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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 40
Tauber singt mit Tauber im Duett

Der Singing Fool hatte nicht nur die Filmleute vor neue Aufgaben und neue Möglichkeiten gestellt, jetzt witterten auch die Sänger und Sängerinnen bisher für unmöglich gehaltene Chancen.

Unter ihnen vor allem der Schwarm aller Operettenfreunde und Schallplattenfans: Richard Tauber.

Meine Begegnung mit Richard Tauber

Ich begegnete ihm zum erstenmal in der ILLUS-Etage im Gespräch mit Dr. Wüsten. Wüsten winkte mich heran: »Das ist der Erfinder der künstlichen Stimmen!« stellte er mich vor. »Sie fragten doch kürzlich nach ihm.«

Das ist der Erfinder der künstlichen Stimmen!

Tauber mit dem ewigen Monokel: »Ich habe Ihren Roman gelesen. Kolossal interessantes Thema! Glauben Sie im Ernst, daß so was eines Tages möglich ist?«

»Eines fernen Tages bestimmt. Man wird sie dann aber wohl kaum so zeichnen, wie das die emsigen Japaner in meinem Roman tun, das heißt mit derselben Zackenschrift, in der der Ton beim Tonfilm aufgezeichnet wird. Ich sehe da ganz andere, rein elektronische Möglichkeiten.«

»Unglaublich! - Ich brauche also noch nicht vor dieser Konkurrenz zu zittern«, sagte Tauber lachend.
»Im Gegenteil. Sie könnten sich selber einen zweiten Tauber schaffen und mit ihm im Duett singen.«
»Was? Ist das Ihr Ernst?« warf Wüsten ein. »Sie sagen das so - so, daß man es fast glauben könnte.«

»Um was geht's?«

»Um was geht's?« fragte Tauber. »Mir ist das zu hoch!«
»Wenn Ihre Aufnahmetechniker mitspielen, könnten Sie ohne weiteres eine Platte auf den Markt bringen, auf der Tauber mit Tauber im Duett singt.«
»Ihr neuester Roman?« lachte Tauber.
Doch Wüsten blieb ernsthaft: »Jetzt bitte keinen Quatsch. Wie denken Sie sich das?«
»Herr Tauber singt zunächst die Tenorstimme, und die Techniker nehmen sie auf Band. Dann singt er die Baritonstimme, und auch die wird auf Band genommen. Die Tontechniker mischen beide Stimmen und schneiden damit die Platte. - Das ist alles.«
»... fauler Zauber, mit dem Sie uns auf die Schippe nehmen wollen«, meinte Wüsten.

  • Anmerkung : Hier hat Eduard Rhein sich bei der Chronologie etwas vertan. Um 1929 hatte noch niemend eine Idee, was das mit demmagnetband ales mal werden solte. Das mit dem Magnetband (auf Papier) anstelle des Stahldrahtes hatte Pfleumer erst 1939 ausprobiert.

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Dann also Tauber mit Tauber im Duett

Tauber sagte zunächst nichts. Dann nach einer Pause: »Es gibt da ein Liedchen nach einem Text von Heine: >Ich wollt, meine Lieb ergösse sich all in ein einzig Wort<«, summte er. »Da könnte ich tatsächlich beide Stimmen... Wissen Sie«, er wandte sich an Dr. Wüsten, »an der Idee könnte was dran sein; die Techniker blenden ja manchmal auch noch irgendeinen Musikschnörkel mit ein... Ich glaube, ich werde tatsächlich mal mit unserm Tonmeister über die Idee sprechen. Aber da ich Sie gerade erwischt habe: Könnte die verrückte Sache mit dem Tonfilm eines Tages tatsächlich für Sänger interessant werden?«
»Das wird sie bestimmt, sobald die Physiker und Techniker es geschafft haben.«

  • Anmerkung : Das mit dem Lichttonfilm kam deutlich früher als 1935 das Magnetton-Bandgerät der AEG.


Tauber sah eine Weile stumm vor sich hin.
»Und wann, denken Sie?«
»Das wird wohl noch ein paar Jahre dauern - aber inzwischen lassen Sie doch einmal Tauber mit Tauber Duett singen!«
»Das werde ich, wenn unser Tonmeister mitmacht.«
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Die einzige Tauber-plus-Tauber-Platte

Dabei blieb es - aber nur für ein paar Monate. Dann erschien die erste und einzige Tauber-plus-Tauber-Platte auf dem Markt: Tauber singt mit Tauber Duett.

Er sang:
>Ich wollt, meine Lieb ergösse sich< und >Rauschendes Silber, klingende Welle, nimmt mich mit dir<. Technisch vollendete Aufnahmen.

Tauber war entzückt. Er schickte mir die erste Pressung mit einer überschwenglichen Widmung und dem Zusatz: »Ich habe Meister Lehar von Ihrer Idee erzählt. Er ist gerade hier. Er wird mir vielleicht das Gedicht >Über allen Gipfeln ist Ruh< von Goethe für eine solche Platte komponieren.«

Richard Tauber solte die Hauptrolle spielen

Franz Lehar stieg in Berlin immer im Eden ab. Einer meiner Freunde, der damals besonders geschätzte Notentitelzeichner Willy Herzig, wollte ihm eines Tages den Entwurf zum >Zarewitsch< vorlegen. Wir gingen zusammen hin. Die Operette sollte zwei Tage später in Berlin ihre Erstaufführung erleben. Hauptrolle Richard Tauber.
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Die "Lustige Witwe" mit Fritzi Massary

Wenige Tage später würde dann Eric Charell im Großen Schauspielhaus eine besonders effektvolle Neuinszenierung der >Lustigen Witwe< starten. Und zwar - o Wunder! - mit der inzwischen fünfzigjährigen Fritzi Massary in der Titelrolle, mit der sie schon zwanzig Jahre früher rauschende Erfolge gefeiert hatte.

Es war nicht leicht gewesen, sie zu diesem Wagnis zu bewegen, obwohl sie als >Lustige Witwe< in Berlin schon einmal Begeisterungsstürme entfesselt hatte. Daß es ein Wagnis war, wußte keiner besser als sie.

Sie hatte nicht nur eine extrem hohe Gage, sondern darüber hinaus auch ein neues, eigens für sie zu komponierendes Lied verlangt.

Eine Glosse : auf den schlanken Leib geschrieben

Das Wiederauftreten des ehemals so gefeierten Stars war in der Presse mit Erstaunen und einigen mehr oder weniger zarten Hinweisen auf ihr >ehr- und verehrungswürdiges Alter< registriert worden. Die etwas verwegene Bemerkung eines naseweisen Journalisten, Lehar hätte ihr das gewünschte Lied, in seligen Jugenderinnerungen schwelgend, spontan auf den immer noch erstaunlich ranken und schlanken Leib geschrieben, veranlaßte einen der meistgefürchteten Berliner Karikaturisten, sich Lehar bei dieser aufregenden Tätigkeit vorzustellen ...

Im Gegenteil, Lehar war begeistert

Lehar war von Herzigs Zarewitsch-Gemälde begeistert - wahrscheinlich, weil Herzig seinen russischen Helden mehr schlecht als recht einem Foto des damals sinnenbetörenden Rudolfo Valentino nachempfunden hatte.

Mein Freund mißnutzte Lehars Begeisterung zu der taktlosen Bitte, der Meister möge uns doch einmal sein von aller Welt mit Hochspannung erwartetes neues Massary-Lied vorspielen. Lehars sprichwörtliche Gutmütigkeit enttäuschte uns nicht. Er setzte sich an den Flügel, spielte sein neues Meisterwerk und sangsprach dazu den vielversprechenden Text:

  • »Ich hol dir vom Himmel das Blau, wenn du's verlangst, geliebte Frau ...«


Wir applaudierten voll Begeisterung, und Lehar verehrte jedem von uns sein Foto samt Widmung.

Wie war noch der werte Name?

Mir schrieb er unter sein Bild: »Meinem lieben Freunde ...« Er zögerte eine Sekunde: »Wie war noch der werte Name?« und entließ uns mit einem langen, zärtlichen Blick auf seinen Zarewitsch Rudolfe Valentino.

Ich sagte zum Abschied, die Synthese von Text und Musik sei bei diesem Lied vorbildlich gelungen - es würde bestimmt ein rauschender Erfolg.

Als wir auf der Budapester Straße standen, fragte Herzig, was ich mit dem Ausdruck Synthese gemeint hätte, das Lied sei doch ein urechter Lehar.

Ich antwortete, das Wort Synthese bedeute Verbindung, denn die Melodie stamme aus Lehars längst vergilbter Operette >Libellentanz<. 1922 hätte der schmachtende Tenor dazu allerdings den weniger vielversprechenden Text singen müssen:
»Komm sei heut mein Liebchen, sei nett, Sagt der Apach' zu Gigolett!«
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Keiner kannte den "Libellentanz"

Mit dem neuen, mustergültigen Text hatte Lehar also nicht nur das Blaue vom Himmel geholt, sondern auch... geschwindelt. »

Hoffentlich merkt die Massary das nicht noch in letzter Minute!« Nein, sie merkte es nicht, keiner merkte es, denn die in Italien uraufgeführte Operette war über Italiens Grenzen nicht hinausgedrungen. Es wurde genau der Erfolg, den sich die Massary gewünscht hatte.

Zwei Tage später sang Tauber den Zarewitsch. Dafür hatte Lehar natürlich ein neues Tauber-Lied geschrieben:

»Willst du, willst du,
folg dem holden Zauber,
Willst du, willst du,
Täubchen, komm zum Tauber!«

Aber weiß der Täuberich oder der Kuckuck, weshalb die Leute zu der Melodie gleich >Kuckuck, Kuckuck< sangen ... Lehar hatte zu den Worten >Willst du, willst du?<, vielleicht ohne es zu wollen, die Tonfolge des Kuckuckrufs gewählt. Dieses Tauber-Lied fiel durcher als durch.

Vielleicht ist das auch der Grund, daß die Operettentheater das Lied meist durch das Lied aus der Operette >Eva< ersetzen: »War es auch nichts als ein Traum vom Glück...«

Kuckuck!
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