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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 48
Sturmzeichen der Zeit - es geht los

Eines Morgens rief mich Klaus in der Redaktion an.
»Ich muß dich unbedingt sprechen«, sagte er, »und zwar gleich - wenn du Zeit hast.« Seine Stimme flatterte.
»Willst du in die Redaktion kommen oder...«
»Wenn wir dort ungeniert sprechen können.«
»Können wir; also komm! Frag dich beim Portier zu mir durch.«

Dieser Anruf kam völlig überraschend, denn Klaus hatte mich noch nie in der Redaktion angerufen, seit er in einer kleinen Wohnung untergekommen war.

Wir hatten uns in diesen turbulenten Wochen nur selten treffen können, wohl aber oft miteinander telefoniert. Außerdem hatte ich den Eindruck, daß er mir auswich.

Klaus stand die Angst im Gesicht

Wie mir schien, hatte er sich schon recht gut in seiner Umgebung zurechtgefunden; vereinsamt fühlte er sich bestimmt nicht, denn ich hatte ihn wiederholt zum Abendessen eingeladen und ihm angeboten, ihn mit einigen kultivierten, künstlerisch und menschlich interessanten Schülern und Schülerinnen der Musikhochschule zusammenzubringen. Er hatte immer wieder abgesagt. Zehn Minuten nach seinem Anruf stand er vor mir. Grau und mit flackernden Augen.

»Um Himmels willen, wie siehst du aus? Ist was passiert?«

"Sie" haben sie tot geschlagen

Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, krampfte die Hände ineinander und preßte sie zwischen die Knie. So saß er eine Weile stumm da und starrte zu Boden. Dabei kaute er an seiner Unterlippe.
»Ja«, sagte er schließlich überraschend. »Ich habe diese Nacht wieder meine Koffer gepackt. Mein Zug geht um zehn.«
Ich war entsetzt. - »Welcher Zug und wohin?« - »Nach Paris.« - »Ist etwas passiert?«
Er war sehr blaß. »Etwas?« schrie er. »Alles ist passiert! Alles, was so einem Judenlümmel wie mir nur passieren kann!«
Mich fröstelte. »Klaus, Klaus«, schrie ich ihn an, »was soll das, was ist passiert?«

Er erhob sich und sagte - plötzlich ganz ruhig und gelassen: »Ach, eigentlich nichts Besonderes in diesem Affenlande ... Sie haben gestern nur einen Juden und eine Jüdin vor meinen Augen totgeschlagen. Und Hunderte haben es gesehn. Aber keiner hat sich gerührt ... Da hab ich zu einem neben mir gesagt >Heil Hitler!< und bin gegangen.«
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Mir war, als würge mir einer die Kehle zu. Ich sah ihn nur stumm an. Ich fühlte, wie er mich umarmte, mir die Hand drückte, Tränen in den Augen. Langsam ging er hinaus ... Ich hatte plötzlich das Gefühl, ganz allein zu sein. Erst vier Jahre später kam eine Karte von ihm aus den USA.
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Goebbels machte mit den Medien Tabularasa

Goebbels hatte nicht nur die Presse, sondern auch den Rundfunk sofort in seine Gewalt gebracht. >Gleichgeschaltet<, das war das Wort, mit dem alles in die gewünschte Richtung gedreht wurde. Gleichgeschaltet wurden alle Organisationen, alle Vereine, gleichgeschaltet wurden alle Nachrichtenmittel. Alle und alles hatte nur dem Ziel zu dienen, die nationalsozialistische Gehirnkrankheit bis in die letzte Ecke zu tragen und jedes Hirn zu infizieren.

Unser prüder Chefredakteur und die "SIEBEN TAGE"

Die SIEBEN TAGE hatten sich stets durch hohe Sachkenntnis, ausgewogene Kritik und - zuweilen auch heftige Angriffe gegen Mißstände in den Rundfunkanstalten einen besonderen Ruf geschaffen. Und das war zweifellos das Verdienst unseres erfahrenen, ziel- und verantwortungsbewußten, aber leider, muß ich sagen, auch reichlich prüden Chefredakteurs.

Die Geschichte mit den Faltenröckchen

Ich erinnere mich noch an eine der ersten Titelseiten der SIEBEN TAGE. Bildredakteur Jean Jacoby hatte für die Titelseite ein Foto mit drei becircend schönen Mädchen gefunden. Es war ein Schlager ... aber für Kapeller mehr ein Schlag ins Gesicht, denn die aufreizenden Mädchen trugen Faltenröckchen, die so unanständig kurz waren, daß die untere Hälfte ihrer unanständigen Knie zu sehen war.

Der Anschlag auf die Sittlichkeit der Nation

Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt und gleich von Romanbeinen spricht! Leider war unser guter Kap ein solcher Schelm. In buchstäblich letzter Minute erkannte er den Anschlag auf die Sittlichkeit der Nation. Die Retuscheure mußten die Röckchen Falte für Falte verlängern, damit ja die hochheilige Sittlichkeit gewahrt blieb. Es war eine mühselige Arbeit, denn der Stoff der Faltenröckchen war zu allem Überfluß auch noch gemustert.

Man hat über diese Rettungstat im ganzen Verlag herzhaft gelacht. Solche Ferkel saßen also bei den SIEBEN TAGEN! Vor allem Köbes und ich ...

Die Geschichte mit den Ruderbooten

Köbes war im Gegensatz zu mir ein richtiger Sportskerl. Und da ein Berliner Rudererverein in der nächsten Woche seine Boote zur Havel trug, war das ein willkommenes Titelseitenthema. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal gesehen haben, wie die Männer das machen: Sie wuchten das Boot hoch und tragen es, fünf Mann, mit hochgereckten Armen über ihren Köpfen.

Was konnte daran wohl sittenwidrig sein?

Denn die edlen Sportler von anno dazumal trugen ja nicht so slipähnliche Badehosen wie wir, sondern völlig licht- und sichtundurchlässige Ganzkörpertrikots, die nicht nur ihre unkeuschen Unterschenkel verdeckten, sondern den ganzen Körper bis zum Hals. Wenn ein Mann in einem solchen Badeanzug aber die Arme hochreckt... Also kurz und gut, dadurch wurde erschreckend plastisch sichtbar, daß diese Ruderer keine Hermaphroditen, sondern ausgewachsene männliche Männer waren.

"Shocking" - Kapeller fiel bald in Ohnmacht.

Und gab den Retuscheuren Arbeit. Das Weitere können Sie sich denken... bis auf die belustigende Tatsache, daß uns diese zweite Nummer die erste Briefflut in die Redaktion schwemmte. Nicht nur harmlose Leser, sondern sogar die ehrenwerten Ruderbootler schrieben uns, mit welchem Recht wir sie zu Eunuchen gemacht und dem Gespött ihrer Freundinnen und Frauen ausgesetzt hätten, von denen sie nun Tag für Tag angepflaumt würden.

Daß hinter dieser wahrhaft sittenwidrigen Prüderie von Kaps seine zehn Jahre ältere Frau stand, erfuhren wir erst viel später.
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1934/35 - Reichssendeleiter Hadamovskys wohlgemeinte Tips

Jahresausgabe vom März 1936
Impressum 1935 dieser Ausgabe

Kap wurde eines Tages ins Funkhaus gebeten. Reichssende- leiter Hadamovsky begrüßte ihn zu seinem Erstaunen wie einen guten alten Bekannten - natürlich mit dem allgemein vorgeschriebenen >Deutschen Gruß<.

Kap berichtete uns nachher, Hadamovsky hätte ihm gesagt, daß er viele Aufsätze im FUNK und in den SIEBEN TAGEN mit großem Interesse gelesen hätte und von ihm erwarte, daß er seine Sachkenntnis nun auch voll in den Dienst des neuen Rundfunks und Fernsehens stelle.

Denn er würde es zutiefst (was ist das bloß für ein saudummes deutsches Wort!) bedauern, ihn eines Tages gegen einen zuverlässigeren, wenn vielleicht auch weniger tüchtigen Mann der Partei auswechseln zu müssen. Übrigens säßen wir ja in einem gleichgeschalteten Verlag ... Was ja stimmte, denn den jüdischen Namen Ullstein hatte man eines Tages ausradiert. Wir hießen >Deutscher Verlag<.
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  • Anmerkung : Da hat sich E. Rhein etwas mit der Zeit vertan. Der Ullstein-Verlag wurde "erst" Ende 1937 in >Deutscher Verlag< umbenannt.

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Die Sache mit dem Volksempfänger

Der Österreicher Kapeller hatte offenbar bei Hadamovsky einen Stein im Brett, und das sollte sich auf die Dauer so günstig auf uns auswirken, daß es niemals den geringsten Ärger gab ... bis auf die Sache mit dem Volksempfänger, für die ich verantwortlich zeichnete. Wer wohl sonst.

Es gehörte nicht viel dazu, feststellen zu lassen, in wieviel deutschen Familien noch kein Rundfunkempfänger stand, mit dem man jeden >Volksgenossen< (wenn ich diese Worte höre, kommt mir heute noch die Galle hoch!) unmittelbar ansprechen und die Reden des >Führers< oder seines Propagandaministers in jedes Haus tragen konnte.

Die Reden des >Führers< in jedes Haus "tragen" - für 75.- RM

Von dieser Erkenntnis war es im Reich Adolf Hitlers nur ein kleiner Schritt zu dem Entschluß, die gesamte Funkindustrie zur Schaffung eines besonders billigen Empfängers aufzufordern.

Die Industrie gehorchte - nicht ganz ohne Hemmungen und Hinterlist -, und etwa ein halbes Jahr später stand das technisch völlig belanglose, ja geradezu rückständige Modell des Volksempfängers auf dem Tisch:

Ein in vielen Millionen herzustellender Rückkopplungsempfänger mit Lautsprecher und unbeleuchteter Zahlenskala, also ein Quietscher primitivster Art in dunklem Bakelitgehäuse zum Preis von 75 Mark.
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Meiner war fünf Mark billiger !

Man stellte ihn der auch geistig total gleichgeschalteten Presse vor. Alle fanden ihn mangels Fachwissen geradezu grandios ... Nur ich tat ein übriges: Ich zeigte neben dem angeblichen Meisterwerk der Industrie einen gleichgroßen Empfänger genau gleicher Leistung, der schon seit langem auf dem Markt war, aber statt in eines der unbeliebten Bakelitgehäuse in ein schmuckes Holzgehäuse eingebaut war, der eine beleuchtete Skala aufwies und der - im Gegensatz zum Volksempfänger - auch noch Buchsen zum Anschluß eines Schallplattenspielers hatte ... aber dafür auch weniger kostete. Er war fünf Mark billiger.

Rückendeckung vom Chefredakteur

Und das bei einer vergleichsweise winzigen Auflage! Zweck meiner Gegenüberstellung war es zu zeigen, daß der Volksempfänger wesentlich billiger auf den Markt gebracht werden konnte. Leider ist es mir nie gelungen, in dieser Angelegenheit einen Blick hinter die Kulissen zu tun ... Kapeller fand meine sachliche Kritik berechtigt und ganz auf der Linie liegend, die er mit Hadamovsky abgesprochen hatte.

Ein kackgelb uniformiertes, vollgefressenes Subjekt

Aber: Als wir abends das elegante Restaurant >Traube < beim Bahnhof Zoo betraten, sprang ganz hinten ein kackgelb uniformiertes, vollgefressenes Subjekt auf und brüllte: »Aha, da kommt dieser Rhein, das Schwein! Den werden wir an die Wand stellen!«

Der Mann hieß Funk, tatsächlich Funk. Er saß an der Stelle der herausgeschmissenen jüdischen Geschäftsführer Michel & Cohn im gleichgeschalteten Verband der deutschen Funkindustrie.

Panisches Erschrecken in dem eleganten Restaurant, vielen blieb bei diesem Todesurteil der Bissen im Halse stecken. Kap schlotterte.

Und ich?

Ich ging - von allen genau beobachtet, zu dem Schreihals und sagte: »Sind Sie nicht Herr Funk vom Verband der Funkindustrie?«
»Jawoll! Und mich werden Sie noch kennenlernen!«
»Gut«, sagte ich, »zu diesem Zweck werde ich morgen vormittag in Ihrem Büro erscheinen, nachdem ich vorher Herrn Hadamovsky beide Empfänger vorgeführt und ihm über unser heutiges ... Gespräch berichtet habe. Wenn Sie wollen und wenn Herr Hadamovsky Wert darauf legt, können Sie dabeisein, damit Sie erfahren, um was es eigentlich geht.«

Er wischte sichtbar irritiert durch die Luft, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen - und aß weiter.

Meinem Chef war der Appetit vergangen

Ich ging zu Kap zurück. Wir setzten uns an den bestellten Tisch, und ich ließ mir's schmecken. Dem armen Kap war der Appetit vergangen.
»Was nun?« fragte er nach einer Weile.
»Sie rufen am besten morgen früh gleich bei Hadamovsky an und berichten ihm - dann wird dieser Klops schon seinen Anschnauzer kriegen.«

Ein kleinerer, aber hübscherer >Deutscher Klein-Empfänger< (DKE)

Und so geschah's, denn Hadamovsky lag an einer möglichst schnellen Verbreitung, also an einem möglichst niedrigen Preis des Volksempfängers.
Das hat dazu geführt, daß später ein kleinerer, aber hübscherer >Deutscher Klein-Empfänger< (DKE) auf den Markt kam, der nur 35 Mark kostete.

Damals Telefunken mit der Vollnetzröhre geärgert

Er war übrigens der erste Empfänger mit der von mir in den SIEBEN TAGEN zum Ärger von Telefunken schon lange energisch geforderten >Vollnetzröhre<, die unmittelbar mit dem Wechselstrom des Lichtnetzes geheizt wurde und dadurch den teuren Netztransformator entbehrlich machte.

  • Anmerkung : Telefunken hatte das Patent auf den Röhrensockel an sich und alle mußten Lizenzen bezahlen. M.v. Ardenne hatte das bei Loewe aber schon ausgetrickst, indem er 3 Röhrenfunktionen in eine Röhre - quasi wie später die ICs - gebaut hatte.

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Der Volksempfänger VE 301

Der Volksempfänger VE 301 - die Zahl sollte an den 30. 1., den Tag der Machtergreifung, erinnern - wurde das Renommierstück der 10. Großen Deutschen Funkausstellung und trotz seiner spärlichen Leistung und trotz des zu hohen Preises in ungeheuren Stückzahlen abgesetzt, denn wer konnte es in dieser lebensgefährlichen Zeit noch wagen, ohne Rundfunk in den Tag hinein zu leben? Sich der Goebbelsschen Propaganda zu entziehen, konnte sogar als Boykott ausgelegt werden ...

Das Monopol der >Goebbels-Schnauze<

Ähnliche, bessere und billigere Geräte mußten vom Markt verschwinden, alle Firmen wurden verpflichtet, den VE zu bauen. "Vox populi" nannte ihn heimlich die >Goebbels-Schnauze<. Ich habe diesen Quietscher nie gemocht. Auch die Rundfunkindustrie nicht, denn er bremste die gerade anlaufende Entwicklung des Superhets, jenes einzigen Empfängertyps, der imstande war, die immer dichter aneinanderrückenden Sender zu trennen, ohne dabei die hohen Töne der Musik völlig abzuwürgen.

Von den Nazis merkten wir bei uns immer noch nichts

Als die Nazis in den Verlag eingezogen waren, merkten wir in unserer Rundfunkredaktion davon so gut wie nichts. Vielleicht hing das damit zusammen, daß wir in der Charlottenstraße hausten, also weitab vom Zentrum des Geschehens. Außerdem hatten die Nazis zunächst wohl andere Sorgen, als sich um das politische Wohlverhalten einer harmlosen Funkzeitschrift zu kümmern.
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Kapitel 49 - (den könnte man auch übergehen)
Der Südseeschinken

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  • Anmerkung : Wenn es nicht ein Blick in die Zeitgeschichte von 1933/34/35 wäre, könnte man dieses Kapitel einfach überblättern.

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In unserer kleinen Redaktion saßen weder Juden noch Kommunisten, und unser Chefredakteur war ein politisch neutraler Österreicher. Man ließ uns in Ruhe weiterarbeiten, was natürlich nicht heißt, daß die SIEBEN TAGE nicht von einem Aufpasser kritisch gelesen wurden.

Die Kinos waren voll, die Opernhäuser und Operetten und Theater waren voll, die Cabarets wagten sogar gewagte Witze ...
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Jacoby braucht einen Assistenten

Sollte es tatsächlich möglich sein, unter den Nazis zu leben?

Sogar Jacoby faßte sich manchmal an den Kopf. Statt von seinem Abschied zu sprechen, sagte er eines Tages:
»Komisch: Du hast zwei Sekretärinnen und einen technischen Assistenten und bewohnst hier drei Zimmer. - Und was hab ich?«
»Nichts dergleichen ... nötig.«
»Und wer räumt bei mir auf? Wer archiviert die Fotos? Diese Zustände sind unhaltbar - mein Zimmer ist ein Saustall.«
»Das wird es auch bleiben, solange du darin wohnst.«
»Ich brauche einen Assistenten.«
»Du meinst einen Stift. Also fordere ihn an. Dann setzt der Verlag ein Inserat in die BZ, und morgen hast du die freie Auswahl.«
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Es kamen zweiundzwanzig.

Einer war ein angehender Kunstmaler, an dem von Kunst aber noch nichts zu sehen war. Dafür war er um so größer und offenbar gut beschlagen. Er hieß Schwill, war gutmütig wie ein Bernhardiner, hatte schon mit neunzehn geheiratet und nun die ungestillte Sehnsucht nach einem der schönen Rundfunkempfänger, die ab und zu im Labor auftauchten, dort getestet und in den SIEBEN TAGEN kritisch begutachtet wurden.

Ein Bild für ein Radio - warum nicht ?

Eines dieser Geräte hatte es ihm besonders angetan, und da er annahm, die getesteten Geräte brauchten nicht zurückgegeben zu werden, bat er mich, ihm das Gerät billig zu überlassen. Ich sprach mit dem Pressechef der Firma und erzielte dabei einen Rabatt von 30 Prozent. Blieben aber immer noch rund 400 Mark.

Für die wollte er mir ein Bild malen.

Weshalb eigentlich nicht? Die große silberne Wand in der Halle schrie doch geradezu nach einem Farbfleck. Ich zeigte ihm den Platz und meinte, dahin gehöre ein Bild von etwa 2 Meter Breite und 1,5 Meter Höhe.

Und zwar eine Illustration zu meinem Ullstein-Krimi >Die Jagd nach der Stimme<: die Südseelandschaft, auf der der Held meiner Geschichte gefangengehalten wurde. Mit Palmen, Lianen, Papageien und dem übrigen Südseezauber.
»Mach ich!«

Er bekam seinen Empfänger und ich "ein Bild"

Er bekam seinen Empfänger und ich - nach vielem Drängen - ein halbes Jahr später mein Südseebild. Es warf mich um. Man sollte Bilder nie bestellen...

Ich stellte es in den Keller und dachte darüber nach, wem ich wohl damit ein Danaergeschenk machen könnte. So entstand schließlich der Plan, es meinem innig geliebten Kollegen Gustav zu verpassen.

Kollegen Gustav - ein technischer Redakteur

Er war technischer Redakteur der SENDUNG und füllte dort jede Woche eine Seite mit seiner leicht faßlichen Darstellung der Rundfunktechnik. Die Zeichnungen und Verse dazu machte er selber - ein zweiter Wilhelm Busch, dessen Helden Max und Moritz er es ohnehin gleichzutun suchte. Er war ein Schelm. Gustav war groß und >stattlich< und wie alle Leute dieser Dimensionen träge und aus Faulheit gemütlich. Seine viel kleinere Frau Mausi dagegen quick und immer auf dem Kien.

Die Geschichte mit dem großen japanischen Maler Yoshituma

Bei ihr rief eines Tages eine Dame an und verkündete ihr, der große japanische Maler Yoshituma stehe im Begriff, in sein Heimatland zurückzukehren und wolle ihrem Mann sein eben erst vollendetes Südseebild als Zeichen seiner tiefen Verehrung übereignen. Mausi stammelte tausend Dankesworte und harrte dann der Dinge, die da kommen sollten. Sie kamen in Gestalt zweier Athleten und eines riesigen Paketes. Mausi gab jedem zehn Mark, rief dann ihren Gustav an und berichtete ihm, was geschehen war.
Von ihm erfuhr ich es fünf Minuten später.

Ich sagte: »Das kannst du deiner Großmama erzählen, denn soviel Verehrung gibt es nicht. Schon gar nicht bei den geizigen Japanern.« Wenn bei ihm aber wirklich ein Gemälde abgegeben worden sei, dann beruhe das auf einem Irrtum, einer Namensverwechslung oder dergleichen ... sofern nicht Schlimmeres dahinterstecke.

Gustav sagte: »Was soll denn da schon dahinterstecken? Und eine Namensverwechslung ... Da könnte ich ja bei den wenigen Berliner Büschers anrufen. Papperlapapp! Komm heute abend zum Essen. Dann reden wir weiter.

Da bist du sprachlos, was?

Ich kam. Gustav öffnete die Tür, wies mit großer Geste auf das enthüllte Monstrum und sagte mit hörbarem Stolz in der Stimme: »Na?« - Ich biß die Zähne aufeinander, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. »Da bist du sprachlos, was?«

Ich winkte mit drohend erhobenem Zeigefinger ab und sagte, die Sache sei verdächtig. Dahinter stecke bestimmt eine Gaunerei. »Wenn einer so gutgläubig ist wie du, dann kann man so was ja riskieren.« - »Was gibt's da zu riskieren?«

»Wahrscheinlich hat ein Ganove das Bild aus einem Museum gestohlen und bei dir als unfreiwilligem Hehler abgestellt. Aber eines Tages - vielleicht erst in einem Jahr - wird er kommen, von einer Adressenverwechslung faseln und das Bild zurückverlangen.«

»Quatsch«, sagte Mausi. »Du bist ja bloß neidisch!« Gustav schleppte die Südsee in das Wohnzimmer und meinte: »Über dem Sofa würde es bestimmt enorm wirken.«

Lieber erst die Polizei fragen

Ich schüttelte den Kopf: »So naiv wie ihr zwei möchte ich auch sein, denn für die Dummen sorgt Gott. Frag lieber morgen früh die Polizei, ob nicht ein Gemäldediebstahl gemeldet worden ist.«

Gustav wurde unsicher: »Also gut, damit du Ruhe gibst!« - Gustav rief am nächsten Morgen bei der Polizei an und erfuhr zu seiner Erleichterung, daß ein derartiger Diebstahl nicht gemeldet worden war.

Jetzt geht die Story richtg los

Nun war Gustav nicht mehr zu halten. Er bestellte einen Kleinlieferwagen. Wir fuhren mit dem Bild zu dem teuersten Bilderrahmer Berlins und suchten einen passenden Rahmen. Er riet zu einem wuchtigen 40cm breiten und 15cm dicken, mit wundervoll ziseliertem Goldprofil. Der Preis schlug zwar alle Rekorde, aber der Effekt war grandios.

Das Prunk-, Pracht-, Protz- und Renommiergemälde wurde zwei Tage später geliefert und an zwei riesigen Eisenhaken über dem dreisitzigen Sofa aufgehängt.

Schluß der Geschichte?

Mitnichten: Jetzt fing sie erst an.

Die Schwillsche Südsee erschlug zwar alles, kam aber trotzdem nicht zur Geltung, denn das bißchen Licht aus der Deckenfunzel warf nun den Schatten ihres perlenglitzernden violetten Seidenschirms auf die Palmen und Papageien und verdunkelte, was sie doch eigentlich ins rechte Licht setzen sollte...

»Links und rechts neben das Bild gehören zwei Armleuchter!« riet ich. Gustav fand das zwar richtig, meinte aber, ich hätte das auch früher sagen können.

Das Chaos begann scheibchenweise

Das schwere Sofa wurde mühsam abgerückt und in die Mitte des Zimmers geschoben, das Bild mit vereinten Kräften von den Haken gehoben und vorsichtig auf zwei Sofakissen gegen die Rückenlehne des Sofas gestellt. Dann holte Mausi zwei gebrauchte Bettlaken aus dem Wäschepuff und spreizte sie über Bild und Sofa, während Gustav schon zwei Elektromonteure bestellte, um ihnen die nötigen Anweisungen zu geben. Zunächst mußte bestimmt werden, wo die Armleuchter denn sitzen sollten. Da das Bild nicht mehr an der Wand hing, war das natürlich ein zweifelhaftes Rechenkunststück.

Schließlich meinte Gustav, es sei wohl am sichersten, wenn sie das Bild wieder aufhängten, um dann die Plätze für die Holzdübel und den Verlauf der nötigen Kabelschlitze genau markieren zu können. Diesmal schafften es die zwei Elektriker allein. Sie stellten das Bild wieder auf die zwei Sofakissen, und Mausi breitete wieder ihre Bettlaken darüber.

Das war auch nötig, denn nun mußte sie händeringend mit ansehen, wie mit schweren Hämmern und Meißeln die nötigen Löcher gestemmt wurden und sich dabei Wolken von Staub immer dichter auf Tische, Stühle, Bücher, Nippes und die Wolkenstores legten.

Drei Stunden später waren die nötigen Dübel und Kabel eingegipst. Am nächsten Morgen - so meinten die Strippenzieher - könnte nun der Tapezierer kommen.

Neue Komplikationen

Mausi stürzte sich mit Todesverachtung, Schaufel, Besen und Staubsauger in die Drecksarbeit, während Gustav und ich in die Tauentzien fuhren, um passende Armleuchter zu kaufen.

Neue Komplikationen: Neben dem imponierenden Kolossalgemälde hätten die üblichen fipsigen Lämpchen lächerlich gewirkt. Nein, das mußten ganz besondere Scheinwerfer sein, die das Licht nicht nach unten oder oben oder auf die gegenüberliegende Wand warfen, sondern gewissermaßen seitlich rückwärts auf das Bild. »Solche Lampen könnten nur die Italiener fabrizieren«, sagte der Verkäufer sachkundig. Was blieb da schon anderes übrig, als sie zu bestellen!

Und wieder neuer Dreck

Der Tapezierer kam am nächsten Tag mit einem großen Brett, zwei Holzböcken, einem Eimer voll Kleister und einem breiten Pinsel. Er bezeichnete die Gipserei der Elektriker als Schweinkram. Diese Stellen müsse er erst sorgfältig planschleifen. Das dauerte zwei Stunden. Dann verlangte er warmes Wasser, um die Reste der drei beschädigten Tapetenbahnen mit einem Spachtel zu entfernen.

Neuer Riesendreck auf dem Fußboden. Endlich baute er sein Gestell mit dem Brett auf und bat Mausi um die Tapeten für die Reparaturen. Mausi war erschlagen. »Woher soll ich solche Tapeten nehmen? Gibt es die überhaupt noch?«

Der Tapetenhändler schüttelte den Kopf: Diese altmodischen Blumenmuster würden schon seit zehn Jahren nicht mehr hergestellt. »Da wird Ihnen nichts anderes übrigbleiben als ein Tapetenwechsel.«

Also neue Tapeten.

Mausi war für Girlanden, Gustav für Streifen. Ich riet zu einer weißen Rauhfasertapete. Sie war sofort lieferbar und wurde deshalb genommen. Diesmal mußte das ganze Wohnzimmer aber total ausgeräumt werden, einschließlich Gardinen.

Tagelang standen nun die Möbel in der Wohnung herum. Bis unter die Decke waren alle Räume vollgestellt. Sogar die Badewanne, die Küche und das Klo. Die Südsee lag - in dicke Decken gehüllt - unter dem familiären Doppelbett.

Und noch etwas - die Decke hatte Risse

Als der Tapezierer anfing, stellte er fest, daß die Decke Risse hätte und unbedingt neu gestrichen werden müsse ... Auch diese qualvolle Woche ging schließlich vorbei.
Dann kamen in riesigen Lattenverschlägen die Armleuchter. Traumgebilde aus Spiegeln und venezianischen Prismen; jeder zehn Kilo schwer und sündhaft teuer. Ich hatte sie mit zunehmend schlechtem Gewissen bezahlt. Ob die Holzdübel das Gewicht wohl tragen würden? Nicht auszudenken!
Endlich war's geschafft. Wir räumten alles wieder zurecht, Mausi schrubbte die total verdreckten Böden und Fenster und gab die Wolkenstores zur Wäscherei...

Das Ganze hatte zwar drei Wochen gedauert, aber nun strahlte die Südsee über dem Sofa wie unter der heimatlichen Sonne.

Es war geschafft. Die beiden auch ...

36 Meisterfotos eines glückstrahlenden Ehepaares

Sie setzten sich auf das Sofa, und ich machte mit meiner Leica 36 Meisterfotos eines glückstrahlenden Ehepaares. Von ihnen ließ Gustav Hochglanzkopien fertigen.

Gustav war indirekt gezwungen, alle einzuladen

Inzwischen hatten er und ich dafür gesorgt, daß die großherzige japanische Spende bei allen Freunden und Bekannten >ruchbar< wurde. So blieb es nicht aus, daß sie alle, von Neugier geplagt, die naheliegende Frage stellten, wann denn das Bild feierlich enthüllt würde. Was blieb Gustav da anderes übrig, als sie alle samt ihren Ehefrauen zur Einweihung bei Kaffee, Kuchen und Likör einzuladen.

Der Gustav rief - und achtundzwanzig Gäste kamen. Mausi hatte das Bild mit einem frischgewaschenen Bettlaken verhüllt.

Mich solle der Teufel holen

Ich ging langsam herum und erzählte einigen Gästen >streng vertraulich< die wahre Geschichte. Sie machte blitzschnell die Runde.

Hochnotpeinliche Verlegenheit auf allen Gesichtern ... Um Himmels willen, und dabei soll man sogar ein feierliches Gesicht machen, statt schadenfroh loszuplatzen? Ein Kollege flüsterte mir liebevoll zu, mich solle der Teufel holen.

Ahnungslos voll reingetapst

Gustav und Mausi ahnten nichts von allem. Gustav, in feierlichem Schwarz, erhob sich, zwischen Kuchen und Likör, klopfte mit dem Zuckerlöffel gegen seine Kaffeetasse und erzählte stolz die ohnehin schon reichlich breitgetretene Lügengeschichte, während sich seine Gäste auf die Lippen bissen.

Als die qualvollen fünf Minuten endlich um waren und das Bettuch unter den weihevollen Klängen der leider zu voll aufgedrehten Mondscheinsonate langsam wie ein Leichentuch niedersank, ging ein tiefes Aufatmen durch den Raum. Ihm folgte bleierne Grabesstille.

Erstarrte da nicht manches Grinsen angesichts des wuchtigen Goldrausches, der sogar die Schwillsche Südseesonne überstrahlte? Beredtes oder andachtsvolles Schweigen? Feixen? Oder das Schweigen völliger Sprachlosigkeit?

Das erlösende Lachen blieb aus; man war wohl doch zu streng erzogen...

Die Offenbarung nach dem Ende der Party

Gustav verteilte die hochglänzenden Fotos und erntete dafür die > aufrichtigsten Glückwünsche <.

Die Enthüllungsfeier verlief sich. Als der letzte Gast schadenfroh gegangen war, hielt es mich nicht länger. Ich warf mich auf das Sofa, streckte die Arme und Beine in die Luft und bekam einen Lachkrampf. Dann beichtete ich meinem besorgten Ehepaar unter Krokodilstränen die ganze Wahrheit.

Gustav wurde erst blaß, dann rot. Mausi nahm es leichter - sie hätte das ja gleich geahnt ... Dann versanken wir sinnend in den Anblick der so kostbar gerahmten Südseelandschaft und fanden das Machwerk - ob nun Kunst oder Kitsch - zumindest ganz dekorativ.

Schadensbegrenzung

»Weißt du«, sagte Mausi allen Ernstes, »wenn ich bedenke, wie nackt und duster die Wand vorher ausgesehen hat und daß das Bild ja eine Illustration deines Romans ist - dann muß ich sagen ...«
»... daß du ein Erzhalunke bist und daß ich dir das eines Tages heimzahlen werde«, ergänzte Gustav.

»Davon bin ich überzeugt. Hoffentlich fällt dir bald was ebenso Gutes ein!«
»Ich tröste mich inzwischen mit dem Gedanken, daß dich der
Südseeschinken ja auch eine ganze Menge Geld gekostet hat.«

Wiedergutmachung

Hinterher erzählte er allen, ich hätte mich in einem Anfall von Größenwahn >diesmal< von der Operette auf die Malerei geschmissen und das Bild in meiner Metropolis-Villa aufhängen wollen. Erst als die Architekten gemeint hätten, in ihr modernes Haus passe nur ein Gemälde von Kube, wäre ich auf die Idee gekommen, Gustav damit zu beglücken. So brachte er einen Teil der Lacher auf seine Seite.

Und ich?
Da Gustav zwei Wochen später Geburtstag hatte, erschien ich mit einem lächerlich kleinen Blumenstrauß und sagte, zu mehr hätte es leider nicht gereicht. Dabei sah ich zu der neu gestrichenen Zimmerdecke auf und konstatierte: »Die elende lila Funzel aus Omas Zeiten müßte ja eigentlich durch eine moderne Deckenlampe ...«
»Hör auf, hör auf, du Halunke!«
»... Ich habe deshalb mein halbes Gehalt für eine neue geopfert, damit du nicht bei deinem Geburtstagsempfang unsere ganze Innung blamierst. Sie wird gleich geliefert und montiert.« - Rührung.
»Aber Eduard, das war doch wirklich nicht...« - Umarmung. Und Tränen in Mausis Augen.

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