6 Artikel aus 1966 - von Will Tremper
Er war über Jahre beim Film dabei.
"Erfahrungen in einer verrotteten Industrie"
Will Tremper hatte seit 1948 in der kleinen überschaubaren Filmbranche bereits viel erlebt und bekam 1966 in der Zeitschrift "Die Zeit" die Gelegenheit, virtuell in die über Jahrzehnte gut versteckten Hinterzimmer (und die geheimen Abgründe) der weltweiten Film-Industrie einzublicken und den Lesern und natürlich den Kinobesuchern mal anschaulich darzulegen, daß er in der ganzen Filmwirtschaft nicht die geringste Rolle spielt, außer daß er seine Kinokarte kaufen darf und zu bezahlen hat. Da wir inzwischen mehrere historische Biografien der beteiligten Personen publiziert haben, ist diese sehr kritische und oft schelmische Sicht der Filmwirtschaft realistisch glaubwürdig und ganz ganz dicht an der Wahrheit dran - (darum wurde "Die Zeit" auch verklagt) und die Artikel lesen sich gut. Hinzuzufügen ist, daß der Vater des Redakteurs Gert Redlich bei der UFA über 14 Jahre Kinos gebaut hatte und mitten drin steckte.
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Erfahrungen in einer verrotteten Industrie Teil IV
"Deutschland, deine Sternchen sind schnuppe"
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Artikel 4 vom Sept. 1966 aus "Die ZEIT" Nr. 40/1966 von Will Tremper
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Anmerkung zu dem Begriff "Sternschnuppe":
Beim Filmdreh (am Set) gab es immer jede Menge an hübschen Komparsen weiblicher Natur, sehr ähnlich zu den "Frauleins" auf allen möglichen Messeständen, den Lockvögeln, die nichts weiter als Prospekte austeilen durften und mußten. Jeweils am Abend versuchten dann die männlichen Kollegen oder "Beteiligten" (beim Film), sich diese nur kurzzeitig angeheuerten Lichtblicke an Land zu ziehen, mit dem Spruch : Hallo, genau Du bist die Sternschnuppe meines Lebens - (nur für diese Nacht natürlich). Am Ende kam raus, "Heute bist Du mein Stern und Morgen bist Du mir schnuppe. (und vielleicht sogar schwanger)" Daher kam vermutlich diese Überschrift - geboren in der Filmwirtschaft.
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Beginnen wir mit meinem Film "Playgirl"
Als ich meinen Film "Playgirl" am Vorabend der letzten Berliner Filmfestspiele im ersten Haus am Kurfürsten- damm uraufführte, stand ich ohne die Stars des Unternehmens da.
Paul Hubschmid und Eva Renzi waren in einem anderen Film in London, Harald Leipnitz drehte in Prag, Umberto Orsini in Rom, mir fiel das Herz in die Hose.
Aber Max Knapp, der Chef des durch seine glanzvollen Starpremieren berühmten "Gloria-Palastes" (an der Gedächtniskirche), beruhigte mich: "Wer will denn heute noch Stars auf der Bühne sehen, Mensch. Das ist was für den Gesundbrunnen, aber doch nicht mehr am Kurfürstendamm!"
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Ich war unschlüssig und mußte etwas tun ...
In der Abenddämmerung hatte ich zwei Filmscheinwerfer vor dem Eingang des Kinopalastes aufbauen lassen, und im Nu drängten sich ein paar tausend Leute und behinderten den Verkehr auf dem Kudamm.
Die vorn machten eine Gasse frei und stöhnten verzückt: "Oh! Ah!", als die Smokings und Abendkleider auftauchten, die hinten, die nichts sehen konnten, schrien sich zu: "War das nicht eben der Hubschmid? Nein, das war der Leipnitz! Da, da kommt Willy Brandt! Quatsch, det is' doch Rühmann."
Alle "kiekten" sie mal, nahmen schnell ein Auge voll von dem Rummel mit und .... flanierten weiter; bis heute aber hat mich noch niemand davon überzeugen können, daß einer dieser Neugierigen, weil er das Gespenst von Hubschmid auf dem Trottoir leibhaftig wahrgenommen hatte, sich eine Kinokarte gekauft hätte.
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Ja, "Playgirl" war (m)eine Pleite
Und ich erinnere mich gut an die Pleite, die mein Freund und Gönner Wenzel Lüdecke vor zwölf Jahren schon mal erlebte, als er seinen ersten Film ("Herr über Leben und Tod", nach einem schlechten Zuckmayer) mit dem einstigen 125.000 D-Mark-Star Maria Schell schmückte.
Was ihm damals schon schmerzhaft klar wurde - wie sinnlos es ist, einen Film weitgehend der sogenannten Publikumswirksamkeit eines Stars anzuvertrauen - und ihn veranlaßte, daraufhin "Die Halbstarken" mit weithin unbekannten Leuten, geschäftlich jedoch höchst erfolgreich zu produzieren - ist heute bezeichnenderweise immer noch Gegenstand ernsthafter Debatten in der verrotteten Industrie des deutschen Films.
Einem sogenannten "Star" den Stoff auf den Leib schreiben ...
All die alten Herren, die wie eh und je ihre Plänchen machen, an ungeheuren Projekten herumkurbeln, in deren Mittelpunkt ein sogenannter "Star" steht, dem sie den Stoff, wie sie sagen, "maßgeschneidert" auf den ranken Leib geschwatzt haben, alle diese dollen Filmedreher haben ihre Star-Pleiten mit diesem oder jenem Star-Projekt schon hinter sich - und alle lechzen sie danach, ein neues Wagnis einzugehen, eine Million oder mehr darauf zu setzen, daß auch heute gehen muß, was doch immer in der Geschichte des flimmernden Zelluloids gegangen ist, von Fritsch bis Fischer.
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Aber nichts von "dem alten" geht mehr.
Ein Kinovolk, das längst imstande ist, die Traumwagen sich heute zu leisten und die Traumvillen zu bauen, die früher Privileg der Sterne waren (ich versuche die "Sternchen" aus meinem Artikel herauszuhalten), das reist, wohin zu Albers' Zeiten nur die Millionäre segeln konnten, das neuerdings auch so wohnt wie der Giller und die Tiller, das sich liebt und scheidet genauso leicht wie jeder popelige Hollywoodstar - dieses Kinovolk will fernsehen und nicht Autogrammpostkarten sammeln. Ihm fehlt es heute an Distanz zu jenen Wesen, die einmal Sterne waren.
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Als Franz Beckenbauer ein Filmstar werden wollte
Bald landen wir auf dem Mond - hinter dem die alten Filmproduzenten sitzen - und nach Franz Beckenbauer haschen, dem Fußballtalent des deutschen Pokalsiegers FC Bayern München.
Ihm hat Kurt Ulrich ("Grün ist die Heide"), der sagenumwobene alte Berliner Filmproduzent, die Hans-Albers-Rolle in seiner geplanten Wiederverfilmung von "Sergeant Berry" angeboten, und Ernst Neubach ("Die Fischerin vom Bodensee"), das Münchener Pendant zu Ulrich, kitzelt den Balltreter für sein Krimi-Projekt "Ein Toter fährt Taxi" mit einer Gage, die "auf jeden Fall" eine sechsstellige Summe mit Gewinnbeteiligung sein soll. Ich bin überzeugt, das deutsche Fußballvolk wird die Kinohäuser stürmen.
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Aber im Ernst:
Ob die alten Filmhasen, die noch an ihre Stars glauben, zu einer Zeit, da das Filmseelchen Maria Schell in aller Offenheit ein uneheliches Kind kriegen darf, weil nun halt niemand sie mehr anhimmelt, auch an das Geschäft mit den Stars noch glauben, ist eine andere Sache - zumindest was das Geschäft an der Kinokasse selbst angeht.
Die da mit Fußballern pokern, sind sich so sicher gar nicht, ob das Publikum ihre Ideen auch goutieren wird. Sicher können sie nur sein (und das genügt ihnen allemal), daß soundso viele Kinobesitzer, schwankend zwischen Soraya-Entsetzen und Kilius-Bäumler- Kassenwonnen, einem Film Abspieltermine geben werden, der ihnen das handkolorierte Hochglanzphoto des feschen Beckenbauer Franzl in den Schaukasten bringt. Speziell Kinobesitzer sind auch nur Menschen.
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Filme spielen vor leeren Häusern - das kommt vor
Auch wenn sie vor leeren Häusern spielen sollten, der Verleih wird auf Grund seiner Termine verlangen, daß Beckenbauer läuft, schon um die "sechsstellige Summe" wieder hereinzukriegen, die seine Mimik kosten wird.
"Aber Schlager sing' ich nicht!" hat der Franz, vorsichtshalber, verlauten lassen.
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Ja, das Jungvolk, eine neue Zielgruppe
Es kommt nicht auf das Jungvolk an, das ohnehin am Abend ins Kino flüchtet, wenn die Eltern ihr Fernsehen einschalten. Filme mit einem bißchen Qualität, mit einem Minimum an Sinn, sind geeignet, immer wieder auch jenes Mittelalter zu einem Kinobesuch zu "verführen", das gelegentlich stolz von sich behauptet, schon "jahrelang nicht mehr im Kino" gewesen zu sein.
Die Zahl derer, die nur noch - oder schon wieder - in Filme gehen, die mit einem gewissen Anspruch auftreten und darum von sich reden machen, wächst von Monat zu Monat, auch wenn sie statistisch nicht leicht zu erfassen ist. So schwierige Filme wie "Der junge Törless" beweisen es. Alexander Kluges "Abschied von Gestern" wird es in zwei Wochen beweisen. "Stars" sind dabei die Macher der Filme.
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Und was ist mit Heinz Rühmann?
Doch auch er, "der einzige sichere Star, den wir in Deutschland haben", besteht nur in kongenialen Rollen, in sentimentalen Erinnerungen. Wagt er sich aus seinem engen Fach, macht er Kassenverluste. Genau wie die Helden der Karl-May-Filme, wie Pierre Brice, Lex Barker und Stewart Granger, wenn sie einem anderen Stoff auf die Beine helfen sollen, siehe "Schüsse im Takt" und "Gern hab' ich die Frau'n gekillt".
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Aber die Ausländer ! Und wie machen die das ?
Die großen Hollywood-Stars! Was ist mit Audrey Hepburn? Mit Doris Day? Cary Grant? Und der Loren?
Sie verursachen längst nicht mehr den Taumel, den die Stars in alten Kinozeiten hervorgerufen haben. Sie bedienen einen Markt von 600 Millionen englischsprechenden Zuschauern auf der ganzen Welt und mindestens ebenso viele Satellitenvölker mit Hollywood-Filialen, ihre Namen sind wie Orientierungsbojen und enttäuschen trotzdem bei jedem zweiten Einsatz die (längst nicht mehr so) hochgespannten Erwartungen der Buchhalter in New York.
Die Loren allein trägt keinen Film, da muß schon ein Mann mit einem bekannten Weltnamen dazugespannt werden. Und was wäre Audrey Hepburn oder Deborrah Kerr ohne Cary Grant? Selbst Delikateß-Stars wie Richard Burton & Elisabeth Taylor sind als Zirkusattraktion willkommener. James Bond ist als Titel interessant, aber nicht der Hauptdarsteller Sean Connery, wie Bond in "Casino Royal" beweisen wird.
Die Entwicklung, auch im internationalen, auch im amerikanischen Filmgeschäft, bewegt sich fort von der Primitivkalkulation mit Starnamen. Nur vollzieht sie sich dort langsamer als unter dem bescheiden kleinen deutschen Topfdeckel, unter dem die Produzenten von gestern sich mühen, das alte und ungenießbare Süppchen immer von neuem aufzukochen.
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