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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

(Kopie 1)

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Kapitel 26
Mein erster Fortsetzungsroman

Eines Tages meldete sich die SENDUNG, eine Programmzeitschrift von hohem Niveau. Auflage eine halbe Million. Sie erschien in demselben Verlag, der auch die modernen Zeitschriften FORM und FILMTECHNIK herausgab.

Der Chefredakteur Nairz fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, für seine Zeitschrift eine große Aufsatzreihe über die gesamte Entwicklung der Funktechnik bis zum Rundfunk zu schreiben. Er dächte an etwa fünfundzwanzig Fortsetzungen zu je zwei bis drei Druckseiten.

Eine verlockende Aufgabe - und ein verlockendes Honorarangebot. Ich sagte zu.

Die Serie hieß >Im Bannkreis der Ätherwellen<.

Als die ersten Folgen erschienen waren, bot mir der Sender die Mitarbeit an der Sendereihe >Berliner Betriebe< an; eine der ersten Live-Sendungen, bei der der Reporter mit dem Mikrophon in der Hand durch den Betrieb ging, um in Gesprächen mit den Arbeitern ein akustisches Bild zu vermitteln.

Ehe ich mich's versah, war ich schon dem Rundfunk verfallen. Dabei wollte ich doch meinen Roman schreiben!
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Was war nun mit dem Roman ? "vertagt"

Nun, schon lange geisterte der Plan, einen spannenden Fortsetzungsroman zu schreiben, durch meinen Kopf. Endlich wollte ich damit anfangen - doch die SENDUNG hatte schon wieder einen guten Auftrag für mich: >Die Erfindung und Entwicklung des Tonfilms <.

Eine neue Aufgabe, die ich nicht ablehnen konnte.

Die Anfragen häuften sich

Und dann meldeten sich andere Funkzeitschriften ... Ich mußte ablehnen.
Kaum war die neue Aufsatzfolge abgeschlossen, bat mich die SENDUNG um ein paar Beiträge über die allgemeine technische Entwicklung im Senderbau. Dann über Tendenzen im Bau zeitgemäßer Rundfunkempfänger. Alles sehr gut honorierte Aufträge, und so gab es kaum einen Tag, an dem ich nicht >nebenamtlich < für die SENDUNG beschäftigt gewesen wäre.

Der erste Farbfilm

Inzwischen kam der erste Farbfilm aus Amerika: >Cilly<. Man hatte versucht, ihn aus zwei Farben zu zaubern: einem hellen Blau und einem seltsamen Rotbraun, er ließ infolgedessen noch viel zu wünschen übrig, wurde aber trotzdem als Vorbote einer kommenden Entwicklung freundlich aufgenommen.

Die letzte Serie

Mein neuer Auftrag hieß also: >Die Entwicklung des farbigen Kinofilms<. Diese Serie schrieb ich noch, dann sperrte ich mich:
»Jetzt schreibe ich erst meinen geplanten Roman!«

Titel: DAS MECHANISCHE HIRN. Ein technisch-phantastischer Roman mit einem Roboter als Hauptfigur.
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Der Titel "DAS MECHANISCHE HIRN"

Und die Story fing so an:

»Die Nachtausgabe ...!«
»Acht-Uhr-Abendblatt...!«
»Funk-Stunde heute neu ...!«

Heiser überschreien die Zeitungsverkäufer das Geklingel der Straßenbahnen und das schrille Hupen der Autos, die vom Bahnhof Zoo kommend an der Ecke der Gedächtniskirche Signal geben.

»Die Vossische ...«
»Die Nacht-Ausgabe ...«
»Acht-Uhr-Abendblatt...«

Die Lichtreklamen des Gloria-Palastes und des Capitols zucken blau, rot und violett in den Nebel und spiegeln sich auf dem feuchten Asphalt. Fußgänger drängen sich vor den erleuchteten Schaufenstern in der Tauentzien. Und aus den finsteren Toreingängen wispert es:
»Zigarren? Zigaretten?«

Neben dem dampfenden Wurstkessel an der Ecke stehen zwei Chauffeure, die Hände in den Manteltaschen:

»Also, wenn ick dir sage - die neue Reflexschaltung, wo mir der Emil...«
»Warme Würstchen gefällig?«
»Du, Fritze, kiek mal da ruff!«
»Die Nacht-Ausgabe ...«
»Sone Reflexschaltung sage ick dir...«
»Nu halt man bloß die Klappe mit den ollen Rundfunk!«

Er starrt angestrengt nach oben.

»Aussehen tut det Ding da wie een Ballong ... So im Dustern ieber die Dächer, orjenell!«
»Du bist ooch orjenell. Wat kiekste denn dauernd da ruff?«
»Na Mensch, siehste denn noch immer nischt?«

Der andere hebt ärgerlich den Kopf:

»Ick seh ja schon. So wat Jroßet...«

Eine helle Frauenstimme dicht neben ihm:

»Schau nur, Leo, ein Reklameballon!«
»Das ist ein Freiballon, mein Kind. Eben sah man ganz deutlich den Korb.
Da - jetzt treibt er weiter!«

»Ein Ballon!«
»Ein Freiballon!«

Schon staut sich eine Schar Neugieriger auf den Bürgersteigen. Alle Köpfe recken sich nach oben. Hundert Stimmen schwirren durcheinander.

»Über dem Gloria-Palast, ein Freiballon!«
»Nee, so wat, mitten in der Nacht!«

Die Menge wird immer aufgeregter. Auch vor den Kinos und dem Romanischen Cafe steht sie schwarz und gestikulierend.

»Wo ist er denn jetzt?«
»Drängeln Se doch nich so, oller Dussel!«
»Au, mein Fuß!«
»So passen Sie doch auf, meine Dame!«

Zwei junge Russinnen zwängen sich, ohne der Proteste zu achten, in die vorderste Reihe.

»Eine Unglück passiert, ja?«

Bereitwillig klärt ein geschminkter Jüngling sie auf.
Ein unheimlich runder Koloß, in der Dunkelheit nur schwer zu erkennen, kriecht vom Nordwesten her auf die Gedächtniskirche zu. - Unvermittelt, gespensterhaft fast, steht er plötzlich in dem farbigen Wechsel der Lichtreklamen. Der untere Teil der Hülle hängt in welken Falten... Der Korb - noch auf dem Dach des Gloria-Palastes schleifend, scheint leer zu sein ...
Da wird der Ballon, von einem jähen Windstoß ergriffen, gegen die Türme der Gedächtniskirche geworfen ...
Ein mehrstimmiger Schrei des Entsetzens. Für den Bruchteil einer Sekunde das Krachen des Korbes, dann das Klirren der elektrischen Leitungsdrähte - ein langer tiefblauer Funke und ein dumpfes Aufschlagen auf der Straße ...

Die Kriminalhandlung beginnt...

Fast sieben Monate an der "Nebenbei-Arbeit"

Ich bleibe ohne Unterbrechung fast sieben Monate an der Arbeit - der Nebenbei-Arbeit, wohlgemerkt; im Verband gibt es um diese Zeit besonders viel zu tun.

Endlich ist es soweit. Ich nehme mein blitzsauber getipptes Manuskript und gehe damit zu der größten Rundfunkzeitschrift Berlins, der FUNKSTUNDE, Potsdamer Straße.

Der Chefredakteur Scharnke begrüßt mich kurz und koppelt mich gleich an seinen Romanredakteur Dr. Ewald Wüsten. Wüsten ist ein etwa vierzigjähriger geschliffener Journalist.

Erstaunen.

»Mensch, ich denke, Sie schreiben nur technischen Kram!«
»Das ist auch technischer Kram; ein utopischer Krimi.«
»Originelle Mischung. Aber Ihr Pech: Hier liegt schon seit zwei Wochen der neue Dominik. >Der Unsichtbare<.«

Aus. Mir fällt das Herz in die Hose. Gegen einen Dominik habe ich keine Chance.
»Aber in meinem Roman spielt eine durch Funkwellen gesteuerte, denkende und sprechende Puppe die Hauptrolle! Ein Roboter. Lesen Sie ihn doch wenigstens mal an!«

Wüsten verspricht es. Vielleicht nur, um mich loszuwerden. Ich habe wenig Hoffnung ...

Zwei Tage warten

Zwei Tage später ruft er an: »Kommen Sie mal rein, vielleicht ...«
Mehr höre ich nicht, ich bin schon unterwegs.

Wüsten lachend: »Ihr verdammter Schmöker hat mich eine Nacht gekostet - was für ein Honorar haben Sie sich denn vorgestellt?«

Oho, soweit sind wir schon!

Ich wußte, was Dominik für so einen Vorabdruck bekam, und sagte mit dem unverschämtesten Lächeln: »6000 Mark.«

Ewald Wüsten grinsend: »Bleib auf dem Teppich, mein Freund!«

Hans Dominik, zwanzig Jahre älter als ich, war damals ein mit Recht hochangesehener Schriftsteller. Spezialgebiet Zukunftsromane. Angesichts dieser Situation waren meine Chancen so gut wie Null.

Keine 6.000 Mark, nur 3.000 waren drin

Ich mit treusanftem Blick zu Wüsten: »Ich muß ja nun auch mal ran an die Rampe. Also, was kann ich kriegen?«

»Der Roman ist spannend und geschickt gemacht, aber - wenn ich Scharnke Ihre Forderung vorschlage, schmeißt der uns beide raus. Ich möchte es mit der Hälfte riskieren. Dann könnten Sie schon als nächster kommen.«

»Nur dreitausend für ein Jahr Arbeit, da setze ich ja Geld zu!«
»Mann, denken Sie an die Buchausgaben!«
Wüsten ist ein feiner Kerl; er hat recht.
»Also, Ihnen zuliebe!«
Tags darauf kann ich mir den Vertrag und 3000 Mark abholen ...

Es hatte geklappt - ich war überall dabei

Die FUNKSTUNDE war eine stolze Wochenzeitschrift im Format der BERLINER ILLUSTRIRTEN. Den Roman kündigte sie groß an. Mich auf der Titelseite. Er lief monatelang.
Und dann druckte ihn der SÜDFUNK nach. Wieder groß aufgemacht. Die ganze Titelseite.
Und ein Brief von dem sehr rührigen Berliner Eden-Verlag. Er wolle die Buchausgabe bringen und die Nachdruckrechte auch anderen Zeitungen anbieten. Soll er.

Die Buchausgabe des Romans läuft prima. Das Thema war hochaktuell. Jetzt nur nicht durchdrehen! Schön auf dem Teppich bleiben!

In der SENDUNG und beim FUNK hatte man mich lange vermißt. Nun starrten sie mich alle entgeistert an: »Sie haben den Roman geschrieben? Toll. Aber jetzt müssen Sie wieder für uns ran!«

Eine Honorargarantie von 1400 Mark pro Monat

Die SENDUNG hatte schon einen großen Plan. »Wir bieten Ihnen eine Honorargarantie von 1400 Mark pro Monat und bewerten dabei jeden Beitrag - gleich welcher Länge
- mit 200 Mark.«
Ein sehr nobler Vorschlag.

Der gutmütige Maier im Verband schüttelte verwundert und anerkennend den Kopf. »Ihnen habe ich schon allerlei zugetraut, aber daß Sie einen Roman schreiben würden - und gleich mit solchem Erfolg...«

Er fand das aber gut und richtig und ermutigte mich weiterzumachen. »Ich sehe ja doch schon, daß Sie uns eines Tages davonlaufen!«

Und Ludwig Kapeller im FUNK?

Er selber hatte ein Jahr vorher in der FUNKSTUNDE einen Roman veröffentlicht und war aufs höchste überrascht, daß ich nun auch ... Seine zehn Jahre ältere Frau wurde direkt giftig.

Daß der Roman Aufsehen erregt hatte, merkte ich daran, daß Wüsten eines Tages sagte: »Ihr Roman ist gut angekommen. Für Ihren nächsten zahlen wir Ihnen mehr - aber Sie müssen ihn uns zuerst anbieten.«

1928 - Ich soll Chefredakteur werden

Mitten in meine Hochstimmung schlägt schon wenige Monate später die Nachricht, daß der Chefredakteur der "SENDUNG" plötzlich gestorben ist.

In der Redaktion sitzt ein älterer, seriöser Redakteur, der wohl die Nachfolge antreten wird, Herr Breuer, doch dann kommt die Redaktion zu dem höchst überraschenden Ergebnis, daß ich der neue Chef werden müßte; Breuer fühlt sich zu alt und möchte sich gar nicht erst bewerben.

»Was? Ich mit achtundzwanzig Jahren? Das ist mir zu riskant. Wenn ich da versage, hängt mir das ein Leben lang an.«
»Reckendorf ist sehr großzügig. Ihr Vorgänger hatte 10.000 Mark Gehalt!«
»Ich habe keinen Vorgänger. Ich bleibe beim Verband.«

Das wollten sie aber nicht. Ich sollte mich schleunigst bewerben
- und für den Anfang 7000 Mark fordern, das ginge bestimmt glatt.

Nein! Ich habe mir zwar immer viel, zuweilen sogar ein bißchen zuviel zugetraut, aber das ... Man läßt nicht nach. Und so schreibe ich an Reckendorf kurz und sachlich, ich würde mich freuen, wenn er mir die Chefredaktion anvertraute. Meine vielen Arbeiten aus der SENDUNG seien ihm ja sicher bekannt. Aber keine Gehaltsforderungen.

Die Redaktion atmete auf.
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Nach 3 Wochen - die Absage

Eine Woche vergeht, eine zweite, eine dritte ...

Da, eines Tages unglückliche Gesichter. Ein Brief vom Verleger. Alle wissen, was drinsteht.
Zwei nackte Zeilen einer Direktionssekretärin:
»Herr Reckendorf läßt Ihnen sagen, daß er die Chefredaktion in andere Hände gelegt hat.«
Ich werde weiß vor Wut. Behandelt man so einen bewährten Mitarbeiter?
Und wer wird's nun?
»Herr Reckendorf meinte, eigentlich sei nur Heinrich Hertz selber würdig, diese ...«
»Also wer?«
»Hans Dominik.«
»... den ich gerade bei der FUNKSTUNDE abgehängt habe? Ihr Reckendorf hat nicht nur schlechte Manieren, er ist auch bescheuert; sagen Sie ihm das. Mich seid ihr los!«
Traurige Gesichter.
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Ein Anruf von Ludwig Kapeller

»Aber Sie werden doch nicht...«
»Und ob ich werde!« - Lange Verlegenheitspause. »Ihr wart alle so nett zu mir. - Danke - und tschüs!«
Ich war durchgefallen. Während ich am Mittagstisch vor Wut keinen Bissen herunterkriegte, kam ein Anruf von Kapeller.
»Wollen Sie mich nicht mal besuchen? - Ich möchte mich mit Ihnen über Ihre Mitarbeit unterhalten.«
»Und wo, bitte?«
»Im Ullstein-Haus.«
Das konnte nur ein Hörfehler sein.
»Wo, bitte?«
»In der Kochstraße.«
»Und wo da?«
»Fragen Sie nur beim Portier nach mir.«
Kapeller bei Ullstein? Ob der schon was von meinem Desaster gehört hat? Die Presseleute unter sich... ein Lauffeuer ist nichts dagegen.
»Ich bin in einer halben Stunde da!«

Kapitel 27
Ullstein und ich - Kapeller ruft mich

Hurra, ein Ruf ins Ullstein-Haus! Weshalb nicht gleich ins Ministerium? Ullstein, das ist doch Glanz und Gloria! Ullstein-Redakteur zu sein, das ist die höchste Stufe, die man erreichen kann!

Ullstein - was da nicht alles erscheint: Dutzende von Zeitungen, Zeitschriften, Magazinen, Büchern, Heften ... Ullstein!

TEMPO gelesen - dabeigewesen! Sei sparsam Brigitte, nimm ULLSTEIN-SCHNITTE!... BZ AM MITTAG... MORGENPOST... MONTAGSPOST... DIE GRÜNE POST... DIE VOSSISCHE ZEITUNG... DIE DAME... DER QUERSCHNITT... DER HEITERE FRIDOLIN... und was nicht noch. Aber keine Rundfunkzeitschrift.

Ich mußte ganz tief Luft holen - und dann rannte ich los.
»Wo finde ich Herrn Kapeller?«

Und Ihre Gehaltswünsche?

Er saß in einem noblen Zimmer mit altmodisch facettierten Kristallglasscheiben und grünem Türvorhang. Daß das ein ehrfurchtgebietendes Statussymbol war, erfuhr ich erst viel später.
Kapeller sagte, das Haus wolle eine Rundfunkzeitung machen und ob ich Lust hätte, als Redakteur... So was von Frage! Ich sollte einer jener Halbgötter werden, die jeder bewunderte und alle Kollegen beneideten? Ich wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen.
»Und Ihre Gehaltswünsche?«
Jetzt wurde es schwierig. Ich sagte: »Nicht mehr, als ich im letzten Jahr der Steuer verraten habe: 1600 Mark.«
»Edi, das ist wahnsinnig viel Geld!«
»Ja, aber ehrlich verdient! Fast ausnahmslos bei der SENDUNG.«

Freundlicher Empfang - aber wenig Gehalt

Kapeller schickte mich in den ersten Stock zum zuständigen Verlagsdirektor R. A. Müller. Freundlicher Empfang. Aber: Mehr als 350 Mark Gehalt zahlen wir nicht für Jungredakteure, das ist die Kategorie. Und davon könnte er, auch in meinem Fall...

Jungredakteur, gewiß, aber ich war doch ein genialer Romanautor. Und ich hatte doch schon ein Buch für den Verein Deutscher Ingenieure geschrieben.

Und ich hatte schon viereinhalb Jahre im Zentralverband der Deutschen Elektrotechnischen Industrie unter Reichsminister von Raumer als Referent ruhmreich zum Besten der Industrie ...

Ich, im Schubkasten einer >Kategorie<?

Da kam mir ein Gedanke: »Aber was ich neben meiner Redaktionstätigkeit für Zeitungen des Hauses schreibe, bekomme ich doch bezahlt?«
»Selbstverständlich! Sie bekommen jede Zeile bezahlt.«
»Ach so! Wenn das selbstverständlich ist, müßte ich aber die höchsten Zeilen-Honorare bekommen.«
»Da Sie einer von den raren Spezialisten sind - in Gottes Namen.«
Das war geschafft.

Ullstein wollte eine Rundfunkzeitschrift machen

Der Verlag wollte also eine Rundfunkzeitschrift herausbringen. Nein: Kapeller hatte von einer Rundfunkzeitung gesprochen. Was hatte man sich wohl darunter vorgestellt? Er verriet mir's.

Auf der riesigen Maschine, die auf zartgrünem Papier eines der ertragreichsten Objekte des Hauses druckte, DIE GRÜNE POST, war Kapazität frei geworden, weil die Auflage nach dem Tode ihres Schöpfers und ersten Chefredakteurs beängstigend abrutschte. Die neue Rundfunkzeitung sollte die Lücke füllen. Also ein Lückenbüßer...

Eine Wochenzeitschrift, die man täglich wohl ein dutzendmal in die Hand nimmt, auf schmuddeligem Zeitungspapier? Das kauft doch keiner. Und überhaupt - eine Zeitung?

Dann eben auf rosa getöntem Papier

»Wir müssen uns den technischen Gegebenheiten anpassen. Aber vielleicht tröstet es Sie, daß wir rosa getöntes Papier bekommen.«

Es tröstete mich nicht im geringsten.

»Außerdem kommt es auf den Inhalt an - und den machen wir!«
»Wie soll das Kind denn heißen?«
Kapeller warf sich in die Brust - und mir voll Stolz den Titel hin: »Sieben Tage.«

Nicht ullsteinisch genug

»Wirkt ein bißchen stumpf, finden Sie nicht? Nicht ullsteinisch genug. Da muß uns doch was Besseres einfallen.«
»Was Besseres? Dahinter steckt eine grandiose Idee!«
Er nahm eine GRÜNE POST, legte einmal vier und einmal drei Bogen ineinander und sagte: »Das ist die neuartige Idee: Jeder Tag
hat seine Programmzeitung für sich!«
Er schrieb auf den ersten Bogen groß >Sonntag<, auf den zweiten >Montag< und so fort.

Ich lief auf Konfrontationskurs

»Das wäre also beispielsweise der Sonntag. Erste Seite Text und Bilder zum Programm, zweite und dritte Seite ein riesengroßes Inlandsprogramm, vierte Seite, obere Hälfte Roman, Technik usw. Darunter die Auslandsprogramme. Ist der Sonntag vorbei, schmeißt man den Bogen weg. - Na, ist das eine Idee?«
»Ja, eine Schnapsidee!«

Kapeller war wie vor den Kopf geschlagen. Ich aber legte los. Ich sagte ihm alles, was schon auf den ersten Blick dagegen sprach, und das war sehr viel.

Es ist eine Idee von Herrn Direktor Müller - basta

Er hörte sich alles geduldig an - zum Teil schmunzelnd - und sagte dann:
»Das ist eine Idee von Herrn Direktor Müller, und wir haben daraus das Beste zu machen!«
»Ja, wenn das sooo ist!«

Das Kapitel war damit abgeschlossen. Ich konnte anfangen. Das heißt, nachdem mein Vertrag mit dem Zentralverband in freundlichem gegenseitigem Einverständnis gelöst worden war.
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Im Ullstein-Haus gabs fast nur Primadonnen

Wer nun glaubt, ich, das junge Genie, sei im Ullstein-Haus als arrivierter Journalist, g'studierter Physiker und Romanschriftsteller gebührend empfangen worden, kennt das Haus nicht. Es bestand nur aus prima Primadonnen.

Das bekam ich schon zu spüren, als ich den Fahrstuhl in der großen Empfangshalle betreten wollte. Der lange Portier winkte mit dem Daumen über die Schulter zu der breiten Marmortreppe und sagte: »Nehm Se die, det is für Ihre jungen Beene jesünder!«

Mein Zimmer - ein riesiges dunkles Loch

Mein Arbeitszimmer war ein riesiges dunkles Loch. Die aus grauer Vorzeit stammende Linkrusta-Tapete hing von den Wänden, und durch das große Eisenfenster mit den kleinen Scheiben blickte man auf einen himmelhohen, ewig finsteren Schacht, in den nie ein Sonnenstrahl fiel, dafür aber alle paar Stunden einer von den vermodernden Verputzfladen.

Es war so dunkel, daß ich nur dann ein kleines Stück von dem geliebten Berliner Himmel sehen konnte, wenn ich mich halb aus dem Fenster lehnte und den Kopf so weit drehte, bis ich die Genickstarre bekam.

Eine alte Ullstein-Wahrheit: Wer hier was kann . . .

Als Kapeller mich in mein Zimmer führte, war nicht nur ich den Tränen nahe. Doch er kannte eine alte Ullstein-Wahrheit: Wer hier was kann und was tut, der macht schneller Karriere als sonstwo.

»Eddi, sei sicher - in dem Stall bleibst du nicht lange!«

Er behielt recht. Drei Monate später hatte ich ein piekfeines, sonnenhelles Zimmer zur Charlottenstraße hin, wenig später ein Sekretariat, dann einen Laboranten und eine Sekretärin speziell für die technischen Leseranfragen. Später sogar zwei.
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