Sie sind hier : Startseite →  Film-Historie 1→  Artur Brauner - Mein Leben→  Artur Brauner Biografie 1976-09
Yvonne de Carlo, die schönste Frau der Welt und ich

Artur Brauner's Biografie aus 1976

Artur Brauner's Traum war schon in jungen Jahren, Filmschauspieler zu werden oder einmal selbst Filme zu "machen" - und dieser Traum war so ähnlich wie bei dem Kollegen Will Tremper. Beide waren unter anderem ihre kreativen Ideengeber und ihre Produzenten. Beide hatten aber einen sehr unterschiedlichen Erfolg.
Artur Brauner war der taktische Kopf seiner CCC und hatte auch ein Händchen fürs Geld. Will Tremper hatte die fantastischen genialen Ideen und war darum fast immer kurz vor der Pleite. Beide hatten ihre Ideale und Prinzipien, die sie in ihren Filmen vermitteln und darstellen wollten und konnten und beide entdeckten hier bei uns in Deutschland West viele junge Talente. - Die einführende Seite steht hier.

.

Sophia Lorens Paradiesvogel oder die verpaßte Chance

.

1954. Berliner Filmball im »Prälaten«.

Dieser Ball war, im Gegensatz zu heute, ein großes gesellschaftliches Ereignis, das seine Schatten Monate vorauswarf. Wer keine Einladung bekommen hatte, spielte mit dem Gedanken auszuwandern. Was in der Branche Rang und Namen hatte, kam angereist: aus Deutschland, aus Frankreich, aus Italien, England, ja sogar aus den USA. Jeder Ball glich einem lebenden Who-is-who der Filmbranche.

An meinem Tisch saßen an diesem Tag der Regisseur Vittorio de Sica und Gina Lollobrigida. De Sica hatte mit der Lollo zwei Filme gemacht, von denen die Welt sprach: »Liebe, Brot und Phantasie« und »Liebe, Brot und Eifersucht«. Beide spielten sie im typisch italienischen Milieu.

Sie waren so ungeheuer italienisch, daß man sich über den Welterfolg eigentlich nur wundern konnte. Aber Meister Vittorio war es gelungen, das Besondere ins Allgemeingültige zu heben.

Kirk Douglas war der Vierte im Bunde. Er hatte gerade seinen »Odysseus« abgedreht und sprühte vor Lebenslust nach den monatelangen harten Dreharbeiten an den Küsten des Mittelmeers. Yssur Danielowitsch Demskij, wie der von russischen Eltern abstammende Douglas eigentlich heißt, sang fröhliche Lieder.
.

Das war in Schöneberg im Monat Mai

Darunter Walter Kollos Evergreen »Das war in Schöneberg im Monat Mai, ein kleines Mädelchen war auch dabei«. Schließlich liegt der »Prälat« in Schöneberg, und Kirk spricht ein passables Deutsch.

Bei der Zeile »Ich hab' sie gern geküßt, im Monat Mai« brach er plötzlich ab und stieß mich mit dem Ellbogen an. »Oh, what a swell party«, sagte er, »Himmel, was für ein piekfeines Fest. Wen hast du denn da eingeladen, Arturchen?«

Ich folgte seinem Blick und sah ein Mädchen, das bei der Verteilung der Körpergrößen zweimal »hier« gerufen haben mußte. Sie hatte ein ausgesprochenes Gardemaß und wirkte noch größer durch die turmartig frisierten Haare, die außerdem brandrot waren.

Auf der Spitze des Turmes hockte ein Paradiesvogel, der bei der kleinsten Bewegung seiner Trägerin mit dem Schwanz wippte. »Artur«, prustete Kirk Douglas, »die solltest du dir nicht entgehen lassen. Siebenjahresvertrag ist das mindeste, mit 'ner Option für weitere sieben. Vielleicht kannst du sie als Rotkäppchen einsetzen, aber, bitte, dann laß mich den Wolf spielen.«
.

Friedrich Mainz angelte sich Sophia Loren

Die Kapelle intonierte einen Boogie. Der Herr, der neben unserer Walküre saß, verbeugte sich und bat sie zum Tanz. Ich erkannte Friedrich Mainz, den Filmproduzenten, und wie sich herausstellen sollte, war er es, der sie zum Ball mitgebracht hatte.

Nun, ich bin auch gerade kein Riese, aber Kollege Mainz liegt noch ein paar Zentimeter unter mir. Sein Kopf reichte gerade bis zum Busen seiner Tänzerin. Ein Anblick, der Douglas zu neuen Bonmots inspirierte.

Auch de Sica und die Lollo waren inzwischen aufmerksam geworden, und wenn es vielleicht nicht ganz vornehm ist, sich über die Körpergröße oder die Körper-»kleine« anderer Menschen zu amüsieren, auch Vittorio und Gina konnten sich das Lachen nicht verbeißen.

Dafür sorgte schon der beim Boogie-Woogie besonders heftig wippende Paradiesvogel. Inzwischen hatte man die Fotografen losgelassen. Sie stürzten sich wie die Löwen auf die reichlich vorhandene Prominenz. Blitzlichtgewitter an allen Ecken. Es klickte, klackte, schnurrte, rasselte.
.

Die Dame in Rot

Dabei machte ich eine interessante Beobachtung: Dort, wo die Blitze am heftigsten flammten, wo also die prominenteste Prominenz saß, tauchte auch die Dame in Rot auf. Sie lächelte mit O. W. Fischer, strahlte mit Maria Schell, grinste spitzbübisch mit Lilo Pulver, blickte bedeutungsvoll mit Dieter Borsche, kicherte mit Martine Carol.

Nun ist es ein alter Trick aller Möchtegern-Sternchen, sich in die Nähe der Arrivierten zu drängeln, um mit ihnen gemeinsam abgelichtet zu werden. Sie kalkulieren dabei so: Wenn der Bildredakteur das Foto veröffentlicht, wird er den Fotografen fragen: »Wie heißt'n die da?«

So kann es zu Bildunterschriften kommen vom Typ: »Curd Jürgens amüsierte sich mit Simone Signoret auf dem Berliner Filmball offensichtlich glänzend. Im Hintergrund links Tanja Ypsilon, ein vielversprechendes Talent.«

Die Dame in Rot allerdings schien eine »Meisterdränglerin« zu sein. Ich hatte den Eindruck, daß sie an diesem Abend auf sämtlichen Fotos drauf war, die überhaupt geschossen wurden. Schließlich tauchte sie auch an unserem Tisch auf. Selbstverständlich zusammen mit den Fotografen.
.

Una Napolitana. Sie stammt aus Neapel ......

Sie wechselte sogar ein paar Worte mit de Sica. Auf italienisch. Der Lollo versuchte sie die Hand zu geben. Gina schaute durch sie hindurch. Da konnte ja jede kommen.

»Eine Landsmännin?« fragte ich Vittorio. »Si, si. Una Napolitana. Sie stammt aus Neapel und hat schon ein paar kleine Rollen gehabt.« Er lächelte. »Wenn sie so viel kann, wie sie Ehrgeiz hat, wird sie mal ganz groß.

>Ich will Weltstar werden<, hat sie zu mir gesagt, >und ich werde ein Weltstar !<« »Wie heißt sie denn?« fragte ich nun doch etwas interessiert. »Scicolone (gesprochen Tschikkolone), Sophia Scicolone. Jetzt nennt sie sich allerdings Loren.«

Hätte ich doch bloß auf Kirk Douglas gehört

Wie oft habe ich später geseufzt, wenn ich die zauberhaften Fotos von Sophia Loren sah: »Ach, hätte ich doch bloß auf Kirk Douglas gehört . . .«
Aus einem häßlichen Entlein war ein schöner Schwan geworden, aus einem unbekannten Starlet ein Weltstar. Das Beispiel Sophia Loren beweist, daß jede Frau die Möglichkeit hat, etwas aus sich zu machen.

Das ist das Herrliche an unserer vielgescholtenen Zeit: es gibt keine häßlichen Frauen oder Mädchen mehr, kann sie gar nicht geben, weil die so unwahrscheinlich variable Mode jeden Typ zu seinem (schönen) Recht kommen läßt.

Friseure und Kosmetiker wirken wahre Wunder. Selbst eine Brille kann sexy sein, wenn sie die richtige Form hat. Und wem seine Nase nicht paßt, der macht es wie die Knef: Er läßt sich eine neue anpassen.
.

Mein kleiner Sohn Sammy kommt herein

»Pappi, störe ich?« Die Tür wird aufgerissen, und Sammy kommt herein. Er trägt ein Transistorgerät am Handgelenk. Er hat es auf volle Lautstärke gestellt. »Wie oft muß ich dir sagen, du sollst anklopfen.« Ich versuche, seine Musik zu überschreien.

Er brüllt zurück: »Klopf, klopf!« und pocht sich mit dem Handknöchel gegen den Kopf. Er stellt den Apparat auf Zimmerlautstärke, aber nur um mir möglichst deutlich mitzuteilen, daß er noch 25 Mark kriegt.

Er hat neulich die erste Filmrolle seines Lebens gespielt. Als Waisenkind in meinem Film »Sie sind frei, Dr. Korczak«. 1 Drehtag = 25,- DM war seine Gage.

Ein Reporter hatte ihn draußen am Görlitzer Bahnhof, wo ein Teil der Außenaufnahmen stattfand, gefragt: »Na, willst du auch mal Schauspieler werden?«

Sammy hatte geantwortet: »Nööö, das ist doof, da muß man ja immer so lange warten. Und immer dasselbe machen.« Vorläufig hat er genug von der Filmerei.
.

»Was ist Erfolg?« meinte Frank Sinatra

Seine Mutter ist einverstanden damit. Sie möchte ja ohnehin nicht, daß eines ihrer vier Kinder einmal »die Filmstarlaufbahn einschlägt«.

Sie ist zu oft damit konfrontiert worden, wie erbarmungslos hart dieser Beruf ist. Sie hat die gnadenlose Jagd nach den Rollen erlebt, die Verzweiflung, ohne Engagement zu sein, die Bitternis, schlechte Kritiken zu kriegen, die verzehrende Eifersucht auf die erfolgreichen Kollegen - diese ganze Scheinwelt, in der man liebt und haßt, schmeichelt und belügt, und in der alle, alle davon überzeugt sind, daß sie, nur sie allein die Größten sind.

»Der Beruf des Schriftstellers ist eine Berufung zum Unglücklichsein«, hat Ernest Hemingway einmal gesagt.

Ich weiß nicht, wie weit das stimmt, aber was die Schauspielerei betrifft, so ist dieses Wort nicht ganz falsch. Zufriedenheit gibt es hier jedenfalls nicht. »Was ist Erfolg?« meinte Frank Sinatra einmal zu mir. »Ich will es dir sagen, weil ich da meine Erfahrungen habe. Erfolg ist wie ein bunter Luftballon unter Kindern mit spitzen Nadeln.«
.

Ein Irrwitz ist, wenn Schauspieler stempeln gehen müssen

Aber alle Warnungen von berufener Seite haben nie etwas genützt. Die Schauspielschulen in Deutschland sind nach wie vor überfüllt. Vor allem junge Mädchen klopfen Jahr für Jahr karrierelüstern an ihre Pforten. Sie bestreiten zwei Drittel der Schülerschaft.

Was ein Irrwitz ist, wenn man bedenkt, daß die meisten Rollen bei Film und Fernsehen für Männer geschrieben werden. Allein in München gibt es, so habe ich mir sagen lassen, über dreitausend registrierte Darsteller, die beschäftigungslos sind.

Und arrivierte Schauspielerinnen wie Eva-Ingeburg Scholz, Eva Pflug, Hanne Wieder, Ingrid van Bergen bekennen freimütig, daß sie zwischen ihren Engagements stempeln gehen müssen.

  • Anmerkung : Bei unseren Beteiligungen bei den Fernseh-Requisiten bei Filmdrehs in Berlin und Babelsberg habe ich beim Mittagstisch viel zu oft von den Nöten selbst der Hauptdarsteller gehört, wenn dann mal wieder 3 Monate Pause war und das Arbeitsamt ran mußte.


Das beweist nur, wie gefährdet man in diesem Beruf auch dann ist, wenn man glaubt, sich endlich durchgesetzt zu haben.
.

Über die Karriere eines Filmschauspielers - die Wahrheit

Wie überhaupt die Karriere eines Filmschauspielers nie stur geradeaus verläuft, sondern in einem Auf und Ab. Um diese Berg- und Talfahrt durchhalten zu können, auf dem Gipfel nicht schwindlig zu werden und auf der Talsohle nicht schwermütig, dazu bedarf es großer Vitalität und eiserner Nerven.

Ein Musterbeispiel für eine Karriere mit all ihren Höhen und Tiefen ist für mich immer die von Sonja Ziemann. Die liebe Sonny, die ich sehr gern gehabt, mit der ich viele Filme gemacht habe, die mich dann so tief enttäuschen sollte . . .
.

Sonja Ziemann - die liebe Sonny

1946 war es, als ich ihr zum erstenmal begegnete: im Metropol-Theater im Berliner Norden. Dort wurden Revuen und Operetten gespielt. Bei einer meiner Talent-Suchexpeditionen landete ich eines Abends dort und sah mir die von der Presse vielgelobte Aufführung von Friedrich Schröders »Hochzeitsnacht im Paradies« an.

Die Aufführungwar tatsächlich nicht schlecht, aber noch besser war ein junges Mädchen, das eine hübsche Stimme hatte, ein reizvolles Gesicht und eine Menge Temperament.

In der Pause drang ich in die Garderobe des Fräulein Ziemann ein. Ihren Namen hatte ich inzwischen aus dem Programmheft erfahren. Ich präsentierte mich stolz als jüngster Filmproduzent Deutschlands, und Sonja Ziemann meinte schlagfertig: »Dann sind Sie hier genau richtig.«

Als Schülerin von Tatjana Gsovsky hatte sie mit 15 Jahren ihr Bühnendebüt gehabt und später ein paar kleine Filmrollen übernommen.
.

Der erste westdeutsche Nachkriegsfilm »Sag die Wahrheit«

Sie spielte dann in dem ersten westdeutschen Nachkriegsfilm »Sag die Wahrheit«. Die Rolle, die sie darin verkörperte, war nicht umwerfend groß, aber der Streifen war ein geschäftlicher Erfolg, und so hatte sie einen guten Start.

»Sag die Wahrheit« war, wie Sie sich erinnern werden, auch mein erster Film, das heißt, ich hatte mich mit Hilfe des Pelzes meiner Schwiegermutter an den Produktionskosten beteiligt.

Wir verpflichteten Sonja Ziemann auch für mein nächstes Projekt: »Herzkönig«. Wieder kam sie beim Publikum gut an. Bald wurde sie von allen nur »Sonny« genannt. Selten war ein Spitzname so treffend gewählt:

Sie hatte tatsächlich etwas Strahlendes, die kleine Berlinerin, etwas Sonniges, und war meist glänzender Laune. Voller Stolz zeigte sie mir einmal während einer Drehpause in den Tempelhofer Ateliers das Poesiealbum aus ihrer Backfischzeit.

Als sie als Balletteuse über die Bühne der »Plaza« hoppelte, war eines Tages Paul Lincke zu ihr in die Garderobe gekommen. »Haste wat zu schreiben da, Meechen?« hatte der Operettenkönig gefragt. Sie hatte ihm, feuerrot vor Eifer, ihr Poesiealbum gereicht, und Lincke hatte ihr den schönen Vers hineingeschrieben:

  • »Ick wünsche Dir (und tu es jern),
  • daß Du mal wirst een jrosser Stern.
  • Und glücklich-froh und hochberiehmt,
  • wie sich das für 'ne Ziemann ziemt.«

.

Schon 1950 hatte sie schon den ersten »Bambi«

Sonny hatte sich ziemlich beeilt, diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Schon 1950 hatte sie den »Bambi«, eine Art Westentaschen-»Oscar«, auf dem Spind stehen. Mit dem »Schwarzwaldmädel« und »Grün ist die Heide« wurde sie zum Idol eines Publikums, das vor den Erinnerungen an die Schrecken des Krieges in die Idylle geflüchtet war.

  • Anmerkung : Hier ist es recht genau und treffend formuliert, der völlig irre Erfolg der Kinos (in ganz West-Europa) nach der Katastrophe vom April 1945


Das heißt, die Leute wollten sich im Kino ein paar schöne Stunden machen und nicht wieder mit neuen Problemen konfrontiert werden. Das gefiel zwar den Kritikern gar nicht, und auf der Suche nach den Ursachen für diese »Geschmacksverwirrung« schoben sie den Filmproduzenten die Schuld in die Schuhe. Aber an den Tatsachen änderte das nichts: die Menschen waren nun mal so.

Selbst Ilse Kubaschewski, meine alte Freundin, war bereit zuzugeben, daß sie »Grün ist die Heide« zehnmal gesehen habe und zehnmal dabei weinen mußte. Woraufhin ihr böse Zungen nachsagten, daß es sich dabei um Freudentränen gehandelt haben müsse, denn die »Heide« spielte x-Millionen ein und die Ilse hatte sie im Verleih.
.
Jedenfalls haben sie alle ein gutes Stück Geld verdient an Sonja Ziemann. Mich eingeschlossen. Auch Sonny konnte sich einiges auf die hohe Kante legen. Für »Schwarzwaldmädel« kassierte sie 15.000 DM. - Das waren 1950 noch sehr harte D-Mark, wenn diese Gage auch in keiner Relation zum Einspielergebnis stand.
.

Harry Heidemann war jetzt Sonnys Manager und Zweit-Mann

Bei mir spielte sie dann die »Privatsekretärin«, »Meine Schwester und ich«, »Der Zarewitsch«, »Das Bad auf der Tenne«. Bei den Aufnahmen zu diesem Film hatte ich den ersten Zusammenstoß mit Sonja, präziser ausgedrückt, mit ihrem Manager. Da gab es eine Szene, in der das Bauernmädchen Antje (Sonja Ziemann) in einen Badezuber zu steigen hatte. Da man im allgemeinen ohne Kleider zu baden pflegt, hatte der Drehbuchautor vorgeschrieben: »293. Scheunentenne. Antje steigt vorsichtig in den Zuber. Man sieht dabei ihren nackten Rücken und einen kleinen Teil ihres verlängerten Rückens.«

Vorsichtshalber hatte ich angeordnet, diese Szene mit einem Double zu drehen. Der Rücken, den das Publikum zu sehen bekommen würde, war also gar nicht Sonnys Rücken. Als die Szene geprobt wurde, erschien plötzlich Harry Heidemann. Harry war nicht nur Sonnys Manager, sondern auch der Mann, mit dem sie nach der Scheidung von dem Strumpffabrikanten Hambach zusammenlebte. Harry nun sagte: »Das kann ich nicht gestatten, daß Frau Ziemanns nackter Rücken im Film erscheint.«

Ich wandte ein, daß es gar nicht Frau Ziemanns Rücken sei, sondern der einer Schauspielerin, die ihren Rücken Frau Ziemann für die Szene pumpe.
»Die Leute im Kino«, meinte Herr Heidemann nicht ohne Logik, »müssen aber annehmen, daß es Frau Ziemanns Rücken ist. Sie können ja nicht wissen, daß es der Rücken einer anderen Schauspielerin ist.«

Na, was soll ich sagen, es war ein Streit um den Rücken, ich glaube es ging drei, vier Tage hin und her, und was so was kostet, wissen Sie inzwischen. Jedenfalls war es der teuerste Rücken meines Lebens, und es ist kein Wunder, daß Filmproduzenten die höchste Sterblichkeitsquote aufweisen.

Selbstverständlich haben wir es mit dem Rücken so gemacht, wie wir es wollten. Das ging ja nicht, daß einer daherkommt und uns verbietet, einen fremden Rücken zu nehmen. Im Grunde eine rührende Geschichte, wenn man daran denkt, was uns heute so auf der Leinwand geboten wird, an Hinter-Rücken und Vorder-Rücken.
.

Die Welle der Heimatfilme lief eines Tages aus .....

Die Welle der Heimatfilme lief, wie alle Wellen, eines Tages aus. Sonja selbst war nicht böse darüber. Sie hatte diese Art von Filmen längst satt. Immer häufiger kam sie zu mir und sagte: »Artur, ich will endlich mal etwas Seriöseres spielen, eine Charakterrolle, eine Rolle, in der ich zeigen kann, daß ich mehr bin als nur das Schwarzwaldmädel-Trallala.«

Ich versprach es ihr und hatte bald Gelegenheit, mein Versprechen einzulösen. Der polnische Regisseur Aleksander Ford besuchte mich und schlug mir eine deutsch-polnische Coproduktion vor.

Er hatte auch gleich einen Stoff dabei: »Der achte Wochentag«, die bittersüße Geschichte eines jungen Paares, das ein Zimmer sucht, um zum erstenmal miteinander schlafen zu können, und schließlich in der Bettenabteilung eines nächtlichen Warenhauses landet.

Ford, ein international renommierter Regisseur, fragte mich: »Für die weibliche Hauptrolle hätte ich gern eine deutsche Schauspielerin. Können Sie mir jemand vorschlagen?«

»Ja«, sagte ich spontan, »das kann ich: Sonja Ziemann!« »Ziemann, Ziemann«, meinte Ford, »die hat doch immer nur in euren Heimatfilmen gespielt. Die kann doch so was nicht. Das ist schließlich ein ernsthafter, dramatischer Stoff.«

»Frau Ziemann kann das«, sagte ich fest. »Verlassen Sie sich darauf.« Ford machte Probeaufnahmen von der Sonny. Als ihm die Aufnahmen vorgeführt wurden, meinte er: »Ich glaube, Sie haben recht, Herr Brauner.«
.

Wir machten Vertrag.

Sonny bekam 5o.ooo DM und 12,5 Prozent Beteiligung am Einspielergebnis. Ein guter Vertrag. Ihr "Manager" bestand außerdem darauf, daß der Film bei einem großen deutschen Verleih zum Beginn der Kinosaison, am 1. September, herauszukommen habe. Sollte ich diesen Termin nicht einhalten, wären 50.000 DM Konventionalstrafe fällig. »Einverstanden«, meinte ich und dachte mir nichts Böses dabei. Sonja ging nach Warschau und Breslau und begann mit den sich über vier Monate hinziehenden Dreharbeiten. Sie lernte dabei den Autor der Novelle »Der achte Wochentag« kennen, Marek Hlasko.
.

Dann Platze eine "Bombe"

Und jetzt geschieht etwas, was in Deutschland wie eine Bombe einschlägt: Sonja Ziemann und Marek Hlasko verlieben sich unsterblich ineinander. Sonja und Marek, ein ungleicheres Paar läßt sich nicht denken: das behütete, sonnige, strahlende Kind aus dem Wirtschaftswunderland und der düstere, zornige Dichter, ein Mann, der aus dem Elend kam, Sprecher einer verratenen Generation, Hoffnung der jungen polnischen Schriftstellergarde.

Hinzu kommt: sie spricht nur Deutsch und Englisch, er spricht nur Polnisch und Russisch. Aber dem kleinen Gott namens Amor waren solche Dinge schon immer höchst schnuppe, wenn es galt, zwei Menschen in Liebe entflammen zu lassen, und Sonja gestand mir bei einem Besuch in Warschau: »Ich habe nie gewußt, wie wenig die Sprache bedeutet, wenn man verliebt ist!«

Wenn Sonja in den Drehpausen nach Berlin kam, dann verging kein Tag, an dem nicht ein, zwei Briefe von Marek eintrafen. Sie kam dann zu uns hinaus in den Grunewald und sagte zu meiner Frau: »Maria, bitte, übersetze.«

Meine Frau übersetzte die (polnischen) Briefe, und Sonja diktierte ihr die Antworten, die dann auch übersetzt werden mußten. Maria war damals Deutschlands meistbeschäftigte Liebesdolmetscherin.
.

Der Film war inzwischen fertig geworden.

Aleksander Ford war von der Sonny so begeistert, daß er mir immer wieder versicherte: »Ein Glück, daß ich damals auf Sie gehört habe. Das ist ja eine ganz große dramatische Schauspielerin, diese Ziemann.«

Genau diese Meinung vertrat auch die internationale Kritik, als der Film 1958 auf der Biennale in Venedig herauskam. Mit dieser glänzenden Publicity im Hintergrund starteten wir den Film in den ersten Septembertagen in Deutschland. Die bittersten, enttäuschendsten Erfahrungen meines Lebens sollten beginnen . . .
.

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2006 / 2026 - Deutsches Fernsehmuseum Filzbaden - Copyright by Dipl.-Ing. Gert Redlich - DSGVO - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - Tag und Nacht, und kostenlos natürlich.