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6 Artikel aus 1966 - von Will Tremper
Er war über Jahre beim Film dabei.
"Erfahrungen in einer verrotteten Industrie"

Will Tremper hatte seit 1948 in der kleinen überschaubaren Filmbranche bereits viel erlebt und bekam 1966 in der Zeitschrift "Die Zeit" die Gelegenheit, virtuell in die über Jahrzehnte gut versteckten Hinterzimmer (und die geheimen Abgründe) der weltweiten Film-Industrie einzublicken und den Lesern und natürlich den Kinobesuchern mal anschaulich darzulegen, daß er in der ganzen Filmwirtschaft nicht die geringste Rolle spielt, außer daß er seine Kinokarte kaufen darf und zu bezahlen hat. Da wir inzwischen mehrere historische Biografien der beteiligten Personen publiziert haben, ist diese sehr kritische und oft schelmische Sicht der Filmwirtschaft realistisch glaubwürdig und ganz ganz dicht an der Wahrheit dran - (darum wurde "Die Zeit" auch verklagt) und die Artikel lesen sich gut. Hinzuzufügen ist, daß der Vater des Redakteurs Gert Redlich bei der UFA über 14 Jahre Kinos gebaut hatte und mitten drin steckte.

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Erfahrungen in einer verrotteten Industrie III
"Die ATLAS-Krise"

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Artikel 3 vom Sept. 1966 aus "Die ZEIT" Nr. 38/1966 von Will Tremper
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Auch hier das Vorwort der Redaktion der Zeitung "Die Zeit" :

Zum dritten Male geben wir hier Will Tremper das Wort, diesmal zu der Krise, in die der renommierte ATLAS-Verleih geraten ist. Es sind die Schwierigkeiten, die der Firma ATLAS jetzt zu schaffen machen, nicht die üblichen Schwierigkeiten eines üblichen deutschen Verleihs, sondern die eines Unternehmens, das es besser machen wollte.

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Auf Sand gebaut ? - bzw. zu riskant auf Kredit gebaut ....?

Als das Haus fertig war, hier in Duisburg, das Europahaus, das natürlich auch ohne Geld gebaut worden ist, das große Haus, da war es doppelt so teuer geworden als es werden sollte, und wir mußten zusehen, daß es bezahlt wurde, damals vor zehn Jahren (1956), aber mein Vater hat sich, obwohl er schon weit über die Sechzig war, nie ein graues Haar deswegen wachsen lassen, er hat nur gesagt:

Das Geschäft floriert ja, finanzieren kann ich alles, wenn ich weiß, ich hab' morgen Gewinne. Und das ist natürlich auch die unerschütterliche Überzeugung hier, daß man sagt, man kommt aus jeder Krise heraus, wenn man Geld verdient - und wenn man ein gewisses Vertrauen hat. Beides ist da und damit ist also eine Basis da, nicht wahr..."
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Es plaudert Hanns Eckelkamp, Jahrgang 1927, einziger deutscher akademischer Filmverleih-Inhaber

Hanns Eckelkamp, Jahrgang 1927, einziger deutscher Filmverleih-Inhaber mit juristischem Staatsexamen, plaudert über die massive Krise, in die sein Erfolgsunternehmen ATLAS hineingeraten ist.

"Nichts ist gefährlicher als der Mißerfolg. Ich habe gestern hier den ganzen Verein zusammen gehabt und habe meinen Leuten die Frage gestellt, also Kinder, wollen wir nun jetzt das Konzept weiterhin aufrechterhalten, die Fahne hochhalten, die Ambition um den besseren Film - oder gibt es sachliche und persönliche Gründe, das nicht zu tun?

Wir haben gesagt, erstens hat es gar keinen Sinn, wenn wir heute anfangen, Wallace zu bringen, Schnulzen zu bringen, Heimatfilme, Musikfilme, also alles das, das mal erfolgreich war, oder Sittenfilme zu bringen - das können wir einfach nicht, diese Art Filme gehen bei uns auch nicht. Wenn wir heute die ,Baroneß' kaufen und machen das Nackedeifilmehen davor und bringen das Ding ins Kino, dann macht das Ding nicht anderthalb Millionen Umsatz bei uns, sondern nur fünfhunderttausend Mark. Dafür hat kein Mensch bei uns im Haus ein Gefühl, die Firma hat das Konzept dafür nicht, die Firma hat die Leute dafür nicht ..."
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Wenn das letzte Großmütterchen sich in Krämpfen windet .....

Die Firma, die nicht kann, was sämtliche großen deutschen Filmverleih- Unternehmen immerzu gekonnt haben, wenn es darum ging, den Publikumsgeschmack mit Süßspeisen solange zu verderben, bis auch das letzte Großmütterchen im letzten deutschen Provinznest sich in Krämpfen wandte, ist nicht, wie die anderen alle, in der "heimlichen Hauptstadt" an der Isar zu Hause, sondern in Duisburg am Rhein, dort, hier fließt der schmutzigste deutsche Schicksalsstrom.

Und da sie im Augenblick in einer schweren finanziellen Krise steckt, wird deutlich, daß es sich bei der Firma ATLAS um mehr handelt als eben um noch eine Krise irgendeiner x-beliebigen Filmfirma.
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Der "Sammelplatz für das Bessere" steckt in einer Krise

Mit ATLAS in Duisburg steckt das einzige erfolgreiche, das einzige nennenswerte Experiment in der Krise, das bisher in Nachkriegsdeutschland unternommen wurde, um das Angebot von Filmen - nicht nur von deutschen - zu verbessern.

Es ist der einzige Versuch, in einer "verrotteten Industrie" so etwas wie einen Sammelplatz für das Bessere zu schaffen, künstlerische Maßstäbe für die Auswahl von Spielfilmen anzulegen, in der der Begriff Kunst bisher nur Hohngelächter hervorgerufen hat, und zum erstenmal nach modernen marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten ein Verleih-Unternehmen aufzuziehen, das imstande ist, dem Film von Qualität einen ihm zukommenden Anteil am Markt zu sichern.
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Haben wir einen Fehler im Konzept oder ......?

"Ist da ein Fehler im Konzept?" fragt sich Eckelkamp. "Oder haben wir nur Pech gehabt? Ist das eine Krise, die uns ein Jahr zu früh erwischt hat - im Zeitpunkt der beginnenden Konsolidierung des Filmgeschäfts, aber noch so, daß sie uns im vollen Engagement der Expansion getroffen hat? Oder ist das ein Fehler im System? Haben wir uns übernommen? Sind wir größenwahnsinnig geworden?"
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ATLAS startete vor 6 Jahren im November 1960

Als ATLAS im November 1960 startete, lag ein ungewöhnlich fruchtbares Betätigungsfeld vor dem jungen Eckelkamp. Sein Vater, ein Getreidehändler, der in der Inflation ein Vermögen und im Zweiten Weltkrieg in Münster ein zweites verloren hatte, wollte dem Junior durch das Jurastudium eine eigene Existenz sichern, doch es ergab sich, daß der junge Eckelkamp mit neunzehn Jahren schon Theaterleiter im "Gertrudenhof" in Münster wurde, dem ersten in einer Kette von sechs Lichtspielhäusern, die von der Familie zwischen 1946 und 1958 in Münster und später in Duisburg erworben werden konnten.

Hier saß Jung-Eckelkamp genau an der Nahtstelle späterer Filmkrisen, nämlich an der Kinokasse, von der aus er Gelegenheit hatte, die unmöglichen Praktiken der Filmverleiher alten Stils gründlich zu studieren.
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Die unmöglichen Praktiken der Filmverleiher alten Stils

"Als mir darum 1960 eine Beteiligung an dem Western-Klassiker ,Zwölf Uhr Mittag' angeboten wurde, griff ich unter einer Bedingung zu: Ich wollte den Film reklamemäßig selbst ausstatten dürfen! Ich beschaffte ihm zuerst einmal ein Prädikat, nachdem ich eine Neusynchronisation durchgesetzt hatte, und ließ die besten Grafiker Plakate entwerfen. ,High Noon' wurde außerdem aus den action-Häusern herausgenommen, die ihn bis dahin runtergenudelt hatten, und kam zum Neustart in Studio-Kinos - er wurde noch einmal ein Riesengeschäft!"

Eckelkamp wandte sich an die Presse und die Öffentlichkeit und bat um Unterstützung. Die ersten Kommentare zu dem neuen Unternehmen, das in Deutschland nie gespielte anspruchsvolle Filme aus dem Ausland einführen wollte, das Retrospektiven von Filmklassikern in Kinos durchsetzen wollte, die bisher in nicht zu überbietender Eintönigkeit ihrem Publikum vorgesetzt
hatten, was die Verleiher eben anboten, klangen nicht sehr ermutigend.

"Als ob wir nicht lieber auch bessere Filme spielen würden, als das Publikum sie haben will!" höhnte die Branche.
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Hier aber lag - und liegt - der Hund begraben ....

Hier aber lag - und liegt - der Hund begraben, denn schnell stellte sich heraus, daß es dem jungen ATLAS-Team sehr wohl gelang, Filme in die Kinos zu bringen, die bis dahin von den eingesessenen Verleihern nicht an den Mann gebracht werden konnten.

Eine gewisse intellektuelle Fähigkeit, ein (vor allem junges) Publikum zu interessieren, ging den alten Verleihern offensichtlich ab, während Eckelkamp es nicht allzu schwer hatte, die alten Zöpfe in der Verleiherpraxis abzuschneiden und die gutwilligen, nach Abwechslung lechzenden Kinobesitzer auf seine Seite zu bringen.
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Im April 1962 gings dann los ........

Im April 1962 führte ATLAS die jungen Filmemacher Alexander Kluge ("Abschied von Gestern"), Hans Rolf Strobel (der an seinem ersten Spielfilm "Ehescheidung" arbeitet) und Haro Senft (der seinen Erstling "Der sanfte Lauf" soeben fertigstellt) zu einem Round-Table-Gespräch mit fünf führenden Filmtheaterbesitzern in der Bundesrepublik in Frankfurt zusammen, wobei die Kinobesitzer versprachen, den deutschen Film "neuen Stils" zu unterstützen und die jungen Filmemacher feststellten, daß es offenbar eine reelle Chance gebe in dem Bemühen, einen neuartigen "Publikumsfilm von Anspruch" zu schaffen.

Diese mittlerweile bereits historische Zusammenkunft, von ATLAS arrangiert, sollte nicht vergessen werden, und zwar gerade jetzt nicht, da es so aussieht, als ob die jungen deutschen Filmleute, den Blick starr auf die Realisierung ihrer Pläne gerichtet, von der augenblicklichen ATLAS-Misere so verschreckt sind, daß sie Anschluß bei den anderen (alten) Verleihern suchen, gleichgültig gegenüber der Überlegung, ob diese alten Verleiher überhaupt in der Lage sind, ihre Filme zu verstehen.
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Im Frühjahr 1962 - Gründung einer CCC-Kunstfilmproduktion

"Atze" Brauner, einer der gewandtesten Nachahmer in der Branche, gab denn auch prompt im selben Frühjahr 1962 die Gründung einer CCC-Kunstfilmproduktion bekannt, nicht mehr und nicht weniger, mit deren Hilfe er rechtzeitig den Anschluß an den (noch ungeborenen) neuen deutschen Film zu finden hoffte.

Das Drehbuch für seinen ersten Kunstfilm schrieb er selbst, das Ergebnis war auf den Filmfestspielen 1963 in Berlin zu besichtigen; nie hat es unflätigere Kritiken über einen Film gegeben. (Anmerkung : War es der Brauner-Film »Mensch und Bestie" ?)
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Erfolgsrezept :
Neuaufführung von Klassikern der Filmgeschichte

ATLAS verdoppelte seine Anstrengungen und gab den Jahresumsatz - auch ein Novum in der Filmbranche - für 1963 mit 5.381.000 DM an.

Vom ersten Tag an erwies sich die Neuaufführung von Klassikern der Filmgeschichte als am erfolgreichsten. Eine neue Art von Verleihprogramm erschien im Sommer 1963 unter dem Markenzeichen "ATLAS-retro", ein
Versuch, die gesamte Geschichte des Films in geschlossenen Reihen im Laufe der nächsten Jahre in die Filmtheater zu bringen.

In den Großstädten war die Aufnahme dieses Programms, wie erwartet, gut, doch ungewöhnlich gut erwies es sich in kleineren und kleinsten Städten, ein Beweis für die Eckelkampsche These, daß gerade unter den jüngeren Filmbesuchern in der Provinz ein großer Bildungshunger vorhanden war.

Schulen, Volkshochschulen und Kulturämter unterstützten diese ATLAS-Reihe.
Aus dem Jahresbericht sei weiter zitiert: "Die neue deutsche Produktion war 1963 nur mit Trempers ,Die Endlose Nacht' vertreten. Dieser Film fand keine Aufnahme. Wirtschaftliche Verluste konnten durch Zuwendungen des Bundesfilmpreises ausgeglichen werden."
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Halali für die Edgar Wallace- und Karl May-Tatütatas

Unter der Hand geschah etwas in Bundesdeutschland, das erst in diesen Tagen in den Köpfen der "verrotteten Industrie" begriffen wurde:

Die Aktivität von ATLAS, das stete Geschrei nach dem "besseren Film", fing an, ihre Früchte zu tragen. ATLAS hatte sich nie geniert, einen Haufen Geld in die Eigenwerbung hineinzustecken, mit dem Ergebnis, daß heute der ATLAS-Rhombus, das kleine "a", wie in Umfragen ermittelt werden konnte, dem Bundesbürger so bekannt ist wie das alte UFA-Zeichen; eine andere Filmfirma kennt der Deutsche nicht.

Und mit ATLAS hob sich, wie durch ein Wunder, das Gesamtbild - das Image - der deutschen Filmindustrie. Und die Filmverleiher in Deutschland, und die Theaterbesitzer, so es ihnen noch gutgeht (Anmerkung : Der Niedergang begann 1956 und wir sind hier in 1966), fürchten heute nichts mehr, als daß es ATLAS an den Kragen gehen könnte.

Denn das Filmgeschäft beginnt sich zu konsolidieren, sich nach "den grausamsten Niederungen der Krise" in den vergangenen drei Jahren wieder zu heben - und jedermann bemerkbar geworden ist die Tatsache, daß es sich mit guten Filmen hebt, daß die Wallace- und May- Tatütatas an der Kasse immer schwächer notiert werden, auch wenn ihre Produzenten sich noch einmal aufraffen und Geld wie nie zuvor in die letzten Streifen dieser Art investieren.
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Den Geschmack am Film erst wieder lebendig machen

ATLAS, man mag im einzelnen zu den Hervorbringungen dieser Firma stehen wie man will, hat den Geschmack am Film erst wieder lebendig gemacht.

(Womit das Verdienst der kleinen Kunstverleiher wie Kirchner und Heiner Braun nicht geschmälert werden soll, unbestreitbar ist, daß ATLAS allein sich zu der Umsatzhöhe eines gesunden Mittelverleihs emporgeschwungen hat.)

"Das Erstaunliche ist, daß sich jetzt sogar eine gewisse Solidarität der etablierten Produzenten zu zeigen beginnt", sagt Eckelkamp, über die Krise philosophierend, "daß neben den Geschäftspartnern, die wir haben und von denen jede Hilfestellung zu erwarten ist, sich jetzt Leute anbieten, mit denen wir nie gearbeitet haben, wie Brauner beispielsweise, der durchaus bereit ist, auf jeder Basis, die denkbar ist, etwas mit ATLAS zu machen. Oder ich denke nur an Grüter..."
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Es ging steil aufwärts mit ATLAS in 1964/65 "Das Schweigen"

Im Geschäftjahr 1964/65 hatte sich der Umsatz der Firma um 300 Prozent gesteigert - durch einen einzigen Film, der wie vom Himmel kam: "Das Schweigen" von Ingmar Bergman.

Dieser Film allein erzielte einen Verleihumsatz von 10,7 Millionen Mark und setzte die Firma in die Lage, Verluste aus dem Vorjahr in Höhe von 1,4 Millionen auszugleichen. Jedoch lähmte "Das Schweigen" die Firma auch; anstatt, wie vorgesehen, zwanzig Filme herauszubringen, waren sämtliche 82 (am Jahresende 91) Mitarbeiter mit dem einen Film beschäftigt und konnten nur acht weitere Filme starten.
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Bei ATLAS war jetzt Investieren angesagt

ATLAS beeilte sich, auf dem Sündengeld von "Schweigen" nicht sitzenzubleiben, auch keine Fettpolster anzulegen, sondern, was immer flüssig zu machen war, in neue Filmkäufe hineinzustecken. (Eckelkamp spricht nicht darüber, aber es steht zu vermuten, daß die Hälfte der "Schweigen" -Einnahmen ohnehin in das Säckel der Firma Beta-Film in München geflossen ist, die zur Hälfte dem CONSTANTIN-Konsul Waldfried Barthel gehört.)

ATLAS gab mehr als hunderttausend Mark an Subventionen und Förderungsgeldern aus, Subventionen für den Kristl-Spielfilm "Der Damm", für mehrere Kurzfilme, für den Carl-Mayer-Preis, Zuwendungen an die Filmakademien in Berlin und Ulm sowie für die Unterstützung diverser Publikationen und Forschungsarbeiten.

Der ideelle Wert von "Schweigen" drückte sich in der Ausweitung des ATLAS-Kundenkreises aus, nunmehr hatte die Firma Zugang zu beinahe jedem Filmtheater in der Bundesrepublik und Westberlin.

Möglicherweise war das der entscheidende Anstoß dafür, die mit dem "Schweigen" eingenommenen Gelder hundertprozentig in neue Vorhaben zu stecken.
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ATLAS begeisterte über 2000 Theaterbesitzer

Mit nahezu zweitausend Theaterabspielmöglichkeiten im Rücken, fühlte ATLAS sich stark. Eckelkamp gab in seinem 1964er Geschäftsbericht ein Resümee "So stelle ich mir den Filmverleiher vor!" zum besten, das den alten Verleihern das Wasser in die Augen trieb, um so mehr, als der junge Duisburger Kunstverleiher es ernst meinte.

"Die Produktion des Jahres 1964", schrieb Eckelkamp, "atmet zwar nicht ideologisch, wohl aber stilistisch und dramaturgisch den Geist des Filmjahres 1938. Unkenntnis und mangelndes kritisch-historisches Bewußtsein wirken sich lähmend auf die Realisierung der Pläne des jungen deutschen Films aus.

Die kritische Auseinandersetzung der deutschen Presse mit dem deutschen Nachkriegsfilm hat stattgefunden und findet statt. Die Einbeziehung des Films vor 1945 in diese Auseinandersetzung mußte bisher ausbleiben, da das Filmmaterial der Öffentlichkeit nicht vorgestellt werden konnte."
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Die deutsche Filmproduktion vor 1945 aus den Kellern holen

Genau das aber wollte Eckelkamp nun unternehmen: die gesamte deutsche Filmproduktion vor 1945 aus den feuchten Kellern holen, sie kritisch aufputzen und in den deutschen Kinos von heute erneut zur Diskussion
stellen.

Der Griff zu den Sternen. Seine Einkäufer waren schon unterwegs. Die alten Filmlager öffneten sich. Eckelkamp, hieß das Gerücht, kauft jeden "Zinn" (?)aus der Nazizeit. Die Preise, die er zahlen mußte, waren alle nicht überwältigend, in der Masse aber kam ein ganz schöner Posten zusammen.

Eckelkamp finanzierte sich und ein Riesenprogramm für 1965/66; ferner versprach er, daß ATLAS unter dem Titel "Sezession" jährlich sieben bedeutende und umstrittene internationale Filme in ungekürzter und nichtsynchronisierter Form, mit deutschen Untertiteln, nach Deutschland bringen werde.

Zum jungen deutschen Film hingegen ließ ATLAS verlauten, daß "eine große Anzahl von Drehbüchern, Treatments und Plänen allgemeiner Art" an die Firma herangetragen worden sei, aber: "Keines dieser Projekte konnte nach unserer Ansicht als produktionsreif bezeichnet werden."
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Viele aber nicht alle Projekte waren erfolgreich

ATLAS-Produktionschef Ernst Liesenhoff beschäftigte sich nur mit einer Fortsetzung der "Davidswache" unter dem Titel "Vier Schlüssel", einem Film von Jürgen Roland.

Einen Mann namens Volker Schlöndorff ließ Eckelkamp drei Stunden vergeblich mit einem Projekt antichambrieren, das "Der junge Törleß" hieß. Schamonis Drehbuch "Schonzeit für Füchse" lehnte Produktionschef Liesenhoff erst ab, dann nahm Eckelkamps Direktor Berghoff es an (heraus kam ein starker Prestigegewinn für ATLAS und ein schwaches Geschäft).

"Man hat sich das ja nicht träumen lassen vorher", gibt Eckelkamp heute an. Und: "Ich habe nie nach einem Monopol gestrebt in der Betreuung des jungen deutschen Films."

Vielleicht nicht nach einem Monopol, aber schön wäre es, wenn der junge deutsche Film sich um den einzigen - und jungen - deutschen Verleih scharen würde, der sich die Pflege des guten Films aufs Panier geschrieben hat.

Insgesamt brachte ATLAS in diesem letzten Verleihjahr 1965 nicht weniger als 26 Spielfilme an den Start, und die Anzahl der Mitarbeiter erhöhte sich auf 102. Vom "Schweigen" abgesehen, stieg der Umsatz um 21 Prozent, insgesamt auf 11,3 Millionen Mark.
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Vom Himmel eine Schuldenlast

Aber die neugegründete Produktionsabteilung investierte in nur drei Filme ("Diamantenbillard" war dazugekommen und "Menschen von morgen") insgesamt 2,8 Millionen, wovon "Vier Schlüssel", der Film, dem während der Produktion durch einen ungetreuen Buchhalter unter den Augen der Hamburger Treuhandgesellschaft 170.000 D-Mark entnommen wurden, allein über eine Million verschlang, die nicht so schnell einzuspielen war. (Für ihre
Kontrolltätigkeit ließ sich die Treuhandgesellschaft außerdem fürstlich belohnen und 12.000 DM von Eckelkamp zahlen.)
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Tatis neuer Film "Playtime"

Tatis neuer Film "Playtime", in den ATLAS im April 1965 rund eine Dreiviertelmillion gesteckt hatte, kam nicht heraus (später sollte auch "Die Nonne", an der die Firma mit 450.000 DM beteiligt ist, in Frankreich verboten werden und so die geplanten Rückflüsse aus der Aufführung in Deutschland verhindern).

Wohin die Milionen gingen und verschwanden

Eine halbe Million kostete die eigene Staffel, die Eckelkamp sich für die Auswertung in Österreich geleistet hatte, eine Viertelmillion das ATLAS-eigene Schmalfilmprogramm, eine weitere Viertelmillion das Projekt "Deutsche Filmgeschichte", plus eine Belastung von 3,2 Millionen für einen Stock von alten Filmen, die für Neuaufführungen drei Jahre im voraus eingekauft worden waren (Buster Keaton, Laurel & Hardy und Western-Filme).

Auch die Investitionen von einigen Millionen Mark in die Welturaufführungsrechte der beiden polnischen Mammutfilme "Legionäre" und "Pharao" und ihre sich notwendig erweisende, aber nicht geplant gewesene Neufassung trugen dazu bei, daß die Finanzdecke von ATLAS außerplanmäßig schrumpfte.
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Dann änderte die Bundesbank ihre Vorgaben mit Folgen

Die Kreditrestriktionen der Bundesbank im Mai dieses Jahres (1966) kamen ebenfalls wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und als dann noch die "Deutsche Verlags- und Fernseh- GmbH" in München im Juli einen Vergleichsantrag stellen mußte und Eckelkamp über Nacht mit der Tatsache konfrontiert wurde, daß er für insgesamt 900.000 D-Mark Verluste dieser Firma geradezustehen hatte, weil er in verschiedenen ihrer Produktionsvorhaben engagiert war, ächzte ATLAS plötzlich unter einer Schuldenlast, die sich auf über vier Millionen Mark belief.

"Bei normaler Kreditlage wären diese Investitionen und Ausfallverluste durch Überbrückungsaktionen zu überwinden gewesen", erklärt Eckelkamp.

"Aber diese Pleite in München hat natürlich die Banken unruhig gemacht, und damit begann plötzlich, daß wir nicht mehr die Prolongationen (für umlaufende Wechsel) bekamen, die ja sowieso schwierig waren heute, bei den Maßnahmen der Bundesbank, und wenn sie von einem Mann kamen, von dem man gehört hatte, daß er nicht mehr ganz so solvent war, nicht wahr. Wodurch aus laufenden Zahlungsmitteln dann plötzlich Schulden wurden, tja."
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Ein paar Geschäfte in der Mache

Eckelkamp hat sich durch langfristige Kreditvereinbarungen mit Geschäftsfreunden seines Hauses und Finanziers mühsam aus dem drohenden Zusammenbruch gerettet. Er hat begonnen, die Auslandsrechte von 65 deutschen Filmen aus den Jahren 1919 bis 1945 zu verkaufen.

Er hat eine noch intensivere Auswertung seines klassischen Reprisenstocks begonnen, und er treibt verschärft jetzt, mit Briefen an den "Werten Kunden", die Abwicklung der noch offenstehenden Vermtietungsverträge mit den
Filmtheatern an.

Und er hat seine Eigenproduktion unter Ernst Liesenhoff einstellen müssen. Der Rückfluß dieser Produktionen reicht zur Zeit nicht aus, den Kapitalaufwand weiterer Eigenproduktionen zu decken.

"Es sind ein paar Geschäfte in der Mache, die ausreichen, die so weit sind, daß man sie als abschlußreif bezeichnen kann, um auch die ,Kleinen' zu befriedigen!" betont Eckelkamp.

"Der wichtige Punkt ist darum der Weiterlauf der Firma, die Zahlung für laufende Filme, Synchronisationen und so weiter, da gibt es keine Schwierigkeiten, denn die Branche ist bereit, weiter zu liefern, so gibt es keinen einzigen Film aus der laufenden Staffel, der nicht fertig geworden wäre, der nicht pünktlich herauskäme, also keine Stockung im Programm. Und am 21. November werden wir das neue Programm bekanntgeben!"
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Das A und O jeder Verleihfirma - "Das neue Programm"

"Das neue Programm", das ist das A und O jeder Verleihfirma, wie schlecht es ihr auch finanziell gehen mag. Kommt ein neues Programm zustande, dann heißt das, daß die Produzenten der Filme nach wie vor Vertrauen haben. Neue Filme - neues Geld in den Kassen.

Um das Rückgrat seiner neuen Verleihstaffel, die Ausländer, Reprisen und Klassiker, braucht sich Eckelkamp nicht zu sorgen. Davon hat er genügend im Keller seines Duisburger Geschäftshauses liegen, "drei geschlossene Jahresprogramme im voraus!"

Aber ein deutscher Verleih - und ganz besonders ATLAS - wird heute nicht mehr an seinen Ausländern genesen, nicht einmal an seinen üblichen deutschen Produktionen alten Stils, sondern daran, wie viele er von den neuen, den jungen Filmemachern aufzuweisen haben wird, wenn er das Jahresprogramm an die Filmtheater verschickt.

Denn in dieser Saison (1965/1966) sind die Theaterbesitzer hellhörig geworden, in dieser Saison hat sich der junge deutsche Film zum ersten Male kräftig geregt und gleich in dem ersten halben Dutzend seiner Produktionen auch Kassenerfolge hervorgebracht.
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Die Zukunft des deutschen Film - ist ihnen da etwas entgangen

ATLAS war - beinahe durch Zufall - an dem ersten Unternehmen "Es" beteiligt. ATLAS hat auch "Schonzeit für Füchse" gehabt. "Der junge Törleß" ist ihm entgangen.

"Playgirl" wurde von seinem Produktionschef als "unspielbar" empfunden. Kluges Meisterstück "Abschied von Gestern", das auf der Biennale in Venedig soeben acht Preise einheimste (jahrelang war Deutschland überhaupt dort nicht mehr vertreten), wird durch CONSTANTIN herausgebracht.

Edgar Reitz' Debüt "Mahlzeiten", Senfts "Der sanfte Lauf", Spiekers "Wilder Reiter GmbH", Schlöndorffs neuer Streich "Mord und Totschlag", Uli Schamonis "Alle Jahre wieder" - sie sind noch ohne Verleih, sie gehören zu ATLAS, aber die Frage stellt sich, ob ATLAS ihre Kosten garantieren könnte.

Die Frage stellt sich, ob nicht ausgerechnet dem Unternehmen ATLAS, das den bleiernen Schlaf der Filmbranche aufgestört hat, auf der Suche nach der Vergangenheit des deutschen Film die Zukunft - wenigstens für dieses Jahr - entgangen ist.

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