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Ein Artikel aus einem Buch von 1984

Aus dem Buch

Eine Frankfurter Kino-Chronik 1984

haben wir einige Artikel, die direkt mit unseren Themen in Verbindung stehen, ausgewählt.
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Kino-Theater in Frankfurt (Manfred Herz)

Früher war alles viel schöner. Da gab's noch Kinos. (Und man war 30 Jahre jünger.) Ein richtiges Kino gab's zum Beispiel zwischen Hauptwache und Freßgass', in der Biebergasse und nach dieser skurril »Bieberbau« genannt.

Es hatte als eines von wenigen im Stadtzentrum den Krieg überstanden und fiel erst dem Wiederaufbau zum Opfer.

Der »Bieberbau«

In dem charakteristisch dekorierten schmalen Raum, auch in den Pausen nur gedämpft beleuchtet, konnte man sich schon nach wenigen Besuchen ein bißchen heimisch fühlen.

Er hatte einen Rang, also eine Etage über dem hinteren Teil des Saals - ein Stück Kinoarchitektur, das in den fünfziger Jahren in Frankfurt noch die Regel war und heute fast wegrationalisiert worden ist; eines der letzten Rang-Relikte: im alten Kinokasten der »Harmonie«.

Der »Bieberbau« hatte einen "Rang"

An den Rang im »Bieberbau«, im Kinochen im Kino, erinnere ich mich noch genau. Da waren nicht mehr als 30, 40 Sitze, und wenn der Film schlecht besucht war, saßen nur ein paar Leute oben (vor allem Paar-Leute).

Man saß hoch über der Menge und doch akustischatmosphärisch mit ihr verbunden. (Als ich eine Zeitlang in größeren Menschenansammlungen unter Beklemmungen litt, waren diese Ränge die einzige Möglichkeit für mich, ins Kino zu gehen.)

Frankfurts Filmtempel

So wie den »Bieberbau« gab's in Frankfurt vor 25 Jahren eine ganze Anzahl von Filmtempeln mit spezifischem Gesicht, von den proletarisch-saalartigen »Blumen-Lichtspielen« in Alt-Bornheim bis zum bemüht modern-schönen »Luxor« am Hauptbahnhof; »Lichtburg«, der Name eines heute noch existierenden (koitierenden) kleinen Kinos in der Kaiserstraße, scheint mir für dieses Eigenwillige kennzeichnend.

Und wenn ich heute an einen der Filme denke, die ich damals sah, fällt mir immer auch das Kino ein, in dem ich dabei saß; während ich da bei Filmen, die ich in den letzten Jahren in einem standardisiert schnuckligen Neokino sah, trotz der kürzeren Rückblickzeit große Schwierigkeiten habe.
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Wenn der FIlm unscharf oder milchig war

Es sei denn, der Ärger fungiert als Erinnerungshilfe: der Verdruß über oben und unten abgeschnittene, obendrein milchig-unscharfe Filmbilder, eine Folge u.a. von blödsinnigen Vergrößerungen schmaler Bilder auf die volle Leinwandbreite - statt in Kauf zu nehmen, daß das Bild eben nicht die ganze Fläche füllt.

(Darum werde ich bei Brasches »Domino« auch nie das »Berger 177«/kleiner Saal vergessen: Da gab es ein Glas Sekt für jeden Besucher gratis. Und da war ich so naiv zunächst anzunehmen, das sei als eine Art Entschuldigung gemeint für den Totalverschnitt dieses schönen Films. Aber es sollte ein Jubiläumsglas sein zum einjährigen Bestehen.)
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Fast überall schimmer der Samt- oder Plüschvorhang

In den Kinos von früher war vor der Leinwand ein Samt- oder Plüschvorhang, in satter Farbe schimmernd, der sich vor Reklame, Wochenschau, »Kulturfilm« und Hauptfilm jeweils öffnete und wieder schloß, wobei bei jeder Öffnung ein süß schmelzender Gongton (vor dem Hauptfilm war es dann gar ein Dreiklang: ding-dong-dang...) ins sachte Verlöschen des Lichts hinein erklang.

Ein Stück Kino-Theater, das heute genauso komisch wirken würde, wie man's damals genoß; nicht zuletzt die Veralltäglichung des Filmanguckens durchs Fernsehen hat den alten Kinozauber obsolet gemacht, auch spottet seiner wohl ein Element der heutigen Filme selbst.

Dazu die Film-Heftchen

Ein klarer Verlust hingegen ist das Verschwinden einer anderen vieljährig bestehenden Einrichtung, nämlich des Verkaufs von Programmen für den jeweiligen Film.

Das waren vier- oder sechsseitige illustrierte Blättchen für erst 10, später 20 Pfennig, mit Inhaltsangabe, Bildern, Schauspielernamen usw. So banal sie meist waren, die aufgehobenen Programme helfen mir heute, längst versunkene Filmerlebnisse heraufzuholen. (In der DDR gibt's diese Filmblätter übrigens noch, und sie sind wohl nicht mal schlecht.)
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Die Menschen, ein Teil der Kinoatmosphäre

Nicht zu vergessen die Menschen, die einen wichtigen Teil der Kinoatmosphäre bildeten: Auf jeder Seite des Stuhlsesselraums, links und rechts, war mindestens eine Frau mit Programmverkauf und Einweisung in die preisstufengemäßen Reihen beschäftigt, eine durch die heute vorherrschenden Einheitspreise teilweise überflüssig gemachte Tätigkeit.

Manchen dieser Platzanweiserinnen - von denen gelegentlich originelle Filmkommentare zu hören waren - begegnete man über die Jahre hinweg im gleichen Haus; an einige der meist freundlichen älteren Frauen erinnere ich mich noch lebhaft.
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Film-Paläste sind heute Möbellager . . . .

In mein kleines Wehmutslied über die alten »richtigen« Kinos fließt ganz sicher ein bißchen Trauer ein über unwiderruflich vergangene (und lange nur halb - nämlich oft nur im Kino - gelebte) Jünglingsjahre.

Aber ist es nicht auch verdammt trist, heute an Möbellagern vorbeizugehen, in denen man einst, im »Film-Palast«, den neusten Humphrey-Bogart-Streifen, oder durch eine Straßenbegradigung, in der man, vor mehr als einem Vierteljahrhundert und im »Bieberbau«, »O Cangaceiro« gesehen hat?! (Um hinterher mit Franz Humpert darüber zu rechten, ob eine härteverklärende Tendenz den Film faschistoid mache oder nicht - was sind wir da inzwischen undogmatisch wie abgebrüht.)

Filme, die die Phantasie anregten

Womit ich bei den Filmen bin und womit ich einen Punkt machen möchte. »Wegen Überlänge« der da hochkommenden Gedanken, aber auch deren subjektiver Eingeschränktheit.

Nur noch dies: Die schönsten Filme waren die, die einem den Phantasie-Schubs gaben, nach Filmende in »Bieberbau«, »Dornbusch-Kino« oder »Lupe I« auch die Realität ein bißchen für Kino zu nehmen.

Beziehungsweise beim Hinausgehen das schräg vor einem gesessen habende irre interessante Mädchen mit einem Statement über den »gemeinsam« gesehenen Film zu überraschen; was fast immer zu einem harten Erwachen in der gänzlich unfilmischen Wirklichkeit führte (damals, weiß Gott, noch kleinbürgerlich-abgeschotteter als heute).

Oder, ganz selten, immerhin, zu angestrengten Gesprächen über Film und Mensch, einem langweiligen Abend also. Oder, ganz, ganz selten, zu einem nicht langweiligen Abend.

Noch zwei Randbemerkungen (aus 1984)

Zwei Randbemerkungen doch noch zu den Filmen selbst. Da gab es, etwa Mitte der 19fünfziger Jahre, eine kleine Serie lateinamerikanischer Schnulzenfilme - schwer denkbar, daß so was heute in normale Kinos käme, von den Studios zu schweigen - , in denen eine Ninon Sevilla spielte, sang und Rumba tanzte.

Und das so konzentriert lasziv, daß ich in Erinnerung daran alles inzwischen enthüllte Kinofleisch mühelos vergessen kann.

Außerdem trauere ich einem Filmtitel »Stella« nach, einem griechischen. Wohl einer der ersten Filme der Mercouri; sie spielt darin eine Sirtaki-Nachtlokaltänzerin, die von ihrem Liebhaber, einem durchgedrehten enttäuschten Männchen, ermordet wird.

Die Liebesszenen dieses Films waren so gut, daß sich ein großer Teil des Publikums nur noch in höhnisches Gelächter retten konnte. (Was heute vielleicht ein wenig anders wäre; obwohl ich da bei einer Generation, die über »Unsere Leichen leben noch« jubelt, mir nicht so sicher bin.)

Wenn »Alexis Sorbas« zum 7000. Mal wiederaufgeführt werden wird, werde ich auf eine »Stella«-Reprise weiter lange warten müssen.

Noch was Nostalgisch-Konstruktives: Wie wär's, wenn eines der Frankfurter Buchantiquariate eine kleine (oder große) Filmecke einrichtete, mit alten Filmbüchern, -Programmen, -bildern?

Als eine Art Verkaufs-Pendant zum künftigen Filmmuseum. (Wie wär's, Herr Jungantiquar Ewald in der Freßgass' ?!)

Manfred Herz - 1984

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