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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 53
Scherben - November 1938

Die Verzweiflungstat eines siebzehnjährigen Juden gibt den Nazis endlich den lange gesuchten Anlaß zu drastischeren Gewaltmaßnahmen: In der Annahme, den deutschen Botschafter vor sich zu haben, erschießt er am 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris einen Legationssekretär. Angeblich aus Rache für die Behandlung seiner Eltern durch die deutschen Behörden.

1938 - Judenpogrome noch nie dagewesenen Ausmaßes

Zwei Tage später entfesselt Goebbels in einer Rede ein Judenpogrom noch nicht dagewesenen Ausmaßes: 91 Juden, vorwiegend Geschäftsleute, werden getötet, 29 jüdische Warenhäuser, 171 Wohnhäuser und 101 Synagogen vernichtet. 7.500 Geschäfte werden in dieser Nacht verwüstet, für viele Millionen Mark Fensterscheiben zerschlagen. Alle Aktionen dieser >Kristallnacht< werden fast ausnahmslos von SA-Schlägertruppen durchgeführt.

Systematische Vernichtung der Juden

Anschließend werden den Juden alle Lebensmöglichkeiten systematisch entzogen. In ihre Pässe wird ein großes J gestempelt, sie erhalten zusätzlich typisch jüdische Vornamen. Ihre Auswanderung wird straff organisiert. Immer mehr Juden wandern in die Konzentrationslager.

Sept. 1939 - Der Polenfeldzug beginnt

Am 1. September 1939 überschreiten deutsche motorisierte Spezialtruppen, die sogenannten schnellen Einheiten, nach einem von Hitler vorgetäuschten Überfall angeblich polnischer Truppen auf den Sender Gleiwitz die deutsch-polnische Grenze.

Keiner glaubte an einen gigantischen Krieg

Der Krieg hat begonnen, nachdem Hitler und Stalin kurz vorher die Teilung Polens beschlossen haben - und elf Jahre, nachdem der Schriftsteller Hans Grimm seinen Roman >Volk ohne Raum< veröffentlicht und den deutschen Nationalisten damit Argumente von unschätzbarem Wert geliefert hat.

Man spricht von einem Spaziergang nach Polen, und alles wäre nach Programm verlaufen, wenn England und Frankreich den Polen nicht vereinbarungsgemäß beigestanden hätten.

Damit hatte Hitler nicht gerechnet, und das war sein entscheidender Irrtum. Eine Kriegserklärung folgte der anderen. Der Zweite Weltkrieg begann ...

  • Anmerkung : Das ist leider historisch falsch, denn so richtig beigestanden haben die Engländer und die Franzosen den Polen um 1939 und auch später nur rethorisch. Faktisch haben sie nur verbal protestiert und Deutschland den Krieg erklärt. Auch beschreibt Eduard Rhein nicht, daß die Deutschen bei diesem Spaziergang bereits ca. 20.000 Gefallne, also deutsche Soldaten, vertuscht hatten. Es durfte damals nichts davon in den Medien erscheinen. Es war ja ein "Spaziergang".

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Dieser Krieg war genauestens geplant

Erstaunliche Glanzleistung deutschen Organisationstalents: Am selben Tag (!), dem 1. September, werden die Lebensmittel rationiert und die schon längst vorbereiteten Lebensmittelkarten ausgegeben.
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Neue Sitten am Haupteingang des Ullstein Verlagshauses

Der Mann, der schon seit ewigen Zeiten am Haupteingang des großen Verlagshauses steht und jeden von uns kennt, hält mich fest: »He, Sie, Ihren Paß.«

»Mann, ham Se ne Meise?«
»Sie, wem Se ma nich keß! Ick hab meine Vorschriften, und ohne Hauspaß kommt mir hier keener rin.«
»Aha, mir kenn Se wohl nich mehr?«
»Det ist mir scheißejal, den My ha'k och jekannt.«
»Bestreit ick ja jar nich, aber wat ha'k mit den?«
»Festjenomm ham se 'n! Un mir zusammjestaucht von wejen Judenknecht.«
»Den Meyer-My?« Mir schwant Schreckliches. Ich werde steif und rette mich ins Hochdeutsche. »Wann ist denn das passiert?«
»Vor 'ne Stunde.«
»Und wo ist er jetzt?«
»Weeß ick nich.«

Ich krame meinen Hauspaß hervor und entschuldige mich. Auch ein kleiner >Volksgenosse< kann gefährlich werden.

Ich fühle eine seltsame Beklemmung

My verhaftet? Einer der nettesten alten Ullsteiner. So nett wie seine Verse. Mag sein, daß er Jude ist; ich habe nie darüber nachgedacht. Beim Gang durchs Haus fühle ich eine seltsame Beklemmung. Nichts von der summenden Betriebsamkeit, von dem nervösen Hin- und Hergerenne, eben von der Ullstein-Atmosphäre. Da stimmt doch was nicht.

Kap und meine Kollegen sitzen schon zusammen. Bei meinem Eintreten atmen sie auf. »Ärger gehabt?« - »Ihr vielleicht nicht?«
»Wir haben jeder unsern Paß vorgezeigt und zittern nun um Sie und den Köbes. Ihr zwei könnt doch die Schnauze nicht halten.« - Stimmt.

Der Köbes kommt eine halbe Stunde später. Er hat unten am Eingang Krawall gemacht und schimpft auf die >Scheißnazis<. Um Himmels willen, wenn das nur keiner hört! Der Teufel weiß, warum man auf einmal da unten verrückt spielt ...
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»Mann, wir sind im Krieg!«

»Mann, wir sind im Krieg!« sagt einer. Als ob wir das nicht wüßten, nach all dem hysterischen Heil-Hitler-Geschrei und dem Goebbels-Gesabbere.

Siegesmeldungen, von Rundfunkfanfaren angekündigt. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt... - Siege, Siege, Siege. - Kein Schwindel! Es stimmt...

Hurrapatriotismus, wohin man hört.

Und immer neue Hetzreden gegen das internationale Judentum. Eines Nachts schreckt mich ein furchtbares Geschrei aus dem Schlaf. Es ist kurz nach drei. Ich stürze zum Fenster, lehne mich hinaus. Ein paar Häuser weiter stehen zwei oder drei Wagen mit ausgeschalteten Scheinwerfern.

Hilferufe, Geschrei von Frauen und weinenden Kindern. »Fenster zu!« brüllt einer zu mir herauf. Wenige Minuten später das Anfahren von Wagen, dann Ruhe. Sie haben unsern jüdischen Hausarzt mit seiner Mutter, seiner Frau und seinen drei Kindern abgeholt ...
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Kapitel 54
Ein ungewöhnlicher Auftrag

»Sie werden vom Luftfahrtministerium verlangt.«
Schreck in der Morgenstunde.
»Her damit! - Hier Rhein.«
»Herr Eduard Rhein?«
»Der bin ich.«
»Moment, ich verbinde mit Herrn Dr. Schröter.«

Schröter? Schröter? Nie gehört. Das konnte nichts Gutes bedeuten. In mir krampfte sich wieder einmal alles zusammen. Der nächste Migräneanfall war schon programmiert.
»Schröter.« Eine freundliche Stimme. Aber keine Aufforderung, "Hitler zu heilen". »Herr Rhein, wir möchten uns gerne einmal mit Ihnen unterhalten. Könnten Sie mich im Laufe des Tages hier in der Prinz-Albrecht-Straße besuchen?«

  • Anmerkung : Diese Geschichte hier ist - von der Reihenfolge her - nicht so recht plausibel, denn den Dr. Schröter hatte er (nach eigenen Angaben) schon viel früher kennengelernt, bei den ersten Gesprächen übers Fernsehen und die beiden Bücher Dr. Schröters (von 1932 und früher).

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Also am Besten gleich wissen, was los ist!

Jetzt eine typisch Rheinsche Reaktion: Nur nicht zwischen Himmel und Erde bammeln, das bringt mich um. Gleich wissen, was los ist! Ran an die Rampe!
»Im Lauf des Tages? Ich habe ab elf in der Setzerei zu tun und anschließend gleich in der KORALLE ... Wenn es Ihnen paßt, käme ich am liebsten gleich zu Ihnen; es ist ja nur ein Sprung.«
»Ausgezeichnet. Vierter Stock, Zimmer 487.«
Das Wörtchen >ausgezeichnet< ließ mich aufatmen. Trotzdem ... Ich raste los.

Luftfahrtministerium, riesige Eingangshalle, sechs Paternoster

Ich mag diese stinklangweiligen Menschenbagger nicht, aber die hier waren Sonderklasse und so schnell, daß ich mich erst einmal nach einem Druckknopf umsah, mit dem man die Maschinerie zum Halten bringen konnte. Den gab's aber nicht, wohl aber junge Offiziere, die in die Baggerschaufeln hüpften.
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Ja, wenn das so ist! Ich wagte es und machte mir gleich Sorge, wie ich meiner Kabine im vierten Stock unbeschadet entkommen konnte. Auch das gelang. Nanu? Keine Migräne? Sie war - wie schon so oft - durch ein plötzliches Ereignis >vergessen< worden (die feinen Hirngefäße hatten sich entkrampft). Dann ein kühles, modern und sachlich ausgestattetes Vorzimmer und eine freundliche Sekretärin.
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»Sie wissen, was Funkmeßgeräte sind.«

Dr. Schröter, etwa fünfundvierzig, schlank mit Brille: »Aha! Der Herr Autor persönlich! Freut mich!« - Er wies auf einen gepolsterten Stuhl und kam gleich zur Sache:
»Sie wissen, was Funkmeßgeräte sind.« Das war halb Frage, halb Feststellung.
»Geheime Kommandosachen«, gab ich zur Antwort. »Aber das Prinzip liegt ja auf der Hand...«
»... und uns schwer im Magen. Wir müssen da Leute an hochempfindliche Geräte setzen - zum Teil Bauernjungen -, die vom Tuten und Blasen keine Ahnung haben und stur an ihren Kurbeln drehn.«
»Genügt das nicht? Die Leute kriegen doch sicher eine gründliche Ausbildung.«

»Aber sie wissen nicht, was sie tun. Das ist ja das Problem: Wir können uns nicht damit abfinden, ein so empfindliches Gerät, das für die Verteidigung unserer Städte von Nacht zu Nacht wichtiger, ja lebensentscheidend werden kann, in den Händen von Butterbrotmaschinen zu wissen.« - Ich hatte diesen Ausdruck noch nie gehört und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
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  • Anmerkung : Es ging hier um das Funkmeßgerät Würzburg, ein Radargerät der ersten Generation aus 1936 bis 1938 im 50cm Wellenbereich.

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Wir brauchen eine "Fibel"

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  • »Ja, so ist es leider. Wir können nicht an jede dieser kleinen Kurbeln einen Ingenieur setzen; so viele Ingenieure gibt's gar nicht, und die wenigen hellen Köpfe brauchen wir an noch wichtigeren Stellen zu schöpferischer Arbeit. Ich glaube aber, daß jeder junge Mann ein solches Gerät ausgezeichnet bedienen kann, wenn er nicht nur über seine kleine Kurbel, sondern über die ganze Anlage Bescheid weiß. Und da fehlt es leider teilweise sogar bei unsern Ausbildern. Wenn zur Zeit plötzlich ein Mann ausfällt, fällt unter Umständen das ganze Gerät aus.
    Um zur Sache zu kommen: Wir brauchen eine Fibel im Stil Ihres Buches >Wunder der Wellen<, also genau das Gegenteil von einer >Dienstanweisung<. Eine Druckschrift, die die Männer ebenso interessiert verschlingen wie Ihr immer wieder in der Bibliothek verlangtes und ausgeliehenes Buch.«

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"Nur" ein relativ kleiner Auftrag

»Kann denn die Wehrmacht ein solches Buch ... Ich meine - ist das nicht absolut stilwidrig?«
»Zerbrechen Sie sich darüber nicht unsere Köpfe. Wir würden Sie einweisen, und dann werden Sie uns eine solche Broschüre bestimmt in wenigen Wochen schreiben.«
»Und meine Arbeit für den Verlag?«
»Wird davon nicht berührt. Sie sind doch, wie wir wissen, für den Verlag UK gestellt, also unabkömmlich. Sie brauchen Herrn Kapeller also nur zu sagen, Sie hätten einen relativ kleinen Auftrag - eine geheime Dienstsache - für uns zu erledigen. Gibt es Schwierigkeiten, schalten wir uns ein.«

Das alles lief in einer so angenehmen Atmosphäre ab, daß ich gar nicht anders konnte, als mich bereitwillig (und sehr erleichtert) zur Verfügung zu stellen.

Dienstausweis vom Luftfahrtministerium

Ein paar notwendige Formalitäten, ich erhielt einen Dienstausweis, und schon am nächsten Morgen fuhren Dr. Schröter und sein Assistent Plinger mich hinaus in die S- und I-Stelle Reinickendorf.
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Die S- und I-Stelle Berlin Reinickendorf

Was in diesem Zusammenhang das S bedeutete, weiß ich nicht. Vermutlich Sammelstelle. Das I stand jedenfalls für Instandsetzungsstelle. Dort wurden die Geräte also technisch überwacht und repariert. Ein großer, technisch hervorragend ausgestatteter Betrieb mit ein paar hundert Leuten, alle in Uniform. Ich war - und blieb - der einzige Zivilist.

Eine präzise Schulung - jedenfalls für den Fachmann

Und nun wurde ich - wie alle Soldaten - von einem Unteroffizier eingewiesen. Ich saß endlich wieder auf der Schulbank. Um mich herum etwa zwanzig junge Soldaten der Luftwaffe. Der Kursus dauerte vier Tage. Der Unteroffizier gab eine präzise Darstellung der ganzen Anlage. Ich fand daran nicht das geringste auszusetzen.

Erst als einer der >Schüler< nach Abschluß des Unterrichts aufatmend sagte: »Endlich haben wir den theoretischen Quatsch hinter uns!« kamen mir Bedenken. Quatsch war das ganz bestimmt nicht gewesen, sondern die minutiöse Darstellung einer hochmodernen Technik, mit der sich großartige Erfolge erzielen ließen.

Es war den allen nur "zu hoch"

Ich setzte mich mit ein paar anderen Schülern zusammen und stieß bei allen auf dasselbe Unbehagen. »Uns zu hoch! Der soll uns bloß sagen, was wir zu machen haben - und dann funkt das auch!«

Da lag der Haken: Dann funkte es eben nicht! Denn wie kann man an einer Tätigkeit interessiert sein, die man nicht versteht?

Rücksprache mit Dr. Schröter

Ich ging zu Dr. Schröter und sagte ihm meine Ansicht. »Das habe ich erwartet. Erzählen Sie den Burschen meinetwegen, was Sie wollen - machen Sie es so spannend wie in ihrem Buch, packen Sie sie -, dann geht das alles glatt!«

Packen Sie sie ... Leichter gesagt als getan, denn das waren alles - bis auf einen Berliner Abiturienten - harte Burschen, die den ganzen Dienst lieber heute als morgen hingeschmissen hätten.

Ich habe diese Aufgabe sehr ernst genommen, denn hier ging es ja um den Schutz der Zivilbevölkerung. Schließlich fand ich die Lösung. Nicht in einer Broschüre oder einer Art Fibel, sondern in einer Anweisung für die unterrichtenden Unteroffiziere, ihre Vorträge interessanter zu machen.

Ein Unteroffizier schrieb dann seinen Vortrag nieder

Ich habe dann etwa ein dutzendmal vor solchen >Lehrern< gesprochen und ihnen den Unterschied zwischen der bisherigen nackten Sachdarstellung und einem lebendigen, jedermann fesselnden Vortrag klargemacht.

Ergebnis: Die Lehrer gingen fast ausnahmslos freudig mit - und die auszubildenden jungen Männer erst recht. Einer dieser Unteroffiziere - ein besonders begabter junger Ingenieurstudent - schrieb dann seinen eigenen ausgezeichneten Vortrag nieder und gab ihn als Unterlage an seine Kollegen weiter.

Doch mir ist viel mehr aufgefallen

Mir war bei der Beschäftigung mit dem Funkmeßgerät - es hieß > Würzburg < - verschiedenes aufgefallen, was man wohl besser machen, wie man nicht nur die Hälfte des Bedienungspersonals einsparen, sondern auch wesentlich schneller wesentlich genauere Richtwerte für das Geschütz liefern könnte.

Und dann stellte ich Fragen :

Ich sagte nicht: Man müßte, man sollte, man könnte, sondern kleidete meine Vorschläge in Fragen: Weshalb macht man das so und nicht anders? Vor allem, weshalb packt man das riesige Kommandogerät (des Würzburg) - eine etwa einen Kubikmeter große zentnerschwere Rechenmaschine (heute würde ein zigarrenkistengroßer Computer das besser und schneller machen) - nicht gleich mit dem Funkmeßgerät auf eine Lafette? Dann fallen doch alle Übertragungsfehler zwischen den beiden Lafetten weg.

Dann solle ich doch eines bauen . . . .

Erstaunte Gesichter, Gesichter, die immer ernster wurden und Überlegungen, die schließlich dazu führten, daß man mir den Auftrag gab, ein solches Gerät schnellstens zu entwickeln, zu konstruieren und zu bauen.

  • Anmerkung : Es ging eigentlich nur um das Modifizieren des vorhandenen Gerätes - aus 2 Einheiten eine Einheit zu machen.


Ich erschrak. Ich sollte so ein großes, kompliziertes Gerät bauen? Wie und wo und mit welchen Mitteln? »Nein, nein, bitte nicht! - Ich bin nur ein Schriftsteller!«

Sie bekommen alles, das Sie brauchen

»Wir stellen Ihnen ein paar gute Mechaniker und alle nötigen Meßeinrichtungen von der S- und I-Stelle Reinickendorf zur Verfügung und außerdem für alles, was Sie brauchen, die höchste Dringlichkeitsstufe, denn Ihr Vorschlag ist grandios ...«
»Ja und wo soll ich... Um Himmels willen - etwa in meinem Haus...?«

Die Antwort der beiden warf mich um. Sie sagten - als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt: »Im Nachbarhaus.«
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Ja, »Im Nachbarhaus.«

Jetzt muß ich etwas nachholen, was ich bisher als unwichtig beiseite gelassen habe. Legen Sie doch bitte einmal zwei Streichholzschachteln mit ihren Reibflächen nebeneinander. So - und nun verschieben Sie bitte die rechte Schachtel um die Hälfte nach hinten.

Gemacht? Gut, dann ist die linke Schachtel mein Haus in der Schorlemer Allee, und die rechte Schachtel das Haus in der Spilstraße, denn beide Häuser stehen direkt an dieser Kreuzung.

Sie erinnern sich, daß in meinem Nebenhaus Fritz Langs erste angetraute Ehefrau, die Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin Thea von Harbou gewohnt hatte. Eine eigentlich naheliegende Verbindungstür zwischen beiden Häusern hat es seltsamerweise trotzdem nicht gegeben.

Mein Nachbar Hans Söhnker machte Karriere

Das leere Haus mietete ein aus der Provinz kommender Filmstar: Hans Söhnker. Er schauspielerte nicht nur, er hatte auch eine hübsche Stimme und sang damit eine Zeitlang in vielen Filmen. Ich ernannte ihn zum Hof- und Kammersänger, denn - das Toilettenfenster des nach hinten verschobenen Hauses ging direkt auf den grasbewachsenen Hof hinter meinem Haus. Und dort hörte ich dann, wenn er auf dem Throne sitzend den Schlager, den er in seinem nächsten Film zu singen hatte, zum besten gab.

Hans Söhnker machte Karriere, das heißt Geld, und zog schon nach zwei Jahren in eine eigene standesgemäße Villa.

Dann stand es leer.

Mein Nachbarhaus stand leer, bis ein Darmhändler aus Hannover es kaufte. Er bewohnte es mit seiner stattlichen blonden Frau etwa vier Jahre, dann gab er seinen Geist und seine Witwe das Haus (der Satz ist ein Witz!) auf. Ich kaufte es.

Und das war gerade geschehen, als ich den Herren aus dem RLM dummerweise den Vorschlag zu einem neuen >Würzburg< machte und auf den Raummangel in meinem Hause hinwies.

"Sie" vom Luftfahrtministerium wußten "alles" !

Sie wußten es. Woher, wissen die Götter. Sie wußten sogar, wieviel ich jeweils auf der Dresdner Bank am Breitenbachplatz hatte, denn als ich einmal sagte, jetzt hätte ich schon über 100.000 Mark verbuttert, meinten sie seelenruhig, ich hätte ja noch genügend Reserven, um ihnen und mir unnötige und lästige Zwischenrechnungen ersparen zu können.

Aha! werden Sie jetzt denken: Woher die das wohl wußten? Ich weiß es nicht. Sie wußten es ...
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  • Anmerkung : Aus diesen Vorkommnissen wird ersichtlich, in der NS-Zeit gab es für NSDAP, Wehrmacht, SS, SA und Gestapo keinerlei Geheimnisse mehr, schon gar nicht das Bankgeheimnis.

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Ende 1944 war es fertig, der Krieg dann aber auch

Also: Ich baute das Gerät, investierte etwas über 250.000 Mark - und das waren damals noch Mark! -, es wurde gegen Ende 1944 fertig, ging zur Erprobung an die S- und I-Stelle, hohe und höchste Dienststellen einschließlich General von Axthelm und Generaldirektor Rottgart von Telefunken erschienen, um mein FK1 zu besichtigen, zu erproben und abzunehmen. Es bestand alle Examen - und Telefunken erhielt den Auftrag, diesen Typ anstelle des >Würzburg< in die Fabrikation zu nehmen.

Die Firma Telefunken forderte alle Zeichnungen und Berechnungsunterlagen an, nahm das Gerät auf ihre Reißbretter, und ... ehe es zur Fabrikation kam - jetzt bin ich aber meiner Zeit ganz schön vorausgelaufen! -, war der Krieg zu Ende.

Doch das ist nun wieder ein Kapitel für sich, denn bis es soweit ist, passiert noch allerlei.

  • Anmerkung : Hier ist der Autor Rhein am Jahresende 1944 angekommen und das deutsche Radargerät Würzburg mit seiner 50cm Technologie war gegenüber den neuen englischen und amerikanischen Radargeräten auf der 2cm Technologie hoffnungslos veraltet und sowieso von den Engländern bereits sorgfältig analysiert worden. Es hätte am Kriegsverlauf überhaupt nichts geändert.

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