Ein Film der Zeit von Willi Forst: „Die Sünderin"
Aus KP 22.1.1951 - Umstrittene Uraufführung in Frankfurt :
Von unserem nach Frankfurt entsandten Redaktionsmitglied Kurt Milte
Willi Forst nach der Uraufführung bei einem Empfang der Herzog-Film im „Frankfurter Hof" -: „Sie haben es selbst gemerkt, es ist weder eine tanzende, noch eine ,weanerische' Sünderin. Es ist etwas Neues in der Wirrnis, in die der deutsche Film geraten ist. Hier hat einer etwas gewagt, das ist das Entscheidende. Natürlich sind dabei noch Fehler gemacht worden, ich kenne sie selbst am besten."
Gustav Fröhlich hat viele Zuhörer an seinem Tisch und glaubt mit den Filmkritikern ein Hühnchen rupfen zu müssen, die seine Regie-Erstlinge zu schlecht behandelt hätten. Er ist leicht in Harnisch zu bringen, und wird erst wieder ruhiger, als er sich mit der Situation des deutschen Films auseinandersetzt. Die großen Gesellschaften der früheren deutschen Produktion hätten mit sicherem Kurs arbeiten können, weil die Vorprüfung der Filmstoffe intensiver gewesen sei. Wenige Minuten nach der im Wiesbadener Gremium noch umkämpften Uraufführung der „Sünderin" löst das einige Überlegungen aus.
Hildegard Knef ist wohl da, schweigt aber vorwiegend und hält mit geduldig-freundlichem Lächeln den Fotografen stand, die ihrem Make-up amerikanischer Schule immer neue Motive abzugewinnen scheinen. Vorher hatte sie auf dem Frankfurter Hauptbahnhof unter einem Regenschirm erklärt, daß sie vorläufig noch in Deutschland bleibe und im nächsten Willi-Forst- Film („Klavierspielerei"?) mitwirke. Sie sei froh, daß ihr amerikanischer Gatte, Herr Hirsch, zur Zeit in Paris und nicht in Frankfurt wäre, da ihn ihre Premieren immer furchtbar aufregten .........
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Der Film:
Im Titelvorspann neben den schon erwähnten Prominenten alte vertraute Namen: Gerhard Menzel (Manuskript), Georg Marischka (Mitarbeit am Buch), Theo Mackeben (Musik). Produktion: Deutsche Styra-Film in der Jungen Film-Union von Rolf Meyer. Alte Filmgarde + Avantgardisten = ? Geht diese Rechnung auf ?
Erste Szene: Liebespaar am flackernden Kaminfeuer. Zärtlicher Zutrunk. Die junge Frau erhebt sich und geht durch den Raum, verhält den Schritt, streichelt unscheinbare kleine Dinge. Nach 100 Filmminuten weiß der Betrachter, daß dies zugleich die letzte Szene des Films und der Schlußakt einer menschlichen Tragödie ist, in dem die Geliebte des erblindeten Malers diesem den erbetenen Todestrunk reicht und ihm in den Tod nachfolgt.
Der gleiche Vorgang sieht uns also einmal völlig unbeteiligt und ahnungslos, dann aber angerührt und tief bewegt. Aus diesem Vor- und Zurücksenden, einer Reihe von zum Teil kühnen zeitlichen Kreuz- und Quersprüngen, setzt sich mosaikartig das Bild der Menschen dieses Films zusammen.
Und da der Betrachter, durch die Verdichtung des Stoffs gepackt, diesen Weg vom Anfang bis zum Ende mitgeht, nimmt er als unausgesprochene Lehre die Mahnung mit, es sich nicht allzu beguem mit dem Urteil über Menschen zu machen, und in eigener Überheblichkeit auf die Verworfenheit anderer herabzublicken. Ein Film wider das Pharisäertum.
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Willi Forst
Willi Forst bleibt mit seinem Film-Gleichnis von der Sünderin in unserer Zeit. Er nahm das billigste und willigste Opfer der Auflösung des vergangenen Jahrzehnts: das junge, unbeschützt dastehende Mädel, das da glaubt, sich seinen Teil von dem, was es als das Leben ansieht, nehmen zu können.
Eine von jenen „wahren Geschichten", die so greulich kitschig wirken können, wenn sie um der Sensation willen zu Papier gebracht werden. Das Mädchen Marina, aus sogenanntem guten Hause, strandet durch ihre Begehrlichkeit erweckende Schönheit und steckt bald bis zum Hals im Dreck. Aus der klar berechnenden Dirne wandelt sie sich dann zur großen Liebenden, die einem Maler, der durch ein unheilbares Leiden erblinden muß, zum letzten Lebensinhalt wird. Ein Stoff voller gefährlicher Klippen.
Epische Kunst ?
Für alle, die im Film mit gutem Recht eine epische Kunst sehen, wird die „Sünderin" künftig ein Schulbeispiel sein. Forst geht wie Sascha Guitry bis zur letzten Konsequenz: zur Bilderzählung.
Marina, die „Heldin" seines Films, berichtet im sprunghaften Sich-Erinnern die Geschichte ihres Lebens - ein Monolog zu einem Stummfilm, in dem nur einige Szenen im Dialog ganz ausgespielt werden. Trotz der warmen, schmiegsamen Moll-Stimme Hildegard Knefs gibt es dabei monotone Strecken, die leicht ermüdend wirken. Um so belebender die Augenblicke, in denen das Geschehen pralle Gegenwart wird! Die Rückbesinnung auf den Stummfilm aber hat auch die Arbeit der Kamera wieder intensiver gestaltet.
Eine Reihe ausgezeichneter optischer Einfälle bleiben im Gedächtnis: die Vision des Todesengels, eines selbst vom Tode gezeichneten Arztes, die Stationen der Glückseligkeit, projeziert in das bunte Dach eines Sonnenschirms, die Großaufnahme einer Chianti-Flasche, die dem verzweifelten Maler Betäubung im Rausche bringen soll. Bei den Verführungs- und Aktszenen hätte man der Kamera erheblich mehr Zurückhaltung gewünscht.
In der Tat sind hier bereits Vorwürfe laut geworden, obwohl Forst über den Verdacht, auf billige Wirkung zu spekulieren, erhaben ist. Dafür hätte die Kamera mehr leisten können, wo sprachliche Plattheiten des Monologs („Wir waren unsa-a-gbar glücklich!") besser durch ihre Mittel ersetzt wären.
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Andreas Wolf und Gustav Fröhlich
Es ist klar, daß bei dieser Konzentration auf das Bild fast alles in der Darstellung liegen muß. Forst hat lange gesucht, ehe er in der (viel später) aus ihrem amerikanischen „Abenteuer" reifer hervorgegangenen Hildegard Knef die „Sünderin" gefunden hatte, die seinen Erwartungen entsprach.
Schon ihr ausdrucksvolles flächiges Gesicht mit der auffälligen Teilung in die herb-sinnliche Mundpartie und die klare und reine Stirn gibt ihr die Ausdruckskraft für die zwiespältige Rolle, in der sie seit drei Jahren zum erstenmal wieder im deutschen Film zu sehen ist. Auch Gustav Fröhlich, von dem man sagt, daß er sich in die Regie geflüchtet habe, weil er so wenige für ihn passende Rollen fände, spielt den verzweifelten, an der Pforte des Todes stehenden Maler scharf profiliert.
Ein neues fesselndes Filmgesicht gehört dem jungen Essener Schauspieler Andreas Wolf in der Rolle des Arztes, (dessen Begegnung mit dem Mädchen Marina in der Bar freilich eine Konstruktionsnaht der Handlung allzu offenbar werden läßt).
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Die Regieleistung von Willi Forst
Sind auch die Mittel, derer sich Forst bei diesem Film bedient, nicht neu, so ist doch die Art ihrer Dosierung und Verschmelzung ungewöhnlich und erregend. Der Impuls, der von dieser Regieleistung ausgeht, wird sicherlich für das deutsche Filmschaffen von belebender Wirkung sein.
Das werden auch die Kreise nicht bestreiten, die, von ihrem Standpunkt aus verständlich, gegen die „entsittlichende Wirkung" dieses Films zu Felde ziehen. Der Film, so sagt man, verherrliche die Tötung auf Verlangen und zeige im Selbstmord den einzigen Ausweg einer menschlichen Not. Das erscheint überspitzt formuliert und nicht in Einklang zu bringen mit der Mahnung zur Toleranz, die Forst in diesem Film zum Ausdruck bringen will. Die Sünde dieser Zeit erschöpft sich nicht allein in der Negation der Moral, sie sitzt tiefer.
Daß Forst zu ihrer Überwindung keinen positiven Beitrag leistet, sollte nicht dazu führen, seiner „Sünderin" die Qualifikation eines Kunstwerkes und ihm selbst den guten Willen bei diesem Wagnis abzusprechen.
Dieser Artikel stammt von Kurt Milte - geschrieben in 1951.
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Frankfurter Rundschau ????? - Seite 17
Ungewiß
Ungewiß bis zum heutigen Tag ist der Zeitpunkt, an dem Rosemarie Nitribitts Leben ein Ende fand.
„1. 11. 1957" - so steht es auf dem Grabstein, der auf dem Nordfriedhof von Düsseldorf steht. Dieses Datum stimmt nicht.
Doch auch der Zeitpunkt, den die Staatsanwaltschaft annimmt, (29. Oktober, 15.30 bis 17 Uhr), steht im Widerspruch zu den Aussagen zahlreiche* Zeugen. Sie sahen die „blonde Rosi" noch nach der „Tatzeit".
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