Sie sind hier : Startseite →  Fernseh-Literatur→  1990 - Ein Jahrhundertmann→  Ein Jahrhundertmann-43/44

Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

.

Kapitel 43
1933 - Ein Blatt im Wind

»Ein Privatbrief«, sagte meine Sekretärin, während sie die übrige Post vor mir auf den Schreibtisch legte. Er war an die Verlagsadresse gerichtet und trug den Vermerk >persönlich<. Die Schrift kam mir bekannt vor. Der Poststempel war unleserlich. Kein Absender auf der Rückseite. - Ich drehte ihn unschlüssig hin und her. Dann legte ich ihn ungeöffnet zur Seite und vertiefte mich in die übrige Post. Es waren fast ausnahmslos Leserbriefe.

Seltsam - ein Brief von Klaus

Erst eine Stunde später fiel mein Blick wieder auf den Brief. Ich riß ihn kurz entschlossen auf. Zwei engbeschriebene Bogen. Unterschrift: Klaus (Klaus Semmler). - Mein Freund und Klavierpartner aus der Studienzeit! Nach so vielen Jahren sein erstes Lebenszeichen.

Nach so vielen Jahren, in denen er sich nicht ein einziges Mal gemeldet hatte, obwohl ich ihm schon wenige Tage nach meiner Ankunft in Berlin geschrieben hatte. Nun sah ich ihn wieder vor mir, wie er beim Abschied fast hoffnungslos dagestanden hatte.

Wie mochte er in jene kleinbürgerlich-langweilige Welt mit ihren engstirnigen Menschen zurückgefunden haben, die nie seine wahre Welt gewesen war und die er, statt zu lieben, fürchtete und haßte. Hatte er sich mut- und kampflos in sein Schicksal ergeben? Ich schüttelte mich bei dem Gedanken.

Dann las ich den Brief ... ein Stimmungsbild

»Ich lebe hier in meinem kleinen, weltvergessenen Nest und arbeite im Geschäft meines Vaters. Trotzdem ist mir so, als lebte ich in einer fremden Welt. Himmel, ich bin hier doch geboren, ich bin doch unter diesen Menschen aufgewachsen, ich kenne jeden, und jeder kennt mich, ich bin doch einer von ihnen - und dennoch ...

Meine Jugendfreunde sind alle schon verheiratet und mir ebenso fremd geworden wie ich ihnen. Manchmal, wenn ich sie so sehe - mit Frau und Kind -, dann möchte ich heulen. Vor Neid? Vor Enttäuschung? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich mich dann am liebsten in meinen Wagen werfen und fliehen möchte, einfach fliehen, egal wohin, denn nirgends kann ich fremder sein als in diesem engen Dorf, in dem mich alle wie einen Fremdling mustern; selbst meine Eltern, die mich oft mit einer seltsamen Mischung aus Sorge und Mißtrauen beobachten. Und dann wieder verfluche ich das alles, am meisten mich selbst, und möchte Schluß machen.

Über die verlorene Zeit in einem Nest . . .

Der einzige Mensch, der mir ein bißchen zu geben vermag, ist mein alter Klavierlehrer, bei dem ich jede Woche zweimal Unterricht nehme, obwohl er immer wieder behauptet, das sei verlorene Zeit, denn bei ihm könne ich nichts mehr lernen ...

Mag sein - aber er ist die einzige Zufluchtsecke, die ich habe. Manchmal, wenn ich bei ihm sitze, fliehen wir mit unseren Träumen in eine Welt, die es hier nicht gibt und niemals geben wird. Manchmal erzähle ich dann auch von Dir, Deiner zuweilen beunruhigenden Sprunghaftigkeit, Deinem unzähmbaren Temperament - und wie ich beim Musizieren immer, vielleicht nur aus Neid, an Deinem Vortrag herumkritisiert habe. Verstanden habe ich Dich wohl nie - aber im stillen bewundert.

Du kamst aus einer anderen Welt

Hier finde und lese ich ab und zu einen Deiner Zeitungsberichte. Dann höre ich Dich sprechen, so schnell, als hättest Du Angst, einen Gedanken zu vergessen, und dann frage ich mich jedesmal - und jedesmal dringlicher -, weshalb ich damals der jähen Versuchung widerstehen konnte, zu Dir in den Zug zu springen und mit Dir das Abenteuer Berlin zu wagen.

Jetzt weiß ich es: Ich war zu feige. Ich hatte Angst vor Dir. Du kamst aus einer anderen, einer aufgeschlosseneren Welt, und diese Welt war mir fremd, so nah wir uns auch musikalisch gekommen waren. Ich kam aus einem streng puritanisch regierten Haus - und Du sagtest einmal zu meinem hellen Entsetzen:

  • >An Gott zu glauben, überlasse ich den Dummen und den Negern. Je mehr man weiß, um so weniger braucht man zu glauben. Halte dich - wie ich - an den Menschen Jesus und sein Evangelium der Liebe. Das allein ist schwer genug. <

.

Wirst du dann etwas Zeit für mich haben?

In meinen Ohren klang das damals wie Frevel, und ich habe diese Worte wohl deshalb bis heute weder vergessen noch ganz verstehen können.
Das ist auch der Grund, weshalb ich tausendmal angesetzt habe, Dir zu schreiben, und es dann immer wieder ließ, denn Dir zu folgen schien mir wie eine Verlockung, und dazu war ich zu feige.

Aber ich habe mir ganz fest vorgenommen, im Lauf der nächsten Monate einmal für ein paar Wochen nach Berlin zu kommen, denn ich brauche Deinen Rat. Hier bereiten sich Dinge vor, die mich zu jenem Schritt zwingen konnten, den ich damals nicht wagte. Wirst du dann etwas Zeit für mich haben?

Immer noch Dein Klaus.«

Der musische Junge aus dem weltenfernen Kaff kommt nach Berlin

Ich starrte minutenlang auf seinen unverschnörkelten Namenszug. War der, der das geschrieben hatte, immer noch der nette, bis in die Fingerspitzen musische Junge aus dem weltenfernen Kaff? Oder nur ein armer Teufel? Ich schob den Brief in den Umschlag zurück und steckte ihn ein ... Dann diktierte ich eine Stunde lang Post, um mich abzulenken.

Wenige Wochen später - Anruf von Klaus.
»Klaus? Bist du schon in Berlin?«
»Nein, aber ich komme Freitag abend 18.25 Uhr am Schlesischen Bahnhof an... Kannst du mich abholen und mich in ein Hotel bringen?«
»Mach ich! Hoffentlich kannst du ein paar Wochen bleiben!«
»Ich möchte für immer bleiben.« In seiner Stimme klang ein ungewohnter Unterton. »Offen gesagt: Wenn du nicht in Berlin wärst, hätte ich den Absprung nicht gewagt.«

Er wollte für immer bleiben? Ich konnte es kaum glauben. Was könnte er hier tun? Wovon könnte er hier leben? Und überhaupt - was steckte hinter diesem plötzlichen Entschluß? Klaus war kein Hektiker.

Klaus sah damals sehr gut aus . . .

Ich stand schon eine Viertelstunde zu früh an der Sperre. Damals durfte man nur mit besonderer Bahnsteigkarte zu den Zügen. Sie kostete zehn Pfennige, doch ich hatte keinen Groschen für den Automaten. Wie viele Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen? Wie mochte er sich verändert haben?

In Chemnitz hatten ihm alle Mädchen verliebte Augen gemacht, wahrscheinlich weil er selber besonders eindrucksvolle Augen hatte. Grüne Augen unter zwei schnurgeraden, wie mit dem Lineal gezogenen Brauen. Er sah sehr gut aus, aber er wußte es auch. Ich erkannte ihn schon von weitem, und als er dann vor mir stand und mich umarmte, fühlte ich sofort, daß sich an unserer Freundschaft nichts geändert hatte.

Sechs Koffer bedeutet Abschied von der Heimat

Ich deutete auf seinen kleinen Handkoffer: »Ist das alles?«
Er atmete tief durch: »Nur einer von sechs! Ich bleibe - nimm das bitte ernst.« Zwischen seinen Augenbrauen erschien für Sekunden eine harte Falte. »Ich ertrug das alles nicht mehr. Dort hätte ich nur noch einen Strick nehmen können.« Das klang erschreckend bitter.

»Ich bin sehr froh, daß wir nun wieder zusammen sind«, sagte ich, um die entstandene Pause zu überbrücken. Er entgegnete nichts, drückte mir nur lange und fest die Hand. Bei der Gepäckausgabe türmten sich seine Koffer. Der Dienstmann meinte scherzhaft:
»Lastkraftwagen - Troschke fragen.« Das war ein alter Reklamespruch der Firma Troschke. Wir nahmen zwei Taxen.

Klaus war sprachlos

»Jetzt wohnst du erst mal bei mir«, sagte ich, als ich dem Fahrer die Adresse genannt hatte, »und dann suchen wir in aller Ruhe und ganz in der Nähe eine Bleibe für dich.«
»Eine Bleibe?«
»Ja, so heißt das hier.«
Er lächelte und starrte dann lange Zeit gebannt in das Menschengewimmel auf den Straßen. Schorlemer Allee 7. Große Augen.
Er sagte nichts. Ich glaube, er war ebenso sprachlos wie entsetzt. Dieser viereckige Kasten, das flache Dach, diese riesigen Fenster zur Straßenterrasse ... Und dann die große, hohe Halle mit den modernen Leuchtröhren an der Decke.
Im Türrahmen blieb er einen Augenblick stehen. Ich schubste ihn weiter.

Klaus und mein Steinway-Flügel

Da sah er den Steinway-Flügel und nur noch ihn. »Darf ich?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er sich auf den hellblauen Ledersessel, und dann spielte er zu meiner Verwunderung wohl eine Viertelstunde lang Ravel, nur Ravel...
»Niemand paßt besser in dieses Haus als Ravel - und du«, sagte er dann so, wie einer sagt: »Der Anzug ist zwar ein bißchen verrückt, steht dir aber gut...«

»Seit wann wohnst du denn schon hier?«
»Erst seit wenigen Wochen. Erst seit Fritz Lang nach Hollywood ausgewandert ist; der hat nämlich vorher hier gewohnt.«
»Aha, daher der Metropolis-Stil!«

"Warum bis Du gekommen ?" - Weil ich Halbjude bin!

Wir saßen an diesem Abend bis spät nach Mitternacht zusammen. Er wirkte auffällig still und wortkarg. Als ich vorsichtig nach der Ursache seiner plötzlichen Abreise fragte, schwieg er eine Weile.

»Weil ich Halbjude bin!« stieß er dann überraschend hart und laut hervor. »Und«, fuhr er dann ruhiger fort, »weil sie meine Mutter vorgestern um vier Uhr morgens abgeholt haben. Um vier Uhr morgens! Stell dir diese Niedertracht vor! Wohin, weiß ich nicht. Das weiß keiner. Es war eine herzzerreißende Szene. Dabei blieb mein Alter seltsam ruhig. Ich verstand das nicht. Aber sich zur Wehr zu setzen, was hätte das auch schon nützen können ... Wer weiß, ob ich meine Mutter jemals wiedersehe ...«
.

Untertauchen im großen Berlin

»Mit deinen prima Examenszeugnissen wirst du hier verhältnismäßig leicht eine Stellung als Ingenieur finden.«

»Möchte ich aber nicht. Ich möchte mich als Konzertpianist versuchen und, bis das klappt, nötigenfalls in irgendeinem großen Orchester unterkriechen. Das eilt aber nicht. - Mein Klavierlehrer hat mir die Adresse einer Agentur gegeben. Der Inhaber ist ein guter Freund von ihm. Er wird sich sicher bemühen, mich bald zu vermitteln. Zuerst werde ich mir eine hübsche Zweizimmerwohnung mieten und ernsthaft versuchen, hier heimisch zu werden. Als Berliner unter Berlinern. Geldsorgen habe ich nicht.«

Ich fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Mit Klaus war etwas von der Atmosphäre unserer gemeinsamen Studienzeit zurückgekehrt ... Ich freute mich schon auf unsere ersten Musikstunden ...
.

Kapitel 44
Der Eisenschritt - Die braunen Kolonnen

Die braunen Kolonnen marschierten. - »Hörst du nicht den Eisenschritt?« - Diese Zeile will mir nicht aus dem Kopf. Weiß der Teufel, wo ich sie zum erstenmal gehört habe. Vielleicht damals im Zigeunerkeller auf dem Kurfürstendamm? Oder doch schon früher? Ich weiß nicht recht ... Mich überläuft heute noch eine Gänsehaut, wenn ich nur an diesen Abend denke. Und an das viele Blut ...

Am Abend im Zigeunerkeller

Ernst von der Decken hatte eine Kollegin der BZ und mich an diesem Abend zu einem Imbiß eingeladen. Wir gingen gern in den Zigeunerkeller, an dessen Eingang ein großes, unerhört wirksames Plakat mit einem fiedelnden Zigeuner einlud. Ein Plakat von Theo Matejko. Es ist heute noch da. Decken hatte einen stillen Eckplatz bestellt. Den bekamen meist Journalisten, denn wir hatten ein gutes Dutzend Ungarn im Verlag, und die hatten uns öfter hierhergeschleppt. Sie mochten ebensowenig wie wir ins Romanische Cafe gehen. Dort saßen neben Arrivierten allzu viele Schnorrer ...

Der erste braune Pöbel kommt rein

Gegen zehn kamen vier Burschen in ihren braunen Uniformen. Sie suchten einen freien Tisch. Den gab es hier nur selten, und schon gar nicht um diese Zeit. Der Oberkellner zuckte bedauernd die Schultern. Er war froh, die Burschen auf diese Weise wieder loszuwerden. Doch das schaffte er nicht. Die vier traten an einen Tisch, an dem zwei ältere Herren saßen, und forderten sie auf, ihren Platz zu räumen und sich >zu den anderen feinen Pinkeln< zu setzen, da seien noch genügend Stühle frei. Die beiden standen schweigend auf, zahlten und verließen das Lokal.

Die ersten Gäste gehen

Der Kellner wurde nervös. Die vier setzten sich an den frei gewordenen Tisch. Die Dreistigkeit, mit der sie sich hinflegelten und lauthals eine Flasche Sekt verlangten, zeigte deutlich, daß sie es darauf angelegt hatten, Rabatz zu machen. Der Kellner brachte einen Kühler, eine Flasche Sekt und schenkte ihnen ein - ein bißchen steif, aber höflich-kühl, wie sich's gehört.

Ein Ehepaar, das erst kurz vorher gekommen war und noch vor den frisch gefüllten Gläsern saß, winkte dem Kellner, zahlte ebenfalls und näherte sich dem Ausgang.

»Heil Hitler!«

Einer der vier brüllte: »Heil Hitler!« Die Leute reagierten nicht und versuchten, die Tür zu erreichen. Da sprang einer der Rabauken auf und stellte sich ihnen in den Weg:
»Ihr wißt wohl noch nicht, wie man auf den Deutschen Gruß antwortet?«
Der Herr versuchte, den Burschen beiseite zu drücken. »Wir möchten gehen - bitte!«
Der Rabauke, plötzlich ganz freundlich: »Ach, Sie wollen schon gehen? Wie schade, Sie sind doch eben erst gekommen. Möchten die Herrschaften nicht wenigstens erst austrinken?«
Der Herr energisch: »Wir möchten gehen - aus dem Weg!«

Der Geschäftsführer stürzte herbei und versuchte zu schlichten.

»Gehn Sie zum Teufel!«

Die drei anderen Braunhemden hatten sich inzwischen erhoben und kamen langsam näher. Das Paar sah sich plötzlich von ihnen umstellt. Der Geschäftsführer riß die Tür auf und sagte: »Bitte, meine Herrschaften!«
»Moment, Moment! Der werte Herr möchte erst noch etwas Anstandsunterricht nehmen. Also - wie antwortet man auf den Deutschen Gruß?«
Dem Herrn platzte der Kragen: »Gehn Sie zum Teufel!«

Stühle flogen durch die Luft, Blut floß ...

Was nun folgte, war vorauszusehen. - Der Barmann alarmierte die Polizei, die vier Nazis fielen gemeinsam über den Fremden her, warfen ihn zu Boden und traten ihm mit ihren genagelten Stiefeln ins Gesicht, droschen auf den Geschäftsführer ein, rissen ihm die Jacke herunter und trampelten darauf herum. Die Frau schrie verzweifelt um Hilfe, andere Gäste sprangen auf, versuchten sie zu schützen, aus dem Handgemenge herauszuziehen und die Nazis aus dem Lokal zu drängen. Stühle flogen durch die Luft, Flaschen gingen zu Bruch, Blut floß ...

Wo blieb nur die Polizei?

Die vier Braunhemden verließen die Stätte ihres Überfalls und marschierten hinaus auf den Kurfürstendamm.
Ihre genagelten Stiefel schlugen barbarisch hart auf das Pflaster: Eins, zwei - eins, zwei - eins, zwei...

Decken trat zu mir, blaß wie wir alle.
»Hörst du nicht den Eisenschritt?« Wer sagte das?
»Mit uns geht die neue Zeit...« Wer grölte das?

Ich weiß es nicht, ich war zu benommen. Ich sah das viele Blut und den schwerverletzten Mann. Dann kamen die Sanitäter. Und dann sogar die Polizei. Viel zu spät, wie so oft in jenen Tagen ohnegleichen...

Sakados, der Grieche aus dem "Eden" . .

Kurz vor elf bekomme ich unerwarteten Besuch. Sakados, der Grieche aus dem Eden, der mit dem dünnen goldenen Ohrring. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen.
»Du bist doch in dem jüdischen Verlag«, sagt er. »Du mußt doch wissen, was dieser Nazirummel zu bedeuten hat und was von dem Gerede zu halten ist, sie wollten alle Juden aus dem Lande werfen. Was wird dann mit dir und dem Verlag?«
.

Was wird dann mit dir und dem Verlag?

Die Frage überraschte mich. Ich hatte darüber nie nachgedacht.
»Mann, deine Sorgen! Bei uns läuft alles wie am Schnürchen. Aber wie kommst du überhaupt auf dieses Thema?«

»Bei uns sind kurz vor Mitternacht etwa zwanzig Kerle in braunen Uniformen aufgekreuzt und schnurstracks in die Bar marschiert.«
»Und von eurem blöden Portier mit freudigem Heil Hitler begrüßt worden! Daß der die überhaupt hereingelassen hat!«
»Was soll ich dazu sagen - er hat!«
»Ich habe eine solche Sauerei gerade hinter mir. Da scheint doch System drin zu liegen. Und in der Bar haben sie sich besoffen?«

»Nichts von alledem. Sie haben sich an die Bar gestellt, die Gäste frech grinsend gemustert, als suchten sie jemanden oder als wollten sie sich alle Gesichter einprägen, und kein Wort gesagt. Nach einer bleiernen Viertelstunde sind sie dann mit einem drohend gebrüllten >Heil Hitler! < abmarschiert - aber der Auftritt war deutlich genug.«

Sänger, Schauspieler, Komponisten planen den Weggang

Mein Freund macht sich natürlich Sorgen. Er ist Jude und hat daraus nie ein Hehl gemacht! Er ist sehr nervös und trägt sich mit dem Gedanken, sich rechtzeitig abzusetzen und nach Paris zu gehen. Man hat ihm schon lange die Leitung eines dortigen Hotels angeboten.

»Überschlagt euch mal nicht. Notfalls seid ihr in einer Stunde drüben.«
»Mehrere jüdische Sänger, Schauspieler, Komponisten haben schon vorsichtig sogenannte Gastspielreisen ins Ausland vorbereitet.«
»Eine begreifliche Nervosität; aber ich glaube, wir leben in einem Rechtsstaat mit der vielgelästerten preußischen Disziplin.«

Als Sakados sich spät nach Mitternacht verabschiedet, habe ich plötzlich ein beklemmendes Gefühl. Auch bei Künnekes fängt man langsam an, nervös zu werden. Man hat Künneke bereits dringend nahegelegt, sich von der mit im Haushalt lebenden siebzigjährigen jüdischen Mutter seiner Frau zu trennen, da er sonst mit >Schwierigkeiten< zu rechnen hätte.

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2007 / 2017 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.