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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

(Kopie 1)

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Kapitel 41
Paul Nipkow und der Zauberspiegel

Ludwig Kapeller war zwar nicht mehr Chefredakteur des FUNK, aber er erhielt ihn trotzdem regelmäßig. - »Sehn Sie sich das mal an!« sagte er mir, indem er mir die neueste Nummer vorhielt. »Wenn der "Gehne" da nicht spinnt...« - »Fernsehen - eine Utopie?« - Der Aufsatz stand im FUNK.
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Ein Reizwort in einer Fachzeitschrift ?

Dieses Reizwort in einer sachlich-nüchternen Fachzeitschrift! Und geschrieben von ihrem wissenschaftlichen Chefredakteur Dr. Gehne. Das konnte kein leeres Gewäsch sein. Wenn Gehne dieses Thema aufgriff ...

Fernsehen - hatte ich geschlafen?

Fernsehen - darüber konnte man jetzt also sachlich sprechen? Verdammt noch mal, hatte ich geschlafen? Fernsehen - das hatte es bisher nur in technisch- phantastischen Romanen gegeben und in den Märchen aus Tausendundeiner-Nacht:

»Da nahm der Prinz seinen Zauberspiegel, neigte sich dreimal gen Ost und sprach: >Zeige, was verborgen ist, und decke auf, was sich verhüllt! <

Und siehe - da strahlte es hell auf silbernem Grunde, und er gewahrte im Spiegel ein Weib, wie er noch keines zuvor erblickt hatte... Ihre Brüste waren schwer wie gefüllte goldene Krüge, während ihre Hüften an Größe mit den Rädern des Siegeswagens wetteiferten...«

Ich studierte die Zeitschrift Wort für Wort

Ich las noch einmal die Überschrift und blätterte dann um. Vier Seiten! Die konnte ich nicht husch, husch überfliegen, da wog jeder Satz. Also setzte ich mich mit meiner Zeitschrift in eine Ecke und studierte sie Wort für Wort.

Was da ein hervorragender Physiker an Patentanmeldungen und Wissen aus aller Welt zusammengetragen hatte, war verblüffend. Drahtloses Fernsehen, das Problem war theoretisch längst gelöst. Jetzt brauchte nur noch einer zu kommen und alles in eine praktische Form zu gießen.

Das sagte der pedantisch genaue Dr. Gehne zwar nicht, aber ich las zwischen den Zeilen, was da gar nicht geschrieben stand: Wir werden eines Tages - eines baldigen Tages - fernsehen!

Mir flimmerte es vor den Augen.
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1883 hatte ein gewisser Paul Nipkow . . . . .

Schon 1883 hatte ein gewisser Paul Nipkow ein Patent auf seinen Fernseher erhalten. Ob er wohl noch lebte? Nipkow, die Endsilbe kow mit dem charakteristischen w, das erinnerte an Pankow, Treptow und ein gutes Dutzend anderer Orte in der Mark Brandenburg. Wie, wenn dieser Nipkow noch lebte? Am Ende gar in Berlin lebte?

Lebt der noch ?

Eine Anfrage beim Einwohnermeldeamt. Und die höchst überraschende Nachricht: Der Ingenieur Paul Nipkow, geboren am 22. 8. 1860 zu Lauenburg, wohnt Berlin-Pankow (aha: kow!), Parkstraße 12a in Pankow - also j-w-d, "janz weit draußen".

  • Anmerkung : Damals war Pankow wirklich weit draußen vor Berlin. Die Großeltern des Autors gr wohnten nach dem Krieg in Karow, noch etwas weiter draußen.

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Erwarte Sie am Mittwoch . . . .

Ich schrieb ihm ein paar höfliche Zeilen und bat ihn um ein Gespräch. Es dauerte vierzehn Tage, bis die Antwort kam: »Erwarte Sie am Mittwoch um drei Uhr im Cafe Josty am Potsdamer Platz. Ich werde Ihre Zeitung vor mir haben. Paul Nipkow.« - Das war kurz und bündig. - Ich ging hin.
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Mein erstes Gespräch mit Paul Nipkow

Nipkow war zunächst sehr ablehnend, doch ich ließ nicht locker. Ich mußte die Geschichte dieser Erfindung erfahren und festhalten. Als er merkte, daß ich technisch Bescheid wußte, erreichte ich schließlich, daß er sie mir in allen Einzelheiten schilderte. Er sprach sehr hart, schlicht und ohne jede Spur von Eitelkeit.

Ab hier wird eine Legende fest gezurrt

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Die Geschichte eines dreiundzwanzigjährigen Ingenieurstudenten . . .

Ich erfuhr als erster die Geschichte eines dreiundzwanzigjährigen Ingenieurstudenten, der in der Weihnacht 1883 einen seltsamen Traum zu träumen wagte: Das Bild einer lebenden Szene mit der von ihm erfundenen spiralgelochten Scheibe mosaikartig Zeile für Zeile in winzige Punkte zu zerlegen, sie Zeile für Zeile durch den Äther zu senden und gleichzeitig im Empfänger mit einer zweiten spiralgelochten Scheibe wieder zu einem lebenden Bild zusammenzusetzen.

Paul Nipkow hatte zwei "sehr" erwachsene Töchter

Als er am nächsten Tag meine Darstellung gelesen hatte - beängstigend langsam und beängstigend kritisch -, sagte er ganz einfach:
»Ja, so ist es gewesen. - So können Sie das veröffentlichen. Aber machen Sie kein großes Theater daraus! Und fotografiert werden will ich auch nicht.« - Zum Fotografieren ließ er sich dann aber doch überreden.

Was ich damals nicht ahnen konnte: Während des Gesprächs hatten am Nebentisch zwei sehr erwachsene Töchter Nipkows gesessen. Die eine war Lehrerin, die andere im Haushalt des Vaters tätig. Sie hatten mich mit Argusaugen beobachtet und ihrem Vater ein paarmal zugenickt: »Mach man, der scheint in Ordnung zu sein!«

Dr. Gehne schildert weiter . . . .

Fernsehen - im Prinzip eine simple Sache. - Alle dabei zu erwartenden Schwierigkeiten hatte Dr. Gehne in seiner Arbeit geschildert. Wahrhaftig für jeden Techniker Grund genug, sich an diese Sisyphusarbeit nicht einmal in Gedanken zu wagen, denn schon die einfachsten Überlegungen zeigten, daß keines der von Nipkow angegebenen technischen Mittel praktisch brauchbar war.

Sie waren gut, um das Prinzip darzulegen - mehr nicht. Und außer der nach Nipkow benannten spiralgelochten Zerlegerscheibe war bisher auch keines dieser Mittel praktisch zum Einsatz gekommen - wenn man von ersten schüchternen Demonstrationsmodellen absieht.

Wenn die Pessimisten nachdenken . . .

Man braucht doch nur zu überlegen, was es heißt, ein Bild fünfundzwanzigmal in jeder Sekunde Zeile für Zeile in etwa eine Million Punkte zu zerlegen, diese in einer fünfundzwanzigstel Sekunde zu übertragen und Punkt für Punkt und Zeile für Zeile wie ein Mosaik aus einer Million Steinchen zusammenzusetzen.

Eine an Wahnsinn grenzende Forderung, sagten die einen - und man kann sie aus der Rückschau nicht einmal als Pessimisten bezeichnen -, während die anderen durch nichts und niemanden in ihrem Fortschrittsglauben zu bremsen waren. - Einer von ihnen war ich.

Was Fernsehen bedeuten könnte . . .

Man mußte den Laien klarmachen, was ihnen das Fernsehen bedeuten könnte, und den Firmen und ihren Laboratorien verdeutlichen, daß der Fernseher ein Wunschtraum von Millionen werden würde und wirtschaftliche Möglichkeiten erschließen konnte, hinter denen der blinde Rundfunk eines Tages hoffnungslos zurückfallen mußte. Also eine ebenso schöne wie großartige Aufgabe für einen Publizisten.

Beim 2. Treffen : Aber nicht für die Presse!

Erst als ich mich ein zweites Mal mit Nipkow getroffen und sein Vertrauen gefunden hatte, erzählte er mir noch ein wenig mehr aus seinem Leben. »Aber nicht für die Presse!«

Nipkow war Angestellter bei den Borsig-Werken

Er war der technischen Gegenwart immer vorausgeeilt, hatte ein Gleitflugzeug und einen Schwingenflieger erfunden und dann ein Drehflügelflugzeug. Nach diesem Prinzip baute vierzig Jahre später Sikorsky in den USA einen Hubschrauber.

1898 erhielt er zwei Patente für Flugzeugantriebe - doch keine seiner Ideen brachte ihm klingenden Lohn. - Wohl dagegen Anerkennung. Die Borsig-Werke, bei denen er angestellt war, ernannten ihn eines Tages zum Oberingenieur - reich wurde er auch damit nicht.

Und Paul Nipkow spielte Klavier

Außer dem Erfinden konnte er noch etwas anderes: Er war ein ausgezeichneter Pianist und Cellist und spielte häufig im Orchester der Berliner Philharmoniker mit. Damit konnte er die Familienkasse wenigstens etwas auffüllen. Meine Begeisterung für das noch nicht einmal im Ansatz sichtbare Fernsehen wirkte ansteckend.

Wegen der romantische Geschichte von den Kollegen "überfallen"

Zunächst einmal war es Paul Nipkow, dessen wahre und wohl auch deshalb so romantische Weihnachtsgeschichte sofort durch die ganze Presse lief und dazu führte, daß der Alte nun gleich von meinen Kollegen überfallen und um noch mehr und noch nähere Einzelheiten gefragt wurde.

Nach fünfzig verflossenen Jahren ad acta gelegt ?

Nun darf man sich Nipkow aber nicht als einen Mann vorstellen, der sich plötzlich und endlich ins rechte Licht gerückt sah - ganz im Gegenteil. Er erschrak, als er sich zum erstenmal in seiner ebenen Beamtenlaufbahn groß herausgestellt sah und seine Erfindung - die er in den fünfzig verflossenen Jahren zwar immer wieder aufgegriffen, aber nach vielen vergeblichen Anläufen als unerfüllbaren Wunschtraum schließlich ad acta gelegt hatte - nun als geniale Zukunftsvision vorgestellt wurde. Und das sogar mit einem großen, wohlgelungenen Foto aus der Leica meines Lieblingsfotografen Max Ehlers.

Die Leute seiner engeren und weiteren Nachbarschaft, ebenso wie die Freunde und Kollegen von ehedem, überhäuften ihn nun mit offenherziger Bewunderung. - Wer hätte wohl diesem stillen, immer etwas bärbeißigen Eisenbahnpensionär soviel kühne Zukunftspläne zugetraut!

Seine beiden Töchter sonnten sich in dem späten Ruhm

Während er sich nun fast scheute, den Leuten mit seinem wohlverdienten Glorienschein entgegenzutreten, sonnten sich seine beiden Töchter zu seinem ständigen Ärger in dem späten Ruhm.

Die wohlbeleibte ältere von beiden hatte schon immer den dunklen Drang zu Höherem gespürt und sich deshalb nebenbei als Kunstmalerin betätigt. Nun hielten sie keine zehn Pferde mehr, den Ruhm des Vaters in einem Kolossalgemälde zu verewigen, umrankt von technischem Zauberkram und vor allem von den nach ihm benannten Lochscheiben. Links und rechts daneben die geschmeichelten Porträts seiner beiden Töchter.

Ich habe das Bild als erster sehen dürfen, und die beiden Frauen waren fest davon überzeugt, ich würde das Prachtgemälde nun in der BERLINER ILLUSTRIRTEN veröffentlichen und dabei gebührend auf sie hinweisen. Sie hatten sich zum Kummer des schlichten Papas sehr schnell bereit gefunden, den stets wißbegierigen Pressemännern Interviews zu geben.

Nipkow hatte mich nie Nachhause eingeladen

Heute erst fällt mir auf, daß ich die Wohnung in der Parkstraße nie von außen gesehen, geschweige denn betreten habe. Seine Töchter verlegten Zusammenkünfte des Prestiges wegen stets in die Stadt, und meist in Papas Stammcafe am Potsdamer Platz. Die kleine Zeche hatten dann selbstverständlich die Herren von der Presse zu zahlen, denn die konnten sie ja als Spesen absetzen.

Als die Damen das mit dem Honorar entdeckten

Auf die Idee, für ein solches Interview ein Honorar zu verlangen, kamen die Damen erst, nachdem ein Amerikaner diese Frage ganz unumwunden gestellt und ihnen ein verblüffend hohes Taschengeld aufgedrängt hatte.

Ihr Erfindungsreichtum erwies sich dann mindestens dem ihres Vaters ebenbürtig, denn ihm selber waren diese >Lebenserinnerungen< durchweg unbekannt. Daß sie sich dabei in edler Bescheidenheit als >Fernsehtöchter< bezeichnet haben, mag vielen meiner Leser als schamlose Verleumdung erscheinen. Bitte bedenken Sie aber, daß Nipkow zwar nicht von mir, wohl aber von vielen anderen Presseleuten als >Vater< des noch längst nicht geborenen Fernsehens bezeichnet wurde. Daraus leiteten sie dann mit weiblicher Logik ihr >Recht< her.

Lobhudelei - als Papa Nipkow 75 wurde

Zum 75. Geburtstag schenkten sie ihm übrigens einen ovalen Briefstempel mit dem Text: >Paul Nipkow, Berlin-Pankow, Vater des Fernsehens.<

Die Fernsehtöchter

Die letzte Bemerkung hätte zwar korrekter heißen müssen Vater des >künftigen< Fernsehens, aber in ihrer begreiflichen Freude nahmen die Damen es nicht so genau; vielleicht wußten sie es auch nicht besser, denn wenn man die Begriffe Bildübertragung, d. h. Übertragung lebloser Bilder, und Fernsehen gedankenlos in einen Topf wirft, müßte man eher den Franzosen Constantin Senlecq als den Vater des Fernsehens bezeichnen.

Das goldgerahmtes Ruhmesbild für die Titelseite

Man hat über das Wort >Fernsehtöchter< viel gelacht und mir nahegelegt, ihnen diese unmögliche Wortbildung auszureden, doch das gelang mir ebensowenig, wie ich verhindern konnte, daß sie eines Tages, von zwei kräftigen Dienstmännern begleitet, in der Redaktion der BERLINER ILLUSTRIRTEN erschienen, um ihr goldgerahmtes Ruhmesbild für die Titelseite zu präsentieren.

Dort konnte man ihnen jedoch klarmachen, daß dieser geschichtlich so bedeutsamen allegorischen Darstellung der weltbewegenden deutschen Erfindung sicher ein Ehrenplatz im Deutschen Museum gebühre, man einer solchen Ehrung jedoch nicht vorgreifen wolle.

Kapitel 42
Ein Weihnachtstraum wird Wirklichkeit

Fernsehen - der Weihnachtstraum eines jungen Mannes -, was sollte daraus werden? Wie das Problem anzupacken sei, das wußte man, aber man wußte auch, daß die dazu benötigten technischen Bausteine noch nicht existierten. Zeichnungen und Fotos hatte man zwar schon längst übertragen können, aber was hatte das schon mit dem tausendmal komplizierteren Fernsehen zu tun?

Selbst Nipkow hatte inzwischen den Glauben an seine Zukunftsvision verloren und seine Patente verfallen lassen. Wer damals von einem zukünftigen Fernsehen sprach, wurde genauso mitleidig belächelt wie einer, der heute noch das Perpetuum mobile bauen will.

Das Echo auf den Aufsatz von Dr. Gehne

Und doch: Angeregt durch den sachlich nüchternen, technisch unantastbaren Aufsatz von Dr. Gehne - und das völlig überraschende Echo, das ich mit meinen Berichten über Nipkow sogar im Ausland ausgelöst hatte -, suchte ich das Gespräch mit führenden Physikern der Industrie. Vor allem mit dem Verfasser des Lehrbuches über die drahtlose Telegraphie und Telephonie, Dr. Fritz Schröter, der bei Telefunken als Entwicklungsleiter tätig war.

Fragen an Dr. Fritz Schröter von Telefunken

»Wird das Fernsehen ein unerfüllbarer Wunschtraum der Menschheit bleiben?« fragte ich ihn.
»Wenn ein solches Instrument - ähnlich wie der Rundfunk - ein echtes Bedürfnis wäre, gäbe es so was schon. Aber während jeder mit einem spottbilligen Detektorempfänger Rundfunk hören kann, würde ein Fernseher für die meisten unerschwinglich sein.«
»Das >Bedürfnis< könnte man doch wecken ...?«
»Zum Beispiel in der Presse«, sagte Schröter lächelnd.
Ganz meine Meinung.

Bald begannen die ersten Nipkow-Scheiben zu rotieren

Der weitere Verlauf dieses Gesprächs und ähnliche Interviews mit kompetenten Fachleuten der Industrie zeigten mir, daß es an der Zeit war, das sichtbar gewordene Interesse am Fernsehen wachzuhalten.

Ich berichtete, daß sich Physiker in England, Holland, Italien, Amerika und Rußland schon seit langem mit diesem Problem herumschlugen und auf Teilgebieten beachtliche Erfolge melden konnten. Und das mit dem leisen Unterton - "während wir schlafen".

Die Industrie horchte wohl oder übel auf. Bald hier, bald da begannen auch bei uns die ersten Nipkow-Scheiben zu rotieren. Dann geistreich ersonnene Spiegelräder und Spiegelschrauben. Sogar in den Laboratorien der Reichspost.

Die Suche nach besseren Lichtsensoren

Überall begann die Suche nach neuen empfindlicheren Fotozellen zur Umwandlung der äußerst schwachen Lichtimpulse in Elektrizität. Die inzwischen erfundene Verstärkerröhre wurde eingesetzt, Lampen entwickelt, die die extrem kurzen Lichtblitze erzeugen sollten ...

Trotz irritierendem Marktgeschreis - eine Sackgasse

Der Wettlauf hatte begonnen. Echte Teilerfolge und das zuweilen irritierende Marktgeschrei einzelner Erfinder, wie Mihaly, hielten die Neugier wach. Jahr für Jahr konnte man neue geringfügige Verbesserungen melden ... Schon wagte man sich mit ersten Empfangsgeräten in die Ausstellungshallen.

Doch das technische Wettrennen nach dem erstrebten Ziel endete schließlich trotz eines gewaltigen Aufwandes an Geist und Geld in einer aussichtslosen Sackgasse.

Mit elektromechanischen Mitteln, das wurde allmählich auch den letzten Optimisten klar, war die erforderliche hohe Auflösungsgüte und Stabilität der Geräte nicht zu schaffen...

Also das Aus fürs Fersnsehen ?

Nein, aber wir alle waren mit Blindheit geschlagen, denn das rettende Instrument lag schon seit Jahrzehnten verstaubt - und nur selten zur Darstellung eines theoretisch zwar interessanten, aber praktisch belanglosen Effektes herausgeholt - im Instrumentarium einiger gut ausgestatteter physikalischer Institute: ein gläsernes Monstrum.

Die Röhre von Professor Ferdinand Braun

Sein Erfinder hatte es zwar >Lichtschreiber< genannt, dabei aber nicht im entferntesten an eine praktische Verwendung seines Demonstrationsgerätes gedacht.

Was war denn das für eine Apparatur? - Ein langes, luftleer gepumptes Glasrohr, in dem ein mit sehr hoher Spannung erzeugter unsichtbarer Kathodenstrahl auf eine kleine, mit Phosphor belegte Scheibe geschossen wurde und dort einen hellen Leuchtfleck erzeugte. Einen Leuchtfleck, den man auf dem Schirm mit zwei Magnetspulen hin- und her- und auf- und abbewegen konnte.

Ihr Erfinder war der Physiker Ferdinand Braun. Er hatte darüber schon 1897 ausführlich berichtet. Den Nobelpreis hatte er 1908 für seine wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet der drahtlosen Telegraphie gemeinsam mit dem italienischen Physiker Marconi erhalten. 1918 war er als Internierungsgefangener in New York gestorben.

Die Idee war so naheliegend . . . .

Lag es eigentlich nicht nahe, diesen trägheitslosen, rein elektronisch arbeitenden Lichtschreiber für das Fernsehen einzusetzen und alle Mechanik in den Mülleimer zu werfen?

Dr. Schröter reagierte abwartend

Als der verwegene Gedanke zum erstenmal auftauchte, sprach ich mit Schröter darüber. Er ließ mich ahnen, was er dachte, aber in dieser Situation sich klar auszudrücken war gefährlich: Zuviel Arbeit, zuviel Zeit und zu viele Millionen waren schon von allen Seiten in aussichtslose Entwicklungen gesteckt worden. Man konnte nur gebremst weitermachen und - nebenher so schnell wie möglich auf Elektronik umschalten.

Dr. Banneitz blockte völlig

Ich sprach mit Dr. Banneitz vom Reichspost-Zentralamt darüber; doch er war nicht einmal bereit, wenigstens vorsichtshalber einen Nebenweg in Richtung Elektronik einzuschlagen.

Die Lage wurde von Woche zu Woche kritischer. Banneitz, der preußische Beamte, blieb unbeweglich. Ich mußte ihm also öffentlich vorwerfen, weitere Gelder zu vergeuden, und bezeichnete alle seine mechanischen Hilfsmittel als >Bildmühlen<. Das Wort schlug böse ein und zeigte bald überall Wirkung ...

1923 vervolkommnete Wladimir Zworykin das Iconoscope

Inzwischen hatte der in Amerika lebende russische Physiker Wladimir Zworykin 1923 sein elektronisches, auf dem Prinzip der Braunschen Röhre basierendes Ikonoskop (Iconoscope) erfunden und im Lauf der Jahre zu einem idealen Fernsehauge entwickelt. Die erste Vorführung im Jahre 1932 wirkte sensationell. Damit waren alle Bildmühlen auf der Sender- und Empfängerseite endgültig aus dem Feld geschlagen.

  • Anmerkung : Das Grundprinzip des elektronischen "Bildfängers" stammte sowohl von Dieckman und Hell in Deutschland wie auch von dem jungen Amerikaner Philo Farnsworth aus 1927. Zworkin war also nicht der Erste.

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Die ersten elektronischen Fernsehmpfänger

Die ersten serienmäßig hergestellten Empfänger kamen auf den Markt, und die Nazis forderten sofort die Entwicklung eines Volksfernsehers als Gegenstück zum Volksempfänger. Er sollte nicht mehr als 600 Mark kosten, und jeder sollte damit >unsern über alles geliebten Führer< nicht nur hören, sondern auch sehen können.

Telefunken hatte inzwischen die ersten Bildröhren mit rechteckigem Bildschirm in dem international genormten Seitenverhältnis 3:4 auf den Markt gebracht, und zwar in drei Größen.

1939 - gerade mal 50 Volksfernseher wurden gebaut

Der Volksfernseher wurde vorgestellt, aber nicht gebaut; es gab für die Nazis nun Wichtigeres: Sie brauchten ihren Krieg ... Man hatte mit den genormten hundertachtzig Zeilen schon eine vorher nicht für möglich gehaltene Bildqualität erreicht, wußte aber, daß das nur eine Zwischenlösung sein konnte. >Mehr Zeilen!< hieß die Parole.

Es war dann doch eine Frage der Bildqualität

Im September 1938 ging man auf 441 Zeilen, doch Professor Schröter forderte als Ziel in einem aufsehenerregenden Aufsatz das 1250-Zeilen-Bild, weil nur damit die Qualität des Kinobildes erreicht werden könne - und er wies auch den Weg zu diesem Ziel. Doch der Raum im >unendlichen< Äthermeer wurde von Tag zu Tag enger; zu eng, um ein so breites Fernsehband aufnehmen zu können. Hier lag das einzige Hindernis.

Der junge Ardenne setze es in die Tat um

In Deutschland führte der Physiker Manfred von Ardenne schon bald seine ersten rein elektronisch arbeitenden, wenn auch noch mit vielen Kinderkrankheiten behafteten Versuchsgeräte vor. Die Bildmühlen blies kein Wind mehr an. Nur einige wenige wanderten als Zeugen menschlicher Irrungen in die Museen.

Und dann kamen die Nazis mit Hitler

1933 bemächtigten sich die Nazis des Rundfunks und des Fernsehens. Sie erkannten sofort in beiden Medien eine großartige Möglichkeit zur Volksbeeinflussung und förderten sie auf jede Weise. 1934 schuf man die erste Norm; hundertachtzig Zeilen und fünfundzwanzig Bilder je Sekunde. Mit dieser Technik startete man auch die mit Riesenpomp eröffneten Olympischen Spiele 1936.

1936 - Fernsehen bei den Olympischen Spielen

Ich habe mit einem selbstgebauten, ständig im Umbau befindlichen Empfänger, an dem immer wieder eine neue Schaltung, ein neues Teil, eine neue Bildröhre erprobt wurden, die drahtlos übertragenen Olympischen Spiele in meinem Haus gesehen und war begeistert.

Paul Nipkow wurde zu seinem 75. Geburtstag der Doktortitel verliehen und der erste Fernsehsender nach ihm benannt.

Es konnte nur mit der Kurzwellentechnik funktionieren

Aber auf welchen Wellen - so fragte man sich damals - sollte man die Fernsehbilder denn überhaupt ausstrahlen ...?

  • »Natürlich auf der Langwelle!« sagten die einen. Doch man konnte ihnen leicht vorrechnen, daß man auf Langwellen nur ein ganz primitives Bildchen hätte verbreiten können.
  • Dann eben auf Mittelwelle! - Auch sie hätten nur ein viel zu zeilenarmes Bild weitertragen können. Praktische Versuche bewiesen, was die Theorie längst bewiesen hatte.
  • Doch da kamen die Kurzwellentechniker. Ja, auf Kurzwellen würde man genügend Bildpunkte senden können - wenn diese Wellen nicht so schrecklich unstabil und unzuverlässig, d. h. wetterabhängig gewesen wären. Sie brachten durch den ständigen Wellenschwund unerträgliche Schwankungen und Verzerrungen des Bildes.

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UKW - die quasi-optische Wellen

Fritz Schröter hatte klar erkannt, daß man ein brauchbares Fernsehen nur auf den technisch bis dahin noch gar nicht erforschten ultrakurzen Wellen übertragen konnte. Er nannte sie quasi-optische Wellen, weil sie nicht der Erdkrümmung folgen, sondern sich - wie das Licht - geradlinig ausbreiten. Die Sendeantennen müßten also auf besonderen Türmen so hoch angebracht werden, daß ihre Wellen gewissermaßen von oben herab in die Straßen und Häuser der Städte eindringen konnten.

Für UKW brauchte man Leistung

Doch die nötigen Senderöhren für 20.000 Watt gab es überhaupt noch nicht.

»Wir schaffen in diesem Wellenbereich heute mit knapper Not ein Zehntel Watt«, sagte Schröter damals.
»Also müssen diese Sender schnellstens entwickelt werden!« sagte ich. Schröter nickte vielsagend, und ich wußte Bescheid...

Es war eine harte Nuß, die es da, so ganz nebenher, zu knacken gab - aber es gelang, und sie wurde später, zunächst im Rundfunk, zu einem der großartigsten Geschenke an die Menschheit: die Ultrakurzwelle.

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