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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 68
1946 - Ein "Lümmel" bringt mir "Röschen"

Jürgen und Röschen kamen wie angedroht schon wenig später: Die zwei, von denen Covents behauptet hatte, ich würde an ihnen meine helle Freude haben. Sie sahen "teils-teils" tatsächlich danach aus. Das etwa siebzehnjährige Röschen, mit einem frechfreundlichen Lächeln, wirkte wie ein Blütenstrauß. Das war aber nur die erste Hälfte von "teils-teils".

Die andere Hälfte, ein etwa siebzehnjähriger Lümmel, wirkte weniger herzerfrischend. Bleichblaß, in einem häßlichgrauen, bis zum Fußboden reichenden Lederolmantel, das war also der Jürgen: Jürgen Roland. Beide zusammen das junge Reporterpaar des Hamburger Senders.
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Das war also dieser Jürgen Roland

Jürgen sagte, sie hätten den Auftrag, mich zu interviewen, und legte gleich los, indem er mir das Mikrofon vor die Nase hielt:

»Herr Rhein, Sie heißen Rhein und kommen vom Rhein und wollen eine Rundfunkzeitung machen ... Wurde ja auch allmählich Zeit.«

Wie soll das schöne Kind denn heißen?

»HÖR ZU!«
»Selbstverständlich, dazu sind wir ja hier.« - »Stimmt es, daß sie Radio-Post heißen soll?« fragte Röschen. - »Sehe ich so aus?«

»Nein, nein, aber der Leiter unserer Pressestelle ...« - »Herr Dr. Wagenführ ...« ergänzte Jürgen.
»... hat euch angeschmiert, der alte Halunke. Er war doch dabei, als beschlossen wurde, der Zeitschrift einen vernünftigen Namen zu verpassen, und zwar einen kategorischen Imperativ.« - »Aha!« Röschen horchte überrascht auf.

Jürgen machte ein dummes Gesicht: »Was heißt denn das?« - »HÖR ZU!«

Jürgen machte ein womöglich noch dümmeres Gesicht. - »Na ja«, erklärte das offenbar etwas gebildetere Röschen: »So heißt sie eben: HÖR zu!«

Jürgen starrte mich einen Augenblick an, als könne er's nicht glauben, dann fiel der Groschen herunter: »HÖR ZU - find ich gut!«

So, dachte ich, jetzt wird mir der Sender unfreiwillig helfen.
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Ich brauche politisch einwandfreie Redakteure usw.

»Leider steht der Erscheinungstermin noch in den Sternen, denn noch habe ich nicht einen einzigen Mitarbeiter außer Will. Ich brauche politisch einwandfreie Redakteure, Zeichner, Maler, Bildredakteure, Programmredakteure, Fotografen, einen Bildarchivar, Sekretärinnen - ganz abgesehen von dem nötigen Bürokram.«

»Ist das Ihr Ernst?« fragte Jürgen. - »Klar, aber sobald Sie diese Sendung ausgestrahlt haben, wird sich das ändern. Dann werden sich bestimmt Dutzende melden.«

»Davon bin ich überzeugt!« sagte Röschen. Und Jürgen versicherte mir: »Das geht heute noch mit den Abendnachrichten raus und morgen mittag noch einmal - wir wollen doch endlich unsere Rundfunkzeitschrift!«
»Vielen Dank für das interessante Interview und auf Wiedersehn«, sagte das nette Röschen.
»Tschüs, ich melde mich morgen wieder - wenn ich darf«, sagte der Lederol-Lümmel. Dann hatte ich das erste Nachkriegsinterview hinter mir.

Und ich hatte Hunger.

Will hatte etwas Brot besorgt. Butter und Cor-ned-beef hatten wir, und Trinkwasser eine Treppe tiefer ... Kurz nach acht klingelte zum erstenmal das Telefon. Axel Springer: »Ich habe eben die Nachrichten gehört. Also, wie Sie so was anfangen, das war wirkungsvoller als ein ganzseitiges Zeitungsinserat! Mein Kompliment!«

Jetzt wird es Bewerber dutzendweise regnen

Kurz darauf Covents: »So gerissen wie Sie möchte ich auch sein! Jetzt wird es Bewerber dutzendweise regnen.« Womit er recht hatte. Axel Springer rief am nächsten Morgen wieder an und fragte, wie wir in dem diebstahlsicheren Bettzeug geschlafen hätten.
»Gut - und ohne zu frieren. Und gestohlen hat man uns auch nichts«, antwortete ich noch schlaftrunken.

»Covents ist schon seit acht Uhr unterwegs. Ich habe gestern herumtelefoniert, um ein paar Tische und Stühle aufzutreiben. Leihweise natürlich. Mein Freund Dependorf kann uns mit drei Tischen und fünf Stühlen aushelfen. Das wird wohl fürs erste genügen.«
»Sie meinen, um die Herren Redakteure >seßhaft < zu machen, die sich nun nach dem Interview melden.«
»Ich bin heute vormittag bei Wirths. Er tut alles, um uns möglichst schnell zur Johnsallee zu verhelfen. Daß ich Ihnen den Tanzsaal zumuten mußte, quält mich mehr, als Sie ahnen. Ich schäme mich vorbeizukommen.«

Gegen elf rief Jürgen Roland an.

»Nach unserer Sendung haben gestern abend noch mindestens ein Dutzend Hörer nach Ihrer Adresse gefragt. Wenn erst unsere Mittagsnachrichten gelaufen sind, werden Sie sich vor Bewerbern nicht mehr retten können. Ist ja auch ein doller Job. Wenn ich nicht beim Funk wäre, hätte ich mich schon gestern abend bei Ihnen beworben.« »Und ich hätte Sie auf der Stelle gekauft.« »Ist das Ihr Ernst?« »Sozusagen.«

Dann kommen Sie eben ohne "Röschen"

»Darf ich heute nachmittag mal bei Ihnen reinschaun?« »Das haben Sie mir doch schon gestern angedroht.« »Also doch! Röschen hat mir hinterher Vorwürfe deswegen gemacht; sie sagt immer, ich hätte keine Manieren.« »Bringen Sie das schöne Kind doch mit!« »Röschen ist schwierig. Von wegen ihrem Ruf und so.« »Dann stehe ich bei ihr also schon in einem schlechten Ruf?« »Röschen ist prüde. Bei ihr stehn alle Männer in schlechtem Ruf. Im schlechtesten ich selber.« »Dann kommen Sie ohne. Nach drei sind wir wieder zu Hause.« »Zu Hause? Freut mich, daß Sie sich schon so heimisch fühlen.«

Mittagessen mit Willy Fritsch

Beim Mittagessen saßen wir mit Willy Fritsch, seiner Frau und seinen zwei Jungs zusammen. Ich kannte ihn schon aus der Zeit vor seinem ersten Tonfilm.

Er war erschreckend abgemagert, aber bester Laune. Lilian Harvey würde wohl demnächst nach Hamburg kommen, und dann wollten sie gemeinsam auf Tournee gehen. Titel: >Das gab's nur einmal, das kommt nicht wieder .. .<

Seine bildhübsche Frau - die Will und ich ein paar Jahre vorher noch im Metropol-Theater als akrobatische Tänzerin bewundert hatten, sie nannte sich damals Dinah Grace - machte ein ziemlich mutloses, um nicht zu sagen unfreundliches Gesicht und schimpfte hemmungslos auf die unmöglichen Verhältnisse, in denen sie sich nun befänden. Es klang so, als mache sie dafür ihren Vielgeliebten verantwortlich. Mir schien die Ehe in einer gefährlichen Krise zu stecken ... Will (nicht zu verwechseln mit Willy) himmelte sie an. Mir war sie unsympathisch.

Als ich Fritsch von unseren HÖR ZU-Plänen erzählte, wurde er hellwach und Dinah merklich liebenswürdiger ...
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Jürgen Roland hieß eigentlich Jürgen-Roland Schellack

Jürgen - er nannte sich Jürgen Roland, weil das besser klang als Jürgen-Roland Schellack - erschien Punkt drei: »Haben Sie die Sendung gehört? Ich war bis jetzt im Funkhaus. Die Anrufe reißen nicht ab. Sie werden sich aus hundert Bewerbern die besten aussuchen können ...«

»... mich aber angesichts der derzeitigen Zuzugs-, Wohn- und Lebensverhältnisse auf Hamburger beschränken müssen - und das macht mir Sorge, denn ich möchte nach zwanzig Jahren Berlin keinesfalls aus HÖR ZU ein biederes Provinzblättchen machen. Mit einer Rundfunkzeitschrift, wie sie hier und in allen anderen Städten bis ins letzte Kriegsjahr herausgebracht worden sind, ist kein Staat mehr zu machen.«

»Kein >Staat< mehr zu machen - wie darf ich das bitte verstehen?«

Wie die neue HÖRZU aussehen soll

»Daß man damit keinen Putz machen kann.« Das schien Jürgen eher einzugehen. Er nickte ein bißchen unsicher. »HÖR ZU muß modern sein«, fuhr ich fort. »So modern, wie man eine Zeitschrift unter normalen Verhältnissen jetzt in Berlin machen würde.«
»Toll, wie Sie das sagen - aber vorstellen kann ich mir darunter nichts.«
Er sah mich eine lange Weile schweigend an. Irgend etwas Ungewöhnliches ging jetzt in ihm vor, das sah ich und lächelte erwartungsvoll. Dann platzte es aus ihm heraus:
»Herr Rhein - ich bewundere Sie!«
»Finden Sie das so ungewöhnlich, daß Sie dazu erst einen sichtbaren Anlauf nehmen mußten? Daß ein siebzehnjähriger - na, sagen wir >junger Mann< - einen Mann bewundert, der es im Leben schon zu etwas gebracht hat, das gehört sich so. Jeder junge Mensch braucht ein Vorbild.«
»... das er sich selber aussuchen darf?«
»Selbstverständlich!«

Jürgen hatte mich als Vorbild ausgesucht

»Aha - und ich habe mir Sie als Vorbild ausgesucht.«
»Viel Glück, Jürgen. Das nötige Temperament scheinen Sie ja mitzubringen.«
»Sie haben jetzt eben Jürgen zu mir gesagt. Darf ich daraus schließen, daß sie mich künftig nicht mehr mit dem kalten Sie anreden?«
»Schließ daraus, was du willst!«

Axel Springers Traum von Berlin

Axel Springer hätte wohl am liebsten gesehen, ich hätte damals die Redaktion in Berlin aufbauen können. Charakteristisch war eine seiner ersten Fragen: »Wissen Sie jemanden für die Berliner Redaktion?«
»Ja, meine ehemalige Sekretärin - aber erst muß ich hier mal meinen Stab zusammenhaben!«

Springer ist in allem, was Berlin betraf, immer viel zu optimistisch gewesen, und es war für Voß und mich zuweilen peinlich, ihn auf die harten Realitäten hinweisen zu müssen.
»Das Wort >Realitäten< bringt mich um.«

Kapitel 69
Redaktion und Redakteure

Schon am nächsten Tage kamen die ersten neun Bewerbungen; wie zu erwarten war, alle aus Hamburg und Umgebung. Lauter Namen, die ich nicht kannte. Acht Tage später war die Zahl der Bewerbungen auf sechsunddreißig angewachsen. Und darunter ein paar gute Namen ... aber an der entscheidenden Frage nach der politischen Belastung drückten sich alle vorbei.

Sehr viele Bewerber waren "belastet"

Ein sehr gebildeter, wenn auch etwas zu stiller Kollege, den ich persönlich gut gekannt hatte und den ich als ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht gern in meine Redaktion eingebaut hätte, schwor Stein und Bein, nicht in der Partei gewesen zu sein, und brachte mir schon am nächsten Tag den ausgefüllten Fragebogen.

Kein Engel war so rein. - Leider hatte Will ihn zweimal in Berlin in SS-Uniform gesehen. Wir schickten ihm den Fragebogen dankend und mit einem diskreten Hinweis auf seine Vergeßlichkeit zurück ...

Er hatte verstanden und ließ nichts mehr von sich hören. Ein knappes Jahr später wurde er wegen Fragebogenfälschung verhaftet. Er hatte sich bei einem anderen Hamburger Verleger beworben und war sogar als Stellvertreter des Chefredakteurs angestellt worden ...
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Unser erster Bildredakteur Thoms

Wir brauchten uns bei der Wahl nicht zu überstürzen und prüften zunächst die Bewerbungsunterlagen aller Hamburger.

Der erste, den ich um einen Besuch bat, war ein fünfundfünfzigjähriger Bildredakteur. Gelernter Lithograph. Ein sauberer Handwerker, bestimmt kein Spitzenkönner, aber ein Mann, mit dem man rechnen konnte. Er kannte seinen Beruf, er kannte alle Schriftarten, war selber ein guter Schriftenzeichner, und die Seiten, die er vorlegte, verrieten ein sicheres Gefühl für Ausgewogenheit. Nur schien er mir ein bißchen zu >brav<.

Das war aber kein Problem, denn er kritisierte seine vorgelegten Arbeiten hin und wieder mit dem Hinweis, das sei ihm zu hausbacken oder zu spießerhaft gewesen, doch sein Chefredakteur hätte mit Hinweis auf den alten Verleger peinlich oft das Wort >Tradition< gebraucht.

Traditionen haben wir nicht

Ich sagte daraufhin: »Traditionen sind eine schöne und bequeme Sache - aber nicht für uns. Wir werden Traditionen nicht übernehmen, sondern neue schaffen, und wenn man uns die dann abgeguckt hat, sind wir schon wieder ein Stückchen auf und davon.«

Mit diesem Mann - er hieß Thoms - riskierte ich es. Erst ein Probemonat, dann ein fester Vertrag. (Er ist bis zu seiner Pensionierung bei mir geblieben und hat schnell dazugelernt.)

Das war ein Anfang.

Wenige Tage später bekamen wir überraschend hohen Besuch. Unser Besucher war ein acht Jahre älterer Freund, einer meiner vornehmsten Kollegen: Dr. Walther von Hollander. Erfolgreicher Romanschriftsteller, Filmautor, Verfasser vielgelesener Lebenshilfen. Wir kannten uns schon mindestens fünfzehn Jahre.

Bei sieben TAGE hatte er unter der Rubrik >Fragen Sie Frau Christine!< vielen Lesern und Leserinnen wertvolle Ratschläge gegeben.
Christine war also ein Mann. Ein kluger, weltoffener und welterfahrener Mann, dem nichts Menschliches fremd war. Ihn sehen und als >unsere Frau Irene< ansprechen war eins. Und er verstand sofort ... »Irene klingt besser!«

Wir brauchen eine Druckerei in Hamburg

Zwei Mitarbeiter hatte ich schon. Jetzt wurde es aber Zeit, daß ich mich in unserer Druckerei umsah! HÖR ZU sollte im größten Hamburger Verlagshaus gedruckt werden: bei Broschek, wo vorher unter anderem das HAMBURGER FREMDENBLATT erschienen war. Als ich das Verlagshaus in der >Großen Bleichem - also mitten im Herzen der Stadt - betrat, liefen die Maschinen auf Hochtouren.

Für was und für wen?
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SOLDIER, eine Zeitschrift für die Besatzungssoldaten.

Man druckte dort den SOLDIER, eine Zeitschrift für die britischen Besatzungssoldaten. Bunt in Farbe und Inhalt, mit Pin-up-Girls und all den anderen Spalten, für die sich Soldatenherzen nun einmal erwärmen ...

Der SOLDIER machte einen guten Eindruck. Er hatte ein ansprechendes, praktisches Format und war einwandfrei gedruckt. Ich sah mir die verwendeten und zur Verfügung stehenden Schrifttypen an und konnte zunächst kaum glauben, daß auch uns das alles zur Verfügung stände. Ein anderes Format, so sagte man mit einigem Bedauern, sei allerdings aus technischen Gründen nicht möglich. Außerdem müßten die gleichen aus England kommenden Papierrollen verwendet werden.

Ich fand das Format ideal, nahm hocherfreut >Maß<, das heißt, ich sah mir alle technischen Möglichkeiten genau an, handelte Termine aus und ging frohgelaunt in meinen Tanzsaal zurück. Jetzt konnte ich an die Arbeit gehen.

Die Titelseite unserer Startnummer

Das erste, das ich plante, war die Titelseite unserer Startnummer, obwohl ihr Erscheinen immer noch in nebelhaften Fernen lag. Dabei wurde mir schlagartig klar, wie diese erste Titelseite auszusehen hatte: Sie müßte nicht nur völlig aus dem Rahmen fallen, sondern ein ... Plakat sein! Ein verwegener Gedanke.

Greif das Symbol heraus und laß allen Firlefanz! sagte ich mir.

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