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Die Informationen über den Nachkriegs- UFA-Konzern waren damals sehr schlecht recherchierbar.

Es gab noch kein Internet, Telefonieren war sehr teuer und viele hatten ihre Geheimnisse mit ins Grab genommen. Die Berliner Archive waren zu einem Teil  nach Schloß Varenholz (Landkeis Lippe) gerettet worden, zum anderen Teil großteils verbrannt und es gab "vielerlei Interessen", so manche Tatsache zu versteckeln oder für immer zu löschen. Und das, obwohl das Kriegsende bereits 15 Jahre zurück lag. Denn je länger "man" aus dem Nichtwissen Kapital schlagen konnte, um so besser.

Die UFA hatte ja vor und in der gesamten Kriegszeit überall Grundsstücke (ganz extrem preiswert von den "umgesiedelten" Mitbürgern jüdischen Glaubens) erworben, die "man" irgendwie - vor allem "billig" hatte haben können, wenn man wußte, wo und wie. Später nach dem Krieg nannte man das ganz klar und deutlich "Enteignung".

Eine Aufzählung im Spiegel 1959 ist sehr vage gehalten.

Da werden "Gesellschaften" beziehungsweise "Abteilungen" in einen Topf geworfen. Das war natürlich historisch nicht korrekt bzw. viel zu einfach, aber damals populistisch interessant. In der Aufstellung steht dann folgendes :

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21.01.1959 - DER UFA-KONZERN

- gemeint ist offensichtlich der aktuelle Konzern von 1959.

Die "UFA" umfaßt insgesamt 17 Gesellschaften, die durch Organverträge oder die gemeinsame Verwaltungsspitze miteinander verbunden sind. (Heute spricht man von wirtschaftlichen Organschaften bzw. verbunden oder verflochtenen Unternehmungen.)

Die wichtigsten Gesellschaften beziehungsweise Abteilungen sind 1959:
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Briefköpfe der Tochter-Firmen
Universum-Film-AG-Abt-UFA-Handel
UFA-Montage-Duesseldorf
UFA-Montage-und-Fortbildung
UFA-Theater-Aktiengesellschaft
UFA-Handel-Frankfurt
  • Die Produktionsgesellschaft "Universum-Film AG" in Berlin-Tempelhof, die in Berlin über sieben Aufnahmehallen (einschließlich des für zwei Millionen Mark errichteten Musikateliers) verfügt. In diesen Ateliers können jährlich 25 Spielfilme hergestellt werden, rund ein Viertel des gesamten deutschen Filmangebots.

  • Zum Berliner Ufa-Komplex gehört ferner ein Kopierwerk, dessen jährliche Kapazität ausreicht, die Kopien aller deutschen Schwarz-Weiß- und Farbfilme zu ziehen.

  • Drei weitere Produktionsgesellschaften ("Terra-Filmkunst GmbH", "Ufa-Filmkunst GmbH", "Berlin-Film GmbH") und eine eigene Werbefilm-Abteilung ("Ufa-Werbefilm"), die außer Industrie-Werbefilmen auch Fernseh-Kurzfilme für das regionale Werbefernsehen herstellt.

  • Die "Ufa-Filmverleih GmbH". Diese Tochtergesellschaft der "Universum-Film AG" ist mit einem jährlichen Spielfilm-Angebot von 25 Filmen die größte Verleihgesellschaft des Bundesgebietes. Sie besitzt außerdem eine eigene Export-Organisation, die bereits in Amsterdam eine ihr zur Hälfte gehörende Vertriebsgesellschaft für Holland gegründet hat ("Ufa-Filmex NV") und in Madrid eine eigene Filiale unterhält.

  • "Wiener Boheme-Verlag GmbH" und "Ufaton-Verlag GmbH". Diese beiden Gesellschaften werten die Buch- und Musikrechte der Ufa-Filme aus.

  • Zwei kinotechnische Gesellschaften ("Ufa-Montage GmbH", "Ufa-Handelsgesellschaft mbH"), die sich mit der Einrichtung von Ateliers und Filmtheatern befassen.

  • Die "Ufa-Theater AG". Sie umfaßt den größten deutschen Theaterpark, der mit seinen 52 Lichtspieltheatern allein in der Lage wäre, bei gutem Besuch die Herstellungskosten eines Durchschnittsfilms (1 Million Mark) einzuspielen.

  • Die "Ufa-Wochenschau".

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Weiter schreibt der Spiegel:

Die vertikale Gliederung des Konzerns gestattet es der Ufa, die Gewinne und Verluste ihrer einzelnen Gesellschaften beziehungsweise Abteilungen untereinander auszugleichen.

Außerdem ermöglicht die Konzern-Konstruktion
wesentliche Einsparungen an Umsatzsteuer. Während normalerweise von der Herstellung eines Films bis zur Vorführung im Filmtheater viermal Umsatzsteuer gezahlt werden muß (1. vom Atelierbetrieb, 2. vom Kopierwerk, 3. von der Verleihgesellschaft, 4. vom Filmtheater), erspart sich die Ufa die auf die Kopienfertigung und das Verleihgeschäft entfallende Umsatzsteuer.

(Anmerkung : Das war auch damals bereits populistisch falsch. Der jeweilige "Käufer" konnte die bezahlte Umsatzsteuer  - beim Weiterverkauf - gegenrechnen.)

Da der Ufa-Konzern ferner über ein erhebliches Anlagevermögen verfügt
, kann er steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten in beträchtlichem Ausmaße nutzen und sich damit liquide Mittel zur Produktionsfinanzierung verschaffen. Der Gesamtumsatz des Ufa-Konzerns im Jahre 1957 betrug 100 Millionen Mark.

DER SPIEGEL 4/1959
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(Anmerkung : In dem Artikel wurde jedoch nicht aufgeschlüsselt, welche der Tochterfirmen mit Gewinn gearbeitet hatten und welche mit Verlusten und wie das gegeneinander aufgerechnet wurde.)
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Die neu UFA und ihre Filme
"Die Auferstehung" (der UFA)

Einen luxuriösen Aufwand an Zeit und Geld hatte der UFA-Produktionsstab dem Film gewidmet, der am dritten Weihnachtstag im Berliner Gloria-Palast uraufgeführt wurde. Während Dramaturgen und Produktionsplaner normalerweise knapp zwei Monate zur Vorbereitung eines Films benötigen, hatten sich die produktionstechnischen Vorbereitungen im UFA-Haus fast volle sechs Monate dahingeschleppt. Und statt den Schwarz-Weiß-Film, wie es üblich ist, in etwa 30 Drehtagen herunterzukurbeln, bewilligte die UFA ihrer Aufnahmemannschaft 48 Drehtage.

Aber selbst dann nahmen sich die UFA-Fabrikanten noch Muße. Wochenlang schnitzelten sie an ihrem Werk herum, um auch die letzte schnitt-technische Feinheit herauszuholen. Insgesamt verschlang der Film, der nach den Faustregeln der Filmindustrie eigentlich nicht mehr als eine Million Mark hätte kosten dürfen, rund 1,5 Millionen Mark.

Ungewöhnlich wie der Aufwand war auch das Dekorum der Premiere im Berliner Gloria-Palast. Nicht nur der Hauptdarsteller 0. E. Hasse und der Regisseur Alfred Weidenmann hatten sich eingefunden. Im Künstlerzimmer des Theaters erschien auch der Herstellungsgruppenleiter, und selbst den Atelierchef hatte das Ereignis aus seiner Grunewaldvilla herbeigetrieben.

Mit spürbarer Nervosität blickten sie alle der "Welturaufführung" entgegen; denn dieser dritte Film der neuen UFA, der Alfred - Weidenmann - Film "Solange das Herz schlägt" ("ein Film mit Ernst und Verantwortung"), war das ehrgeizigste Film-Unternehmen der neuen Firma mit dem alten Namen: Nach zwei harmlosen Lustspielen mit Familienmilieu ("Ist Mama nicht fabelhaft?", "Stefanie") sollte der ",Problemfilm" endlich den Anschluß an die legendären Erfolge der alten UFA herstellen.

Aus Düsseldorf war Arno Hauke nach Berlin gekommen

Aus Düsseldorf war eigens der Herr des neuen Konzerns herbeigereist, der 37jährige Arno Hauke, um das Ereignis mit seiner Anwesenheit zu schmücken. Er hatte den Honigmond unterbrochen, den er mit seiner zweiten Gattin verbrachte: der Kölner Fernseh-Ansagerin Ingrid Ernest, 25, der er am 24. Dezember erst angetraut worden war (Hauke: "Das ist der einzige Tag im Jahr, an dem ich Zeit habe").

Einen Sektkelch in der Linken, eine Zigarre von Churchill-Format in der Rechten, suchte der Konzernherr die Nervosität seiner "Filmschaffenden" zu beschwichtigen. Schon einige Tage zuvor, als UFA-Verleihchef Thiel ihm fernschriftlich meldete, daß im Vorverkauf 4000 Karten abgesetzt worden waren, hatte Hauke die Meinung verkündet: "Der Film ist 'ne Bombe!"

Die Film-Kritiker waren völlig anderer Meinung

Was allerdings die künstlerischen Ambitionen der neuen UFA-Herren anlangte, so erwies sich der von Hauke als Sprengkörper apostrophierte Film - laut UFA-Ankündigung "ein Film, der durch Thema, Regie und Besetzung den Rang des Außergewöhnlichen in sich trägt" - eher als Blindgänger. Die Kritiker großer Berliner Blätter versagten dem ambitiösen Werk, das die Geschichte eines krebskranken Gymnasialdirektors ausbreitet, ihren Respekt.

"Offenbar noch immer ergriffen von den Marmorklötzen ihrer Vergangenheit", so schrieb der Berliner "Abend", "scheint die UFA wild entschlossen, den Rauhputz des Lebens in ihren Kinostücken auch weiterhin wegzupolieren." Der prominenteste Berliner Kritiker, Friedrich Luft, warf den UFA-Künstlern vor, sie hätten sich, statt die Problemfrage des Films zu beantworten, einfach "in die Büsche der Kintopp-Konvention geschlagen"; und der "Telegraf" entsetzte sich: "Ein UFA-Film, geleckt und gelackt, als habe die Zeit stillgestanden."

Die Zeit aber hat zumindest außerhalb der UFA-Ateliers nicht stillgestanden, und der Konzern wurde von der hochgestochenen Devise, "das Filmtheater wieder zur moralischen Anstalt im Schillerschen Sinne zu machen" (UFA - public - relations - Chef Benzing), ausgerechnet in einer Saison überfallen, die Deutschlands Kinobesitzer mit einem akuten Notstand bedroht.

1959 :
Das Fernsehen kommt - zwar jetzt erst - dafür aber mit Gewalt

Fast zum gleichen Zeitpunkt, da die Bundespost den zweimillionsten Fernsehgeräte-Besitzer registrierte, meldeten nämlich die Theater-Inhaber aus 16 westdeutschen Großstädten, daß der Kinobesuch gegenüber dem Vorjahr im Durchschnitt um neun bis zwölf Prozent gesunken sei. Einige Kinoherren, deren Theater in einem besonders dichten Wald von Fernseh-Antennen liegen, erlebten sogar einen Besucherschwund von 33 bis 35 Prozent. Nur der Erlös aus dem Süßwarenverkauf, dem Abspielen von Werbefilmen und die Erhöhung der Eintrittspreise vermochten viele Lichtspieler vor dem Ruin zu bewahren.

"Die noch nicht vollständigen Statistiken lassen erkennen, daß ein Erdrutsch' vom Kino zum Fernsehen erst in diesem Jahr begonnen hat", meldete die "Frankfurter Allgemeine" vor Monatsfrist. Und der "Industriekurier" schrieb mahnend: "In Filmkreisen wird darauf hingewiesen, daß zur Ermittlung der durch das Fernsehen - wahrscheinlich - den Kinos ferngehaltenen Menschenzahl die Zahl der Geräte mit vier multipliziert werden müsse."

Demnach erreicht die Zahl der Kino-Abstinenzler
an den Abenden, an denen das Fernsehen seine beliebtesten Sendungen ausstrahlt, wie etwa das Kulenkampff-Toto oder die Caterina-Valente-Schau, schon jetzt die 8-Millionen-Ziffer. Das ist immerhin rund ein Sechstel der gesamten Bevölkerung der Bundesrepublik.

Die voreilige Spekulation einiger Krisen-Analytiker, daß die besonders heftige vorweihnachtliche Konsumwelle die Verödung der Kinos gefördert haben könnte, wurde von den Film-Fachzeitschriften selbst ad absurdum geführt. Die "Filmblätter" kommentierten: "Am Geldmangel liegt es nicht, daß die Besucherziffern sich nicht so entwickeln, wie wir alle es uns wünschen."

Eine Statistik, die scheinbar nicht gelogen ist

Das "Fachorgan der deutschen Filmwirtschaft" berechnete die Größenordnungen der Unterhaltungskonkurrenz, zwischen denen der Filmtheater-Besuch mit 800 Millionen Mark im Jahr den zweiten Platz - schon hinter dem Lotto, noch vor dem Fernsehen - einnimmt:
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  • - Eine Milliarde wird jährlich für Lotto und Toto ausgegeben;
  • - auf mindestens 300 Millionen Mark ist der Konsum an Schallplatten gestiegen;
  • - 120 Millionen Mark im Jahr geben die Westberliner und die Bundesbürger für Fernsehgebühren aus;
  • - rund 100 Millionen Mark beträgt der Umsatz für Taschenbücher à la rororo.

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So könnte man Abwanderung zum Fernsehen noch fördern

Und einsichtsvollen Filmleuten blieb die Erkenntnis nicht verschlossen, daß das Überangebot an verbitternd durchschnittlichen Filmen in der gegenwärtigen Spielzeit 1958/59 durchaus geeignet ist, die Abwanderung zum Fernsehen noch zu fördern.

Das Gros der für die jetzige Kinosaison angekündigten 120 deutschen Filmtitel scheint nicht das zu versprechen, was die Gemeinschaftswerbung - der Filmwirtschaft verheißt: "Ein paar schöne Stunden".

Kommentierten die "Filmblätter": "Mehr Filme wie 'Die Brücke am Kwai' oder mehr unfreiwillige Publicity wie für 'Das Mädchen Rosemarie' würden unseren filmischen Anteil am 'Unterhaltungs-Kuchen' erweitern.

Aber ... auch der beste Film verkauft sich nicht von selbst. Geld machen, ohne zu werben; das kann nur die Bundes-Notendruckerei - so hieß es schon bei der alten UFA."

Indes, gerade die Erfahrungen der alten UFA (Hauke: "Die UFA hatte eine Kapitaldecke, da konnte man drauf trampeln") scheinen den Chef der neuen UFA in der Auffassung zu bestärken, daß sein Konzern besser als jede andere kontinental-europäische Filmgroßfirma gerüstet ist, die Auszehrung durch die Fernseh-Epidemie zu überdauern.
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