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Eduard Rheins Buch über sein Leben (1990)

Der langjährige Chefredakteur der HÖRZU schreibt über sein Leben, seine Jugend, seine Zeit in Berlin bis 1945, den Wiederanfang 1946 und die Zeit im Springer-Verlag in Hamburg. So sind es fast 480 Seiten, bei uns im Fernsehmuseum etwa 120 Kapitel, in denen so gut wie alle "Größen" dieser Zeit vorkommen. Und er schreibt als 90jähriger rückblickend über die Zeit und sich selbst. Darum lesen Sie hier natürlich seine Sicht der Ereignisse bzw. "seinen Blick" teilweise durch die "rosarote Brille". Das sollte man beachten und verstehen. Die Inhaltsübersicht finden Sie hier.

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Kapitel 88
HÖR ZU und der Erfolg ohnegleichen

Und dann bekam ich erst richtig zu spüren, was ich mit diesem, meinem dritten Roman angerichtet und im Drang der Arbeit gar nicht mitbekommen hatte.

Die Auflage von HÖR ZU war auf eine Million gestiegen! Und das in einem Tempo, das einigen Stellen unseres Hauses erhebliches Kopfzerbrechen verursachte. Mit einer solchen Massenauflage - und vor allem mit einer so rasanten Entwicklung - hatte niemand gerechnet ... außer mir. Ich hielt das und noch viel mehr für selbstverständlich. Szimmetat stöhnte, denn diese Papiermassen rechtzeitig bis ins letzte Dorf zu schaffen war eine harte Aufgabe.

Eine Million - eine stolze Zahl

Eine Million - das ist eine stolze Zahl, und da ich gelernt hatte, daß Erfolgsreklame die wirksamste Reklame ist, ließ ich Mecki auf der Titelseite in Riesenlettern verkünden, was keiner für möglich gehalten hatte und was vor allem die Konkurrenz überraschte:
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Eine Million Auflage

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Springer legte er den Arm um meine Schultern

Ich ließ mir vom Druckereimeister sagen, wann das millionste Exemplar aus der Maschine käme, und bat Springer zu dieser Zeit für eine kleine Feier in die Druckerei. Der Drucker nahm das millionste Exemplar aus der Maschine, gab es mir, und ich reichte es an Springer weiter. Ein Blick auf die Titelseite sagte ihm genug. Springer nahm es mit der Miene eines Triumphators entgegen.

Nachdem er den Druckern eine Runde spendiert und ein paar freundliche Worte gesprochen hatte, gingen wir langsam zurück. Dabei legte er den Arm um meine Schultern und sagte: »Mein Gott - eine Million - wer hätte das zu hoffen gewagt!«

Planen wir geichmal die 2.Million

»Wenn ich weiterhin so selbständig arbeiten kann wie bisher, schaffe ich auch die zweite.« Das klang gewagt, denn die BERLINER ILLUSTRIRTE hatte es in Hitlers >Großdeutschem Reich< nur einmal auf stolz verkündete zwei Millionen gebracht, diese Auflage aber schon bei der nächsten Ausgabe nicht mehr halten können. Und da wollte ich das in unserem winzigen Reststaat schaffen...?

Verrücktheit oder Größenwahn!

Axel Springer blieb überrascht stehen, sah mich mit einem Blick voll Skepsis und - Bewunderung an und sagte: »Edu, wenn Sie das schaffen, können Sie von mir verlangen, was Sie wollen.«
»Axel, das ist ein großes Wort!«

Und Springer: »Aber zwei Millionen sind auch eine große Auflage.«

Kapitel 89
Das Geheimnis der Romanerfolge

Die Konkurrenz - Verleger und Journalisten - hatte der Erfolg meines ersten Nachkriegsromans nicht ruhen lassen.

>Ein Zufallserfolg<, schrieb und dachte man damals; da ist einem einmal eine gute Geschichte eingefallen, und die hat der Rhein dann gründlich ausgeschlachtet.

Man sprach von raffinierter Mache, behauptete zu wissen, daß der Roman von einer ganzen Journalistengruppe geschrieben und die Figuren von ihnen wie auf einem Schachbrett hin und her geschoben würden. Manche warfen, wie immer in solchen Fällen, gleich mit dem Wörtchen Kitsch um sich und taten alles, um meinen Lesern den Roman zu verleiden.

Das Gehirn sei ein Faß mit begrenztem Inhalt

Sie taten es vergebens. Je mehr sie über den Roman herfielen, um so mehr wurde er gelesen. Was erst, wenn damals auch nur einer von ihnen gewußt hätte, daß ich den Roman zweimal verlängert hatte. Das mußte doch ein übles Machwerk sein!

Als ich Walther von Hollander - der den Roman von Fortsetzung zu Fortsetzung gelesen hatte - beim Schluß verriet, daß ich ihn während des Erscheinens zweimal verlängert hatte, schüttelte er ungläubig den Kopf: »Sie haben eine beneidenswerte stoffliche Phantasie. Fürchten Sie nicht, daß Sie sich dabei allzuschnell verbrauchen - wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt? Das ist doch Raubbau!«

Ich verehrte Hollander, aber was er da ernsthaft befürchtete, verstand ich einfach nicht. Ich wußte, daß ich eine immense Phantasie hatte, aber daß das Gehirn ein Faß mit begrenztem Inhalt sei - das leuchtete mir nicht ein, und dagegen sträubten sich auch meine biologischen Kenntnisse. Schließlich waren in meinem Kopf schon während der Arbeit an meinem letzten Roman die komplett ausgebauten Grundhandlungen für drei weitere Romane entstanden ...!
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Soll man das wirtschaftlich oder künstlerisch bewerten ?

Den wirtschaftlichen Erfolg des Romans konnte auch der Böswilligste nicht bestreiten! Aber wie war er künstlerisch zu bewerten? Das Institut für Demoskopie Allensbach schrieb uns am 17. 8. 1950:

  • »Es war uns bei allgemeinen und speziellen Leserumfragen aufgefallen, wie niedrig die durchschnittliche Lesebeteiligung für Fortsetzungsromane ausfiel. Im Zusammenhang damit ergaben sich Anzeichen dafür, daß die Dinge für HÖR ZU günstiger zu liegen schienen. Eine neuerliche Umfrage aus dem Juli 1950 zeigte nun, daß HÖR ZU mit dem gegenwärtig laufenden Roman (>Ein Herz spielt falsch<) einen Rekord erreicht hat, d.h., daß es keine andere illustrierte Zeitschrift gibt, deren Roman von der jeweiligen Leserschaft nur in annähernd vergleichbarem Umfang gelesen wird.
    Wir glauben bemerkt zu haben, daß Sie die Romane für HÖR ZU systematisch entwickeln, d. h. nach bestimmten Grundsätzen vorgehen, um das Interesse der Leser zu erwecken und festzuhalten. Wir werden es daher weiter beobachten.«

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"Verhängnisvolle" Auswirkungen

Wie >verhängnisvoll< sich der Roman in Firmen auswirkte, zeigt ein Brief des DUISBURGER GENERALANZEIGERS, in dem es heißt:

»Interessieren wird Sie übrigens, daß gestern unser Buchhaltungschef zu mir kam und sich darüber beschwerte, daß er seine Angestellten dabei erwischt hätte, wie sie während der Dienstzeit HÖRZU-Romane lasen, und zwar meist eingelegt in höchst wichtige und aktuelle Schnellhefter. Man verschlingt geradezu die jeweilige Fortsetzung. Einen solchen Roman suchen wir für unsere Zeitung.«

Eigentlich war es Lob ohne Ende

Briefe dieser Art erreichten uns fast täglich. Leute vergaßen in der Straßenbahn, in Vorortzügen und sogar in der Eisenbahn beim Lesen des Romans das Aussteigen. Ein Leser hat daraufhin allen Ernstes verlangt, wir sollten ihm wenigstens die entstandenen Fahrtkosten erstatten. Das haben wir lachend getan.

Mehr als vier Millionen Menschen gefesselt

Die SCHLESWIG-HOLSTEINISCHE TAGESPOST schrieb in ihrer Ausgabe vom 1. Dez. 1950:
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  • »Bei diesem Roman kommt man nicht in Verlegenheit, wie man ihn lobend ankündigen soll, damit recht viele Leser danach greifen. Als Vorabdruck in der größten illustrierten Zeitschrift hat er neun Monate lang mehr als vier Millionen Menschen gefesselt.

    Was macht diesen Roman so anziehend, der in einer erschütternden Liebesgeschichte Menschen unserer Tage darstellt -gleichsam, als wären sie in einem Brennglas gefangen? Wer dieses Buch liest, legt es nicht wieder aus der Hand, ohne innerlich gepackt zu sein. Diesem Ton echter Aufgeschlossenheit dem Leben gegenüber kann sich niemand entziehen. Die Geschichte von der Wandlung eines jungen Mannes, der sich aus materieller Sucht an das Schicksal einer vermögenden, aber unheilbar kranken Frau kettet, um dann im Wettlauf mit ihrem Tod zur Liebe zu ihr >ge-heilt< zu werden, ist grandios und spannend aufgebaut, dabei wahr und unpathetisch. Die Gestaltungskraft des Autors verrät ein feines Einfühlungsvermögen in komplizierte seelische Vorgänge.

    Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die außergewöhnliche Beobachtungsgabe oder den Reichtum an Episoden von erstaunlicher Blutfülle.«

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In einer NWDR Sendung im Nov. 1950

In einer großen Sendung des Nordwestdeutschen Rundfunks vom 28. 11. 1950, die sich mit den Zeitschriftenromanen ganz allgemein auseinandersetzte, heißt es u.a.:

  • »Dieser Roman ging über mehr als vierzig umfangreiche Fortsetzungen. Er lief also länger als ein Dreiviertel]ahr, und die Leser waren offenbar sehr erbittert, als er plötzlich mit dem unvermeidlichen Schicksal der Sybilla van Boven zu Ende ging; sie wären, wie es schien, noch lange mitgegangen.

    >Ein Herz spielt falsch<, der Roman eines Verfassers, dessen Name nie zuvor gehört wurde, war unzweifelhaft der durchschlagendste Erfolg, den ein Konsumroman in der Nachkriegszeit erzielt hat.

    Allem Anschein nach ist die Geschichte von Peter van Boven und Sybilla Zander keineswegs ein Zufallserfolg. Dieser Roman ist mit viel System und mit starkem psychologischem Einfühlungsvermögen konstruiert worden. Analysiert man ihn und vergegenwärtigt man sich sein außergewöhnliches Echo, so kann man verschiedene Rückschlüsse auf die Lesermentalität dieser Jahre gewinnen ...

    In diesem Roman ist jede Szene überlegt und konsequent fortgeführt. Vielleicht darf man gar nicht mehr von einem Roman sprechen, denn er baut viel mehr auf dem Fundament des Tatsachenberichts auf als auf schriftstellerischer Intuition. Er ist Beobachtung, biographische Reportage - und wo er erdichtet wurde, da geschah auch diese Erdichtung gleichsam unter Kontrolle der Realität.

    Die Zeitschrift, die diesen Roman herausgebracht hat, liegt heute an der Spitze der großen Auflagen: Sie setzt Woche für Woche mehr als eine Million Exemplare ab. Die Behauptung, daß ihr Aufstieg zum großen Teil durch die für ihre Leser geeigneten Konsumromane erreicht wird ... dürfte kaum zu widerlegen sein.

    Dieser Roman grenzt heute - in seiner inzwischen hochentwickelten Thematik und Form - nicht nur an den Tatsachenbericht, sondern ebenso eng an die wirkliche Literatur.

    Freilich grenzt er nun nicht auf einmal an die >Wahlverwandtschaften<, wohl aber an jene Literatur, die wir mit dem Konsumroman ... allein sinnvoll vergleichen konnten. Und zweifellos bedeutet diese Nachbarschaft eine Chance für die gute Literatur, soweit sie ebenfalls die Elemente der Planung, der sinnlichen Erregung und der krisenhaften Zeitatmosphäre enthält. Dies gilt natürlich erst recht, seit es diese Literatur nun ebenfalls im Rotationsdruck gibt. Es ist wirklich eine merkwürdige Situation: Am Ende bedurfte es erst der Entwicklung des Konsumromans und seines Erfolges, ehe die Millionen Leser und die Autoren wirklicher Literatur wieder den Anschluß aneinander finden konnten ...«

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Hans-Ulrich Horster weiß, was Menschen bewegt.

Soweit auszugsweise der NWDR. Und was sagt ein weltweit anerkannter erfolgreicher Schriftsteller wie Friedrich Dürrenmatt dazu?
»Hans-Ulrich Horster ist vielleicht kein Dichter und will es vielleicht auch gar nicht sein, aber er weiß, was Menschen bewegt.«

Wie sehr der Erfolg meiner HÖR ZU-Romane die Konkurrenz beunruhigt hat, beweist folgender Brief des Gründers und damaligen Chefredakteurs von BRAVO, Peter Boenisch:

Lieber Eduard, anbei die Fotos zu Bravo. Peter H. Boenisch

Ich will keine Filmfiguren, sondern Menschen wie Du und ich. Man muß sie mit den Händen greifen können - wie bei H. U. Horster, wie bei Rheinin HÖRZU !


Der STERN machte sich die Sache einfacher :

Der STERN machte sich die Sache einfacher: Er stellte fest, wer sich hinter dem Pseudonym Horster verbarg - und engagierte ihn mir für viel (!) Geld weg. Den Horster zu finden war ja kein Kunststück, denn fast jeder meiner Romanredakteure hatte mit dem einen oder andern Roman zu tun gehabt, und der Erfolg hat bekanntlich viele Väter. Manche Maler und Bildhauer der Geschichte haben Mitarbeiter und Schüler gehabt... aber einige wurden nur Fälscher.

Der STERN hatte mit allen vermeintlichen Horsters kein Glück und konnte den echten Horster auch nicht im geringsten schwächen, indem er ihm die falschen wegengagierte.

Über einen besonders selbstbewußt auftretenden und anspruchsvollen Mitarbeiter meiner Romanredaktion, den er mir als letzten für sehr viel Geld abwarb und der nun wirklich der >ganz echte Horster< sein wollte, berichtete der Inhaber des Verlages Richard Gruner lachend in einem Freundeskreis (u. a. Peter Boenisch und Frau) auf Sylt:

»Ja, und gerade der hat sich als unser größter Reinfall erwiesen.«
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Eine Erzählung, die Millionen lesen

Der Wirbel um die HÖR ZU-Romane führte dazu, daß sich sogar der Verband deutscher Autoren mit ihnen beschäftigte. Was lag da näher, als sich direkt an einen meiner Romanautoren zu wenden und ihn um eine klärende Stellungnahme zu bitten.

Hans Rudolf Berndorff schrieb u. a.:

  • »Für jeden, der sich unter uns begeben will, gibt es eine Grundvoraussetzung: Er muß gern erzählen. Er muß im Grunde ein arabischer Märchenerzähler sein. Wenn er erzählt, muß er die Empfindung haben, daß Millionen gespannt an seinen Lippen hängen und ihm fasziniert zuhören. Er muß an seinen eigenen Gestalten Freude haben und seine Handlungen glauben.

    Eine Erzählung, die Millionen lesen, soll man mit der linken Hand und eiskalt lächelnd machen können? Das soll mal einer versuchen! Es ist übrigens wirklich sehr merkwürdig, daß man immer vergißt, daß schon Balzac nach dem gleichen Rezept gearbeitet hat.«

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Die Antwort darauf

Und Walther von Hollander antwortete darauf:

  • »Die von Ihnen zitierten Arbeiten von Hans-Ulrich Horster - das muß ich jetzt ausdrücklich sagen - finde ich mit kleinen Einschränkungen ausgezeichnet. Sie verraten in der Tat eine ungewöhnliche Lust am Fabulieren, eine sehr sorgfältige Arbeit, und sie haben ja auch jene Anziehungskraft entfaltet, von der die Redakteure aller Illustrierten träumen. Eine Anziehungskraft, die bisher von keinem anderen Roman anderer Illustrierten erreicht worden ist. Ich bewundere diese Fähigkeiten, die ich nicht habe und nicht haben kann.«

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Ich brauchte nichts weiter als gute Romane

Man hat viel über das in Wirklichkeit gar nicht existierende Geheimnis der HÖR ZU-Romane gerätselt, denn der Erfolg war durchweg sehr viel größer als der aller anderen Zeitschriftenromane, obwohl einige sogar von denselben Autoren geschrieben worden waren.

Dabei war es doch ganz einfach: HÖR ZU-Romane wurden bis auf wenige nicht eingekauft, sondern vorher mit den Autoren sehr eingehend Folge für Folge geplant und geschrieben; teilweise nach meinen Ideen.

Ich habe dabei - wie im Fall Erich Kiesel - nie meine Nennung als Mitautor oder einen Teil der Rechte beansprucht. Daß auch große Autoren wie der sehr eigenwillige Karl Unselt zu einer solchen Zusammenarbeit gern bereit waren beweist die Tatsache, das er drei große Romane für HÖR ZU geschrieben hat. Und Erich Ebermayer den Roman >Stürmischer Frühling<.

Als Jurist war er gewohnt, alles vertraglich genau festzulegen. Zu meiner Verwunderung erhielt ich wohl deshalb von ihm eines Tages ein Schreiben, in dem er mir »für meine Mitarbeit bei Entwurf und Niederschrift des Romans die Hälfte aller Filmrechte« zusicherte. Ich antwortete ihm, daß ich keinerlei Einnahmen und Rechte aus diesem Roman beanspruchen wolle. Mir war es genug, wenn ich gute Romane bekam.

Ein Zeitschriftenroman unterliegt anderen Gesetzen

Weshalb war denn eine so enge und zuweilen menschlich recht schwierige Kopplung mit den Autoren notwendig? Weil der Zeitschriftenroman völlig anderen Gesetzen untersteht als der Buchroman.

Jeder Bühnendramatiker weiß, wie wichtig die Aktschlüsse sind. Er wird sein Drama also so aufbauen, daß bei jedem Aktschluß genügend Spannung besteht, damit die Besucher nicht schon nach dem ersten Akt davonlaufen. Welcher Narr würde ihm das wohl vorwerfen?

In der Operette geht man sogar fast ausnahmslos so weit, das Liebespaar am Ende des zweiten Aktes sich zanken zu lassen, so daß ein Happy-End im dritten Akt so gut wie unmöglich erscheint.

Wie das den Autoren dann doch noch gelingt, grenzt oft ans Märchenhafte. Ich selber habe dieses Spiel, um es zu karikieren, in meiner Operette so weit getrieben, daß vor dem dritten Akt gleich drei Pärchen rettungslos auseinanderdividiert sind.

Jede Woche ein >Fortsetzung folgt<

Und was bedeutet das für den Zeitschriftenroman? Hinter jedem >Fortsetzung folgt< liegt eine ganze Woche. Jede Folge muß also wie ein guter Aktschluß enden. Die Handlung ist demnach so zu führen, daß der Leser nicht >wegläuft<, sondern hübsch im Theater bleibt und auf den nächsten Akt, d. h. auf das nächste Heft gespannt wartet.

Daß diese Forderung nur sehr schwer erfüllbar ist und ein ungewöhnliches Maß an stofflicher Phantasie voraussetzt, wenn eine psychologisch sauber durchgeführte und immer wieder spannende Handlung zustande kommen soll, liegt auf der Hand.

Was ich für den "Zeitschriftenroman" gesagt habe, gilt nicht für den "Zeitungsroman". Er kann zwar auch nicht - wie man das immer wieder erlebt - einfach wie eine Wurst in Stücke geschnitten werden, aber da hier die Pausen sehr viel kürzer sind, genügt meist eine redaktionelle Bearbeitung des Übergangs.

Die Handlung des Zeitschriftenromans muß schon bei der ersten Planung einen sehr langen Atem haben: Magere Grundideen oder Kurzgeschichten lassen sich nicht ungestraft auswalzen.

Wenn er nicht von der Hälfte aller Käufer gelesen wird

Ein Roman, der nicht von der Hälfte aller Käufer gelesen wird, ist für die Zeitschrift eine schwere Belastung, denn er frißt kostbaren Raum für wertvollen anderen Lesestoff und mindert damit die Zugkraft und Beliebtheit einer Zeitschrift, statt sie zu erhöhen.

Die Entscheidung für einen Roman wiegt also schwer und setzt eine sichere Einschätzung des Leserkreises voraus. Da helfen auch die so beliebten Leserumfragen nichts, denn Goethe sagt: »Wenn Ihr's nicht fühlt, Ihr werdet's nicht erjagen ...«

Ich wandelte diese Worte ein bißchen um: »Wenn Ihr's nicht fühlt, Ihr werdet's nicht... erfragen!«

In den zwanzig Jahren habe ich vierzehn Romane geschrieben

In den zwanzig Jahren meiner Tätigkeit als Chefredakteur habe ich vierzehn Romane geschrieben; zehn unter dem Pseudonym Hans-Ulrich Horster, vier unter anderen Namen, um festzustellen, ob es nach dem sensationellen Erfolg nur der Name war, der zog. Der Erfolg war immer der gleiche!

Es ist verständlich, daß mir bei dem Arbeitstempo, in dem ich die HÖR ZU-Romane nebenbei schreiben mußte, ab und zu kleine Fehler unterliefen. So zum Beispiel, daß ich den Namen einer Nebenfigur anders schrieb. Solche Fehler wären ohne Hilfe meiner Romanredaktion sicher öfter vorgekommen.

Es gab auch peinlicher Fehler

Ein besonders peinlicher Fehler unterlief mir einmal bei der Haarfarbe einer Hauptfigur. Ich hatte sie in einer der ersten Folgen als brünett geschildert, ließ sie aber zehn Folgen später mit einem leuchtenden Blond auftreten. Keiner meiner Romanredakteure hatte es gemerkt, obwohl alle charakteristischen Merkmale jeder Figur registriert waren.

Bemerkt haben es aber meine Leserinnen! Es hagelte Leserbriefe: »Ist sie nun brünett oder blond?« Wir veröffentlichten einen solchen Brief und ließen Horster dazu antworten: »Sie haben recht; ich habe das auch mit Erstaunen bemerkt. Die Dame hat sich inzwischen wohl aus modischen Gründen blondieren lassen.«
Und abschließend die Redaktion:
»Na, na, ob das nicht eine Ausrede unseres Autors ist?«

Sehr schwierig : Kürzen oder verlängern

Ich sagte schon, daß alle Fortsetzungen beim Zurechtmachen für HÖR ZU teils etwas gekürzt, und was für die Redakteure viel schwerer war, teils auch um ein paar Zeilen verlängert werden mußten. Ich konnte mich damit nicht befassen, sah aber manchmal mit still ertragenem Kummer das Resultat.

In die Buchausgabe durften solche >Verschandelungen< selbstverständlich nicht einfließen. Ein besonders tüchtiger Redakteur mußte nun anhand des oft nur schwer lesbaren, verdreckten und von den Setzern in Stücke geschnittenen und auf mehrere Setzmaschinen verteilten Manuskriptes die Urform wiederherstellen. Dabei sollte er allerdings echte Verbesserungen, die durch Kürzen oder Verlängern entstanden waren, in die Buchausgabe übernehmen. Eine heikle Aufgabe, die mit einem ansehnlichen Extrahonorar vergütet wurde.

Über das Redaktionsgeheimnis plaudern

Klar, daß die Herren der Romanredaktion immer schon zwei Wochen vorher wußten, was in den folgenden Wochen passierte, und sich das >Redaktionsgeheimnis< im Freundeskreis oft entlocken ließen. Einige machten sich daraus einen Spaß und erzählten haarsträubende Entwicklungen, andere ließen geheimnisvoll durchblicken, daß sie selber die eine oder andere Fortsetzung geschrieben hätten.

Lö war in dieser Hinsicht am einfallsreichsten: »Den Roman schreibe ich, aber wegen der Steuer unter einem Pseudonym.« Als die erste Buchausgabe erschienen war und er das auf der Reeperbahn in besorgniserregender Weise feierte, mußte ich ihn in Gegenwart unseres Justitiars Rechtsanwalt Arning dann doch zur Ordnung rufen und ihn auffordern, diese Angebereien ein für allemal richtigzustellen, denn schon drohte ein neuer Berg von Kneipenschulden.

Mich haben diese menschlich verständlichen Aufschneidereien eher amüsiert. Ernst genommen habe ich sie nicht, denn irgendwelche Ansprüche der Redakteure gab es - wie alle wußten - in keinem einzigen Fall. Weder beim Erscheinen der Buchausgaben noch beim Start der Filme.
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