Artur Brauner's Biografie aus 1976
Artur Brauner's Traum war schon in jungen Jahren, Filmschauspieler zu werden oder einmal selbst Filme zu "machen" - und dieser Traum war so ähnlich wie bei dem Kollegen Will Tremper. Beide waren unter anderem ihre kreativen Ideengeber und ihre Produzenten. Beide hatten aber einen sehr unterschiedlichen Erfolg.
Artur Brauner war der taktische Kopf seiner CCC und hatte auch ein Händchen fürs Geld. Will Tremper hatte die fantastischen genialen Ideen und war darum fast immer kurz vor der Pleite. Beide hatten ihre Ideale und Prinzipien, die sie in ihren Filmen vermitteln und darstellen wollten und konnten und beide entdeckten hier bei uns in Deutschland West viele junge Talente. - Die einführende Seite steht hier.
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Wie ich den polnischen Staat verklagte
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Ein mieser Morgen.
Als der Baron Fürstenberg, ein berühmter und wegen seiner Bonmots berüchtigter Berliner Bankier, an einem trostlosen Novembermorgen von seinem Prokuristen gefragt wurde: »Herr Baron, wissen Sie schon, wer gestorben ist?«, da antwortete er mit düsterer Miene: »Heute ist mir jeder recht . . .«
Genauso ist mir heute. Ein mieser Morgen. Was nicht nur am Wetter liegt. Sondern auch an der Post. Es waren ein paar Briefe dabei! Abrechnungen, Rechnungen, Verrechnungen, Aufrechnungen. Wenn ich daran denke . . . Vielleicht sollte man gar nicht daran denken. Aber wenn ich daran denke . . . Daß zum Beispiel bereits beim Aufstehen genau 49000 DM fällig sind.
Fast fünfzig »Riesen« für Gehälter, Löhne, Mieten, Zinsen, Versicherungen, Sozialabgaben, Spesen, Lebensunterhalt, Frau, Kind und Kegel - liegenbleiben möchte man. Man wundert sich, warum einem das Aufstehen eigentlich nie schwergefallen ist.
Schließlich muß das Geld ja erst einmal da sein. Und mit der Filmerei ist das nicht mehr zu verdienen! Ja, warum um des Himmels willen macht der Mann denn noch Filme ? Diese Frage wird gelegentlich an mich gestellt.
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Warum immer noch Streß mit neuen Leinwandproduktionen ?
Die Frager fragen sich, warum jemand, der auf seinen Lorbeeren ausruhen könnte, sich immer noch dem Streß neuer Leinwandproduktionen aussetzt? Mit all ihren Risiken, Unwägbarkeiten, Ärgernissen, ihrer Ohne-Netz-Arbeit, ihren Unberechenbarkeiten.
In der Tat: Kein Außenstehender kann ermessen, was allein an physischer Kraft und nervlicher Widerstandskraft investiert werden mußte, um als Produzent die wechselnden Zeitläufe lebend zu überstehen. Von der ersten Idee bis zum fertigen Drehbuch - allein diese Entwicklung dauert oft Jahre! -, vom Zustandekommen der Besetzung über die Verhandlungen mit dem Verleih und der Beschaffung der Bankkredite bis zum Drehbeginn: Was alles gehört dazu, um auch nur einen einzigen Film auf die Beine zu stellen.
Filmproduzent, das ist einer der härtesten Berufe der Welt, hart an der Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit. Und einer der riskantesten Berufe dazu: ein einziger Versager, und die Existenz ist gefährdet. Solche Existenzbedrohungen habe ich nicht nur einmal erlebt.
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Zwei Millionen Mark Miese beim »Kampf um Rom«
Am schlimmsten traf es mich bei dem Zweiteiler »Kampf um Rom«, den ich in Coproduktion mit einer rumänischen Firma machte. Es war ein Unternehmen, das bereits bei den Verhandlungen in Bukarest zu scheitern drohte. Der Kosten wegen. Das dann aber in letzter Minute gerettet wurde.
Weil meine Frau eine geniale Idee hatte. Sie gab mir den Rat, den Rumänen als Äquivalent für die noch fehlenden 100.000 Dollar ein Dutzend CCC-Filme von der Güteklasse B zum Vertrieb anzubieten.
Die Rumänen waren's zufrieden, die Verträge wurden unterschrieben, und als wir abends wieder im »Hotel Metropol« waren, küßte ich die beste Ehefrau der Welt auf beide Wangen.
Es waren die teuersten Küsse meines Lebens: Jeder kostete, die Zinsen nicht gerechnet, etwa zwei Millionen Mark. Und das war zu jener Zeit sehr sehr viel Geld. Eine Kette unglückseliger Umstände wie enorme Kostenüberschreitungen, zurückgezogene Garantien, annullierte Vollmachten zeichneten das Desaster bereits vorher an die Wand.
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Was vorbei ist ist vorbei - man nennt es Trend
Der Film selbst konnte nach seinem Start das finanzielle Debakel nicht mehr auffangen. Das lag nicht an seiner Qualität, es lag daran, daß er bereits bei seiner Geburt zu alt war. Die Zuschauer in aller Welt hatten sich an monumentalen Schinken ä la »Kampf um Rom« längst satt gefressen. Wankelmütig, unzuverlässig, unberechenbar wie Kinobesucher nun einmal sind, mochten sie plötzlich wieder die ganz einfache Leinwandkost.
Sie interessierten sich nicht mehr für den »Dr. Doolittle und seine Tiere«, sie gingen in den »Easy Rider«. Dabei war die Besetzung von »Kampf um Rom« gar nicht so übel. Laurence Harvey, Orson Welles, Sylva Koscina, Robert Hoffmann sind schließlich gute Namen. Aber der Trend hatte sich geändert. Was das ist, weiß man: die Grundrichtung einer Entwicklung über längere Zeiträume.
Das Geheimnis, wie lange ein Trend andauert ....
Was man nicht weiß, ist der Zeitpunkt, in dem sich diese Richtung ändert. Wenn man es gemerkt hat, ist es meist zu spät.
Mr. Trend und seine Launen haben mich damals 4 Millionen Mark gekostet, eine Summe, an deren Begleichung ich heute noch herumstottere.
Angesichts all dessen und angesichts der heutigen - bis auf die genannten »Silberstreifen« - trostlosen Situation scheint die Frage berechtigt, warum ich mich nicht längst zurückgezogen habe von einer derart unsicheren Branche. »Nötig« hätte ich es ja wirklich nicht mehr.
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Ich habe ja noch andere Hobbys.
Eines davon ist immobil. Auch wenn es eine schamlose Übertreibung ist, daß die Berliner die Otto-Suhr-Allee in Artur-Brauner-Allee umgetauft haben.
Schließlich existieren meine »Unbeweglichkeiten« nicht nur in Berlin. Spanien und das Tessin sind auch schöne Gegenden. Es geht mir deshalb beim Film nicht mehr ums Geld. (Das Gelächter, das jetzt von Leuten angestimmt wird, die mich zu kennen glauben, quittiere ich gelassen.) Bei einer großen Liebe ist das ja auch nicht der Fall.
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Und der Film ist meine große Liebe!
Man weiß ja, daß sie nicht immer erwidert wird, daß sie Enttäuschungen bringt, schmerzliche Erfahrungen, daß sie zeitweise ohne Hoffnung ist, aber man kann von ihr nicht lassen.
Das steckt im Blut, rumort, wallt auf, ebbt ab, man kann nichts dagegen tun, auch wenn man es möchte. Mit Logik hat es nichts zu tun, mit Vernunft schon gar nicht.
»Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen«, heißt es irgendwo. Dieses Wort ist letztlich die Antwort auf die Frage, warum ich eigentlich immer noch filme. Und es auch in Zukunft tun werde.
Quintessenz - ich mache einfach weiter
In erster Linie wird es sich dabei um internationale Coproduktionen handeln. Mit englischen, französischen, italienischen und deutschen Schauspielern. Mit englischem, französischem, italienischem und deutschem Geld. Mit rein deutschen Stars wäre ohnehin wenig zu erreichen im Zeitalter des Vereinten Europa. Und seien sie hierzulande auch noch so berühmt.
Das Publikum hat sich gewaltig geändert in seiner Zusammensetzung. Ins Kino gehen vornehmlich die Jüngeren, also die zwischen 14 und 40 Jahren. Sagt die Statistik. Und die mögen es international.
Schon die etwas Älteren, sagt ebenfalls die Statistik, sitzen lieber vor der »Glotze«. Sie sind das Kinopublikum von gestern und haben es lieber, wenn man Deutsch spricht, Deutsch singt und Deutsches bringt.
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Keine Filme mehr mit deutschen Schauspeilern
Aus diesem Grunde würde ich es nicht wagen, beispielsweise einen Film mit Peter Alexander zu machen. Oder mit Iwan Rebroff. Oder mit Michael Schanze. Selbst mit Anneliese Rothenberger nicht! Alexanders letzte Leinwanddarbietung (»Hauptsache Ferien«) hat nicht einmal seine Herstellungskosten eingespielt.
Geschweige denn einen Gewinn erzielt. Und das bei einem Mann, der mit seinen TV-Shows über 30 Millionen Menschen vor den Kasten lockt. Aber Fernsehstars sind eben keine Filmstars, und das Fernsehpublikum ist kein Filmpublikum - siehe oben.
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Dreißig Jahre alt wird meine CCC in diesem Jahr (1976).
Eine Zahl, die ich bei der Gründung 1946 nicht einkalkuliert hatte. - Über 200 Produktionen sind seit damals entstanden: erfolgreiche, belanglose, wichtige, erfolglose, wichtige-erfolglose und erfolgreiche-belanglose und auch ein paar wichtige-erfolgreiche.
Darunter sind Filme, auf die ich stolz bin, wie »Der brave Soldat Schwejk«, »Die Ratten«, »Es geschah am hellichten Tag«, und solche, die mich noch nachträglich frösteln lassen, wie »Kampf um Rom«, »Fanny Hill«, »Marquis de Sade«; andere, an denen mein Herz hängt, wie »Der Hauptmann und sein Held«, »Mensch und Bestie«, und die ich mir in meinem Privatkino gelegentlich ganz allein zu Gemüt führe. Wie weiland Ludwig Zwo seine Wagneropern.
Zwei Filme gibt es, die in keine dieser Kategorien passen. Ich selbst nenne sie meine »Existentiellen«, das soll heißen, daß ich sie drehen mußte, wollte ich mich morgens noch ohne Gewissensbisse im Spiegel ansehen.
Der eine ist bekanntlich »Morituri« und der andere »Sie sind frei, Dr. Korczak«. Sie stehen am Anfang und am Ende jenes Bogens, der sich über dreißig Jahre spannt. Unter welchen Umständen »Morituri« entstand, habe ich erzählt, die Geschichte des »Korczak« ist nicht weniger dramatisch.
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Die Geschichte des »Korczak«
Dr. Janusz Korczak war Kinderarzt, Pädagoge und Schriftsteller. Ich hatte in seinen Büchern schon als Kind gelesen, obwohl ich nicht alles verstand, was er mit seinen sozialpädagogischen Ideen sagen wollte. Ich hörte auch regelmäßig seine Sendungen im Warschauer Rundfunk.
Die »Radioplaudereien eines alten Doktors«, in denen er Eltern und Kindern helfen wollte, sich besser zu verstehen, waren in Polen sehr beliebt. Während des Krieges leitete er ein Waisenhaus im jüdischen Ghetto der polnischen Hauptstadt.
Auf einer Fläche von vierhundert Hektar hatte man hier über eine halbe Million Menschen zusammengepfercht. Mit dem Ziel, sie langsam verhungern zu lassen.
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Der Befehl des Generalgouverneurs hieß - Aushungern
»Der Herr Generalgouverneur ist der Auffassung, daß für die jüdische Bevölkerung weitere Lebensmittel nicht zur Verfügung gestellt werden können«, hieß es im Amtsdeutsch der Schreibtischtäter.
Korczak hat versucht, seinen zweihundert Kindern das Leben in der Hölle des Ghettos erträglich zu machen. Er hat für sie um Lebensmittel gebettelt, hat Abfallhaufen durchwühlt, mit Schwarzhändlern gefeilscht, um jedes Stück verschimmeltes Brot gekämpft. Er stärkte auch ihre seelische Widerstandskraft, indem er mit ihnen betete, sie Aufsätze schreiben ließ, ihnen Märchen erzählte, mit ihnen bastelte.
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...., daß ein Gendarm ihren Sohn erschossen hat .....
»Aus Tagebüchern, die mir die Kinder zu lesen geben. Szlama schreibt: >Zu Hause sitzt eine Witwe und weint. Vielleicht bringt ihr der älteste Sohn etwas vom Schmuggeln mit. Sie weiß noch nicht, daß ein Gendarm ihren Sohn erschossen hat. Aber wißt ihr auch, daß bald wirklich alles gut sein wird?<« *1)
*1) .....hier das Zitat : Die beiden Zitate stammen aus zwei Büchern von Janusz Korczak: »Das Recht des Kindes auf Achtung« und »Wie man ein Kind lieben soll«, beide Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.
So berichtet er in seinem eigenen Tagebuch. Freunde hatten es nach seinem Abtransport im Dachboden eingemauert, auf dem man es später durch Zufall fand.
Es ist das, was man ein »erschütterndes Dokument« nennt, und es ist mehr, viel mehr. Es ist eine Botschaft, die wahrhaft menschlich von Banalem und Heroischem kündet.
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Die Passage mit den Fliegen
Wer die Passage mit den Fliegen liest, wird verstehen, was ich meine: Durch den schwärenden Leichengestank im Ghetto war es zu einer Fliegenplage gekommen. Als Arzt wußte Korczak, daß eine Epidemie die unterernährten Kinder hinwegraffen würde. Die Fliegen mußten vernichtet werden. Aber wie? Ganz einfach. Die Kinder sollten sie fangen. Dazu brauchten sie den Anreiz einer Belohnung.
Der Toilettentarif im Ghetto
Er hatte aber nichts, womit er sie belohnen konnte. Oder doch? »Ich habe schließlich einen Toilettentarif festgelegt. 1. Für ein kleines Geschäft muß man fünf Fliegen fangen. 2. Für ein großes - zweiter Klasse (Kübelhocker mit ausgesägter Öffnung) - zehn Fliegen. 3. Erster Klasse - mit Sitz - fünfzehn Fliegen. Einer fragt: >Kann ich nicht später bezahlen? Ich muß so nötig.< Ein anderer: >Mach nur, mach - ich fange sie für dich.< Eine im Isolierraum gefangene Fliege zählt für zwei. >Zählt das auch, wenn eine schon getroffene Fliege wieder fortfliegt ?< Wie das halt so geht. Aber die Fliegen sind weniger geworden. Die Gutwilligkeit einer solchen Schar - das ist eine Macht.«
Das Leben im Ghetto wird immer unerträglicher. Korczak spielt mit dem Gedanken, seine Kinder einzuschläfern, um sie von ihrem Leiden zu erlösen. Er verwirft nach schwerem innerem Kampf den Gedanken, begreift ihn als Mord, verübt an Kranken und Schwachen, an Unwissenden. Er selbst hätte sich retten können. Aber er wollte nicht.
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Igor Newerly, ein Freund schreibt .....
»Bei meinem letzten Besuch im Ghetto hätte er mit mir gehen können«, schreibt Igor Newerly, ein Freund, »denn ich hatte noch einen gefälschten Passierschein bei mir. Er lehnte ab. Mehr noch, er war überrascht. Er hatte ganz einfach nicht von mir erwartet, daß ich ihm einen so nichtswürdigen Vorschlag machen würde - die Kinder angesichts des Todes im Stich zu lassen.« *1) siehe oben
Am 5. August 1942 ist die Stunde gekommen: das Waisenhaus wird geräumt. Die Kinder müssen sich in Fünferreihen aufstellen und marschieren zum Danziger Bahnhof, wo die Transporte in das Vernichtungslager Treblinka abgehen. Die SS-Männer wundern sich, wie ruhig und heiter die Kinder sind. Der Doktor hat ihnen erzählt, daß sie einen Ausflug machen.
Die grüne Fahne, die Fahne ihrer Hoffnung, die er mit einigen von ihnen gebastelt hat, bauscht sich im Wind. Er nimmt ein fünfjähriges Kind auf den Arm, das den drei Kilometer langen Weg nicht mehr schafft.
Auf der Verladerampe tritt ein SS-Offizier auf ihn zu und sagt: »Sie brauchen nicht mit einzusteigen, Dr. Korczak.« Korczak schüttelt stumm mit dem Kopf und klettert in den Viehwaggon.
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Ich wolte dazu beitragen, daß man Janusz Korczak nicht vergißt
Mit meinem Film wollte ich dazu beitragen, daß man Janusz Korczak nicht vergißt. Es gibt wenige Männer in der Geschichte, die sich mit ihm vergleichen lassen. Für mich ist er der humanste, lauterste, tapferste Mensch, der je gelebt hat, ein wirklicher Held.
Unsere Zeit braucht solche Menschen. Sie haben mehr getan für uns als die pp. Kriegshelden, von deren (Un-)Taten die Geschichtsbücher vollgestopft sind. Als ich 1959 an die ersten Vorarbeiten zum Korczak-Projekt ging, konnte ich nicht ahnen, daß ich sechzehn Jahre brauchen würde, um es zu vollenden.
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Für einen Film braucht man einen geeigneten Regisseur
Korczak war Pole. Die Geschichte spielte in Warschau. Ich wandte mich deshalb an »Film Polski« wegen einer Coproduktion. Man war auch sofort interessiert, und wir konnten den Vorvertrag abschließen.
Als Regisseur empfahl sich Altmeister Aleksander Ford, der 1932 mit »Legion der Straße« polnische Filmgeschichte gemacht hatte. Für mich hatte er ja den »Achten Wochentag« gedreht, dem die Ehre zuteil geworden war, vom Ministerpräsidenten Gomulka persönlich verboten zu werden. Weil er »ein falsches Bild der polnischen Jugend zeichne«.
Ford empfahl mir einen Landsmann für das Drehbuch, das sich dann als unbrauchbar erwies. Wir nahmen einen zweiten polnischen Autor - mit demselben Mißerfolg. Ein französischer, ein englischer, ein italienischer Autor wurden nacheinander angesetzt: Fehlanzeige.
Wir holten uns Howard Fast, den bekannten amerikanischen Schriftsteller (»Bürger Tom Paine«, »Die Stolzen und die Freien«, »Spartacus«), engagierten Ben Barzman, der für die Loren »El Cid« geschrieben hatte, beauftragten den tschechischen Dichter Arnost Lustig (»Diamanten der Nacht«) - auf meiner berühmten Fensterbank in der Königsallee, dem Millionenfenster, stapelten sich allmählich zwölf Drehbuchfassungen im Gesamtwert von 350.000 DM.
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Auch Erich Maria Remarque hatte ich angesprochen
Um nichts unversucht zu lassen, setzte ich mich mit Remarque in Verbindung. Erich Maria Remarque, der Autor der Weltbestseller »Im Westen nichts Neues«, »Arc de Triomphe«, »Die Nacht von Lissabon«, müßte der Mann sein. Ich lud Remarque ein, mit seiner Frau, der Schauspielerin Paulette Goddard, nach Berlin zu kommen.
Er war ein Genießer von hohen Graden, und ich wußte, daß er imstande war, wegen eines falschen Gewürzes abrupt ein Restaurant zu verlassen. Wir führten ihn gleich am ersten Abend in Berlins Feinschmeckerparadies, das »Ritz« in der Rankestraße, und tafelten wie einst die alten Römer.
Remarque war rundum zufrieden, ja glücklich. Er hatte den für einen zufriedenen Gourmet typischen Zustand erreicht, der für
Verhandlungen äußerst günstig ist. Ich habe in solchen Momenten schon große Erfolge erzielt. Remarque jedoch ließ sich auch von der abschließend servierten japanischen Kirschblütencreme und einem über hundertjährigen Cognac nicht beeinflussen.
Seine Forderung ließ mich so weiß werden wie das Damasttischtuch: »50.000 Dollar«. Das waren damals 200.000 DM, und ich war nicht bereit, sie zu zahlen. So viel bekomme er in Amerika, meinte er. Mein Hinweis, daß wir nicht in Amerika seien, kommentierte er mit einem Achselzucken.
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Remarque kennengelernt - aber außer Spesen nichts gewesen
Außer Spesen nichts gewesen, konnte man trotzdem nicht sagen. Diesen außergewöhnlichen Mann kennengelernt zu haben, mit seinem Charme, seiner brillanten Gabe der Konversation, seiner Herzlichkeit, war ein Gewinn.
Meiner Frau machte er ein sehr ungewöhnliches Kompliment.
»Schade, Maria, sehr schade, daß Hitler Sie nicht kennengelernt hat«, sagte er plötzlich mitten in der Unterhaltung. Nach einer Weile irritierten Schweigens setzte er hinzu: »Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß er dann noch Antisemit geblieben wäre.«
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Die Dauerpleite der Korczak-Bücher war ungewöhnlich.
Woran lag es? Die meisten waren zu dramatisch, was bei diesem Thema, das bereits so viel Dramatik in sich barg, tödlich war; in einigen tönten aus jeder Zeile Schicksalsmelodien, in anderen war der Doktor zum Übermenschen hochstilisiert.
Keiner der Autoren hatte Dr. Korczak so getroffen, wie er wirklich war: ein Mensch mit Weisheit, Skepsis, Güte, Humor - und ohne Haß.
Wir einigten uns schließlich auf ein Skript, das eine Mixtur aus zwei Fassungen darstellte, die dem Stoff noch am nächsten gekommen waren. Inzwischen schrieb man bereits das Jahr 1965.
Weitere zwei Jahre vergingen im zähen Kampf mit der Warschauer Bürokratie. Um mit (sogenannten) Volksdemokratien ins Geschäft zu kommen, bedarf es der Geduld eines Brahmanen, der Zähigkeit eines armenischen Pferdehändlers und der Cleverness eines New Yorker Börsenjobbers.
Der Weg bis zum Vertragsabschluß ist mit Aktenordnern, Wangenküssen und Trinksprüchen gepflastert. Mein Verdacht erhärtete sich, daß das spanische »hasta mariana - auf morgen« im Polnischen seine Wurzel habe müsse. Denn man wird immer wieder auf morgen vertröstet.
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Anfang 1968 war es endlich soweit.
Der Stab und die Schauspieler waren engagiert. Der Regisseur hatte die erste Hälfte seiner Gage bekommen. Die Kostüme waren fertig, das Negativmaterial abgesandt. Einen Teil des Warschauer Ghettos hatte »Film Polski« vom geplanten Abbruch ausklammern können, damit wir am Originalschauplatz drehen konnten. Ich packte meine Koffer - da traf ein Telex bei mir ein. »Vertragannulliert, da Drehbuch nicht termingerecht eingetroffen«, lautete der Text.
Ich telefonierte. Die verantwortlichen Herren schienen sich geschlossen im Urlaub oder auf Dienstreise zu befinden. Ich schoß Fernschreiben ab, Telegramme, wies nach, daß mir der Drehbuchempfang bereits bestätigt worden war. Ich selbst war nachts dreimal zum Bahnhof Zoo gelaufen, um im Paris-Warschau-Expreß jemanden ausfindig zu machen, der die englischsprachige Fassung des Buches mitnahm.
Ein polnischer Offizier hatte sich dazu bereit erklärt und den Auftrag mit militärischer Pünktlichkeit ausgeführt. Es stellte sich bald heraus, daß die »Terminüberschreitungen« vorgeschobene Gründe waren.
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1967/68 - eine neue antisemitische Welle in Polen
Die eigentliche Ursache lag in einer antisemitischen Welle, die »spontan« mit Beginn des Nahostkriegs 1967 ausgebrochen war und sich unter dem Namen »Antizionismus« staatlicher Förderung erfreuen durfte. Zahlreiche Juden wurden aus führenden Stellungen entfernt, verhaftet oder zur Auswanderung gezwungen. Janusz Korczak war jüdischer Abstammung, und nichts konnte man im Augenblick weniger brauchen als einen Film, in dem ein polnischer Jude der Held war.
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Der juristische Tatbestand war eindeutig
Soweit der politische Tatbestand. Der juristische war eindeutig: Vertragsbruch. Gerichtsort war Warschau. Dr. Herlitz, mein Rechtsberater, studierte den Vertrag, sagte: »Aussichtslos. Begraben Sie die Geschichte.«
»Ich werde doch nicht 550.000 DM begraben (das war die bisher von uns investierte Summe).«
»>Film Polski< ist eine staatliche Gesellschaft. Wollen Sie den polnischen Staat verklagen?« »Das will ich.«
Ich wurde ausgelacht. Nicht nur von den Juristen. Auch von den Osteuropaexperten aller Couleurs.
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Mir egal. Unrecht blieb Unrecht.
Und mir war Unrecht geschehen. Schreiendes Unrecht. So etwas ließ ich mir von niemandem gefallen. Auch von einem Staat nicht. »Brauner als Michael Kohlhaas«, spotteten sie in der Branche. Sollten sie spotten.
Ein zäher Kampf begann. Ich verlangte die Einsetzung eines Schiedsgerichtes. Drei Jahre lang lehnten sie meine Forderung ab. Dann gaben sie nach. Ich durfte sogar einen Beisitzer mitbringen. Ich wählte Dr. Alexander Grüter, den Präsidenten des deutschen Produzentenverbandes.
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Im Herbst 1971 treffen wir in Warschau ein.
Die polnischen Herren verhandeln mit uns, trinken mit uns »subrowka«, essen mit uns »kapusniak«, »potrawkabarania« und »mazurki« (Sauerkraut- Speck-Suppe, Hammelragout mit Sahne, Törtchen aus Mürbeteig), führen uns in »Europejski« und in das nach alten Plänen wiederaufgebaute Gasthaus am Alten Markt, das »Krokodyl«, verabschieden uns mit vielen Sprüchen.
Ergebnis: Außer Spesen, na, Sie wissen schon. Beim nächsten Termin erscheint der Direktor von »Film Polski«, bringt einen Toast auf die deutsch-polnische Freundschaft aus, meint: »Ja, der Korczak, das war ein Mann.«
Ja, warum sie dann nicht den Film über ihn machen wollen? »Ja, warum nicht, warum?« fragt er ehrlich bekümmert. Weitere Termine folgen. Ich nehme mir einen Warschauer Rechtsanwalt, einen erstklassigen Mann. Er beweist seinen Leuten klipp und klar, daß sie im Unrecht sind.
Es ist unnötig. Sie wissen es selber. Na, was will man machen, trinken wir was, singen wir »Noch Tröpfchen, noch Tröpfchen, solange du in der Flasche bist . . .« Ich komme zum sechsten mal.
Eine schöne Stadt, dieses Warschau.
Eine schöne Stadt, dieses Warschau. Wirklich. So langsam wächst sie einem ans Herz. Auch die Leute sind so zuvorkommend. Einmal bietet mir der Chauffeur, der mich vom Flugplatz Okencie abholt, seine Zloty gegen meine D-Mark zum Umtausch. Zu einem Kurs, der selbst einen Schwarzhändler erbleichen lassen würde. Er übertrifft den amtlichen Kurs um das Vierfache.
Ist er ein Wohltäter ? Oder soll ich etwas tun, was verboten ist? Na, wer wird so schlecht denken. Ein anderes Mal steht vor dem Zimmer Numero 235 des Hotels »Europejski« ein Mädchen, das so hübsch ist, daß es sofort zum Film müßte.
Sie will aber nicht zum Film, sondern ins Bett. Mit mir. Weiß sie nicht, daß die Prostitution in ihrem Land verboten ist, daß Dirne und Freier streng bestraft werden? Ich sage es ihr, und sie antwortet (Verdammt, sie ist wirklich sehr hübsch!): »Nur ein schwaches Stündchen, danach alles besser.«
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Nichts ist besser. Aber es wird so langsam ....
Nichts ist besser. Der neue Verhandlungstermin schon gar nicht. Gewiß, wir sind uns inzwischen auch finanziell nähergekommen: von 23.000 über 55.000 auf 98.500 DM Schadensersatz. Nun, 40.000 hat mich inzwischen das Schiedsgerichtsverfahren gekostet, über eine halbe Million hatte ich in das Projekt investiert, was soll ich da mit den Hunderttausend? Schön, nächster Termin im nächsten Jahr.
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Dann wurde ich geheimnisvoll gewarnt, nach Polen zu reisen
Vier Tage vor meinem Abflug im Juli 1972 taucht ein Mann bei mir im Grunewald auf, sagt, daß er mich kenne, stellt sich als alter Berliner vor, tut geheimnisvoll. Er käme gerade aus Warschau, habe dort gesessen wegen eines Devisenvergehens, sein Zellengenosse habe ihm erzählt, daß gegen einen gewissen Brauner etwas im Gange sei, jedenfalls würde der Betreffende gut daran tun, nicht mehr in Warschau zu erscheinen, andernfalls könne es vielleicht Rückreiseschwierigkeiten geben. Er zeigt mir seinen Gefängnisentlassungsschein, meint, daß er es für seine Pflicht gehalten habe, mir das zu erzählen, geht ab.
Ein Bluff? Eine verkappte Drohung, um mich einzuschüchtern? Geschwätz eines Wichtigtuers?
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»Du fährst nicht.«
Ich bespreche es mit meiner Frau. Sie sagt: »Du fährst nicht.« - Ich sage: »Warum soll ich nicht fahren. Ich habe ein reines Gewissen.«
Sie sagt: »Dir geht es doch nur noch darum, recht zu kriegen. Und wenn wir alle darüber kaputtgehen.«
Nachts liege ich wach und denke über ihre Worte nach. Ich weiß, daß Frauen »Antennen« haben. Sie spüren Dinge, die ein Mann nicht merkt, weil er glaubt, ständig logisch denken zu müssen. Maria, die beste Ehefrau der Welt, hat das des öfteren bewiesen.
Als ich »Fanny Hill« produzierte und sie den amerikanischen Coproduzenten kennenlernte, sagte sie: »Mach nichts mit dem Mann. Der Mann ist nicht gut.« Ich fand den Mann sehr gut, machte was mit ihm und fiel bis über beide Ohren 'rein. Sie warnte mich vor den Leuten, die mit mir den »Marquis de Sade« drehten, und ich sagte: »Was redest du da?« Ergebnis: der zweitgrößte Verlust während meiner gesamten Karriere.
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Ich reiste doch nach Warschau .....
Das alles erwog ich, und dann beschloß ich zu reisen. Ich stellte heimlich eine Generalvollmacht aus für Maria, für Henry, meinen ältesten Sohn, und für meinen Justitiar. Um fünf Uhr früh schlich ich aus dem Haus und rief von der nächsten Telefonzelle ein Taxi herbei.
Es gibt Herausforderungen im Leben, denen man sich stellen muß. Tut man es nicht, hat man einen Knacks weg. Man ist für immer gebrochen.
Es ging mir eigentlich darum, daß ich nicht aufgeben wollte. Wenn man einmal aufgibt, gibt es eine Zäsur, und man geht nur noch rückwärts. Wer Ähnliches erlebt hat, wird mich verstehen. In Warschau habe ich dann nicht nur alle Vorsichtsmaßregeln getroffen. Ich habe auch jeden merken lassen, daß ich sie getroffen hatte.
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Der Prozeß endete mit einem günstigen Vergleich.
Der Prozeß endete mit einem Vergleich. Mit einem für mich sehr günstigen Vergleich! Aus den Glückwünschen meiner Prozeßgegner spürte ich, wie froh sie darüber waren, daß mir Genugtuung geworden war. Ein Minister, der inzwischen keiner mehr war, erschien und änderte das berühmte auf Berlin bezogene Wort des Müllers von Sanssouci in den Satz »Oui, si nous n'avions pas des juges ä Warschau. - Ja, wenn es keine Richter mehr gäbe in Warschau.«
Das Projekt »Dr. Korczak« wurde verwirklicht. Wenn auch nicht mehr mit den Polen. Sondern mit den Israelis. Die Uraufführung fand im Oktober 1974 in Tel Aviv statt. Unter der Schirmherrschaft von Golda Meir. Und einige Monate später war die deutsche Premiere in Bonn unter der Schirmherrschaft der Präsidentin des Bundestages.
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Wir drehten im halbzerstörten Görlitzer Bahnhof
Den Abtransport der Kinder in das Vernichtungslager hatten wir in Berlin am alten, halbzerstörten Görlitzer Bahnhof nachgestellt. Eine Szene, die wie ein Alptraum war.
Erna Porath, eine der israelischen Schauspielerinnen, brach in einen Weinkrampf aus. Uns allen war ähnlich zumute. Nur die kleinen Jungen und Mädchen, die die Kinder darzustellen hatten, blieben völlig unberührt.
Wir hatten ihnen zu erklären versucht, worum es ging, aber sie hatten es nicht begriffen. Was denn? Halbverhungerte Kinder, die man aus einem Waisenhaus holt, um sie mit Gas umzubringen und dann in einem Ofen zu verbrennen?
Wie könnte denn so was geschehen? Kein Mensch würde so was machen. Die Kinder hatten doch gar nichts getan. »Mönsch, Onkel, du kohlst uns an«, sagte eine Sechsjährige zu Regisseur Aleksander Ford.
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Meine beiden Jüngsten waren auch mit dabei
Auch meine beiden Jüngsten, Sammy und Alice, waren unter den Komparsen. Ich hatte ihnen seit langem versprochen, daß sie in einem Film mitwirken durften. Als sie von »Korczak« erfuhren, drangen sie auf die Einhaltung des Versprechens.
Meinen Ausflüchten begegneten sie mit um so größerer Hartnäckigkeit. Schließlich gab ich nach. In einer Drehpause kamen sie dann zu mir. Die alten, zerlumpten Kleider, die sie tragen mußten, schlotterten um ihre Glieder.
Sie waren beide ziemlich enttäuscht von ihrem ersten Drehtag. »Das ist ja so langweilig«, maulte Sammy. Und Alice sagte: »Ich spiele nicht mehr in einem Film, in dem ich solche ollen Sachen anhaben muß.« Dann beratschlagten sie beide eifrig, was sie sich für ihre Gage kaufen würden.
Ich hörte ihrem Gespräch fassungslos zu. Mir hatte sich das Herz zusammengekrampft bei ihrem Anblick. Alice und Sammy, auf dem Weg in ein Todeslager, sie hätten es sein können, es war nur eine Frage des Geburtsdatums . . . Ich schüttelte die schreckliche Vision von mir ab. Was sollten solche Gedanken?
Meine beiden, sie waren wie alle Kinder hier: im Frieden geboren, im Frieden aufgewachsen, gehegt von den Eltern, umsorgt mit Liebe und Zuneigung. Wie sollten sie verstehen, was damals geschehen war?
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