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6 Artikel aus 1966 - von Will Tremper
Er war über Jahre beim Film dabei.
"Erfahrungen in einer verrotteten Industrie"

Will Tremper hatte seit 1948 in der kleinen überschaubaren Filmbranche bereits viel erlebt und bekam 1966 in der Zeitschrift "Die Zeit" die Gelegenheit, virtuell in die über Jahrzehnte gut versteckten Hinterzimmer (und die geheimen Abgründe) der weltweiten Film-Industrie einzublicken und den Lesern und natürlich den Kinobesuchern mal anschaulich darzulegen, daß er in der ganzen Filmwirtschaft nicht die geringste Rolle spielt, außer daß er seine Kinokarte kaufen darf und zu bezahlen hat. Da wir inzwischen mehrere historische Biografien der beteiligten Personen publiziert haben, ist diese sehr kritische und oft schelmische Sicht der Filmwirtschaft realistisch glaubwürdig und ganz ganz dicht an der Wahrheit dran - (darum wurde "Die Zeit" auch verklagt) und die Artikel lesen sich gut. Hinzuzufügen ist, daß der Vater des Redakteurs Gert Redlich bei der UFA über 14 Jahre Kinos gebaut hatte und mitten drin steckte.

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Erfahrungen in einer verrotteten Industrie Teil I
"Der Zelluloid-Verkäufer"

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Artikel 1 vom Juli 1966 aus "Die ZEIT" Nr. 30/1966 - von Will Tremper
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So fing es an: Ein kranker alter Mann von beinahe Siebzig .....

Ein kranker alter Mann von beinahe Siebzig, (notwendige Anmerkung : Drehbuchautor Ernst Neubach (1900–1968)) der von sich behauptet, schon 250 Spielfilme - oder 625 Kilometer belichtetes Zelluloid - produziert zu haben, kann, mit Recht, nachts nicht mehr schlafen, steht vor dem Morgengrauen auf, braut sich einen Mokka, schmaucht die erste Zigarette und hustet sich, neben allerlei unansehnlichem Grünen (Auswurf), eine neue Filmidee aus dem schwachen Magen: Das war also die triviale Story ....

Zwölf Schreibmaschinenseiten auf gelbem Papier
, die unbeschreibliche Geschichte von dem Mädchen Anna, das, vom Land kommend, für 150 Mark bei einer feinen Herrschaft in der Großstadt arbeitet, regelmäßig noch 50 Mark ihrer alten kranken Mutter schickt, die in einem Rentner-Barackenheim wohnt, und das beim Fensterputzen ohnmächtig wird, um prompt in den Augen der Gnädigen die besorgte Frage zu lesen: "Du bekommst doch kein Kind, Anna?"
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Schwanger ? ..... Da war doch was .... nach der Kirchweih ....

Die Nacht vor der Abreise fällt dem Mädchen Anna ein, Kirchweih war auf dem Dorf, und der Hansl mußte am nächsten Morgen zur Bundeswehr einrücken: Da ist "es" passiert.

Traurig wandert das gefeuerte Mädchen, den Pappkarton in der Hand, durch die lichterglänzenden Straßen der Großstadt, bis ein Mercedes neben ihr bremst und ein interessant aussehender Herr sie nach dem Weg zum Bahnhof fragt. Er trägt Schweinslederhandschuhe und öffnet den Wagenschlag.

Als sie am nächsten Morgen erwacht, liegen drei neue Hundertmarkscheine neben der Anna auf dem Nachttisch des billigen Pensionszimmers. Nun taucht der schöne Eddy (in gelben Schuhen) auf, die gefährliche, weil schon professionelle Dora gesellt sich dazu, der hintergründige Rechtsanwalt Klipitzky zieht seine Fäden, aber auch ein väterlicher Polizeikommissar schläft nicht und kennt einen unbestechlichen Reporter, der sich des Mädchens Anna annehmen wird.
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Ein Verweis auf den Schauspieler Erich von Stroheim

Leicht fließt dem Greis die Story aus der Remington-Portable, auf der schon Erich von Stroheim seinen Whisky abstellte. (Anmerkung : Die Stroheim Biografie haben wir auch schon eingepflegt.) Um neun ist die Filmidee zu Papier gebracht, ein Titelblatt wird angefertigt, ein Nackedei aus dem Playboy geschnitten und aufgeklebt, ein Stadtplan, rot umzirkelt, dient als Unterlage für den wuchtigen Titel: "Sperrbezirk".
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Und da war noch etwas ... man braucht doch einen Verleih .....

Um zehn kommt ein Faktotum, das bringt die Geschichte in drei Durchschlägen zu den Münchener Verleihern (1) Constantin, (2) Gloria und (3) Ceres, indessen der Dichter sich entkräftet wieder aufs Plumeau gehauen hat.

Um elf klingelt das Telephon: Gloria-Dramaturg Munkel hat's schon gelesen und ist begeistert. Am Nachmittag ruft auch die Constantin an: "Den Film machen wir...!"

Der alte Mann schließt mit Gloria ab, die dreihunderttausend Mark garantiert. Constantin überbietet daraufhin mit vierhunderttausend. Der alte Mann schwankt. Gloria droht mit einem Prozeß - so gehört ihr der Film.
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Es kam jedoch anders : "Sperrbezirk" wird eine Pleite

Das Ding wird gedreht, kommt genau fünf Monate nach der schlaflosen Nacht in vierzig Kopien ä 1.200 Mark auf den Kinomarkt - und wird eine mittlere Pleite.
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Doch jetzt mal zu denen, die daran immer noch verdienen

Obwohl eine Pleite, verdienen alle an dem Unternehmen Beteiligten: der Autor und Produzent (der auf seine alten Tage endlich noch mal in den Vorspann aufgenommen wird ..... "nach einem Roman von Ernst Neubach" - auch wenn's nur zwölf gelbe Schreibmaschinenseiten gewesen sind), der Dummkopf von Regisseur, das war ja ich .... (der das Ganze so komisch fand, daß er sich eine herrliche Persiflage erhofft hatte, womit er aber bei dem kranken alten Mann nicht landen konnte: ergo zeichnet jetzt der Will Tremper für das alles verantwortlich), die Protagonisten (die mit ihrem Regisseur unter einer Decke waren und jetzt mit dummen Gesichtern dastehen), die gleichgültigen Techniker schließlich (die zu ihrem Fernseh-Kleinvieh mal wieder eine fette deutsche Spielfilmgage hinzurechnen können) - und nicht zuletzt verdient auch Ilse Kubaschewskis Gloria-Verleihorganisation an dem "neuen deutschen Spielfilm um Liebe und Laster", denn die Verleihspesen sind vorabzugsfähig und wachsen, einem natürlichen Gesetz konträr zufolge, in dem Maße, in dem das launische Kinopublikum der Theaterkasse "fernbleibt".
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Die Qualität im deutschen Film-Verleihgeschäft ist längst vorbei

Die Zeiten, in denen um geschäftlichen Erfolg gerungen wurde (den Drang nach künstlerischem hat es nie gegeben), sind im deutschen Film-Verleihgeschäft längst vorbei. Wenn selbst Agentenfilme nicht mehr gehen, wenn auch Karl May nur noch ein Drittel bringt von dem, was früher war, dann hört die Mühe um den einzelnen Film fast ganz von selber auf, dann wird nur noch Zelluloid verkauft, belichtetes.

Denn ein Film-Verleih existiert schon, wenn er Ware hat, die Ware muß nicht unbedingt verkäufliche sein. Hauptsache, die Plotten (Gurken) werden gespielt, drei Tage in der Woche, vier übers Wochenende oder sieben, elf und mehr Tage in Erstaufführungen, je nachdem, wie leichtsinnig der Theaterbesitzer beim Unterschreiben der Verträge war.
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De Erpressung der Theaterbesitzer war "usus"

Der Theaterbesitzer muß unterschreiben, befindet er sich doch seit vielen Jahren in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den - wenigen noch verbliebenen - Filmverleihern, ein Verhältnis, das in der modernen Wirtschaft einmalig ist:

Die Ware "Film" wird zu einem Zeitpunkt verkauft (besser gesagt : vermietet), da sie noch gar nicht hergestellt ist, verpackt in einem billigen Hochglanzprospekt, beschrieben in den immer gleichen Klischeeausdrücken eines über die Ware grundsätzlich schlecht informierten Verleih-Werbemannes, so daß der Kinobesitzer, der über die Jahre ohnehin leseblind und taub geworden ist, sich von vornherein nicht über die Besonderheiten der noch herzustellenden Ware informieren kann, sondern nur die Möglichkeit hat, sich vage an Vergleichen mit früheren Erzeugnissen ähnlicher Art zu orientieren.
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Die Verkaufssprüche für die Ware "Film"

"Das ist eine Agentenkiste wie James Bond, - nur viel besser!" sagt etwa der ahnungslose, weil auch nicht mit mehr Information versehene Vertreter des Verleihs zu dem unschlüssigen Kinobesitzer, den die Agenten schon im Schlafe verfolgen.

Oder: "Diese ,Sperrbezirk'-Kiste ist wie ,St. Pauli - Herbertstraße' -nur viel besser, und 'ne Menge nacktes Fleisch, haben wir prima durch die Zensur gezogen!"

Und da der Kinobesitzer weiß, daß "St. Pauli - Herbertstraße" in der vergangenen Saison ein überraschender geschäftlicher Außenseiter des kleinen Ceres-Verleihs war, beeilt er sich, die Ware von Gloria abzuschließen - und der Vertreter bemüht sich, ihm eine möglichst lange Laufzeit aufzuschwatzen (womit offenbar wird, warum der alte Mann in seinen schlaflosen Nächten darauf verfiel, schnell ein Ding wie die Herbertstraße in die Schreibmaschine zu hämmern - und warum die Jungs vom Verleih sofort bereit waren, ein solches Stöffchen zu finanzieren).
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Doch bei den Kinobesitzern gibt es auch eine "Buschtrommel"

Nun geht aber "Sperrbezirk" nur mittelprächtig, und das weiß der letzte kleine Kinobesitzer in der Provinz, der eine längere Laufzeit abgeschlossen hat, schon Stunden nach der Premiere, weil in keinem anderen Geschäftszweig ausführlicher telephoniert wird als unter Kinobesitzern.

Und der letzte kleine Kinobesitzer versucht nun, aus dem Vertrag mit dem Verleih wieder herauszukommen. Der Verleih sagt nein; noch sieht er seine Beteiligung von 300.000 D-Mark nicht wieder "eingespielt".

Erst wenn er sich ausrechnen kann, daß er "aus dem Schneider" kommen wird, ist er bereit, dem Kinobesitzer etwas von den harten Bedingungen zu erlassen - doch keineswegs umsonst. Der arme Kinobesitzer muß dafür eine andere unbekannte Warengröße (wieder eine Trivial-Gurke ?) des Verleihs buchen.

Er tut es prompt und in der Gewißheit, daß der andere Schinken, den eines Tages zu spielen er sich verpflichtet, auch keine Kasse machen wird, denn wenn ein Verleih überhaupt bereit ist, die eine Ware gegen die andere Ware zu tauschen, dann kann es sich nur um eine Ware handeln, bei der ein Verleih noch nicht - siehe oben - "aus dem Schneider" ist, aus guten Gründen.
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So läuft also die Masche der Verleiher mit den Kinobesitzern

So schieben Hunderte von Kinobesitzern Filme vor sich her, die sie abgeschlossen haben und aus reinen Selbsterhaltungsgründen nicht spielen wollen. So sind Hunderte von Kinobesitzern in jeder Saison gezwungen, immer wieder Filme zu mieten, über die sie nichts wissen, vor denen sie Angst haben, denen sie zu entkommen trachten, sobald ein ungünstiges Gerücht über sie zu hören ist.

So sind Hunderte von Kinobesitzern, beispielsweise, seit Jahren dem größten deutschen Verleih Constantin auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, einem Unternehmen des Bertelsmann-Konzerns, das in diesem Jahr nicht weniger als 57 neue Filme in möglichst vielen deutschen Theatern zu möglichst langen Laufzeiten placieren muß.

Aber : Das Verleih-Jahr hat allerdings auch nur 52 Wochen.

Dieser Constantin-Verleih, um den sich, wegen seines Überangebots an deutschen Filmen, in diesem Jahr die ganze Branche dreht, hat sein Programm in A- und B-Hälften aufgeteilt, die hurtig abspielende Kinobesitzer im Block mieten können; auch Viertelchen und Achtelchen werden, abgegeben.

Freilich zittern Theaterbesitzer, die das geschäftliche Ergebnis der ersten Gruppe Constantin-Filme in diesem Verleihjahr gesehen haben, heute schon vor den nächsten Premieren, und es kann durchaus der Fall sein, daß dieses Jahr der Konzentration, dieser selbstlose Versuch des Hauses Bertelsmann, der deutschen Filmwirtschaft durch (bisher in dieser Branche unbekannte) rationelle kaufmännische Methoden auf die Beine zu helfen, mit einem geschäftlichen Desaster unter den Kinobesitzern enden wird.

Denn was dem deutschen Film eigentlich am allerwenigsten gefehlt hat, war ein Computer in Gütersloh, der den in den letzten Jahren beängstigend zunehmenden Trend zum reinen Abspiel nach kaufmännischen Gesichtspunkten in den Kinohäusern nur beschleunigen wird.
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Der Constantin-Verleih ist ein Moloch (in 1966)

Wer das Constantin-Programm betrachtet - und Constantin steht in seiner Auswahl führend da, alle anderen Verleiher versuchen, in kleinerem Maßstab, den Moloch zu kopieren -, muß verzagen, auch und besonders, wenn er hört, daß die Ccnstantin-Chefs sich jetzt vordringlich um den jungen deutschen Film zu bemühen gewillt sind.

Denn die Für-jeden-etwas-Auswahl dieses Bertelsmann-Ablegers erschöpft sich in einem so bodenlosen Nachkopieren ehemaliger Geschäftserfolge, daß selbst Kinobesitzer, die auf den deutschen Film eingeschworen sind, sich nach den Amerikanern umzusehen beginnen.
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Wenn der Constantin-Vertreter vor der Tür steht ..... und klingelt

In der täglichen Abspielpraxis sieht das dann so aus, daß die Constantin-Vertreter, einen dreimal zu faltenden Großprospekt unter dem Arm, nur noch als Vermieter von Zelluloid-Kilometerware vor dem Kinobesitzer erscheinen, unfähig häufig, mehr als im Telegrammstil über die 57 Filme etwas zu sagen, was der arme Kinobesitzer gern wissen möchte.

Verkauft werden Wendlandts Karl-May-Schinken mit dem Original-Winnetou und Wendtlandts Plüschkrimis nach Edgar Wallace, obwohl gerade diese Filmsorte keiner Erwähnung mehr bedürfte, und Kurt Hoffmanns "Lieselotte von der Pfalz" als ein Nachzügler aus der ehemals so erfolgreichen Hoffmann-Serie.

Alles andere kann wahlweise, fünf Stücker Zelluloid aber mindestens!, gebucht werden. Wie man hört, ist Polanskis "Katelbach" ebenfalls ein Muß, weil Constantin seine 650.000 D-Mark-Garantie für diesen Film nur mit Gewaltabspielung durch mindestens dreieinhalbtausend Theater wieder hereinzubekommen "fürchtet".
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Nennen wir es doch : Die Katastrophe des deutschen Films .......

Die Katastrophe des deutschen Films beginnt und endet ebenda, bei der lieblosen, geradezu verächtlich gehandhabten Massenveräußerung einer durchaus individuellen Ware, die wie kein anderes Industrieerzeugnis Einfallsreichtum, Geschmack und persönliche Leidenschaft ihrer Vertreter braucht.

Was sich auf dem Verleih-Sektor tut, wird zum System in der Produktion und zwingt am Ende - das der Anfang sein sollte - Autoren, Regisseure und Original-Winnetous zu einer von Verkaufstechnikern gewünschten Nivellierung, die in der Tat der Anfang vom Ende sein wird.

Die Zeit ist reif für Individualisten, auch unter den Verleihern.

Noch nie waren Kinobesitzer so aufgeschlossen für Außenseiter und Einzelgänger mit Phantasie, für den jungen deutschen Film beispielsweise, der nicht in die Abspielmühle der verrotteten Industrie geraten darf.
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