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Yvonne de Carlo, die schönste Frau der Welt und ich

Artur Brauner's Biografie aus 1976

Artur Brauner's Traum war schon in jungen Jahren, Filmschauspieler zu werden oder einmal selbst Filme zu "machen" - und dieser Traum war so ähnlich wie bei dem Kollegen Will Tremper. Beide waren unter anderem ihre kreativen Ideengeber und ihre Produzenten. Beide hatten aber einen sehr unterschiedlichen Erfolg.
Artur Brauner war der taktische Kopf seiner CCC und hatte auch ein Händchen fürs Geld. Will Tremper hatte die fantastischen genialen Ideen und war darum fast immer kurz vor der Pleite. Beide hatten ihre Ideale und Prinzipien, die sie in ihren Filmen vermitteln und darstellen wollten und konnten und beide entdeckten hier bei uns in Deutschland West viele junge Talente. - Die einführende Seite steht hier.

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Einmal im Leben . . .

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Ende November 1970 gingen bei mir draußen in Spandau die Lichter aus.

Immer weniger Filme wurden in Deutschland produziert. Die Kapazität meiner Hallen war schon seit längerer Zeit nicht mehr ausgelastet, die Zahl meiner Angestellten auf etwa hundert gesunken. Ich sah mich gezwungen, fünfundachtzig Briefe zu verschicken. Mit der Schlußformel ». . . und danken wir Ihnen für die in langen Jahren bewiesene Treue«.

Das war keine leere Phrase. Meine Mitarbeiter, vom kleinsten Atelierarbeiter bis zum Aufnahmeleiter, waren zu einem Team zusammengewachsen, mit dem man die bekannten Pferde hätte stehlen können. Einige von ihnen waren schon achtzehn Jahre bei mir. Sie alle bildeten eine Gruppe von erstklassigen Fachleuten, wie sie in Deutschland ihresgleichen suchten.

Es ging einfach nicht mehr, monatelang nichts zu tun

Es war mir schwergefallen, die Briefe zu schreiben. Eine andere Wahl aber hatte ich nicht. Niemand konnte von einem Produzenten verlangen, tagtäglich zehntausend Mark für Ateliers zuzuschießen, in denen sich die Mäuse ihre Füße wundliefen. Ich bin heute noch der Meinung, daß das alles nicht nötig gewesen wäre. Gewiß, gegen die allgemeine Filmkrise war kein Kraut gewachsen. Aber daß das Fernsehen, das den Film gemordet hatte, nun auch noch den Ort der Tat verließ, schien mir verantwortungslos.

Als das ZDF kündigte und die ARD eigene Studios baute

Das Zweite Deutsche Fernsehen teilte mit, daß es unsere Ateliers in Zukunft nicht mehr benötige, sondern nur noch in Tempelhof produzieren werde. Damit war unsere letzte Einnahmequelle versiegt. Die ARD hatte sich längst ihre eigenen Studios gebaut.

Am Funkturm war ein TV-Zentrum entstanden mit allem nur denkbaren Luxus. Man hatte es. Oder glaubte es zu haben. Nämlich 70 Millionen. Von den Gebühren der Apparatbesitzer. Einsichtige Leute, die damals warnten: »Ham Se's nich 'n bißchen kleiner«, wurden belächelt. Dabei hätte man es wirklich ein bißchen kleiner, das heißt preiswerter, haben können.

Mein Kauf-Angebot an den SFB - 9 Millionen

Für 9 Millionen habe ich nach Bekanntwerden der Baupläne des SFB meine Ateliers angeboten. Insgesamt 5.000 Quadratmeter Nutzfläche. Man zeigte mir die kalte Schulter. »Wer kauft schon diese alte Spandauer Klamotte«, wurde mir bedeutet.

Nun, alt waren allenfalls die Garderoben der Schauspieler und die Büros. Die technische Ausrüstung dagegen war nicht veraltet. Um Spandau zu renovieren, hätte man vielleicht noch einmal 9 Millionen gebraucht. Das wären dann, nach oben abgerundet, 20 Millionen gewesen. Zwanzig und nicht siebzig!

Über die eingesparten Fünfzig wäre man heute, da auch das Fernsehen seine Krise genommen hat, mehr als zufrieden. Aber die Millionen waren ja kein privates Geld, sondern das Geld der Fernsehzuschauer, und wenn eine Behörde über so viel Geld verfügt, dann wird es auch ausgegeben.

Das wäre ja noch schöner. Sagte bereits Mr. Parkinson. Auch daß das neue Superding nie ausgelastet sein wird, weil zu groß, spielte keine Rolle.

Die »letzte Vorstellung« in Spandau bestand aus der Aufzeichnung einer Silvestershow für das ZDF. Sektkorken knallten, Konfetti wirbelte, Glocken läuteten, Gläser zerklirrten, drei Kapellen bliesen ihren Tusch, die Komparsen und die Stars schrien »Prosit Neujahr!«, und sie wünschten sich für die Zukunft alles, alles Gute.
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Die letzte Veranstaltung - eine makabre Unwirklichkeit

Ich stand in den Kulissen, und mir erschien alles von einer makabren Unwirklichkeit. Vor meinem geistigen Auge sah ich ein aufgeschlagenes Drehbuch.

Auf Seite 125 stand dort: »78. Innen. Im Atelier. Der Filmproduzent steht, halb verdeckt durch eine Säule, im Hintergrund und schaut auf die Szene, ohne etwas wahrzunehmen. Er schluckt, er zieht ein weißes Taschentuch heraus und wischt sich damit über die Stirn. Er zerknüllt das Taschentuch in der Hand. 79. Sein Gesicht kommt groß ins Bild. Die Lippen bewegen sich. Der Blick ist starr. 80. Langer Gang, beleuchtet von zwei nackten Birnen. Der Produzent geht den Gang hinunter. Sein Rücken ist gebeugt. Er verschwindet durch eine Tür mit der Aufschrift >Notausgang<.«
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»'ne dufte Beerdigung, Chef, wa?«

Bevor ich anfing sentimental zu werden, sah ich neben mir jemand stehen. Ich erkannte einen der Beleuchter. Es war einer meiner ältesten Mitarbeiter. Mit von der Partie seit der Stunde Null. Er räusperte sich und meinte, mit einer Kopfbewegung auf das Tohuwabohu an Trallala-Glückseligkeit-und-hoch-die-Tassen weisend: »'ne dufte Beerdigung, Chef, wa?«

Ich verließ die Halle und spazierte über das Gelände. Von der Insel Eiswerder her wehte ein kalter Wind. Ab und zu brach die Sonne durch und tauchte die kahlen Bäume in ein fahles Licht. Eine Schönheit war sie nie gewesen, meine Filmstadt.

Mit ihren kahlen Mauern, den roten Ziegeln, erinnerte sie immer ein wenig an Krieg und Kasernen, an das, wofür sie einmal gebaut worden war. Sie hat ihre Vergangenheit nie verleugnen können. Das tat der Liebe zum Kind allerdings keinen Abbruch. Denn wenn es auch kein schönes Kind war, so doch ein tüchtiges.
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Im Januar 1971 schloß ich die Studios bis auf eines.

Als Reserve. Falls es wieder losgehen sollte. Und zur Unterbringung der technischen Ausrüstung. Ich bekam Angebote, die Ateliers als Lagerschuppen zu vermieten. Für Kohl, Kohle oder Kartoffeln. Ach nein, lieber nicht. Noch nicht. Der Plan, das ganze Gelände in einen Vergnügungspark zu verwandeln, wie ihn Kopenhagen in seinem berühmten »Tivoli« besitzt, gefiel mir schon besser. Er scheiterte daran, daß wir nicht genügend große Parkplätze zur Verfügung stellen konnten.
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Ein Wohnzentrum als Alternative ?

Für ein Wohnzentrum wäre das Gelände geeignet, war aber nicht zugelassen. Es ist ausdrücklich für die Berliner Industrie reserviert. 100 DM für den Quadratmeter könnte ich erzielen bei einem Verkauf an eine der großen Firmen. Auch dazu konnte ich mich nicht entschließen. Es könnte ja eines Tages doch wieder losgehen. Auch wenn es nicht danach aussieht, daß die Lichter jemals wieder aufflammen werden. Aber ich war ja schon immer Optimist.

Und außerdem: Was da alles eingebaut ist an Kabeln, Transformatoren, Böden, Schallschutz - 10 Millionen sind es insgesamt, wie kann man so was einfach der Spitzhacke ausliefern. Ja, wenn es als Wohngebiet ausgewiesen wäre, dann ließe sich der doppelte Quadratmeterpreis erzielen . . . Mit dem Tod von Spandau hatte meine CCC jedoch nichts zu tun. Wir produzierten weiter. Zusammen mit unseren Copartnern. Und nicht mehr in Studios, in denen die ständig steigenden Löhne und Gehälter alles maßlos verteuerten, sondern an den Originalschauplätzen. Wir gingen auf die Straße. (In der Zwischenzeit zeichnet sich weltweit bereits wieder der Trend ab, in die Studios zurückzukehren.)
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Die alten Träume kommen zurück - selber Regie führen

Einmal im Leben möchte ich, ja, was möchte ich da, nun ich muß es einmal gestehen: Ich möchte selber Regie führen bei einem Film. Ich habe so vielen Regisseuren über die Schulter geschaut, und bei manchen habe ich gedacht: »Was macht der bloß, das muß man doch ganz anders machen.«

Nun hätte der Produzent Artur Brauner sich den Regisseur Artur Brauner längst holen können. Aber vielleicht fürchtete er insgeheim, daß er zu teuer werden würde, der Regisseur Brauner. Dabei hätte der Regisseur einen so guten Stoff, den er dem Produzenten schon immer vorschlagen wollte, ohne sich jemals getraut zu haben.
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Die Story : In einer Kleinstadt irgendwo in Europa.

Es ist die Geschichte eines jungen, etwa 14 Jahre alten Mädchens. Sie ist geistesschwach, debil (was nichts mit geisteskrank zu tun hat). Sie hat keine Eltern mehr, lebt in einer Kleinstadt, wo sie in einem Lebensmittelgeschäft die niedersten Arbeiten verrichtet. Sie ist ein rührendes Geschöpf, hilflos und hilfsbereit zugleich, zerbrechlich, zart, von einer morbiden Schönheit. Sie ist zu allen Menschen gleich liebenswürdig und wird von allen gleichermaßen ausgenutzt.
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Da sind die Männer der kleinen Stadt.

Sie gelten als tugendhaft, arbeitsam, ihren Frauen treu ergeben, Kirchgänger alle, küssen den Gattinnen der Honoratioren die Hand, sie sprechen von Achtung vor der Frau, dem schwachsinnigen Mädchen aber greifen sie unter den Rock.

Einer von ihnen »nimmt sie sich zur Brust«, wie er sich ausdrückt. Die anderen tun es ihm nach. Das Mädchen läßt alles mit sich geschehen. Sie wird schwanger. Der Arzt, der sie untersucht, stellt fest, daß sie den Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und Schwangerschaft gar nicht kennt.

Es kommt zu einem Skandal. Aber nicht die Männer sind schuld, sondern das Mädchen.
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Früher wurde das Mädchen als Hexe verbrannt

Wäre man noch im Mittelalter, würde man sie als Hexe verbrennen. Die Frauen der kleinen Stadt setzen es durch, daß sie in eine geschlossene Anstalt eingewiesen wird. Sie bringt dort ein Kind zur Welt, einen gesunden, normalen Jungen. Als er achtzehn geworden ist, erfährt er, was mit seiner Mutter geschehen war. Er beschließt, in die kleine Stadt zurückzukehren, um die Mutter zu rächen. Das ist keine erfundene Geschichte. Ich habe sie nur ausgeschmückt.

Sie ist wirklich geschehen. In einer Kleinstadt irgendwo in Europa. Die Zeitung, die in Form einer Meldung davon berichtete, liegt in meinem privaten Archiv.

Eines Tages werde ich diesen Film drehen . . .
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Das ist einer meiner Wünsche.

Viele habe ich sonst nicht mehr. Das hat nichts mit Resignation zu tun. Aber das Leben hat mir die meisten Wünsche erfüllt. Mein Beruf hat es mit sich gebracht, daß ich viele Menschen kennenlernen konnte. Interessante Menschen. Aus allen Ländern dieser Erde.

Ich habe immer versucht, von ihnen zu lernen. Ich erkannte bald, daß es kein besseres Lehrbuch gibt als das Schicksal des anderen. Man muß nur darin zu lesen verstehen. Mit dem Pfund, das mir »der da oben« als Startkapital anvertraut hat, glaube ich, gut gewirtschaftet zu haben.

Ich habe einiges von dem erreichen können, was ich wollte. In den Schoß gefallen ist mir nichts. Leichtgemacht hat man mir das Leben auch nicht. Man hat sogar ein paarmal versucht, es vorzeitig zu beenden. Trotzdem: ich beklage mich nicht. Ich bereue auch nichts.

Ich muß an Korczak denken.

Wie er 1942, im Jahr schrecklichster Not, seine Freunde zu sich einlud und mit ihnen Jörn Kippur feierte, den Tag der Versöhnung. Er kniete nieder und sagte:

»Dank dir, guter Gott, für die blühenden Wiesen und das Leuchten des Sonnenuntergangs, für den erquickenden Abendhauch nach einem heißen Tag voller Mühe und Arbeit. Guter Gott, der du alles so klug und weise ersonnen hast, daß die Blumen duften, die Glühwürmchen auf der Erde leuchten, die Sterne am Himmel funkeln.«

Korczak war dankbar. Ich bin es auch.

Und das ist sehr viel. Wer die Gabe hat, dankbar zu sein, kann nie unglücklich werden ...
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Nachsatz von Gert Redlich im Feb. 2026

Als Artur Brauner dieses sein Buch geschriebene hatte, war er 58 Jahre alt und hatte einen riesigen Erfolg zu verbuchen. Diese Geschichte ist im völlig zerstörten Berlin einmalig.

Obwohl ich 40 Jahre später mehrere Male mit unseren Fernseh-Requisiten in Berlin in den Havel-Studios und auf der Havel-Insel Eiswerder mit dabei war, hatte ich Herrn Brauner nie kennengelernt. Er war in "seinen" Studios auch nicht mehr aktiv mit seinen über 90 Jahren.

Es wäre ein sehr gehaltvoller und informativer Gedankenaustausch geworden.

Artur Brauner ist beinahe 101 Jahre alt geworden.

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