

Dieses Warenhausprinzip mit tausend Kästchen und Spalten und Kästchen in Kasten und daumenbreiten Spalten und noch einem Kästchen - war eine Lieblingsidee Springers (Fernziel BILD). Mir war sie zuwider. Er schrieb sogar seine Briefe bis ins Groteske schmalspaltig.

Was ich wollte ... und was ich nicht wollte !

Ich hatte von Anfang an eine klare Vorstellung davon, was ich wollte und was ich nicht wollte. Beispiel:
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  • Sportberichte. Sie sind Sache der Tageszeitungen und Sportblätter. Die Sportfans wollen möglichst noch am Tage des Geschehens wissen, wer gewonnen hat - nicht erst Wochen später. Oder:
  • Politik; oder:
  • Sensationsberichte. Mischmasch für die Tagespresse. Schnell gebracht, oft viel zu groß aufgemacht ... und schnell wieder vergessen, denn: Nichts ist älter als die Sensation von gestern. Und weiter :
  • Frömmigkeit verkauft sich schlecht. Wer sie mag, für den gibt's genügend kreuzbrave Kirchenblättchen.
  • Aber Sex! Ja, Sex zieht immer. Je schamloser, um so stärker ... aber bitte nicht in einer Familienzeitschrift.

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Was sind schon >Marktanalysen<, wenn sie nicht stimmen

An diesen unbestreitbaren Tatsachen würden auch etwaige Feststellungen der Marktforschung nichts ändern. Die Marktforscher mögen Lücken im Verbreitungsgebiet, Fehler im Vertriebsapparat aufspüren, aber sie sind überfordert, wenn sie feststellen sollen, was die Leser wünschen.

Sind Kochrezepte belanglos gemacht, legen die Leserinnen keinen Wert darauf. Umfrageergebnis: Kochrezepte kommen nicht an. Richtig! Aber nur, bis einer zeigt, wie man sie machen muß, damit sie beachtet werden.

Bemitleidenswert der Chefredakteur, der sich von >Marktanalysen< beeinflussen läßt: Schließlich machen dann Marktforscher die Zeitung! Also einen spannenden Roman und einen aufregenden Tatsachenbericht - denn nichts interessiert die Menschen mehr als ... interessante Menschenschicksale.

Nur schade, daß unter hundert guten und spannenden Romanen höchstens zwei für den bröckchenweisen Abdruck geeignet sind. Und selbst das nur unter schwer erfüllbaren Voraussetzungen.

Ein englischer Korrespondent aus Hamburg

In diesen Tagen hatte sich bei mir Eduard Roderich Dietze gemeldet und seine Mitarbeit angeboten: Ein in Hamburg lebender englischer Korrespondent, von dem ich wußte, daß er während des Krieges unter dem Pseudonym Mary von Arnheim eine höchst geheimnisvolle englische Propagandasendung geschrieben hatte, die von Millionen Deutschen mit Interesse heimlich gehört worden war. Auch von mir.

Ob ich ihn wohl dazu bewegen konnte, jetzt das große Rätsel zu lösen? Er zögerte. Würde er sich damit nicht bei seinen Landsleuten und bei den Deutschen gleichermaßen unbeliebt machen? Nicht, wenn die Sache taktvoll und geschickt gestartet würde. Ich schrieb, wie ich mir die redaktionelle Einleitung zu dieser Serie gedacht hatte - und Dietze biß an.

>Ich war Mary von Arnheim.<

Eine Woche spater begann dann tatsächlich der aufsehenerregende Tatsachenbericht aus den Geheimakten der englischen Kriegsführung: >Ich war Mary von Arnheim.<

Es war die ungeschminkte Wahrheit, und gerade das machte diesen Bericht zu einer Sensation: Einmal aus authentischem Munde zu erfahren, wie bei einer solchen Sendung Wahrheit und Dichtung aufs raffinierteste miteinander verstrickt worden waren.

Dann brauchte ein einen neuen Roman!

Aber woher? Die Romane, die ich brauchte, gab es noch nicht! Autoren, die einen fertigen Roman in der Schublade hatten - die gab's dutzendweise. Aber nicht einer von allen entsprach meinen Vorstellungen. Sie alle hatten nicht begriffen, daß die in Trümmerstädten erbärmlich hausenden und hungernden Menschen nach dem Inferno des Krieges nicht mehr die Ruhe, die Zeit und Geduld aufbrachten, weitschweifige Romane zu lesen. Romane, in denen Menschen lebten, mit denen man sich nicht mehr identifizieren konnte und die sich mit Seelenkrämpfen abplagten, für die uns in diesen Notzeiten jegliches Mitgefühl abging.

Es muß ein oder der Zeitroman sein

Was ich brauchte, war der - Zeitroman. Knapp und sachlich geschrieben, ohne süß riechende Vergißmeinnicht und sinnlich duftende Rosen: Romane mit den müde gewordenen Menschen unserer fast unerträglich harten Gegenwart und ihren Problemen. Ein neuer zeitgemäßer Roman, ein neuer Stoff? Sie lagen nicht auf dem Präsentierteller.

Also ein Roman über ... Syphilis

Da war doch vor kurzem in einem Heidelberger Krankenhaus eine ebenso unglaubliche wie erschreckende Epidemie ausgebrochen: Fünfundzwanzig Säuglinge hatten ... Syphilis!

Was das bedeutete, können wir heute überhaupt nicht mehr fassen, denn die Syphilis war damals noch eine lebensbedrohende Seuche; heute genügen ein paar Penicillinspritzen, um sie zu besiegen. Wie sich schließlich herausstellte, war ein syphilitischer Blutspender die Ursache.

Konnte das nicht die Grundlage für einen neuartigen Gegenwartsroman hergeben? Schon bei den ersten flüchtigen Überlegungen sah ich die handelnden Personen greifbar vor mir.

Wer könnte mir diesen Roman schreiben?

Walther von Hollander? Ein großartiger Autor - aber für diesen harten Stoff völlig ungeeignet. Einer meiner Redakteure meinte, ob ich es nicht einmal mit Erich Kiesel versuchen wolle.

Erich Kiesel, war das nicht der Hamburger, der den bei Ullstein erschienenen Seefahrerroman >Wieder am Winde< geschrieben hatte? Ich hatte ihn schon vor Jahren gelesen, und er hatte mich sehr gefesselt. Kiesel konnte schreiben. Er war mir durch seinen Stil schon damals aufgefallen. Ob er den Krieg überlebt hatte? Kurze Suche. Man fand ihn schließlich in einer nur notdürftig hergerichteten Trümmerwohnung.

Erich Kiesel taucht auf

Zwei Tage später erschien er mit seiner Frau in der Redaktion. Ein knurriger Alter.

Ich hatte den Handlungsfaden und die Hauptpersonen schon fixiert und genügend populärwissenschaftliche Fachliteratur beschafft. Außerdem hatte sich ein Hamburger Facharzt bereit erklärt, dem geschätzten Autor beratend zu helfen; Kiesel brauchte den Roman also >nur noch< zu schreiben. Nur noch?

Als ich ihm die Aufgabe erklärte, schüttelte er den Kopf. Unter solchen Voraussetzungen einen Roman zu schreiben - sehe er sich außerstande, sosehr ihn mein Angebot auch ehre, das grenze schon an Handwerk.
Ob er denn handwerkliche Arbeit entehrend fände?

Nein, das Angebot sei ja auch gewiß verlockend. Die Möglichkeit, nach all den Jahren endlich wieder mit einem neuen, gut bezahlten Roman herauszukommen, und das sogar in HÖR ZU... Doch er hatte Bedenken über Bedenken.

Mein Angebot sei ein Geschenk des Himmels

Aber er hatte auch eine wesentlich jüngere, sehr vernünftige Frau, die das Angebot als ein Geschenk des Himmels bezeichnete. Ich hatte sie gleich auf meiner Seite.

Ich erzählte Kiesel in groben Umrissen die Romanhandlung, dann genau, was in der ersten Folge zu geschehen hatte und daß er jede Woche bei mir erscheinen müsse, um die nächste Folge bis in alle Einzelheiten abzusprechen. Das einem Erich Kiesel!

Es war wirklich eine Zumutung, aber der Erfolg - davon war ich überzeugt - würde ihn angenehm überraschen. Es gelang mir schließlich mit Hilfe seiner Frau, ihn für diese Arbeit zu gewinnen ...

Drei Tage später brachte er mir die erste Folge. Sie war ausgezeichnet. Wir besprachen die zweite Folge. Kiesel lieferte die Manuskripte pünktlich und genau, wie besprochen. Er meinte zwar zuweilen, ob wir denn jede Folge so peinlich genau absprechen müßten ...

Ich antwortete: »Ja - wie wir das vereinbart haben; nur dann sind wir beide sicher, daß es keine Enttäuschungen und keine Terminschwierigkeiten gibt.«

Es gab sie nicht. Der Roman lief unter dem Titel >... bis ins dritte Glied< und wurde ein voller Erfolg. Schon ehe er zu Ende war, fand Kiesel einen Verleger für die Buchausgabe.

Und er machte ein Buch draus

Er brachte mir das erste Exemplar mit der Widmung: >Herzlichen Dank für den schönen Auftrag, für die Idee und Ihre selbstlose Mitarbeit. Seine Frau hatte ebenfalls unterschrieben ...

Nun, ganz so selbstlos war meine Mitarbeit ja nicht gewesen, denn wenn ich spannende Romane bringen wollte, die in die Zeit paßten, Romane, mit denen ich die Leser möglichst lange fesseln konnte, dann mußte ich meine Autoren wohl oder übel in die von mir gewünschte Richtung drängen. Und das war nicht immer ganz leicht ...

Das Jahr 1949 und endlich eine stabile Mark

Das Jahr 1949 begann unter weniger bedrückenden Umständen. Wir hatten endlich eine stabile Mark und eine Zeitschrift, die in der Familie feste Wurzeln geschlagen hatte.

Doch brachten neue redaktionelle Möglichkeiten auch neue redaktionelle Sorgen. Die beiden ersten Romane hatten sich bewährt, aber jeder Roman barg auch eine Gefahr in sich: Bei der ständig wachsenden Auflage kamen immer neue Leser hinzu, die den Anfang verpaßt hatten. Für sie konnten wir zwar eine Inhaltsangabe des Anfangs bringen, aber das ging nur kurze Zeit. Ich mußte deshalb neben dem laufenden Roman jeweils auch einen spannenden Tatsachenbericht bringen.

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