Nachtrag zu der "verrotteten Film-Industrie"
von Gert Redlich - Wir schreiben den Mai 2026 und ich blicke ein oder zwei oder mehr Jahre zurück, was mir so alles in Telefonaten "zugetragen" wurde. Inzwischen sind es bestimmt ein Dutzend Anrufe, allermeist Ábends oder gar spät nach 22 Uhr und ich habe einen - der Stmme nach - älteren Herrn an der Leitung, ob da das Fernsehmuseum dran wäre und ob ich noch Zeit für ein Schwätzchen hätte. Ich hätte doch geschrieben, man könne durchaus auch nach 10 Uhr (Abends) bei uns anrufen.
Er habe die sechs Artikel von Will Tremper alle gelesen und er kommentiert, das stimmt wirklich. Diese deutsche Film- und Kino-Industrie hatte sich dermaßen korrupt und verrottet und diktatorisch (link) entwickelt, daß es "zum Himmel stank" und man nur den Kopf schütteln konnte.
In den USA war es leicht anders, es waren nämlich die Produzenten wie MGM und Paramount auch gleichzeitig die Verleiher, sodaß außer dem Autor, dem Drehhbuchschreiber und dem Regisseur nur noch die Stars am Erfolg beteiligt waren. - In Europa und/oder in Deutschland waren die zwar alle auch dabei, doch der Verleiher hielt das Heft in der Hand. Und der gab die Verleih-Reglen (und die Verträge) vor.
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Die Verleiher machten die Knebel-Verträge mit den Kinos
Während des Höhenfluges der Kinos waren die Verleiher in einer dominierenden erpresserischen Position und konnten den Kinos vorschreiben, was Sache ist. Der kleine Kinobesitzer auf dem Land hatte gar keine andere Wahl, als sich unterzuordnen und das vedammte Spiel mitzuspielen, bis zum btteren Ende.
Da wurden also Kauf- bzw. Miet-Verträge über Spiel-Tage oder ganze Wochen eines Films im Voraus abgeschlossen, über einen Film, der noch nicht mal mit dem Dreh angefangen war. Alleine der Titel und die Stars standen schon einigermaßen fest und der Autor und der Regisseur stritten noch, was im Drehbuch und im Konzept alles noch geändert werden müsste.
Produzent und Verleih und eventuell die Bank verhandelten noch über das Budget und der Kinobesitzer sollte jetzt bereits festllegen, wann er zu welchen Leih-Konditionen diesen Film zu zeigen - zu spielen hatte.
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Die Verträge der 4 oder 6 großen Deutschen Verleiher waren knüppelhart und wer dagegen verstieß, der bekam danach keinen lukrativen Titel (Blockbuster oder Renner) oder gar keinen Film mehr (von diesem Verleiher). Und die Verleiher steckten trotz angeblich gnadenlosem Wettbewerbs unter einer Decke und sprachen sich verdeckt ab. Damals gab es noch keine oder nur eine flügellahme Kartellbehörde.
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Und die Verleiher brauchten auch die "Spieltage"
Wenn ein mehr oder weniger erfolgreicher Film abgedudelt (ausgelaufen) war, wenn also wirklich in jeder der letzten Vorstellungen nur noch ein Dutzend oder weniger Besucher die Kino-Karten gekauft hatten, wurde aufgerechnet, wieviele Spieltage der Film "gebracht" hatte. Das war nicht nur ein Maßstab für den von diesem Film eingespielten Umsatz, sondern ein Maß für den Erfolg und den "immateriellen Wert" für spätere Zweitverwertungen (im Ausland und dann bei uns beim Fernsehen).
Also nicht nur die Anzahl der verkauften Kino-Karten, der Gesamtumsatz in Milionen DM und davon die Leihmiete (allermeißt 50% oder mehr Prozente vom Betrag der Kinokarte abzüglich Mehrwertsteuer und Vergnügungssteuer) für den Verleih und dann die Aufteilung des Gewinns an die im Film-Produktions- Vertrag beteiligten Schaupieler, Produzenten und Regisseure waren wichtig, so auch die Spieltage.
So wurden die Kinos vertraglich gebunden (gezwungen), auch vor einem leeren Saal zu spielen, wenn nicht eine einzige Karte verkauft war. Der Kinobetreiber müssten das eben im durchschnittlichen Mittel "sehen"
In den Stadtkinos war das gerade noch akzeptabel, weil andere Vorstellungen dann wieder die Kosten deckten, aber die Kleinstadtkinos gingen auf dem Zahnfleisch, konnten sch aber nicht wehren. Sie hatten ja nur diesen einen Saal. Die Stadtkinos hatten sehr oft noch ein kleines Alibi-Kino für solche Gurken, die der Besitzer / Betreiber spielen mußte, um die lukrativen Titel ausgeliehen zu bekommen.
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Warum das Ganze ? Ein Blick zu den Hifi-Magazinen
Jetzt machen wir einen Ausflug zu den Zeitschriften und Magazinen der Hifi, Radio und Fernsehbranche. Diese ganzen Hochglanz-Magazine, insbesondere in der Hifi-Branche, lebten von den Anzeigen der Hersteller und Importeure und der Dienstleister, nicht von den paar Mark (oder Euro) der Käufer und Abonenten.
Die wichtigste (Wettbewerbs-) Frage war die nach den Anzeigentarifen. Wonach richten sich die Preise ? - pro Quadratzentmeter oder pro Viertelseite oder pro halbe Seite oder ......
Die Preis-Kalkulation der Anzeigenpreise hatte recht simple nachzuvollziehende Grundlagen, nämlich nach der Werbewirksamkeit des Magazins (der Publikation). Beim Film sind es die insgesamt verkauften Kinokarten (unabhängig vom Preis) und die Spieltage.
Bei den gedruckten Publikationen gibt es daher Grundregeln, an die sich jeder Verlag halten muß, sonst laufen ihm die Werbeagenturen weg, die einen Großteil dieser Anzeigen (für deren Kunden) buchen (kaufen). So muß ein Verlag für jede Publikation pro Quartal folgende Zahlen an den Verband oder die Organisation abliefern :
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- Gedruckte Auflage
- Verbreitete Auflage
- Verkaufte Auflage
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Der Werbe-Fachman sieht sofort, ob diese Publikation (für seinen Kunden) eine Anzeige wert ist oder nicht und welchen kalkulatorischen Preis der Verlag verlangen dürfte bzw. welchen Preis er (mit diesen Informationen) für sein Kontingent aushandeln kann.
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Warum die verbreitete Auflage ? Als ich 1985 mit PANAM und Lufthansa nach USA geflogen war, lagen 40 bis 50 tagesaktuelle FAZ Ausgaben am Anfang der 2. Klasse des Jumbo bereit. Als wir nach 1 Woche wieder zurück flogen, lagen wieder 40 oder 50 neue noch ungelesene tagesaktuelle FAZ Ausgaben für die Rückreise-Passagere bereit. Das war eine wichtige und vor allem wertvolle Zielgruppenwerbung, und die zählte sogar mehr als die verkaufte Auflage.
Das alles wußte ich 1985 noch nicht.
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Zurück zum Kino - zu "meinem" Kino in Wiesbaden
Als ich 16 war (es war 1965), durfte ich in einem richtigen großen Kino - dem UFA im Park in Wiesbaden - Hilfsvorführer bzw. Aushilfe "spielen", natürlich erst nach der Schule. Nach weniger als einer Woche jeden Nachmittg hatte ich das allermeiste der Funktionen und Arbeiten des Filmvorführers gelernt und durfte ganze Nachmittage und frühe Abende die damaligen Filme teilweise ganz alleine vorführen. Es hatte richtig Spaß gemacht und es war kein Hexenwerk, für das man (also ich schon gar nicht) 3 Jahre lang Filmvorführer lernen mußte.
So um 1967/68 kam es immer häufiger vor, daß um 16 Uhr noch kein Besucher kam. Als ich den leeren Saal, das leere Parkett sah, rief ich (vom Vorführraum ganz oben) die "Kasse" (ganz unten) nochmal an, ob ich wirklich loslegen sollte. Die junge Dame rief dann den Theaterleiter an, oft war der in Frankfurt in den anderen Kinos der Kette, und der sagte, "Ja, spielen". Also zeigte ich den Film mit 5 oder 6 Akten vor leerem Publikum.
Es kam mir zwar alles etwas "spanisch" vor, es war ja völlig unlogisch, doch mit 16 macht man sich über die Hintergründe keine Gedanken.
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Offensichtlich stand im globalen Leih-Vertrag (für das ganze Unternehmen) etwas von 3 zu spielenden Vorstellungen am Tag, auch an Wochentagen und scheinbar wurde das sogar kontrolliert.
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