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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 57
Doch noch ins >Traumland<

Der Intendant der Dresdner Volksoper schrieb Künneke, er hätte das Libretto zu >Traumland< mit größtem Vergnügen gelesen und sei bereit, das Werk am 15. November 1941 herauszubringen. - Künneke rief mich sofort an.

»Ist das wahr?« Ich vergaß vor Aufregung fast das Atmen.
Künneke blieb gelassen: »Wie weit sind Sie mit den Texten?« Eine Frage, die ich von ihm noch nie gehört hatte.
»So weit wie Sie mit der Musik.«
Er atmete hörbar auf.
»Also fehlt nur noch ...«
»... der ganze dritte Akt. Und der hat's in sich. Der ist nämlich ein bißchen länger als üblich ...«
»In den drei Wochen schaffen wir das spielend.«
»Und welches Theater...?«
»Das größte und beste, das wir uns wünschen könnten.« - Er machte eine kurze Pause und sagte dann langsam und ein bißchen pathetisch: »Die Dresdener Volksoper!«
»In drei Wochen, das ist doch unmöglich!«
»Ich habe in acht Tagen die >Lockende Flamme< geschrieben.«
»Mir wird schon schwindelig, wenn ich bloß daran denke.«
»Das gibt sich. Ich fange heute abend an, und wenn Sie Lust haben ...«
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Wenn man erst mal ein Theater hat . . .

Um acht war ich in der Giesebrechtstraße. Er hatte seinen stets überladenen Schreibtisch frei gemacht und alles auf den Flügel gepackt.

»Ist der Termin endgültig?« fragte ich aufgeregt.
»Ja. Ich habe eben in Dresden angerufen und zugesagt. Marszalek sitzt schon über der Instrumentation.«
»Das ist doch eine Heidenarbeit?«
»Der Franz kriegt das bestimmt hin.«
»Tempo rubato!« sagte ich. »Aber an mir soll's nicht liegen. Mir ist inzwischen schon der Text für das Buffo-Duett eingefallen.«
»Na also! Wenn man erst ein Theater hat, flutscht alles wie geschmiert. Alte Theatererfahrung. - Haben Sie den Text da?«

Ich hatte wirklich schon einen Text

Ich zog einen Notizzettel und sang mehr, als ich sprach:

  • »Mädel gesucht, ein hübsches Mädel gesucht,
  • das mir den Kopf verdreht
  • und wunderbar zu küssen versteht.
  • Mädel gesucht, ein süßes Mädel gesucht,
  • das mir bei Tag und Nacht
  • nur Lust und Laune macht.
  • Ist sie auch noch so arm,
  • so soll mich das nicht stören,
  • denn unser Reichtum ist,
  • daß wir uns ganz gehören.
  • Mädel gesucht, ein liebes Mädel gesucht,
  • das einen jungen Mann
  • glückselig machen kann!«

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Es ging richtig los mit dem Komponieren

»Reizend; und die Melodie haben Sie ja gleich mitgeliefert.«
»Nicht daß ich wüßte. Die sollen Sie nun freundlichst dazu erfinden.«
Künneke schmunzelte.

Er setzte sich an den Flügel, ich stellte mich neben ihn, und wenige Minuten später war der Refrain schon skizziert.
»Und was ist mit der Vorstrophe?« fragte ich.
»Die spiele ich Ihnen gleich auf Band; sie können Sie dann zu Hause textieren.«
»Da sich unser seriöses Paar im dritten Akt kriegt, brauchen wir einen Liebeswalzer, aber nicht einen innig-süßen, sondern einen jauchzenden mit einem hinreißenden Crescendo. Die zwei fliegen doch förmlich aufeinander.«
Künneke stöhnte: »Walzer sind meine schwache Seite« - das waren sie wirklich -, »aber ich will's versuchen.«

Der folgende Tag war ein Sonntag. Weil es so pressierte, hatten wir uns schon für neun Uhr abends verabredet.

Ein rauschender, temperamentvoller Walzer

Er setzte sich gleich an den Flügel und spielte und sang. »Da ham Sie Ihr jauchzendes Liebeslied!«

Und nun erlebte ich einen Künneke, den ich noch nie erlebt hatte. Das war ein rauschender, temperamentvoller Walzer, dessen Melodie - langsam beginnend - sich tatsächlich zu einem mitreißenden Crescendo steigerte.

»Na?« fragte er am Schluß. - »Bitte noch mal!« - Und diesmal sang ich gleich die Anfangszeilen mit:

»So - ein - jauchzendes, jubelndes Glücksgefühl,
na, da hat doch der Herrgott die Hand im Spiel...«

und so weiter. Künneke schmunzelte. Frau Künneke applaudierte: »Und weiter im Text?«
»Weiter weiß ich noch nicht, aber zu so einem Schwinger muß einem ja was einfallen. Da kribbelt's einem doch in den Beinen.«

Gleich auf Band spielen ?


Ich wandte mich an Künneke: »Würden Sie mir's gleich auf Band spielen?«
Im Laufe des Abends rief der Dresdner Intendant an. Er wolle im dritten Akt eine Marlene-Parodie bringen; die Soubrette mache das zu dem Holländer-Lied aus dem >Blauen Engel< manchmal in der Kantine ganz großartig. Auf der Bühne würde das bestimmt einschlagen.

»Wenn dem Rhein dazu etwas einfällt, gerne; er ist gerade hier. Vielleicht sagen Sie ihm, was Sie sich da ungefähr vorstellen.« Er gab mir den Hörer: »Ihr Bier!«

Der Intendant wünschte eine möglichst freche Parodie

Der Intendant sagte, es solle natürlich nicht ein Lied im Stil des Films sein, sondern eine möglichst freche Parodie.
»Etwa - Sex-Appeal - ich hab so viel Sex-Appeal?«
»Richtig, richtig, genau das!«

»Dazu brauche ich aber vorher den Text«, warf Künneke ein, »denn bei einer Parodie ist mit nachträglichem Textieren nichts zu holen!«
Ich war froh, einmal nicht hinterher den Text zur Musik schreiben zu müssen, und sagte bereitwillig zu.

Beinahe hätten wir den "Rausschmeißer" vergessen

Die Zusammenarbeit lief in den nächsten zwei Wochen wie am Fließband. Künneke entwickelte einen Einfallsreichtum, der selbst seine Frau in Staunen versetzte. Er war offenbar froh, einmal Musik zu einer Gegenwartsoperette machen zu dürfen. Freche Verse, die er bei anderen Stoffen bestimmt abgelehnt hätte, fand er lustig und originell.

Schade, daß man ihm vorher - bis auf die >Glückliche Reise< - immer diese alten, verstaubten Libretti zum Vertonen gegeben hatte. Daran war aber bestimmt der Verleger schuld, der nie etwas riskieren wollte, denn in den ersten Jahren hatte Künneke ganz moderne Musik geschrieben und auch entsprechend instrumentiert.

Während wir schon an den letzten Szenen feilten, fiel mir plötzlich ein, daß wir doch eigentlich einen Rausschmeißer brauchten, einen flotten, frechen Marsch wie in der >Glücklichen Reise<.
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So entstand der Schlußschlager:

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  • »Wiedersehn macht Freude, ganz speziell mit dir...«

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Doch dann kam noch ein Schreck in der Abendstunde: Oberspielleiter Wörthge sagte, er vermisse in der Operette eine Rolle für sich. Die Dresdner wollten ihn unbedingt in jeder Operette sehen - das sei nun mal so ...
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Und schon wieder ein Problem

Ich stöhnte. Künneke sagte ungerührt zu mir: »Ihr Problem!« Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, verschandelte ich die besonders hübsche Rolle eines Regieassistenten, dem als Amateurzauberer fast alle Tricks mißlingen, in eine Art Frosch aus der >Fledermaus<.

Künneke atmete auf, ich weinte Krokodilstränen... und der Oberspielleiter erntete mit dieser Klamotte später allabendlich stürmischen Beifall.

Am 14. November 1941 in Dresden

Künneke und ich reisten schon am 14. November mit der schlecht geheizten Bahn nach Dresden. Dort ging Künneke am nächsten Morgen gleich zu einem Arzt. Unerträgliche Gallenkoliken ... Wir kennen das ja schon. Er war ein guter Schauspieler.

Künneke bekam seine Spritze und war high

Der Arzt schöpfte keinen Verdacht - wer sollte auch damals und gar bei einem so renommierten Komponisten an Sucht denken? Künneke bekam seine Spritze und war high. Frau Künneke traf einen Tag später ein. Wir hatten eine Seitenloge. Als Gastdirigenten hatte Künneke Wolfgang Friebe empfohlen.

Und so konte nichts schiefgehen

Prima Sänger und Sängerinnen. Reizend und sehr musikalisch die kleine Soubrette - sie hatte in dieser abartigen Operette die Hauptrolle. Da konnte also nichts schiefgehen. Künneke saß in der Loge und sah erstaunt, was sich da zu seiner Musik abspielte.

Das Finale des ersten Aktes hatte schon einen Beifall ausgelöst, wie er nach Aussage des Intendanten in diesem großen Haus ganz selten war. Die Geschichte der kleinen Ballettratte, die sich in einer großen Szene in die erste Reihe träumt:

  • »Immer in der letzten Reihe stehen,
  • kaum beachtet, kaum gesehen,
  • immer nur am Weg ein kleiner Stein,
  • immer nur Kulisse für die andern sein...«

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Das meisterhaft durchkomponierte große Finale

Und endend mit der Rumba:
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  • »Auch für dich leuchten in der Ferne,
  • in der blauen Ferne, Sonne, Mond und Sterne.
  • Auch für dich schlägt vielleicht schon morgen,
  • still und treu geborgen, irgendwo ein Herz...«

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Mit diesem meisterhaft durchkomponierten großen Finale - einem der schönsten der ganzen Operettenliteratur - war der Erfolg des Abends schon gesichert.

Unser Sänger, der sehr gut aussehende lyrische Tenor, er hieß von den Bongart, hatte nur zwei Sorgen: seine chronische Mandelvereiterung und das hohe C in seinem Liebeslied, dem Hauptlied.

Friebe setzte das Lied einen halben Ton tiefer, und der Tenor war alle Sorgen los. Künneke würde das überhaupt nicht merken. Irrtum! Schon als der erste Akkord einsetzte, stieß er mir in die Rippen: »Ihr Halunken!« - Ich deutete bedauernd auf meine Gurgel ...
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Immer wieder ein dacapo

Der Hauptschlager des Abends wurde auch einen halben Ton tiefer ein schöner Erfolg. Immer wieder verlangten die Leute ein da capo. Ich hatte dafür gesorgt, daß der Text im Programmheft gedruckt worden war:

  • »Drei kleine Worte von dir
  • stillen die Sehnsucht in mir.
  • Drei kleine Worte, innig und schlicht,
  • die sind wie ein Liebesgedicht.
  • Drei kleine Worte sind der Anfang vom Glück,
  • drei Worte wie zärtliche Musik.
  • Alles, was hell und klar,
  • alles, was treu und wahr,
  • das bist du für mich.
  • Wenn mir dein Herz gehört, sag mir ins Ohr
  • ganz leise: Ich liebe dich!«

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Und dann bat uns der Gauleiter in seine >Fürstenloge<

In der Pause nach dem zweiten Akt bat uns der Gauleiter in seine >Fürstenloge<. Er strahlte. Alles schien in bester Ordnung: Er lobte die Musik, die Liedertexte, die Handlung.

Dann wandte er sich an mich:
»Ihre Geschichte ist originell und hat Gefühl, aber bessere Witze sind Ihnen wohl nicht eingefallen?«

»Wieso? Die Leute haben doch geschrien vor Lachen.«
»Ja, mein Gudester, es fragt sich nur, auf wessen Gosten!«
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Bühnenaufführungen deshalb nicht angebracht

Am nächsten Morgen wußte ich's, als ich die vertraulichen Mitteilungen des Propaganda- ministeriums auf meinem Redaktionsschreibtisch fand:
»Traumland ein großer Wurf; leider reißt der Autor (Rhein) seine Witze fast ausschließlich auf Kosten der Partei, Bühnenaufführungen deshalb nicht angebracht. Lieder frei für alle Rundfunksendungen.«

Sie wurden dann auch von allen Sendern gesungen und gedudelt, und es gab kein Wehrmachts-Wunschkonzert ohne ein Lied aus >Traumland<. In Dresden lief die Operette "entschärft" über zwei Monate. Dann nie wieder über eine deutsche Operettenbühne.
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Und was waren das für gotteslästerliche Witze, die ich mir mit der Partei erlaubt hatte?

Ein Beispiel:
Im zweiten Akt kommt der Kanakenhäuptling mit seinen Kriegern angetanzt.
Frage des amerikanischen Filmregisseurs: »Sind Sie hier der Gauleiter?«

Beifallsgebrüll ...
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