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Yvonne de Carlo, die schönste Frau der Welt und ich

Artur Brauner's Biografie aus 1976

Artur Brauner's Traum war schon in jungen Jahren, Filmschauspieler zu werden oder einmal selbst Filme zu "machen" - und dieser Traum war so ähnlich wie bei dem Kollegen Will Tremper. Beide waren unter anderem ihre kreativen Ideengeber und ihre Produzenten. Beide hatten aber einen sehr unterschiedlichen Erfolg.
Artur Brauner war der taktische Kopf seiner CCC und hatte auch ein Händchen fürs Geld. Will Tremper hatte die fantastischen genialen Ideen und war darum fast immer kurz vor der Pleite. Beide hatten ihre Ideale und Prinzipien, die sie in ihren Filmen vermitteln und darstellen wollten und konnten und beide entdeckten hier bei uns in Deutschland West viele junge Talente. - Die einführende Seite steht hier.

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Fünfzehn Jahre ist Mario Lanza (Okt. 1959) jetzt tot .....

Fünfzehn Jahre sind seit dem Tod Mario Lanzas (Oktober 1959) vergangen. Seine Spuren sind bereits verweht. Nur einmal wurde die Erinnerung an ihn wieder wach, als Lanza-Sohn Rico, der in die Fußstapfen seines Vaters treten will, im deutschen Fernsehen auftrat.

Unsere Zeit ist schnellebig und vergißt rasch. »Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.« Dieses Wort schrieb Schiller. Er meinte damit die Theaterschauspieler, deren Lorbeer nach ihrem Tod so schnell und gründlich verwelkt.

Nun, in der Welt des Films welken die Kränze bereits bei Lebzeiten. Viele große Stars, die in den 19fünfziger und 19sechziger Jahren vom Publikum gefeiert wurden, von den Produzenten umworben, von den Verleihern gepriesen, leben heute am Rande des Geschehens.

Einige erscheinen gelegentlich mit ihren alten Filmen im Fernsehen. Dann seufzen die Zuschauer erinnerungsschwer, und Frau Meyer sagt: »Mein Gott, das ist ja der ..., der Dings, wie hieß er doch gleich?« und ihr Mann meint, nach einem Schluck aus der obligaten Bierflasche: »Komisch, ich dachte immer, der ist längst tot.« Andere ziehen mit dem Thespiskarren durch die Lande und bespielen, umgeben von drittklassigen Partnern, die Theater der deutschsprachigen Provinz.

Sie alle pflegen auf den deutschen Film zu schimpfen, geben den Produzenten - und nur ihnen! - die Schuld an seinem Niedergang, und wenn man sie fragt, warum sie nicht mehr auf der Leinwand zu sehen sind, antworten sie: »Soll ich unter diesen Jungfilmern spielen, die die Leute mit ihrem Problemkäse aus den Kinos vertrieben haben? Oder soll ich mich etwa ausziehen? Und in >Liebesgrüße aus der Lederhose< eine Rolle übernehmen?« Womit sie nicht ganz unrecht haben. Aber warum das alles so gekommen ist, darüber wird noch zu reden sein.
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Erinnerungen an die Schauspieler meiner alten CCC Filme

Wenn ich die Besetzungslisten meiner alten Filme durchgehe, werde ich regelmäßig melancholisch. Es sind Darsteller darunter, die damals einen ganzen Film tragen konnten und deren Namen heute kaum noch jemand beim breiten Publikum kennt:

Adrian Hoven, Renate Holm (»Die große Starparade«); Annemarie Blanc (»Roman eines Frauenarztes«); Maria Frau, Franco Andrei (»Stern von Rio«); Elisabeth Müller (»Gestehen Sie, Dr. Corda!«); Elma Kariowa (»Der Csardaskönig«); Sabine Bethmann (»Der Tiger von Eschnapur«); Germaine Damar (»Scala - total verrückt«); Georgia Moll (»Marina«); Maria Perschy (»Der Henker von London«); Letitia Roman (»Fanny Hill«); Ivan Desny, Irina Garden, Nancy Kwan, Cornell Borchers, Wolfgang Preiss, Helmut Schmid und so weiter, und so fort.

Ruth Leuwerik, die bei mir »Liebling der Götter« und »Franziska« gespielt hat, übt ihren Beruf nur noch selten aus. Zu meiner tiefen Trauer. Es gibt keine Schauspielerin, die ich mehr geschätzt habe als die Ruth. Künstlerisch. Und menschlich. - Sie lebt an der Seite eines Augenarztes in München und gibt vor, zufrieden und glücklich zu sein. Dabei weiß ich nur zu gut, daß niemand mehr so richtig zufrieden und glücklich sein kann, der einmal die Luft der Ateliers geschnuppert hat.

O. W. Fischer verzehrt die Zinsen seines einstigen Ruhmes auf seinen Theatertourneen. Er tingelt. Doch wie lange noch? Im übrigen hat er sich der Philosophie ergeben. Was für mich nichts anderes ist als eine Flucht. Oder eine Art Alibi vor sich selbst.

Rudolf Prack, mit dem ich »Du bist wunderbar« gemacht habe, »Was eine Frau im Frühling träumt«, »Aus dem Tagebuch eines Frauenarztes«, »Die Privatsekretärin«, er hat sich seit langem zurückgezogen. Zurückziehen müssen. »Ich verstehe die Welt nicht mehr«, sagte er verbittert, als ich ihn einmal in Wien traf, »erst haben sie viel Geld ausgegeben, um mich großzumachen, dann haben sie mich fallengelassen. Fallengelassen wie eine heiße Kartoffel.«

Der Rudi war der größte Kassenbrecher, den der deutsche Film je gekannt hat. Wenn er zur Ilse Kubaschewski kam und schnell mal 50.000 DM brauchte, dann zückte die sparsame Ilse ihr Scheckbuch und schrieb gleichmütig eine 5 mit vier Nullen aufs Papier.
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Viele leben am Rande des Geschehens, und viele sind nicht mehr unter uns. Wenn ich alte Fotos betrachte, bin ich von Toten umgeben.

Der Tod von Hans Albers hat mich tief getroffen

Am tiefsten getroffen hat mich damals der Tod von Hans Albers. Ich war erschüttert, wie früh er diese Welt verlassen mußte. Und ich war entsetzt über die Art, wie die Nachricht von seinem Tod aufgenommen wurde. Dieser 24. Juli i960 ist mir noch so gegenwärtig, als sei er gestern gewesen.

Ich saß in meinem Arbeitszimmer in der Grunewalder Königsallee bei einer Konferenz. Der Produzent Kurt Ulrich war dabei, den man als Erfinder der Heide-, Wald- und Wiesenfilme bezeichnet. Gustav Kampendonk, der Drehbuchautor. Und der Regisseur Paul Martin. Wir strickten an einem neuen Projekt für Peter Alexander. Zigarrenrauch wölkte. Auf dem Tisch standen Kaffeetassen, Kognakgläser, Flaschen mit Mineralwasser. Ich hatte meine Sekretärin gebeten, keinen Anruf durchzustellen. Um so ärgerlicher war ich, als das Telefon doch anschlug.

Ich lauschte in den Hörer, hielt ihn eine Weile wie erstarrt in der Hand und mußte mich räuspern, ehe ich sprechen konnte. »Hans Albers ist tot«, sagte ich schließlich.  »Vor einer halben Stunde . . .«

Meine Herren sahen auf von ihren Arbeitsunterlagen. Alle drei waren sie mit Albers befreundet. Sie kannten ihn seit über zwanzig Jahren, hatten für ihn geschrieben, für ihn inszeniert, für ihn produziert. Bis weit in die Tage der alten Ufa zurück ging ihr gemeinsamer Weg.

Einer sagte: »Na ja, er war ja ziemlich schwer krank. Irgendwie hat man damit rechnen müssen.« Der andere: »Der Schnaps, der verdammte Fusel. Er hat einfach zuviel gesoffen, der Hanne. Das konnte ja nicht gutgehen.« Der dritte: »Irgendwann sind wir alle dran.«

Ich saß da wie vor den Kopf geschlagen. Natürlich hatte auch ich gewußt, daß Albers in einer Klinik bei Starnberg krank darniederlag. Trotzdem war mir sein Tod unfaßbar. Er war immer so vital gewesen, ein solcher Kraftmensch, so strotzend vor Optimismus und unbändiger Lebenslust, daß man ihn geradezu für unsterblich hielt. Zumindest würde er uns alle überleben.

»Im Frühjahr«, sagte ich zu meinen Gesprächspartnern, »da war ich noch bei ihm. In seinem Haus in Garatshausen, am Westufer des Starnberger Sees. Ihr kennt es ja, da ist er bei vierzehn Grad Wassertemperatur in den See, Kopfsprung vom Bootssteg, anschließend ein Wasserglas voll mit Kognak, und das im Alter von 68 Jahren. >Atze, so zwanzig Jährchen mußt du schon noch mit mir rechnen<, sagte er, als ich mich verabschiedete. >Ab 80 pflege ich nämlich meine schönsten Filme zu machen und außerdem . . .<«
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Das Leben geht weiter

Ich wurde unterbrochen. Einer der Herren sagte leicht ungeduldig: »Ich denke, wir sollten das Drehbuch noch einmal durchgehen. Seite für Seite. Mir ist da nämlich etwas aufgefallen, das wir unbedingt . . .«Im nächsten Moment waren sie schon mitten in einer erregten Debatte.

Ich starrte sie fassungslos an. Das Leben geht weiter, natürlich, und es muß ja auch weitergehen. Aber ein bißchen Pietät wäre in diesem Moment schon am Platz gewesen. Ich hatte erwartet, daß jemand sagte: »Vielleicht sollten wir unsere Besprechung auf morgen vertagen.« Niemand sagte es. Ich hatte gedacht, daß die drei alten Albers-Freunde in melancholischer Erinnerung schwelgen würden. »Weißt du noch, wie wir damals mit dem Hanne . . .«

C'est la vie.

Kalt und nüchtern gingen sie zur Tagesordnung über. C'est la vie. Später hörte ich von einem Freund, mit welch großartiger Haltung Hans Albers seiner letzten Stunde entgegengesehen hatte. Wie in allen Krankenhäusern hatte man ihm nicht gesagt, wie es um ihn stand.

Er sagte zu dem Freund, der an seinem Bett saß: »Ich hab' da mal gelesen, wie der alte Hindenburg starb, und der Sauerbruch war bei ihm, und Hindenburg fragte: >Herr Professor, ist er schon da?< Und Sauerbruch hat geantwortet: >Da noch nicht. Aber er geht schon ums Haus herum.< Siehst du, und genauso ist das bei mir. Er geht schon ums Haus herum, der Gevatter Hein . . .«
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In jenem Frühjahr noch in Hamburg

Über Hamburg hatte er viel gesprochen, als ich ihn in jenem Frühjahr besuchte. »Über Hamburg geht nun mal nix«, sagte er, »das darfst du als Berliner nicht in die falsche Röhre kriegen. Hamburg ist die Heimat, und da wird man mich auch mal zu Grabe tragen.« Er fügte hinzu: »Aber das hat ja noch bannig viel Zeit.«

Er zog mich zu seiner Stereoanlage, machte ein geheimnisvolles Gesicht und drückte auf einen Knopf. Das dumpfe Röhren eines Nebelhorns klang auf, grelles Möwengeschrei, das Tuckern einer Barkasse, das Rauschen der Bugwellen, ein Schlepper schrie grell, an der Kaimauer gluckste und gurgelte das ablaufende Wasser, eine Schiffsmaschine stampfte, dazwischen das schwere Schlagen eines Segels, das Wirbeln einer Schiffsschraube.

Bei Nacht und Nebel war er mit einem gemieteten Motorboot im Hamburger Hafen herumgefahren und hatte die Geräusche auf einem Tonband festgehalten. »Das is' von wegen die Sehnsucht«, sagte er und schniefte gerührt.
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Ein Kerl von echtem Schrot und Korn und einer Strahlkraft

Er war ein Kerl von echtem Schrot und Korn. Und von einer Strahlkraft, die keiner der großen Fixsterne am Himmel des deutschen Films je erreicht hat. Ob man nun an Rühmann denkt, an Grethe Weiser, Maria Schell oder Peter Alexander. Seine Popularität übertraf alles, was ich jemals erlebt habe.

Er konnte sich nicht auf der Straße sehen lassen, ohne sofort von Dutzenden von Menschen umgeben zu sein. Da half keine große Sonnenbrille, kein breitkrempiger Hut, kein hochgeschlagener Mantelkragen - dieser Charakterkopf war unverkennbar.

Vor Garatshausen lagen die Boote dicht gestaffelt auf dem See, und ihre »Kapitäne« lauerten mit Teleobjektiven, bis sie den Hanne auf der Platte hatten. Die Mädchen einer Schulklasse aus Lüneburg verpflichteten sich, sein Foto zusammen mit dem Frühstücksbrot aufzuessen. Als Zeichen ihrer Verehrung.

»Keine verzog dabei eine Miene«, schrieb die Klassensprecherin. Ein Fräulein Wanda W. aus Verden bot für eine seiner Frackschleifen 1000 DM: »Meine gesamten Ersparnisse.« Ein Ehemann aus Hermsdorf machte seine Eheschließung davon abhängig, daß seine Frau ihre 10 Albers-Alben verbrannte.

Auswüchse hemmungslosen Starkults, gewiß, Hanne selbst aber störte so was nicht. Er genoß jede Art von Verehrung mit Wonne und machte aus seinem Herzen keine Mördergrube.

»Nur die Lumpen sind bescheiden«, pflegte er mit Goethe zu sagen. An Minderwertigkeitskomplexen hat er nicht gelitten.

Wenn bei einem Film die depressive Phase kommt ...

Als wir »Kein Engel ist so rein« drehten, kam wie bei jedem Film die depressive Phase. Das ist ein Zeitpunkt, bei dem man plötzlich nicht mehr an das glaubt, was man da macht. Jeder Theaterregisseur, jeder Schriftsteller, jeder Maler kennt das. Bei uns fallen dann Worte wie »Mein Gott, wer um alles in der Welt wird sich das anschauen ?!« oder »Da geht doch kein Aas rein.«

Dem Albers war als einzigem in unserem Team Depressives in jeder Form völlig fremd. Er kam ins Atelier, sah unsere sorgenverhangenen Gesichter, sagte: »Weiß gar nicht, was mit euch los ist. Mit diesen jungen Ottos da - er zeigte auf Sabine Sinjen und Peter Kraus, seine Partner - wird das noch 'n ganz doller Otto.«

Er wies mit dem Daumen auf seine Brust. »Und dann vergeßt Otto-Otto nicht, mit dem kann überhaupt nix schiefgehen.« (»Otto« war sein Lieblingswort, mit dem er alles und jedes bezeichnete.)
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Hans Albers hattte ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein

Über sein Selbstbewußtsein kursierten eine Menge Geschichten. Wahre und unwahre. Hier ist eine wahre aus dem letzten Krieg, die mir mein Nachbar, der Regisseur Helmut Käutner, erzählt hat (der mit Albers die »Große Freiheit Nr. 7« drehte). Wenn Hans Albers in einem Hotel logierte, bezog er die Fürstenzimmer. Darunter kam für ihn nichts in Frage. Im Münchner »Regina-Palast-Hotel« hatte er gerade sein Fürstliches Appartement bezogen, als man ihn mit untertänigster Höflichkeit bat, wieder auszuziehen. Warum ? Nun, der bulgarische König sei gerade eingetroffen, und da dachte man, da müßte man, da könne man natürlich nicht anders und . . . und . . . und ... »Nö«, sagte Albers, »ich bleibe.« Und blieb.

Schließlich erschien ein Abgesandter des Propagandaministeriums und wurde deutlicher. Staatsgast, Verbündeter, Staatsinteresse, pi-papo, was er alles vorbrachte. Hanne blieb stur. »Ich hab' zuerst gebucht«, murrte er.

Da platzte dem Ministerialrat der Kragen: »Herr Albers, schließlich handelt es sich hier um einen König. Um den König von Bulgarien!« Hans Albers ging auf ihn zu, schaute ihm mit seinem wasserblauen Seemannsblick tief in die Pupille und sagte: »Und ick bin 'n Kaiser.

Der Kaiser von Babelsberg.« (Babelsberg, so hieß die am Rande Berlins gelegene einstige Filmstadt, wo Albers so gut wie zu Hause war.)
Geräumt hat er seine Zimmerflucht nicht. Er hatte eben nicht nur im Film Mumm, wobei er sich zum Entsetzen manches Produzenten nur sehr selten doubeln ließ, auch im Leben verfügte er über eine gehörige Portion Zivilcourage.
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Albers konnte auch sehr bescheiden sein

Einmal jedoch habe ich ihn sehr nervös, sehr bescheiden, ja fast demütig erlebt. Das war, als wir »Vor Sonnenuntergang« drehten.

»Vor Sonnenuntergang« war, nach den »Ratten«, mein zweiter Film nach einem Drama von Gerhart Hauptmann. Auch dieser Streifen bekam bei den Berliner Filmfestspielen (1956) den Goldenen Bären. Hauptmann erzählt die Geschichte eines reichen Mannes, der sich im hohen Alter - vor Sonnenuntergang - in ein blutjunges Mädchen verliebt. Er spürt voller Seligkeit, daß sein Herz wieder jung wird, und ist fest entschlossen, das Mädchen zu heiraten.

Seine Angehörigen lehnen sich auf gegen den »Lustgreis«, wie sie ihn verächtlich nennen. Sie fürchten um ihr Erbe und wollen ihn entmündigen lassen. Das Ende ist nicht, wie sonst meistens im Film, happy, sondern tragisch. Aber das Publikum liebte diesen Film trotzdem.

Hans Albers spielte die Rolle des großen alten Mannes. Am ersten Drehtag draußen auf meinem Spandauer Filmgelände fand ich ihn nervös und voller Lampenfieber. Er memorierte den Text der großen dramatischen Familienszene, die gerade auf dem Drehplan stand, so laut, daß es durch die Gänge schallte: »Vielleicht klingt das alles ein wenig altmodisch - für Menschen, die sich überhaupt nichts mehr schuldig sind als Geld - Geld, das Zinsen trägt. Zinsen! ...«

Er unterbrach sich, als er mich sah. »Artur, Junge«, stöhnte er, »ich hab' vielleicht 'nen Bammel. Trinkst du einen mit? Ach nee, du trinkst ja nicht, du armer Mensch, aber ich brauche einen.« Er nahm das Zahnputzglas vom Waschbecken und füllte es randvoll mit Kognak, seinem Lieblingsgetränk.

Er trank, seufzte und goß nach. Bei jedem anderen Schauspieler hätte ich jetzt eingegriffen. Auch wenn der eine oder andere der Meinung sein mag, daß ein, zwei Gläschen erst die richtige Spiellaune bringen. Doch die Erfahrung lehrt,
daß nach einer kurzen Hochstimmung ein steiler Abfall erfolgt. Was vor der Kamera vernichtend sein kann.
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Albers aber war sowieso ein Sonderfall

Albers aber war ein Sonderfall. Er brauchte sein »Schlückchen«, um arbeiten zu können. Es wäre völlig sinnlos gewesen, ihm das auszureden. Er wirkte auch nie betrunken. Selbst nach drei, vier "Sechsstöckigen" war er hundertprozentig präsent, wenn der Ruf »Kamera ab« ertönte. (Es gibt nur einen Schauspieler, der genauso viel verträgt, und das ist Curd Jürgens.)

»Ich hab' 'nen Bammel«, sagte Albers, »weil ..., na ja, du weißt doch, meine Rolle, die hat der Werner Krauss damals gespielt, bei der Uraufführung im Deutschen Theater, und vor dem Krauss, da liege ich auf den Knien, der hat 'n bißchen mehr drauf als ich, und wenn die Leute dann anfangen zu vergleichen ... Junge, Junge, das kann nur in die Hose gehen.«
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Hans Albers und die "Neger"

Da war noch etwas, was den Hanne nervös machte. Der Regisseur unseres Films war Gottfried Reinhardt, der Sohn des großen Max Reinhardt, von dem ganze Schauspielergenerationen gelernt haben, wie man Theater spielt. Und Gottfried war nicht dafür gewesen, daß Hans Albers mit seinen geliebten »Negern« arbeitete.

Das waren keine Schwarzen aus dem Urwald, die Albers als Partner haben wollte, sondern schwarze Tafeln. Auf diese Tafeln schreibt man mit weißer Kreide den Text der Rolle und hält sie so außerhalb des Bereichs der Kamera, daß der Darsteller sie während des Drehens ablesen kann.

Es gibt nämlich Schauspieler, die ihre Rolle nicht lernen wollen (weil sie zu faul dazu sind), oder die sie nicht lernen können (weil ihr Gedächtnis nicht mehr funktioniert). Um sich solche Tafeln leisten zu können, muß man allerdings ein ziemlich großer Star sein.

Albers war einer, und er hatte sich derart an seine Neger gewöhnt, daß er ohne sie nur sehr ungern vor die Kamera trat. Manche Leute behaupten sogar, der herrliche, unverwechselbare Albers-Blick, dieses sehnsuchtsvoll- träumerisch in die Ferne blickende Blauauge, sei nur darauf zurückzuführen, daß der Hanne immer so intensiv auf seine Tafeln starren mußte.

Mit dem Film »Vor Sonnenuntergang« hat Hans Albers alle seine Kritiker beschämt, die ihm einen »Einbruch« prophezeit hatten. Er brach nicht ein, sondern zeigte, daß er ein bißchen mehr konnte als »Hoppla-jetzt-komm-ich«. Er lieferte eine Charakterstudie von hohen Graden und bestand glänzend neben so hervorragenden Bühnenschauspielern wie Martin Held, Annemarie Düringer, Erich Schellow und Maria Becker.

Später hat ihm dann sogar Werner Krauss zu seiner Leistung gratuliert. »Hans«, sagte er in jener herrlichen Mischung aus Ehrlichkeit und Verlogenheit, mit der sich Schauspieler gegenseitig zu loben pflegen, »Hans, ich schwör' dir's, das hätte ich nicht besser spielen können, ehrlich, du, das kannst du mir glauben.«

Albers, der, wie alle seiner Branche, jedem Kompliment rettungslos erlag, antwortete verlegen und stolz zugleich: »Nee, laß man, Werner, bei die schweren Ottos, da bist du mir nu mal über.«
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Warum Peter Alexander "starb" .......

Der traurigste Tag meines Lebens war der 1. Dezember 1971. Und gleichzeitig war es mein glücklichster.
An diesem Tag "starb" Peter Alexander. Die Todesnachricht stammte von einer Polizeistation im Münsterland und besagte, daß »Alexander, Peter, bürgerlich Peter Alexander Neumayer, mit dem Auto tödlich verunglückt« sei. Frontalzusammenstoß. Hat gottlob nichts mehr gespürt, der arme Kerl.

Ziemlich erschüttert holte ich eines meiner nach Dutzenden zählenden Fotoalben aus dem Schrank und schaute mir die Bilder von P. A. an: Hier war er in »Musikparade«, dort in »Liebe, Tanz und 1000 Schlager«, da in der CCC-Kantine, bei einer Premierenfeier, in seinem Haus bei Lugano. Dahin. Aus. Vorbei.

Was hatte er einmal zu mir gesagt, in seinem sanften Wiener Dialekt: »Wann i amal tot bin, schick mir an Blechkranz, damit i im Sarg hör, wann's regnet. Dees find i immer so heimelig.«

Drei Stunden später

Drei Stunden später begann der glücklichste Tag meines Lebens. Ich erhielt einen Anruf vom feudalen Bremer »Parkhotel«. »Herr Alexander ist soeben bei uns eingetroffen«, sagte jemand. »Lebend?« fragte ich nicht ohne Grund.

»Macht eigentlich einen ganz lebendigen Eindruck. Er flucht gerade mordsmäßig, und da kann er doch nicht so sehr tot sein.« Geflucht hat Alexander damals auf den traurigen Zeitgenossen, der die Polizeistation von Beckum angerufen hatte, um den Tod »des beliebten Künstlers« zu melden. Als Augenzeuge, wie er angab. Unter Nennung eines falschen Namens natürlich. Anscheinend wollte er sich einen Jux machen.

Aber da Totgesagte bekanntlich doppelt solange leben, hat dieser »Scherz« auch wieder etwas Gutes. Peter Alexander, den habe ich übrigens ..., also wenn ich jetzt entdeckt sage, dann höre ich im Hintergrund ein wahres Protestgeheul.

Wie das so üblich ist in unserer Branche: braucht ein Talent einen Entdecker, läßt sich keiner sehen. Hat sich dieses Talent zu einem großen Künstler entwickelt, wimmelt es von Leuten, die es entdeckt haben.
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Mehrere Storys von den zahlreichen Entdeckern

Als ich Lilli Palmer bei einem Filmball fragte, wer denn der Verehrer gewesen sei, der sie so überschwenglich abgebusselt hatte, antwortete sie: »Das war kein Verehrer, das war einer meiner zahlreichen Entdecker.«

Was Alexander betrifft, so kann ich zumindest in Anspruch nehmen, daß ich ihn für den Film entdeckt habe. Irgendwann hatte ich ihn im Rundfunk gehört. Da war mir die Stimme aufgefallen. In dieser Stimme war das, was man das »gewisse Etwas« nennt.

Was das im einzelnen ist?
Vielleicht darf Hans Moser diese Frage beantworten. Er sagte einmal in seinem klassischen Nuschelton zu mir: »Das gewisse Etwas ..., also ..., nun ..., das ist etwas ..., also entweder man hat's oder man hat's nicht.«

Große Pause. »Ich hab's.«

Dieser Alexander sah genauso aus, wie er sang ....

Dieser Alexander da im Rundfunk hatte es auch. Ich stöberte ihn auf und fand, daß er genauso aussah, wie er sang. Außerdem hatte er sehr viel Charme mitgekriegt. Es sollte sich herausstellen, daß er auch tanzen konnte. Ich setzte ihn sofort in einem der damals so beliebten Schlagerfilme ein.

»Große Starparade« lautete der Titel und war nichts anderes als eine von dünnen Handlungsfäden zusammengehaltene Show. Alexander hatte lediglich ein Liedchen zu trällern, aber das machte er so gut, daß ich mir sagte: »Wenn jemand auf Anhieb dreißig, vierzig andere Schlagersänger und -Sängerinnen an die Wand singt, sollte man ihm eine Chance geben.«
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Jetzt kam Caterina Valente ins Spiel

Eine große Chance, ach was, einen ganzen Film! Das ging nicht ohne Partnerin. Dieser Alexander brauchte eine Partnerin. Ich sah mir die »Starparade« in meinem Privatkino noch einmal an, rief plötzlich »stopp!«, der Film wurde angehalten, der Ton verklang, mit weit aufgerissenem Mund starrte mich ein junges Mädchen an, und das hieß - Caterina Valente.

Frau Valente war nicht so weithin unbekannt wie der Herr Alexander. Von dem Jazzdirigenten Kurt Edelhagen entdeckt, hatte sie sich bereits einen gewissen Namen gemacht. Das rassige »Malaguena« drang aus jeder Musikbox, und »Ganz Paris träumt von der Liebe« sang man nicht nur an der Seine.
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Catarina Valente und Peter Alexander - Brauners Traumpaar

Die junge Valente und der junge Alexander, das war mein Traumpaar. In »Liebe, Tanz und 1.000 Schlager« wollte ich die beiden zum erstenmal zusammen einsetzen. Leider hatte Ilse Kubaschewski eine andere Vorstellung von einem Traumpaar. Ihres bestand aus Adrian Hoven und Renate Holm.

Ich fuhr nach München, und wir stritten uns einige Stunden erbittert, wobei jeder von uns sich in »sein Paar« immer mehr verbiß. Ich wollte die beiden haben - nur die und sonst niemand! - und war zu jedem Opfer bereit.

Mein »Opfer« bestand aus den Worten: »Also gut, wenn Sie mir Valente/Alexander bewilligen, bin ich bereit, auf 300.000 DM der Verleihgarantie zu verzichten.« Dreimal hunderttausend - diesem Argument ist kein Verleiher gewachsen. Auch Ilse Kubaschewski nicht. Zufrieden fuhr ich nach Berlin zurück - und schon entbrannten neue Auseinandersetzungen.
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»Also, bittschön, lossen S' mi da wieder aus.«

Der Alexander, dieser junge, unbekannte Mann, dem ich die größte Chance seines Lebens bieten wollte, hatte den Mut - den Übermut! - mir ins Gesicht zu sagen (auf wienerisch auch noch): »Herr Brauner, schauen S', die Rolle, alles wunderbar, ganz herrlich, zum Fressen geradezu. Nur für mich, da ist sie einfach zu schad'. I soll doch da die Mädeln vernaschen wie die Mohnkipferl, und so einer bin i net, so ein Hallodri, so ein Casanova. Also, bittschön, lossen S' mi da wieder aus.«

Am liebsten hätte ich ihm jetzt auf gut berlinerisch geantwortet: »Denn eben nich, liebe Tante, heiraten wa 'n Onkel.« Ich tat es nicht, sondern gab meiner Stimme einen beschwörenden Klang: »Natürlich sind Sie ein Casanova. Das haben Sie bloß noch nicht gemerkt. Oder wissen Sie nicht, daß die weiblichen Mitglieder meiner Belegschaft sich bereits geschlossen in Sie verliebt haben?« »Das wußte ich nicht, aber . . .«, stotterte der junge Mann. »Nichts aber. Sie sind ein Casanova und damit basta!« Ich wurde etwas lauter.

»Ich bin kein Casanova!« brüllte der junge Mann zurück. Es war die merkwürdigste Verhandlung, die ich je in meinem Leben geführt habe. Man stelle sich das vor: ein junger Beau weigert sich, das zu sein, wovon alle anderen Männer träumen. Ich wandte mich an das blonde Mädchen, das mit dem jungen Mann gekommen war, Hilde hieß und seine Frau war. »Warum will er kein Casanova sein, gnädige Frau, warum nicht? Hat er X-Beine, O-Beine, einen Eierkopf oder die Zähne von Dracula?«

»Nein«, sagte sie und schaute ihren Mann prüfend an, »das alles hat er nicht, aber .......«
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Mühsame Überzeugungsarbeit mit Frau Alexander

Zwei, drei Tage kämpfte ich mit dem »Aber« beider Alexander. In der CCC-Kantine bei Bockwurst, in meinem Grunewaldgarten bei Streuselkuchen, an der Havel bei Aal grün mit Gurkensalat. Mir war aufgefallen, daß der Peter gern und gut zu essen pflegte. Endlich sprach Frau Hilde ein gewichtiges Wort.

»Daddy«, sagte sie und verriet damit ihres Mannes Kosenamen, »Daddy, ich kann ja verstehen, daß du keinen Casanova spielen willst. Aber könntest du nicht einen spielen, der im Grunde gar keiner ist und nur so spielt, als sei er einer, und es so gut macht, daß jeder denkt, er ist einer?«

Einen solchen Vorschlag pflegt man in der Politik eine »österreichische Lösung« zu nennen. Worunter ein Kompromiß zu verstehen ist, der jeden Partner glauben läßt, er habe das bessere Ende der Wurst erwischt.

Peter Alexander, auch später immer der Meinung, daß die beste Nation die Resig-Nation ist, seufzte: »Ja, wenn du meinst, Schnurrdi-burr.« Und unterschrieb.
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Die Partnerin Caterina Valente stände alleine im Vordergrund

Viel Spaß haben ihm dann die Liebe, der Tanz und die 1000 Schlager nicht gemacht. Er war der Meinung, daß sich um ihn im Grunde kein Aas kümmerte. »Gekümmert« werde immer nur um seine Partnerin Caterina Valente.

Caterina hatte einen Ehemann namens Eric van Aro. Der war früher Jongleur, und Caterina hatte ihm als Assistentin das zugereicht, womit er jonglierte. Später kehrte sich ihr Verhältnis um: Er wurde ihr Assistent, sprich Manager. Er managte sie so erfolgreich, daß sie binnen kurzem ganz oben war.

An die Verhandlungen mit ihm erinnere ich mich mit Schaudern. Er war so unmöglich in seinen Forderungen, er hat solche Bedingungen gestellt, daß einem die Luft wegblieb.

Am liebsten hätte er alles an sich gerissen: die Rechte, die Nebenrechte, die Kostüme, ja sogar das Negativ.Viele Produzenten haben deshalb von vornherein kapituliert und einen Film mit Bibi Johns, Germaine Damar oder Renate Holm gemacht, obwohl sie viel lieber mit der Valente gearbeitet hätten. Aber sie fürchteten einfach die Verhandlungen mit dem Ex-Jongleur. Insofern hat Herr van Aro seiner Frau viele Sympathien verscherzt und ihr damit sogar regelrecht geschadet.
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Hilde Alexanders großer Auftritt

Bei »Liebe, Tanz und ......« traf van Aro allerdings auf den Falschen, oder besser, auf die Falsche. Hilde Alexander, die so aussah wie ein zartes Gänseblümchen, war keines, sondern glich eher einer wehrhaften Distel, wenn es um ihren »Daddy« ging.

Es ist ja immer das alte Lied bei den erfolgreichen Filmpartnern, ob sie nun Schell/Fischer heißen, Leuwerik/Borsche oder Ziemann/Prack: jeder möchte die meisten Großaufnahmen, die besten Szenen, den meisten Text, die schönsten Lieder.

So lieferten sich auch Hilde Alexander und Eric van Aro, als die Vertreter ihrer Ehepartner, manch erbittertes Scharmützel, bei dem es um die Frage ging: Wer kriegt das größte Stück vom Kuchen? Später sind sie trotz allem gute Nachbarn im milden (Steuer-)Klima des Tessin geworden.
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Leider zog ich dabei den Kürzeren

Was Valente/Alexander aber leider nicht geworden sind: mein Traumpaar. Sie gingen bald ihre eigenen Wege, drehten ihre eigenen Filme, und das war ein Jammer. Ich bin heute noch überzeugt, daß sie alle Kassenrekorde gebrochen hätten.

Hilde Alexander zeigte schon damals jene Talente, die ein guter Manager haben sollte: Cleverness, Härte, aber auch Flexibilität und Charme. Sie ließ sich kein X für ein U vormachen und schon gar nicht von einem Mann. Wenn es ums Geschäft ging, war sie für jede Schmeichelei tabu und für jede Aufmerksamkeit unzugänglich, die man ihr als Frau entgegenbringen wollte.

Als ich in meinem damaligen Stamm-Nachtlokal »Mazurka« für sie Champagner und Kaviar bestellte, meinte sie mißtrauisch: »Mit Peters Gage gehe ich deswegen trotzdem nicht runter, lieber Herr Brauner.«
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Wie ich Peter Alexander glücklich machte

Der Peter selbst war damals so bescheiden wie heute. Obwohl er bereits allerhand auf dem Kasten hatte, zweifelte er ständig an sich selbst.

Immer wieder fragte er mich bei den Dreharbeiten nach den Mustern. Als »Muster« bezeichnet man die ersten Kopien der im Atelier abgedrehten Teile eines Films. Sie werden am Abend eines jeden Drehtages im Vorführraum von Regisseur, Kameramann, Cutter etc. kritisch begutachtet. In gewissen Abständen werden auch die Darsteller hinzugezogen. Das ist für sie immer ziemlich aufregend, weil sie sich zum erstenmal selber sehen können. Ich setzte also eine Vorführung an ...... und wer nicht kam, war Peter Alexander.

Als wir am Schluß, wie in solchen Fällen üblich, erregt diskutierend den Vorführraum verließen, stand draußen ein todblasser Mensch und sagte: »Grüß Gott.« Er war's. »Ja, wo um Himmels willen haben Sie denn gesteckt?« fragte ich aufgebracht.

»Draußen auf dem Hof. Ich hab' mich nicht reingetraut. Weil ich nicht wußte, ob ich gut war oder schlecht, und wenn ich schlecht gewesen wäre, dann . . .« Er schaute mich an wie ein Mensch, der im nächsten Moment sein Todesurteil erwartet.

»War ich schlecht?« Nun sang Peter Alexander in diesem Film einen Schlager, der das damals grassierende Tangofieber parodierte und den sinnigen Refrain hatte: »Ja, damit haben Sie kein Glück, in der Bundesrepublik.« Ich antwortete ihm deshalb im Tangorhythmus: »Mensch, damit werd'n Se haben Glück, in der Bundesrepublik.«

Er war überglücklich und gestand mir später, daß er, einsam auf dem Hof herumtigernd, immer wieder gedacht habe: »Ach, wäre ich doch bloß Förster geworden.« Das war nämlich sein ursprüngliches Berufsziel. Aber die Wälder waren damals besetzt. Gott sei Dank.
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Die Premiere 1955 in der Berliner Waldbühne

Noch stand ihm jedoch die schwerste Prüfung bevor: die Premiere. Ich hatte mir dafür etwas ganz Besonderes ausgedacht. Ich mietete die Waldbühne am Olympiastadion. Sie war für die Olympischen Spiele 1936 als Freilichttheater erbaut worden, hatte sich aber inzwischen zu einem Freilichtkino entwickelt. Und zwar zum größten Europas.

Auf den in Form eines Amphitheaters angeordneten Sitzplätzen hatten 22.000 Menschen Platz. Eine damals beängstigende Vorstellung. Und wir hatten auch Angst, panische Angst!

Wieviele Zuschauer würden überhaupt kommen? Wie würden sie reagieren in der ungewohnten Umgebung? Hatte »Liebe, Tanz und 1000 Schlager« überhaupt eine Chance in einem solchen Monsterkino?

Ich weiß nicht, wer in dieser ersten Augustwoche des Jahres 1955 aufgeregter war: Caterina Valente, Peter Alexander oder ich. Am Sonnabend sollte die Premiere stattfinden. Jetzt war es Mittwoch, und im Vorverkauf waren lediglich ein paar hundert Karten weggegangen. Hundert von zweiundzwanzigtausend!
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Alle stierten nur noch auf das Wetter

Wir trösteten uns mit dem Gedanken, daß die Berliner bestimmt nur das Wetter abwarteten. Ich hielt ständigen Kontakt mit dem Meteorologischen Amt. Doch wie Meteorologen so sind: sie legten sich nicht fest.


Das derzeitige Hoch namens »Egon«, meinten sie, sei zwar ziemlich stabil, so stabil aber vielleicht doch auch wieder nicht, um unter gewissen Umständen die Ausläufer des vom Atlantik sich nähernden Tiefs »Amanda« erfolgreich abwehren zu können.

Am Freitag war der Himmel schwarz. Ich verfluchte Amanda, verwünschte meinen Einfall, eine Filmpremiere unter freiem Himmel zu veranstalten und ließ vorsichtshalber ausrechnen, was mich die Pleite kosten würde. Egon aber blieb standfest: am Samstag war der Himmel italienisch blau. Ich saß vor meiner Superleinwand und sagte zu Peter Alexander: »Hoffentlich kommen die Zuschauer in Strömen.«
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»Einer strömt schon, Herr Brauner.«

Gegen sieben Uhr kam der erste, was Alexander zu dem Uraltkalauer veranlaßte: »Einer strömt schon, Herr Brauner.« Es strömten dann aber tatsächlich 22.000 !!! Wir waren ausverkauft. Und das nicht nur bis zum letzten Platz, sondern bis zum letzten Baum.

Auf den Bäumen ringsum hockten die Leute, die keine Karte mehr bekommen hatten. Es war geradezu beängstigend, wenn man daran dachte, daß das größte Kino der Bundesrepublik, das Düsseldorfer »Apollo«, 2.800 Plätze aufwies. Einen Film vor knapp 3.000 Zuschauern zu spielen, ist aber etwas anderes als vor über 22.000.
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Meine Erfahrung mit den Zuschauerzahlen

Komödien zum Beispiel, das ist eine alte Erfahrung, kommen in kleinen Theatern besser an als in großen. Die Atmosphäre ist intimer, dichter, die so wichtigen »Lacher« entwickeln sich schneller zur Lachsalve.

In großen Häusern dagegen wird oft nicht »durchgelacht«, das heißt: die Lacher verflackern, erzeugen keine Kettenreaktion, wirken nicht ansteckend - und so was kann eine Premiere umbringen. Außerdem reagieren Menschen vollkommen anders, wenn sie als Masse auftreten. Das ist wie im Fußballstadion.

Ein kleiner Zwischenfall kann sich zu einer Massenpsychose entwickeln und damit zu einem erstklassigen Skandal. Mit Schaudern dachte ich in diesem Moment an die Freilichtpremiere des Films »Rummelplatz der Liebe«, die ebenfalls in der Waldbühne stattgefunden hatte.
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Damals die Freilichtpremiere des Films »Rummelplatz der Liebe«

Curd Jürgens und Eva Bartok waren die Hauptdarsteller. Leider waren sie das aber auch kurz vorher in einer privaten Affäre: Curd hatte seiner Eva in einer Wiener Bar eine geknallt. Diese »Ohrfeigenaffäre« machte damals in ganz Europa Schlagzeilen.

Und wenn die beiden gedacht hatten, es wäre bereits Gras darüber gewachsen, so sollten sie eines Besseren, oder sagen wir eines Schlechteren, belehrt werden. Bei der ersten Liebesszene kamen bereits die Zwischenrufe.

»Curdchen, hauen sollste, nich' knutschen!« riefen die Berliner. Und: »Zieh ihr doch das Höschen stramm!« Und: »Vorsicht, die beißt!« Die Vorstellung wurde zu einem Schrecken ohne Ende. Ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert empfing Curd Jürgens und Eva Bartok, als sie sich am Schluß verbeugen wollten.
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Peter Alexander wurde schon wieder bleich

Ich erzählte Peter Alexander die Geschichte. Er wurde noch einen Schein bleicher und meinte: »Sie haben die richtige Art, einem Menschen Mut zu machen.« Er fügte melancholisch hinzu: »Ich bin gar nicht gut in unserem Film. Ich bin sogar richtig schlecht. Wer kennt mich auch schon. Ein Mr. Nobody bin ich, ein großer Unbekannter. Das kann nur schiefgehen.«

Caterina Valente holte ihr Strickzeug hervor und lenkte sich auf ihre Weise ab: einmal kraus, einmal glatt. Was sie immer tut, wenn sie besonders aufgeregt ist. Ihr Mann und Hilde Alexander vergaßen sogar, sich zu streiten.
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Als es sendlich losging

Na ja, also es geht los. Der Conferencier macht seine Witzchen. Er fordert die Leute auf zum großen Streichholzfeuerwerk. Das war damals eine Berliner Spezialität. Wer ein Streichholz dabei hatte, zündete es an, hielt es hoch, und die Waldbühne stand in Flammen.

Der Vorspann läuft an. Das Publikum lacht, als die Namen Ruth Stephan und Rudolf Platte erscheinen. Zwei beliebte Komiker. Ein gutes Zeichen. Die Handlung läuft. Die Lacher steigern sich. Eine Bombenstimmung herrscht. Peter Alexander kneift mir in den Arm.

Ich kneife meine Frau. Meine Frau kneift Caterina Valente. Wieder ein Riesenlacher. Peter und Caterina kommen glänzend an beim Publikum. »Toi-toi-toi!«
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Und aus - der Filmriß

Plötzlich wird es finster. Der Film ist gerissen. Ich rase in die Vorführkabine. Von grellen Pfiffen umtost. Der Vorführer schwitzt, arbeitet wie besessen, die Panne wird behoben, der Film läuft weiter, das Pfeifen erstirbt langsam. Aber die Stimmung hat gelitten. Nach einer Viertelstunde scheint alles vergessen, das Publikum ist wieder bei Laune - da reißt das Zelluloid zum zweitenmal. Diesmal dauert die Finsternis länger. Genau acht Minuten. Eine Ewigkeit.

In dieser Ewigkeit verwandelt sich die Waldbühne in eine Vorhölle. Die Zuschauer sind außer sich vor Empörung. Sie pfeifen, johlen, werfen mit ihren Sitzkissen. Ich bin aschgrau im Gesicht und Maria, meine Frau, fragt, ob sie einen Arzt holen soll.
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Und endlich "Das Ende"

Eine Stunde später flimmert das Wort »Ende« über die Leinwand. Auf den Rängen herrscht Stille. Die Stille vor dem Sturm. »Ihr müßt raus«, flüstere ich meinen Schauspielern zu, »raus auf die Bühne. Wenn sie euch sehen, werden sie schon klatschen.« Caterina sagt: »Mit Tomaten werden sie werfen . . .« Peter meint trotzig: »Ich geh' nicht. Ich bin doch nicht lebensmüd'. Gehn Sie doch.«

Ich muß die beiden förmlich auf die Bühne schieben. Die Scheinwerfer erfassen sie - und im selben Moment donnert ein Beifall los, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Rudolf Platte, Ruth Stephan, Silvio Francesco, der Bruder der Valente, sie gehen jetzt auch raus. Der Applaus wird zum Orkan. Der Riesenerfolg ist da!
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