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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 64
1946 - Der Anfang vom Anfang

Das war doch ein Anfang, das war doch was! Schon auf dem Heimweg überlegten Will und ich die vier versprochenen Themen. Die Aufgabe war leicht; mir fehlte nur meine Noiseless. Ach was, Noiseless, eine noch so laut knallende Schreibmaschine hätte es auch schon getan.

Und die Rundfunkzeitschrift, das müßte selbstverständlich eine völlig neuartige, blutjunge, ein bißchen freche, ganz aus dem bisherigen Rahmen fallende Programmzeitschrift sein. Will war Feuer und Flamme. Er sah das alles schon wieder greifbar vor sich.

Ein paar halbwegs anständige Sachen auftreiben

Ich dagegen sagte erdgebunden: »Du kannst nun nicht länger in deinem Räuberzivil herumlaufen. Wir müssen jetzt schnell halbwegs anständige Sachen für dich auftreiben.« Das sah er auch sofort ein. Nicht ganz so schnell fanden wir allerdings, was wir suchten ...

In Königswinter ging ich mit Will aufs Bürgermeisteramt und legte unsere Mitarbeiterausweise vor. Das machte dort großen Eindruck: »Ja, natürlich! Wir wissen doch, wer Sie sind, und werden in unserm leider sehr engen Rahmen selbstverständlich alles tun, um Ihnen bei Ihrer Arbeit zu helfen.« - Das war kein Geschwätz, sondern ehrlich gemeint.

Wir waren nämlich akkreditierte Rundfunkleute

Wir waren plötzlich nicht mehr Flüchtlinge, mit denen man seine Sorgen hatte, sondern akkreditierte Rundfunkleute. Und als mein erster Vortrag über die Sender gelaufen war, sprach man sogar schon wieder von mir - wie Mama voll Stolz registrierte.

Ludwig Kapeller aus Berlin meldet sich

Während ich mich schon mit dem Gedanken beschäftigte, dem Sender einen Zeitschriftenentwurf vorzulegen, kam ein Brief aus Berlin. Absender Ludwig Kapeller.
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Noch jemand will eine Rundfunkzeitschrift machen

Der Hamburger Verleger Axel Springer (Anmerkung : geboren 1912) beabsichtige, eine große Rundfunkzeitschrift herauszugeben und ihm die Chefredaktion anzuvertrauen. Mit den Engländern, die für die Lizenz und die Papierzuteilung zuständig seien, hätte Springer als Herausgeber der schon seit einem Jahr bestehenden >Nordwestdeutschen Hefte< den denkbar besten Kontakt, und unser gemeinsamer Freund und Mitarbeiter Walther von Hollander stehe bei den Engländern neben Peter von Zahn und Axel Eggebrecht in hohem Ansehen. Er sei es auch gewesen, der ihn den Engländern und dem Verleger vorgeschlagen hätte.

»Halte Dich bereit«, schrieb Kapeller, »der Ruf nach Hamburg kann von heute auf morgen kommen.«
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Doch hatten wir haufenweise Probleme

Eine ebenso freudige wie verwirrende Überraschung. Ich mußte sofort mit Schnitzler darüber sprechen. Wenn wir schon einen Verleger hatten, konnte es ja kaum noch Probleme geben. Die gab es aber doch. Und gleich haufenweise.

Deutschland hatte keine Rundfunkwellen mehr

Da war zunächst die Tatsache zu beachten, daß man uns nach dem Krieg fast alle Rundfunkwellen weggenommen hatte. Für die Riesengebiete Nord- und Westdeutschland stand nun nur noch eine einzige Welle zur Verfügung. Die beiden starken Sender mußten also auf der gleichen Welle arbeiten. Ein technisches Problem, das wir schon früher beim Betrieb kleiner, weit auseinander liegender Sender einigermaßen gemeistert hatten.

"Man" wollte nicht von Hamburg gegängelt werden

Großsender mit riesigen, einander weit überlappenden Versorgungsgebieten auf zwei Wellen gleicher Schwingungszahl zu betreiben, das hatte man zwar, der Not gehorchend, so gut es ging, zustande gebracht, aber dort, wo beide Wellen ankamen, gab es unerträgliche Verwirrungsgebiete.

Außerdem: Ein einheitliches Programm für zwei so unterschiedliche Sendebereiche zu schaffen, das schmeckte keiner der beiden Sendegesellschaften.

Klar, daß Köln ständig bestrebt war, sich abzukoppeln, und daß es über die Gestaltung des gemeinsamen Programms dauernde Reibereien geben mußte. Deshalb der Wunsch nach einer eigenen, bodenständigen Programmzeitschrift.
Man wollte nicht von Hamburg gegängelt werden.

Und noch ein paar Briefe kamen an

Das sagte Schnitzler klipp und klar, und ich hatte für seine Argumente volles Verständnis. Doch ehe ich Kap die Situation klarmachen konnte, kam schon ein zweiter langer Brief von ihm. In Hamburg liefe alles nach Programm, und er hätte mich Springer als technischen Redakteur vorgeschlagen.

Fast zur selben Zeit kam ein Brief von Springer, in dem er mich fragte, ob ich bereit sei, diese Stellung anzunehmen. Im übrigen stände dem baldigen Erscheinen der Zeitschrift praktisch nichts mehr im Wege.

Stand aber doch!

Kapeller war vermutlich "belastet"

Kapeller schrieb mir überraschend, er könne die Stellung als Chefredakteur leider mit Rücksicht auf seine erkrankte Frau und seine >bessere Berliner Wohnlaube< im Schrebergarten-Viertel sowie auch aus anderen Gründen nicht antreten.

Sein Vorschlag: Ich solle zum Schein als Chefredakteur zeichnen, während er die Zeitschrift von Berlin aus heimlich steuern würde.

Für seine privaten Sorgen hatte ich Verständnis. Die >anderen< Gründe ahnte ich aber erst, als mir Springer den Fragebogen zustellte, den jeder ausfüllen mußte, der sich um irgendeine gehobene Tätigkeit bewarb. Und schon gar für eine Tätigkeit bei der Presse!

Man wollte keine verkappte Nazis mit sogenannten Persil-Scheinen

Da saß in Berlin ein ehemaliger Emigrant, der mit Argusaugen darüber zu wachen hatte, daß nicht verkappte Nazis mit sogenannten >Persil-Scheinen< in die Presse einsickerten.

Versuche dieser Art hatte es schon dutzendweise gegeben. Kap mußte also heimlich irgendeiner praktisch bedeutungslosen Naziorganisation angehört haben. Möglicherweise dem NS-Kraftfahrkorps.

Ich sollte ihn offenbar politisch tarnen. Ein schlechter und gefährlicher Neubeginn.
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Meine Absage an Springer

Als ich den vier Seiten langen engbedruckten Fragebogen studiert hatte, bekam ich die Wut.

Ich hätte alle Fragen sorglos beantworten können, denn ich hatte eine saubere Weste. Dennoch empfand ich diese größtenteils völlig überflüssige Fragerei als penetrant und legte den Bogen verärgert zur Seite.

An Kap schrieb ich, daß ich für seine privaten Sorgen volles Verständnis hätte, er möge aber verstehen, daß ich auch weiterhin nichts scheinen wolle, was ich nicht sei. Außerdem wolle ich nicht in einer Atmosphäre leben, die von einem solchen Maß an Mißtrauen durchdrungen sei. Ich würde Springer deshalb mit gleicher Post absagen. - Vielleicht könne er ihm einen anderen Mann empfehlen.

Ohne Druckerei geht sowieso nichts

Ich fuhr sofort nach Köln, legte dort die Karten auf den Tisch und erklärte mich bereit, eine nur für Westdeutschland bestimmte Programmzeitschrift zu machen. Man brauche mich nur mit einer leistungsfähigen Druckerei zu verkoppeln. Das aber hörte sich sehr viel einfacher an, als es war, denn zu einer solchen Aktion brauchte man auch in Köln eine Lizenz der englischen Besatzungsmacht, und die saß in Hamburg.

Die Karre war im Dreck ...

Womit ich wieder an der Waterkant gelandet war. Großes Erstaunen der Engländer: Die Zeitschrift sollte doch in Hamburg erscheinen?

»Außerdem haben wir auch schon einen politisch kittelreinen Chefredakteur. Einen waschechten Rheinländer, versteht sich«, sagten die Kölner.

Springer kam in Druck. Mit Kap war nicht mehr zu rechnen, und ich hatte den Kram schon hingeschmissen, bevor ich ihn angepackt hatte. Die Karre war im Dreck ...

Axel Springer war ein Diplomat . . .

In dieser Situation lernte ich Springer von einer Seite kennen, die ich damals sehr bewundert habe: Er war ein Diplomat...

Diplomatie, hatte ich früher einmal gesagt, ist die Stärke der Schwachen. Und dieser Ansicht bin ich auch heute noch. Er ging mit beiden Absagebriefen zu Hugh Carleton Greene und erklärte: »Daß Herr Kapeller politisch belastet ist, überrascht mich zwar, aber daß man einen so hervorragend eingeführten Fachjournalisten wie Rhein mit Fragebogen verärgert, das verstehe ich nicht.«

Hugh Carleton Greene war damals in Berlin Journalist

Greene, der selber Journalist und viele Jahre in Berlin tätig gewesen war, verstand das auch nicht. Er hängte sich ans Telefon und sprach mit dem zuständigen Überwacher, einem Mister Sely, der aufgrund bitterer Erfahrungen keineswegs bereit war, mich so einfach durch die Maschen schlüpfen zu lassen:

»Mister Greene, der Mann ist während der ganzen Zeit in der Nazipresse tätig gewesen, und dem wollen Sie glauben, daß er nicht ein strammer Nazi gewesen ist?«

»Ja, das will ich!« sagte Greene. »Axel Eggebrecht, Peter von Zahn, Dr. Walther von Hollander und der frühere Rundfunkintendant Friedrich Bischoff legen die Hand für ihn ins Feuer.«

»Wie unvorsichtig! Dann soll Herr Rhein gefälligst seinen Fragebogen ausfüllen und ...« - »Das will er ja gerade nicht. Er bezeichnet ihn als beleidigend!«

»Na, da haben wir's doch! Aber gut - ich kenne hier ein Dutzend Gewährsleute, und wenn ich die gehört habe, werden wir sehn!«

»Die Sache eilt.«

»Dann kann ich Ihnen aufgrund meiner Erfahrung nur raten, sich inzwischen nach einem anderen Mann umzusehen. Sie werden in zwei, drei Tagen von mir hören.«

Aus den zwei, drei Tagen wurden Wochen. Köln drängte, und Springer saß auf glühenden Kohlen.
Ich nicht minder.
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Dann die Absage aus Köln . . .

Inzwischen teilte mir der Kölner Sender mit, daß er nach eingehender Rücksprache mit Hamburg und in Anbetracht der dort schon weit fortgeschrittenen Planungen vorläufig auf die Herausgabe einer eigenen Programmzeitschrift verzichten müsse, zumal es in Köln zur Zeit keine heile Druckerei gäbe, die eine solche Aufgabe übernehmen könne.

Will und ich ließen die Köpfe hängen.

Zwei Care-Pakete aus Jonesboro/USA - in Frankfurt

Einziger Trost: Aus Frankfurt kam die Mitteilung, dort lägen zwei Care-Pakete aus Jonesboro/USA zum Abholen bereit. Wieso in Frankfurt?

Ich wollte antworten, man möge die Pakete nach Königswinter umdirigieren, doch Will machte mich darauf aufmerksam, daß in Frankfurt die Amerikaner säßen. Wir müßten sie also dort abholen. Er ging zur Bahn und erkundigte sich nach den Zugverbindungen.

»Wir können heute abend abreisen und schon morgen abend zurück sein!« Zwei Pakete! Wir wußten darüber nur, daß sie Lebensmittel enthielten und seit 1946 von einer amerikanischen Hilfsaktion für zwanzig Dollar je Stück auf den Weg gebracht werden konnten. Rudi hatte sie uns schon einige Zeit vorher angekündigt. Was sie enthielten, wie groß und wie schwer sie waren, wußten wir nicht.

Überraschung: Zwei weitere Pakete eingetroffen

In Frankfurt gab es dann eine Überraschung: Inzwischen waren nämlich zwei weitere Pakete eingetroffen. Wie wir die zur Bahn schaffen sollten, war uns allerdings ein Rätsel, denn ein einziger Karton war schon groß und schwer genug. Vor diesem Problem mußten wohl auch schon andere gestanden haben, denn ein Junge bot sich uns sofort mit seinem Leiterwagen an.

  • Vier Pakete mit der dicken Aufschrift CARE!


Damit erregten wir verständlicherweise überall ein etwas unbehagliches Aufsehen und waren deshalb heilfroh, als wir sie in Königswinter ausladen konnten.

Wir ließen sie auf dem Bahnsteig stehen. Ich hielt Wache, und Will lief nach einem kleinen Leiterwagen. Dann schlängelten wir uns mit unserer Fuhre möglichst unauffällig längs der Bahn nach Hause.

Zuhause große Aufregung wegen des Inhalts

Große Aufregung. Die massiven Kartons waren so fest verklebt, daß wir sie nur schwer öffnen konnten. Außerdem waren sie innen mit einer Pechschicht vor Feuchtigkeit geschützt.

Ich weiß nicht mehr, was sie alles enthielten; es war jedenfalls sehr viel und sorgfältig ausgewählt. Alles war so geschickt verstaut, daß nicht einmal ein Kubikzentimeter Raum ungenutzt blieb.

Butter, Erdnußbutter, Fett, Eipulver, Milchpulver, Zucker, Cor-ned-beef, Kaffee, Kakao, Schokolade, Zigaretten, Tee ... Was wir in den letzten Jahren entbehrt hatten, wurde uns erst beim Anblick dieses Überflusses wieder klar.

Da saß man auf seinen sauer verdienten Reichsmark und hatte zuweilen Sorgen um das tägliche Brot gehabt!

Ein paar Sorgen weniger - andere Sorgen kamen

Diese Sorgen waren fürs erste gebannt, aber nicht die Sorgen, was nun mit dem Papiergeld werden sollte, denn daß es täglich an Kaufkraft verlor, war offensichtlich. Ich hatte schon eine Nachkriegsinflation erlebt und zitterte bei dem Gedanken, daß nun auch dieses Geld zu Staub zerfallen könnte. Eine Flucht in Sachwerte gab es nicht, denn es gab nichts außer Grund und Boden - und den hielt jeder fest.

Zu dieser Zeit lebte in der obersten Etage unseres Hauses -zwangseinquartiert - ein junger Kölner mit Frau und Kind. Er war etwa dreißig Jahre alt, machte einen intelligenten Eindruck und hatte ähnliche Geldprobleme wie ich, denn seine Eltern waren bei einem der letzten Bombenangriffe ums Leben gekommen, ihr Möbelgeschäft vernichtet. Geblieben war ihm als einzigem Erben nur das Bankguthaben: Papiergeld.

Der Flop mit den Kugel- und Rollenlager begann

Was man damals kaufen konnte, regulär oder irregulär, waren ehemalige Wehrmachtsbestände. Und mit denen war nichts anzufangen. Nur ein großer Posten Kugel- und Rollenlager der angesehenen Spezialfabrik Hahn & Co lag irgendwo in der Eifel und war zu haben. Eine sichere Kapitalanlage, denn das Werk war schwer getroffen, und Kugellager würde man eines Tages dringend benötigen.

Das dachte er, das dachte ich, und das dachten auch alle ernstzunehmenden Techniker, mit denen wir darüber sprachen. Hier lag nach Ansicht aller eine echte Chance, denn das Papiergeld würde auf der Bank ebenso schnell zerfallen wie in meinem Handkoffer. Also kaufen - wir hatten keine andere Wahl. Es wurde ein Gemeinschaftsunternehmen.

Unser Papiergeld in harte Ware umgesetzt

Die Lager - schon vom Werk aus sachgemäß eingefettet, Stück für Stück in Ölpapier gewickelt und in stabilen Kisten verpackt - wurden mit zwei großen Lastwagen geliefert, in dem trockenen Holzschuppen des Hauses gestapelt - und nun konnte ja nicht mehr allzuviel passieren ... Sich zu gegebener Zeit um den Verkauf der Lager zu bemühen, übernahm mein >Gesellschafter<. Wir hatten unser Papiergeld in harte Ware umgesetzt und atmeten zunächst erleichtert auf.

Axel Springer hatte Sorgen

Axel Springer dagegen machte sich wachsende Sorgen. Er hatte zwar erfahren, daß die Kölner Pläne ins Wasser gefallen waren, aber die so dringend notwendige Genehmigung des vorgeschlagenen Chefredakteurs ließ und ließ auf sich warten. Und ohne einen politisch einwandfreien fachkundigen Chefredakteur gab es keine Lizenz.

Man muß verstehen, daß es dem Berliner Verantwortlichen nicht leichtfiel, mich ehemaligen Redakteur des größten Naziverlages als völlig unbelastet einzustufen. Springer drängelte Greene, Greene drängelte Berlin, und erst vier Wochen später kam dann der Bescheid, ich sei zwar nach den sorgfältig durchgeführten Ermittlungen als unbelastet zu betrachten, müsse aber den Fragebogen der Ordnung halber trotzdem ausfüllen.

Springer telegrafierte: »Entlastung und Lizenz sichergestellt. Erbitte baldigst Besuch zu Besprechungen mit den zuständigen Engländern.« Will sprang vor Freude in die Luft und vergaß sogar ein paar Minuten das Rauchen. Ich stellte mich weniger überrascht und sagte: »Zunächst fahr du mal hin und sieh dir den Verleger an.«

Will soll nach Hamburg fahren

Dann telegrafierte ich zurück: »Leider persönlich verhindert. Mein Stellvertreter trifft morgen oder übermorgen dort ein.«

Will - nun schon menschenähnlich angezogen - fuhr gen Norden. »Laß dich ja nicht einwickeln!« ermahnte ich ihn. »Ein mieser Verleger kann die Hölle sein!«

Drei Tage später - am 8. 4. 1946 - kam ein Telegramm: »Reise entsetzlich, aber Eindruck in jeder Hinsicht hervorragend. Bin übermorgen zurück. Will.«

Die Rückfahrt war die Hölle gewesen

Als Will aus Hamburg zurückkam, brach er fast zusammen. Die Rückfahrt mit den vielen stundenlangen Unterbrechungen in ungeheizten, überfüllten Wagen war die Hölle gewesen.

Er sagte nur: »Kann ich eine Tasse Kaffee kriegen?« Dann sank er in der Küche auf einen Stuhl und hängte sich eine der angebotenen Zigaretten zwischen die Lippen, ohne sie anzuzünden. Erst als er den heißen Kaffee geschlürft und eine Zigarette geraucht hatte, war er ansprechbar.

»Du mußt gleich ins Bett«, sagte ich. »Erzählen kannst du hinterher.« Doch von diesem Vorschlag wollte er nichts wissen.
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Sehr positive Nachrichten aus Hamburg

»Lassen Sie mir noch ein paar Minuten Zeit, dann bin ich wieder da. - Aber wenn ich noch eine Tasse Kaffee...« - Es war, als taue er langsam auf.

Erst nach wenigen Minuten lächelte er: »Schlechte Nachrichten haben Zeit, gute nicht. Schlafen kann ich hinterher.«

Er kramte in seiner Jackentasche und legte ein paar engbeschriebene Zettel vor sich auf den Tisch. - »Notizen, die ich mir gleich nach den beiden Gesprächen gemacht habe. Also der Reihe nach.« Er sortierte die Zettel und begann dann: »Zweimal vier Stunden mit Springer. Ich glaube, es ist keine Frage offengeblieben.« - »Laß dir Zeit!«
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Springer - jung, etwa dreiunddreißig, ein Idealtyp für Frauen

»Beginnen wir mit der Hauptfigur, dem Verleger. Sie werden begeistert sein. Der ist wie nach Maß für Sie gemacht...« - »Das heißt?«

»Noch überraschend jung, etwa dreiunddreißig, groß, schlank, sehr gut aussehend, ein Idealtyp für Frauen. Als nach dem Krieg viele versuchten, sich als Verfolgte des Naziregimes darzustellen, soll ihn ein "deutscher Engländer" ein bißchen gehässig gefragt haben: >Und wer hat Sie verfolgt?< Darauf Springer: Eigentlich nur die Frauen.<«

»Was heißt deutscher Engländer?« - »Ehemalige Emigranten. Deutsche in englischen Uniformen. Manche rachsüchtig und gehässig. Ist ja zu verstehen.«

»Man sagt, Springer käme aus einem guten Haus.« - »Er macht den Eindruck. Sein Vater hat eine Druckerei in Altana gehabt und die ALTONAER NACHRICHTEN herausgegeben. Die Druckerei wurde bei dem schweren Tagesangriff auf Hamburg vernichtet.« - »Er hat also von der Pike auf gelernt.«

»Ich weiß nicht. Ich habe nämlich schon am zweiten Tag zwei seiner besten Freunde kennengelernt. Sie hatten wohl die Aufgabe, mir ein bißchen auf den Zahn zu fühlen. Der eine muß ihn schon als Kind am Händchen spazierengeführt haben, ein echtes Familienerbstück. Jüdischer Abstammung, aber später zum Christentum übergetreten. Nennt sich im Scherz gern >Moische<, macht mit Vorliebe jüdische Witze und heißt... Moment mal!« Blick auf den Notizzettel.

»Ja - Hellmut Covents. Ein antiker Typ. Einfach nett. (>Das einzige, was ich habe, ist meine Krankheit, und die wollen sie mir jetzt auch noch nehmen! <) Der andere heißt...« wieder ein Blick auf die Notizen, »Walter Schultz-Dieckmann. Sehr gebildet und kultiviert. Duisburger. Vater Jurist. So alt wie Springer, Figur wie Springer. Sie haben sich mit achtzehn auf Sylt kennengelernt und sind seitdem unzertrennlich. Springer hat früher sogar Urlaub bei Walters Eltern verbracht. Eindruck hervorragend.«
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»Das spricht alles für Springer.«

»Und der wird Ihnen besonders liegen, denn er wollte zum Ärger seines Vaters nicht Drucker werden, sondern - Operettentenor wie sein Schwarm Richard Tauber. Er hat dazu zwei Jahre lang Gesang studiert ... Aber die Stimme reichte nicht. Also doch in die Druckerei. Allzuviel Ehrgeiz soll er dort aber nicht entwickelt haben.

Mit Einundzwanzig trat er als Anwärter dem NS-Kraftfahrkorps bei. Daß er dort Ruhmestaten vollbracht hat, ist nicht anzunehmen, denn er war ganz der Typ des Salonlöwen. Man sagt ihm und seinen Freunden nach, sie hätten auf dem weiten Hamburger Blumenfeld kein greifbares Blümchen ungepflückt gelassen.« - »Und im Krieg?«

»Militäruntauglich: Bauchspeicheldrüse. 1939 machte ihn der Vater zum stellvertretenden Chefredakteur der Lokalzeitung; er war gerade siebenundzwanzig. Zwei Jahre später mußte das Blatt eingestellt werden. Um sich zu betätigen, spielte er den Filmvorführer und zeitweilig den Platzanweiser in einem Kino.«

»Leben die Eltern noch?«

»Sie wurden 1943 ausgebombt und zogen von der Elbchaussee in die Lüneburger Heide. Der Vater hat mit dem geplanten Unternehmen nichts zu tun. Springer wohnt in einem eleganten Vielfamilienhaus an der Elbchaussee in zweiter Ehe mit einem früheren Mannequin, einer waschechten Berlinerin, etwa fünfundvierzig, Vorname Katrin, geborene Küster. Eine Berlinerin vom reinsten Spreewasser, die am liebsten berlinert und mich gleich duzte. Mensch - icke, dette, kiekemal, Oogen, Fleesch und Beene! Knorke, wa? Sehr direkt.
Söhnchen etwa zwei Jahre. Vorname Axel, Rufname Aggeli.
Springers erste Frau war Halbjüdin. Sie lebt in Hamburg. Die Ehe ist geschieden. Mit ihr hat er eine zwölfjährige Tochter, die Barbara, genannt Babs.

Springer ist liberal und Antirassist. Wagner ist ihm zu pathetisch. Er liebt Puccini und Tschaikowsky und natürlich Operetten. Die Lieder aus >Traumland< hat er während der letzten Kriegsjahre ständig im Rundfunk gehört. Über die verschiedenen Weltkirchen denkt er genau wie Sie.

Ein >Kerl< ist er nicht. Er wirkt etwas labil und unsicher, aber nicht oberflächlich. Klug und zurückhaltend. Ein sicherer Formulierer. Ich glaube, Sie werden sich mit ihm ausgezeichnet verstehen. In Geldsachen ist er laut Covents - der die Kasse verwaltet -sehr großzügig. Er sagte sogar: zu großzügig.

Springer hat mit Dr. Walther von Hollander - von dem er noch kurz vor Kriegsende zwei Romane verlegt hat - über Sie gesprochen. Das Ergebnis können Sie sich denken. Jetzt möchte er Sie so bald wie möglich persönlich kennenlernen.«
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Na, ist das ein Verleger nach Ihrem Herzen?

Will schob seine Notizblätter zusammen und sah mich lächelnd an: »Na, ist das ein Verleger nach Ihrem Herzen?«
»Wenn er mir nicht dreinredet... Und wann solls losgehen?«

»Er sagt, schon bald. Wir müßten aber schleunigst die Fragebogen ausfüllen. Ohne die hinge alles in der Luft.«
»Wann wir loslegen können, steht also noch in den Sternen. Und wo werden wir mit der Redaktion wohnen?«

»Zunächst am Harvestehuderweg, piekfeine Gegend, alte Villa, aber ohne Zentralheizung. Später beschaffen uns die Engländer ein eigenes Haus. Gesamtergebnis: Bessere Grundvoraussetzungen finden wir nirgends. Ich meine - also nichts wie hin.«

»Und ich meine, du bist nicht nur hundemüde, sondern auch erkältet. Also nichts wie ins Bett!«
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