Artur Brauner's Biografie aus 1976
Artur Brauner's Traum war schon in jungen Jahren, Filmschauspieler zu werden oder einmal selbst Filme zu "machen" - und dieser Traum war so ähnlich wie bei dem Kollegen Will Tremper. Beide waren unter anderem ihre kreativen Ideengeber und ihre Produzenten. Beide hatten aber einen sehr unterschiedlichen Erfolg.
Artur Brauner war der taktische Kopf seiner CCC und hatte auch ein Händchen fürs Geld. Will Tremper hatte die fantastischen genialen Ideen und war darum fast immer kurz vor der Pleite. Beide hatten ihre Ideale und Prinzipien, die sie in ihren Filmen vermitteln und darstellen wollten und konnten und beide entdeckten hier bei uns in Deutschland West viele junge Talente. - Die einführende Seite steht hier.
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Sonja Ziemann verklagt mich - Grethe Weiser will mehr Geld und Hans Moser spielt Eisenbahn
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Das Jahr 1958 war der Start in eine neue große Karriere.
Von der Fassade des Festspielkinos in Venedig strahlte der Name Sonja Ziemann. In Leuchtschrift. Mit riesigen Lettern. Dem internationalen Publikum, das an diesem Abend in die Festspielpremiere strömte, sagte der Name wenig.
»Ziemann? Nie gehört«, war die einhellige Reaktion bei den Ausländern.
Am nächsten Tag war ihr Name in aller Munde - und die Biennale hatte ihre Sensation.
»Der achte Wochentag« war bei den verwöhnten Kritikern aus einem paar Dutzend Ländern glänzend angekommen. Über die Hauptdarstellerin schrieb die römische Tageszeitung »Messagero«: »Dieses junge deutsche Mädchen war, wie man erfuhr, bisher nur in Heimatfilmen und belanglosen Lustspielen tätig gewesen, um so verblüffender deshalb, mit welcher Meisterschaft sie den schwierigen Part der Studentin Agnieszka zu gestalten wußte. Zu registrieren blieb der Durchbruch eines starken dramatischen Talents!«
Für Sonja Ziemann bedeutete das Jahr 1958 den Start in eine neue große Karriere. Sie spielte von Stund an nur noch in anspruchsvollen Filmen wie »Hunde, wollt ihr ewig leben«, »Menschen im Hotel«, »Nacht über Gotenhafen«, »Strafbataillon 999«. Hollywoodstar Richard Widmark wurde auf sie aufmerksam und setzte sie in einem Film ein, bei dem er selbst Regie führte (»Geheime Wege«). Aus dem liebreizenden Schwarzwaldmädel entwickelte sich eine Charakterschauspielerin.
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Ein Brief mit einer Klageschrift über 50.000 DM
In Deutschland fand »Der achte Wochentag« ein erwartungsvolles Publikum. Um die guten Biennale-Kritiken für die Propaganda ausnützen zu können, brachten wir ihn um den 3., 4. September herum heraus. Ich freute mich schon auf das nächste Zusammentreffen mit Sonny. Sie gehörte längst zu den engsten Freunden unseres Hauses. Wenn sie uns besuchte, dann war jetzt selbstverständlich immer Marek Hlasko mit dabei.
Nun aber geschieht etwas Ungeheuerliches:
statt einer glückstrahlenden Sonja Ziemann, die ich in den Tagen nach der gelungenen deutschen Premiere erwarte, erscheint der Postbote mit einem Einschreibebrief. Vom Amtsgericht.
Der Brief enthält eine Klageschrift. Ich werde verklagt zur Zahlung von 50.000 DM Konventionalstrafe. Laut Vertrag hätte der Film »zu Saisonbeginn, am 1. September« herauskommen müssen. Das sei aber nicht geschehen. Unter der Rubrik »Kläger« stand vermerkt »ZFP - - - Ziemann-Film-Produktion«.
Ich gucke einmal, zweimal, ein Irrtum war nicht möglich. Ich rief Sonja an. »Das ist ein Witz, Sonny, wenn auch ein schlechter. Sag mir, daß das ein Witz ist.«
»Du, Artur, besprich das bitte alles mit dem Harry. Er ist schließlich mein Manager.«
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Die Klage nimmt ihren Lauf - zu meinen Gunsten .....
Harry Heidemann ist ihr Manager, weiß ich, aber schließlich hätte er nicht ohne ihr Einverständnis klagen können. Ich sage es ihr. Ich füge hinzu: »Wenn dein Harry solche Sachen macht, dann bremse ihn, du bist schließlich kein unmündiges Kind.«
Sie bremst ihn nicht. Die Klage nimmt ihren Lauf. Der Prozeßtermin wird anberaumt. In dieser Zeit, es waren vier Monate, habe ich keine Nacht mehr richtig schlafen können. Wenn man eine Freundschaft zerstampfen kann aus rein materiellen Gründen, aus Gründen, die noch dazu total unberechtigt sind, dann gibt es keine Freundschaft.
Und außerdem: Hatte sie vergessen, wem sie den Start zu ihrer neuen Karriere verdankte? Ich war enttäuscht, verbittert, glaubte an nichts mehr. Wie der Prozeß dann ausging, hat mich im Grunde gar nicht mehr interessiert.
Frau Ziemann verlor ihn mit Pauken und Trompeten ......
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Ich konnte das alles nicht so schnell und mal einfach vergessen.
Wir haben trotz dieser leidigen Geschichte später noch gelegentlich miteinander gefilmt. Aber das altvertraute Verhältnis stellte sich nicht wieder ein. Ich konnte einfach nicht vergessen.
Im Sommer 1973 flog ich nach Tel Aviv, zu den Dreharbeiten meines Korczak-Films. Auf dem Flugplatz in Frankfurt traf ich Sonja Ziemann. Sie hatte dasselbe Reiseziel wie ich. Wie zufällig setzten wir uns im Flugzeug nebeneinander.
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Sonja Ziemann war vom Schicksal so schwer gebeutelt, wir haben uns dann doch wieder versöhnt .....
Das Gespräch kam natürlich auf die alten Zeiten. Und lange bevor die Küste Israels in Sicht kam, waren wir wieder versöhnt. Warum soll man ewig nachtragen!
Noch dazu einer Frau, die soviel hatte durchmachen müssen wie Sonja. Ihre Ehe mit dem Strumpffabrikanten Hambach ging in die Brüche. Sie verlor Harry Heidemann, ihren Manager und Freund, durch einen Flugzeugunfall.
Marek Hlasko, die große Liebe ihres Lebens, er wurde eines Morgens tot in seinem Zimmer aufgefunden. Krank vor Sehnsucht nach seiner Heimat Polen, zerrissen von Haß und Liebe, zerrüttet durch Trunk und Tabletten, war er ein Mann, dem auf Erden nicht zu helfen war.
Wenige Monate später starb Sonjas Sohn Pierre, mit dem sie besonders innig verbunden war. Es geschah kurz vor seinem 17. Geburtstag, und die Todesnachricht wurde der Mutter übermittelt, als sie nach einer Theatervorstellung in ihre Garderobe zurückkehrte.
Wenn Sonja Ziemann in Berlin ist, führt sie ihr Weg zuerst zum Friedhof. Sie schmückt das Grab ihres Sohnes. Ich glaube, daß sie einen erheblichen Teil ihrer Theatergagen für diesen Blumenschmuck ausgibt. Manchmal besucht sie uns nachher.
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Nach so viel Erlebtem war sie innerlich zerbrochen
Dann dreht sich unsere Unterhaltung nur um einen Themenkreis: Gibt es ein Wiedersehen nach dem Tode? Kann man mit den Toten in Verbindung treten? Sonja glaubt daran. Und dieser Glaube ist es nicht zuletzt, der ihr dieses Leben noch als lebenswert erscheinen läßt.
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Für solche Fälle habe ich mein eigenes Kino - im Keller
Wissen Sie, was ich mache, wenn ich einmal ganz deprimiert bin? So richtig down, mißmutig, an mir selbst und an der Welt verzweifelnd ? Dann gehe ich ins Kino.
Und zwar in mein eigenes. Es liegt ja unter meinem Arbeitszimmer. Ich habe es also nicht weit. Außerdem habe ich stets ein dankbares Publikum um mich herum: meine Kinder und deren Freunde.
Die wittern es förmlich, wenn da unten ein Film läuft, und schon schwirren sie herbei wie die Wespen angesichts eines Streuselkuchens. Meine Filme sind für meine Kinder immer noch schöner als das schönste Fernsehen - Gott sei Dank.
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Grethe Weiser gehört dabei zu unseren Favoriten.
Über die können wir uns heute noch scheckig lachen. Sie war eine der ganz wenigen Schauspielerinnen, die so komisch waren, daß das Kinopublikum bereits bei der Nennung ihres Namens zu lachen anfing. Und ich habe
nie wieder so viele Menschen weinen sehen, als man sie auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof zu Grabe trug.
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»Braunerchen«, hat sie einmal zu mir gesagt, »ick liebe mein Publikum, und zwar ehrlich, nich' nur so aus Berechnung wie so viele andere. Und glauben Sie mir, das merken die Leute, die sind ja nich' doof.«
Sie fühlte sich als Berlinerin, die Grethe. Obwohl sie gar keine echte war, sondern nur »eine jelernte«. Sie war »an der Leine aufgewachsen«, in Hannover, wie sie gern kalauerte, und in Dresden groß geworden. Ihr größtes Glück war es, wenn die Berliner sie auf der Straße ansprachen, um ihr den neuesten Witz zu erzählen. Den bekam ich dann immer lebendfrisch serviert.
»Braunerchen, kennen Sie den? Hab' ich grade von einem Taxichauffeur. Also passen Sie auf: Kommt ein Westdeutscher nach Berlin, kauft sich bei einem Wurstmaxen am Kudamm 'ne Bockwurst, beißt rein, schreit >Aua! !<
Was ist los? Er hat auf 'ne Schraube gebissen. In stummer Anklage hält er dem Wurstmaxen die Schraube hin. Sagt der nach einem kurzen Blick . . ., also er sagt . . .« Kurz vor der Pointe fing die Grethe meist fürchterlich an zu lachen und konnte nicht weitersprechen.
»Also der sagt: >Ja, mein Herr, da könn' Se ma' wieder sehn, wie die Maschine überall det Pferd vadrängt.<« Selbst wenn der Witz auf ihre eigenen Kosten ging, pflegte sie ihn weiterzuerzählen.
Einmal kam sie nach Spandau zu spät ins Atelier. Sie hatte Ärger gehabt mit ihrem Wagen. Wollte in eine Nebenstraße einbiegen, obwohl gar keine da war. Dabei hatte sie einem anderen Auto eine Beule beigebracht.
»Wissen Sie, was der mir nachgerufen hat, Braunerchen?« Sie war noch etwas blaß von dem kleinen Zwischenfall, fing aber gleich wieder an zu kichern. »>Si ham wohl 'n Sprung im Triesel, Fräulein !< Hat er gerufen.«
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Grethe Weiser konnte gut verhandeln
So lustig sie privat sein konnte, so unnachgiebig war sie, wenn es um »die Mäuse« ging, wie sie das Geld nannte. Manchmal habe ich gestöhnt und gesagt: »Grethe, 60.000, ein stolzer Preis! Dabei ist es doch nur eine Nebenrolle, höchstens acht bis zehn Drehtage. Was soll denn da der Hauptdarsteller kriegen?« »Das ist Ihr Bier, Herr Brauner. Was mein Bier betrifft, so weiß ich, was ich kann. Ich bin gut, ich leiste was, ich bringe die Leute ins Kino. Das wissen Sie genausogut wie ich.«
Natürlich wußte ich es. Wie alle anderen Produzenten auch. Wer die Grethe für einen Lustspielfilm nicht bekommen konnte, wartete solange, bis sie frei war. Denn ohne sie mußte man mit fünfundzwanzig bis dreißig Prozent weniger Zuschauern rechnen. Auf diese Weise spielte sie in manchem Jahr sechs, sieben, acht Filme hintereinander.
Die Rollen wurden ihr auf den Leib geschrieben. Sie ging dann das fertige Drehbuch mit uns durch und machte Verbesserungsvorschläge, die wir todernst nahmen. Sie hatte nämlich ein untrügliches Gefühl für das, was ankam.
»Nee«, sagte sie in solchen Fällen, »das hier gibt im Leben keinen Lacher. Und wenn ihr die Leute vorher kitzelt. Ich kenn' doch mein Publikum, die sind von mir verwöhnt.«.
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Die dicksten Rosinen für sich aus dem Kuchen herauspicken
Und schon wurde die Passage umgeschrieben. Kritischer wurde es, wenn sie mit anderen Komikern zu spielen hatte. Mit Georg Thomalla zum Beispiel oder Ruth Stephan. Da versuchte sie, die besten Szenen für sich zu reservieren.
Aber das war ganz natürlich. Jeder Schauspieler wird immer bemüht sein, sich die dicksten Rosinen aus dem Kuchen herauszupicken. Ich erwähnte das bereits im Zusammenhang mit unseren großen Liebespaaren Schell/Fischer, Leuwerik/Borsche, Ziemann/Prack. So was gehört einfach zum Selbsterhaltungstrieb.
Bei Komikern ist er besonders stark entwickelt. Wenn bei sogenannten ernsten Darstellern die Leute schweigen, dann kann das Erschütterung sein. Wenn sie bei Komikern schweigen, sind sie bestimmt nicht erschüttert. Eher gelangweilt.
Und deshalb sind die Spaßmacher so sehr angewiesen auf ihre diversen »Lacher«.
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Der Unterschied zwischen Grethe Weiser und Hans Moser
Grethe Weiser war auch im Leben eine lustige Person. Hans Moser überhaupt nicht. Er war eher melancholisch, raunzte viel, wie auf wienerisch das Wort »meckern« heißt, und manchmal konnte es ihm auch gar keiner recht machen.
Eines jedoch hatte er mit der Weiser gemeinsam: er war, sagen wir mal, ein bißchen knickrig. Es gibt Schauspieler, die in ihren fetten Jahren genauso fett leben und für die hohe Kante nur einen verächtlichen Blick übrig haben. So war Gretl Theimer, umschwärmter Ufa-Star, die ihre letzten Lebensjahre als Bonbonverkäuferin fristete. An weiteren Beispielen mangelt es nicht.
Dann gibt es Schauspieler, die an etwas leiden, was der Psychiater »Verarmungsangst« nennt. Sie leben ständig in Erwartung irgendwelcher Katastrophen und tragen Groschen auf Groschen in ihren Bau wie der Hamster die Weizenkörner. Unsere Zeit hat ihnen, leider, oft recht gegeben ......
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Hans Moser hatte Bianca, seine Frau
Dabei hatte der Moser gar nichts zu fürchten. Denn er hatte Bianca. Bianca hieß seine Frau, und sie war, wie 4711, immer dabei. Bei Vertragsabschlüssen, bei Vorschußzahlungen, bei Drehbeginn und bei Drehschluß.
Ich möchte schwören, daß sie jetzt im Himmel neben ihm auf einer Wolke sitzt und ihm die Harfe stimmt. Selbstverständlich hat sie die Gage vorher mit dem Herrgott ausgehandelt.
1953 war es mir gelungen, Hans Moser für den Film »Der Onkel aus Amerika« zu engagieren, und es war mir von vornherein klar, daß ich auch Frau Mosers Spesen übernehmen mußte. Ein Moser ohne Bianca war ein halber Moser, und das konnte für niemanden gut sein.
Etwas erstaunter war ich, als er mich kurz nach seiner Ankunft in Berlin fragte: »Und was ist mit meiner Eisenbahn?« Er bemerkte mein verblüfftes Gesicht, fuchtelte mit seinen kurzen Armen und nuschelte: »Die Bahn, ich will eine Eisenbahn haben, eine elektrische, das wissen Sie doch, oder wollen Sie behaupten, daß Sie ......« »Herr Moser, also .....«, stammelte ich verwirrt. »Wenn ich die Bahn nicht, äh, kriege, dann ....., äh, gibt's keinen Film, nicht wahr?«
»Herr Moser, ich bin selbstverständlich bereit, Ihnen eine Eisenbahn zu kaufen.«
»Na, dann ist ja gut, ist es ja dann.« Er war sofort besänftigt, rief mir aber noch nach: »Aber nicht die billigste, bittschön, keinen Murks, es soll schon was taugen, und mit Akkumulatorentriebwagen, bittschön, Kreuzungsweichen, Drehscheiben, Vorsignalbalken und . . ., und Flügelschienen natürlich auch.«
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Eine elektrische Eisenbahnanlage für 3.500 DM
Ich ging in das teuerste Spielwarengeschäft am Kurfürstendamm, kaufte für 3.500 DM eine elektrische Eisenbahnanlage und ließ sie Hans Moser ins Hotel schicken. Als ich am anderen Morgen ins Atelier kam, traute ich meinen Augen nicht: Moser saß auf dem Fußboden seiner Garderobe, trug die Mütze eines Fahrdienstleiters und baute sein Bähnle auf.
Heiliger Strohsack! dachte ich, will er hier tatsächlich Eisenbahn spielen? Schließlich ist er schon 73.
Er wollte, hatte es schon immer gewollt, nur sein Geiz hatte ihn bis dato daran gehindert, sich selbst eine Huschbahn zu kaufen. Die Schienen begannen den Raum zu überwuchern wie Efeu. Wir mußten eine zweite Garderobe zur Verfügung stellen. In jeder drehfreien Stunde ließ er seine Züge fahren, bediente Stellwerke, Signalanlagen und rechnete die Anschlüsse aus.
Wenn der Regisseur ihn brauchte, pflegte der Aufnahmeleiter nach einem Besuch in Mosers Garderobe zu melden: »Sie möchten noch einen Moment warten, der D 112 ist gleich durch, und Kohle gebunkert ist auch schon.«
Eines Tages erschien Frau Bianca Moser bei mir im Büro. Sie war völlig aufgelöst und sagte: »Herr Brauner, Sie sind schuld daran, wenn unsere Ehe kaputt geht. Sie haben ihm die verflixte Eisenbahn geschenkt, und jetzt kennt er nur noch seine Loks und seine Waggons, und mich hat er völlig vergessen und . . .« Sie fing an zu schluchzen. »Neulich ist er sogar sonntags raus in seine Garderobe. Zum Spielen, Herr Brauner, zum Spielen! Nehmen Sie ihm die Eisenbahn wieder weg, oder ich zerschlage sie.«
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Moser ohne Eisenbahn ist wie ein FIlm ohne Moser
Hier war guter Rat teuer. Wenn ich ihm die Bahn wegnahm, würde er den Film abbrechen. So viel stand fest. Wir berieten hin und her, und schließlich kam uns ein genialer Einfall.
Der Henry, mein Ältester, damals sechs oder sieben Jahre alt, hatte öfters mit dem Onkel Moser zusammen gespielt (als Schrankenwärter), und so gingen wir also hin und Bianca sagte: »Du, Hansl, der kleine Brauner möcht' so gern die Eisenbahn haben. Willst du sie ihm nicht schenken? Es sind doch eh nur noch ein paar Drehtage. Und mitnehmen können wir sie ja doch nicht.«
Moser sah sie mit einem unaussprechlichen Blick an. Er strich mit der Hand zärtlich über einen Kühlwagen. Er rang mit sich. In diesem Moment ließen wir Henry herein.
»Onkel Moser, ich habe gehört, du schenkst mir die Eisenbahn«, jubelte er.
»Ja, also, wenn du ..... äh, wenn du sie willst, mein Bub, dann, nun ja . ......« Er streichelte meinem Sohn die Wangen, dann wandte er sich mit einem Ruck um und zischte mir zu: »Aber Sie, Sie schenken mir dafür eine Uhr, eine goldene, mit Datum und ......., und Automatik, bittschön.«
Und seitdem steht in unserem Keller eine große elektrische Eisenbahn, die wir die »Moserbahn« nennen . . .
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Die Probeme mit den Topstars, an der Gage lag es nicht
Ich habe es oft erlebt, daß nicht die Gage allein darüber entschied, ob man von einem Topstar die Vertragsunterschrift bekam oder nicht. Die wirklich großen Leute beim Film verdienten soviel Geld, bekamen solche astronomischen Angebote, daß es dann letztlich irgendwelche scheinbaren Nebensächlichkeiten waren, die über ihre Zusage entschieden.
Die Partnerfrage zum Beispiel spielte eine Rolle. Mit wem spiele ich? Es gibt in der Branche klassisch verkrachte Schauspieler, die einfach nicht miteinander können. Sie verabscheuen sich gründlich, und wenn X hört, daß Y mitspielt, schlägt er (oder sie) drei Kreuze und sagt: »Niemals!« Da hilft dann auch kein Hinweis darauf, wie fabelhaft der Regisseur ist, wie glänzend das Drehbuch und wie immens teuer der Film.
Bei anderen war es die Höhe der Tagesdiäten. Männer wie Omar Sharif, Orson Welles, James Mason, Stephen Boyd, die alle bei mir gespielt haben, waren an 1.000 Dollar pro Woche gewöhnt. Sie wollten leben wie Herrgott in Frankreich. Auf meine Kosten. Und auf Kosten der Steuer - denn Spesen mußten ja nicht versteuert werden. Das waren damals 4.200 DM (West) pro Woche, 600 DM pro Tag, und Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre mußte man sich noch ganz schön anstrengen, um so viel Geld nur für Wohnen, Essen, Vergnügen auszugeben.
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Wichtig war auch der Drehort .....
Der Drehort war auch wichtig für das Ja oder Nein zum Vertrag. Selbstverständlich drehten sie alle lieber in Hongkong oder Rio als in Przemysl oder Bitterfeld. Sie arbeiteten aber auch sehr gern in Berlin! Unsere Stadt, in der man bekanntlich Haare auf den Zähnen haben muß, um sich über Wasser zu halten, übte zu dieser Zeit eine starke Anziehungskraft aus.
Bei vielen galt sie als der interessanteste Platz der Welt mit einer einmaligen Atmosphäre. Neulich war ich in Rom zu Verhandlungen über eine Coproduktion. Auf der Piazza Navona lief ich Omar Sharif in die Arme. Er verschleppte mich in eine Bar und fing an, von Berlin zu schwärmen. Ich war richtig gerührt, weil ich spürte, daß hier nicht das übliche Schauspieler-Blabla gedroschen wurde.
»Eine Million zahlen die mir jetzt für einen Film«, sagte er. »Ich kann mir praktisch alles kaufen. Was ich mir aber nicht kaufen kann, das sind die Abende, die wir zusammen in Berlin verbracht haben. Himmel, diese Berliner und deine Leute, Artur, Menschen waren das, richtige Menschen.«
»Rom«, wandte ich ein, »ist ja auch nicht so übel.« Er winkte mit einer Handbewegung ab. »Hier laden sie dich entweder zum Essen ein, die Küche ist gut, aber verdammt einseitig, und sie hängt dir bald bis hierher, oder du gehst zu irgend 'ner Party, und da bist du eins-zwei-drei mitten drin in 'ner Orgie. Nein, nichts für mich!«
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Omar Sharif hatte Heimweh nach Berlin
Und er fragte mich, ob es die »Troika« noch gibt in Berlin, die »Mazurka«, und die wundervolle russische Sängerin und diesen göttlichen Zimbalspieler und das kesse Blumenmädchen und den Garderobier mit seinen duften Witzen. Zum Schluß hatte er richtig feuchte Augen vor lauter Heimweh nach 'n Kurfürstendamm.
»Weißt du noch, wie wir mit James Mason in der >Troika< waren, und die Frau Mason, die doch so ganz auf steif machte, englische Lady, upper class, vornehm-vornehm, wie die plötzlich auf die Pauke haute. Dabei hatte sie gar nichts getrunken. Die war einfach von der Luft besoffen. Wie wir alle.«
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- Anmerkung : Wir schreiben jetzt 2026 und ich erinnere mich an meine Freunde aus dem Bereich Fernsehen und Film, insbesondere an Günter Brähler aus Walluf am Rhein (Videotechnik Brähler) und Professor Hausdörfer aus Darmstadt (Bosch Fernseh GmbH), die noch lange über ihre "Weißt du noch-Freunde" sinnierten, die sie mit ihren um die 84 Jahren alle überlebt hatten.
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Er heißt Cary Grant .....
Einen Schauspieler gibt es allerdings, der an Berlin weniger gute Erinnerungen hat. Dabei war er auch zu einer Party bei mir eingeladen. Er heißt Cary Grant .....
Der hatte eines Tages aus Los Angeles bei mir angerufen und gesagt: »Ich komme zur Berlinale, Mr. Brauner, und würde Sie gern sehen.«
Ich sagte, er sei selbstverständlich mein Ehrengast, und bereitete eine Party für ihn vor. Schließlich weiß man, was man Hollywoods »grand old man« schuldig ist. In Berlin wimmelte es gerade von Prominenz, und so war es nicht schwer, eine illustre Gesellschaft zusammenzukriegen. De Sica war dabei, Kirk Douglas, Harald Lloyd, Lilli Palmer, Gustav Knuth, Peter van Eyck, Ruth Leuwerik, Dany Robin, der Präsident der amerikanischen Produzentenvereinigung, ein Mr. Johnson, und noch einige andere interessante Leute.
Gegen acht Uhr waren sie alle bei uns eingetrudelt. Wer nicht kam, war Mr. Grant.
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Mr. Grant wird gesucht
Ich telefonierte mit seinem Hotel, mit dem Flugplatz - keine Nachricht. Schließlich gingen wir zu Tisch. Zwischen Hummer äla americaine und Fasan klingelte das Telefon. »Mr. Brauner? Hier ist Grant. Ich bin in Paris steckengeblieben. Die streiken hier. Was nun?«
Ich telefonierte mit dem US-Hauptquartier in Berlin und bat um Hilfe.
»Sagen Sie ihm, er soll die Postmaschine der Airforce um zwanzig Uhr nehmen. Wir informieren unsere Leute in Le Bourget.« Die Amis waren die Hilfsbereitschaft selbst.
Ich rief wieder in Paris an und ließ mir meinen Ehrengast geben. »Wir kriegen Sie als Eilpaket«, sagte ich und informierte ihn über die Lage.
»Fein«, meinte Grant, »aber laßt noch was vom Kaviar übrig. Hier streikt nämlich auch das Restaurant. Habe einen Mordshunger.« Es wurde zehn, halbelf, elf, schließlich schlug es Mitternacht. Die Telefondrähte glühten. Die Postmaschine war in Paris gestartet, wieder gelandet, noch einmal gestartet, aber anscheinend nirgendwo angekommen. Zumindest nicht in Berlin-Tempelhof. Gegen ein Uhr gingen meine Gäste. Dieser Grant, der kam ja doch nicht, weiß der Teufel, wo der sich rumtrieb.
Ich fuhr mit in die City, wo wir alle noch zu einem Nightcup in der »Troika« landeten.
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Und Hedwig hatte ihn in der Nacht nicht reingelassen .....
Am anderen Morgen kam Hedwig zu mir, unsere Perle aus dem schönen Oberschlesien. Sie führte den Haushalt, war treu wie Gold und jederzeit bereit, sich für uns zerreißen zu lassen.
In ihrem zu Herzen gehenden Dialekt sagte sie zu mir: »Is jestern gekomm' und waren Sie jerade wech, noch so ein Mansch, der wo hat reingewollt, hab' ihm aber nicht gelassen. Da hat er geprüllt, ich bin der Herr Gant oder Kant, und daß er wird erwartet.«
Mir blieb die Frühstückssemmel im Halse stecken. »Weiter«, sagte ich heiser, »erzählen Sie weiter.«
»Und wenn Sie der Kaiser von China sind, hab' ich zurückgeprillt, Se komm' hier nicht mehr rein und sind meine Herrschaften auch gar nicht anwesend. Da hat er gemeint, ich soll ihm wenigstens etwas näher kommen lassen, durch dem Garten, damit daß ich sehe, wer er ist und so.«
»Haben Sie ihn - näherkommen lassen, Hedwig?« fragte ich matt. »Hab' ich nich, hab' ich gesagt: >Se wollen mir bloß verjewaltijen, die Sperenzchen kenn' ich von frieher. Da war auch mal so einer in meine Heimat in Kattowitz, Franzek hieß er, der wollte partout . . .<«
Ich raste ins »Hilton« und ließ mich bei Cary Grant melden. Ich stammelte Entschuldigungen. Er schnitt mir gleich das Wort ab. »Was, Mr. Brauner, hat es doch gestern bei Ihnen gegeben?« »Kaviar, Fasan, Hummer, weiße Trüffel, Lachs, Rentierschinken«, sagte ich wahrheitsgemäß.
Er reichte mir den Telefonhörer. »Bitte bestellen Sie. Ich habe zwar schon gefrühstückt, aber ein paar solche Kleinigkeiten schaff' ich schon noch.«
Beim Dessert meinte er dann: »Ihre Hedwig, ich glaube, das ist die einzige Frau auf der ganzen Welt, auf die Cary Grant keinen Eindruck gemacht hat . . .«
Und er goß sich noch was Champagner nach, Veuve Cliquot, Jahrgang 49, brut. Auf meine Kosten . . .

